Kleines Feuilleton
Deutscher Reich.
** Berlin, 19. Jan. 1911. Der Kaiser empfing am Donnerstag vormittag das Präsidium des Herrenhauses (vertreten durch den zweiten Vizepräsidenten Freiherrn von LandSberg-Slein- fuxl) und das Präsidium des Abgeordnetenhauses. — Von der Absicht des angeblich im lausenden Jahr bevorstehenden Besuchs des deutschen Kaisers inRom ist an unterrichteten Stellen nichts bekannt. — Dem Kaiser ist bekanntlich von der Universität Prag der Doktor verliehen worden. Jetzt wird aus Prag behauptet, daß die Promotion Kaiser Wilhelms nach dem Prager Ritus im Thronsaale des königlichen Schlosses in Berlin vollzogen werde. Zu diesem feierlichen Akt werden sich der Rektor der Prager deutschen Universität mit verschiedenen
Professor« gegen Mitt« Februar «ach Berlin begeben. — Dem ReichSgerichtsrat Burlage in Leipnq. früheren Mitglied der ZenlrumSsraktion des Reichstag», ist vom Großherzog von Oldenburg da» Lfflzierkreuz de» HauSorden» verliehen worden.
a Die Budgetkommiffion de» preußischen Abgeordnetenhauses leistete sich bei der Beratung des E t a t s, die am Donnerstag ihren Anfang nahm, eine Art GeneraldiSkuffton über alle» mögliche und unmögliche. Beim Etat de» Landwirtschaft-Ministeriums fragte der Berichterstatter an, wie e» mit der Enfuhr ausländischen Fleische« in Preußen stände, worauf der Minister v Schorlemer erwiderte, daß eine Erleichterung für Preußen nicht zu erwarten wäre. Der Berichterstatter brachte dann die Einnahmen aus dem Totalisator bet Pferderennen zur Sprache. In der Debatte wurde darauf hingewlesen, daß für Wetten etwa 100 Millionen jährlich in» Ausland gingen. Der Umsatz am Totalisator in Preußen betrage 48 Millionen. Der große Betrag für die Wetten, die in- Ausland gehen, wurde aber damtt erklärt, daß in Frankreich z. B. das ganze Jahr hindurch Rennen stattftnden. Sodann entspann sich eine längere Debatte über die weitere Anwendung des Gesetzes betreffend die Zulassung einer Verschul- dungsgrenze. Zu eingehenden Verhandlungen führte dabei die Preissteigerung, die der ländliche Besitz erfahren hat. Redner aller Parteien sprachen ihre Bedenken dagegen aus. Zu der Frage des Gesetzes über die Bestrafung des Kontraktbruches ländlicher Arbeiter wurde von der Regierung erwidert, daß die Meinungsverschiedenheiten in der Landwirtschaft zunächst noch außerordentlich groß wären. Ein Zentrumsredner fragte an, ob Preußen gegen die Güter schlächterei vorgehen wolle. Ein- gchende Debatten knüpften sich an die Förderung des ländlichen Fortbildungsschulwesens. Ein Vertreter des Zentrums wünschte, daß der Religionsunterricht eingeführt werde, wogegen sich ein fortschrittlicher Redner avssprach. Die erneute Einschleppung der Mau l- und Klauenseuche ans dem Ausland soll durch schärfste Maßregeln an der Grenze bekämpft und die wissenschaftliche Erforschung der Seuche mehr als bisher namentlich durch Aussetzung von Prämien gefördert werden.
c Die Petitionskommission des Reichstags überwies am Donnerstag einstinnnig eine Reihe von Pe- tiiionen zur Berücksichtigung, welche die Einführung der Antiquaschrift (sog. lateinische) anstelle der deutschen fordern. Alle Mitglieder der Kommission waren sich darin einig, daß Deutschland endlich auch den Schritt tun muffe, den andere Nationen längst vorgemacht haben. Die deutsche Schrift solle nicht gänzlich verdrängt werden, aber sie solle in den Schulen erst im 3. oder 4. Schuljahre gelehrt werden, die Anttqua aber die bisherige Stelle der deutschm Schrift einnehmen. Der Vertreter der Regierung konnte aus eigener Erfahrung bei den Ausstellungen in St. Louis und Brüssel bestätigen, daß das Ausland sich weit intensiver und lieber mit deutschen Publikationen befasse, wenn sie in Antiquaschrift gedruckt oder ge- schriebm sind. Auch die früheren Gegner des Petitums stellten sich angesichts der heutigen Verhältnisse auf den Boden der Petitionen und so wurden sie ein- nrütig zur Berücksichtigung überwiesen.
s Heber die Betriebs- und Jnmmgskrankenkassen wurde am Donnerstag in der R e i ch s v e r s i ch e- rungskommission verhandelt. Man beschloß auf Antrag des Zentrums für den Vorstand der Betriebskrankenkassen die Drittelung der Stimmen. Die bezügliche Besttmnmng lautet: „Der Arbeitgeber oder sein Vertreter führt den Vorsitz. Er hat ein Drittel, die Versicherten haben zusaminen zwei Drittel der Stimmen." Für die Jnnungskrankenkaffen wird bestimmt, daß durch die Satzungen die Hälftelung der Stimmen und Beitrage eingeführt werden kann. Die Regelung des Verhältnisses der Kaffen zu den Merzten, Zahnärzten, Krankenhäusern und Apotheken wurde zunächst zurückgestellt.
--- Im Besitz eines parlamentarischen Doppelmandats sind, wie sich aus der neuen Fraktionsliste des Reichstags ergibt, von den 307 Mitgliedern des Reichstags nicht weniger als 151, die zugleich Mitglied eines Landtags sind. Ganz besonders zahlreich sind außer den preußischen Landtagsabgeordneten die Mitglieder der bayerischen Kammer im Reichstag vertreten. Von den 34 bayerischen Zentrumsabgeordneten sind im Reichstag nicht weniger als 16 auch Landtagsabgeordnete.
+ Ter Kulturkampf im Landtage. Der freisinnige Abg. Dr. Pachnicke hat bekanntlich Einspruch dagegen erhoben, daß seine Rede, die er am Mittwoch im Abgeordnetenhause gebalten hat, eine „Kulturkampfrede" gewesen sei. Leider haben aber aucb die ihm nahestehenden liberalen Journalisten keinen anderen Eindruck von der Rede bekommen als wir. Beispielsweise schreibt die,Nationalztg/ in ihrem Stimmungsbild über die Mittwochsttzung:
„Auf das trockene Brot dieser beiden Finanzreden legt Dr. Pachnicke den lästigen Schinken einer Kultur» kampfrede. Anders kann man nämlich die von heißem Atem des liberalen Zorns durchwehten Ausführungen des freisinnigen Führers nicht bezeichnen,"
Na also! Weshalb geniert Herr Pachnicke sich denn so.
11. Stuttgart, 18. Jan. 1911. Mehr als die durch die Machenschaft der Linken für einen Tag vereitelte Präsidentenwahl im preußischen Landtag, ist die Präsidentenwahl im württembergischen Landtag von Jntereffe. DaS Zentrum hat in Württemberg 25 Sitze, die demokratische Volkspariei 22. 1906 hat das Zentrum die Mehrheit erlangt, die früher von der Votksparlei beherrscht wurde. Damals schrieb die demokratische »Franks. Zeitung" bezüglich der Präsidentenwahl:
„Die Volkspartet wird es nicht zulasten, daß das parlamentarische Recht mit Füßen getreten wird, sondern den Anspruch der stärksten Fraktion anerkennen; fie hat den Kamps gegen den Klerikalismus mit aller'Energie geführt, sie wird sich aber nicht dazu hergeben, an einer Politik der Vergewaltigung teil» tunehmen. Noch ist ja die Zusammenletzung der Kammer keine definitive, aber wenn das Zentrum als die stärlste Fraktion in d>e Kammer einzieht, so soll ihm sein Recht nicht vorenthalten werden."
Aber was kümmert die Demokraten das sonst so betonte parlamentarische Recht, wenn ihr Vorteil in Frage kommt; Payer ließ sich vom „Großblock" zum 1. Präsidenten wählen, derselbe Payer, der Mitinhaber der ,Franks. Zeitung' ist. Noch besser als dieser Bruch des Herkommens be» weist den Haß gegen das Zentrum die Tatsache, daß dieser stärksten Partei des Landtags, wenn es auf die Volkspartei angekommen wäre, auch die 1. Vizepräsidenten stelle vorentdalten worden wäre; die Volksparteiler gaben nämlich weiße Zettel ab. — Nicht in letzter Linie ist die Präfi» dentenwahl von den gegnerischen Parteien unter dem konfessionellen Gesichtswinkel getätigt worden. Ter Volkspartei gelang e» nämlich, nicht nur die Natwnaüideralen und Sozialdemokraten für ihren
Die Unterseebootkatastrophe nimmt fortgesetzt das srößie Interesse in Anspruch. Nicht nur in Deulsch» ano, sondern auch in allen übrigen Ländern hat >as Schicksal der drei Getreuen vom Unterseeboot „U 3" allgemeine Teilnahme erweckt, und nicht allein vom deutschen Raiter und von den Bundesiürsten, sondern auch von allen übrigen Staatsoberhäuptern und den Martneatlackees der fremden Länder sind der deutscher Marineleitung Beileidskund« gebnngen zugegangen. Die ausländische Presse ist eben io wie die inländische voll Bewunderung für die heldenhafte Haltu- g der beben umgekommenen Offiziere und des mit ihnen gestorbenen Matrosen. — Die Leichen der beiden Offiziere wurden gestern vom Lazarett nach dem Bahnhofe gebracht, um in die Heimat überführt zu werden. (Kapilänleutnant Fischer stammt aus Darmstadt, Leutnant Kalbe aus Berlin.) Der Matrose Rieger werd heute auf dem Kieler Garnisonftiedhof beigesetzt.
Einer der Geretteten, die sämtlich wohlauf find, schildert die Katastrophe folgendermaßen: „Wir waren im Begriff unter Wasser zu gehen, als wir merkten, daß das Schiff außer Manöoertätigkeit gesetzt war. Zu gleicher Zeit drang Wasser in die Schotten der inneren Abteilung ein. Trotzdem wir versuchten, den Schwebkiel loszumachen, gelang es uns nicht, wieder nach oben zu kommen. Die Mannschaft versammelte sich sofort in der vorderen Abteilung an dem vorgeschriebenen Zufluchtsorte. Mt dem Turm, in dem sich der Kapitänleutnant Fischer, Leutnant zur See Kalbe und Rudergast Rieper befanden, konnten wir keine Verbindung mehr aufrecht erhalten. Die Telephonboje, die >vir auswarfen, funktionierte zuerst ausgezeichnet .scheint allerdings später durch das Versehen eines der Matrosen beschädigt worden zu sein. Später erhielten wir fortgesetzt von oben her Notluft, so daß einigermaßen ein Wechsel der Luft eintreten lonrte, sonst hätten wir es unmöglich so lange ausgehalten. Aber auch so war es allerhöchste Zeit. Wir Würben durch ein Tau, das man uns durch eines der Torpedolancierrohre zuschickte, mit der Außenwelt in Verbindung gebracht. Dann wurde einer nach dem andern von uns durch ein Torpedolancierrohr herausgezogen. Der Wechsel ,den wir alle von der kompri- mierten Luft in die frische Lust zu machen hatten, machte uns erst recht schwindlig, aber nach wenigen Minuten konnten sich die meisten von uns schon erholen. Wir haben gestern noch alle unsere Angehörigen selbst davon benachrichtigen können, daß wir heil davongekommen sind. Schade ist eS, daß unser braver Kommandant, der einer bet tüchtigsten Kenner des Unterseebootwesens war, - fein Leben eingebüßt hat. Wir bedauern ihn alle außerordentlich; denn er war einer der vorzüglichsten und gerechtesten Vorgesetzten, die man sich denken kann."
— Waidmänner, gedenket deS hungernden Wildes! Lohe Schneemassen haben in Waid und Felv dem Wilde jegliche Äsung zugedeckt; die Hasen und Feldhühner kommen diS in die Dörfer hinein. Es empfiehlt sich daher, an Füttern zu denken, ehe es zu spät ist. Fasan und Rebhuhn ist sehr dankbar im Futter, der Futlerplatz kann in einer dichten Hecke oder Feldremise angelegt fein. Weizen mit Gerste gemi cht ist das beste Futter, nur muß ein kleiner Schirm von Wacholder- oder Fichtenreis vorhanden sein, damit es nicht so leicht verschneit. Für Hasen empfehlen sich kurz geschnittene Rübenstücke, auch gutes Heu und Esparsette. Tas Rehwild in Laubholz-Revieren nimmt gut eingebrachtes Bohnen- und Erbsenstroh an, nur vergehen erst einige läge, ehe es an das Dargebotene geht; in Revieren, wo Heide und Ginster vorhanden ist, hat es weniger zu leiden, wenn nicht die harte Schneekruste die Läufe der Dere scheuert. Die Mutter Natur hat das Wild in diesem Jahre recht stiefmütterlich bedacht; die Rozgensaat ist sehr spärlich, der Jung- f tlee ist von den Mäusen aufgefteffen, im Walde fehlt die Buchen» und Eichelmast in diesem Winter» gang. Trum, lieber Waidmann, beherzige den allen Waidmannsspruch: „Wer jagen will, dochs Wild nicht schützen, muß schließlich hinterm Ofen fiyen; es sei denn, daß ihm Freude macht auf Spatz und
_ Kräbe dann die Zaad!' -o-
lich, wenn man bedenkt, daß e» schließlich darauf en» tarn, wie lange die Lust in dem dichtgefüllten Zu- fluchtSrmim atmungsfähig blieb. Der Äommanbant und feine zwei nächsten Gehilfen hätten vielleicht noch mit den anderen Mannschaften sich in den Torpedo» raum gerettet, statt in den Turm zu gehen, wenn nicht »er Torpedomum durch die 18 Mann Besatzung und sie 10 Gäste schon überstack besetzt gewesen wäre. Eieife(Io8 müßte die UeBerfrfireitung der etatSmäßi-
Befatzungsstärst von ungefähr 50 Prozent zu be» derer Vorsicht mahnen, und deshalb hätte man eine iol ch e Hebung nur dann machen sollen, wenn der ,,Vulkan" für alle Fälle bereit stand.
Trotz dieser Ansicht kann man dem Staatssekretär ■ eme beistimmen In seinem Protest gegen den Vor» burf, daß für die Sicherheit unsere» Hnterseeboot»- «rsonals nicht auf das denkbar beste »orgeforgt sei. b ist alles geschehen, was man für zweckmäßig er» nnnte. Doch auf Grund der Erfahrung lärm man im» irr noch etwas bessere» sich ausdenken. Und darin >llte nichts verfäumt werden. Die Unterseeboote bil» en eine Waffe, die erst nock im Werden begriffen t, auch bei denjenigen Nationen, die schon manches ehrgeld bezahlt Hoden. Ueberstürzung der Versuche nd Hebungen ist nicht notwendig. Nach den glänzen- en Proben von dem guten Geffte, der unsere Marine eseelt, wird niemand in aller Welt e» uns als Frig- eit oder Schwäche auSlegen, wenn wir recht v o r- i ch t i g vorgehen und z. B. die gefährlichen nehmen nur auf solche Tage legen, an denen das Hilfs- Hiff .Vulkan" aktionsfähig ist. Sonst wollen wir nS lieber noch ein zweites Hilfsschiff bauen.
Kandidaten zu gewinne«, sondern auch sämtliche Bauernbündler und Koniervattve. Richt ein ein- zig er protestantischer Abgeordnete« gab dem Zen- trumSkandtdaten und Katholiken seine Stimme. Bei allen Gegnern war der auSschlagaebende Ge- fichtSpunkt, daß in einem zu zwei Dritteln protestantischen Lande unmöglich da» Präfidium der Zwellen Kammer einem Katholiken übertragen werden könne! Die gegnerischen Parteien erinnerten sich wieder der Hetze, die bei den letzten Wahlen in dem Zeitraum zwischen der Hauptwahl und den Proporzwahlen (Dezember 1906 und Januar 1907) die Volkspartei in Szene setzte; eine ihrer Hauptmassen im Kampfe war damals der Hinweis auf das drohende" Zentrum »Präsidium. In Hunderten von Ausrufen der Bolkspartei hieß eS, die Wähler müßten für die Volkspartei stimmen, damit die .ZentrumSherrfchast" verhindert werde.
* Königsberg i. Pr., 19. Jan. 1911. Beim Wahl- kampf in Labiau-Wehlau ist der Fortschrittlichen Partei bekanntlich von Königsberger Studenten eifrig Wahlhilfe geleistet worden. Vom Univerfitäis« richter ist gegen diese Studenten nunmehr ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden. Es haben bereits viele Vernehmungen stattgefunden.
(I Gleiwitz, 19. Jan. 1911. Bei der Land- lag sw a hl fü den verstorbenen ZenlrumS- abgeotdnelen Gutsbesitzer Dr. Heisig wurden ins» gesamt 367 Summen abgegeben, die sämtlich auf Pfarrer Peter in Gleiwitz entfielen.
NeichstagkwahlvorbeteiUmgeu.
* Gelnhausen, 20. Jan. 1910. Die Vertrauensmänner der Zentrumspartei im Wahlkreise Hanau-Gelnhausen-Ord sind zu einer Versammlung auf Sonntag den 22. Januar, nachmittags 2'/« Uhr, nach Gelnhausen eingeladen worden. Die Bcrsammlnng findet im „Schützenhos" am Obermarkt statt. Auf der Tagesordnung steht die Aufstellung eines Kandidaten für die nächste Reichstagsivahl.
* Fritzlar, 19. Jan. 1911. Für den Wahlkreis Homberg-Fritzlar-Ztegenbain stellten die veremiglen Liberalen den Freisinnigen Dr. Last orte, Syndikus der Handelskammer in Göttingen, als Kandidaten auf. Die Kandidatur des national- liberaler Bauernbündlers He st er mann ist auf» gegeben worden.
* Köln, 19 Jan. 1911. Wegen eines Wahl- kompromisses für Rheinland uod für Hannover sind zwischen den Nationalliberalen und der fortj chrittliche n Vollspartei Verhandlungen ehigeleitct.
Ausland,
** Grenz-Zwischenfälle. Eine österreichische Militärabteilung ans Bosnien hat dieser Tage zwei serbische Inseln in dem Grenzflüsse Drina besetzt und trotz des Protestes der serbischen Behörden erst nach 24 Stunden geräumt und sich nach Bosnien zurückgezogen. In der serbischen Bevölkerung herrscht wegen dieses Vorfalles große Erbitterung. Die serbische Regierung erhob Protest bei der österreichischen Regierung. — Bei Foxani an der griechischen Grenze kam es heule zu einem Kampf zwischen griechischen und türki chen Soldaten, bei dem drei griechische Soldaten getötet wurden. Bei Aria schossen griechische Soldaten auf einen türkischen Wachtposten. Herbeigeeilte Kameraden etro beiten das Feuer und erschossen zwei Griechen. Daraus drangen die Griechen gegen das türkische Wachthans vor, wurden aber durch ein heftiges Feuer zurückgejagt. Die Verluste auf griechischer Sette sind unbekannt. Auf türkischer Seite waren keine zu verzeichnen.
** Der türkische Abgeordnete Arif Ismet, der durch seinen jüngsten Konflikt mit dem Minister des Innern bekannt geworden ist, wurde in der vor- gestrigen Kammersitzung von einem Herzschlag betroffen. Er war sofort tot.
** In Persien sind die Engländer eifrig dabei, gegen Deutschland zu hetzen. Bekanntlich ist neu ich zwischen Deutschland und Rußland ein Abkommen zustande gekommen, wonach Rußland auf die Eroberung von Nordpersien verzichtet, Na- türlich muß Damit auch England seine Eroberungspläne aufgeben, und darum hetzt man englischer- setls, wie man nut kann. Anlaß dazu bieten die panisiamiltschen Bestrebungen. Die .Times' hat aus Persiens Hauptstadt Teheran ein Telegramm erhalten, wonach Die Medscheffs und Muschtschids, Die HauplwürDenträger der Schiiten, ein Manifest erlassen haben, in dem sie die Sunniten auffordern, alle Glaubensunterschiede fallen zu lassen und sich zum Schutz der Türkei und Persiens gegen fremde Mächte zusammenzntun. „Potsdam", sagt Die ,Ttmes', „soll jetzt in Persien ein ganz geläufiger Warne fein". Das Blatt will damit ausdrücken, das Deutschland Persien bedrohe. Die Perser werden aber längst eingesehen haben, daß die landgierigen Engländer ihre wahren Feinde sind.
** Ter Ausstand m Arabien nötigt die Türkei zur Entfaltung erheblicher militärischer Machtmittel. Das Korpskommando in Saloniki hat aus Konstan- ttnopel Mitteilung erhalten, daß sechsunddreißig Bataillone und zehn Maschinengewehrabteilungen, Die zum Teil in Konstantinopel, zum Teil in Smyrna liegen, marschbereit sind, um nach Hodeida abzugehen.
; Ter Anarchistenprozetz in Tokio. Für 12 von den 24 wegen Verschwörung gegen das Leben des 'Mikado verurteilten Anarchisten ist die Todesstrafe in lebenslängliche Gefängnisstrafe umgewandelt worden. Koto kn, der Begründer und Organisator des japanischen Sozialismus, und die angeklagte Frau loQen hingerichtet werden.
** Ein Staatsstreich in Paraguay. Aus Paraguay in Buenos-Aires eingelroffene Nachrichten ans amtlicher Quelle besagen, der Kriegsminister Der Republik Paraguay habe den Präside ten und den Vizepräsidenten der Republik zum Rücktritt gezwungen; er selbst habe die Präsidentschaft übernommen und em neues Kabinett gebildet.
*♦ Zu peruanisches Gebiet eingedmugeu sind ko- lun Manische Truppen unter General Gamboa. Sie haben das Gebiet des Yapurafiusses besetzt. Man besürchtet ernste Verwicklungen.
Aus Ulrche und Schule.
F. Fulda, 20. Januar 1911. Der katholische Lehrerverem, Bezirksverem Fulda, hält am Samstag den 28. ds. MlS., nachmittags 4 Hhr, in der Harmonie eine Kellnerfeier ab, zu der die benachbarten BezirksveretnSrnttglieder eingeladen find. Den Vortrag hat Herr Vorschullehrer Rauck übernommen. — Auch andere Bezirkslehrervereine werden dem Pädagogen Kellner eine besondere Feier widmen, io der Bezirksverem_£>ilder» am
Mittwoch den S. Februar, nachmittag» 2V* Uhr, imt Echneiderschen Lokale (Vortragender: Lehrer Dallwigq Wicker»), der Bezirk-Verein Lüttertal Mittwochs den 25. Januar, nachm. 3 Uhr, in Weyher», ber Bezirksverein Rasdorf am Samstag den 28. Jan.,' nachm. 8 Uhr im Gasthaufe „Zum Adler" (Fest« redner Lehrer Baumgarten-Kirchhafel). In be» übrigen Bezirksvereinen wird die Hundertiahrfeierl des Geburtstages von Dr. Lorenz Kellner ebenfalls gebührend begangen werden. 7
totales. V .
Fulda, den 20. Januar 1911,
uy Am Grabe des verstorbenen Rentners, Th. Arnd, Der sich durch seine langjährige Tätigkeit in städtischen Ehrenämtern um Die Stadt hochverdient gemacht hat, wird im Namen der Stadt ein Kranz niedergelegt werden. An der Beerdigung werden sicy die städtischen Körper- schäften in corpore beteiligen.
4- Landwirtschaftskammer. Der Haushalts» plan derLanvwntschastskammer zuKassel schließt pro 1911 in Einnahme mit 400729 Mt. und in Ausgabe mit 406064 Mk., mithin mit einem Fehlbetrag von 5335 Mk., ab. Unter den Ausgaben figurieren 203869 Mk. für wissenschaftliche und Lehrzwecke, 77 489 für Förderung der Viehzucht, 33485 Mk. für Förderung des Obst-, Wein- und Gartenbaues, 32820 Mk. zur Unterstützung der landwirtschaftlichen Vereine und zur Förderung der Landkultur im allgemeinen. Die Ver- waltungskosten der Kamme, find mit 44l03Mk. in Amatz ge rächt. Unter den Einnahmen find 152540 Mk. Staatsbeihülfen enthalten.
4- Rückgang ber Milchproduktion. In einer 's Sitzung ber Molkereckommission Der Kasseler Land» wirlschaftskammer sprach kürzlich Herr Molkerei« Direktor Backhaus-Fulda über Den sorlwähren- Den Rück gang Der MilchproDuktion im; hiesigen Bezirk. Nach feinen Ausführungen macht e sich ein solcher Rückgang bereits leit vielen Jahren bemerbar. Als Leiter bet Fuldaer unD Lauterbacher 'Molkerei könne er Nachweisen, Daß Die Lieferungen von Milch Derjenigen Genossen, die Simmentaler Vieh hielten, leit Jahren gleichmäßig geringer geworden seien. Beim Niederungsvieh mache Dieier Rückgang sich nicht geltenD. Der Herr Moltereidiretior erklärte diesen Rückgang in Der Hauptsache aus Dem Umstand, Daß man bei Der Zucht der Simmentaler zu einseitig Die Fleisch Produktion begünstigt und Die, Milchproduklion vernachlässige. Nach einer längeren Diskussion hierüber wies Herr Amtsrat Bau ne l Darauf hin. Daß seitens Der Landwirt- Ichastskammer alles getan roerDe, um Die Zucht auf; Milch besonders bei Den Simmentalern zu fördern. Diese Bestrebungen Der Kammer, Die Simmentaler,' Zucht, sowie Die übrigen Höhenschläge geraDe in bezug auf Die Milchleistung zu fördern, wurden aU|eitig anerkannt. Dte Kammer soll ersucht werden, sie forizusetzen. Ein entsprechender Antrag wird bei der Kammer gestellt.
H- Der Kontrollverein der Molkereigenossenschaft Fulda hat seine Tätigkeit am 1. Oktober v. Js. begonnen. Derselbe umfaßt bereits 500, Kühe, davon 5u Stück in bäuerlichem Besitz. Di« Kontrolle wird an jedem 20. Tage vorgenommen. Es wäre zu wünschen, daß sich die Genossen aus dem Gebiete der Simmentaler Zucht im Kreise Gersf ld mehr als bisher dem Konlrollverem anschlösfen.
h. Begleitpapiere zu Ausfuhrsendungen. Auf ber Handelskammer zu Hannu hegt für Interessenten eine Zuiammeliflellung der für Auslandsjenoungen erforderlichen Begleitpapiere zur Einsichtnahme aus. Die Zummmenstellung behandelt ZollinhaltsertlLrungen für Den Post-, Essenbahn- und Schiffsverkehr, Postpaket- abreffen, Frachtbriefe, Ursprungszeugnisse. Konsulats» lakluren, Biehpässe, Kouoffemente, ftaiiftische Anmeldescheine sowie sonstige Begleitpapiere für den Verkehr nach allen Ländern Der Erve, sowie die Bestimmungen' über Die Durchfuhr durch Zw.schenländer. Die In-; tereffenten des Handelskammerbezirks werden auf die praktische Werk, daS tm Verkedrsdüro der Handel Ls lammet zu Berlin nach Dem Siande vom 1. JanueU 1911 zusammengestellt ist, hierdurch ausdrücklich bt., gewiesen.
Aus dem Nachbargebieie.
*) Dipperz, 18. Jan. 1911. Bei Dem lang anhaltenden Schnee macht sich großer Hunger unter Dem WilD bemerkbar. Die wenigen Häslein, Die Die Schußzeit glücklich überlebt, kommen in bett kalten Nächten bis Dicht an Die GebänDe Des Dorfes, ja sie suchen sogar in Den Gärten an Den Häusern nach Den Heberresten von Gemüsepflanzen, Mancher langohrige Besucher soll bei Dieser Gelegenheit Den Weg ins Freie nicht roteDergefunDen haben. Größere Not aber leiden die Rebhühner, Die nicht imstande sind, Die gefrorene Schneedecke Durchzuscharren. ES wurden mehrere Stück aufgefunben, Die Dem Hw gers erlagen. Der Wildstand in unserer Gemarkung, Der in Den letzten Jahren schon nicht beDeutenD war, wirb so noch vermmDert. — Am l. April b. IS. wirb bie hiesige Jagd pachtfrei.
♦ Lauterbach, 19. Jan. 1911. Nur 409 Personen, hat bie Bevölkerung unseres Kreises zugenom- men; 1905 waren es 29316, heute 29725 Einwohner. Die Zahl bet Haushaltungen ist 5151. Von bett' größten Orten hat Lauterbach 4328 (1905 4056),' Schlitz 2584 (2591, —7), Herbstein 1642 (1600),! Angersbach 1318 (1296).
* Hanau, 19. Jan. 1911. Am 8. b MtS. schoß sich ber Mechaniker Adolf Groß von hier, wohl infolge von Unvorsichtigkeit, mit einem Deschin in Die linke große Fußzehe. Dies verheimlichte er seinen Eltern unD will sich Die Kugel selbst herausgeschnitten haben. Am folgenben Tage wurde er in Das St. Vinzenz-Krankenhaus aufgenommen und ist gestern nachmittag infolge Infektion unD an eingetretenem Wundstarrkrampf gestorben.
0 Hanau, 19. Jan. 1911. In der heutige, Stadtverordnetensitzung wurde mit der Beratung be» Haushaltungsplanes für 1911 begonnen. Eine Steuererhöhung ist nicht notwendig, ©egenroto tig werden erhoben 171 Prozent Realsten em und 151 Proz. Zuschlag zur Staats-Einkommensteuer. — Di» Strafkammer hat heute die Berufung de» Maurers Kreß aus Büchenberg, der vom Schöh fengericht Neuhof 6 Monate Gefängnis erhalten hatte, verworfen. Bet einer allgemeinen Schlägerei i« Verlaufe einer Tanzfestlichkeit in Büchenberg halt» Kreß von einem gefährlichen Instrument, ob e» ebz Messer war, vermochte das Gericht nicht festzustelleH Gebrauch gemachtunt' Damit vier Personen verletzt