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Sotationrdrnüund Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.
33. Erstes Blatt.
Fulda, Freitag Den 10. Februar 1911.
38. Jahrgang.
bett, sort- d er
Deutscher Reichstag
Sitzung vom 9. Februar 1911.
sinnten Arbeiter der Kontrolle der sozialdemokratischen Femrichter, dem Verruf und Boykott preisgeben.
Daß bei einer geheimen Abstimmung die sozial- demokrattsch verhetzten Massen nicht die Herrschaft der Städte an sich reißen, ist ja durch die Klassenbildung bet den Kommunalwahlen genügsam ausgeschlosien. Die Gefahr eines übermäßigen Einflusses der sozialdemokratischen Stadtverordneten kann sich höchstens da einstellen, wo der Liberalismus mit der Ilmsturzpartei Bündnisse eingeht. Im Westen haben sich ja leider Ansätze der kommunalen Großblockpolitik gezeigt Gegen solche Verirrungen der Partelleidenschast und des konfessionellen Hasses könnte die Beibehaltung der öffentlichen Stimniabgabe auch nichts helfen. Im Gegenteil, es hat sich schon mehrfach gezeigt, daß in solchen Fällen die Kontrolle der Stimmen zu einem doppelten Terrorismus führt: Der Einfluß der gro- ßen Arbeitgeber und der Honoratioren wirkt dann in derselben Richtung, wie der Einfluß der sozialdemokratischen Machthaber, so daß die abhängigen und furchtbaren Wähler wider Willen die Großblockkandidaten wählen müssen.
Man redet so viel von „Gewissensfreiheit", wo gar kein Zwang vorliegt. Hier schafft die öffentliche Stimmabgabe einen lvirklichen Gewissenszwang für viele tausende von Bürgern, und es ist einer Kulturnatton wahrlich nicht würdig, so unwürdige Zustände auftecht zu erhalten.
Bei dm Kommunalwahlen kommt noch ein Gesichtspunkt in Betracht, der bet den politischen Wahlen sich weniger geltend macht. Der kommunale Wahlkampf spielt sich in einem kleinen Wahlbezirk ab unter Per- sonm, die in lebhaften persönlichen Beziehungen stehen. Man kommt in die Lage, gegen einen Mann stimnien zu müssen, den man wegen seiner sonstigen Eigenschaften schätzt, wenn man ihn auch nicht für den geeigneten Vertreter tm Stadlverorv- netenkollegium halten kann. Die Versagung der Stimme wird vielfach als eine persönliche Kränkung empfunden und erschwert den weiteren Verkehr, den man pslegm muß und vielleicht auch gern Pflegen will. Die geheime Stimmabgabe schaltet sofort die sämtlichen verwirrenden Einflüsse persönlicher und gesellschaftlicher wie geschäftlicher Natur vollständig aus und beugt den Aergernijsen, die sich aus Wahlkämpfen ergeben können, in dankenswerter Weise vor.
Es liegt kein stichhaltiges Bedenken gegen den Antrag vor. Ob er die Mehrheit im Parlament findet, sst freilich noch zweifelhaft, und noch zweifelhafter ist die Zustimmung der Staatsregierung. Vielleicht wird erst ein wiederholter Tropfen den Stein höhlen.
Das Zentrum erwirbt sich jedenfalls ein Verdienst durch das Anschneiden dieser Frage, die bei der Ausdehnung der Rathaus-Kompetenz immer Wichtiger wird.
[] Sozialdemokratischer Götzendienst.
lieber nichts macht sich die Sozialdemokratie mehr lustig, als über den Personenkultus der „Bürge» lichen". Wie sehr sie Veranlassung hat, vor der eigenen Tür zu kehren, dafür ist die Beerdigung Singers ein sprechendes Beispiel. Seit Singers Tod füllen Artikel über ihn jede Nummer des „Vorwärts", und der Bericht über seine Beerdigung allein umfaßt 11 durchgehende Spalten dieses Blattes.
Singer hat zweifellos als Parlamentarier und Stadtverordneter in Berlin sich im sozialdemokratischen Sinn eine Reihe von Verdiensten erworben. Daß er aber ein besonders hervorragender Mann gewesen sei, werden wohl seine blindesten Anhänger nicht behaupten. Es fehlte ihm die Schärfe des Verstandes, die Liebknecht auszeichnete, es fehlte ihm der Humor, durch den Auer seinerzeit die widerstrebenden Parteielemente bezwang, es fehlte ihm das vulkanische, leidenschaftliche Temperament Bebels, das so hinreißend auf die Massen wirkte. Immerhin war er eine markante Erscheinung des politischen Lebens, und Wenn die Sozialdemokraten in dankbarer Erinnerung für das, was er für sie getan, den Toten ehren, so ist dagegen nichts einzuwenden. Diese Ehmngen aber haben sich zu einer Demonstration von solcher Großartigkeit entwickelt, wie sie Berlin seit dem Tode des alten Kaisers Wilhelm wohl noch nicht gesehen hat. AuS allen Weltteilen waren die Deputationen der Genossen herbeigeströmt, ganze Straßenzüge Berlins waren von Menschenmassen derartig bevölkert, daß diese riesenhafte Menge sich staute und keiner mehr rück- noch vorwärts konnte. Die Zahl der Kranzspenden war Legion, kurz man sagt nicht zu viel, wenn man behauptet, einem regierenden Fürsten können kaum größere Ehmngen an seinem Sarge zuteil werden, als es dem Abg. Singer beschieden war.
Die Sozialdemokratie wendet sich höhnisch gegen jeden Heroeukultus und dennoch treibt sie an her Bahre ihres Führer? den reinsten Götzendienst. Ihr Führer Liebknecht hat sich nicht genug tun können an der Verhöhnung der Götzendiener und Bal-Anbeter, und die Sozialdenwkraten winden sich am Grabe Singers in Verzückung wie die fanatischsten Buddhistenbonzen.
Singer war ein Mann, der die Ration niemals und nirgends durch Nacht zum Licht geführt hat, der sie niemals aus drohenden Gefahren zur Sicherheit des Hafens führte, der nur in Parteiversammlungen
Beweis für den lächerlichen Widerspruch, in dem sie sich bewegen.
Noch zu einer anderen intereffanten Feststellung gibt das Begräbnis Singers Anlaß. Die Berichte der liberalen Presse über das Begräbnis zeigen, wie Ne Abhängigkeit des Berliner Liberalismus von der Sozialdemokratie zu einer wahren Liebedienerei der liberalen Presse vor der zum Großblock nötigen Sozialdemokratie führt. Die Beiwörter machtvoll, ungeheuer, imposant, übenuättigenb, ergreifend, großartig überstürzen sich. Das „Berl. Tageblatt" spricht von dem braven, wohltätigen Menschen, dem guten Berliner Bürger, den man zur letzten Nutze trug. Vor Mehrings weißbärtiger hagerer Gestalt 'verbeugt sich das Blatt besonders. Die „Morgenpost" dagegen besingt Stadthagens Puttkamerbart, der wie eine Fahne im Winde geflattert. Nur eine Probe aus ihrem Stimmungsbild:
„In schier unendlicher l'änge kroch die schwarze Schlange des Zuges durch die Straßen. Menschen, Menschen, Menschen! Tausende, Tausende, Tausende! Lautlos, schweigens, ernst, geduldig, die Männer in überwältigender Majorität. Aber _aud) viele Frauen und Kinder. Immer Fünf und Fünf. Unabsehbare, unerichöpsi che, unaufhörlich nachdrückende Mengen. Ganze Städte, ganze Heerzüge, ganze Völkerscharen. Als wandere ein ganzes Land aus. Alles dunkel ge- tleidet. Jedes Wort, jerer Wink der Ordner wird tm Nu befolgt. Alle fühlen sich mitverantwortlich. Em- zelne Schilder und Bonner ragen auf. Aber nur in Abständen von Viertelstunden. Sonst unterbricht nichts den gleichmäßigen Strom der Massen, Massen, Massen! Dann rauscht wieder die rol-grüne Flut der Kranze vorüber; man will ihrer tausend gezählt haben, aber das reicht sicher nicht. Dann lommt der Wagen, mit Hut ab begrüßt. Und wieder Massen, Massen, Massen! Man erinnert sich noch an Liebknechts Lelchenzug und stellt fest, daß die Zahl der Teilnehmer noch weit gewaltiger, unendlicher, imposanter ist als damals."
In der „Welt am Montag" feiert Gerl ach den verstorbenen Singer als den Willensstärken Idealisten mit dem warmen Herzen und dem kühlen Kopf. Kurz, wenn man die Berichte der liberalen Presse und ihre Nachrufe für Singer liest, könnte man meinen, es sei einer der großen liberalen Führer zu Grabe getragen worden.
Jf Die geheime Wahl der Stadtverordneten
ssk vom Zentrum im Abgeordnetenhause beantragt 'worden.
Diese« Antrag ist sehr zeitgemäß. Er bildet die Ergänzung zu den bekannten Bestrebungen des Zentrums auf Einführung der geheimen Abstimmung in das preußische Landtags wahlrecht. Diese Bemühungen haben bisher einen vollen Erfolg noch nicht gehabt, da der betreffende Gesetzentwurf an einem andern Punkte vorläufig gescheitert ist. Aber
Deutsches Reich.
** Berlin, 9. Febr. 1911. Der Bundesrat hat dem vom Reichstag angenommenen Entwurf eines Zuwa chssteuergesetzes zugestimmt. — Das Staatsministerium trat am DonnerS- lag zu einer Sitzung zusammen. — Der König von Sachsen ist am Donnerstag wohlbehalten in Port Sudan eingetroffen.
• Die Erkältung des Kaisers verläuft regelmäßig. Der Kaiser ist fieberfrei, muß aber noch einige Tage das Zimmer hüten.
Der Reichstag war gestern am vierten Tage der Debatte über das Gerichtsverfassungsgesetz bei dem entscheidenden Punkt angelangt. Es handelte sich um die Besetzung der Strafkammern. Bekanntlich hatte sich die Regierung selbst veranlaßt gesehen, durch ihren Entwurf auch die Laien zu diesen Gerichten heranzuziehen. Damit hat sie, wie sich auch gestern bei der Debatte ergab, bei allen Parteien mit Ausnahme der Konservativen vollen Ersola gehabt. Em Teil des Zentrums und die gesamte Linke waren aber der Meinung, daß der heilsame Einfluß des Laien- elements in der Rechtspflege noch mehr gestärkt werden müsse, und verlangte, daß auch die Berufungsinstanzen mit Juristen und Laien besetzt werden müßten. Die Regierung ist überaus zähe in ihrem Widerstand gegen diese Forderung. Unannehmbar, unannehmbar, so tönte es vom Re- gierungstische, und das Scheitern dieser ganzen Strafprozeßreform wurde als unbedingte Folge der Annahme der laiensreunvlichen Anträge angelündigt. Die Abstimmung findet erst heute statt.
s. Die Budgetkommifsion des Reichstages verhandelte auch am Donneislag vor allem übet die Frage der Kostendeckung der neuen Mili- t ärv orlage. Dabei proklamierte der Staatssekretär wiederholt den Grundsatz „feine neuen Ausgaben ohne Deckung". Unter Voraussetzung strenger Durchführung der Sparsamkeit in allen Refforts erllärt der Schatz'ekreiär bie Durchführung der Heeresvmlage für durchaus möglich und nach menschlichem Ermeffen fichergestellt. Die Verteilung der Mehrkosten auf die einzelnen Jahre müsse sich aber nach der jeweiligen Finanzlage richien. Bei der Belatung des § 2 der Heeres» Vorlage wurde die Herabsetzung des Etats bei bei einem Teil dec Infanterie und die Umwandlung 23 reitender Batterien in fahrende beklagt. Der Kncgeminister erklärte jedoch durch die Finanzlage zu dieser Maßnahme gezwungen zu lein, aber auch die Verantwortung dafür tragen zu können. Die geforderten 87 Maschinengewehr» Kompanien (eine Kompanie pro Brigade) wurden b willigt.
a. Die Reichtvelsicherimgskommtjsion behandelt zur Zeit die B.stlmmungcn über die Renlenfest» setzung und den Instanzenweg bei der Unfallversicherung. Die Bestimmungen über Besch.id und Vorbescheid gaben dabei zu erheblichen Meinungs- verschiedeuheiten Anlaß. Jetzt haben sich die Rechte, das Zentrum und die Nattonallideralen auf einen Kornpromis antrag geeinigt, der für die Rentenfest» stellnng eine völlig neue Regelung trifft.
a. Tie Kurpsirschrreikommission des Reichstages hat den gtunöle erde» § 1 mit einigen Abänderungen angenommen, nachdem der Antrag Faßbender zuru - gezogen worden war. Angemnmen wurde dazu ein Antrag des Zentrums, daß als gewerbemaßig im Sinne des Gesetzes eine Behandlung nicht anzu- jehen ist, wenn der dafür entrichtete Betrag enr- fprechend der Erttärung des Behandelnden ausschließlich und nachweisbar für wohltätige Zwecke
den Vorsitz hatte, der im Reichstag zum Postetat und zur Geschäftsordnung sprach und in den geschäftlichen , ,............ __________________„ Unternehmungen der Partei sich als ein tüchtiger weit»
dig erscheinen'lassen7geltcn'aiich für die Ausübung des ; schauender Kaufmann bewährte. Und nun diese über» kommunalen Wahlrechts. Früher galt die öf-> schwänglichen Ehrungen. Sie erscheinen in einem um sentliche Stimmabgabe als ein wichtiges AvWehrmit- so krasseren Lichte, wenn man damit die joziaidemo- tel gegen die Sozialdemokratie. Inzwischen hat sich ; statische Welt- und Lebensanschauung mrgleicht. Nach aber gezeigt, daß die Sozialdemokratie in den Städ- \ ihr gibt es keine Unsterblichkeit der Seele, nach ihr len, wo sie eine erhebliche Anhängerschaft besitzt, die i hört alles auf in dem Augenblicke, da die Seele aus Oeffenllichkett der Abstimmung als ein Kainpsmit- dem gebrochenen Körper enlflvh. Demnach hat der te I zu ihren Gunsten ausnutzt. Der Ter- tote Körper auch keinen Verehruugswett mehr und r o r l s m u 8, den die Umsturzpartei bei den Land- s kann ihn nicht haben. Er sst gleich zu achten jedem tagswohlen in Berlin mit Erfolg versucht hat, muß beliebigen Tierkadaver. Die Seele ist ausgelöscht und doch alle Vernünftigen Mitglieder sämtlicher bürget» j zerflattert in ein Nichts. Bei dieser Weltanschauung kicher Parteien davon überzeugen, daß die Ordnungs-' hat der Totenkultus natürlich keinen Sinn. Und wenn Parteien eine selbstmörderische Taktik betreiben, wenn die Sozialdemokraten diesen Totenkult dennoch in so sie den gewerblichen Mittelstand und die staatstreu ge-: überschwenglicher Weise treiben, so ist das nur etn
ein moralischer Erfolg von größtem Wette liegt bereits vor, da es nach dem Gange der bisherigen ^Beratungen und den Beschlußfassungen im Parlament Hne ausgemachte Sache ist, daß ein neuer Ankauf zur Wahlresorm von der geheimen Absttmmung 'gusgehen muß. .
Dieselben durchschlagenden Gründe, die für die Freiheit und Ehttichkell der landespolttischen Abstimmung den Schutz des Wahlgeheimnisses notiuen»
Abg. Stadthagen <Soz«alb.) begründet den Antrag Albrecht.
Abg. Müv«r-Melnmgen (Volksptt beklagt, daß die Regierung stets bei der Hand ist, Fortschrillen auf dem Justrzgebiel« ihr „Unannehmbar" enigegenzuhalten. Das Haus möge sich diesmal nicht durch ein Unan« pehmbai abschrecken lassen und dem Botte eine engere Teilnahme an der Rechtsprechung ermöglichen.
Staatssekretär Lisco: DaS ganze Geschick des Entwurfes hängl von der Gestattung des g 77 ab. «Hört, hört!) Gegen die Zuziehung von zu vielen Laienrichtern spttcht bet Umstand, daß unsere Bevölkerung mit ehrenamtlichen Berufen, wie Vormundschaft, Watsenrat, in kirchlichen und reltgtöjen Organisationen überreich belastet ist. Die Bewertung deS LaienelementS in der zweiten Instanz dürfte auch anders ausfallen als in erster. Mil Annahme der Anträge würde die ganze Vorlage sür uns unannehmbar sein.
Die Adgg. Bahrenhorst (Resormp.) und Graef- Weimar swirtfch. Veiemig.) erklären sich namens ihrer Palleten gegen die Vorlage.
> Preußischer Justizmunfter Besrlrr vertritt die Ansicht, daß die Laien wohl zur erileu Instanz hinjuge- zogen werden lönnten, daß ihnen aber die juristischen Kenntnisse völlig abgehe«, um in der Berufungsinstanz ersprießlich Mitwirken zu können und bittet ebenfalls UM Ablehnung bei Anträge.
Adg. Werner (R»,ormpattri) tritt für den Antrag Gröber ein.
Inzwischen ist tüt Antrag Mayer-Kaufbeuren (Zentr.) eingegangen, wonach bte Strafkammern in ber Bernfsinstanz mit zwei Berussttchtrrn unb 3 Schöffen zu besetzen sinb.
Abg. Wellftetn sZentr.i: Wie immer sind die Juristen geleUier Meinung. Dl« Ausführungen des Minsstels unlerfchreid« ich Wort für Wort. Bei der Zuziehung ber Laun in bie Berufungsinstanz ist größte Vorsicht vonnöten. Wenn behauptet wirb, die Unzufriedenheit mit ver Rechtsprechung der Strafkammern rühre daher, weil leine Laienrichter bei den Entscheidungen milwittten, so könnte man mit demselben Rechte verlangen, daß auch zum Reichsgericht das Laienelement zugezogen wird. Nun ist man aber mu den Gnticheidungen des Reichsgerichts doch tm allgemeinen zuixieben.
Abg. Wölzl inatL); Man darf die Mitwirkung des Laienelemeuts nicht überschätzen, obwohl es sich bet den Schwurgerichten durchaus bewährt Hal.
Rach weiteret unerheblicher Debatte wirb ein Antrag auf Schluß ber Debatte angenommen.
Di« zu § 77 beantragte namentlich« Abstimmung Wirb zu Beginn der morgigen Sitzung stattfindrn.
Freitag! Fortfetzung.
fH« zweite Beratung des Gesetzentwurfes tfcnbeimtg be8 GerichrSverfaffungsgesetzeS, wird gesetzt bei g 77, der dir Zusammensetzung Strafkammern enthält. Nach der Kommissions- fassung sollen die Slrastammern, die in der Hauplver- handlung rntscheibrn, aus zwei Richtern und drei Schöffen zusammengeietzt sein. Die Berufungsinstanz soll allein aus biet Richtern bestehen. — Em Antrag Gröbei und Müllei-Meimngen wollen in erster uno »weiter Instanz bte Kammer mit zwei Richtern und drei Schöffen besetzen. — Ein sozialdemokralischer Antrag steht in der ersten Instanz einen Richter unb vier Schöffen vor.
Abg. Wagner-Sachsen (tonf.): Meine Freunde sind in dieser Frage geteilter Meinung. Die Berussrichter haben trotz aller Angriffe Vertrauen in weiten Kreisen des Volkes. Für die Berusungsinftanz die Jnslitutron der Schöffen und Richter zu schaffen, geht Nicht an.
Abg. Dk. Gröber (Zentt.): Es handelt sich hier hauptsächlich darum, ob man Laien auch in der Berusungsinftanz zuziehen soll. Der Wett der Zuziehung der Laien zu der Berufungsinstanz ist selbst von ber Regierung anerkannt unb es kann sür die Ausschließung der Laien von der Berufungsinstanz picht der Grund ins Treffen geführt werden, es seien picht genügend Laien vorhanden. Warum frage ich. Will dann die Regierung die Lehrer aus> chließen? '(©ehr richtig!) Da bei ben Mili ar- unb Berufsgerichlen Laien schon längst in ber «erusungsuislanz mutten, kann die Regierung einen stichyattigen Gegengrund picht mehr beibringen. Eine ungeheuere Verschleppung bringt die Vorlage dadurch, daß statt bisher 5 nur 3 Berussrichter der Sirastammer angehüren sollen. Ich bitte Sie, meinem Anträge zuzmiimmen, der sür die Berusungsinftanz bte Slrastammer in berfelben Besetzung wie sür bie Haupiverhanblung fordert.
Abg. Bafferman« (nl.) spricht sich ebensaks für die Zuziehung des Laienelements in der Berusungsinftanz
Verwendung findet. Die Begründung dieses Antrages bezog sich besonders auf das Wirken des Pfarrers Kneipp.
a. In der Budgetkommifsion des Abgeordnetenhauses erklärte bei der Besprechung des Eilenbahnetats der Eisenbahnminifter, daß eine Erhöhung der Beamt enge hä i ter in der nächsten Zeit mit Rücksicht auf die lürzlich ftattgefunbene Regelung nicht zu erwarten sei, wohl aber stehe die Rotwendigk.it der Erhöhung der Arbeiterlöhne bevor, die auch von Abgeordneten gefordert werde. Weiter erklärte der Eisenbahnminifter hinsichtlich der Fahr- kartcnsteuer, daß nach Ansicht der preußischen Essen- bahnvetwaltung eine Aenderuug der Fahrkartensteuer erfolgen müsse. Es sei beabsichtigt, dem neuen Reichstag eine Vorlage zu machen. Was die Frage der Elektrisierung anlange, so würden jetzt zwei Versuche gemacht mit der Elektrisierung einer Flachbahnlinie und einer Gebirgsstrecke.
ns. Die 12 hanpiversammlung des preußischen Lan- desökonomielollcgiums sand am Mittwoch im Brandenburgischen Provmziallandeshause in Berlin statt. Es beschäftigte sich mit der Einrichtung von . Betriebsmusterwittschaflen, mit der Vermehrung deS kleinen und mittleren Besitzes und mit der Förderung der Besiedelung kulturfähiger Moore und Heiden. Der Kaiser wird, wenn er bis dahin das Zimmer, das er jetzt hütet, wieder ver affen kann, einer Sitzung des deutschen Landwirtschaftsrats wie alljährlich beiwohnen.
)( Die Schiffsahttsabgaben machen der Regierung sehr viel Schwierigteilen. Jetzt soll sogar eine Studienfahrt der zuständigen Reichstagskommission auf dem Rhein veranstaltet werden.
+ Ein Mittclstandsbund für Deutfchland. Bon Sachsen, insbesondere von Leipzig aus, sind seit geraumer Zeit Verhandlungen zwischen den verschiedenen Mittelstandsvcreinigungen Deuljchlands angeknüpst worden, die einen Zulammcnschluß zu eine n Mittelstandsbund für ga >z Deutschland zum Ziel haben. Die Verhandlungen sind soweit geiöröert worden, daß die Gründung des Bundes noch im Laufe deS nächsten Monats erfolgen kann. Sämtliche größeren Mittelstandkvereinigungen und Hand« Werkerorganisationen haben ihr Einverständnis bekundet. Di« Gründungsversammlung wird in Magdeburg stattfinden.
)( Tie sozialdemokratische Fraktion hat an Stelle deS verstorbenen Abgeordn len Singer den Parteisekretär Molkenbuhr, den früheren Hamburger Zigarrenarbeiter, als Vorsitzenden gewählt.
Aus der katholischen Studentenschaft läßt sich die liberale „Köln. Zeitung" In ihrer Nr. 136 über vier Spalten schreiben. Die „Kölnische Zeitung" Inter» essiett die Tatsache, daß „man (auf katholischer Sette) der Heranwachsenden akademischen Generation nicht mehr ganz sicher ist." Mit der Bescheidenheit, welch« die liberalen Bildungsphilister von jeher gegiert hat, erklärt sie das „mangelnde Verständnis der katholischen Studenten für bie Ideen des „Klettkalisnnrs": „ES ist im katholischen Studentum nicht anders wie im deutschen Katholizismus überhaupt, soweit er auf Bildung und Intelligenz und einiges (wie gnädig! D. Red.) urteilsfähige Denken Anspruch macht." Eine Krokodilsträne int Auge rasch zerdrückend, bringt daS Blatt eS fertig zu schreiben:
„Das Sehnen nach Uebexbrüduna der konfessionellen Gegensätze, die leider (nicht ohne Mitschuld der K. Z. Di« Red.) gnad« in unferm Vaterland« so ungemein scharf sich gellend machen . . . macht sich in den denken» den Kreisen des deutschen Katholizismus, vorab in der tatdolrschen S-udentenlchast, immer mehr geltend. Bereits vor einigen Jahren vereinigte etn Antrag, das Katholizilätsprmzto abzulegen, im C. V. ber färben» tragenden kaldoltichen Studenlenve>bindungen eine Reihe von Summen auf sich, unb etn Bericht bes Vororts der nichtfarbenlragenden katholischen Studenten« vereine vom Juli 1910 rechnet gleichfalls mit der Möglichkeit der Stellung des Verbandes auf eine allgemein« christliche Gxundlage."
Die „Köln. Ztg." macht hier aus Mücken Elefanten. Sie muß selber eine Spalte weiter gestehen, daß „die eben gezeichneten Bilder aus der katholischen Studentenschaft keine solchen sind, die allgemeine Gültigkeit haben, es sind eben nur Stimmungsbilder, die jedoch die hoffnungsvolle Aussicht auf eine bessere Zukunft entschleiern." Schaben die Liberalen immer gehofft, und noch immer sind sie enttäuscht worben! Wir haben zu der übergroßen Mehrheit der katholischen Studentenschaft daS beste Vertrauen. Andererseits dürfen wir aber auch nicht verschweigen, daß unsere heutige katholische Studentenschaft von dem ewigen Lamento der liberalen Blätter teilweise nicht unbeeinflußt geblieben Ist. Mancher hütet sich mit wahrer Aengstllchkert, fein Interesse an öffentlichen Dingen kundzutun. Wir for- bem nicht, daß die katholischen Studenten parteipolitisch tätig sind, wenn zwar die Gegner darin absolut nicht engherzig sind (siehe Labiau-Wehlau, wo die freifinnigen Studenten zu Hunderten agitiert haben). Aber was man erwarten muß, ist Interesse u n d Studium der Politik. Am vergangenen Montag Wurde das Thema Student und Politik in einer Versammlung der Freien Studentenschaft in Berlin erörtert, in der die Abgg. Dr. Maurer, ®r. v Liszt und v. Kardorff als Referenten sprachen Trotz eini- gcr Meinungsverschiedenheiten fischen dem konserva tiven und den liberalen Rednern herrschte schließlich Uebereinstimmung darin, daß der deutsche Student, dessen Beruf es sei, ollen Erscheinungen des LebenS mit aufgeschlossenem Verständnis gegenüberzutreten, selbstverständlich -auch an den politischen Dingen nicht interesselos vorübergehen dürfe. Das Studium der politi'chen Einrichtungen bringe aber, abgesehen von dem daraus für die Zukunft zu erwartenden Segen für das vvlitische Leben in Deutschland überhaupt, für den Studenten insbesondere noch den Vorteil, daß es ihn bewahre vor einseitiger Fachsimpelei. Das gilt auch für die k a» thollsche Studentenschaft. Die katholischen Studenten sollen später die politischen Führer des katho» Ischen Volkes werden. Wie sollen sie das sein ton-