M 58.
<6. Sebruar
58. Jahrgang.
• fuldaer W Zeitung *
2. Blatt.
Druck und Verlag der Zuldarr «ctlendruckerel in $Mlba.
Deutsches Reich.
* Konfessionelle Hetze des liberalen Banernbuu- beS. Die „Osnabrücker Volkszeitung berichtet über itvei Versammlungen des Deutschen Bauernbundes in Badbergen und in Menslage (Kreis Bersenbrück), In denen Hofbesitzer Krüger-Hoppenrade als Wander- redner des Bundes auftrat. In der Versammlung in Menslage am 5. Febmar erklärte Herr Krüger iu. a.:
1 „Ich bin der Meinung, die rote Gefahr ist »Lugst nicht so schlimm als die schwarze Gefahr Die tote Gefahr kann alle Tage beseitigt wer ben Hat unser Volk eine nationale Wahlparole, dann Wird es jeden Feind niederschlagen. Aber es kann nicht kämpfen gegen die schwarze Gefahr. Das Zentrum vertörpert die schwarze Gefahr, das von htom lein Kommando bekommt."
Auch auf der Versammlung in Badbergen hetzte per Wanderredner des liberalen Deutschen Bauernbundes gegen das Zentrum und gegen die katholische Kirche Der Osnabrücker Volksztg. zufolge äußerte er hier:
„Das Zentrum vertrete keine wirtschaftlichen, sondern nur römische Interessen. Es sei nicht um Wirtschaftspolitik, wohl aber um die katholische Geistlichkeit bekümmert. Gegen den Hl. Vater tue es nichts. (Gelächter.) Die katholische Kirche wolle die Politik machen. Durch das Zentrum werde die katholische Psaffenwirtichast unter den Hut gebracht. Solange Vie katholische Konfession das Zentrum regiere, müsse dieses bekämpft werden. Die schwarze Gefahr sei größer als die rote- Letztere könne beseitigt werden, erstere nicht. Frankreich und Portugal stellte der Redner als Musterstaaten hin. Frankreich habe vollständig mit dem Vatikan gebrochen und sei nun das unartige Kind des Papstes. Portugal vertreibe die Jesuiten, und das überwiegend protestantische Deutschland nehme sie auf. Auch von der Borromäus- enzyklika, in welcher der Papst die Protestanten in „faszinierender" Weise verunglimpft und beschimpft habe, wußte der Redner zu erzählen."
Es erscheint notwendig, diese Art konfessionelle Hetze im Deutschen Bauernbunde, der bekanntlich eine Filiale des Hansabundes ist, öffentlich ses^unageln, damit aber zugleich die Wahlparole, die der Wanderredner des Bauernbundes ausgegeben hat: „Lieber rot als schwarz!" Rach Lage der Dinge ist es nicht ausgeschlossen, daß bei der nächsten Reichstagswahl in Osnabrück die S o zial - d emokratie mit dem Zentrum in die Stichwahl kommt. Damit nun die evangelischen Bauern wissen, was sie zu tun haben, stellt der nationalliberale Redner die „schwarze Gefahr" als schlimmer hin, als die rote.
cf Zweibrücken, 13. Febr. 1911. Unter der griffe- itgen Ueberschrift: „Der Meineid im Dienste der Ze n tr u m s p ar t e i" berichten liberale und sozialdemokratische Zeitungen über eine Schwurge- richtsvcrhandlung zu Zweibrücken, in der ein Hüttenarbeiter Feix aus dem wesipsälzischen Dorfe Ormesheim wegen Meineids zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Zur Zeit der pfälzischen Gemeinderatswahlen im Herbste 1909 wurde in Ormesheim ein Flugblatt verteilt, in dem unter Anführungszeichen den Arbeitern verschiedene „Schmeicheleien" mitgeteilt wurden, wie sie verschiedene liberale Gemeinderatskandidaten in diesem Orte über die Arbeiter im Mundr zu führen pflegten. Unter dem Flugblatt stand etwa ein Dutzend dieser liberalen Kandidaten als Unterzeichner. Während es nun offenbar kein allzu schlimmes Verbrechen ist, wenn inan dem Gegner zu Wahlzeiten seine Sünden vor Augen führt, war ohne Zweifel die Art, in dec dies hier geschah, entschieden zu verurteilen Irgendeine verantwortliche Persönlichkeit in der Zentrumspariei wußte nichts um das Flugblatt... Tie „Westpsälzische Ztg.", in deren Druckerei es hecgestellt wurde, hatte keine Ahnung, daß der Auftraggeber mit fremdem Namen Mißbrauch treibe. Es gcht also nicht an, das Flugblatt der Zentrumspartei an die Nockschöße zu heften; Dummheiten können in jedem Parteilager von unverantwortlichen Parteigängern gemacht werden. Auf dem Wege des Privatbeleidigungsverfahrens suchten dann die Ormesheimer Liberalen des Schwerverbrechers habhaft zu werden, indem sie kurzerhand alle irgendwie in Frage kommenden Zentrumsleute zum Eide zitierten. In die Enge getrieben, beschwor nun in der zu Blieskastel stattgehabten Verhandlun der Hüftenarbeiter Feix, der das Flugblatt besteh: hat, er wisse nicht, wer es verfaßt und in Äftick ge
geben habe, während Faktor Sahner schwören mußte, Feix sei tatsächlich der Auftraggeber. Zwei Tage darauf wurde Feix wegen Meineidsverdachts verhaftet. Was sagt denn diese Schwurgerichtsverhandlung über Zentrumsmoral? Sie hat ergeben, daß ein Hüttenarbeiter, der politisch sich zum Zentrum zählt, einen Meineid geschworen hat, weiter nichts. Damit die Sache nach etwas mehr aussieht, wird in ben Berichten der gegnerischen Presse die Berufsart des Verurteilten sorgfältig fortgelassen und keck von einem „Zentrumsführer Feix" gelogen. Ohne Schwindel gehts nun mal bei unfern liberalen Gegnern nicht.
Aus dem Nachbargebiete.
* Hersfeld, 13. Febr. 1911. Um das Andenken an die kürzlich verstorbene ehemalige Leiterin der hiesigen höheren Töchterschule, M. Zimmermann, zu ehren, haben eine Anzahl früherer Schülerinnen der Verstorbenen beschlossen, eine Stiftung ins Leben zu rufen. Durch die Zinsen des aufzubringenden Kapitals soll es unbemittelten, gut veranlagten und würdigen jungen Mädchen ermöglicht werden, die Luisenschule (früher höhere Töchterschule) zu besuchen und nach Ablauf der Schulzeit einen geeigneten Beruf zu ergreifen.
* Wölfersheim, 15. Febr. 1911. Zur Frage der Versorgung mit Elektrizität wird mitgeteilt: Nachdem das Lißberger Projekt fallen gelassen worden ist, hat der Provinzialausfchuß mit dem Fiskus ein Abkommen wegen Abgabe von Elektrizität aus einer zu Wölfersheim zu errichtenden Zentrale getroffen. Das neue Projekt ermöglicht es, den Abnehmerkreis lis zur Südgrenze zu erweitern, sodaß nunmehr alle Gemeinden des Kreises Friedberg angeschiosfen werden können. Den Gemeinden sollen keine Kosten entstehen, da die Provinz oder der Staat das Werk bauen und die Fernleitungen, die Ortsnetze und Hausanfchlüsfe herstellen wird. Die Kilowattstunde soll für Lichtzwecke 40 Psg. betragen, für Kraslzweck ist ein Tarif vorgesehen, wonach die Kilowattstunde je nach Abnahmemenge 25—12 Pfennig kostet. Die. Behörden erwarten bis 15. Februar die Beschlüsse der betreffenden Gemeinden.
Ami Geisa und Umgebung.
(:) Geisa, l5. Februar 1911. In der Nacht zum Mittwoch wurde em Pferd des Gastwirts Wetzel von hier gestohlen. Der Dieb schwang sich auf das Pferd, um davon zu teilen. Da dieses aber ohne Zügel war, ging es nicht weiter als bis an den Gasthof Knauf. Vergebens gab sich der Dieb alle Mühe, mit dem Pferd zu entkommen. Der Knecht des Herrn Knauf wurde dadurch aufmerksam und eilte herbei. Schleunigst sprang der Dieb vom Pferd und entfloh. Der Knecht stellte das Pferd in seines Herrn Stallung, bis es den Morgen dem Eigentümer zurück- gebracht wurde. Es ist schade, daß der Dieb entkommen ist.
* Merkers, 15. Febr. 1911. Bei der für die Gewerkschaft KaiserodaznrErrichtrmgeineS weiteren Schachtes nicderßebrachten Bohrung wurde gestern in einer Teufe von 425 Meter das obere Kalilager erreicht, welche eine Mächtigkeit von vier Meter ausweist.
* Dermbach. 15. Febr. 1911. Unter dem Vorsitze des Herrn Obermeisters ThierAart-Geisa sand hier am Sonntag eine Versammlung der freien Maler-, Lackierer- und Anstreicher- Innung für den 4. Verwaltungs-Bezirk statt, die nur schwach besucht war. Nach der Erledigung mehrerer geschäftlicher Angelegenheiten hieli Herr Spieß • Vacha einen Vortrag über den ge- meinsa i en Bezug von Materialien.
♦ Buttlar, 15. Febr. 1911. Direktor Pfordte vom hiesigen Kaliwerke erlitt am Montag abend in der Nähe von Barsch einen schweren Unfall mit seinem Geschirr. Das Pferd, welches
wohl gescheut haben mag, zerbrach die Wagende dann stürzte der Wagen um, wobei Direktor Pfordte eine Strecke geschleift und nicht unbedenklich verletzt wurde. Der Kutscher erlitt den Bruch eines Oberschenkels und liegt jetzt im Krankenhaus in Geisa.
* Tiefenort, 14. Febr. 1911. Die Gründung des Kalibergwerks bei Dönges ist jetzt Tatsache geworden. Die Gesellschaft hat von den verschiedenen Anliegern in Müllersgrund zirka 30 Acker Wiesen und Ackerland für den Preis von 1400 Mark pro Acker gekauft. Mit den Arbeiten soll sofort begonnen werden.
* Aus Thüringen, 15. Febr. 1911. Der s.^ Z. gemeldete, aber dementierte Wechsel in den Posten der Bezirksdirektoren findet nun doch statt. Dr. Heydenreich-Apo da wird in das Staatsministerium berufen und Bezirksdirektor Weim ar« Dermbach in gleicher Eigenschaft nach Ap olda verseht. Beffrksrat Freiherr v. G roß in Weimar wird unter Ernennung zum Bezirksdirektor nach Dermbach veretzt.
* Stadtlengsfeld, 14. Febr. 1911. Der 4. Verwaltungsbezirk wächst sich noch, tote der „Eisenacher Ztg." geschrieben wird, zu einem wirklichen In du- striezentrum aus. Kaurn hat man mit dem Niederbringen der Schächte am benachbarten Schrammenhof sowohl wie in unserer Nachbargemeinde Sechsen begonnen, und schon sollen die Vorarbeiten zum Äbteufen eines neuen Schachtes direkt hinter dem hiesigen Bahnhofe in Angriff genommen werden. Zwischen Bohrloch 1 und 4 der Gewerkschaft „Großherzogin Sophie", die jetzt mit der Gewerkschaft „Heiligen- mühle"-Oeckffen konform geht, soll in den allernächsten Tagen auf den zum hiesigen von Mosengeilschen Rittergute gehörigen Grundstücken mit der Niederbringung eines neuen Kalischachtes begonnen werden. Die erforderlichen Ner- und Unterhandlungen zwischen dec Gewerkschaft und den Interessenten sind bereits zum Abschlüsse gelangt, sodaß also dem Unternehmen, das gewiß alleitig mit Freuden begrüßt wird und das vor allen Dingen unserer Stadt nur zum Nutzen gereichen und Handel und Wandel ebenfalls neu zu beleben mit dazu beitragen wird, nichts mehr im Wege steht.
Aus Gberhesien u- -en Hess, Aemtern.
statt. Herr Lehrer Schmid t°RlebelSlwrf hielt einen sehr interessanten Vortrag über die „Obstbaumschäd- tinge und ihre Bekämpfung mit besonderer Berücksichtigung der Earbolineumftage". Als Ort der nächsten Versammlung wurde Frielendorf, für die Winterversammlung Neukirchen bestimmt.
* Kirchhain, 15. Febr. 1911. Der am vorigen Sonntag vom Kat holt scheu Männerverein veranstaltete Familienabend bot ben zahlreich Erschienenen einige recht vergnügte Stunden. Zur Aufführung gelaugten mehrere Theaterstücke, die sämtlich sorgfältig einstudiert waren und flott gespielt wurden. Die Darsteller ernteten deshalb auch reichlichen Beifall. — Dem Landrat des Kreises Kirchhain, Freiherrn Schenck zu Schweinsberg, ist die nachgesuchte Entlassung ans dem Staatsdienst mit Pension erteilt wurden.
* Aus Oberhessen, 15. Febr. 1911. Eine Prämiierung ganzer Rindviehstämme soll in diesem Jahre im Regierungsbezirk Kassel wieder zur Ausführung gelangen und zwar in den Kreisen Melsungen, Homberg, Fritzlar, Ziegenhain, Kirchhain, Marburg, Frankenberg, Wolfhagen, Hofgeismar und Grasschaft Schaumburg. Als Preise stehen zur Verfügung: 1. Preis 200 Mk., 2. Preis 175 Mk., 3. Preis 150 Mk., 4. Preis 125 Mark, 5. Preis 100 Mk.. zwei 6. Preise zu je 75 Mark, und zwei 7. Preise zu je 50 Mk., im ganzen also 1000 Mack.
O Ersnrlshauseu, 14. Febr. 1911. Gestern fand dahier eine gut besuchte Versammlung des hiesigen Volksvereins statt. Nachdem der Vor- sitzende Herr Pfarrer Zimmer die Mitglieder und Gäste begrüßt hatte, brachte er ein motiviertes Hoch auf die beiden höchsten Würdenträger in Kirche und Staat aus. Auch wurden in werterer Ausführung die Angriffe und Schmähungen gegen den Hl. Valer und die Katholiken gebührend zurückgewiesen. Alsdann sprach Herr Pfarrer Schlitt über die neue Finanzresorm, rechtfertigte die Stellungnahme des Zentrums in dieser Sache und inatpue zmn treuen Festhalten an den Grundsätzen der Zentrumspartei, namentlich bei der bevorstehenden Neuwahl. Herr Lehrer Schlitt dankte den beiden Rednern int Namen der Versammlung. Mehrere der Anwesenden traten dem Volksverein bei, worauf die Versammlung geschlossen wurde.
△ Marburg, 15. Febr. 1911. Der Kaufmännische Verein beschloß in seiner gestrigen Versammlung, anfangs April hier einen Wettbewerb, verbanden mit einem Verkshrssonntag, zu arrangieren.
* Treysa, 14. Febr. 1911. Auf einer Informationsreise begriffen, bestch igle heute in Begleitung von mehreren Räten Eisenbahnpräsident Vollgold aus Kassel vas neue Bahnhofsgelände und revidierte die Bureauräume. — Das Besitztum des Gärtners unv Gastwirts Henze, in der Lehmkaute, ging um 270JO Mark in die Hände des Gärtners Gensiein aus Homberg über. — In schwerverletztem Zu- stande wurde ein bei einem in Gilsa in Diensten stehender Knecht ins hiesige Krankenhaus eingeliefert. Demselben waren beim Düngen, als er bereits wieder auf dem Heimweg war, in einem Hohlweg — an einer etwas abschüssigen Stelle — die Pferde 6 nrchgegangen. Der Knecht versuchte die mutigen Pferde aufzuhalten, wurde aber zur Seite gedrückt. Der Wagen ging über ihn her und fügte ihm solch schwere äußere und innere Verletzungen zu, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird. Der Knecht ist .etft kurze Zeit verheiratet und gilt allgemein als ein rechtschaffener, solider Mensch.
* Rauschenberg, 15. Febr. 1911. Zu der Mel-: düng über die Schießerei wird mitgeteilt, daß zwischen den jungen Leuten kein Streit vorlag. Der Verletzte und noch ein junger Mann brachten einen Betrunkenen nach Hause. Vor der Türe zog der letztere den Revolver und gab mehrere Schüsse ab, von denen einer den einen seiner Begleiter in den Hals traf. Zum Glück handelt es sich um einen Fleisch- schuß Der Verletzte wurde bereits wieder aus der Klinik entlassen. Auch der Tater ist wieder auf freien Fuß gesetzt.
* Ziegenhain, 14. Febr. 1911. Am Sonntag fand hier die zahlreich besuchte Generalversammlung des Obstbauvereins für den Kreis Ziegenhain
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M weihe Lilie mm Ariwiee.
14] Roman von Erich Friesen.
Zum erstenmal fällt ihm auf, wie behaglich der kleine Raum anmutet. Zwar alles billige Möbel; aber aus bem ganzen Arrangement spricht ber verfeinerte Geschmack einet wahrhaft vornehmen Natur.
Unwillkürlich zieht er Vergleiche zwischen _ der schlichten Traulichkeit dieses Zimmers und der überladenen kalten Eleganz ber Salons in Schloß Tusculum.
Unb gar nicht mehr so absonderlich erscheint ihm die Absicht, die ihn hierher geführt.
Als kurze Zeit darauf Frau Jngeborg wieder erscheint, gefolgt von dem kleinen Dienstmädchen, das den Teetisch deckt unb babei nur eine Taffe hinstellt — ba fragt er ersichtlich enttäuscht, ob bie Signora ihm nicht die Ehre erweisen wolle, eine Taffe Tee mit ihm zu trinken. Es plaudere sich besser so. Und er habe etwas wichtiges mit der Signora zu besprechen.
Frau JngeborgS Antlitz wird um einen Schatten bleicher. Sollte Lady Diana wirklich---
Schweigend holt sie eine zweite Taffe. Dann nimmt sie ihrem Gast gegenüber Platz und wartet, was nun kommen werde.
„Meine Schwester war vor einiger Zett bei Ihnen —", beginnt er mit lächerlicher Miene, nachdem er bedächtig eine Tasse Tee aus geschlürft.
„Ja, Lord Douglas."
„Sie sprach mtt Ihnen über Ihre Tochter —" „Ja. Sie sprach mit mir über meine Tochter." „Meine Schwester wurde heftig — das passiert ihr öfters — und Sie wiesen sie in ihre Schranken zurück, Signora Baletti. Nicht wahr?"
„Gestatten Sie, Lord Douglas —*
. Mtt einer lässigen Handbewegtmg wehrt er ab.
’ „Sie waren im Recht. Aber Sie dürfen meiner Schwester ihre Heftigkeit nicht übel nehmen! Ich war die Veranlassung. Ich hatte nicht nut ihre 9leu» Vßierbe, sondern auch ihren Neid erweckt, indem ich
Signorina Lilia gegenüber als ein besonders liebreizendes Geschöpf pries, das ich bewundere."
Frau Jngeborgs Gesicht hat sich mehr und mehr verfinstert. Jetzt stellt sie bie vergoldete Taffe, die sie soeben zum Munde führen wollte, heftig wieder auf den Tisch. Durchdringend richten sich ihre traurigen Augen auf Lord Douglas.
„Wie meinen Sie das, Mylord —* sagt sie mit Würde, und doch zittert etwas wie geheime Angst in ihrer Stimme nach — „meine Tochter ist ein braves, unschuldiges Mädchen; ihr hübsches Gesicht soll ihr nicht zum Verderben werden. Als Mutter bitte ich Sie und erwarte es von Ihnen als Ehrenmann, daß Sie zu meiner Tochter niemals Ihrer Bewunderung Ausdruck geben oder gar —" ihre Stimme wird leiser, als scheue sie sich, das folgende auszusprechen — „ober gar von — Siebe zu ihr rebui!"
In Lord Douglas' interessantem Gesicht rührt sich keine Muskel. Mit der ruhigsten Miene von der Welt hält et feine Taffe hin.
„Darf ich bitten, Signora? — Besten Dank! — Wie ich Ihnen bereits vorhin andeutete — habe ich etwas wichtiges mit Ihnen zu besprechen. Nun denn — ohne Umschweife: ich liebe Ihre Tochter unb ich werde sie zu meiner Gemahlin machen, sobald meine Schwester Schloß Tusculum verlassen hat. Vorher ist dies unmöglich; baut ich würde es meiner Gemahlin niemals zumuten, mit Lady Diana unter einem Dach zu leben. Ebenso wenig kann ich aber auch meinet Schwester die Tür weisen. Da sie mit bem jungen Grafen Althos so gut wie verlobt ist, bürste die Zett, in ber ich vor aller Well Signorina Lilia oft meine Braut oorstellen kann, nicht mehr fern sein. Um was ich Sie nun bitten wollte, Signora, ist, daß Sie mit gestatten, In Ihrem Hause zu verkehren, damit Ihre Tochter mich besser kennen lernt, und daß Sie Ihren Einfluß auf sie zu meinen Gunsten geltend machen."
Ohne Lord Douglas mtt einem Wort ober catch nur mit einer Bewegung zu unterbrechen, hat Frau Jngeborg zugehört — zuerst der,mindert — dann in steigender Erregung.
Sie glaubt ihren Ohren nicht trauen zu duffen. Heiß steigt es ihr in die Augen auf, so daß sie die Lider gesenkt hält, damit der Mann da vor ihr die Wickung feiner Worte nicht bemerke.
Ein buntes Chaos von Empfindungen tobt in ihr.
Wäre es möglich? — Alles bas, was sie selbst, die Muller, in wahnsinniger Verblendung, in sträflichem Jugendleichtfinn, von sich geworfen — es sollte ber geliebten Tochter auf ihrem Lebenswege wieder erblühen? — Ein vornehmer Name, Reichtum, Glück?
Ach, sie weiß: wie ost verändert das Schicksal sein Gesicht! Glück wird zum Unglück, Unglück zum Glück. Im ganzen Weltall das ewige Spiel von Gegensatz zu Gegensatz.
Trotzdem wagt sie noch nicht, es zu fassen, das ungewohnte Glück. Stumm oergant sie Lord Doualas sie lächelnd daran erinnert, daß sie ihm noch bie Antwort auf seine Werbung schuldig sei. -
Lord Douglas ist gegangen.
Und bie glückliche Mutter steht am yenftcr und blickt in sehnsüchtiger Erwartung die Straße entlang, auf der ihr Liebling von Arco zurückkommen muß.
Was wird Lilia sagen? —
Tief sicht bereits die Sonne am Himmel, als Lilia bie letzten Häuser von Arco hinter sich läßt.
Sie hat einen einsamen Feldpfad eingeschlagen, bet ben Weg beträchtlich abschneidet. Behörde eilen ihre kleinen Füße zwischen wogenden Kornfeldern unb blumigen grünen Wiesen den schmalen Pfad entlang.
Ruhig weiden die Kühe. Die Grillen zirpen. Große Feldmäuse huschen erschrocken beim Nahen der leichten Trippelschritte davon.
Mtt schwimmenden Augen blickt bas junge Geschöpf ringsum. Der wundersame Frieden in der Natur erquickt sie.
Lilia weiß selbst nicht, weshalb sie feit einiger Zett eine ihr sonst ganz fremde Unruhe quält ©ie weiß nur, daß diese Unruhe von dem Tage an bannt, ba Lord Douglas ihr auf ihrem Spaziergang in solch zudrinFicher Weise nahte.
Daß sie nicht mit ihm, sondern mit ganz jemand anderem zusammenhängt, wagt sie sich nicht zu gestehen. _ , .. ,
Ueberhaupt sucht sie, die Gedanken an bresen „Anbern" möglichst zu bannen. Seit Wochen hat sie ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen. Der Vater will ihm bie gewünschte Zeichnung überreichen unb d,c Bezahlung dafür in Empfang nehmen. Die Sache ist also erledigt, und Gras Winfried denkt gewiß gar nicht mehr an die arme Zeichnerin, die sich so vrel Mühe mit dem kleinen Bild gegeben — um seinetwillen! — —
Ein wehes Gefühl beschleicht ihr Herz. Ihr wird auf einmal so ängstlich zumute, so eigentümlich — —
Rascher eilt sie davon, ben Blick geradeaus gerichtet, wo in weiter Ferne bie weißen Häuser Rivas -ruftauchen.
Sie erschrickt.
Seit jener verhängnisvollen Begegnung mit Lord Douglas erschrickt sie stets, sobald ein Mann ihr aus einsamem Wege begegnet.
Klopfenden Herzens geht sie weiter, unwillkürlich ihren Schritt etwas verlangsamend.
Jetzt erkennt sie ben Mann.
Es ist Graf Winfried Althof.
Anstatt daß ihr Herz nun ruhiger schlagt, pocht es noch rascher, lauter.
Törichtes kleines Herz! Ist Graf Winfried nicht dein Freund? Pocht sein Herz nicht ebenso stürmisch beim Anblick der zierlichen Elfengestalt, die ihm in ihrem rosa MuMeid wie eine Vision des Frühling» erscheint?--
Jetzt find sie beieinander.
Mit einem frohen Aufleuchten in den Raren Augen zieht bet junge Graf ben Hut und ergreift die leise bebende Hand des Mädchens.
Sie wehrt sich schwach. Dann überläßt sie ihm die Hand, die et an seine Lippen führt.
St fragt sie, wie es ihr geht — scheinbar ruhig, konventionell, aber die Stimme dutchzittert von jenem innigen Ton, den nur die Beteiligten fühlen.
(Fortsetzung folgt'