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M 39.

ijreltag den 17. Februar 191t

38. Jahrgang.

* fuldaer U Zeitung «

2. Blatt.

vnrck und Verlag der ZiUdaer 8ditnhr*dtrti in Snlba

Deutsches Reich.

* Zwei Seelen wohnen och in meiner Brust". Herr Geheimrat Professor Dr. Rießer, schrieb ein als wertvoll anerkanntes Buch über die „Deutschen Großbanken und ihre Konzentration im Zusammenhangs mit der Entwickelung der Gesamtwirtschast in Deutschland". Von diesem Buche erschien vor einiger Zeit die dritte völlig umgearbeitete Auflage (Jena»Fischer, 1910). Darin heißt es auf Seite 149:

Was die neuesten Handelsverträge an- geht, so bieten sie jedenfalls insoweit einen von allen Ständen zu begrüßenden und allen zugute kommenden Vorteil, als sie der Landwirtschaft hie von ihr verlangte und in vielen Richtungen und Landesterlen sicher dringend notwendig ge- weiene Hilfe und Stütze nach außen zuteil werden kaffen. Sie haben sie dadurch zugleich in den Stand gesetzt, insbesondere durch Ausbau des landwirtschast- lichen Kredit- und Genossenschaftswesens, die alte im Nationalen Interesse aufs dringendste zu wünschende Blüte wiederzuerlangen und die Not­wendigkeit auswärtiger Getreidezufnhren immer mehr zu vermindern.

Nun ist aber im gleichen Jahre 1910 Herr Dr. Rießer Präsident des HansabundeS geworden. Und es ist derselbe Herr Dr. Rießer, der seine Unterschrift unter em von diesem Bunde herausgegebenes Flugblatt setzte, das ganz nach sozialdemokratischer Mode gegen die Land­wirtschaft hetzte und ihre Bedeutung aufs tiefste heruntersetzte. Und es mar derselbe Herr Dr. Rießer, der in einem andern Flugblatte seines HansabundeS schreiben ließ:

Schutzlos standen Gewerbetreibende, Kaufleute und Industrielle bisher den jahraus, jahrein eintretenden schweren Schädigungen gegenüber, mit denen fortgesetzt gewerbefeindliche, von Unverstand oder Eigennutz diktierte Maßregeln der Gesetzgebung und Verwaltung jeden einzelnen Kausmann und jeden einzelnen Industriellen entrechteten und be­lasteten. Die gegenwärtige Wirtschaftspolitik mißachte die Interessen von Gewerbe, Handel und Industrie in ehern Zweige der Gesetzgebung und Ver­waltung.

Frage: Wie reimt sich das alles zusammen?!

* Kommunalwahlen und Politik. Zu diesem Thema äußerle sich die von dem Abg. Naumann herausgegebene linksliberale Wochenschrift,Die Hilfe" (1910, 9tr. 52) wie folgt:

„Die Meinung, daß Politik mit Kommunalwahlen nichts zu tun habe, ja, nichts zu tun haben dürft, ift noch in vielen liberalen Kommunalvereinen vorherrschend. „Nur keine Politik im Ra! hau sei" rufen die „unpotiti- schen" Führer in den kommunalen Organisationen, wir haben schon „genug Stoff zu Zank und Streit, auch ohne Politik". Allerdings, wenn man diese Frage lediglich vorn Standpunkte der Friedfertigkeit aus be­urteilen wollte, müßte man tue Politik verbannen. Aber sind wir nicht auch in Reichspolitik und in der Landespolitik nach parteipolitischen Gesichtspunkten tätig, obwohl auch dort selbstverständlich die Ausschal­tung jeglicher Parteipolitik viel mehr Ruhe und Ge­mütlichkeit bedeuten würde? Oeffentlich tätig sein heißt kämpfen, nicht ruhen und rosten. Aber abgesehen hier­von sollte man doch bedenken, daß besonders auch in den Großstädten vielfach die Sozialdemokratie die Reichstaosmandale in absolut festen Händen hat; wenn hier die Liberalen auch in der Kammnalpotitik sich noch freiwillig ausschalten, so bleibt ihnen überhaupt keine Möglichkeit mehr, ihre Truppen im Wahlfeuer zu exer zieren, sie dauernd zusaininenzuhalien, für Kampf und Erfolg zu inleressieren. Schließlich muß aber auch noch eine fachliche Erwägung maßgebend sein, die kürzlich von einem Natwnalliberalen, Dr. von Broecker, in folgender Weise ausgedrückt wurde (in der Ham­burger Halbmonatsschrift Elbwart I, Nr. 1 — vgl. Kommunalpolitische Blätter 1910, iSp. 7): „Kommunal- politische Fragen sind politische Fragen. Wo der politUche Einschlag fehlt, da mag es sich um Fragen der reinen Zweckmäßigkeit, der Rivalität der einzelnen Stadtteile, des Geschmacks oder der Unzulänglichkeit der Mittel, um Personalien oder sonst etwas handeln, aber Kommunalvolilik wird da nicht getrieben. Wo man indessen wirklich von Kommunalpolitik reden kann, da hat die Poliiik das Wort, und da wollen wir mit­tun. ... Wer Reichspolitik^nud Kommunalpolitik in Gegensatz zueinander stellen zu können meint, der über­sieht denn doch, daß das politische Leben uns nicht Eiuzelsragen stellt. Den letzten tiefsten Grund für die Enlscheidung politischer Fragen gibt für jeden Politiker, bewußt oder unbewußt, feine Auffassung von den Auf­

gaben des Staates und den Pflichten des Staatsbürger- gibt das, was wir politische Weltanschauung nennen/.

Diese Ausführungen des freisinnigen Abg. R mann bezw. des Nationalliberalen - man denjenigen Vertretern des L gegcnbalten, die — wenigstens solange ;ie ui den Kommunen das Heft in Händen haben — nach außen hin gern betonen, daß die Gememdewahlen mit Politik nichts zu tun hätten. Sie verdienen aber auch die Beachtung der Anhänger der Zen- trumspartei in allen Städten und Gemeinden, wo man bisher noch davon abgesehen hat, bei Kommunalwahlen nach parteipolitischen Gesichts­punkten vorzugehen.

* Sozialdemokratischer Terrorismus bei der Be- erdigung Singers. Aus Berlin wird den „Neuen Züricher Nachrichten" geschrieben: „Bei der Bei­setzung Singers spielten sich wieder Szenen von un­erhörtem Terrorismus der Sozialdemokratie ab. Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, waren Sonn­tag Nachmittag Hunderte von Kontrollbe­amten in den Arbeitervierteln des Nordens und Ostens von Berlin tätig, um festzustellen, wer nicht zur Beisetzung gegangen war. Die meisten Geschäfts­leute zogen es vor, um nicht ihre Arbeiterkundschast zu verlieren, Frau und Kinder zu der Beerdigung zu schicken, während sie nach Ladenschluß selbst folg­ten. Die Kontrolle wurde so streng geübt, daß es in mehreren Häusern zu ernsten Auseinandersetzungen und zum Hinauswerfen der Kontrolleure durch die Hauswirte kam. Wie viele Zwangsteilneh­mer zu der Beerdigung gegangen sind, ist natürlich nicht annähernd festzustellen, doch war die Kontrolle schon am Samstag angekündigt, so daß fast jeder Ge- schästsmann, der, ohne Sozialdemokrat zu sein, Ar- beiterkundschast hat, mit der Familie an der Bei­setzung teilnahm."

<? München, 13. Febr. 1911. Ein Dr. Dönges- München erleichtert sich in liberalen Blättern von sei­nen seelischen Gebresten, die ihm die „Ungerechtigkeit unserer Einteilung der Reichstagswahl- kreise" in Bayern verursacht. Das Zentrum hat nämlich in Bahem 34 Wahlkreise inne, der Libe­ralismus nur sechs, und diese „erobert" er meist nur in der Stichwahl mit fremder Hilfe. Dieser allerdings nicht berühmte Mandatsbesitz ist der Grund für die liberale Jeremiade. Eine so grundlegende Aenderung, wie sie hier angestrebt wird, könnte in den Bereich der Möglichkeit gerückt werden, wenn die zu einer Verfassungsänderung notwendige Reichstagsmajorität einem derartigen Wunsche den nötigen Nachdruck gäbe. Dies ist zunächst völlig ausgeschlossen. Vorläufig hat der Reichstag vordringlichere Aufgaben zu erledigen. Wäre übrigens der von dem liberalen Herrn Dönges so betonte Gerechtigkeitssinn und nicht der kühle Par­teiprosit für die neue Parole einer neuen Wahlkreis­geometrie bestimmend, so begreift man wirklich nicht, weshalb diese unentwegte Gerechtigkeit, die der libe­rale Artikelschreiber sich selber einbildet, nicht auch in Aktion trat, als sich nach den letzten Reichstags­blockwahlen herausstellte, daß die Parteien der Block­mehrheit um eine Million Wählerstimmen hinter dm Parteien der Minderheit — Zentrum und Sozialde­mokratie — zurück standen. Damals war von einer Aenderimg der Reichstagswahlkreise keine Rede. Eigentümlich muß die Zumutung berühren, daß ge­rade bayerische liberale Blätter für eine neue Wahlkreiseinteilung eintreten. Man weiß noch zu gut, wie der Liberalismus in Bayern dreißig Jahre lang die wucherischen Vorteile der ihm auf den Leib zugeschnittenen Wahlkreiseinteilung des Ministers von Hörmann und die demetitsprechende Urwahlkreisein­teilung liberaler Bezirksämter schmunzelnd einstrich. So konnte es beispielsweise kommen, daß in der Pfalz das Zentrum und sämtliche andere Parteien trotz einer Stimmenmehrheit von allmählich weit über 40 Prozent Jahrzehntelang zugunsten einer liberalen Alleinherrschaft glatt totgeteilt warm. D a- mals erblickten die Liberalen nichts ungerechtes in der Wahlkreiseinteilung, es war wohlgetan, wie die Bezirksämter teilten. Bis sich mit elementarer Ge­walt der erbitterte Volkswille erhob und das trau­rige Machwerk bet liberalen Wahlkreisgeometrie hin- wegfegte. Vorläufig sind aber außer den profitlichen Wünschen Der Liberalen keine Anzeichen vorhanden, die darauf schließen lassen, daß im Volke ein besonde­res Verlangen nach einer Aenderung der Reichstags­wahlkreise besteht. Für die lärmenden liberalen Phra- fen hat man mit Recht nur ein Achselzucken.

Ausland.

** Das österreichische Kabinett Bienerth hat feinen . neu Erfolg in der Frage der italienischen Rechtsfakultät errungen. Die Fakultät wird an der Wiener Universität errichtet werden, soll aber nach einigen Iahten an einen Ort innerhalb des Wohngebiets des italienischen Volksstammes in Oesterreich übersiedeln. Die Erfüllung dieser Forde­rung der italienischen Abgeordneten wat dadurch mög­lich, daß die Slowenen unter Führung des Abg. Susterflc ihren früheren Widerstand aufgaben. Die mittelbare Folge ihres Verhaltens ist die faktische Aus­lösung der flavischen Union im Reichsrate, deren eigentliche Ausgabe, den Ministerpräsidenten Bienerth zu stürzen, sich als unlösbar ergeben hatte. Tie Ent­scheidung der Slowenen berechtigt zu der Hofsnung, daß diese ihren Widerstand gegen das Kabinett Bie­nerth aufgeben werden; damit erscheint eine sichere Arbeitsmehrheit im Reichsrat gesichert. Die Krakauer Universttätsskandale sanden im Reichsrate seitens des Kultusministers itnb der großen Mehrheit des Hau­ses scharfe Verurteilung. Das terroristische Regime des Freisinns auf den österreichischen Hochschulen hat mit dem Fiasko des Krakauer Rummels einen schwe­ren Schlag erlitten.

** Der Marineausschuß der französischen Deputter- teukammer erzielte durch die Forderung, daß sämt­liche Lieferungsabschlüsfe noch vor Kiellegung der Panzerschiffe erfolgen sollen, eine Verringerung d er Kosten um 5 Millionen Francs für jedes Panzerschiff. An Stelle der ursprünglich eingestellten 64 Millionen für das Panzerschiff werden nur 59 Millionen verausgabt. Im Hinblick darauf, daß das Flottenprogramm 22 Panzerschiff- umfaßt, be­deutet das eine Gesamtersparnis von 110 Millionen Francs.

** Im englischen Unterhause betonte Minister­präsident Asquith bei Fortsetzung der Adreß- debatte, man könne die irische Frage nur lösen durch die Schaffung eines irischen Parlamentes in Irland mit einer diesem Parlament verantwortlichen irischen Verwaltung der irischen Angelegenheiten, aber mit dem Vorbehalt, daß die Oberhoheit des Reichsparlaments erhalten bleibe.

r Zur Erforschung von Kalisalz-Lager« hat die Regierung der Vereinigten Staaten Nord­amerikas 50000 Mark in den Etat des Ackerbau­departements eingestellt. Präsident Taft hielt am Freitag in Columbus (Ohio) eine Rede, in der er erklärte, er habe in den letzten Monaten veran­laßt, daß Millionen von Acres Land, die Phosphor enthielten, dem Verkehr entzogen würden, um das Privatkapital an ihrer Erwerbung zu verhindern. Was Amerika am meisten brauche, fei Kali. Es könne auch auf amerikanischem Grund und Boden gefunden werden, wie der Vorsteher der geologischen Landesanstalt versichert habe.

• Der Araberausstand in Kernen. Ein Teil der arabischen Streitkräfte ist von Sanaa in der Rich­tung auf Hodeida abgerückt, wo immer neue Scharen von Arabern einiteffen und die Straßen besetzen. Arn Montag kam es in der Umgebung von Taaz zu einem Gefecht zwischen den dort lagernden türki­schen Truppen und den Arabern. Auch Imam Jahia hatte einen blutigen Kampf mit den Türken, in dem die Araber 300 und die Türken 100 Mann verloren/ Unter den Arabern herrscht die Cholera, der Gesundheitszustand der Türken ist gut.

* Der König von Montenegro befand sich, Meldungen aus 'Cettinje zufolge, in ernster Ge­fahr, da er von einem starken anhaltenden Nasenbluten befallen wurde. Der König war von dem Blutverlust sehr erschöpft. Die Blutung nahm einen so bedrohlichen Charakter an, daß die Familienmitglieder, telegraphisch verständigt, an das Krankenlager eilten. Das Befinden des Königs hat sich inzwischen gebeffett.

(*) Schecks als Zahlungsmittel bei der Poft zulässig.

Vom 1. April 1911 ab sollen zur weiteren Ein­schränkung des Bargelbumlaufs bei ben Postkaffen an Reichsbankplähen außer Postschecks unb Reichs­bankschecks versuchsweise auch Schecks auf die im § 2

bes Scheckgesetzes vom 11. März 1908 (R. G. Bl. S. 71) bezeichneten Banken, Anstalten, Genossenschaf- ten unb Sparkassen in Zahlung genommen werden, wenn die im Scheck als Bezogene genannte Bank usw. ihre Geschäftsstelle im Orte hat unb ein Girokonto bei ber Reichsbankstelle des Ortes unterhält. Als Zahlungsempfänger muß im Scheck bie Postkasse, an Sie Zahlung geleistet werben soll, mit bem Zusatz „ober Ueberbringer" bezeichnet sein. Ein Jndafsa- ment bars ber Scheck nicht tragen. Auf bem Scheck muß ber gesetzliche Stempel von 10 Pfg. ordnungs­mäßig entwertet sein. Postschecks sind bekanntlich ge= bührensrei Schecks werben nur innerhalb fünf Ta­ge vom Ausstellungstag ab in Zahlung genommen. Quer über bie Vorderseite des Schecks ist ber Ver­merk zu setzen „Nur zur Verrechnung". Schecks kön­nen in Zahlung gegeben werben:

a) bei Einzahlungen auf Postanweisungen und Zahlkarten;

b) Beim Einkäufe von Wertzeichen im Betrage von minbestens 20 Mark;

c) bei Entrichtung von Zeitungsgeld seitens ber Bezieher;

d) bei Entrichtung ber Gebühren für außerge­wöhnliche Zeitungsbeilagen unb ber Zeitungsgebühr.

Durch Schecks können ferner alle Beträge, welche bie Reichs-Postverwaltung ans einem bestehenden Schuldverhältnisse zu forbern hat, vom Schuldner be­glichen werben, z. B. Fernsprechgebühren, Miete für Benutzung von Grundstücken, Schließsachgebühren u. a. m. Eine Gebühr wirb für bie mit ber Be­handlung bes Schecks verbunbene Mühewalttmg von ber Post nicht erhoben.

Aus Uirche und Schule.

* Die katholischen Orden nach dem Stands von 1910. Der soeben erschienene 14. Jahrgang des „Annuaire Pontifical Catholique“, der eine genaue Uebersicht über den Stand der katholischen Hierarchie enthält, gibt zum ersten Male eine Statistik der größere« männlichen Ordensgesell« schaflen. Danach haben

I. Regulierte Chorherren Häuser Religiöse«

1. Lateranenfische Chorherren 17 250

2. Prämonstratenser .... 42 1^50

IL Benediktiner und Abarten

1. Benediktiner 156 6457

2. Cistercienser 87 4677

3. Trappisten . -■ 58 3472

III. Bettelorden

1. Augustinereremiten . . . 188 2343

2. Karmeliten....... 90 900

3. Dominikaner ..... 367 4476

4. Franziskaner 1487 16968

5. Kapuziner ...... 574 10056

6. Mmoriten....... ? 1700

7. Barmherzige Brüder. . . 107 1480

IV. Regulierte Kleriker

1. Barnabite» 35 400

2. Jesuiten . ? 16293

V. Kongregationen

1. Lazaristen ...... 240 8000

2. Marianisten 20 1800

Ziffermäßig nimmt der Franziskanerorden die erste Stelle ein ; an ihn schließen sich die Jesuiten und die Kapuziner.

* * Würzburg. 16. Febr. 1911. An die Katho« liken des Bistums Würzburg richtet sich ein Aufruf, behufs nachhaltiger und erfolgreiches Förderung des Werkes der Jugendfürforge einer Diözesan-Jugend - Fürsorgeverein inS Leben zu rufen. Der Verein ist in erster Linie gedacht als ein Wohltätigkeitsverein, der über die ganze Diözese sich erstreckt, auch in den kleinsten Gemeinden seine zahlenden Mitglieder hat und durch deren kleinen Beiträge die not­wendigen Mittel aufbringt, praktische Jugend­fürsorge zu üben. An ihn kann die schon be- stehendeJugend-Fürsorge-Organisation sich wenden und Kinver und Jugendliche zur Unterbringung zuweisen, geradeso wie er die Vermittlung der Geschäftsstelle zur Auffindung von Stellen und Plätzen nützen kann.

Bie miße Lilie mm tetofte.

15] Roman von Erich Friesen.

„Ich banke, gut", ertoibert sie leise.

„Wo waren Sie?"

.In Arco."

„Sie stnb auf bem Wege nach Hause?*

«Ja."

„Gestatten Sie, baß ich Sie ein Stückchen be­gleite?"

Sie hebt ben Blick zu ihm empor. Tränen stehen in ihren Augen. Wer was ihm aus ben großen blauen Sternen entgegenleuchtet, erfüllt fein Herz mit namenlosem Entzücken.

„Sie stnb sehr gütig —", stammelt sie verwirrt — „aber — ich fürchte, wenn jemanb uns zusammen sehe — meine Mutter hat mich gelehtt, nicht nur stets gut recht zu handeln, fonbern auch, ben üblen Schein zu meiben —"

„Ihre Mutter ist eine kluge Frau, obgleich ich daran zweifle, ob sie in ihrer Jugenb ebenso streng dachte", ertoibert er mit einem Anflug von Bitterkeit. -Gleichviel — Sie wünschen, baß ich mich entferne, Signorina — ich gehorche. Leben Sie wohl!"

Nicht noch einmal reicht er ihr bie Hanb. Höflich jlcljt er ben Hut — bann geht er weiter.

, (Sinen Wgenbllck ist cs ihr, als muffe sie ihn zu- tucErufen. Doch nein!

Mit gesenktem Kopf, bie Arme schlaff am Körper herabhängenb, schreitet auch sie vorwärts — in ent­gegengesetzter Richtung.

Zum erstenmal in ihrem jungen Leben kommt es Lilia zum Bewußtsein, baß es nicht immer leicht ift, den rechten Weg zu roanbetn.

Doch noch nicht zwanzig Schritte ist sie gegangen — ba schreckt sie aufs neue zusammen.

Ein wütendes Gebrüll trifft ihr Ohr, bas rasch Häher kommt.

Großer Gott! Was kann bas sein?

Angstvoll spähen ihre Augen umher. —

Ha — bort, nicht gar weit entfernt — ein Stier, ber aus seinem Stall ausgebrochen sein muß unb nun selbem rast!

Lilia steht wie erstarrt. Noch ist sie sich nicht ber furchtbaren Gefahr bewußt, in ber sie schwebt. Soll sie fliehen? Ober ruhig weitergehen?

Da gewahrt sie, wie Graf Winfrieb sich hastig umwenbet unb im Laufschritt auf sie zueilt.

„Der Stier! Ums Himmelswillen!!"

Schon fühlt sie sich am Arm gepackt unb fortge­zogen.

Wie mechanisch gehorcht sie. In wilder Flucht rennen beide, sich fest bei ben Händen haltend, davon.

Kein Wort. Kein Laut. Nur fort!

Mit rascher Geistesgegenwart hat Winfried einen einsamen Baum als Ziel erwählt.

Dorthin! Vorwärts, vorw'äfts!!

Eine tollde Jagd beginnt.

Vornweg das fliehende Menschenpaar--

Ihm auf den Fersen der wutschnaubende Stier — mit gesträubten Borsten, den Schwanz hoch in der 2uft, die Augen glühend wie zwei Flammenkugeln —

Lauter und lauter wird das Gebrüll.

Näher und näher kommt das Tier.

„Ich kann nicht mehr!" keucht Lilia. „Lassen Sie mich! Fliehen Sie allein!"

„Niemals!"

Und nur noch fester packt Winfried die kleine kalte Hand.

Fast versage« Lilias Füße ben Dienst. In ihren Ohren jaust unb braust es. Ihr Atem stockt--

Schon glaubt sie zu fühlen, wie der Stier sie mit ben Hörnern hochhebt — — Barmherzigkeit!

Ein stummes Gebet ringt sich aus ihrer Brust zmn Himmel empor. — —

Da rennt ihnen mit freubigem Gebell Winfriebs brauner Teckel, bet seinem Herrn gefolgt war, «ft- gegen.

Die Aufmerksamkeit des SiietS wird für einige Augenblicke abgelenkt.

Er stürzt sich auf den armen Hund, ih« im selben MomM.flUffcUfeenh

Wie ber Löwe, ber einmal Blut geleckt hat, noch blutdürstiger sich auf sein Opfer stürzt, so rennt der Stier mit erneuter Wut vorwärts — schnaubenb, brül­len b, fauchenb.

Doch bie beiben Fliehenben haben bie Zett auS- genutzt.

Oben int Geäst des Baumes sitzt Lilia, mit bem letzten Rest ihrer Kraft sich an einen bicken Ast klarn- memb, während Winfried, mit ber Gewanbthett bes geübten Turners sich ihr soeben nachschwingt.

Gerettet!

„Festhalten!" raunt ber Mann dem Mädchen zu, ben Arm um sie schlingenb.

Unb sie fast besinnungslos vor Entsetzen, läßt matt bas Köpfchen auf seine Schulter sinken. —

Die gemeinsame Tobesgefahr hat alle konventio­nellen Schranken hinweggefegt.

Unter ihnen stößt ber Stier in blinder Wut mit ben bluttriefenbcn Hörnern an den Baum. Seine Klauen zerwühlen den Erdboden. Schauerlich dröhnt fein Gebrüll durch bie stille Wendluft

Als er das Nutzlose seiner Bemühungen eiirsteht, legt er sich zu Füßen des Baumes nieder, als wisse er, daß seine arme« Opfer da oben ihm nicht ent­rinne« können.

Dicht aneinander geschmiegt, regungslos, fast atemlos, hocken die beiden jungen Menschenkinder auf ihrem luftigen Sitz.

Eine einzige Bewegung — und sie teilen vielleicht das Schicksal des armen kleinen Teckels dort unten.

Lilia erschauert. In Todesmigst umklammert sie ben Hals bes Mannes.

Sie schließt bie Augen, um nichts mehr zu sehen von bem Ungetüm bort unten, baS hin unb wieder nmH wie in verbissener Wut dumpf aufbrüllt.

Zunächst blickt Winfried auf das verängstigte Ge­schöpf in feinen Armen — ein rührendes Bild völ­liger Hilflosigkeit. Auch er fühlt in dieser Stunde mit voller Klarheit, daß et Lilia Baletti liebt. Aber er ist zu sehr Ehrenmann, um die Situation auszu- M».

Er streichelt mit ber freien Hanb liebevoll LiliaS wirres Haargelock und flüstert ihr beruhigende Worte zu.

Siertelftunbe auf Viertelstunde verrinnt.---

Der Stier rührt sich nicht vom Fleck.

Winfrieds Hoffnung, daß man noch heute abend in Ares das Ausbrechen des Tieres bemerkt haben und es einzufangen versuchen werde, sinkt,

Dämmerung senkt sich herab. —

Und keine Aendrrung in dieser verzweifelten Lage.

Winfrieb wagt nicht, sich zu rühren. Still, ganz still liegt der bleiche Mädchenkopf an seiner Brust.

Horch! — Flüstert rS nicht in den Zweigen rings­um? Geheimnisvoll, gespensttsch, lockend? — Sind er bie Träume unb Hofstumgen, welche gleich Lichtelfen in toeißglitzecnben Gewändern über die Erde huschen? Sind es die lurbvochallenden letzten Schwingungen ur.erfüHtcr Wünsche, welche, bevor sie ganz und für immer verklingen, mit ihrem Zaubergetön nochmals bie Herzen ber arme« Menschenkinder erzittern lassen?

Da überwälttgt es plötzlich ben Mann, baß et seine Gefühle nicht mehr zurückzubämmen vermag.

Lllia —I" flüstett er leise, bebend in das Ohr des Mädchens.

Sie zuckt zusammen. Ihre Augen suchen in der Dunkfthett die {einen.---

Da — was ist das? —

In der Ferne Sttmmengewirr, Schreien, Stufen.

Ein Tmpp von Männern mit Laternen kommt

des Weges daher gestürmt.

Als ahne der Stier, baß seine Feinde ihm auf der Spur sind, erhebt er sich bmmmend und stürzt ben sich rasch nähernden dunklen Gestalten entgegen.

®ie beiben bort oben in ben Zweigen atmen wie befreit auf.

„Es ist Zeit! Rasch hinab! - Armes Stnb, wie

Sie zittern!"

Und schon läßt Winfrieb bas Mädchen behutsam hinunter.

»Der Stier — ist er noch da?" stammelt sie, noch ganz verwirft, aus ihrer atemlosen Angst heraus.

(LoMMüg IqUU