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15.

Vertag tat IT. Januar 19(1.

18 Jahrgang.

fuldacr

2. Blatt

vni» und Verleg der Zeweer Aetlendrnckee«» ta WH

Zeitung «

Deutsches Reich.

(*) Keine vorzeitige ReichStagSeuflLsung. Die »arbb Allgemeine Zeitung' schreibt: .Dem Wie­derbeginn bet Reichstagsverhanblungea ftnb in der tlreffe Andeutungen vorausgegangen, als beabsichtige bk Regierung, ben Reichstag vorzeitig aufzulösen Iinb das Land mit einer unerwartet frühen Vor- «nBme der Reichstagsneuwahlen zu überrumpeln. Wir können initteilen, daß nicht» hinter die- fen Gerüchten ist, die offenbar nur agitatorischen Bedürfnissen ihre Entstehung verdanken. Die Regie- tuna muß Wert barauf legen, daß bet Reichstag hin» reichend Zeit behält, um die wichtigen, ihm noch ob­liegenden Aufgaben in aller Ruhe mit Sorgfalt zum Abschluß 341 bringen. Tie Regierung hat keineswegs bem Reichstag eine Reihe anerkannt wichtiger Vor­lagen gemacht und diese im Verein mit dem Reichs­tag zum Teil schon weit gefördert, um diese Arbeiten YUN mitten auf dem Wege stecken zu lassen.'

0 Der Entwurf über die Befchnlung blinder und taubstummer Kinder, welcher dem Herrenhaus zuge- gangen ist, bestimmt, daß blinde Kinder, die das sechste Lebensjahr, sowie taubstumme Kinder, die das siebte Lebensjahr vollendet haben, den in den Anstalten für blinde und taubstumme Kinder ein­gerichtete» Unterricht zu besuchen Haden. Bei Rin» der», die in ihrer Entwicklung zurückgeblieben sind, kann der Beginn der Verpflichtung bis zu drei Jahren hinausgeschoven werden. Die Schulpflicht endet nach vollendetem 14. bezw. nach dem 15. Lebensjahr«. Die Schulpflicht kann brs zum 17. resp. 18. Lebensjahr ausgedehnt werden, wenn die Kinder das Lehrziel des Unterrichts noch nicht er­reicht haben. Bestehen am Wohnorte des Kindes feine unterrichtlichen Veranstaltungen für blinde oder taubstumme Kmber, so wüsten die Kinder in einer Blinden- oder Taubstummenanstalt oder an einem Ort, von dem sie eine solche Veranstaltung besuchen können, untergebracht werden. Die Nichterfüllung bet Schulpflicht ist straibar. Der Unterricht ist frei, hoch sind die Kommunalverbände berechtigt, sich gegebenenfalls die erwachsenen Kosten von dem Kinde oder seinem Unterhaltungsvrrpflichteten erstatten zu lassen. Das Gesetz soll am 1. April 1912 in Kraft treten.

4- Der Kamps um den Religionsunterricht in Sachsen. Kürzlich ging die Mitteilung durch die Presse, daß der Vorsitzende des Sächsischen Lehrer­vereins, Herr Sälller, bet einer Unterredung mit einem Vorgesetzten erklärt habe, et halte an den bekenntnismäßigen Grundlagen des Religionsunter­richtes fest. Diese Aeußerung war deshalb über­raschend, weil sich der Vorsitzende damit in scharten Gegensatz zu den vom Sächsischen Lehrerverein be­schlossenen und vertretenen sogen. Zwickauer Thesen stellte, in denen u. a. die Beseitigung wesentlicher Bestandteile des Katechismus aus dem Religions­unterrichte gefordert wurde. Lehrer Sättler bestritt nachher in ziemlich scharren Ausdrücken die i'jm zu- geschriebene Aeußerung. Er ging so weit, zu er­klären, daß sie erlogen sei. Nunmehr veröffentlicht Has amtliche .Dresdener Journal" einen bericht über eine Unterredung, die am 14. September 1910 zwischen dem sächsischen Kullusminister und dem geschäftsführenden Ausschüsse de» Sächsischen Lehrer­vereins im Beisein des Geheimrats Dr. Kühn stall­gefunden hat. Nach diefem Berichte hat der Vor­sitzende des Lehrervereins, Sättler, ausdrücklich b merkt, daß auch die Lehrerschaft an dem Religions­unterrichte aut Grund der Evangelien fest Halle und jm den Grundpfeilern der christlichen Religion in keiner Weise rütteln wolle, lieber den Gang der Auterredung wurde eine Niederschrift angefertigt, die dem Herrn Sättler übergeben wurde. Es wurde in fein Ermessen gestellt, ob er davon in der damals bevorstehenden Vertreterversammlnng seines Vereins Gebrauch machen wolle oder, nicht. Dabei ist ihm (iber ausgegeben und von ihm zugesichert worden, daß er, falls er dies tue, jedenfalls nur nach Maß­gabe der amtlichen, von ihm oolgelejenen und von ihm ausdrücklich anerkannten Niederschrift über den Empfang berichten werde. — Eine Zujatzb.merkung .ft überflüssig.

11. Stuttgart, 16. Jan. 1911. Die Zweite ssammer hat den Abo. von Payer (ft. Vp.) mit 69 Stimmen zum Präsidenten wiedergewählt. Der Abg. von Kiene (Ztr) erhielt nur 23 Stimmen Zum 1, Vizepräsidenten wurde Abg. von Kiene

(Ztr.) mit 66 Stimmen, zum 2. Vizepräsidenten Abg. Kraut (font.) mit 78 Stimmen wiederpewählt. Es handelt sich bei der Präsidentenwahl der Zweiten württemdergifchen Kammer um einen ähnlichen Vor- gang, rote er sich nn letzten baduchen Landtag ab- gefp elt hat. Obwohl das Zentrum die stärkste Partei im Landtag ist, beanspruchen doch die Demo­kraten noch den ersten Präsidenten, weil fte in ihrer antikatholiichen Verborthe t nicht zulassen können, daß ein Katholik erster Präsident des Landtages wird.

Ausland

** Vom französischen Kulturkampf. Der Bischof van Bayonne, Mons. Gieure, hielt vor seinem Klerus eine Ansprache, in der er ausführte, daß, wenn die Gesetzentwürfe über die Schule, die die Regie­rung der Kammer vorgelegt habe, angenommen wür­den, die Bischöfe die Gläubigen oufforbem würden, sich nicht an dieselben »u halten. „Mr werden die katholischen Familienväter auffordern, nicht zu ge­horchen, wir werben sie baran erinnern, daß sie vor GRt die Verantwortung für ihre Kinder haben und daß t» ein Verbrechen ist, ihr Seelenheil in Gefahr zu bringen. Man wird vielleicht sagen, daß wir uns revolutionären Lehren und Taten bekennen und unser Beispiel verderblich sei. Wer wird das

glauben? Niemand hat mehr Achtung vor der Obrig- feit, als die Christen. Wir gehorchen allen gerechten Gesehen, aber wir können uns nicht der Knechtschaft ttnb Tyrannei unterwerfen. Es mögen sich daher die Tore bet Gefängnisse öffnen, um die Bischöfe und Pricher aufzunehmen und auch Hunderte von Fami­lienvätern k Denn ich bin es gewiß, daß Basken und Bäarner furchtlos ihre Rechte und ihren Glauben verteidigen werben. An uns, ihr Priester, liegt es, sie in ihrem Kampfe zu unterstützen.'

* Ein Lehrerstreik ist in Monteleone bi Calabro (Italien) auSgebrocheu. Schon seit vier Monaten warten hort Ne Lehrer der Volksschule auf die Auszahlung ihrer Gehälter. Auf ihre wiederholten Proteste wußte ihnen der Bürgermeister nichts anderes zu antworten, als daß der Stadtsäckel fett wäre. Die Lehrer geduldeten sich noch einen Monat. Der Bürgermeister schickte Berichte über Be­richte an die Regierung in Rom, wo die Bürokratie zu Hause ist Der liebe Instanzenweg muß doch ein- gehalten werden, und wenn die lieben Lehrer darüber Bankerott gehen. Der Unterrichtsminister schreibt an den Finanzminister, der an den Minister des Innern. Die Ministerien liegen zwar zusammen, aber trotzdem ist der Weg hin und her sehr weit, -mb so dauerte es Wochen über Wochen, und Monate dazu, ehe die Mi­nister im vereinten Bemühen überhaupt fcstgestellt ' hakten, warum denn Ne Lehret zu Monteleone di Ca­labro ihr Gehalt nicht kriegten. Schließlich wird gegen den Bürgermeister ein „Verfahren" eingeleitet, warum et die Ebbe tu seiner Stadtkasse nicht eher an gezeigt hätte. Diese wichtige Frage muß selbstverständlich erst erledigt werden, ehe das ioeiterc, nämlich die Auszahlung des Gehalte» an die Lehrer, folgen kann. Was wunder also, wenn nun die Lehrer beschlossen haben, den Unterricht einfach einzustellen, bis sie ihr Gehalt bekommen haben?

* Ei« Fee »er-Tafel entfernt. In der italienischen Universitätsstadt Bologna enthüllten die Kirchenfeinde im Stadtteil Casiel San Pietro auf der Piazza „XX. Settemüre' eine Ferrer-Gedächtnistafel, gewidmet „bem unerschütterlichen Vorkämpfer gegen die Knebe­lung (!) de» Geistes" Die Inschrift hätte richtiger gelautet: „bem anarchistischen Mordgesellen!" Wie das Luzerner „Vaterland" mitteilt, ordnete aber der Präfekt — von Rechts wegen — die Entfernung der Tafel an, da sie „verbrecherische Phrasen" enthalte und zu Verbrechen aufreizt. Die Radikalen wollen rutt das Vorgehen des Präfekten in der Kammer zur Sprache bringen und dort gegen diese „Verletzung der Gewissensfreiheit (!) Protest erheben. Lächerlich!

** Die portuziesisck»en Klrchenfeirwe bei btt Ar­beit. Reue Schändlichkeiten wurden in Lissabon ver­übt, wobei ein Beteiligter auf der Tat ertappt wurde. Einer der höchsten Beamten der Provinz Evora ist mH einem Schauspieler und vier anderen Gleichge­sinnten nach nächtlichem Gelage und lustig durch­schwärmtet Nacht in die italienische Natio­nalkirche eingedrungen. Dort kletterten die Kerle

auf ben Hochaltar, warfen be» Kreuz her­unter, zertrümmerten bie Kanon-Tafcln unb ver­unreinigten ben Hochaltar! Die Kirche Madonna von Loreto gehört zur italienischen Kolonie. Der italienische Gesandte begab sich daher ins Ministerium, um energisch Bestrafung der Schuldigen zu verlangen. Es stellte sich heraus, daß die Schuldigen alle zur republikanischen Intelligenz zählen. An ihrer Spitze befand sich der Zivilgouverneur, bet höchste Beamte bet Provinz Evora, Estavao Pimente!, sein Bruder, ein Schauspieler, ein Offizier in Zivil und zwei Be­amte der Zivilverwaltung. Der Gouverneur selber wurde in der Kirche verhaftet. Der italienische Ge­sandte stellte besonders fest, daß bie Untat am Hoch­altar erfolgt sei

volkswirtschaftliches und Soziales.

** Der zweite Deutsche Heimarbeiter tag trat letzte Woche in Berlin unter Vorsitz bes Professor» Dr. Francke zusammen. Eine große Anzahl Vertreter bei Behörde waren erschienen. Es waren 360 Heimar­beiterverbände und 18 Unternehmerverbände vertreten. Professor Dr. Robert Milbrand (Tübingen) führte zum Entwurf des Heimarbeitsgesetze» aus: Der Ent­wurf bietet manches Gute. Der Kreis der Personen, welche das Gesetz umfassen soll, ist iveit genug gefaßt. Allgemein kann man sagen, ein formell geschicktes, aber ein hilfsacmes Werk ist zustande gekommen. Der Re­ferent schlug sodann der Versammlung folgende Re­solution vor: Dringend erforderlich ist, daß die bi» jetzt von ben Reichstagskommissionen hinzugefügten Verbesserungen der Gesetzentwürfe erhalten bleiben; beim Hausarbeitsgesetz die obligatorischen Lohntafeln und Lohnbücher, beim ArbeitSkammergcsetz die Wähl­barkeit der Angestellten der Berufsvereine. In der Heimarbeit muß staatlicher Arbeiterschutz vor allem durch Hebung der oft unwürdig geringen Löhne ge­leistet werderr. Alle den Fabrikgesetzen nachgebildeten Maßnahmen treffen den Heimarbeiter selbst und zwin­gen ihn zu Ausgaben, zu deren Ausgleich eine bessere Bezahlung zu fordern ist. Außerdem müssen Einrich­tungen geschaffen werden mit der Befugnis, durch die gewählten Vertreter der Arbeitgeber und der Arbei­ter Tarife ausarbeiten zu lassen, die dann rechtsver­bindlich sind. Außer dieser Hauptforderung erneuert der Heimarbeitertag die in zahlreichen Eingaben aus­gesprochenen Wünsche der Heimarbeiter, darunter: Für das H-msarbeitsgesetz: Auferlegung dec allge­meinen Registrierpflicht,- Unterstellung unter die Ge­werbeaufsicht-, Durchführung eines sanitären Schutzes; für das Arbeitskammergesetz: Wählbarkeit der Ange­stellten der Berufsoereine; für die Retchsversiche- rungsordnung: Ausdehnung der Versicherungspflicht auf alle Heimarbeiter für alle Z-weige der Reichst«er- sicherungsorduung. In dec Diskussion kamen zunächst eine garize Reihe van Heimarbeitern zum Wort, die die Verhältnisse in ihrer jeweiligen Branche schilder­ten. Die Resolution wurde mit dem Zusatz angenom­men, es weide die Erwartung ausgesprochen, daß der Gesetzentwurf noch in dieser Session zur Erledigung gelange.

Aus dem Nackbaraebiete.

* Hünfeld, 15. Jan. 1911. Zwei Gauner be­reisen z. 3t. unsere Gegend. Sie spielen die Rolle bedr ückter Familienväter und bitten hän­deringend — um etwas Koni, da sie backen wollen usw. Ihr Wunsch wird überall erfüllt Wo Korn nicht im Hause ist, fällt die Geldgabr etwas besser ans, so daß die beiden ein „gutes Geschäft" haben. Innerhalb einiger Stunden haben fte in Rh. 72 Pfund unb in W 68 Pfund Kam zusammengebracht und es dann an einen Händler verkauft! „Einen Korn", den die beiden doch „ehrlich verdient" hatten, konntet: sie in Ruhe nicht genießen, da die Polizei ihnen auf den Ferfen war.

* Bad Orb, 16. Jan. 1911. Auf der Rodel­bahn rannten am Donnerstag abend zwei Schlitten gegeneinander. Die Besatzung des einen wurde vom ScUitten geschleudert und einer der Fahrer, ein jun­ger Mann, blieb bewußtlos liegen.

* Hanau, 16. Fan 1911. Der Eiienbahnfchaff- ner Karl Kunz vom hiesigen Ostüahnhofe wurde aus der Fahrt nach Frankfurt von einem tödlichen Herz­schlag betroffen.

• Griesheim, 15. Jcn. 1911. An ben erbitterten Kämpfen, die sich im Vorjahre in Der hiesigen Gemeinde abgespielt haben, waren auch die beiden Lokalblätter der „Anzeiger" und bie .Bürgerzeitung' im hohen Maße beteiligt Del den gegenseitigen Aus­einandersetzungen der auch sonst als scharfe Konkur­renten austretenden Blätter hatte aber der .Anzeiger' etwas übet die Schnur gehauen. Der Verleger der Bürgerzeitung, Herr Bieh'er, zitierte deshalb die Ver­leger des Anzeigers, bb Herren Emil unb Richard Bölcke vor den Kadi. Vor dem Höchster Schöffenge­richt tarn es nun gestern zwischen den Konkurrenten zu einer äußerst lebhaften, für die unbeteiligten Zu­hörer recht amüsanten Auseinandersetzung. Schließ­lich gelang eS dem Gericht aber doch, die Parteien zu vergleichen Die Herren Bölcke nehmen ihre unsach. lichen Aeußenmgen zurück und tragen die Kosten.

vermischtes.

* Ter Verbrauch an Hnndefleisch al- Menschen' nahruug ist in unsren Ärberkretolomen, in een Ar» beiterDterteln mancher Großstädte und in wirklich armen Gegenden auf bem Lande nickt so gering, wie man gewöhnlich anzunehmen geneigt ist.. Ein niederrheiniscker Jagdaufseher verkamt sowohl Hunde als auch Katzen zum Preise von 1 Mk. durch, einen Milckhändler in eine Großstadt der Umgebung. Er kann an eine feste Kundschaft gar nicht genug Ltfetn. Ein Förster, der bet einem Reoiergange zwei .wil­dernde große Metzgerhu de erschossen hatte, erzählte diesen Vorfall seinen Holzhauern. Nachher bat einer derselben um nähere Angabe der Oerllichlett, wo oie Hunde zu finden feien. Mit fckmunz-lnder Miene gab er die Versicherung, daß Rücken und Schinken solcher Tiere etwas ganz Vorzügliches in ver Pfanne abgäben. Vor einigen Jahren wurde in einer niederrheini chen Kolonie fest gestellt, daß ein Arbeiter gegen ein halbes Dutzend Köter für bie Weihnacht szeit mäste. Kenner solcher Verhältnisse unter ben Jägern wissen, daß gar mancher wertvolle Jagdhund, der abhanden gekommen ist, in den Kolonien verzehrt wird. Beim Anblick besonder? triftet Hunde hört man wohl die Redensart: »Dar ,ft etwas für die Kolonie.' Manche Leute haben heutzutage auch noch den Aberglauben, daß Hunde» fleisch die Schwindsucht heile Wer ein ganz beson» derer Feinschmecker sein will, hängt ben abgezogenen yundekörper einige Tage in gut fließendes Bach« wasser. In ähnlicher Weise bereiten auch die Be­wohner armer Waldgegenden Fuchs und Dachs zun Geliuffe vor.

* ein eigentiimlichre Prozeß von echt anglo« amerikanischem Gepräge kam letzthin in London zur Verhandlung. Eine New-Korker Metallhändler» sirma hatte den 41 jährigen Finch als Leiter ihre? Londoner Butans mit einem Gehalt von 20,000 Mark jährlich engagiert. Im August vorigen Jahre» tadelte dieser feinen Chefs in Nero-Kork, er habe 580,000 Mark unterschlagen und werde sich das Heben nehmen. Sie möchten sich feiner Frau und temes Kindes erbarmen. Finch nahm dann ein Billett nach Boulogne, brachte fein Gepäck auf den Dampfet, ging aber selbst nicht an Bord, sondern verschwand. Im November wurde re in L verpol verhaftet, wo er drei Konditoreien gegi .rnhet hatte. Er schrieb nun seiner Firma, er habe die Summen unterschlagen, weil er seit Jahren — Mifsionsarbeit betrieben habe, die große Summen verschlungen hatte. Er selbst habe ge­darbt und nur Brot und Käse gegessen, um das Geld aufjubringeu. Da et jedoch nicht genug er­übrigen konnte, habe er — auf den Kupfermarkt ipekuliert. Er habe gebetet, daß feine Spekulationen u des guten Z .eckes willen gelingen möchten, doch sie feien alle sehlgeschlagen. Der Vertreter der Firma erklärte, die Unterschlagungen beliefen sich auf 532 200 M. Seine Auftraggeber schenkten bem Beklagten Glauben. Dir Größe der nnlerschlageiten Summe sei für die Firma von keiner Bedeutung. Seine Klien: en schmerzte nut die Enttäuschung, die ihr Vertrauen erlitten. Sie bäten ben Vorsitzenden um die größtmöglichste Milde gegen Finch. Infolge­dessen wurde dieser nut zu zwö.f Monaten Gefäng­nis verurteilt. Der Anwalt teilte noch mit, daß Die Firma 160000 M., die aus dem Verkauf eine« Finch gehörigen Hauses erlöst worden waren,

klopßmdes Herz. Stricke, Leitern, alles Nölige wurde herbeigeschafft; Hope und seine Tochter waren gerettet! Die Leiche des Mörders aber drehte sich immer noch in bat Wirbeln des langsam verlaufenen Wasser», unb als dies endlich in den Tiefen dec Grube verschwunden war, lag sie, mit Schlamm be­deckt, zu bat Füßen der Männer, die sei« schuldlosen Opfer gerettet hatten.

Seltsame Verwickelungen.

Strenge Deine Phantasie an, lieber Seiet und stelle Dir vor, wenn Du kannst, was jene Frau em­pfunden haben muß, deren einziger Sohn dahinsiechte, nach langem Schwanken zwischen Furcht und Hoff­nung starb, in den Sarg gebettet und zur letzten Ruhestätte getragen wurde, als plötzlich einer in Men­schengestalt den Trägern gebot still zu stehen, dm Toten erweckte und ihn, blühend im Schmuck der Jugend und Gesundheit, seiner Mutter wiedergab.

Vielleicht ist keine menschliche Phantasie im Stande, sich dies auszumalen, aber man sich, wenn man es verflicht, vielleicht denken können, was Walter Clif- färb fühlte, als er, auf bet Spitze bet Verzweiflung kmgekommen, ben Liebling feines Herzens ans dem Grabe wieder empfing, da» sie lebendig verschlungen hatte

Wie er sich über sie beugte! Welche Worte des ' Trostes unb der Freude er ihr zuflüsterte als der Fahr­stuhl sie, Hope unb ihn wleber ans goldene Tageslicht hinauf beförderte, wo sie mit einem Freubcngcschrel empfangen würben.

Eine große Menschenmenge war an bet Mündung de» Schachtes zusammengekommen, nachdem die freu­dige Kunde die Oberfläche der Erde erreicht. Der Oberst hatte einen alten Telegraphen ausgestellt, die aufl und abfliegenden Arme desselben haften ihn von allem benachrichtigt und der alte Soldat hatte sich mit einem in Federn hängenden Wagen, Matratzen und einem geschMen Arzt eingefunden. Auch Bartley stand blaß und «m viele 5kahre gealtert, zitternd und

Ein gefährliches Geheimnis.

76) Roman in zwei Bänden von Charles Readr.

Grarc schrie vor Entsetzen laut auf, von außen antwortete ein Freudenruf der Männer, bie bisher schweigend gearbeitet; erfuhren fte doch durch ben schrei bet Frauenstimme, daß das junge Weib noch lebte, das Weib des wacketn Burschen, der Aller Her­zen gewonnen unb bie Scheidewand der Stanbes- dnterschiebe vernichtet hatte

Da» Wasser stieg; drei riesige Wellen schlugen an ben Kohlenkarren hinauf unb machten ihn erzittern. Die erst« kam bis zu seiner halben Höhe, bie zweite reichte bi» zum zweiten Drittel hinauf, bk brüte schlenderte Den Brmrleh'» leblose Gestalt an bi« 8den bt» Karrens unb trug fte, mit blutendem Kopfe und zerbrochenen Miedern in wirbelndem Strudel rückweichend, mit sich fort.

Grace schrie unaufhörlich, denn sie gab sich ver­loren; aber je lauter unb angstvoller sie schrie, um jo mut« unb näher erklang auch da» triumphierende jHurrah' der Reiter.

»Rein, nein', fürchte Dich nicht!" rief auch Hope.

sollst nicht sterben, bie Liebe ist stärker al» der

Diese Worte waren kaum seinen Lippen entfloh«, al» bie Spitze einet eisernen Hacke durch da» Greöll drang; eine andere folgte, noch eine, noch viele. Steine Dcffnungen entstanden; fte wurden größer, miet größer. Jetzt stürzte, untre wütenden Schlä­gen der Bergmannshauen eine gewaltige Sohlenmasse bieder, die Grube war frei, unb vom tot« Lampen­licht beschienen zeigte sich bk wackere Schar bet Ar­beite«.. noch immer in voller Tätigkeit, ober wleber und wieder in tauten Jubel ausbrechend. An Ihrer Spitze stand ein junger Riese von eiserner Kraft, bie nackten Arme blutend und zerschunden, Gesicht, Hände, ?X>- übrautn von Rauch und Kohlenstaub geschwärzt' wä nend feine Augen wie feurige Kohlen gwhten. Mit einem Sprunge war ec auf bem Kohlenkarren, rifi sein Weib in die Arme und drückte fte an sein

weinend da. Er fiel vor Hope und Grace auf die Knie nieder. Sie schauderte voc ihm zurück, aber et tief nur immer wieder: Sie sind gerettet, fte find gereitet!"

Walter ließ Bartley knien unb führte Grace zu feinem Vater. Dann eilte er zu Hope zurück, der bewußtlos in die Knie gesunken war und sich nicht rührte. Ein Stück abgchanene Kohle hatte ihn an die Schläfe getroffen; der tapfere Mann hatte versucht, die Wunde durch das vorgehaltene Taschentuch zu verbergen. Dasselbe zeigte sich mit Blut getränkt, und, durch Hunger, Aufregung und Blutverlust er­schöpft, hatte ec die Besinnung verloren. Man hob ihn sorgsam tu den Wagen; der Arzt legte, um das Blut zu stillen, einen mterimmischen Verband an unb flößte ihm Stäckunosmiltel ein, und Grace dul­dete nicht, daß sein Kops anders als in ihrem Schoße gebettet wurde. Glücklicherweise war der Arzt der­selbe, welcher den Obersten während jenes heftigen unb gefährlichen Podagra-Anfalles behandelt hatte. Wir sagen: glücklicherweise, denn Menschen, welche lange Zeit keine Nahrung zu sich genommen haben, müssen mit großer Schonung md Sorgfalt behandelt werden. Milbe Reizmittel und schleimige Getränke müssen dem Genuß fester Speisen vocangehen, und immer darf nur sehr wenig auf einmal .genossen wer­den. Doktor Garner begann diese Kur schon im Wa­gen. Grace Hope erhielt hier den ersten Löffel voll Wein und Ei Ihr Benehmen war bis dahin ein sehr seltsames gewesen. Sie schien zuweilen ganz wirr, blickte Walter bald zärtlich, bald mit zusammen- gqogencn Brauen unb mit einer Art von Scheu an. Aber jetzt riefen ihre Augen ihn an ihre Seite unb mit einem Lächeln sagte sie:

„Du liebst mich am meisten, liebst wich mehr als die Andere." Daun beugte sie sich über ihren Vater und begann zu weinen.

„Mehr als die Andere?" fragte Walter taut. „Welche Andere meinst Tu?'

„Ruhig', befahl der Doktor. „Glauben Sie, daß man secks Tage ohne Nahrung unb habet ganz klar

im Kopfe bleiben kann? Kommen Sie, liebes Kind, nehmen Sie noch einen Löffel Wein. Armes Mäd­chen! Aber nun zu Ihnen, Mr. Walter."

„Was soll mit ihm fein?" fragte der Oberst. »Er hat nie im Leben besser ausgesehen.'

„Wirklich! Rote Flecken auf den Schläfe« unb Backenknochen, siebeiglühende Augen. . '

„Nur vor Glück unb Aufregung", entgegnete Walter.

Der Doktor achtete nicht auf blefe Einrebe.

„@r hat sich übernommen, unb bie Natur wirb sich rächen", fuhr er fort. „Nein, wir sind noch nicht über ben Berg, Oberfi Clifsord, unb es ist am Besten, wenn Sie alle Drei untre mein Kommando stellen."

„Mit Freuden, lieber Freund, mit Freuden!" rief der Oberst eifrig. „Das ist Ihr Departement unb niemand soll Ihnen da hineinreden.'

Dabei hatten Sie das große Tor von Clisford Hall erreicht. Dasselbe schien sich von selbst vor ihnen zu öffnen und dahinter standen sämtliche Diener des Hauses in zwei Reihen aufgestellt.

Alle gäbe Zeichen ihrer warmen Teilnahme, aber nur zwei, John Baker unb MrS. Milton, wagten dieselbe in Worten auszusprechen.

„Gott segne Euch alle", entgegnete der Oberfl. „Nun ist die Reihe an unS Die Patienten sind alle in den Händen des Doktors und mein ganzes Haus hat sich seinen Anordnungen zu fügen. Das ist mein Befehl Doktor, das hier ist Mrs. Milton, mein. Haushälterin. Sie werd« eine gute Stütze an ihr finden.'

„gaffen Sie in drei Z-immecn warme Bäder zu recht machen, und dann ins Bett mit der ganzen Gesell­schaft. Mr. Hope lassen Sie hinauf tragen, er ist der Kränkste von den Dreien. Bringen Sie mk <5Ire. Milch, Branntwein unb jungen Portwein hi« ms. — Köchin!"

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^Fortsetzung folgt.)