JV3 31.
Nittwsch -e» 8. Febntar
58. Sebrgeug.
* faldaer W Zeitung *
2. Blatt.
vruck und Verlag der Zuldaer Aettendrnckrrri
in 5»lda
Deutsches Reich.
* Bei der Gesamtabftimmmrg über b*8 Reichszuwachsstenergesetz haben bekanntlich, die Rationallidrralen sämtlich und d« übrigen Liberalen zur Hälfte mit Ja gestimmt. Sie haben somit doch nicht die „Konsequenz* der in ihrer Presse vertretenen Anschauung gehabt, daß man den „schwarzblauen Block" ganz für sich lassen und für aller die Ve antwortung allein übernehmen lassen müsse. Obschon dieser .Block" nun freilich die Verantwortung im vorliegenden Falle gern hätte trage« können, gereicht eS uns, schreibt die „Germania", doch zur Genugtuung, das die Liberalen sich zum größten Teil zum Wtlragen bereit gesunden haben. Wir haben immer unsere Hoffnung darauf gesetzt, daß die vofitioe parlamentarische Arbeit zur Auslösung so kr'instlich geschaffener und erweiterter Gegen» fätze beitragen werde. Bei der Wertzuwachssteuer war es freilich von vornherein den Liberalen schwer gemacht, sich durchaus auf den Nlchnenden Standpunkt zu stellen. Kapital für |{e Agitation ließ sich aus dieser Steuervorlage Kcht gut schlagen. Eher müßten Parteien, die Kch hier grundsätzlich i» die Opposition stellten, vefürchten, sich damit s lbst zu schaden. Haben lvir hier doch eine der so fehnlichst von ihnen geforderten Besitzsteuern, wie selbst das,Berl. Tageblatt anerkennen muß. Hoffentlich finde« sich im Laufe der Reichslagsseffion die Liberalen hoch öfter mit dem „schwarz-blauen Block" zu gemeinsamer positiver Leistung zusammen.
* Zu der Auslastung der ,Roidd Allg. Ztg/ über die Mühlberger Rede unv den Brief des Papstes en Kardinal Fischer bemerkt vir.Deutsche Tagesztg/r Di- ,Nvtdd. Allg. Ztg/ Hal gefegt, di- Angelegenheit werde zweifellos auch den rrcrißlschen Landtag bei der 2. Lesung des Etats beschäftigen. Das Haden auch wir angenommen und es deshalb für zweckmäßig erachtet. die gründliche Erörterung dis dahin zu verschieden. Die preußische Regierung wird sich jedenfalls mit dem Vatikan« in Berbmrrmg setzen und ist dann in der Lage, übet die eigentlichen Ansichten und Absichten des DsUikans sich genau zu äußern. Je ruhiger man derartige heilie Angelegeuheileu behandelt, unijo bei, er ist cs. Erfreulich erweise fcheiut außer einigen uuverbefleriichen Heißspornen in Deutschland niemand geneigt zu sein, einen neuen Kulturkampf heraufz«- veschwören.
* Parteilos und doch liberal. Im Zeituiigsberlag (3. Februar), der Zeitschrift für Zeitungsuerleger, Re- sakteure usw., findet sich folgende Anzeige:
Leitarlikel - KorrespouLeiiz gesucht. Moderner Generalanzeiger im rheimsch - westchlischen Jnduslrie- üebiet sucht womöglich täglich erscheinende Leilarlilel- Korrespovdenz. Tendenz: par teilos aber liberale Färbung.
Dazu bemerkt die Wests. Volksztg.:
Tendenz: parteilos, aber liberale Färbung. Auf gut Deutsch: Liberal muß der Artikel sein, der Leser bars e6 nur ntchr merken, damit er, wenn er Zentrumsmann ist, nicht nbfpnngt und sich, rote eigentlich selbstverständlich, ein Zentrumsblatt hält. Er muß hinters Licht geführt werden, auf daß er mit seinem Aboniiementsdetrag die Kasse cmeS Verlegers füllen helfe, dessen Blatt üt seinem Wesen liberal ist, aber als parteilos gelten will.
4- -T- Straßburg, 7. Febr. 1911. Die Stellung des Zentrums zur elsaß-lothringischen Ver- safsungsfrage ist von. seinen Gegnern schon des öfteren in nicht mtßzudeulender Absicht verdächtigt worden. Za diesen Berdächtigungen ßeljört d.e Mitteilung, das Zentrum habe schon im Sommer sich mit der Reichsregieruitg dorüber verstäudigt. daß es die Versaffungsreform sür die Neichslandc annebr'-cn werde und wie das geschehen solle. Diesem hchei i chen Gerede entzieht nun der ,Elsässer', das führende Zentrumsorgan der Reichslande, den «oder,, indem er alle diesbezüglichen Äuk-strcuungen für unwahr,erklärt. Der Mfässer' gibt folgende klare Bezeichnung der Stellungnahme des Zentrums zur Bersafsungssrage:
„Bis zur Stunde Hat sich die Zentnmissraltion des Reichstages in Sachen der Versastungsresorm noch in keiner Weise festgelegt; das Zentrum hat noch vollständig freie Hand; es kann die Reform an« nehmkn, es kann die Reform ablehnen. Alle anderen
Behauptungen stimmen mit den Tatsache» nicht überein. DaS Zentrum wird seine Zustimmung zu der Vorlage davon abhängig machen, daß die Regierung den Wünschen deSLander entgegenkommt. Ohne gründliche Veränderung der Ersten Kammer ist die Vorlage für dai Zentrum unannehmbar. Bezüglich der Zweiten Kammer wird das Zentrum unter allen Umständen für die Bedingung der elsaß-lothringischen Staatsangehörigkeit und mindestens für die Erweiterung der Wohnsttzklausel auf das Land emtreten. DaS Zentrum wird darauf bestehen, daß die Wahlprüfunaen an eine unabhängige Instanz verwiesen werden. Ob der Versuch, das Wahlrecht von den Altersstimmen zu befreien, örfolg haben wird, ist fraglich. Ebenso, ob in Sachen der Bundesratsstimmen die Regierung ihren Entschluß ändern will. Aber auch nach der Richtung hin wird daß Zentrum nichts unversucht lassen, um das Mögliche zu erreichen."
d* München, 6. Febr. 1911. In einem längeren Artikel über die bayerische Lairdtagsersahwahi in Weißenburg kommt der protest-kons. »Bayerische VosikSfrennb" zu folgendem Resultat:
,163 bleibt also habet, die Liberalen haben nicht nur den Wahlkreis verloren, sondern auch einen erheblichen Rückgang ihrer Stimmen zu verzeichnen. Um ihnen aber die weitere Suche nach einem .Sündenbock" zu ersparen, wollen wir den Liberalen die wahre Ursache ihrer Niederlage verraten: nicht die Eozialdewo- fraten, nicht die Reichsfinanzreform, sondern lediglich die «an, ungeheuerliche und verlogene Steuerhetze der Liberalen» die das Volk in seinen Tiefen auswühlte und die unedelsten Leidenschaften entfesselte, ist schuld an dem Ausgang der Weißenburger Wahl. Das und nur das allein ist die wahre Ursache des liberalen Zusammenbruchs in Weißenburg!"
Die liberale Niederlage drückt sich, wie wir fest» ftellen wollen, in folgenden Wahlziffem auS: Die Liberalen verloren 313 Stimmen gegenüber der Hauptwahl vom 31. Mai 1907, dagegen 613 Stimmen gegenüber der Ersatzwahl vom 16. Juli 1907, die infolge des Tode? des eben erst gewählten Nißler notwendig war. Damals schrieben die „Münchner Neuesten Nachrichten" (Nr. 334, 1907):
„Die Sozialdemokraten haben bekanntlich Wahl- enthaltilng proklamiert, und cs besteht kein Grund zu der Annnahnie, daß eine nennenswerte Zahl die Weisung unbeachtet ließ."
Das liberale Blatt schrieb also den damaligen Zu- wachs an liberalen Stimmen in der Ersatzwahl nicht der Hilfe der Sozialdemokratie zu, sonderen dem eigenen Wachstum. Demnach sind jetzt (29. Jan. 1911) bei der Ersatzwahl nber600librraleWähler in das sozialdemokratische Lager ab- marschiert.
Ausland.
** Tie Wahlreforwvorlage des Ministerpräsib-uten Briand beleuchtet die ,Frank:. Ztg/ folgendermaßen: Rehmen wir an, ein Kreis hat fünf Abgeordnete zu wählen; es liegen vier Listen vor: die Sozialisten Haden 12000, die Radikalen 30000, die Gemäßigten 20000, die Konservativen 13 000 Stimmen erhalten. Da 75000 Stimmen abgegeben worden sind, beträgt der Quotient 15000; demgemäß bekommen die Raditalen zwei Mandate, die Gemäßigten ein Mandat, das find zusammen drei Mandate. Wer soll nun die restlichen zwei Mandate bekommen ? Herr Briand Hal in seiner Vorlage bestimmt, daß alle restlichen Mandate diejenige Partei erhalten soll, welche die Mafrr rät der Stimmen und der Mandate bekomme» hat. In dem angezvgenen Falle waren das die Radikalen; sie würden also 2+2=4 Mandate erhalten Mit dicjem Ergebnis bekäme aber eine Partei, die noch nicht einmal die Mehrheit der ab» gegebenen Stimme» erhalten hat, dir also im Kreise eine Minderheit bildet, vier Fünfte! der Mandate; 30000 Stimmen bekämen vier, 45000 Stimmen nur ein Mandat. Tas schlägt dem Grundsatz der Verhältniswahl geradezu ins Gesicht, und da der Fall leine Ausnahme ist, sondern sich in vielen Kreisen wiederholen würde, so hat die Kommission kein Hehl daraus gemacht, daß sie sich mit der Vorlage nicht beiteunben kann.
** Attentat gegen die „Hohe PsoUc". Tie Gebäude der „Hohen Pforte" in Konstantinopel sowie einige andere anliegende Staalsgebäude sind -.» der Rächt zum Montag nieder gebrannt. Tas Feuer brach nach 5 Uhr im Telegraphenbnreau der Hohen Pforte aus. Es richtete im Hauptver- waltun gsgebäud« großen Schaden an. Die Bu.cans
deS Ministeriums des Innern und deS Staatsrat» sind vollständig ausgebrannt» wobei wichtige Dokumente ein Raub der Flammen geworden find. Alle Höfe find mit Papieren und geretteten Möbeln bedeckt. Auf der Brandstätte erschienen die Minister» der Kammerpräsident, die hohe Bvreaukratie. Während zuerst die Annahme überwog, daß das Feuer ebenso wie beim Tschiraghan- Palast durch eine Schadhaftigkeit der Heizanlage entstanden sei, neigt man später der Ansicht zu, daß Brandstiftung vorliege. Dafür spricht, daß in den Zimmern des Großwcsiers Spuren eines Einbruchs entdeckt wurden und daß das Großsiegel deS Ministers des Aeußeren vermißt wird. Während deS ganzen Tages nahm auf der Pforte eine Untersuchungskommtfston Verhöre vor, die, gutem Vernehmen nach, ergaben, daß der Portier der Pforte und ihm unterstellte Leute insgesamt zweitausend Pfund von Scheris-Pascha erhalten haben. Sechzig Personen, und zwar zwanzig Psorte- beamte uns vierzig Soldaten, sind verhaftet worden. Alle neueren Dokumente, auch die des Großwesirats, di« in einem besonderen Räume untrrgebracht waren, wurden ein Raub der Flammen. Die Schriftstücke aus Abdul Hamids Zeiten und das gesamte Archiv des Ministerium deS Aeußeren wurden gerettet. — Die Hohe Pforte, Babi-Ali, im Volksmunde kurzweg Pascha Kapussi, d. h. Psorte des Paschas, genannt, ist ein weitläufiges, von einem Vorhof umzogenes, gelbes Regierungsgebäude in italienischem Stil mit den Bureaus deS Großwesirats, der Ministerien des Aeußeren und des Innern und des Staatsrats.
♦* Die Revolution in Mexiko. Nachrichten von btt mexikanischen Grenze lassen erkennen, daß die gegen Prästdent Diaz gerichtete aufrührerische Bewegung größer ist, als er nach den ersten Meldungen der Kämpfe um Juarez scheinen wollte. Der amerikanische Vizekonsul in Chihuahua hat nach Washington gemeldet, daß nur ein Teil der Streitkräfte MaderoS die Stadt Juarez bestürmt. Er will hier die RegierungS- truppen festhalten. Der andere größere Tell der Aufständigen hat sich inzwischen des MmengebieeS Im Westen von Chihuahua bemächtigt. Die Brückm sind durch die Ausständigen zerstört, die Telephon- und Te- lrgraphenlmien nach der Grenze zerschnitten worden. Von der Stadt Mexiko sind drei Regimenter Infanterie nach dem Norden abgegangen. Ein Teil der Einwohner von Juarez ist nach. Gl Paso geflüchtet.
Aus Kird)t und Schule.
Frankfurt a. M., 6. Febr. 1911. Nicht nur die frommen Landleute wallfahren gern nach den Gnadenorten, auch die Katholilen der Großstadt verspüren einen inneren Zug nach unseren wunderbaren Gna- denstät'en. Davon legte die am Sonntag im großen Domsaale so gut besuchte Frühlingsversammlung der Mitglieder der Frankfurter WallfahrtSVereinigung Zeugnis ab. Ein Fuldaer Landsmaun hat einige Hundert Damen und Herren in einer Wallfahrtsvereinigung organisiert, um auch bei den Katholiken der Großstadt das Vertrauen zu unseren wunderbaren Gnadenorten zu stärken und durch ihren Beuch einen geistigen Genuß zu bieten. Darum sah man am Sonnlag unter den Ehrengästen den Herrn Geistlichen Rat, Stadlpfarrer Abt von Frank- futt, dessen Erscheinen mit großer Freude begrüßt wurde. Di« Frstrede hatte Herr Pfarrer Froehlich- Franksurt-Ginnheim übernommen, und er entwarf in einem mit großem Verfall aufgenommenen Vortrag ein sehr lehrreiches Bild von den fchismalischen Kirchen des Morgenlandes in ihren Entstebuiigcn und dem jetzigen Glaubens- und Snüusleben. Der Redner schloß mit den Wünschen, daß doch bald der Tag fomuten möchte, wo die vielen Millionen Christen des Morgenlandes, die uns doch so nahe stehen, aber durch das Schisma jtit 1054 von uns getrennt sind, aus der langen und harten geistigen Verbannung in den Weltdom der katholischen Kirche zurückpilüent möchten. In dieser Absicht sollten die Wallfahrer an den Gnaden- orten recht die Vorsehung Gottes anflehen. In diesem Jahre wurde die Waüfahrtsk tche zum ht. B ut in Walldürn, wohin jährlich 40000 Wallfahrer pilgern, als erstes Ziel der Franlsurter Waüfahrts- Vereinigung in der Fronlerchnahmsoktav festgesetzt. Anmeldung zu dreier Wastsahrt, auch sür die Katholiken aus der Diözese Fulda, nimmt entgegen und
erteilt auch jede gewünschte Auskunft: W. Mickel, Frankfurt a. M., Sömmeringftraß« Nr 32, IL
Aus dem Nachbargebleie.
* Hanau, 5. Febr. 1911. In den städtischen Etat sind 1200zur Fürsorge für die schulentlassene Jugend eingestellt worden. In der Stadtverordneten - Sitzung beantragten die Sozialdemokraten Streichung dieses Betrages, da es sich dabet um eine Maßnahme von rein politischem Charakter handele, die darauf gerichtet sei, die Arbeiterjugend - Bewegung zu unterdrücken. Der sozialdemokratische Antrag wurde jedoch abgelehnt und der Betrag bewilligt.
* Frankfurt a. M., 5. Febr. 1911. Eine Anzahl kostbarer Teppiche des Sultan» Abdul Hamid, die vor kurzem in Frankfurt a. M. ausgestellt waren, und von dort zu einer Ausstellung nach Newyork befördert werden follten, sind auf dem Transport fpmlos verfchwunden. Der Verlust in Höhe von 100000 Mark ist durch Versicherung gedeckt. — In den letzten Tagen wurden mehrfach Versuche mittel- der Wünschelrute zum Auffinden vonW asserl eitun gSrohrbräch en seitens deS städtischen Wasserwerks gemacht. Auch bei einem auf dem großen Hirfchgraben vermuteten Rohrbruch der Quellwasserleitung trat die Wünschelrute mit Erfolg in Tätigkeit. Inspektor Vollmar vom flädt. Wasserwerk schritt gestern vormittag gegen 10 Uhr, eine einfache Weidenrute an den Enden in beiden Händen hallend, von der Goldfedergasse in den Hirschgraben in nördlicher Richtung aufwärts. Vor dem Gasthaus „Zur Gewerbehalle" machte sich ein sichtbare» Schwanken der Rute bemerkbar. Diese Stelle bezeichnete Jnfpettor Vollmar atS di« Bruchstelle der Leitung. Man grub dort nach und entdeckte dort tatsächlich im Lause des Abends die Bruchstelle. Bewährt sich diese Methode, so wird dadurch der Stadt viel Geld durch Vereinfachung der Arbeit gespart, da früher beim Auffuchen derartiger Rohrbrüche das Pflaster oft mehrmals ver- geblich aufgebrochen und die Löcher wieder gefüllt werden mußten. DaS ist wahrheitsgemäß passiert mt Jahre 1911 in der Stadt Goethes, und wer jetzt noch nicht an die Wünschelrute glaubt, dem ist nicht mehr zu helfen.
Hofgeismar, 6. Febr. 1911. Der gestern vom hiesigen katholischen Mäunerverein veran« stallet« Familienabend war b«souders von bee Jugend und den auswärts wohnenden Katholiken gut besucht. In der Begrüßungsansprache wurde der hohe Zweck des katholischen Männeroereins da» gelegt und an die Mitarbeit aller Anwesenden für zahlreicheren Beitritt zu diesem Verein appelliert Herr Oberlehrer Paul vom hiesigen Realgymnasium hielt einen lehrreichen Vottrag über die wirtschaft« schastliche Größe Deutschlands, worauf Herr Octo« nom Schäffer ein begetttertes Hoch auf den Redner ausbrachte. Der Präfes deS Vereins begründet«, „auf dem Umwege ein«» Lebensbildes de» Kardinal» und Fürstbischof» von BreSlau Melchtor von Die« venbrock" ein Hoch auf Papst und Kaiser. Beson« der» fand noch „Deutschlands Huldigung zum @e«. burtstage seines Kaisers", von der chrislenlehrpflich- tigen Jugend zum Vortrage gebracht, allgemeinen Beifall.
* Langensalza, 6. Febr. 1911. Den Kaiser« preis für die beste Leistung in den alljährlichen Dauerritten hat im XI. Armeekorps für 1910 der Leutnant v. Braumüller vom hiesigen Re« giment Jäger zu Pferde Vit. 2 erhalten.
‘ Mainz, 6. Febr. 1911. Bet den von Frankreich eingesühtten Schlachtochsen wurd« di« Maul» und Klauenseuche sestgestellt. ES dürst« msolgebessen bie Einfuhr bes französischen Vieh« ver- boten werben. — Ein Automobtiunglück ereignete sich bet Ober-Ingelheim. DaS Fahrzeug geriet beim Wenbrn rückwärts in einen Steinhaufen und fiel bann einen Abhang hinab. Der Chauffeur, bet absprang, kam mit bem Schrecken bavon, während von ben betben Insassen bet eine schwerere und bet andere leichtere Verletzungen erlitt.
• Wiesbaden, 7. Febr. 1911. Der frühere Kassierer der Ortsgruppe Wiesbaden des Deutsche» Buchdrücker-Verbanbe», bet Buchdrucker Bettina, wurde verhaftet, da er bringend verdächtig ist,
D e Mitze Lilie w 6mN«.
7] Roman von Erich Friesen.
Doch nein — es muß Täuschung gewesen sein.
Silin setzt ihren Weg fort.
Er hinterher.
N nn werft sic, baß ihr jemand folgt. Sie gcht schneller, hastiger.
Trotzdem verringert sich bi« Entfernung zwischen ihr ur.b ihrem Verfolger.
Bis auf einmal eint Männerstimme dicht neben ihr flüstert:
„Warum so eilig, Signorina?"
Sie erschrickt.
Mit höflichem Gruß will ste wettergehen. Doch et bleibt an ihrer Seite und beginnt eine gleichgültige Unterhaltung.
Sie antwortet, ohne ihn anzusehen. Obgleich er stets höflich gegen sie war — manchmal sogar mit einem Anflug von Vertraulichkeit, deren Grund ste nicht begriff", die ihrer Mutter aber das Blut bet ®nt- l”8 Gesicht trieb — befällt sie etwas wie furcht Noch niemals hat ein Mann ste auf einem ,'chlricht^fi^ angesprochen, und leises Bangen be» „J2L Äschern Blick betrachtet Lord DouglaS das übcrgoffene gesenkte Gesicht.
und britit fle [e.^era6^än9cnbe $anb be8 Mädchen, „Mylord
Ä’ÄK * *« » 0-»- In f£ $^Q”b r€i8t Er weckt ben Dämon «nb^Ä er ben Ann um ihre feine Taille #nbm?.t1U6t herab, um sie zu küss«
tin.a? ®ng^n'f sucht sie sich zu befreien. Die dltglettcn ihren Fingern. Mit der einen Hanb verKcht ste, den Mann von sich zu stoßen, mit bet n >an verhüllt sie bes Gesicht, damit bie bärtigen Lippe» es nicht tzsrShren,
Aergerlich läßt er los.
Welch Aufheben» daS Gänschen von einem Kutz machtl
Lilta aber rennt In blinber Hast davon, nicht rechts, nicht links blickend — btreft auf einen jungen Mann zu, bet, bie Jagdflinte auf dem Rücken, aus dem Gebüsch tritt.
Wie ein verschüchtertes Wild Aickt daS verängstigt^ Mädchen daher.
„Verzeihung, Signore —l“
Der aber lächelt gutmütig.
„Hat nichts zu sagen, Signora. Aber warum diese rasende Eile? Da, sah doch beinahe aus wie eine Fluchti"
Und sein suchcnber Blick bleibt an bet Männcrge- stall hängen, bie in einiger Entfernung langsam ba« vongeht.
„Es war auch eine Flucht," erwiderte fle leise.
,MeShalb? Hat bet Herr dort Sie irgendwie beleidigt?"
„Ja. Er — et--'
„Run?"
„Er wollte mich — Kiffen!"
Und wieder bedeckt Flammenröte bas verängstigte Gesicht.
Mit Mühe unterbrückt bet junge Mann ein Lächeln über ihre Aufregung.
„Darf ich Sie ein Stück begleiten, Signorma, ba* mit nicht wieder eine unangenehme Begegnung Sie er* fchrake?" fragt et höflich.
Sie hebt bie Liber unb blickt befangen in ba5 etwa» zu ihr herabgebeugte blondbärtige Gesicht.
Es ist nicht schön, nicht einmal hübsch; aber bie kräftigen männlichen Züge verraten Charakterstärke, unb bie blauen Äugen blicken freundlich unb offen.
Sofort faßt sie Vertrauen. Ein liebe», schüchternes Lächeln breitet sich übet ihr Antlitz, ba8 aus bem wirten Haatgelock befangen hetvorlugt. Unb bet Mann fühlt sofort: etwa», ba8 ben tiefsten Tiefen eblet Weiblichkeit entstammt, umhüllt diese» Elfengeschöpf.
Und et beginnt, ihr Entsetzen unb ihre Angst vor einem geraubten Kuß, bie ihm soeben noch ein Lächeln abzwangen, zu begreifen.
Schweigenb schreiten die beiden dahin, nachdem er sie nach ihrer Wohnung gefragt
Als ste an dem langsam bahinschlendernden Lotb Douglas Vorbeigehen, wechseln bie Herten einen Gruß — kühl, aber höflich, wobei beider Blicke einander einige Sekunden lang messen.
Als sie außer Hörweite sind, fragt Lilia schüchtern:
„Sie kennen Lord Douglas?"
„Ja. Und Sie, Signorina?"
„Mein Vater steht in seinen Dienst«. Er ist Stallmeister auf Schloß TuScnlum. . . . Ach, wenn der Vater nur nicht mein gewiß recht kindische» Be- nebmen büßen müßte!" fügt sie erregt hinzu. „Aber nicht wahr — Lord Douglas hatte kein Recht mich zu küssen? Niemand hat das Recht mich ohne meinen Willen zu küssen — wenn ich auch nur et» einfache», armes Mädchen bin!"
„Gewiß nicht," erwidert er mit Wärme, unb in seinem Ton unb Benehmen liegt soviel Hochachtung, daß Lilta ganz zutraulich wirb unb ihm von sich unb ihren Eltern erzählt, wie einem alten Bekannten.
Unb her junge Mann hört ihrem kinblichen Ge- plauber voll Vergnügen zu. Me frisch bie Kleine ist! Unb wie natürlich I
AlS ste in bie Nähe her ersten Häuser kommen, bittet Lilia ihren Begleiter, sie jetzt zu verlassen.
Er willfahrt sofort ihrem Wunsche, obgleich er gern noch länger m ber Gesellschaft beS Heben Mädchen» geweilt hätte, unb nach einem herzlichen Hänbebruck gehen beibe in verschiedener Richtung auseinander.
Lord Douglas, der bem Paar in einiger Entfernung folgte, ist bet schlechtester Laune. Daß auch ge- rabe dieser Mensch Ihn und der spröden Kleinen in ben Weg laufen mußtet Wenn nun daS dumme Mabel geplappert hat! Unb wenn Graf Winfried zu Lady Diana darüber spricht. . . ober gar im Klub —! Wirklich Pech!
Als Graf Winfried Althof Lord DouglaS naher- fomnien sieht, will er abblegen.
Doch dieser kommt ihm zuvor.
„Lieber Graf —" ruft er schon von weitem — „auf ein Wort!"
Graf Winfried bleibt stehen unb läßt den andern zu sich herankommm, ohne ein Wort zu ettoibem.
„Die Kleine hat mich wohl bei Ihnen angeschwarzt, was?"
„Ich Wüßte nicht —"
„Umso besser. Ich wollte Sie schon bitten, von bet Lappalie kein Aufheben« zu machen. Wenn mein« Schwester unb meine Tante bavon erführen —"
Graf Wtnfrieb richtet seine klaren blauen Augen ernst auf ben Mann, bet seine ersichtliche Erregung hinter einer spöttisch lächelnben Marke zu verbergen sucht.
„Bemühen Si« sich nicht weiter, Lord DouglaS, Ich werbe zu nlemanbem betrübet sprechen."
„Danke!"
Er will bem jungen Grafen bie Hanb reichen, roa» biefer nicht zu bewerfen scheint; höflich aber kurz lüftet et sein Jägerföppa.
„Empfehle mich, Lotb DouglaS."
„Abbio, Hebet Gras! Wann sehen wir Sie role- bet bei uns? Meine Schwester hat Sie schon seit mehrer« Tag« vergeblich erwartet —"
„Meine Mutter wat »lebet nicht wohl, ich komm«, sobalb ich kann!" „ __
Roch ein nonchalanter Gruß von beiben ©eiten — jebet gebt seiner Wege. — .
Ms Lotb DouglaS an biefem Abend nach schloß Tusculum zurückkehrt, bekommt jeder, der In ferne Nähe gerät, feine schlechte Laune zu suhlen: seine Schwester Diana, ber Kammetbienet unb Pluto, ber große Bernhardiner.
Als er jedoch sein „Arbeitszimmer" betritt — so benannt nach einem mächtigen Schreibtisch, an dem et niemals arbeitet, unb einer Riesrnbibliothek, ht bet et niemals liest — erwartet ihn eine weitere Ueberrasch- ung.
Unter ben eingelaufenen Briefen befindet sich auch einer aus Rom.
Gleichgültig fchnribet er bas große Geschüftskuvert mit ber Firma „Hotel Quirinal" auf.
Ein zweites Kuvert fällt heraus. (Forts, f.)'