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M 26. Erstes Blatt.
Fulda, Mittwoch den 1. Februar 1911.
38. Jahrgang.
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Ge-
Je? Wer hat die ««gehaltene Rede -es Gesandten von Mühlberg erdichtet?
Der Wortlaut dieser Rede, tote ihn die „Köln. Volkszeitung" mitgeteilt hat, enthält gerade diejenigen Wendungen nicht, die ivegen ihres drohenden und verletzenden Charakters so großes Aufsehen erregten.
Wenn kulturkämpferische Blätter nach dem Schlage des „Berliner Tageblattes" eine solche Rede tendenziös fälschen, so ist das traurig, aber, wie wir schon gestern sagten, nach den sonstigen Leistungen der Hetzpresse nicht mehr unbegreiflich. Doch rote konnte das
Preußischer Larrytag
Abgeorduelenhaus.
Sitzung vom 31. Januar 1911.
Das Haus berät den Domänenetat.
Adg. Dr. Dahlem (Btt.) beklagt die Hätten Durchführung des Reblausgesetzes und die tiugfügtgkett der Entschävigungeu an die Winzer.
. ... In
ten ffen der Fürsten in Beltacht, lonbern lediglich oettassungs- und staatsrechtliche Bedenken. Der Reichskanzler habe zwttchen zweiter und dritter Lesung noch einmal Rechtsgutachten eingeholt, und niete bestätigten, daß die LandeSsütsten dem Steuer»
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 81. Januar 1911.
Die Sitzung wurde durch den Präsidenten Gras Schwerin mit einem Nachruf auf den kurz vorher verstorbenen Abg. Singer (Sozi eröffnet. Das Haus erhebt sich zu Ehren des Beistorbenen, der, rote bet Präsident ausführte, 27 Iahte dem Haufe angehötle tznd zu defleu ältesten Mttgltedetu zählte.
Dann begann di«
dritte Lesung des ZuwachSsieuergesetzeS.
Der von allen Parteien mit Ausnahme der Sozialdemokraten und der Polen unterzeichnete Äompto» Mißantrag (Westarp) trifft über eine Reihe der wesentlichsten Streitpunkte eine Berstänvigung. Die Konservativen beantragen darüber hinaus in einem Antrag Rormanu auch die Beseitigung der Steuer» pflicht des Landesfürsten. Bom Abg. Trimbotn (Ztr.) liegen Anträge zugunsten der Festung-» pädte vor.
Es findet eine Eeneraldiskuifion statt.
Abg. Jäger zZtr.s begrubt im Namen seiner Partei stiit Genugtuung, daß nach der mühevollen zweiten Lesung eine Verständigung über die wesentlichsten Punkte zustande gekommen ist.
Abg. Dr. Arendt (Rp.): Das ganze Gesetz ist ein gusthieb. ES vereitelt eine richtige Kommunalbesteuerung gegen die Bodenspekulation. Wir stimmen der Borlage mehr zu.
Abg. Dr. Südekum (So,.): Ich traute meinen >iugen nicht, als ich da- Kompromiß sah. Die Freisinnigen schließen fich dem schwarz-blauen Steuerblock an, weil ihnen die Äurage zu einet glänzenden Einsamkeit fehlt, und stimmen für dieses ftädteseindUche Gesetz. Jetzt fehlt nur noch die Steuerfreiheit der Fürsten, dann hat die Rechte alles erreicht. Warten wir abl Wir werden aber namentliche Abstimmungen fordern. DaS ist die Dankbarkeit tüt den unverdienten Wertzuwachs der sunkelnagelneuen Orden der frei» sinnigen Häupter. Aus diesem Gesetz bat man ein tzchutzschild für die Blau-schwarzen gemacht. Könige, Fürsten, Grafen und Barone lassen sich die Millionen Vohlschmecken, die Betetanen speist man mit Redens- -itten ab. Man hätte der Bortage ihre ursprüngliche Gestalt lassen sollen.
Staatssekretär Wermuth: Auch wenn letzteres geschehen wäre, so würden Sie (zu den So,.) doch wohl sticht einer Vorlage zugestimmt haben, die Ihre „Leipziger Volkszeitung- so schlecht gena nt hat, daß ne ein Militäranwätier gemacht hüben könnte. (Heitk.) Trotz der der Regierung selbst unangenehmen Av- 'chwächungen werden die Ansprüche der Veteranen erfüllt werden können.
Abg. Dr. Röficke (kons.): Meine Freunde weiden fast vollzählig der Borlage zuftimmen, da sie dem besonderen Charakter bei ländlichen Grundbesitzes Rechnung trägt.
Abg. Dr. Weber mtl.): Auch meine Freunde wer« ,-en der Vorlage zuftimmen. Im Lande wirb man sticht verstehen, warum bte Sozialdemokraten diese Besitzsteuer ablehnen. (Widerspruch bei den So,.). Wit halten diese Steuer für eine gerechte und für notwendig hn Interesse unserer Finanzen. (Bravo!)
Abg. Cnn» (45p.) sagt, möglicherweise könne man die Steuer später technisch bester aus gestalten; daß sie prinzipiell jetzt zustande komme, sei unbedingt notwendig im Interesse der Veteranen. Falls man die Steuerfreiheit der Landessürnen wieder elniühre, würden viele seiner Freunde der Vorlage nicht zuftimmen.
Abg. Gräfe (Rsp^ erklärt sich für die Vorlage aber gegen die Steuerfreiheit der Landessürften.
Darauf schließt die allgemeine Besprechung.
Die §§ 1—21 einschließlich wurden unverändert, öezw. nach dem Ä» mpromißantrag angenommen. 3u § 10 wild der Antrag Trimborn zu Gunsten der Fefttmgsftädte abgelehnt.
§ 22 regelt die Steuerbefreiungen. Ein Antrag Normann (kons.) will die rn der 2. Lesung abgelehnte Steuerfreiheit der Landesfürsten wieder einsühren.
Abg. v. Arnim-Züsedom (kons.) bedauert die geringen Erträgniffe der Domänen und wünscht genauere Angaben über die Neubauten im Etat.
Minifterialdirektor Dr. Thiel gibt eine Uebersichi über die in den letzten Jahren erzielten Preise bei Domänenverkäufen und bei -Ankäufen.
Abg. Schmedding (Ztr.): Auf eine Anfrage in der Budgetkommission, ob der Verkauf einer Domäne im Bezirk Magdeburg an eine Genostenschatt, die durch ihr Statut die Katholiken auSschlöfse, beabsichtigt sei, hat der Minister geantwortet, daß, falls die Genossenschaft eine solche Bestimmung in ihren Statuten habe, er den Verkauf nicht genehmigen würde. Ich möchte dem Herrn Minister auch an dieser Stelle dasür danken und die Hoffnung aussprechen, daß er auch in Zukunft eine derartige Zurücksetzung der Katholiken nicht dulden wird. (Beifall im Zentrum.) Redner verbreitet sich dann über eine zum Etat vorliegende Denkschrift über den Wert und die wirtschaftlichen Ergebniste der Domänen, die auf einen Antrag im vorigen Jahre hin vorgelegt worden ist. Diese Denkschrift genüge aber nicht. Der Redner begründet deshalb einen Antrag Bartscher, die Regierung zu ersuchen, von Zeit zu Zeit, mindestens alle fünf Jahre, über die der Domänenveiwaltung unterstellten Domänen und deren wirtschaftliche Berhältnifle eine eingehende Darstellung vorzulegen.
Ministerialdirektor Thiel erwidert, eine solche Darstellung würde sehr schwierig und kostspielig sein.
Abg. Seiner! (Soz.) begründet den Antrag Borgmann auf Vorlegung eines Nachweises über die Viehhaltung auf den königlichen Domänen in den letzten zehn Jahren.
Abg. Schmedding (Ztr.): Wenn der .Vorwärts' fich darüber beklagt, daß der Abg. Busch gestern zwischen sozialdeinokratischen und christlichen Arbeitern bei der Einstellung in staatliche Betriebe unterschieden habe, so will ich daraus nur mit der Gegenfrage antworten, ob denn etwa der.Vorwärts' Nichtsozialdemokraten an- stellt. (Sehr gut!)
Der Antrag Bartscher (Z.) wird darauf angenommen, der Antrag Borgmann (Soz.) abgelehnt.
Auf eine Anregung des Abg. Engelsmann (natl.), Dominialiveinberge an der Nahe zu begründen, erklärt
Landwrrtfchaltsminister Frhr. v. Schorlemer, daß man davon absehen werde, weil man bisher mit Raat lieben Weinbergen zu schlechte Erfahrungen gemacht habe.
In dec roeiieiei Debatte werden Wünsche betr. die Badeorte Setter« und Rehberg vorgebracht.
Darauf wird der Donränenelat erledigt.
Es folgt die Beratung der Aiisführungsbeftim- mungeu über die Reisekosten der Staatsbeamten.
Die Abgg. Schröder-Kassel (nati.1, !frhr. v Maltzah» (kons., Klocke iZir.), Riesch (freifonf.) und Peltasohu (Bolksp.s kritisieren die Beftimmungen scharf und erklären eine eingehende Prüfung in der Kommission für notwendig.
Di« Abgg. Hoff (Bolksp.) und Frhr. v. Zedlitz lsreikons.) protestieren dagegen, daß in Ausführung des Reisekostengesetzes die Lehrer bezüglich der Umzugsent- jchädigung den Unierbeamten gleichgestellt würden.
Ministerialdirektor Halle will auf die letztere Klage erst beim Kultusrlat näher eingehen, hofft aber, die Bedenken der Redner über die Vorlage in der Kommission zerstreuen zu können.
Darauf wird die Vorlage an eine Kommission von 14 Mitgliedern verwiesen
Der Geietzenlwuif betreffend Abänderung der Landgemeindeordnung für Hannover wird in erster und zweiter Beratung angenommen.
Mittwoch: Polizeiverwaltung in den Regierungs- bezirlen Düsseldorf, Arnsberg und Münster; Justizetat.
recht dr» Reiches nicht unterstehen. Es wäre dies mit der ReichSverfaffung unvereinbar. Wir kämen zu Schwierigkesten mit einzelnen Bundesstaaten. In Baden würde bann der ganze Domänenbesitz zur Steuer herangezogen werden können, und die Steuer würde schließlich dem Staate zur Last fallen. Eine agitatorische Ausbeutung der Steuerfreiheit der Fürsten, die vielleicht befürchtet wird, wäre ein Mißbrauch, dem wir mit aller Energie entgegen treten würden. (Beifall rechts.)
Abg. Dr. Neumann-Hofer tVp.): Die staatsrechtlichen Ausführungen des Schatzsekretärs waren schwach. Unsere Gründe, die Fürsten zu besteuern, wiegen schwerer. Es wäre ein staatsrechtlicher Fehler, sie frei« julaffen.
Abg. Göhre (Soz.): RechtSgutachten sind wohlfeil wie Brombeeren Die Landesfürften hätten am besten getan, wenn sie inzwischen freiwillig verzichtet hätten.
Abg. Dr. Zehnter tZenlr.sr Ich hoffe, daß meine Fraktion einstimmig dem Antrag Normann zustimmt. Wir dürfen aber nicht Beschlüsse fassen, deren Tragweite wir gar nicht übersehen können. Die Rechtsverhältniffe in den einzelnen Bundesstaaten wurden tatsächlich zu großen Schwierigkeiten führen. Besonders beveutungsvoll sind die Verhältniffe in Baden. Wollte man dort den ganzen Domänenbesttz als Eigentum deS Landesfürsten ansehen, so würde Baden sehr benachteiligt, weil man dann den ganzen Domänenbesttz zur Steuer heranziehen könnte. Es müßte auch, wenn die Zivilliste nach Veräußerung eines Grundstücks um die Steuer geringer würde, die Zirnl- lifte um die gleiche Summe in bar erhöht werden, so daß die Steuer schließlich dem Staat zur Last fiele. Man müßte also zunächst eine landesrechtliche Regelung der Angelegenheit betreiben, so nebenher läßt sie sich nicht erledigen.
Abg. Dr. Weber (natl.): Der überwiegende Teil meiner Fraktion wird ebenso wie in der zweiten Lesung gegen die Steuerbefreiung stimmen. (Beifall linls.)
Abg. Dove (8p.): Das Volk versieht solche Ausnahmen nicht. Halten Sie am Beschlüsse zweiter Lesung fest.
Staatssekretär Wermuth: Sie würden eine schwere Verantwortung übernehmen. Ein solcher Beschluß wäre bundesrechtlich gar nicht durchführbar. (Beifall rechts, Widerspruch links.)
Abg. Dr. Jnuck (natl): Wir wissen noch gar nicht amtlich, wie sich der Bundesrat zu der Frage stellt.
Abg. Ulrich (Soz.): Nichts ist unpopulärer im Bolle alS die Steuerfreiheit der Fürsten.
Abg. Graf Westarp zkons.): Die Drohung der äußersten Linken, daß man unsere Stellungnahme agi- tatoritch ausnutzen wird, läßt uns kalt. Wir sind es gewöhnt, daß eine Agitation von sozialdemokratischer Seite den Tatsachen in? Gesicht schlägt.
Abg. Dr. Sllbekurn (Soz.): Ich fordere, daß der Antrag abgelehnt wird, aber ich wünsche, daß im Interesse meiner Partei die Steuerfreiheit beschloffen wird.
Es folgt die Abstimmung; sie ist auf Antrag der Sozialdemokraten namentlich. Der Antrag Normann wird mit 166 gegen 136 Stimmen bei 17 Enthaltungen angenommen. Dafür stimmen die Konservativen, die Reichspartei, das Zentrum (bie ,Frankf. Zig/ führt alS Ausnahmen die Agg. Häusler, Pfeiffer und Nebel auf) und mehrere National!iderale. Di« Polen enthalten sich der Stimme. Die Steuer» freiheit der LandeSfürsten ist also wiederhergestellt.
Abg. Dr. Neumann-Hofer (8p.) beantragt einen Zusatz, wonach durch Landesgesetz Ausnahmen von der Steuerfreiheit der Landesfürsten zugunsten der Gemeinden gemacht werden können.
Schatzsekretär Wermuth erkläit, daß er keine Bedenken gegen den Antrag habe.
Der Antrag wird darauf fast einstimmig angenom- men und mit ihm der ganze § 22.
Mittwoch: W-iterberatung, außerdem Petitionen.
Schatziekrelär Wermuth bittet dringend, den Sn« rrag Normann anzune^men. Für die Haltung der Regierungen kämen (einerlei vermögensrechtliche
Wolfs'sche Telegraphische Bureau einen Bericht verbreiten, der die Worte des Gesandten im Sinne der Scharfmacher und Kulturkämpfet gröblich entstellt? Das genannte Büro ist zwar der Form nach ein Privatunternehmen: tatsächlich aber untersteht es der Kontrolle der Regierung. E» genießt sehr bebeutenbe Vorteile durch Zuwendung von amtlichen Informationen und durch die schnellere Befördemng seiner Depeschen vor den anderen Zeitung». und Geschäftstelegrammen; dafür unterwirft e» sich einer gewissen Zensur. Namentlich dicjeni- gen Nachrichten, welche Angelegenheiten der auswärtigen Politik betreffen, werden regelmäßig erst der Begutachtung durch amtliche Organe unterbreitet. DaS Telegramm aus Rom vom 28. Januar, da» einem aktiven Gesandten so überraschende, beunruhigende Wendungen in ben Mund legte, gehört doch zweifellos zu jener Klaffe von Meldungen, für dis eine Rückftage an amtlicher Stelle wegen der Richtig, feit und der Opportunität der Weiterverbreitmig angezeigt war.
Ist eine solche Rückfrage erfolgt?
Wenn nicht, so läge die Schuld der Entstellung der Wahrheit bei den Angestellten des Wolff'scheu Bureaus. Diese Herren hätten dann ihre altbekannte Neigung, aus liberalen Quellen zu schöpfen, auch im vorliegenden Falle soweit betätigt, daß sie von den kulturkän pferischen Scharfmachern sich zu AuS- trägem einer tendenziösen Fälschung benutzen ließen.
Aber gegen diese Annahme scheint der Umstand zu sprechen, daß auch die halbamtliche ,Nordd. Allg. Ztg/ und sogar der amtliche .Reichs« und Staatsanzeiger' das Telegramm abgedruckt haben, und zwar zu einer Zeit, als die Regierung längst im Besitze eines Berichtes vom Gesandte« selbst sein mußte.
Es kommt hinzu, daß auch in den folgend«. Tagen die Richtigstellung des falschen Auszugs aui der Rede nicht von der Regierung oder ihren (Dfffc ziösen, sondern ausschließlich durch ein Zentrum-« blatt erfolgt ist.
Dadurch muß sich der Verdacht ausdrängen, dass die Negierung, wenn sie auch au der Entstehung des entstellenden Berichts nicht beteiligt war, doch seine Verbreitung nicht behindern wollt« Eine nähere Ausflärung ist also sehr am Platze und wir würden uns freuen, wenn die Regierum nachweisen könnte, daß sie nichts andere» gewünfky oder begünstigt hat und also nichts anderes zu vev antromten braucht, al» den wirklichen Wort« laut der Festansprache de» Gesandten.
Die Aufklärung des Zwischenfalle- liegt in Interesse des Friedens.
Deutscher Reich.
0. Paul Singet
bet Vorsitzende der sozialdemokratischen Reichstag»- ftakiion, ist am Dienstag im Alter von 67 Jahren in Berlin gestorben.
Er kränkelte seit etwa 2 Jahren ,eht schwere» Augenleiden machte ihm zeitweise jede Betätigung unmöglich. Eine Lungenentzündung hat ihn fetzt dahin- gerafft.
Paul Singer, der fich bis zu seinem Tode zu bet jüdischen Religion bekannte, war 1844 geboren in Berlin. Er widmete.sich der kaufmännischen Laufbahn und gründete 1889 mit feinem Stube: zusam- men ein Damenmäntelgeschäft, au» dessen Leitung et 1888 au-fchied Politisch bekannte er sich ursprüng (ich zur äußersten bürgerlichen Linken, wandte flij aber bald der jungen sozialdemokratischen Bewegung zu. Er hatte es nicht leicht, hier zu Ansehen zu körn men, persönlich blieb er bei den Genossen im Land« bis zuletzt nicht sonderlich beliebt. Die Berliner Go nassen dagegen, bie seine hilfreiche Hand wohl zu schä. tzen wußten und insbesondere auch seiner eifrigen Tätigkeit al» Mitglied de» Asylvereins für Obdach-
Sie iveitze Lilie Boni Mnjee.
2] Roman von Erich Friesen.
Lilias Augen füllen sich mit Tränen. Still setzt sie sich an den runden Mittel tisch, zieht den verhaßten ArbettSkorb zu sich heran und nimmt einen groben .Stmmpf und einen Knäuel brauner Baumwolle heraus.
Doch bald sinken die Hände wieder in den Schoß.
Es kommt nicht häufig vor, daß dieses kindlich frohsinnige Geschöpf von trüben Gedanken gequält ivird. Die bittern Worte der Mutter aber weckten ein Ehams von Gedanken und Empsindungen in ihr.
Lilia liebt ihre schöne Mutter — liebt sie mit der ganzen Zärtlichkeit eine» warmempfmdenden Kin- desherzens. Und der Gedanke, daß der Mutter von ihren Eltern bitteres Unrecht geschehen, verletzt und empört sie zugleich.
So lange sie sich erinnern kann, war die Mutter stets ernst und nrortfarg. Und das Kind begriff nie (Die verhaltenen Seufzer, die heimlich vergossenen Tränen.
Von ihrer Vergangenheit sprach die Mutter nie. Wie ost schon brannte dem Mädchen die Frage auf .den Lippen nach den Großeltern, von benen sie nur weiß, baß sie Deutsche waren. Ein dunlles Empftn- ben scheuchte bie verhängnisvolle Frage jedoch stets wieder zurück.
Und nun, da sie sich endlich ein Herz gefaßt — nun diese schroffe Zurückweisung! . . .
Arme, arme Mutter! Was muß sie gelitten haben! WaS muß sie noch leiden! . . .
Nicht an den Vater denkt Lilia dabei.
Gewiß — auch ihn liebt sie, wie ja das Kind den Vater lieben muß. Und doch — wie himmelweit verschieden ist dieses Gefühl von der leidenschaftlichen Zärtlichkeit, die sie für die Mutter empfindet —
Pferdegctrappel oor der Tür reißt sie aus ihrem Gedankengang.
Sie horcht ....
Nun leise» Wiehern.
Und jetzt — springt nicht draußen jemand vom Pferd? ...
Wer kann das sein? — Der Vater? — Der sitzt um diese Zeit in bet Oft erb brunten am Markt.
Ober bet Bruber? — Der ist nach Riva zum Martt gefahren,
Gerabe will sie ans Fenster gehen, um hinauszublicken.
Da zieht auch schon jemand an der Schelle — kurz, wie befehlend.
Lilia ritt zur Haustür und öffnet.
„Wohnt hier Bernardo Baletti?" fragt eine falte, hochmütige Männerstimme auf Italienisch mit etwas frembländischcm Akzent.
„Ja, Signore/
„Ist er zu Hause?"
„Nein, Signore "
Bis jetzt hat es bet Frembe noch nicht für nötig gehalten, einen Blick auf bte Person zu roerfen, die ihm geöffnet.
Jetzt zum erstenmal richtet er die halbgeschloffenen Augen auf das Mäochen, das, die Türklinke in der Hand, mit stolz erhobenem Kopf vor ihm steht. Und unwillkürlich ändert et den Ton:
„Pardon, ©ignora. Wann kann ich Signor Ba- lettt sprechen? Glauben Sie, daß et bald zurückkehrt?"
„Ich weiß es nicht. Er kommt gewöhnlich erst spät nach Hause. Aber ich will meine Mutter rufen."
„Unnötig. Ich werde warten."
Und schon tritt der Fremde ein — ohne Aufforderung, als müsse seine Gegenfoart allerorten willkommen sein.
Leichtes Rot steigt in Silin» Wangen. Unwillkürlich weicht sie vor dem Eindringling etwas zurück — trotz ihrer kindlichen Unbefangenheit und Weltunkenntnis.
Schweigend beutet sie auf einen bet verblichenen Sessel und will ins Nebenzimmer, um bie Mutter zu rufen.
Mer der Frembe hält sie mit einer weiteren Frag: zurück.
„Ist Signor Baletti Ihr Vater?"
.I«/
„Er ist Stameister, nicht wahr?"
-Ja."
„Gegenwärtig ist er außer Stellung, wie ich hörte —"
„Ich glaube. Aber ich weiß es nicht genau. Meine Mutter wird Ihnen Bescheid geben/
Erneute abwehrende Handbewegung. Augenscheinlich ist dem Fremden an dem Bescheid der Mutter nichts gelegen.
Er hat noch nickt von der Aufforderung, Platz zu nehmen, Gebrauch gemacht. Er scheint ein Mann von seinen Formen zu sein, der in dem reizenden jungen Geschöpf vor fich die „Dame" respektiert. Unb ba bas Mädchen sich nicht setzt, bleibt auch er stehen.
Bisher hielt Lilia den Blick gesenkt.
Jetzt hebt sie zum erstenmal die langbewimper- ten Lider. Ein unbefangener, kindlich neugieriger Blick trifft de.r fremden Eindringling.
Er tft ohne Zweifel ein schöner Mann. Kaum von Mittelgroße, erscheint er durch das vollendete Ebenmaß der Glieder fast groß. Da» dunkle volle Haar ist kaum an den Schläfen riwas gelichtet. Ein langer schwarzer Schnurrbart und schorfgezeichnete, über der kühn hervorspringenden Nase fast zusammengewachsene Brauen beben noch die interessante Bläffe der Züge. Das eigentümlichste an dem ganzen Gesicht aber sind bie Augen — balb grünlich schillernd, gleichsam phosphoreszierend, bald tiefdunkel, ver- schleiett, unergründlich.
Und etwas in diesen Augen scheint das junge Mädchen zu bannen, rote der Blick einer Schlange.
„Haben Sie mick nun genügend studiert?"
Mit lächelndem Spott kommt e8 von ben Lippen beS Mannes.
Wie mit Blut übergossen toenbet Lilia sich ab.
„Verzeihung —'
„Hat nichts zu sagen. Kommen Sie, setzen St( sich! Erzählen Sie mir von Ihrem Vater, von sich selbst -•
Noch ehe Lilia antworten kann, öffnet sich bU Tür zum Nebenzimmer, unb Frau Jngeborg tritt ein — bleich zwar, aber vollkommen gefaßt.
Unb wie ber Frembe vorhin über bte Lieblichkeil des jungen Mädchens fast verblüfft war, so frappiert ihn jetzt die ruhige Bornehmhrit in dem Wesen der Mutter.
„Signora Baletti —?" fragt er mit leichter Verbeugung.
„Die bin ich."
„Wann kann ich Ihren Gatten sprechen?"
„Das ist unbestimmt. Er tommt sehr unregelmäßig, zumeist aber spät nach Hause."
„Sehen Siel" ruft Lilia in ihrer ganzen kindlichen Unbefangenheit. „Ich sagte eS Ihnen ja schon!"
„Pardon — ach ja!" lächelt ber Frembe mit einet galanten Verbeugung vor bem jungen Mädchen, wäh^ renb et Im Stillen denkt:
„Kleines Schäfchen! Weltunerfahren bis zur Dummheit! Ra, 's ist mal was anderes nach all beit Modepuppen und Blaustrümpfen!"
Dann wendet et sich an die ältere Dame, die mit gerunzelten Brauen von dem eleganten Herrn auf ihre Tochter blickt.
„Es war schwer, Ihr Häuschen zu finden, Signora!"
„Wohl möglich. Wir pflegen keinen Verkehr/
Ihr Ton ist so abweisend, daß ber Fremde sofort weiß: hier tft vorderhand nichts zu machen. Sehr galant streift er ben rechten Handschuh ab und entnimmt dem den briöantberingten Fingern einem juchtenledernen Täschchen eine mächtig große Visitenkarte.
„Hier! Geben Sie dies Signor Baletti! Ich wünsche ihn morgen vormittag bei mir zu sehen."
(Fortsetzung folgt.)