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2. Blatt.
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[:] Fulda, 3. Februar 1911.
Nachdem die künstlich geschürte Entrüstung gegen den'Modernisteneid zu verrauchen drohte, gaben in den legten Tagen die Veröffentlichung eines Schcei- ben« das Papst Pius an Kardinal Fischer gesandt bat und dL Rede des preußischen Gesandten beim Vatikan bei der Kaisergeburtstagsseier m Rom der Hetze neue Nahrung Unwahre und irreführende Beichte der liberalen Preße gaben zunächst beiden An- läffen ein wesentlich schlimmeres Aussehen als sie in Wirklichkeit besaßen. Nachdem die wahre Bedeutung erkannt ist, ist es in der öffentlichen Diskussion etwas ruhiger geworden, nur die liberalen und evangelischbündleriscke Presse setzt die Hetze mit munterem Eifer fort. Der Modernisteneid ist nach dem Vorgänge des preußischen Abgeordnetenhauses jetzt auch in der württembergischen zweiten Kammer in die Debatte hineingezogen worden. Der württem- berarsche Kultusminister hat zu der Frage sich in einer Weise geäußert, die ziemlich deutlich erkennen ließ daß auch er die wahre kirchliche Bedeutung der Angelegenheit nicht verstanden hat. Der Minister fügte hinzu das Schreiben des Papstes an den Erz. bischos von Köln sei geeignet, die an sich schon gespannte Lage in bedauerlichem Maße zu verschärfen. Wir sehen nicht ein, inwiefern dies geschehen soll. Der Friede ist nur möglich auf der Grundlage gegenseitigen Verstehens und Achtens. An beiden fehlt rs in diesen Tagen der Hetze in hohem Maße.
Tas Wertzuwachssteuergesetz ist in dritter Lesung vom Reichstage angenommen worden. Der Reichstag hat in den zahlreichen Aendemngen, die er an dec Reichsregierungsvorlage vorgenommen hat, sich von dem Bestreben leiten lassen, den regulären Grundstücksverkehr mit den normalen Preissteigerungen und Gewinnergebenissen von der Steuer zu befreien, dagegen die großen Spekulations- und 'Zufallsgewinne erheblich zu treffen. Um das Gesetz in den Hafen zu bringen, ist ein neuer Block geschaffen: von Westarp bis Vassermann von den Konservativen bis zu den Nationalliberalen. Allerhand Achtung I Der Reichsschatzsekretär Wermuth freilich schallt die Sache mit einem fröhlichen und einem nassen Auge an: der Ertrag der Steuer ist durch die hundert und vier Abänderungsvorschläge erheblich herabgemindert; immerhin genügt er — und das ist genug. Rur die Sozialdemokratie ist mit dec Entwicklung der Dinge unzufrieden. Als der Re. gierungsentwurf kam, war sie für ihn geradezu begeistert: denn es war ja eine Besitz st euer, die nur den mittleren, größeren und großen Geldbeutel traf. Nun aber das Steuerschiff vor dem Hafen lag, änderte sie ihre Anschauung. Jetzt war sie gegen das Gesetz, gegen die — Besitzsteuer. Ebenso wie sie auch mal gegen die Sekffteuer gewesen ist! Und das nennen die Genossen Vertretung der Interessen der Kleinen. Die haben Wohl große Terrains mit noch größerem Wertzuwachs! Die trinken wohl Sekt und essen Austern! Wieder einmal haben die roten Volksverführer die Maske gelüftet und gezeigt, daß sie das Interesse des Volkes mitsamt dem der breiten Masse ihrem taktischen Eigennutz ohne Bedenken opfern.
In Oesterreich gab in der Delegation des Reichsrats der österreichische Minister des Aeußeren Graf Aehcenthal ein Exposü über die internationale Lage, in welchem er an echter Stelle die unerschütterliche Fortdauer des Dreibunds betonte. Daneben war seine Feststellung erfreulich, daß auch die Beziehungen Oesterreichs zu Rußland zurzeit durchaus befriedigende und auf dem Wege zu noch besserer Ge- sallung sind. An dieser Entwicklung hat Deutsch, land ein gut Teil des Verdienstes, denn die österreichisch-russische Verständigung ist über Berlin gekommen.
In Frankreich haben die Deputierten die vor fünf Jahren oorgenommene Erhöhung ihrer Bezüge von 9000 auf 12 000 Francs, die im Volke fehr viel böses Blut gemacht hat und besonders im letzten Wahlkampfe eine große Rolle spielte, mit ansehnlicher Mehrheit aufrecht erhalten und damit vielleicht sogar den Gegner des Antrags auf Herabsetzung der Bezüge eine Herzenserleichterung bereitet. Die Herren
Gesetzgeber tonnen nun also in aller Ruhe sich weiter ihrer mehr oder minder nützlichen Zütigfeit Bingeben. Die größte Aktivität merkt man immer noch in der Kulturkampfgesetzgebung. Die „Verteidigung* der Laienschule, die sich immer schwieriger gestaltet, will jetzt sogar das eigenartige Mittel benutzen, einem von den Lehrern gebildeten Gerichtshof die Befugnis zu übertragen, die Familienväter, die mit der Laienschule nicht vollständig harmonieren, zu bestrafen. Man muß sich wundern, daß das katholische Frankreich gegenüber den Angriffen der jakobinischen Gesetzgebung sich nicht zu einer energischen Abwehr aufrafft.
In Portugal gedenkt die Regierung in kurzer Zeit ebenfalls in eine fröhliche Kulturkampfsgesetzgebung eintreten zu können. Ein Erlaß über die Trennung von Staat und Kirche ist angekündigt, vorher aber soll in den verschiedenen Provinzen durch Agitationsvorträge Stimmung im Volke für das Dekret gemacht werden. Der Justizminister hat angeblich erklärt, den Bischöfen sollten ihre Kirchen und alles, was zur Aufrechterhaltung des Gottesdienstes notwendig ist, belassen werden, die amtierenden Geistlichen würden bis zu ihrem Tode aus Staatsmitteln bezahlt werden. Das klingt allzu schön, als daß wir diesen Versichemngen Glauben schenken könnten. Wahrscheinlich wird es weniger sanft zugehen.
Der Abschluß des amerikanischen Gegenseitigkeitsvertrages beansprucht ein außerordentliches politisches Interesse. Seine Bedeutung greift über die rein wirtschaftlichen Konsequenzen weit hinaus. Kanada hat durch den Vertrag seine Annäherung an die Vereinigten Staaten, feine Entfremdung gegenüber England dokumentiert. Entsprechend wird In England das Abkommen sehr ungnädig aufgenommen und kritisiert. Für die englische Regie- rung bedeutet der Vertrag eine schwere Schlappe, den Zusammenbruch eines der wichtigsten Stützen des imperialistischen Gedankens.
* Die Bildung von kommnnalen Zentrumsfraktionen,
d. h. der Zusammenschluß der auf das Zentrumsprogramm gewählten bezw. auf dem Boden der Zentrumspartei stehenden Mitglieder der Stadt- oder Gemeindevertretung ist bereits an vielen Orten vollzogen und mit Recht aus den verschiedensten Gründen als ein allgemein ersttebenswertes Ziel zu bezeichnen. Die Bedeutung einer solchen Fraktionsbildung erfuhr eine interessante Beleuchtung anläßlich eines eigenartigen Konfliktes zwischen der vor zwei Jahren gegründeten Zentrumsftaktion des Stadtverordnetenkollegiums der niederrheinischen Stadt Goch und dem dortigen Bürgermeister Düh-Josun. Die „Kommunalpol. Blätter* teilen darüber folgendes mit:
In einer Wählernersammlung der Zentrumspartei der Stadt Goch am 6. November 1910 teilte Stadtverordneter Versteh! über die Gründung dec Zentrums- fraktion folgendes mit:
Nachdem durch die Z-ntrumkoersammlung vom 12. April 1908 der Grundstein ffir die örlliche Or- ganifation der Zemmmsparlei gelegt war, wuroe in Der allgemeinen Wähleroeriammlung am 25. Otlober 1908 Der Zusammenschluß aller auf dem Boden des Zentrumsprogramms stehenden Stadtverordneten zum Beschluß erhoben. Acht von der Zen- trumsparlet gewählte Stadtverordnete hallen sich vor ihrer Wahl bereits auf das von der Parlei ausgestellte Programm und zum Beitritt in die zu gründende Fraktion verpflichtet. Am 8. Januar 1909 fonflituieite sich die Fraktion mit IG Mitgliedern, von Denen eins ipäler ausschied. (Das Siadlverorünelen-KoUegium zählt insgesamt 23 Mitglieder.) Die Fraktion hielt 34 Sitzungen ab. Ihre Beratungen waren getragen von den allgemeinen großen Gesichtspunkten der Kommunalpolitik. Jede Frage, Die an Die Versammlung heran« trat und jece zu beantragende Neueinrichtung wurde vom Standpunkte des Allgemeinwohls und des christlichen Prinzips geprüft und danach entiprechend Stellung genommen. Jede persönliche Politik blieb streng ausgeschlossen. Der Zentrumsgrundiatz, eine Politik oer ausgleichenden Gerechtigkeit zu vertreten, ist finiter Le tsatz. Ebenso wurde das Bewill gungs- und (Sin« Ipruchsrecht der Stadlverordneten-Veisammlung streng gewahrt ... In allen Teilen wurden die Berhand- lungen getragen von großer Einigkeit und wahrer Kollegialität. Durchdrungen von der Wichtigkeit des
Amtes wirkt hier jedes Mitglied in ernster Arbeit für das Wohl und das Ansehen unserer Sladt.
Diese Mitteilungen ergänzte in berfelben Versammlung Stadtverordneter Hoolmcms durch folgende Ausführungen:
Als untere Partei vor zwei Jahren ihre kommunalpolitische Betätigung begann, da hak sich gewiß mancher die Frage voraekegt: Ist das denn notwendig? Andere behaupteten: Die Politik gehört nicht ins Rathaus. Endlich mag es auch Zweifler gegeben haben, welche sagten: Ob Zentrnmssraktton oder nicht, es wird doch nicht anders. Gegenüber diesen Bedenken können wir heute nach zwei Jahren hinweiien auf die unverrückbar feststehende Talsache, daß eben durch die Tätigkeit der Zentrum sstadtver ordnet en manches anders und besser geworden ist. Im Verlaufe dieser ffeit hat man oft genug Gelegenheit gehabt Worte Der Anerkennung zu hören, ja lelbft Männer, welche nicht auf unserem poliliichen Standpunkt stehen, haben gesagt: „Es ist gut, daß wir tn Goch eine Zentrnms- rraklion haben.“ . . . Wie waren früher die Verhältnisse in der Stabeverorbnetenverfammlung? Die Beschlüsse unterlagen oft dem Zufall oder aber den jeweiligen persönlichen Neigungen und Strömungen Der einzelne Stadtverordnete kämpfte — ich möchte fast sagen — bis zur Ohnmacht dagegen an, ohne eine nennenswerte Einwirkung auf Aenderung mancher be» klagenswerter Erscheinungen und Vorgänge in der Kommune zu erzielen. Das Vertrauen dec Skadt- veroidneten unter sich — ohne welches eine feste Mehrheit sich nicht zusammenfinden und zusammen arbeiten kann, um eine einheitliche, behändige, großzügige Kommunalpolitik zu treiben — war erschüttert. Es liegt m.r fern, irgend einen Der damaligen Stadt' erorbneten für diese Zustände allein verantwortlich zu machen. Denn es lag vielleicht nicht so sehr an Personen, als an dem System, das damals noch herrschte. En System, das ein Produkt bet Entwickelung der Verhältnisse war, deren Ansänge mehr als ein Jahrzehnt -urück liegen dürften..... Wir schließen fernen
aus, sich an unseren Bestiebungen im Interesse Oer Allgemeinheit, der Stadl und der Bürgerschasl zu beteiligen, es ist ein jeder willkommen zur Mitarbeit, soiern derselbe gewillt ist, unsere Grundsätze mit aller Entschiedenheit zu vertreten.
Es ist nun klar, daß neue Einrichtungen im Anfänge vielfach verkannt und geschmäht werden. So erging es auch der Fraktion. Man spricht von angeblichem Fraktionszwang, Knebelung der freien Meinungsäußerung, welche angeblich in der Fraktion herrschen solle. Wir selbst, tie Mitglieder Der Fiaklion haben Den sog. Fraktionszwang in der Stadtverordnetenversammlung bisher nicht empfunden. Wir kommen in der Fraktionssitzung zusammen zur ruhigen, sachlichen und gründlichen Borberatung aller Gegenstände der Tagesordnung Der Stadtverordnetenversammlung. Wir verlangen aber von jedem Mit- aliede der Fraktion, daß es in dieser Sitzung offen klar seine Stellung zu Den jeweiligen Beratungsgegenständen erklärt. Wir verlangen ferner, daß, wenn ans Grund eingehendster Beratung für Annahme ober Ablehnung eines Gegenstandes sich eine erhebliche Meh rheit gesunden hat, d dann dasjenige Mitglied, welches trotzdem noch abweichende Anschauungen aufrecht hält, offen und frei der Fraktion erklärt, aus den und den Gründen kann ich in der Stabtnerorbnetenverfammlung dem Beschlüsse nicht beitreten. Und das kann ein vernünftig, rechtlich und klar Denkender ganz gewiß nicht als Fraktionszwang im anrüchigen Sinne dieses Wortes bezeichnen. Die Grundlage der Fraktionstätigkeil ist das gegenseitige 93er i rau en der Mitg'ieber unter sich und Datum ist es notwendig, daß in der Fraktion mit offenen Karten gespielt wird. Gerade die Anlehnung der Auffassung des emen Stadtverordneten an Die Des anderen, das Jnnehalten gewisser in der Gemeinsamkeit Des hohen Zieles liegender Richtlinien und das gegenseitige Sichverstehenlemen, das sind Die Mittel, welche den Erfolg Der Arbeiten in der Fraktion garantieren.
Die Stadtverordneten Versteh! und Hoolmans ga- ben in ihren Referaten außerdem eine Uebersicht über das Verhalten und die Tätigkeit der Zentruinsftak- tion in den einzelnen kommunalen Angelegenheiten Gochs. Diese Darlegungen veranlaßten nun den Bürgermeister dieser Stadt zu einer Bekanntmachung, durch welche die unmittelbar bevofftehenden Stadtverordnetenwahlen ohne Grundangabe um 14 Tage verschoben wurden. In einem am 12. November 1910 veröffentlichten Flugblatt betitelt „Richtig- stelll'.ng und zur Aufklärung der Bürgerschaft“ begründete dann der Bürgermeister seine Maßnahme damit, daß er vor Tätigung der Stadtverordnetenwahlen Zeit für eine Erwiderung auf die erwähnten Referate habe gewinnen wollen. Was er in diesem
Schriftstück, daS durch Polizeibeantte in die Häuf« der Bürger gebracht wurde, im einzelnen ausführte — in einer späteren Zentmmswähleroersammlung erfolgte dir Widerlegung — interessiert hier weniger als das sonderbare Vorgehen an sich und insbesondere der Umstand, daß er überhaupt an der Bildung einer Zentrumsfraktion Kritik übte. Am 22. November nahm eine Zentrumswählerver- sammlung Stellung zum Vorgehen des Bürgermeisters, und bei dieser Gelegenheit verbreitete sich auf Einladung der Zentrumsparteileitung von Goch Stadwerordneter Krüsemann (Krefeld) in längeren grundsätzlichen Darlegungen über das Recht und die Pflicht zur Fraktionsbildung, sowie über Zfveck- und Nutzen von Fraktionsberatungen. Die Versammlung nahm eine Resolution an, in der sie das Flugblatt als „einen durchaus ungerechfferttgien Angriff auf die Zentrumsftaktion und eine bedauerliche Einmischung des echten städtischen Beamten in die Wahl- geschäste der Bürgerschaft“ bezeichnet, ferner mit Genugtuung feststellt, daß die Fraktion in ihren Augen völlig gerechtfertigt dasteht, und versichert, sich im Verttauen zu der Zentrumsftaktion durch keine Angriffe beirren zu lassen“. Gegen die ohne Grundangabe erfolgte Verschiebung der Wahltermine erhob die Zentrumsftaktion Protest und bat den Bürgermeister, eine Stadtverordnetensitzung mit der Tagesordnung: Interpellation über die Gründe der Verlegung der StadtratswaPen einzubemfen. Diesem Verlangen gab der Bürgermeister nicht statt. In der nächsten ordenüichcn Stadtverordnetensitzung (2. Dezember) erklärte er vielmehr, daß er keine Veranlassung habe, die Interpellation zu beantworten; eine Diskussion hierüber ließ er nicht zu. Daraufhin verließen die Zentrumsstadtverordneten die Sitzung, die nun beschlußunfähig wurde. Die Zentrumsfraktion hat sich wegen des Verhaltens des Bürgermeisters beschwerdeführend an den Regierungspräsidenten gewandt.
Deutsches Reich.
Z Paul Singer. Wie nicht anders zu erwarten war, erheben die sozialdemokratischen Blätter den verstorbenen 216g. Singer bis in den Himmel, lieber die Toten soll man nur Gutes sagen, wenn aber die geschichtliche Wahrheit gefälscht wird, darf man nicht schweige. Singer mag sich um seine Partei verdient gemacht haben. Im übrigen aber stand fein Leben zu der von ihm vertretenen Theorie in schneidendem Widerspruch. Man kann, wie es von antisemitischer Seite früher geschah, ihm die Aeußerung seines Kompagnons in dec Mäntelfabrik, die ?trbeit:rinnen möchten (bei den Hungerlöhnen des Betriebes) ihren Lebensunterhalt auf der Sttaße verdienen, nicht zur Last legen, wohl aber, daß er mit einem solchen Kompagnon weiterarbeitete, und vor allem, daß in feinem Betriebe solche Hungerlöhne gezahlt wurden. Singer gehörte als mehrfacher Millionär zu den den Sozis so verhaßten Kapitalisten, er be» fand sich da freilich in Gesellschaft recht vieler Führer dec Sozialdemokratie; er hat das Leben in vollen Zügen genossen, seine Sektgelage waren Berliner Stadtgespräch. Man würde diese persönliche Seite nicht berühren, wenn nicht gerade nach dieser Seite hin die Genossen ihre Angriffe gegen die Bourgeois richteten, während zum mindesten gleich würdige Objekte in ihren eigenen Reihen saßen.
X Die landwirtschaftliche Woche. In ben nächsten Tagen beginnen in der Reichshaupfftadt die ausgedehnten Beratungen der großen landwirtschaftliche» Organisationen, zu denen sich nach Zehntausenden die deutschen Landwirte ans allen Teilen des Reiches einfinden. Von Jahr zu Jahr haben diese Zu- sammenkünfte der deutschen Landwirtschaft in Berlin an Umfang und Bedeutung gewonnen und fast vier Wochen hindurch pflegt die sogenannte „Landwirt schastliche Woche“ der Reichshaupfft.idt ein ganz besonderes Gepräge aufzudrücken. Eingeleitet werden die Verhandlungen mit der Tagung des Königlich Preußischen Landes-Oekonomie-Kolle- g i u rn s unter dem Vorsitz des Neichstagspräsidentm Grafen von Schwerin-Löwitz. Im Mittelpunkt der Erörterungen dieses amtlichen Beirats der preußischen landwittschastlichen Verwaltung wird die Land- arbeiterfraze stehen. Ari diese Verhandlungen schließt sich die Hauptversammlung der preußischen
UnpotMsche Zeltlaufe.
(N.) Berlin, 2. Februar 1911.
(Rachbruck verboten.)
Die Pest wütet in Ostossen. Die Reise unseres Kronprinzen wird wegen dieser Gefahr bereits in Indien abgebrochen. ocgauci toeruue Japan und China hätte er besuchen müssen, um die ungeheure Masse der gelben Menschen zu sehen und von ihnen gesehen zu werden. Der Aufenthalt in Indien, das die Engländer in Beschlag genommen haben, war längst nicht so wichtig. Hoffentlich kann die bessere Hälfte der Kronprinzenfahrt bald nachgeholt werden.
In Hinterafien macht man jetzt dasselbe durch, vas unsere Vorfahren bei dem Uebergang vom Mit- elalter zur neuen Zeit überstehen mußten. Strecken- Deise wurde die Hälfte der Einwohner von der schreck- ichen Seuche dahingerafft. Tie Erinnerung an das Buten der Pest in Italien wurde ja neuerdings wie- »er wachgerufen durch die Dreihundertjahrfeier zum Gedächtnis des hl. Karl Borromäus, des heldenmütigen Erzbischofs von Mailand, der nicht bloß für das Seelenheil, sondern auch für die leibliche Wohlfahrt seiner Herde sich opferwillig einsetzte. Woher die an« steckende Krankheit kam und wie.sie übertragen wurde, 3U i^let Seit den Europäern so wenig klar, wir j.tzl Den Mandschuren und Chinesen. Die Bakterien ^mflt-senben Sporen waren noch nicht h D°s verängstigte Volk suchte in dem Trei- ben böser ^Menschen die Erklärung. Wenn man mertte, daß die seuche durch den Genuß von Wasser Über- lia9e" wurde, so hielt man die Brunnen für vergiftet und beschuldigte die uhneyin unbeliebten Juden daß sie Gift in die Brunnen würfen. Wenn man sah, daß die Pest durch Berührung ertoorben wurde, so bildete man sich ein. es gingen „Salber" umher, die Türklopfer und andere Handgriffe mit dem Krankheits- stoff beschmierten. In der Mandschurei glaubt das verzjveifelnde Volk jetzt, die Japaner brächten einen „gelben Stoff" in die Brunnen und an die Häuser, um so die Eingeborenen zu töten und dann ihrerseits das Land in Besitz zu nehmen. Die Japaner haben bekanntlich in der Medizin große Kenntnisse und vie
len Eifer, so daß sie jetzt in dem Pestlmide aus allen Kräften Desinfektionsmittel anwenden, namentlich Chlorkalk. Das Desinfizieren ist den Chinesen unverständlich und lästig. Daher die unsinnigen Gerüchte über japanische Giftmischerei. Daher auch die Verheimlichung der Pestfälle und die grauenhafte Erscheinung, daß morgens auf den Straßen Leichen von Pestkranken liegen, die im Dunkel der Nacht aus den versecichten Häusern hinausbefördert sind.
Bei einer so ungebildeten, stumpfsinnigen, an den Schmutz gewöhnten Bevölkerung kann die Seuche natürlich reiche Emte halten. Ilm so mehr, als dort die Leute sehr dicht zusammenwohnen. Die eigentliche Brutstätte des Pestkeimes scheint in dem Chi- refenbiertel vor CHarbin zu stecken. Leider hat man dieses Seuchennest nicht rechtzeitig abgesperrt, sondern zugelassen, daß ein großer Teil der Einwohner sich auf die Flucht begeben hat. Die Leute sind nicht rach Sibirien hinein geflüchtet, sondern nach Süden hin in die Mandschurei hinein, dieselbe Strecke entlang, die vor einigen Jahren der russische Zar bei seinem unglückseligen Feldzug gegen die Japaner einschlug. Ob der Ausbruch der Pest mit dem Kriegselend in ursächlichem Zusammenhang steht, wird vielleicht noch genau untersucht. In der Geschichte ist eine Genossenschaft von Krieg und Seuche ja schon oft hervorgetreten. Als dritte im Bunde pflegt sich die Hungersnot einzustellen, und dämm heißt cs in bei Litanei: A peste, tarne et bello, von Pest, Hungersnot und Krieg erlöse uns, o Herr!
Die Flucht aus den verseuchten Orten ist leider das wirksamste Mittel zur Ausbreitung der Krankheit. Unter den Fliehenden haben manche schon den Krank- heitskeim im Leibe oder wenigstens in den mitge- schleppten Habseligkeiten. Auf der gemeinsamen Wan- berung steckt der eine den andern an, und die durchzogenen Orffchaften werben auch verseucht.
Die Ansteckungsgefahr ist bei der Pest bekanntlich größer, als bei allen andern Seuchen. Nun wird gemeldet, daß man es dort mit einer Pestart zu tun habe, die noch schlimmer sei, als die gewöhnliche Pest. Man bezeichnet sie als Lungenpest zum Unterschied von der Bubonenpest, die sich hauptsächlich in Drüsen- geschwüven äußert. Der Krankheitskeim soll auch
durch die Lust übertragen werden, so daß man schon durch das bloße Einatmen krank werden kann. Darum sollen die Europäer und Japaner, die sich schützen wollen, Masken tragen, die mit Jodoform getränkt sind. Wie lange man es in einer solchen Maske bei der Einatmung von Jodoluft aushalten kann, wird nicht gesagt.
Es heißt, daß die Pest bereits von der Mandschurei nach dem eigentlichen China übergesprungen sei und auch die Provinz Schantung bedrohe, zu der unsere Kolonie Kiautschou gehört. Bei dem strammen Regiment und den ganz mobemen Einrichtungen in Kiautschou braucht man für unsere dortigen Handelsleute und deren eingeborenen Genossen wohl keine große Sorge zu haben. Aber welch eine Unmasse von Leichen wird es geben, wenn die Pest in die schrecklich übervölkerten Großstädte Chinas einbringt:
„Spottet seiner selbst unb weiß nicht wie.“ Dieses Wort klingt mir im Ohre, wenn ich gerade jetzt in dieser und jener Zeiffchrist Abhandlungen lese über die angebliche starke Vermehrung des Menschen- geschlechts und über die Zukunftsfrage, ob der Ackerboden und die Kohlenvorräte der Erde auch andauernd ausreichen werden für die Emähmng und Versorgung der stets wachsenden Menschenmassen. Ach, die feindlichen Naturgewalten und die Torheiten der Menschen wirken nur zu sehr auf die Einschränkung der Menschenvermehrung hin! Wir können ben Kampf gegen Pest, Hungersnot, Krieg und die senstigen Gehilfen des Todes mhig fortsetzen. Die Erde hat noch Raum genug für viele Hunderte von Millionen, man muß sie nur allmählich etwas vernünftiger verteilen über die bewohnbare Erdfläche. Es gibt noch eine Unmasse von fruchtbarem Boden, der jetzt nur in ungenügender Weise oder gamicht zur Emährung der Menschheit herangezogen wirb. Unb baneben schwimmen im Weltmeer, das doppelt so groß ist wie das Land, ungeheure Mengen von eßbaren Tieren hemm, von denen wir bis jetzt nur hier und da einen Naschbissen uns holen. Auch der Kohlenvorrat geht noch längst nicht zur Neige, und sollte er einmal erschöpft werden, so sind sicherlich längst die bereits angebahnten Voickehmngen zur unmittelbaren Ausnubuna der Sonnenstrahlen wirksam
geworden. Die Menschheit wird nicht verhungem und nicht erfrieren und nicht wegen Mangels an Betriebskraft leiden, — wenn sie auch fernerhin der Mahnung folgt: Wachset unb mehret euch!
Der Pestausbmch in Ostasien erregt unser Mitleib, aber er braucht uns nicht in Furcht zu stürzen. Die Enffemung ist fteilich unter ben modernen Verkehrs- Verhältnissen nicht groß. Namentlich ist die Eisenbahn ein zu wirksames Verkehrsmittel für Krank- heitskeime, sogar auf Tausende von Kilometern hin. Die Ueberttagung durch Schiffe unb deren Insassen läßt sich mittels der Quarantäne viel eher verhindern, als die Verschleppung durch die Eisenbahnwagen, beten Angestellte unb deren Passagiere. Tie sibirische Eisenbahn scheint bisher noch pestfrei geblieben zu fein. Sollte der Krankheitskeim sich dort als blinder Passagier einnisten, so werden gewiß auf der langen Strecke noch verschiedene Sperrstellen errichtet tverben, und sollte er die europäische Grenze doch überschreiten, so ist er noch längst nicht über die deutsch-russische Grenze hinweg. Alle Erfahmngen der letzten Jahrzehnte berechtigen zu der Hoffnung, daß die einst so gefährlichen Seuchen ihre Kraft verlieren, wenn sie mit der besseren Gesundheitspflege in den wirklichen Kulturstaaten in Berühmng kommen.
Freilich, wenn bei uns zu Lande die Gesundheits- verhAtnisse bessere geworden sind, so ist damit noch nicht gesagt, baß sie überall gut seien. Es gibt noch viel zu tun, namentlich in den Großstädten, zur Beseitigung des Wohnungselendes, hinter dem immer noch eine arge Krankheitsgefahr steckt.
Die Gesundheitspflege ist wicflich kein Aberglaube, unb wenn man Höri, daß der Würgengel wieder auf Erben urnhergeht. so sollte jeder vernünftige Mensch daraus Anlaß nehmen, jon ungesunden Gs- wohnheiten ober aus gesunbheitsgefährlichen Verhältnissen sich und die Semigen frei zu machen. Die Hauptpunkte sind: 1. Eine gesunde Wohnung, 2. eine mäßig» und ordentliche Lebensweise, 3. Sauberkeit inwendig und auswendig, 4. ausgiebigen Schlaf auf dem Kissen eines guten Gewissens.