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Füld« MreiLsÄ den 20. Januar 1911

Erstes Blatt

16

L«zci-e«: Vie et» spaltige Petitzeile oder deren Rann, 15 psa. ReNamendrepetitzeiir Pfg., br> Wieder- qolungeu wird entspr.

Rabatt gewährt.

üotationrdruüund Verlag der Kuldaer Ak- tiendruklerei in Zulda Zernsprrcher Nr. 9.

gelangt bet § 20 zur Annahme, desgleichen etliche der Verbessern -gsanträge.

Freitag: Fortsetzung.

aelan. Eine genaue Untersuchung bei Havarie wird sich erst im Dock Herstellen lassen. Das Befinden der geretteten Leute ist gut.

Aus eine Anfrage aus der Kommission ert arte Unterstaatssekrelär v. Tirpitz, daß ein Verbot für Unterfeeboote, Tauchübungen vorzunehmenn, wenn der „Vulkan" nicht zur Stelle fei, nicht bestehe und nicht bestehen tönne, da bei Hochseeübungen der „Vukkan" nicht jederzeit bei allen Booten sein könne. Ferner er­hob der Staatslekretär energischen Protest gegen den Vorwurf, daß sm die Sicherheit des Unterseeboots» Personals nicht genügend gesorgt fei. Aus der Mute der Kommission wurde unter allgemeiner Zustimmung lebhaft Protest dagegen eingelegt, daß der.Tag' die Herabminderung der Heizerzulagen, die von der Ma­rinebehörde anstatt einer erheblichen Kürzung der Offi- zierszulagen oorgenonnnen worden ist, dem Reichstag zur Last lege uno mit dem Unglück in Verbindung bringe. Auch der Staatssekretär v. Tirpitz legte Ver­wahrung gegen diese Verknüpfung ein und teilte mit, daß die Heizer auch jetzt noch tägliche Zulagen im Be­trage von 2.95 Mark erhalten. Die Kommission stellte ledöch die Beschlußfassung über aste Osfizie-svortagen einstimmig zurück, bis die Hetzerzuiagen wieder erhöht seien. Em Sozialdemokrat meinte, die erforderlichen Mittel könnten durch Einschränkung des Salutschteßens aufgebracht werden. Zum Schluffe teilte. Staatssekre­tär v. Tirpitz mit, daß in baldiger Zukunft ote Unter­seeboote nicht mehr auf fremde Hille angewiesen sein roütoen, da die in England eingesührten Rettungs- Helme für Unterseebobtsmannschasten jetzt auch bei uns in Arbeit seien.

Der amtliche Bericht macht es zur tröstlichen Ge­wißheit, daß die Besatzung des Unterseebootes bis auf den letzten Augenblick im vollsten Maße Mannes- mut und Pflichttreue bewahrt und daß insbesondere der Kommandant des Schiffes eines wahren Helden­todes gestorben ist in der übermütigen Fürsorge für seine Mannschaft und das ihm anvertraute Fahrzeug. Der Vorfall legt ein ruhmreiches Zeugnis ab für den vortrefflichen Geist, der in unserer Marine herrscht.

Mit Recht wird ferner hervorgehoben, sogar in der Auslandspreffe, daß die Sichemngs- und Hilfs­vorrichtungen der deutschen Marine sich insofern gut bewährt haben, als die Rettung der großen Mehrzahl der Besatzung und des Bootes selbst gelungen ist, während andere Nationen bei Havarien von Untersee­booten viel schlimmere Verluste an Menschenleben und Material zu beklagen hatten.

Diese Tatsache soll uns vor Peffimtsmus und Nör­gelsucht bewahren. Aber damit ist keineswegs gesagt, daß wir mis der herben Erfahrung nicht soviel Leh­ren als möglich ziehen und an der weiteren Ver­vollkommnung unserer Einrichtungen arbeiten sollen.

In dieser Hinsicht ist vor allem die zufällige Be­wegungsunfähigkeit des Kranfchiffes „Vulkan", das gerade zur Bergung von gefährdeten Unterseebooten bestimmt ist, ins Auge zu fassen. Der Staatssekretär erklärt:

„Ein Verbot für Unterseeboote, Lauchübungen vor­zunehmen, wenn der „Vulkan" nicht zur Stelle ist, be­steht nicht und laun nicht bestehen, da Die Unterseeboote gelegentlich auf hoher See üben und „Vulkan" nicht jederzeit bei allen Booten fein kann."

Diese Erklärung verscheucht noch nicht alle Zweifel und Bedenken. Gewiß kann der „Vulkan" nicht im­mer und überall hinter den übenden Unterseebooten her fein; wohl aber kann das Hilfsschiff bei allen kritischen Hebungen auslaufbereit im Hafen liegen. Diesmal war der „Vulkan" ohne Dampf im Dock. Die Uebung fand in einer naheliegenden Bucht statt. Hätte der „Sultan" auf die erste Alarmnachricht zur Unglücksstätte ellen können, so wäre die Hebung des halb gesunkenen Bootes offenbar viel schneller erfolgt und vielleicht die Rettung aller Menschenleben gelun­gen. Ließ sich die Hebung nicht verschieben, bis der ]] Vulkan" wieder unter Dampf bereitlag? Diese Frage ist umsomehr am Platze, als an der Hebung nicht bloß die normale Besatzung des Unterseebootes, fonbem außerdem noch zehn Schüler (3 Seeoffiziere, 2 In- genieure und 5 Mann) als Lehrgäste teilnahmen. Diese stärkere Besatzung des Bootes erfcheint nicht unwesent-

Nach längerem Geplänkel der Abgg. Dr. Friedberg (nat.) und Hennings-Techlin (kons.) vertagt sich das Haus.

Freitag: Fortsetzung der Interpellation und Wmzer- mterpellation.

monatsbenage: „Kildaer SeschichttblAter"

eifefttitt »-Ny Mrruchmr der $o.m« ««dZeiertageVierlel- fShrlich«V«r-rqrprek »b«e »ringetishn und gepellseldttlzrtidafd- vie«ttVSrtrlL0«k.

ttMHti». Redakteur, ; «ark Schütte»

f Die Nnterseebootkatastrophe in Ser BudgetkourmiMon.

In ber gestrigen Sitzung der Budget kom- miffion des Reichstages verlas Staatssekretär v. Tirpitz, eine amtliche Depesche über den Hergang bei dem Unfall des Unterseeboots U 3.

U 3 mochte am 17. Januar vormittags in bet Heikendorfer Bucht Trmimüvungen, wobei durch Füllen bei Tanks das Boot in einen touchbereiten Zustand gebracht wurde. Däne daß eine eigentliche Unterwasser­fahrt stattfindet, taucht das Boot soweit ein, daß das Deck unter Wasser kommt, während der Kommandoturm über Waffer bleibt. Beim e.sten Trimm trat durch den Schieber, der den umgelegten Ventilalionsmast gegen dos Boot abschließt, aus bisher unaufgeklärter Ursache Wasser in schnell steigender Menge in den Maschinenraum ein. Das Boot wurde sofort hinten erleichtert und au6erbem versucht, das eingedrungene Wasser auszuvumpen. Trotz aller Maßnahmen stieg das Wasser im Maschivenraum schnell, sodaß dieser verlass en werden mchte. Infolge der Neigung des Bootes lief vermutlich in einzelnen Akkumulatorenzellen Säure über, wodurch Kurzschluß entstand und einige Haitgummikästen mit den Akkumulatoren zu schwellen anfingen. Wegen des entstehenden Qualms gab der Kommandant den Befehl, daß sich die Be­satzung hinter baS druckfefte Schott im Torpede- raum zurücknehen sollte. Er selbst blieb in ber Zentrale und blies von dort aus nunmehr auch die vorderen Ballasttanks aus, um das Boot vorn, wo sich die Mannschaft befand über Wasser zu bringen. Der Aufforderung, mit in den Torpedoraum zu kommen, folgte er nicht," sondern ging, als er es in der Zen­trale nicht mehr aushakten konnte, in den Kommando­turm, um von dort ans das Ausblasen sortzuietzen. Später lief auch die Zentrale durch nachdringendes Waffer teilweise voll. Der Unfall wurde von dem ü 1 sofort bemerkt und durch die Telephonboje ü 3 die Meldung aufgenommen: Der bin'ere Teil ist voll Wasser gelaufen. Eine weitere Verbindung durch die Telephonboje war nicht möglich, da inzwischen die Zentrale verlassen worden war. Durch Vermittelung des Schiffes Augsburg wurde die Hilfe der Torpedo- mipektion der Werft angerufen. Da der Vulkan zur Bosenreinigung im Dock tag, war zunächst der W e rf t'- fran im Verlauf einer knappen Stunde zur Stelle. Da noch der Lage des Bootes angenommen werden mußte, daß die Besatzung sich vorn befand, wurde mit dem Kron bas Vorderteil so weit gehoben, daßdieMündungm derTmpedvrohre überWaffer kamen. Auf die Heranziehung des Vulkans, der um 1 Uhr 25 Min. eintraf und das Boot nur in horizontale Lage hätte beben können, wurde daher zunächst ver­zichtet. Durch die Torpedorohre wurden die im Torpedoraum befindlichen Leute gerettet. Sie hatten unter den durch das Schott nachdrtngenden Dämpfen zu leiden und hielten sich nut dadurch, daß durch den vorgesehenen Notlustanschluß Lust von außen zugeführt wurde und daß sie die tm Unterseeboot be­findlichen Mittel zur Lusterneuerung ausnützten. Mit den im Turm Befindlichen trat man in Signalverbtn- tung durch geschriebene Tafeln, die vor über Wasser ragenden Sehrohre gehalten wurden. Die Antwort erfolgte durch Bewegen der Sehrohre. Der Berfuch, oem Turm Lust durch Sehrohre zuzusühren, gelang nicht, da die Insassen des Turmes den unteren Ver­schluß nicht zu öffnen vermochten. Die Antworten über das Befinden lauteten zunächst gut, später ungünstiger, lodah höchste Eile geboten war. Beim weiteren Heben des Bootes brachen die Hinteren Hebetroffen zweimat, sodaß abends 6 Uhr 30 Min. das Boot nochmals auf den Grund gefetzt werden mußte, um es bann mit Hille des Vulkan zu heben. Dies gelang um 4 Uhr 35 Min. morgens. Der Turm war trocken und von giftigen Gasen frei. Alle drei Jnsaffen wurden ge­funden, wie sie auf ihrem Posten in ruhiger Haltung bis zum Tode verharrt haben. Das Benehmen der ganzen Besatzung war muftcrgiltig. Alle an den Bergungsarbeiten Beteiligten haben in beständig angestrengter und aufopferuugsöoUjter Arbeit ihr Bestes

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 19. Januar 1911.

Die zweite Beratung deS WertzuwachsfteuergesetzeS virb fortgesetzt bei § 10b. Ein gestern zu tz lOaCän' rechuung bet Verbesserung von Moor- unb Sumpflandl Ängebrachler, aber wieder zurückgezogener Antrag Graf lärmet (tonf.), dem § 10 einen zweiten Absatz hinzu- «ufügen, wonach dem Erwerbspreffe die Aufwendungen Är Bauten, Berbefferungen ulro. auch bann hinzu- «rechnet werden sollen, wenn sie zwar der laufenden Unterhaltung dienen, aber nachweislich dadurch not» 'wendig geworden sind, daß sie vom Besitzvorgänger ßnterkaffen wurden, ist heute als ein . euer selbständiger Antrag 8 10aa wieder erngebracht worden.

Abg/Dr. Weber (natU äußert Bedenken gegen den llntrag, desgleichen der Abg. Dr. Potthoff (Vp.)

Der Antrag wird, nachdem sich auch Unterftaats- frtretär Kühn dagegen ausgeiprochen, abgelehnt.

§ 10b (Abzüge» bestimmt, daß vom Erwerbspreise Enteignungsentschädigungen und Entfchädigungen für Bergschäden abgezogen werden sollen.

Abg. Herold (Zentr.) begründet einen Antrag, den 8 10b ganz zu streichen, da dieser Paragrapph nicht der Billigkeit entspreche.

Darauf wird § 10b unter Ablehnung des Antrages Herold angenommen.

Nach § 10c werden dem Erwerbspreise für jedes Jahr des für die (Steuerberedjnuug maßgebenden Zeit­raumes hinzugerechnet: 1) von dem Betrage des Er- .verbspreises unb der Anrechnungen, der zusammen 100 Mk., bei Weinbergen 200 Mk. für das ar nicht übersteigt, 2Wo; 2 von dem Mehrbetrag bet unbe­bauten Grundstücken 2°/o, bei bebauten 1%. Dabei sollen sich die Hinzurechnungen auf die Hälfte ermäßigen, stvenn der für die Berechnung maßgebende Zeitraum weniger als fünf Jahre beträgt. Em Antrag Müller-Fulda (Ztr.) will die m § 10c angezogenen Anrechnungen auf die Ziffern 1 bis 3 des § 10 aus­gedehnt wissen, während die Vorlage nur von Ziffer 1 spricht. Ferner sollen vom Mehrbeträge den be­bauten Grundstücken ebenso wie den unbebauten gleich­mäßig 2’/» zugerechnet werden. Endlich fcU die Herad- Kung der Hinzurechnungen auf die Hälfte nur ein­ten, wenn das Grundstück in der Zwifchenzeit nicht bebaut worden ist.

Abg. Trimborn (Ztr.) begründet diese Anträge.

Die Abgg. Cuno (Bolksp.) und Westarp ftons.) begründen ebenfalls eine Reche von Anträgen.

Unterstaatssekretär Kühn warnt dringend vor weiterer Abschwächung der Vorlage, da sie schon in der Kommission viele Abschwächungen erfahren habe.

Nach weiterer unerhebliche Debatte schreitet das Haus zur Abstimmung. Der Antrag Müller- Fu Id a (Ztr.) wird in feinem ersten Teile angenommen, d. h. bei der Hinzurechnung sollen die Ziffern 1 bis 3 des 8 10 berücksichtigt werden, dabei soll der Höchst­erwerbspreis bei Weinbergen auf 30u statt 200) Mark pro ar fixiert werden. Der Nest des Antrages Müller- Hulda wird dagegen abgelehnt. Darauf wird der § 10 unter Ablehnung der übrigen Anträge angenommen.

§ 11 handelt von der Bemessung des Wert­zuwachses.

Abg. Dr. Arendt (Rp.) bittet, den ganzen Para­graphen abzulehnen.

Der Paragraph gelangte darauf trotzdem zur An­nahme.

§ 12, der den Gemeinden das Recht zugestehen wollte, bei Bemessung des Wertzuwachses über den im § 11 bezeichneten Zeitpunkt hmauszugehen, ist von der Kommission gestrichen. Nach kurzer Debatte beschließt das Haus, den Paragraphen gestrichen zu kaffen.

8 13 wird debattelos angenommen, desgleichen nach längerer Debatte § 14.

§ 15 handelt von den Abzügen, die vom Ver- äußerungSpreise gemacht werden tönnen. Danach dürfen 'angerechnet werden: 1) Sie Kosten der Ver­äußerung; 2) der Betrag, um den nachweisltch wäh­rend des für die Steuerberechnung maßgebenden Zeit­raumes der aus dem Grundstücke erzielte Ertrag hinter 3 Prozent des Erwerbpretfes zurückgeblieben rst. Der Paragraph wird mit einem Ver besser ungSantr age Müller-Fulda (Ztr.) angenommen, desgleichen die §§ 16-19.

8 20 enthält die Steuerskala, die von der Kom- missiün wesentlich erhöht ist. lieber diesen Antrag ent« spinnt sich eine längere Debatte. Auch eine Reihe von Abäiiderungsanttägen sind gestellt worden. Schließlich

Preußischer Laum-ig.

Abgeordn'ienbaus.

Sitzung vom 19. Januar 1911.

Aus der Tagesordnung steht die freisinnige Inter­pellation betr.

Uebergttffe der Landräte mw.

In der Interpellation wird die Regierung gefragt, welche Maßnahmen sie zu ergreifen gedenke, um den im einseitigem Parteiinteresse erfolgten Hebergriffen von Landräten und Regierungsbeamten entgegenzu- wirken, wie solche im Falle Becker-Maltzahn zutage ge­treten feien.

Abg. Lippmonn >Vp.) begründet die Interpellation- Im Volke habe sich schon längst das Gefühl bemerkbar gemacht, daß wir in Preußen unter einer einseitigen argrar-konservativen Herrschaft leben. Die Erbitterung hierüber sei groß und das Volk fordere, daß bei der Rekrutierung zum Landratsamte unparteilich vorge­gangen werde. Bei der Besetzung der Landratsstellen wird darauf gesehen, ob die Kandidaten eine richtige studentische Erziehung genossen haben. Einzelne Koips werden besonders als hierfür vorbereitend angesehen. (Sehr richtig! links.) Die Landräte besorgen die Wah­len in konservativ-agrarischem Sinne. iLebh. Zustim­mung links.) Der Redner erörtert den Prozeß vor dem Siegener Landgericht wegen Landrats­beleidigung. Der Landrat Dr. Schröder habe einen Lehrer zur Rede gestellt, weil er ihn nicht höflich genug gegrüßt habe, einem Milchhändler die Lieferungen für das Krankenhaus entzogen, weil er ihm, dem Herrn Landrat, nicht zuerst gebracht habe. Jetzt habe der Lanvrat Urlaub genommen, und zwar wegen Unwohi- feins. (Heiterkeit links.) Zu verurteilen ist der Korps- geift, mit dem die Regierung ihre Landräte schützt, (Sehr richtig k links.) Darin liegt System. Weiterhin schildert Redner eine große Reihe von einseitiger landräikicher Pa'.teibetätigung zugunsten des konser­vativen Kandidaten bei der Reichstagsersatzwahl in Labiau-Wehlan und kommt dann auf die Affäre Becker- Maltzahn zu sprechen. Das Strafmaß im Prozeß Becker entspricht nicht dem Empfinden des Volkes. Der Prozeß hat Material ergeben, daß der Landrat sich in einteilig agrarischer Weife betätigt hat.

Minister des Innern v. Dallwitz weist die Behaup­tung energisch zurück, als ob die Regierung bei der Beletzung der Landratsstellen parteiisch vorginge. Bon 481 Landratsämtern feien nur 152 nut Vertretern land­wirtschaftlicher Streife besetzt, alle übrigen entfallen auf Handel und Industrie, wissenschaftliche Streife Mw. Sodann weift der Minister der Reihe nach die von oem Vorredner ausgestellten Behauptungen einseitiger politischer Betätigung der Landräte als irrig zurück. Im FalleBecker habe der Landrat korrekt gehandelt, ja er habe sogar versucht, mit Becker in korrekter Weise zu verkehren fei aber von Becker in geradezu rabu- listifcher Weise angegriffen worden, sodaß ihm nur der Stlagerocg übrig blieb. Der Landrat habe erst seinen eigenen Privatbeamten zum Gmsvorfieher ernannt, nachdem Becker verschiedene Anfragen des Landrats unbeantwortet gelassen habe. Bisher seien ihm (dem Minister) keinerlei Tatsachen bekannt geworden, die ein Einschreiten gegen die Landräte wegen politischer lieber« griffe gerechtfertigt erscheinen ließen.

Abg. v. HenningS-Techlin (kons.) erklärt, daß es Wicht der Landräte sei, über alle politischen Ver­sammlungen Erkundigungen einzuziehen um, wenn die Stimmung eine aufrüherische ist, sofort die notwendigen Abwehrmaßnahmen ergreifen zu können. (Infolge der beftändigen Zwifchenruje des Abg. Dr. Liebknecht (Soz.) muß Pi ästdent K r ö ch e r verschiedentlich recht energisch zur Klingel greifen, um den Abg. Liebknecht zur Ruhe zu mahnen. Im weiteren Verlause feiner Rede wirst der Redner dem Abg. Dr. Friedberg (nat.) miß­brauch der parlamentarischen Immunität vor, weil er auf Grund lediglich freisinniger Berichte das Verhalten des Landrats als nicht vornehm bezeichnet habe.

Abg. Dr. Friedberg (nat.) bittet den Präsidenten, ihn gegen diese Beleidigung in Schutz zu nehmen.

Präsident v. Kröcher: Das ist teilte Beleidigung. Ich muß Ihnen überlassen, sich selbst gegen dieselbe zu wehren.

Ein sefährlicher Geheimnis.

78] Jtoman in zwei Bänden von Charles R e a d e.

„Ja; kaum zehn Minuten nach der Explosion brachte er Leute herbei, welche die Rettungsarbeiten begannen. Er kaufte mrilenlange Seile und schaffte große eiseme Kasten herbei, um das Geröll, das über den Verschütteten lag, htnaufziehen zu lasten. Tag und Rocht trieb er sich, über den Verlust der Tochter und des Freundes klagend und jammemb, in der Nähe des Schachtes umher, und er war es auch, der Wal­ter die Anweisung gab, auf welchem Wege Sie zu retten wären. Walter sagte mir das selbst, ehe er die Besinnung verlor. Bartley flehte ihn an, nicht auf dir Räumung des Schachtes zu warten, fonbem sich von seitwärts in blc Grube hineinzuarbeiten. Er er­zählte Walter, er habe, als er vor Erschöpfung ein ivenig eingeschlafen sei, geträumt, daß Sie sich in der Gegend befänden, die man die Halle nannte, unb Walter versicherte mir, daß ohne diese Anweisung noch zwei reichliche Tage vergangen sein würben, ehe man zu Ihnen gelangt wäre."

„Dann mürben wir nicht mehr am Leben gewesen Sein", sagte Grace ernst, unb nach einigen Augen­blicken des Nachdenkens setzte sie hinzu: „Oberst Elif- forb, ich belauschte jenen Schurken unb Mr. Bartley, als sie ben Plan machten, meinen Vater aus ber Welt -u schaffen. In ber Tat war Mr. Bartley mit Wor­ten bagegen unb sprach sich voll Abscheu aus, aber dennoch erhielt jener rtitsehlich« Mensch in ber einen ober anberen Weise von ihm einen Erlaubnisschein, Wrrnley in die Grube hinab zu schicken, unb was werden Sie vollends denken, wenn Sie hören, daß er dem Bösewicht Beistand leistete, als dieser mich hin­dern wollte ,nach dem Schachte zu eilen?"

Dann erzählte sie dem Obersten die ganze Szene: pie die Beiden sie im Hause eingeschloffen hatten, Md wie sie sich an einem Vorhang aus dem Fenster «nabgelasten und durch eine Hecke gebrochen war. «ber sie dachte während der ganzen Zeit doch nur to Walter's doppelte Verheiratung, und gab ihre Be­schreibung in so kühler, zerstreuter Weste, daß es schwer

war, daran zu glauben, unb Oberst Clifford nicht umhin konnte, zu entgegnen:

„Mein liebes Kind, Sie haben eine gewaltige Er- schütterung erfahren und haben alles bies geträumt. Sie finb ein gesundes starkes Mädchen und ich weiß dies bei Männern und Frauen zu schätzen; aber Sie find doch zu zart besaitet, haben reizbare Nerven."

Grace errötete.

„Dennoch bin ich eine Art Athlet", sagte sie.

„Ein Achtet, liebes Kind?"

„Ja, Str. Mr. Barttey sorgte dafür. Er duldete nicht, baß ich je ein Korsett trug, jahrelang habe ich mich unter der Leitung eines Lehres gymnastisch aus­gebildet. Ich bin im Stande, mich an einem vierzig Fuß langen Seil hinauf zu arbeiten, es war mir also eine Kleinigkeit, mich aus dem Fenster hinabzulassm. Das Durchbrechen einer lebendigen Hecke war schon schlimmer, aber mein Vater befand sich in Gefahr unb ich war in ber höchsten Erregung. Nicht wahr. Sie halten Rennpferbe? wenigstens glaube ich es von Walter gehört zu haben", sagte sie vlötzlich, scheinbar von bem bisherigen Gegenstände des Gesprächs ab- tenfenb.

„Ja, und sie kosten mich einen schönen Groschen Geld", gab er zur Antwort.

„Unb ist nicht so ein Nennpferb ebenfalls ein ar­mes, schwaches Ding, bis sein Blut In Wallung ge­rät?"

„Bet Gott, Sie haben recht!" rief er. „Aber ber Vergleich war nicht nötig. JebeS Wort aus Mrs. Walter Cliffords Munbe ist mir ein Evangelium, beim ich weiß genug, um ihr bie höchste Achtung zu zollen. Nur gestatten Sie mit zu sagen, daß Bartley wenigstens ein bußfertiger Sünder ist. Ich habe bie Beweise dafür hier in diesem Schubfacye unb will sie Ihnen zeigen."

„Nein, nicht jetzt!" rief Grace ausgeregt. „Ich glaube Ihren Worten, wie Sie ben meinigen geglaubt haben. O, Sir, was ist Alles bas gegen bie Dinge, welche ich von Ihnen zu hören erwartete! So bleibt es baut mir überlasten. Ihnen zu sagen, was Sie, und noch mehr mich, ttes verletzen unb schmerzen muß. Bitte, Oberst Ellfford, werben Sie nicht zornig bi?

Sie mich ganz gehört haben, aber Ihr HanS stt ferner fein Platz für meinen Vater unb mich."

„Warum nicht?" sagte der Oberst steif. „Sind Sie nicht meine Schwiegertochter?"

Grace gäbe keine Antwort.

„Ah, Sie haben recht", sagte er. Indem er rot würbe, von seinem Stuhle aufftanb und aufgeregt im Zimmer hin unb her schritt. „Ich habe Sie früher gröblich, ja unverzeihlich beleibigt. Aber bebenfen Sie, baß ich Sie bamals für Bartleh's Tochter hielt, baß mein Zorn biesem galt, unb daß ich Sie noch nicht kannte. Aber, als ich Sie so blaß unb entschlos­sen sah, sich selbst ber Gerechtigkeit und Wahrheit zu opfern, fühlte ich mich sofort bekehrt. Fragen Sie Julia, was ich gleich damals über Sie äußerte"

„Ich muß Sie unterbrechen", fiel Grace ein. „Ich kann nicht bulben, baß ein Mann tote Sie sich vor einer Neunzehnjährigen entschuldigt, welche nur Ver­ehrung für Sie im Herzen trägt unb Sie lieben würbe, wenn sie es wagen dürfte."

„Das klingt alles sehr geheimnisvoll, liebes Kind, unb ich wünschte. Sie sprächen sich deutlicher aus."

„Das wirb bald genug geschehen sein, ich habe ja schon bamit begonnen", entgegnete Grace feierlich. „Oberst Cliffotb, Sie haben sich nichts vorzuwerfen unb auf mich fällt in biefer Sache ebensowenig eine Schuld. Unb doch müssen wir Beide darunter leiben." Hier stockte sie einen Augenblick, fuhr bann aber mit größerer Festigkeit fort: „Sie tun mir bie Ehre an, mein Verhalten in jener furchtbaren Lage zu billigen. Aber, haben Sie auch Alles gehört, was geschah, ha- ben Sie Alles beachtet, was Ich sagte?"

„Gewiß", entgegnete ber Oberst. „Ich werbe bie Szene nie vergessen. Die Verzweiflung unb ber Mut Derjenigen, bie ich mit Stolz meine Schwieger­tochter nenne, wirb mir immer vor Augen stehen."

Grace legte bie Haube vor ihr Gesicht unb er be­merkte, wie bie Tropfen zwischen ihren weißen Fin- gem hindurch rannen. Schon fing er an, sich unbe­haglich zu fühlen, aber das mutige, junge Geschöpf verschlüge die Tränen unb hatte sich halb wieder ge­faßt.

„Hat es Sie denn nicht gewundert", fuhr sie tief

bewegt aber doch ruhiger fort, „haben Sie sich nicht gewundert, baß ich meinem Vater, als er mich vor ihnen Allen fragte: „Bist Tu seine Frau?" zur Ant­wort gab: „Ich weiß es nicht?" Zweimal gab ich ihm, ben ich damals noch für meinen Vater hielt, die .Antwort: „Ich weiß es nicht!" Erinnern Sie sich?"

„Ich verstand das so wenig, daß ich Julia Clif- forb auf dem Heimwege um Erklärung bat."

„Unb was sagte sie Jhnm?"

„Sie meinte, bie Sache sei ganz einfach. Walter habe Ihnen verboten, die geheim abgeschlossene Ehe einzugestehen unb Sie wärm ein gehorsames Weib — ein Weib ganz tote Andere, das heißt: stack gegen die ganze Welt, nur schwach gegen Einen."

„So also beurteilt eine Frau die andere", sagte Grace. „Sie soll ihren und ihres Vaters guten Na­men opfern, bie Verachtung bet Welt auf sich laben unb sich für Lebenszeit selbst beschnmtzm, um ihrem Manne eine Verlegenheit nur noch für einige Stun­den fernzuhalten. Meine Liebe ist eine große und starke, aber sie ist keine so fllavische. Ich zweifelte keinen Augmblick, baß Walter mich anerfennen würde, wenn er heimkehrte unb vernahm, was ich ge­litten. Er wäre meiner Liebe •tnroürbig_ gewesen, wenn er mich unter bem Stigma gelassen hätte. Wie hätte ich also dazu komrnm sollm, Mrs. Walter Clts- forb für einen Nachmittag an ihrer Ehre zu schädigen, da dieselbe am Wend doch wieder hergestellt wurde?

„TaS Ist alles ganz vemünstig, erklärt aber das Rätsel noch immer nicht", erwiderte ber Oberst. „Kön­nen Sie dasselbe lösen?"

„Gewiß farm ich es und muß es sogar, zu meinem unaussprechlichen Schmerze", gab Grace gesenkten Hauptes und mit konvulsivisch zitternden Händen zur Antwort.

„Sir", fuhr sie dann nach einer Pause fort, „neh­men Sie an, ich könnte bie Wahrheit nicht vor aller Welt sagen, ohne ben Mann, ben ich liebe, einet ge­setzlichen Bestrafung auszusetzen — der Bestrafung für eine im jugendlichen Uebermut begangene Handlung, die erst jetzt, durch feine unglückliche Liebe zu mit, zu einet gesetztoibrtgen und verbrecherischen geworben ist."

(Fortsetzung folgt.)