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NonakbeNage- „Zuldaer SefchichtrbMer"

Fulda, Mittwoch Den 8. Februar 1911.

Erstes Blatt.

38. Jahrgang.

L-Mr«Stri»Z«lda. wocheMilaxer Illustrierte Sonntagrzettuug"

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«arl Schütter

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 7. Februar 1911.

<r Der Besetzeatwurf betr. der bei einem obersten ztandesgeri cht einzulegenden Revisionen in bürger- . fichsn Rrchtsstreitigkeiten wird in drUler Lesung behalte» los angenommen und bann die zweite Beratung deS VerichtSverfaffnngbgesetzeS tortgesetzt.

Weitere fozialdemokralische Anträge auf Erschwe­rung der Amtsenthebung der Richter wurden ab» gelehnt, ebenso ein volEparteilicher Antrag, der an­geblich der Ausdehnung des HitssrichtertumS steuern Mte.

t Abgelehnt wurde auch ein sozialdemokratischer An- »g auf Streichung der für die Kriegsgerichte und daS tandrecht vorgesehenen Sonderbestimmungen, der von hem Adg. Zietsch (SozO damit begründet wurde, daß 'von „realttonärer" Seite bei Borkommnissen a la Moabit ein kriegsgerichtliches Verfahren herdeigrführt werden könne.

Zu 8 22 beantragen die Freisinnigen die Hinzu­fügung eines 8 22a, wonach das Amt eines tu Straf­sachen erkennenden Amtsrichters und eines Vorsitzenden des Schöffengerichts nicht von einem Assessor, sondern Äur von einem ständig angeftellten Richter roahr- räenommen werden darf. — Hierüber entspiunt sich eine ' lange Debatte, in deren Verlauf ein Teil deS Zen- trumS und der Nationalliberalen, die Fortschrittler und die Sozialdemokraten sich für den Antrag aubipiedjen. Es wird dabei die Frage berührt, ob die Amtsgerichte Mit einem Richter beizubehalten find.

‘ Staatssekretär LiSeo stimmt im Prinzip dem An- jrag zu, bittet aber um Ablehnung desselben wegen der praktischen Uudurchsührbatteit. Man sei bestrebt, das Hilfsrichtertum abzuschaffen, doch werde es sich Nicht ganz beseitigen lassen. Die kleinen Amtsgerichte feien beim Publikum sehr beliebt.

i Der Antrag wird angenommen. Zu 8 28 II, wo­nach die Erhebung einer Klage durch den Staats­anwalt die Alftändigkeit des AinsgerichteS begründet werden tarnt in Fällen, die sonst vor das Landgericht kommen, wird ein freisinniger Antrag, wonach eine solche Zuständigkeit erst durch Beschluß der Slrafkam- mer begründet werten kann, abgelehnt.

Ein Konnnissionsbeschluß, nach dem bei gering­fügigen Ueberlretungen der Amtsrichter ohne Zuziehung der Schöffen entscheiden kann, wurde gegen den Widerspruch der Sozialdemokraten angenommen.

Zn den §8 60—63 (Bestimmungen über die Ver­teilung bei Vorsitzes und ihrer Vertreter in den Kammern) beantragen die Sozialdemokraten, der Landesjustizverwattmig diese Befugnis zu nehmen und , sie dem Plenum des Gerichts zu übertragen. Ein Au« ' trag Dahlem will im H R3 bas Präsidium ausschalten und die Maßregelung von Richtern den „gemeinsamen Sitzungen" Vorbehalten,

Staatssekretär Siito bittet um Ablehnung beider Anträge.

Der sozialdemokratische Antrag wird abgelehnt. Bei der Abstimmung über den Zenlrumsantrag bleibt das Resultat zweifelhaft. Es erfolgt Hammelsprung. Es stimmen mit Ja 90, mit Nein 92 Abgeordnete. Das Haus ist also beschlußunfähig. Die Beratung wird abgebrochen,

Mittwoch: Fottsetzuug.

Preußischer Larrdtag»

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 7. Februar 1911.

Auf der Tagesordnung steht der

Entwurf eines Zweckverbandsgesetzei.

Tas Haus beschließt, alle Berlin betreffenden Fra­gen auszufchalte».

Tie Tendenz des Gesetzes geht dahin, daß ver­schiedene Gemeinden tut einen bestimmten Zweck zu einem Verband zusammengeschlossen wer­den könne«. Auch bei dem Widerstreben einer Ge­meinde kann ihre Hinzuziehung zu einem Verbände autoritativ, b. h. nach Beifügung des Kreises bezw. Bezirksausschusses tu Ueberemstimmuug mit dem Ober­präsidenten verfügt werden.

Minister v. Dallwitz: Die Vorlage schlägt eine ein­heitliche Regelung der Materie über die ganze Mo­narchie und zwar nicht nur für Landgemeinden allein, sondern auch lediglich für Sladtgemeinoen vor. Auch der Kreis der Ausgaben, zu deren Erfüllung die Bil­dung der Zweekverbände gebildet werden sollen, ist in ber Vorlage erweitert worben. In Zukunft soll es den Gemeinden völlig sreigestellt werden, sich zur Wahr­nehmung aller Gemeinbezwecke ohne Ausnahme zu ver­binden. Zur ZwangsbUbung dagegen soll nur ge­schritten werben können, zur Wahrnehmung der bisher schon vorgesehenen «u,gaben. Allerdings ist dieses Prinzip zweimal durchbrochen worden: Zn Gunsten )er E-ektrizilätsversorgung unb der Errichtung und Untetballn.-g von Kleinbahnen. Ebenso soll die Zwangsmöglichkeit gewährt werden zum Zwecke der einheitlichen Festsetzung von Baufluchtlinien und Be- baniwgsplSnen.

Äbg. Linz (Ztr.) wirst die Frage auf, ob bei der Zwangsverbandsbildung genücenb Kamelen geschaffen Zwang erträglich zu machen. Es bestthe daß die Gemeiuben, die daS meiste Ju- bie wenigsten Gelbmittel haben, die Lauen miL„, e Gemeinden abwälzen, die die größten Geld- v.Lrl' aber das wenigste Jntereffe am Zweckverdand L sEff" DaS Zentrum mterelfiert sich deshalb für das well dadurch den Eingemeindungen, die einen J,??® ktmsang «»genommen haben, eia Riegel vor- nrL7. n ?116- Wir werden an dem Gesetze mit» bex Absicht, das Wohl und die Seldst- . Gemeiuben zu fördern, unb bitten UM ”rj"* RO“'mifr,On POn 28 sind Mcht em verstanden i

verbände aus «”0’ wonach Zwangszweck

können Ni, eineS Beteiligten errichtet werden obligatorischen f-kultm^n «"„'k »wischen

die z. B. von w ? Aufgaben. Eine Gemeinde, dürftt auch nicht w bm fe1“9! keinen Nutzen bat,

Minister »' sieihnifc • ^n.^eian9eä°9en werden. Bahnanlagen betrifft, z, ^*«,^^uug von artige« Füllen nicht ohne Behörden in der- 8-hen. Eine genaue Abgrenzung ÖOT'

scheu und falultatioen Anqeie^enhe °bltSa‘ort'

ordentlich schmierig fein, außer-

^fichten sich läufig enigege.chehem'' ®t‘ , - ?bg. Dttzpe hat einige Bedenken, erklärt ab»r J$*" *"« '» E-L

^dg. Frhr. ». Zedlitz (frt) stellt sich im arD6,n »5inrfaMie" etif fcta Eloden der Soria«, die 9«aro MllkL genügend Kanteten enthalte. fleflra

Abg. Flesch (Bp.) hat politische Bedenken und be­hält sich die Stellungnahme seiner Freunde für die Kommission vor.

Aba. Hirsch-Berlin (Soz.) ist der Ansicht, daß das ®efefc einen Eingriff bilde in das Selbstverwaltungs­recht der Gemeinden.

Abg. Dr. Würmeling (Ztr.): Es ist in der Vorlage nicht überzeugend zum Ausdruck gebracht, ob der Zwang auch auf solche Angelegenheiten ausgedehnt werden soll, die von den beteiligten Gemeinden schon freiwillig erledigt werden. Wenn z. B. mehrere Ge­meinden übereingekommen sind, diese oder jene Fragen, an denen sie gemeinsam interessiert sind, freiwillig zu erledigen, dann liegt doch kein Grund vor, die Gemein­den dazu zu zwinge«.

Abg. Eckre-Wfilse« (nl.) wünscht daS Gesetz so ge­staltet» daß es sich als eine organische Weiterentwick­lung deS bisherigen Zustandes barfteUe.

Abg. Dr. e. Woyna (frt) weist darauf hin, daß die Vorlage doch nur einen formalen Rahmen bilde, während die materiellen Bestimmungen von Fall zu Fall getroffen werden sollen. Redner wünscht drin­gend, daß auch die Kreise in das Gesetz hineingezogen werden.

Abg. Gaffel (Bp.): Daß das Gesetz nur ein Rahmen ist, gebe ich dem Vorredner zu. Was wir verhindern wollen, ist eben, daß dieser Rahmen so weit und un­bestimmt ausfalle» daß er der Willkür freien Raum läßt.

Nach weiterer Debatte, an welcher sich die Abgg. Fürbringer (ntlb.s, Graf v. Epee (Ztr.), Winckler (t) und Dr. Id erhoff (frt) beteiligen, wird die Vorlage an eine Kommyston von 28 Mitgliedern verwiesen.

Mittwoch: ZwecksverbandSgesetz Groß-Berlin.

Tie auswärtige Politik and die Buvgettommisfiou.

Die Budgetkommtsfion deS Reichstags be­gann am Dienstag die Beratung über die Militär­vorlage bezw. den Militär-Etat. Vor Eintritt in die Tagesordnung verlangte Fihr. v. Hertling namens I be8 Zentrums eine Darlegung über die Friedensstärke ber übrigen Staaten unb die militär-politische Lage, wenn möglich durch den Reichskanzler bezw. das Auswärtige Amt. Redner betonte hierbei, bei ber großen Belastung, welche die Militärvorlage bringe, müsse man klar sehen, ehe man seine Entscheidung treffe. Diesem Vorschlag stimmten sämtliche Parteien zu. Man beschloß, in die Tagesordnung bamit einzutreten, baß der Kriegsminister zunächst einen Vortrag über die gestellten Fragen, so­weit er das von seinem Standpunkte aus vermöge, halte. Inzwischen solle dem Reichskanzler der Wuntch der Kommission telephonisch übermittelt werden. Der Knegsminifter gab in vertraulicher Weise die gewünschten Mittellungen. Berichterstatter v. Byern trat für Be­willigung der Forderungen ein. Der Korreferent Erz­berger machte die Kommission auf die finanziellen Folgen der Mrlitürvorlage aufmerksam. Sie feien viel bedeutender, als die der vorigen Vorlage. Der Staatsfekretär des Auswärtigen Amtes teilte mit, daß die auswärtige politische Lage noch dieselbe sei, wie sie vor einigen Wochen vom Reichskanzler im Reichstagsplenum geschildert worden fei. Die Abgg. Ledebour und Wiemer meinten, daß nach den bisherigen Mitteilungen der Vertreter der verbündeten Regierungen besondere Gründe für eine Heeresvermehrung nicht vorlägen. Abg. Frhr. v. Richihosen sprach sich für die Vorlage aus, die die deutsche Heeresmacht zu einem kriegstüchtigen Instru­ment in der Hand des Kaisers machen wolle, um gegen alle Eventual täten gesichert zu sein. Abg. Gröber verlangte weiteres Material und vertrat die Ansicht, es müßte doch erwogen werden, ob nicht eine Ver­ständigung mit anderen Staaten darüber möglich fei, daß das Weiterrüsten nicht mehr in dem bisherigen Tempo erfolgen falle. Der KriegS- minifter führte aus, daß die Vorlage nicht so sehr eine zahlenmäßige Verstärkung der Armee wie ihre innere Konsolidierung bezwecke. Deutschland liege nun ein­mal geographisch sehr ungünstig und müsse mit dieser Tatsache bet Festsetzung ber Heeresstärke rechnen.

Auf das Verlangen der Budgetkommission nach einer eingehenden Darlegung über die Friedensstärke der übrigen Staaten und über die gesamte nülttärifch-po- lttlsche Lage ist von Sette des Auswärtigen Amtes vorläufig durch den Siaatsfekretär die Versicherung abgegebm worden, daß die poliüsche Lage noch die­selbe sei, wie sie der Reichskanzler vor einigen Wochen geschildert habe.

Dadurch werdm wir nicht echeblich klüger. ES mag wohl fein, daß inzwischen in dem amtlichen Verkehr zwischen den Ministern und den Botschaftern keine erhebliche Aenderung eingetreten ist; aber daS Hervortreten der Vltsfinger Befestigungs­frage, der in Frankreich hervorgetretene Groll wegen der Zurückverlegung der russischen Truppenmasfe» von der deutschen Grenze hin­weg sowie die Andeutungen PichonS wegen m i 11 • tSrischer Verabredungen zwischen England und Frankreich find doch Zwischen­fälle, die auf die politische Lage neue Streiflichter werfen. Mll der Reichskanzler diese Dinge nicht öffentlich besprechen, so müßte er doch zu vertraulichen Ausschlüssen wie sie der KttegSmintster über die Frie- densstärkr der übttgen Staaten bereits auf Wunsch der Kommission gegeben Hatz umsomehr berett sein, al« die erwähnten Vorgänge zur Unterstützung der schwebenden Militäworlage geeignet erscheinen. Denn wir sehen wiederum, daß die Gegner Deutschlands nicht müde werden in ihrm Vorberei­tungen für den Kriegsfall, und zwar solchen Vorbe- rettungen, die Deutschland zur Verteilung seiner Kräfte nach zwei Fronten zwingen sollen.

In der Kommission wurde auch wieder die Er­wägung angeregt, ob nicht eine Verständigung mit and eren Staaten möglich sei, so daß daS Wetterrüste« nicht mehr in demselben Tempo zu er­folgen brauche. Die ungünstige geographische Lage Deutschlands, auf die der Srtegsminifter in feiner Antwort hinwteS, ist uns durch die neuerliche Agi- tation im Lager der Feinde DeutfchlandS wieder zum Bewußtsein gebracht worden. Im Osten haben wir den Verbündeten Frankreichs, der auch nach der Pots­damer Annäherung die Jntereffengemcknschast nicht gelöst hat und auch nach der Zurückrückung seiner Aus» marschlinie einen großen Teil unserer Stretkräste bin­den kann. Im Westen haben wir Frankreich und daS ihm befreundete England, daS auch in militä­rischer Entente mit Paris steht. Der n ö r d l i che Teil

unserer Westgrenze wurde bisher für gestchett gehalten durch die Neutciüität von Belgien und Holland. Aber darauf ist nicht mehr viel zu geben, wenn man nun­mehr dm Holländern verwehren will, ihre Küstrn» fionl gegenüber England zu befestigen, und wenn nicht bloß in England und Frankreich, fonbtrn sogar in dem „neutralen* Belgien darauf hingearbeitet wird, die Schelde für englische Kriegs- und TruppentranS» portfchifse freiztihalten. Was England an Landtrup­pen liefern kann, ist freilich nicht erstklassiges Material; aber auch ein minderwertiges HtlfSkorpS, daS von Holland oder Belgim aus unfern rechten Flügel be­drohen würde, müßte eine wettgehende AuSeinander- ziehung unserer wesüichen Streitkräfte herbeiführen.

So lange der französische Generalstab sowohl mit Rußland als mit England in militärischen Verab­redungen steht, muß Deutschland seiner eingekefitm Lage Rechnung tragen. So lange scheint auch eine internattonale Vereinbarung über Rüstungsbeschrän- kungm ein frommer Wunsch bleiben zu wollen Denn die erste Voraussetzung für ein derartiges friedliches Abkommen müßte doch der volle und überzeugende Verzicht aller beteiligten Staaten auf Angriffs- pläne sein.

Dmtschlanb kann ehrlich sagen, baß es nicht» er­obern unb nichts erpressen will. Ob bie Staaten des ZweibunbrS unb ber dreifachen Entente dieselbe Unbe- gehrlichkeit beschwören und bewährm können, ist neuer» ding» noch zweifelhafter geworden, als es früher war, trotz der augenblicklichen Zurückhaltung deS sich erho» lenben Rußland. Darum dürfen wir uns keine Jllu» flonen machen: der Friede bleibt aller Wahrscheinlich­keit nach bewaffnet.

Deutsches Reich.

** Berlin, 7. Febr. 1911. Der Kaiser stattete heut« dem Auswärtigen Amt einen Besuch ab und hörte dort den Vortrag des Staatssekretärs von Kiberlen-Wächter fotrie des Reichskanzlers von Bethmann-Hollweg. Am Schluß nahm bet Monarch bann noch weitere Vorträge entgegen und wohnte am Abend einem Vorträge Bach'scher Sonaten durch den Domckor in der Hochschule für Musik bei. — Beim Reichskanzler fand gestern ein parla­mentarischer Abenb statt. — Ein Gesetzentwurf über bie Reinigung öffentlicher Wege ist dem Hertenhaufe jetzt zugegangen. — Anstelle deS als Botschafter nach Tokio gehenben Grafen v. Rex ist ber zurzeit in bet politischen Abteilung des Aus­wärtig«» Amtes beschäftigte bisherige Gesandte in La Paz (Bolivien), v. Haxthausen, zum Gesandten in Peking bestimmt.

a Die Reform der Einkommensteuer. Die Bu d- getkommission deS Abgeordnetenhauses verhan­delte am Montag über den Etat bet biretten Steuern. Der Berichterstatter trat bafür ein, daß bei ber im nächsten Jahre bem Landtage vorzulegenden Einkom­mensteuernovelle die Befreiung der Einkommen­steuerstufen von 900—1200 Mark von der Einkommen­steuer nicht in Frage kommen sollen, sondern viel­mehr der weitere Ausbau der durch die Kinder» a b 3 ü g e und Berücksichtigung ber mtnberen Lei­stungsfähigkeit geschaffenen Privilegien. Der Fi­nanzminister erttärte, daß er über die Gestaltung der Novelle noch nicht im Klaren sei, insbesondere auch darüber nicht, ob die Finanzverhältniffe ein stärkereS Anziehen der Steuerschraube notwendig machen wür­den. Jedenfalls würden die zur Dchkung der Be- amtenbesoldungserhöhung geschaffenen Zuschläge nicht in Wegfall kommen können. Ein Zen­trumsabgeordneter hob hervor, daß die Aufhebung der Einkommensteuerstufe von 900—1200 M. auf Schwie­rigkeiten der Kommunen wegen stoße.

+ „Der konservative Eugen Richter" wird von der Täglichen Rundschau der Führer der Konseroa- ttven Herr v. Heydebrand genannt. Es soll ein hohes Lob enthalten und gleichzeittg einen noch grö­ßeren Tadel:

„ein glänzender Führer, ein Parteimann von vielen Qualitäten, aber ohne Verständnis für bi« Be­dürfnisse und Stimmungen der Allgemeinheit, ohne Erkenntnis des Gebots der Stunde und voll doktrinären Eigensinns. Und so führte er feine Partei glänzend in den Sumps.*

Man kann Zweifel daran haben, ob bet Freisinn in ben Sumpf, in bem er heute sich befindet, von Eugen Richter hineingeführt worden ift oder nicht vielmehr von seinen Nachfolgern, den Herten Wiemet, FischbÄ, Kopsch, Müller-Meiningen und den übrigen fressinnigen „Größen*. Dagegen habm wir von dem Sumpfe, in dem die konservative Pattei nach bet Ver­sicherung des Herrn Ripplet geraten ist, bis jetzt nicht einmal den Ott gefunden, wo er liegen foüL Gewiß, die Stellung der konsetvattven Partei ist hart bedrängt. Sie steht in ihrem Kcunpfe allein da, nur auf ihre eigene Kraft angewiesen. Die liberale Presse spricht zwar so viel von der angeb- lichen konservativen Regierung in Deutsch- lmid-Preußen, die ihren Einfluß zugunsten der kon­servativen Patttt mißbrauche. Wo ist denn die konservative Regleiung? Der Reichskanzler ist nach feinet ganzen Haltung als techtSnationallibetal anzu- sprechen, Herr v. Schotlemer und Wermuth stehen ihm nahe, Dr. Lentze wurde als nationallibetaler Kandi­dat zum Minister berufen, LiSco ist eingeschttebeneS Mttglied der national!(beraten Pattei, 6. Tirpitz und Delbrück find freifinnig, Befelet gilt al» nationallibe­ral, v. Heettngm ist Militär und hat keine besondere pattcipolittsche Stellung, v. Dallwitz ist konsrwattv, ab« mit liberalem Einschlag, und bei einzige Mini­ster in bet Reichsregierung unb Preußen, ber wohl als überzeugter Konservativer angesprochen werben tarnt, ist ber Kultusminister Herr v. Trott zu Solz. Und von ben Geheimräten fit ben Reich»ämtetn unb bat preußischen Ministerien fbtb notorisch 80 Ptoz. nationalliberal. So steht in Wahrheit die „konservative Patteiregierung* au». Wenn die Kon- servattven darüber kein Geschrtt machen, wie e» bet liberalen Sitte entspricht, so tst das sich« kein Ztt- chen, daß sie ihr« eigenen Kraft nicht mehr oertrauten. Di« mit außerordentlich« Rühttgkett in Angttff ge­

nommenen Wahlvorbereitungen beweisen jedenfall» einen seht enngischen Bißen zum Leben. Wit glau­ben auch, daß die schon so ost totgesagte konserva­tive Weltanschauung heute lebenskrä^ tiger tft als vielleicht jemals voth«, ganz sich« ab« lebenskräftig« als die sich selbst vergötternd« liberale Weltanschauung. Die einzige große Ge­fahr, die die Eristatz d« konservativen Pattet b»> droht, tst die gegen sie gerichtete konfessionelle Hetz«, die mit der „römischen Gefahr* droht und bie Kon­servativen beschuldigt, die evangelische Kirche Benote# zu haben. Gelingt eS ben Konservativ en nicht, diese« von dem Evangelischen Bunde im Jntereffe der libe­ralen Pattttm unternommenen Angriff abzuschlagen, so tottben sie freilich unterliegen. Ab« wir möchte# nicht die Hoffnung aufgeben, daß b« ehrliche Sin# b« gläubigen Protestanten doch den wahren Charak­ter d« Hetze ertennen und eS mit Entrüstung von sich weisen wird, die Vetteidiguug ihre» Glaubens uni ihrer Kirche Leuten zu übertragen, die am allerwe­nigsten dazu den Beruf besitzen. In den Preßorgane«, die in d« konfessionellen Hetze die Führung hab«, sind eS nicht gläubige Prolestamen, die zu» Kampfe rufen, sondern Leute, deren protestantisch«» Chttstentmn nur noch den Namen Christentum, und zwar zu Unrecht, führt, Juden und abgefallene Ka­tholiken. Von diesen wird daS gläubige evangelisch« Volk sich auf die Dau« nicht irreführen lassen.

4- Ein Charakterbild. Schon wiederholt habm mir aus Anlaß von Kulturkampfreben In ben Parlamenten uns gezwungen gefehm, mit dem Abg. Everling, bem Direktor des Evangelischen Bunde-, zu beschästigm. Wir haben immer wieder daraus hingewtefen, daß er am wenigsten dazu berechtigt ist, sich alS Vorkämpf« des evangelischen Glaubens „gegenüber ben Uebergriffen Rom» unb bes Ultra» montanismus* aufjuiptelen. Vor kurzem würbe gemeldet, daß bie Konservativen in bem fächst» Wahlkreise Döbeln-Roßwein bie Kandidatur bei Herrn Everling nicht mehr unterstütze«,' sondern einen eigenen Kandidaten aufstellen wolle«.' Aus diesem Anlaß wird b« ,Kreuzztgck von „wohl»' informierter Sette* gefchtteben, daß schon bie * Führer des Evangelischen Bundes, Graf Wintzing«»' rode, Pros. D. Nrppold, Prof. 0. Witt«, Pfarrer Fikenfch« usw. sich 1906 in Hamburg ganz ent» schieben gegm bie von langer Hand ootberetteit ‘ Wahl beS Krefelder Pfarrer« Everling zum Direttor des Bundes ausgesprochm hätte«.

„Gleich Rippolb, d« leinen früheren Schüler doch etwaS genaw* kannte, oermtfete damals auch Gras Wintzing«od« an Lverling bie moralische Qualifikati«, ben weiten Blick und vor allem ben rechten Talt, de« eine solche Stellung «fordere, unb bracht« dies« Bee denken in längerer Rede auch zum Ausdruck. Den­noch gelang eS den kirchlich- und politisch-liberal«« Kreisen der rbttnischen unb westfälischen Bündle^ die Wahl EverlingS durchzusetzen untre heftigste» Widerspruch der besonnenen Elemente iw. Gesamt» Vorstände. Infolgedessen trat Prof. Rippolb, einer ber Gründer des Bundes, sofort auS dem Vorstand auS. Everling selbst aber erklärte nachmals lachen» im Gespräch mit Dtttten saft wörtlich, jedenfalls ab< dem Sinne nach: „Sie haben doch etgen111 ch s«tz» leichtsinnig gehandelt, daß st« mich aus Leben» zttt zum Direktor gewählt haben." Diese beicheide» Selbsterkenntnis, bie man sonst an biefem Herrn nicht gewöhnt ist, tras den Nagel auf ben Kopf. Denn tat» fächltch hatte sich «verlmg in ben größeren Bundes­versammlungen stets besonders unliebsam bemerk« bar gemacht durch seine abjprechende Kritik über di» Geschäsisleitung in Halle, rote auch über die Redaktion ber vom Bunde damals noch in Berlin unterhaltene» offiziellen .Deutsch-evangelischen Korrespondenz'."

Im weiteren wirb in bem Artikel ausgeführh daß die genannte Korrespondenz für Everling nur dar Sprungbrett fern foüte, um fein Ziel, ein» politische Rolle zu spielen, zu erreichen. So ließ er sich denn auch nach bet Auflösung bei Reichstages tm Dezember 1906 in Dödeln-Roßwei« als Kandidat ber Ordnungsparteie« aufstellen unb wählen, lieber bie Tätigkeit EverlingS an bem Bundesorgan heißt eS in bem Artikel weiter:

„Genaue Kennet seiner Geschäftsführung in Halle und feiner bald zynisch witzelnden, bald schwülstige« oder gehässigen Artikel in ber ,D«ulsch-ev.Korr,' find darüber einig, daß er diese- für bie Tagespreis« bestimmte und von ben Beiträgen auch bre konservativ gesinnten Bundesrnitgliedre mitunterhaitene Organ, daS dem Evangelischen Bunde jährlich rund 20000 M. obre mehr kostet, wiederholt arg gemißdraucht hat und zwar nicht dazu, um bie eigene Persönlichkeit und Tätigkeit ins rechte Licht zu setzen, sondern auch zur Bekämpfung bre konservativen Partei, ihrer an­gesehensten Blätter und ihm mißliebiger Abgeordneter, wofür ja noch die letzte Stummer jener Korrespondenz fett Mitte Dezember Zeugnis ablegen. Zur Irrefüh­rung der öffentlichen Meinung erklätt re bann vo« Zett zu Zett, der Bund (!) treibe keine Parleipolttih ja übrehaupt keine Politik.*

AuS diesem Charakterbild kann man sich eine ungefähre Vorstellung von ber zerfetzenben Tätigkeit deS BundesdttettorS machen, unb man darf sich nicht wundern, wenn hierdurch bei einem großen Zeile ber Mitgliebre des Evangelischen Bundes, unb be­sonders denjenigen, bie noch auf positiv gläubigem Boben stehen, em argeS Mißtrauen unb eine gewaltige Mißstimmung gegen ihn entstanden ist. Wer ben Nutzen von ben untre seiner Leitung vollführten Hetzereien gegen das positiv« Ehnsten« tum hat, kann keinem Zweifel unterliegen: es sind Liberalismus unb Sozialdemokratie. T eS» halb können wir eS nut freubig begrüßen, wenn bie Konservativen ihrerseits mit dazu beitragen wollen, wenigstens bie politische Hetzarbeit bes Herrn Everling lahmzulegen.

* Die tieseren Gründe deS Aufstandes auf PouaP« enthüllt ein soeben emgelroffenre Bericht des stell» vertretende« Gouvreneurs von Deutsch-Neu-Guinea, RegietungSrat Dr. Oswald, den bie ,Nvrdd. Allg. Ztg-' vttöffentlicht. Man hatte bie Leut«, fo heißt e» bann, früher äußerst schonend behandelt. Unter bem neuen Bezirtsamtmann nahm die Entw ckelnng ein schnelleres Tempo an. Es wurde von den Dscho» kadschleuten verlangt, daß sie nicht nur für bas Jahr 1910, sondern auch für baS vorhergehend« Jahr die Steuerarbeit leisteten, wie alle übrigen