M 34.
Samstag »en I I. Zebruar 1911.
38. Jahrgang.
" fiildaer W Zeitung •
z. Blatt.
druck und Verlag der Fuldaer Attlendruckeref in 5«!da,
a Die Ansfiihrung der Grundstener- ordnungen des 18. Jahrhunderts
im Hochstist Fulda.
(Auf Grund der Akten^eS Marburger Staatsarchivs.)
Die Fuldaer Steuerordnungen des Jahres 1740 waren im ganzen nicht schlechter als die ähnlichen Gesetze anderer Staaten in jener Zeit. Aber Ivährend man der Anwendung der Ordnungen anderswo, wie z. B. in Kurhessen, ungeteilte Aufmerksamkeit widmete, die Lücken durch weitere Verordnungen und Instruktionen auf dem Verwaltungswege auszufüllen, Fehler zu beseitigen suchte, ließ man im Fuldaischen sein Hauptaugenmerk aus den nächsten Zweck der Steuerordnungen, die Steuererhebung, gerichtet, wodurch eine zeitgemäße Weiterentwicklung des Steuersystems, die befürchtende Wirkung einer Ordnung des Grundbesitzes in den Steuerrollen auf andere Gebiete des öffentlichen Lebens großenteils lahmgelegt wurde.
Der fuldaischen Grundsteuer fehlte von vornherein eine auch nur im groben befriedigende Wertfestsetzung des Grund und Bodens im einzelnen (Bonitie- r u n g) und eine Einteilung des Bodens in Klassen (Klassifikation). Die geschlossenen Güter wurden im ganzer! nach landesüblichen Preisen abgeschätzt, bei einzelnen Grundstücken der Wert nach dem Pacht- nuflommen ungefähr taxiert Freies Bürgcrgut wurde mit seinem vollen Wert znr Besteuerung herangezogen, bloß lehnbares zu % des taxierten Wertes, lehn- und zinsbares zu % desselben.
Von einer völligen oder zeitweisen Steuerfreiheit cnchält Hetzer das „Regulativ" noch das Nicksche „Gesvrach" etwas; und doch finden sich in den alten kaiasterartigen Aufzeichnungen außer den ganz freien fürstlichen Gebäuden und Domänen noch Güter, die nur in extraordinario contribuabel (in außerge- wöhnliehcn Fällen steuerpflichtig) waren. Dazu gehörten das „domkapttularische, proüsteiliche und des adeligen Convents volles Eigentum" und die Güter und Gebäude, die zur ursprünglichen Fundation (Aus- staitungi eines Stifts, einer Kirche oder eines Kloster? gehörten; aber die bisher genannten Güter waren mir steuerfrei, wenn ihre Steuerpflicht vor dem Eintritt in das angegebene Eiqentumsverhältnis nicht erwiesen werden konnte. Steuerfrei waren weiterhin noch die Stadtgebäude gewisser höherer Beanitcn und einige wenige Privatgedände, dir steuerfrei von der Landesherrschast erworben worden waren.
Das Gemeindeeigentum, oas an mehreren Orten sehr beträchtlich war. wurde in einzelnen Gemeinden besonders zur Steuer veranlagt, und die stcner daun nach dem Nutzungsverhältnis daran an die Berechtigten erteilt. In anderen Gemeinden folgte jedoch keine svezielle Veranlagung, sondern die Steuer war in dem Steuerbetrag des einzelnen Gutes mttein- bcgtisscn. In letzterem Fall mußte beim Ucbergang von G.meindeeigcutum an früher nicht Nutzungsbe- rcchtiatt der Erwerber steuerfrei bleiben, weil weder das auf dem Grundstück haftende Steuecquantum überhaupt, noch dessen Verteilung auf die Nutzungsberechtigten bekannt war.
Die Grundsteuerregister ivaren derartig dürslia und summarisch angelegt, daß sie mehr einer be- schrcibenden Heberolle als einem Kataster glichen. Dabei batte man von alters her Güterbcschreibungen mit rechtlichen u. ä. Verhältnissen und Flurkarten besessen, die man jedoch weiterzuführen unterlassen hatte. Die Bestandteile und Rechtsverhältnisse der einzelnen Güter waren aus den Grundsteuerregistern nicht zu ersehen. Nur der Name des Besitzers und das Steuer- objckt im allgemeinen („ein geschlossenes Gut", „ein Hiutersicdlergui" usw.) mit Steueranschlag und der darau? berechneten „Anlage" (Steuereinheit) waren angegeben. Tie Kirchen-, Pfarr-, Schul- u. ä. Güter waren überhaupt in den Registern nicht verzeichnet. Eine direkte Folge der mangelhaften Kataster war der schwankende Zustand des Hypotheken- und Wöhr- Ichast u cscns im Hochstist Fulda zu jener Zeit, wodurch dir Kredit des Grundbesitzes außerordentlich litt, ein tiicheil, das bis in die neueste Zeit uachgewirkt
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hat. In den Steuerregistern warm zudem Häuser und Hofraiten von dm damit verbundenm Grundstücken nicht getrennt aufgeführt. Die Veranlagung der Häuser in den Städten, ursprünglich schon fehlerhaft, wurde durch die Um- und Neubauten im Laufe der Zett nicht besser. In Fulda hatte man schon 1746 die Steueranschläge der Häuser eigenmächtig auf die Hälfte gesetzt und nur die Häuser in jüdischem Besitz in vollem Anschlag belassm.
Die Hauptsteuerberteilung erfolgte noch vor der Steuerveranlagung, somit ohne alle Kenntnis des Umfanges, Wertes und Ertrages der steuerpflichtigen Gegenstände in den einzelnen Aemtern. Die darauf folgende spezielle Steuervertellung hatte den Zweck, den Anteil der Landessteuerfteiheit, der auf jedes Amt fiel, so gut wie möglich unter die einzelnen Steuerpflichtigen zu verteilen. Dabei waren mehr die Ueber- einkunft als die Grundsätze des Regulativs maßgebend. Erschwert war die Verteilung durch die Ungenauigkeit der Größenangaben in den Katastern. Eine angemessene Vergleichung der einzelnen Aemter fand nicht statt. Die Folge dieses Verfahrens war einmal eine große Ungleichmäßigkeit der Besteuerung der einzelnen Steuerpflichtigen, abgesehen von der Schtvierig- keit der Steuerverteilung bei Parzellierung geschlossener Güter; sodann ein starkes Mißverhältnis in der Belastung der einzelnen Aemter, sodaß öfter schlechte Gemarkungen des einen Amtes höhere Steuern zahlten, als gute Gemarkungm des anderen Amtes.
Die Steuereinheit (fuldisch „Anlage", hessisch „Simplum") betrug von 100 fl Steuerkapital (Wert) 13 Heller. Die Zahl der jährlich erhobenen Anlagen richtete sich nach den Bedürfnissen. Vom Jahr 1741—1800 schwankte ihre Zahl zwischen 18 und 40 und betrug im Durchschnitt 26—27, von 1901—1809 durchschnittlich 36, seit 1810 jährlich 35)4 als ordentliche Steuer. Erhoben wurde die Steuer monatlich von der Gemeindebehörde in Verbindung mit den Gemeindeumlagen. Man unterschied daher eine Erhebungsund eine Lieferungsanlage Die letztere hatte die Gemeinde monatlich an das zuständige Amt abzuliefcrn. Für die Zahlung des vollen Betrages an die Amtskaffe haftete die Gemeiudekaffe.
Nimmt man den Reinertrag eines Gruud- stückes, wie das damals allgemein geschah, zu 5 Proz. des Wertes an, so beträgt die Steuer lei 27 Anlagen 1 fl. 27% xr, bei 36 Anlagen 1 fl. 57 xr. bei 35% Anlagen 1 fl. 55% xr. Dies bedeutet im ersten Fall nicht ganz 5/10, in den beiden letzten Fällen fast % des Reinertrags. Nun ist dabei zu beachten, daß bei Feststellung des Güterwerts im Fuldaischen beinahe % desselben als Vergütung für Grundlasten außer Berechnung blieb, sodaß für den ersten Fall die Steuer vom Gesamtgrundeiyentum in Wirklichkeit nur betragen hat etwa V10, im zweiten etwa Vle. Dies entspricht wohl im großen ganzen der Steuerhöhe im damaligen Kurhessen, wenn man überhaupt zwei Steuersysteme, die in ihrer Grundlage, der Feststellung der Güterwerte, so durchaus verschiedenen Prinzipien folgten, auf diese Art miteinander vergleichen darf.
P. Die Pest in der BorksvorsteNrmg rmd iu der Dichtung.
Das sündhafte des Fluchens liegt in dein unmotivierten Gebrauchen von Worten, die nicht um jeder Kleinigkeit willen gebraucht, nicht-in jede Kleinigkeit des Lebens hinabgezogen werden sollten. Solche Fluch- worte sind: Himmel! Hölle! Tod und Verderben! Satan! usw., kurz immer Worte oder Ausdrücke, die etwas undenkbar übermenschlich-großes, schreckliches besagen. Worte für alltägliche und gewöhnliche menschliche Dinge und Leiden kommen fürs Fluchen nie in Betracht. Kein Mensch stößt etwa den Fluch aus: Tisch! oder: Nachbar! oder: Regenwetter; Auch Krankheiten sind nicht unheimlich genug, um fürs Fluchen in Betracht kommen zu können; man flucht nicht: Influenza! oder Masern! oder Ziegenpeter!
Aber eine Krankheit gibt es, und zwar nur diese eine, die so ungeheuerlich, so schrecklich, so unausdenkbar fürchterlich ist, daß sie im Fluchwörterrepertoire einen hervorragenden Rang einnimmt: die Pest. Wen überliefe nicht schon bei der Nennung dieses Namens ein Frösteln und Schaudern! Wer, der auch nur die kümmerlichsten geschichtlichen Kenntnisse hat, bewahrte nicht in seinem Gedächtnisse, was er einst von dem furchtbaren „schwarzen Tod" gehört oder gelesen
hat, der in wenigen Jahren den vierten Seil der europäischen Menschheit dahinraffte! Kein Wunder, daß der furchtbare Eindruck davon Jahrhunderte lang im Volke nachhallte, kein Wunder, daß heute noch in katholischen Gegenden in manchen Orten besondere Pestprozeffionen veranstaltet werden, kein Wunder auch, daß die Künstler, von Albrecht Dürer (apokalyptische Reiter) bis Rethel und Böcklin die Pest als das Fürchterlichste dargestellt haben.
Gerade in unseren Tagen hören wir wieder Schreckenskunden von der Pest. In Ostasien ist sie auf dem Marsche und was darüber berichtet wird, läßt einen wieder unheimlich eindringlich die alte Wahrheit empfinden: mitten in dem Leben sind vom Tode wir umgeben. Sicher tritt nirgends die Macht der LebenS- vernichtung so reißend und zu gleicher Zeit so lautlos-still, und daher so unheimlich auf, wie in der Gestalt der Pest. Gegen sie ist wirklich kein Kraut, und auch kein Serifm gewachsen. Nicht einzelne tötet sie, sondern das ganze Volk ist in beständiger Lebensgefahr — ganze Städte werden in wenigen Tagen nahezu entvölkert; und nicht mit großer Aufmachung und Sann, wie etwa der Krieg, sondern lautlos schleichend, ohne daß der Mensch sie kommen sieht, ohne daß er sich ihr entziehen könnte, befällt sie den Hilflosen, und wen sie hat, der ist des Todes.
Dir oben genannte.: Künstler, Dürer, Rethel, Böck- lin, die Maler also, haben die Pest znm Vorwurf ihrer Werke gemacht, um das gräßlichste Verderben in seiner verheerenden Wirkung zu schildern.
Das Drama hat seiner Statur entsprechend den Beruf, die menschlichen Kräfte in ihrer Betätigung dar- zustellen, und zwar die geistigen oder wenn man lieber will, seelischen Kräfte des Menschen. Der eigentliche innere Wert eines Stückes hängt lediglich davon ab, wie und in welchem Grade der Eindringlichkeit die menschliche Kraftbetätigung zur Darstellung gelangt ist. Nun kann man aber Kraft nur durch Üeberwindung eines Widerstandes zeigen. Die Kraft, die ich zeigen will, muß ich an einer anderen „Kraft" messen, anders kann sie nicht in die Erscheinung treten. Der Held des Dramas muß irgend ein Hemmnis haben, gegen das er sich anstemmt, — nut so rann er zeigen was er kann.
Nun kann man sich schon denken, daß, wenn ein Dichter als Widerstand seines Helden die — Pest wählt, daß er dann eine Heldenkraft sondergleichen barfteUen will. Und in der Tat ist in der ganzen dramatischen Weltlittcratur wohl kaum eine kräftigere Gestalt gezeichnet worden, wie der Robert G u t s- kard von Heinrich v. Kleist.
Robert Guiskard, der Normannenherzog, ist gen Osten gezogen, um ein Kaiserreich zu erobern. Schon ist er vor der Hauptstadt Konstantinopel angetnugt, schon sieht er von seinem Lagerhügel aus die Zinnen der griechischen Kaiserstadt — da tritt ihm ein Feind entgegen, gegen den alle menschlichen Feinde nichts sind: die Pest bricht in seinem Heere aus. Schon drängt alle? mit Gewalt zurück nach „Italiens Him- metelüften", nur Guiskard, dec unvergleichliche Held hält die Verzweifelten zurück. Er selbst denkt nicht daran, sein Wollen auszugeben, ist vielmehr Tag u. Nacht bemüht, den Kranken zu helfen und die Leichen fork- zuschaffen. Da kommt das Volk, voller Ehrerbietigkeit vor dem übermenschlichen Helden, vor sein Zelt gezogen, ihn um Hilfe zu bitten.
„Wenn er der lieft nicht schleunigst uns entreißt, die uns die Hölle graulend zugeschickt, ,o steigt der Leiche seines ganzen Volks die Land ein Grabestzüget aus der See! Mit weit ausgreiiendeu Enlsetzeusschritte» gebt sie durch die erlchrockenen Scharen hin, und baucht von den geschwollenen Lippen ihnen de? Buiens Gistquafm in das Angesicht!" uiw. Im Zelte aber liegt Guiskard — selbst vom Pesthauch berührt. Er fühlt sich kraftlos, sein Innerstes erhitzt, wird von brennendem Durst geplagt. Auf die Frage seines Neffen, wie er sich fühle, entgegnet er: „Erträglich, obschon ich die Giganten rufen möchte, um diese kleine Hand hier zu bewegen." Und als seine Tochter ihm Linderung gegen die innere Hitze zufä- cheln will, sagt er: „Dem Aetna fächelst du, laß sein" Doch das hindert nicht,
„daß er nicht stets nach jener Kaiserzinue, die dort erglänzt, wie ein gekrümmter Tiger aus seinem offenen Zelt hm über schaut Maa sieht ihn still, die Karte in der Hand, Entschlich' im Busen wälzen, ungeheure, a.S ob er heut das Leben erst beträte."
Mer draußen wartet das Volk, die Kunde, er fühle sich nicht wohl, hat sich schon verbreitet, und so rafft er sich auf, um vor fein Volk zu treten. Jauchzender Jubel umfängt ihn, nun das Volk ihn nur steht, ist aller Jammer wett gemacht. Als dann ein Greis aus seine Frage von jenem Gerücht meldet, er selber sei vom Pesthauch angeweht, da reckt er sich lachend empor:
„Vom Pesthauch angeweht! Ihr seid wohl toll, ilir! Ob ich wie einer ausseb, der die Pest bat?
Der ich in Lebensfüll' hier vor euch stehe?
Der seiner Glieder jegliches beherrscht?
Des,' reine Stimme aus der freien Brust, gleich dem Geläut der Glocken euch umhallt? Das läßt der Angesteckte bleiben, das!
Ihr wollt mich, traun, mich Blühenden doch nicht ^binschlcppen zu den Faulenden auf's Feld?
Ei was! zum Henker, nein! Ich wehre mich — Im Lager hier kriegt ihr mich nicht in's Grab: In Stämbul halt ich still, und eher nicht!"
Zwar muß er zugeben, daß er sich etwas weniger lebhaft fühlt, als sonst, aber er macht es nicht einmal eine Unpäßlichkeit nennen-
„Hier diesem allen Scheitel, wißt ihr selbst, bat seiner Haare keins noch weh getan!
Mein Leib ward jeder Krankheit mächtig noch.
lind wär's die Pest auch, so versichr' ich euch: au diesen Knochen nagt sie selbst sich krank!"
Und weiter will er seinem Volke auseinander setzen, daß er gegtn alle Krankheit gefeit ist, da kann er sich nicht mehr aufrecht halten, und als ihm seine Tochter eine große Heerpaucke zuschiebt, finkt er sanft darauf nieder. Er ordnet noch an, daß seine ohnmächtig werdende Gemahlin ins Zelt gebracht wird und nimmt kann aus dem Munde des Greises die Bitte des Volkes um Rückkehr nach Italien entgegen.
Weiler hat Kleist das so unheimlich groß ansetzende Drama nicht führen können. Aus Verzweiflung bat« über ist er ein Jahr lang in aller Welt umhergeirrt, vetschiedenemale am Rande des Todes und, wie das Gerücht lautete, auch eine Zeitlang geisteskrank gewesen. Auch später hat er sich nie wieder an die Vollendung dieses genialen Werkes herangemacht. Aber wenn es so auch ein Torso geblieben ist, Kleists größtes Werk ist's barum doch.
Allerlei.
— Die Nattenvest nördlich von London. Die „Times'' bringt einen mehrere Spalten füllenden Bericht über das Rattensterben in East Anglia nördlich von London. Der Einschleppungshafen der Ratten- pest ist Jpsivich am Orwell River in der Grafschaft Suffolk. Drei hervorragende Aerzte haben das verseuchte Gebiet durchforscht und festgestellt, daß die dortigen Ratten zumieil den für die Uebertragung der Beulenpest auf den Menschen gefährlichen tropischen Floh, den Cerataphyllus fasciatus, beherbergen. Jetzt in der kalten Zeit sei die Sache, anders als bei der Lungenpest in der Mandschurei, noch nicht gefährlich. Die durch das sibirische Murmeltter übertragene mandschurische Lungenpest ist gerade im Winter so gefährlich, weil dann bei den Menschen die Luftwege angegriffen und für Ansteckung vorbereitet sind. Die durch den tropischen Flvh von den Ratten übertragene Haut- und Beulenpest aber b-eitet sich mit Vorliebe in der Hitze aus und erlischt in der kühleren Jahreszeit. Die englischen Aerzte befürchten daher einen Ausbruch der Beulenpest in dem verseuchten Gebiete nördlich von London für den Sommer und Herbst. Die Gefahr scheint umso größer, als hier bei den Höhen von Ost-Angeln zwischen den Grafschaften Tambridge und Bedford im Westen, Norfolk im Norden, Suffolk, Essex und Hertford im Osten und London im Süden in der guten Jahreszeit Tausende von Soldaten im Lager liegen.
— 15 Konkurrenz Au»jchreiben der Deutschen Gr» ftllschaft für christliche Knust. — Die Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst schreibt unter den ihr an« gehörigen Architekten einen Wettbewerb aus zur Erlangung von Entwürfen für kleinere katholische Kirchen. Speziell wird die Ausgabe gestellt, Kirchenprojekte für solche kleine Diasporagemeinden zu erfinden, welche mit größeren Scharen von Sommer- saison-Arbeitern zu rechnen haben. Die Projekt- ckizzen sind an die Geschäftsstelle der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst in München, Karlstr. 6, bis zum 15. April 1911, abends 6 Uhr. einzu- teuden. Die Unterlagen können von genannter Geschäftsstelle kostenlos bezogen werden.
5)'e weiße Lilie Bom feiioiee.
Roman von Erich Friesen.
5.
vVu ircitcii. spärlich erleuchteten Treppenflur eines «erGun.-i «n, schmucklosen HauseS in der Bis Fla- ''m a Rom, über welchem in großen vergoldeten rittMui.i, „Santa Agata Krankenhaus" steht, befin- LKV c>» Hcrr mit einer der Pflegerinnen in hastig g-flu'!crlem Gespräch.
^ftkttch, Schwester — so schlecht steht es mit fragt soeben der Herr mit gr igesplel-
Schwester nickt.
nidit ga.'lk ^ir,ilore- Der Doktor sagt, wenn übeiicl’cn * " geschieht, wird sie kaum die Nacht
nes'«'ff/ !>ch doch das kalte Gesicht des Man-
Patientin sehen?" audt die Achseln.
*«««, sätf-bO* Stationsarzt fragen. . Ihr »Arturo Romano." n nnft.*
Schwester trifft dm'elegante"^*" sanften Augen der Rainen aus den Sie kennt den
Und schon bufÄ ^er Kranken.
«en Lautlosigkeit davon “ blt bcn Pflegerinnen etge- Unruhig geht der Mann in r
len Gang auf und ab. Die kali-'m 1<an9?n> halbdunk- Ueberleaenheit, die sein gan^->s die vornehme »en, haben ihn verlassen $efen Ht kennzeich- ßi ist sich nicht klar darüber, was ibn mta ki t
»-wohnten Gleichgewicht gebracht: MitleidenmU^'" Todkranken die dort drinnen in einem bet nein,“ Schmerzenslager liegt? . . . Oder ■ ^oung, das m seinem flatterhaften nurrfit nnr h9C& lCbcn? ' • ' Oder eine unbestimmte vurmt vor dem. was nun kommt? . . . '
Vielleicht alles zusammen.
Jehl kehrte die Krankenpflegerin zurück. Schweigend winkt sie dem Herrn, ihr zu folgen.
Dann öffnet sie leise eine Tür, laßt ihn eintreten und schließt die Tür wieder hinter ihm.
Arturo Romano blickt sich in dem halbdunklen, nur durch eine Nachtlampe spärlich erhellten Raum um.
Zuerst vermag er nichts zu unterscheiden.
Dann gewahrt er an der einen Wandseite ein eisernes Bettgestell, auf dem eine Frauengestalt liegt.
Zögernd tritt er näher und betrachtet das bleiche Gesicht.
Zwei dunkelrote Fieberflecken brennen auf den schmalen Wangen. Das ehemals so üppige Locken- Haar ist kurz geschnitten. Die Augen sind geschlossen. Unruhig bewegen sich die abgemagerten kleinen Hande auf der Bettdecke hin und her.
Ein seltsames Gefühl beschleicht den Mann.
Ist diese stille, vom Tode bereits gezeichnete, fast bis zur Unkenntlichkeit abgemagerte Gestalt wirklich Mercedes? Die muntere, jugendfrische, leidenschast- durchglühte Mercedes, die er vor wenig Monaten gekannt und — geliebt? . . .
In diesem Augenblick schwinden Selbstsucht, Leichtsinn, Zynismus — alles, was das Herz dieses egoistischen Lebemanns sonst gegen jedes wärmere Gefühl verhärtet.
Nur Mitleiden bleibt übrig — Mitleiden und eine Art Scheu vor etwas geheimnisvoll Grausigem, Unfaßbarem.
Wie von einem Magnet angezogen, öffnet die Kranke plötzlich die Augen.
„Arttirol* zittert es über die fieberheißen Lippen — kaum hörbar, aber voll solch tiefen Glücks, daß der Mann erschauert vor dem, was er diesem Mädchen angetan.
Schweigend zieht er einen Stuhl heran und faßt ihre beiden Hände.
„Ich mußt' es ja--Du würdest wiederkommen
--mich nicht verlassen —* flüstert sie aufgeregt — „Du weißt ja--wie ich Dich liebe — daß Du
mein einstiges Glück — auf dieser Welt bist — —
um Deinetwillen hab' ich ja — mit meinem Bruder gebrochen — — er sagte, als Du auf einmal nicht wiederkamst, Du--Du wärst ein schlechter Mensch
und hättest--- nur mit mir gespielt--und da
wurde ich krank vor Angst — — o, so krank--"
Erschöpft sinkt ste in die Kissen zurück, aus denen sie sich in ihrer Erregung erhoben.
Er will etwas sagen; doch kein Wort kommt über seine Lippen.
„Nicht wahr —“ beginnt die vor Schwäche und Aufregung heisere Frauenstimme aufs neue — „nicht wahr, Du bist gekommen, um — — Dein Versprechen einzulösen und mich zu---zu Deiner Fran
zu machen?"
Angstvoll suchen die übergroßen schwarzen Augen die feinen, da er unwillkürlich den Blick zur Seite gewendet hat.
„Nickt wahr, es ist doch so?" wiederholt sie in namenloser Angst seine Hand mit ihren abgezehrten Fingern wie ein Schraubstock umspannend „Sag ja! Ja!! . . . Arturo! Sag ja!!!"
Er zögert noch immer.
Dieser Mann, dem sonst die Lügen so locker auf der Zunge sitzen — im Angesicht der Majestät des nahenden Todes will ihm die Lüge nicht über die Lippen.
„Sag — ja!" fleht die Todkranke.
Da rafft er sich auf.
„Ja!" schallt es hart, kalt durch den oben Raum. Schwör es — — bei Gott dem Allmächtigen!" Er erschauert . . . Und aufs neue schwankt er. Doch ein Blick in das vom Tode bereits gezeichnete Gesicht da vor ihm auf den Kissen und — —
„Ich schwöre!" kommt es seltsam heiser über seine Lippen.
Ein tiefer Seufzer entringt sich Mercedes' schweratmender Brust.
Rasch hält die Pflegerin, die inzwischen wieder eingetreten, ein Glas Wasser an die heißen trockenen Lippen. Gierig schlürfen sie den erfrischenden Trank.
Dann sinkt der Kopf in die Kiffen zurück.
Die Kranke schläft.
Den — Todesscklaf? . , ,
So denkt Arturo Romano, im Anblick des wachsbleichen stillen Gesichtes.
Leises Klopfen an der Tür.
Der Kopf einer andern Pflegerin lugt durch die Spalte.
„Schwester Benedetta — ein Herr wartet im Sprechzimmer, der die Kranke zu sehen wünscht. Er sagt, er fei der Bruder und käme direkt von Lissabon!"
Schwester Benedetta nickt.
„Ich werde den Doktor fragen. Bleiben Sie so lange hier. Schwester Ursula!"
Und sie verläßt das Zimmer.
Arturo Romano ist aufgefürungen bei der leise geflüsterten Unterhaltung, die er in ihren wichtigsten Punkten verstanden: der Portugiese, fein Todfeind, der ihm gedroht, er werde ihn züchtigen wie einen Hund, sobald er ihn aufgefunden--er hier? In
seiner Nähe, . . . Zum Kuckuck auch!
Hastig murmelt et ein paar Worte der Entschuldigung nach der Stelle hin, wo Schwester Ursula Wache hält.
Dann verläßt auch er, nach einem letzten scheuen Blick auf das stille Gesicht hort auf dem Lager, das Zimmer.
Am fotgenben Morgen schon reift Arturo Romano Uneber ab — hastig, in einer Art Flucht, ohne sich in bas Stcaßengetümmel Roms hineingewagt zu haben.
Zuerst wollte et noch einmal im Santa Agata- Krankenhause Nachfragen.
Der Toten ist ja doch nicht mehr zu helfen! Wozu soll er sich mutwillig bet Rache ihres Bruders auS- setzen? . . .
G.
Mit Bangen harrt inzwischen die „weiße Lilie vom Gardasee des nächsten Tages, an welchem Graf Alt- Hoss Rappen ihr aufs neue Modell stehen soll.
Wie oft fragte sie sich während der Nacht, ob der wnge Graf selbst das Tier ihr zusühren ober ob er bem Reitknecht überlassen werde.
iFottsehuna folgt.)