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Mittwoch den Januar Ml.

M. Zahraang.

* Tuldaer W Leitung •

2. Blatt.

vmtk nnb Verlag der Zaldaer Artieudrvckerek in W6«

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* Znr Reichswertzuwachssteuer

himmt neuerdings in der Köln. Bolts,tg. der be. kannte Zenttcumsabg. Dr. Jäger-Zpcyer das Wort, indem er den Nachweis führt dah vas geplante Wertzuwachssteuergesetz, wie es aus der dritten Lesung der Reichstags-Kommission hervorgegangen sei, nach Möglichkeit nur den unverdienten Wertzuwachs treffe. Abg. Dr. Jäger meint, nur fcen unverdienten Zuwachs zu treffen, fet so voll­ständig erreicht, als es zur,e,t überhaupt möglich erscheint. Der unverdiente Wertzuwachs, d. k jene Steigerung der Bodenwerte, die nicht durch eigene Aufwendungen oder eigene Arbeit des Besitzers, sondern durch das Aufsteioen der wirtschaftlichen Konjunktur, durch den steigenden Wohlstand eines Volkes auf Grund seiner politischen Mäht hervor« gerufen wird, ist jener Vermögensznwachs, der übrig bleibt, nachdem man bei Feststellung des Unter­schiedes zwischen Erwerbs- und Veräußerung-Preis alles das eingerechnet hat, was der Veräußerer Während seiner Besitzzeit an werterhöhenden Geld- auf Wendungen und an werterhöhenden eigenen Arbeitsleistungen beigetragen hat. Die werterhohen- den Geldaufwendungen des Veräußerers lassen sich 'Nachweisen oder schätzen; sie werden dem Erwerbs­preise zugeschlagen; die werterhöhenden Wirkungen der eigenen körperlichen oder geistigen Arbeit lassen sich allerdings nicht in jedem einzelnen Falle, über« Haupt in den meisten Fällen nicht zahlenmäßig, feststellen. Der Gesetzgeber hat daher nach äußeren objektiven, also von der Person des Grundbesitzers Losgelösten Merkmalen gesucht, und glaubt diesen Zweck erreicht zu haben durch steuerfreie Zurechnung gewisser Prozentsätze des Erwerdspreises, die diesem als steuerfreie Werterhöhungen zugeschlagen werden. Diese steuerfreien Wertzuschläge bewegen sich zwischen 'S1/» und 1 Proz.; dabei ist auch der Unterschied zwischen hoch- und minderwertigen, landwirtschaft­lichen und städtischen, bebauten und unbebauten Grundstücken berücksichtigt. Einen anderen, besseren Weg hat auch hier noch niemand bisher zu zeigen vermocht.

Nachdem Abg. Dr. Jäger die genaue Formu- fierung dieser Grundsätze in den §§ 10, 15 und 20 des Gesetzes wörtlich angeführt hat, resümiert er:

Beim gewöhnlichen landwirtschaftlichen Grund­besitz werden also zum Erwerdspreise die werterhöhen- ben Aufwendungen gerechnet und dieser Summe, die in der Regel unter einer Mark für das Quadratmeter bleibt, werden jährlich 2‘ i Prvz nt steuerfreie Werl­erhöhung zugeschlagen. Bei Weinbergen steigt diese Grenze, die Aufwendungen inbegriffen, aus 200 Marl für den Ar. Was über diese Grenze von 100, bezw. 200 Mark hinausgeht, hat, wenn unbebaut, einen steuer- sreienWertzuwachsvon2°/»jährtich.Eswirdw enig land­wirtschaftliche Besitzungen geben, bie bet dieser Berechnung beim Verkauf steuer­pflichtig werden. Daher ist es nicht recht ersicht­lich, warum der Rheinische Bauernverein gegen die Wertzuwachssteuer protestiert hat, besonders wenn., man erwägt, daß, wenn die Werizuwachssteuer fällt, der ganze Grundbesitz in Stadt und Land die ’/» Prozent Umsatzsteuer beim Erwerb von Gelände auf alle Zeiten bezahlen muß. Die übrigen Bauernvereine haben gegen die Wertzuwachssteuer nichts einzuwenden gehabt, und Staatssekretär Wermuth hat daher in der Sitzung der Kommission vom 25. November erklärt:

.Wir haben uns natürlich auch mit hervorragenden Vertretern der Landwirtschaft in Verbindung gesetzt und bei diesen eingehendes Verständnis für die Grund­gedanken des Gesetzes gefunden. Im Anschluß an eine solche Besprechung schrieb mir einer der gehörten Sach­verständigen aus Thüringen unter anderem lochendes: „Wo Wertsteigerungen ländlicher Grundstücke statlsinven, z B. bei Ortschaften in der Nähe wachsender Städte, an neuerbauten Eisenbahnen, Kanälen usw., müssen sie genau denselben Grundsätzen der Wertzuwachsbesteue- rttng unterliegen wie städtische Grundstücke auch, d. h. zu einer kräftigen Besteuerung herangezogen werden, sobald die Werifteigerung ohne Arbeit und Aufwen- dungeir des Besitzers entstanden ist. Eme Besteuerung dcS Wertzuwachses wird den Effekt haben, den unsoliden Gulerhandel einzuschränken, somst einer Mobilisation ländlicher Grundstücke vorzubeugen unb bie Käufer von Gütern davor zu bewahren helfen, auf überzahlten Grundstücken eine von vornherein aussichtslose Wirt­schaft z« beginnen. Am Schluß wird hervorgehoben, daß die Landwirtschaft an entern Wertzuwachssteuer­gesetze, welches hohe Erträgnifle bringe, in hohem Maße interessiert sei; es müsse daher verfehlt erscheinen, den Regierungsentwurs mit Klauseln und Einschränkungen derartig zu belasten, daß die Einführung der Steuer illuforisch wird."

Aehnlich wie mit der Landwirtschaft ist es mit dem Hausbesitze. Beim gewöhnlichen Hausdesth werden ebenfalls dem Erwerbspreise bie werterhöhen­den Aufwendungen beS Besitzers zugescklagen und biefer Summe wird bann, bie ja stets 1 Akk. pro Ar übersteigt, ein steuerfreier jährlicher Wertzuwachs von 1 Proz. zugerechnet. Es dürste in den meiften Städten wenige Häuser geben, bie burch ben allgemeinen wirt­schaftlichen Aufschwung in zehn Jahren regelmäßig um 10 Proz. im Werte steigen. Solange bet Wertzuwachs in biefer Grenze bleibt, zahlen auch biefe Häuser beim Berkaus keine Zuwachssteuer. Wo die Wertsteigerung der städtischen Häuser unb des landwirtschaftlichen Bodens über die Grenze des steuerfreien Zuwachses von 21/« bezw. 2 und 1 Prozent hinauSgeht, ist diese Wertsteigeruug wohl in allen Fällen unverdient, d. h. durch den politischen und wirtschaftlichen Aufschwung der nationalen Gesamtheit hervorgerufen. Das trifft besonders die Häuser in den Geschäftsstraßen der größeren und Großstädte, das trifft bie unbebauten Gelände im Stadterweiterungsgebiet unb jene Böden, die noch scheinbar landwirtschaftlich sind, bie aber burch das Hinauswachsen der Stadt zu ihnen bereits Bau­stellenpreise erhalten haben. Gerade diese Wertsteige­rungen zu besteuern, ist der Wille des Reichstages ge­wesen, und der Gesetzentwurf entspricht auch dieser Absicht; er ist so gestaltet, daß er wirklich nur den un­verdienten Wertzuwachs besteuert/'

Deutsches Neich,

)( Da? finanzielle Ergebnis der ReichSfiitanzrrform. Die,Kreuzztg/ stellt durch eine Vergieichung der Bedarfsberechnung, die in der Denkschrift zum Ent­wurf eines Gesetzes betr. Aenderungen im Finanz­wesen vom 3. November 1908 gegeben war, mit den Summen, die auf Grund der diesjährigen Er­fahrungen in den Mat des Jahres 1911 eingestellt sind, fest, inwieweit der von den Verbündeten Re­gierungen ausgestellte Finaniplan hinsichtlich der Beschaffung von Einnahmen bisher tatsächlich burd?» geführt worden ist. Ihre Untersuchung kommt zu folgendem Ergebnis:

„Es haben den erhofften Betrag bereits jetzt über' schritten: die Tabaksteuer, namentlich infolge der Mehr', eingänge aus der Zigarettensteuer, aber auch, weil der Wertzollzuschlag gute Erträgnisse bringt, fodunn die Schaumwemsieeer, der Kaffee- und Teezoll und die Grundstücks-Umsatzsteuer. Dem erhofften Ertrag ist die Biersteuer nahe gekommen. Hinter diesem bliebt n noch zurück: die Branntweinsteuer, die Abgaben auf Leuchtmittel und Zündwaren, sowie die Steuipelein- nahmen aus Effekten, Zinsbogen, Wechseln und Schecks. Den Beharrungszustanb erreichen die einzelnen Steuern in verschiedenem Tempo, rote bas von vornderem nach obigem auch regierungsseitig zugrunde gelegt war Nack den bei früheren Steuerreformen gemachten Er- tahrungen ist man zu bet Annahme berechtigt, baß den Beharrungszustanb im Fahre 1911 erreicht haben werden: Schaumweinsteuer, Kaffee- und Teezoll, Wechsel- und Scheckstempel und Grundstücksumfatz- fteuer, daß ihn im Jahre 1912 oder 1913 erreichen werden: Branntwein-, Bier-, Tabak-, Leuchtmittel- unb Zünbwarensteuer. Dagegen ber Stempel auf Zinsbogen aus Gründen, bie tm Gesetze selbst liegen, erst erheblich später. Insgesamt sinb von den neu bewilligten Steuern, deren Ertrag auf 417 Mill. Mark veranschlagt wurde, als schon im Jahre 1911 realisierbar anzu­sehen 328 Mill. Mark ober 79 v. H., ein Ergebnis, das im Hinblick aus bie Erfahrungen mit früheren ©teuer« gesetzen als burchaus günstig bezeichnet werben bars."

* Es fängt an zu dämmern. In Sachen des Ent­eignungsgesetzes schreibt der „Hannov Courier", daß in den baltischen Provinzen die Verabschiedung des Enteignungsgesetzes vor drei Jahren wie die Kunde von einem schweren Unglück vernommen worden sei. Als seine Gewährsmänner nennt der Verfasser Mitglie­der des deutschlutherischen baltischen Adels. Ferner sagt dasselbe Blatt, in der nationalliberalen Frccktion seien anfänglich auch sehr skeptische Stim­men laut geworden. Wenn sogar schon Balten und Nationalliberale den Kopf zu der Enteignungspolitik schütteln, dann sst dieser Apsel sicher als wurmstichig zu bewachten.

* Eine Revision des Spionagegesetzes bereitet, wie die „Schles. Volksztg " bestätigt, das Reichsjustiz­amt schon seit längerer Zeit vor. Die Revision werde nicht erst infolge des letzten Spionageprozesses gegen die beiden englischen Offiziere in Angriff genommen. Die Revifion stehe vielmehr mit diesem Prozesse in keinem Zusammenhang. Es handele sich auch nicht etwa, wie man vermutete, darum, eine Verschärfung des Gesetzes herbeizuführen und die Strafen für Spio­

nage zu erhöhen, sondern im wesentlichen darum, in diesem Gesetz vorhandene Unstimmigkeiten auszuglel- chm.

Aus dem Nachbargebiete.

--- Frieseuhaujen, 10. Jan. 1911. Am Drei- königstage fand dahier für Erwachsene und Kinder durch die hiesige Volksschule unter Leitung des hiesigen Lehrers Schick eine Theaterauf- siihrung statt, die gut besucht war. Nach einem zweistimmigen Lied und einer kleinen Szene, in ber ein sechsjähriger Knabe in ländlicher Tracht drollig den Weihnachtsmann darstellte, kam zur Auf­führung: .Der Weihnachtsbaum". Dieses Spiel wurde dargestellt von drei Mädchen, gekleidet in moderner, städtischer Tracht, und von zwei Knaben. Zum Schluß war noch eine kleine Weihnachtsver­losung. In der Hoffnung, daß uns noch mehr­mals diese Freude bereitet wird, sagen alle ihrem Lehrer herzlichen Dank.

* Offenbach a. M., 9. Jan. 1911. Der Wagenpark unserer städtischen Straßenbahn ist um sechs nach dem Muster der Frankfurter Anhänger konstruierte Wagen vermehrt worden, die nach ihrer Aufmonlierung alsbald in den Dienst gestellt werden.

* Miltenberg, 8. Jan. 1911. Der hier verstorbene und auch in Frankfurt a. M durch seine Beteiligung an großen finanziellen Unternehmungen bckannte Kommerzienrat C. Winterhrlt vermachte der Stadt eine Million Mark zu wohltätigen Zwecken. ~

* Höchst a. M., 10. Jan. 1911. Seit dem 2. Ja. nuar wird der U n t er o f ft z i e r Moll vom hiesigen Bezirkskommando vermißt. Mit ihm sind auch 2500 Mark aus der ihm anvertrauten Menagekasse ver­schwunden Es wird angenommen, daß Moll, von dem jede Spur fehlt, mit dem Gelde ins Ausland ge­flüchtet ist. Das Kommando hatte die Menageküche erst am 1. Dezember v. I. eingerichtet. Vis dahin mußte sich das Personal selbst verkösttgen.

* Eschwege, 9. Jan. 1911. Gegenwärtig wird vom hiesigen Zollamt die amtliche Verwiegung und Versteuerung des im vorigen Sommer geernteten T a- baks vorgenommen. Die Käufer, größtenteils hiefige Zigarrenfabrikanten, zahlen für ben Zentner Rund­blatt 30-32 Mk„ für Spitzblatt 32-34 Mark und für Sandblatt 24 M. Das sind Preise, wie sie seit vielen Jahren nicht vorgekommen sind. Während der rundblätterige Tabak, der vorwiegend in Oberhone ge­baut wird, sich nur zu Pfeifentabak eignet, wird der spitzblätterige zu Zigarren verwendet. Durch die ge­ringen Preise der letzten Jahre war der T ab a k s- bau im Werratal, der für die kleinen Leute im­mer eine gute Einnahme bildete, sehr zurückgegangen. Es ist anzunehmen, daß durch die besseren Preise die. ser wichtige Zweig der Landwirtschaft sich wieder he­ben wird. __,

* Volkmarsen, 8. Jan. 1911. Mit Beginn des neuen Jahres bat sich in unserer Stadt ein Tierarzt niedergelassen. Da die nächsten Kreis- tierärzie in Wolfhagen und Ar Isen wohnen, so dürfte ihm eine gute Praxis hierfelbfi sicher fein!

* Göttingen, 10. Jan. 1911. Die Ermitte­lungen gegen die Göttinger Platin-Diebe, die bekanntlich am 23. November v. I. im hiesigen chemischen Laboratorium Plalin-Gegenstände un Werte von 16,000 .M» erbeuteten, Haven inzwischen das Ergebnis gehabt, daß als Täter vermutlich ein gewisser Ricardo Zanon aus Turin, etwa 28 Jahre alt, und fein 24 Jahre alter Lands­mann Viktoria Skarano m Frage kommen. Der Helfershelfer der beiden ist tvahrscheinlich ein Mann, 6er sich Tw. Bergman a nannte und durch den Fernsprecher feststem«, daß der Letter des Labo­ratoriums Geheimrat Wallach nicht anwesend war. Die Ermittelungen werden auch von der Berliner Polizei-Behörde eifrig unterstützt.

* Kastel-Mainz, 9. Jan. 1911. Der 13 Jahre alte Sohn des Monteurs Faut brach gestern abend beim Schlittschuhlaufen auf dem Festungseraben des Glacis im Schlamme ein und verf ank. De Mutter des Verunglückten

wurde, als man ihr die Unglücksbotschaft brachte, ohnmächtig und hat bis heute mittag das Be- wußtfein nicht wieder et langt

• Diez, 9. Jan. 1911. Am Donnerstag abend kürzte tm nahen Dörnberg beim Rooein bie 19 Jahre alte Tochter des Bürgermeisters Heiders­dorf derart schwer, daß sie in die Klinik gebracht werden mußte. Dort ist das Mädchen heute morgen gestorben.

vermischtes.

* Der reichste Mann der Rheinprovinz und auch wohl auch Südwestdeutschlands, der Rittergutsbesitzer und Kommerzienrat Karl P u r t c e l l i, ist auf Rheinböllerhütte bei Bin gen gestorben. Der be» reits 87 Jahre alte Gewordene hat sich hier ein Denk­mal gesetzt durch Errichtung eines Blindenheims, so­wie durch seine große Wohltätigkeit. Er war Ehren­bürger der Stadt Bingen. Seine Tochter ist die Gat­tin de? preußischen Landwirtschastsministers.

* Em Märtyrer seiner Pflicht wurde in Ried au in Oberösterreich der Gemeindearzt Dr Franz. Der Arzt hatte nämlich pflichtgemäß einen Typhusfall zur Anzeige gebracht. Infolgedessen konnte eine militä­rische Einquartierung, die beabsichtigt war, nicht statt­finden. Der Arzt wurde nun von den Bauern boy. kottiett, konnte nirgends Lebensmittel kaufen und wurde, wenn er auf die Straße kam, mit Steinen be­worfen. Dieser Tage ist er nun an Herzschlag ge­storben.

* Ein Riesenprozeß gegen die Camorra beginnt dieser Tage in Viterbo. Es soll dadurch eine alte Frevettat der Camorra geführt werden Ob dieser Zweck erreicht werden wird, erscheint zum mindesten zweifelhaft, wenn man die idyllischen Verhältnisse des Landes kennt, in dem die Zitrone blühen. Denn di« Camorra, die Mafia, die scharze Hand oder wie sich diese räuberischen Geheimbünde nennen, sind mäch­tig. Ihre Angehörigen finden sich in ben Kreisen der höchsten Beamten, und der Bund hält seine schirmende Hand über seine Schützlinge. Die Mordtat, um die es sich handelt, liegt viereinhalb Jahre zurück. Am 5. Juli 1906 wurde ein junger Mann, Giuseppe Cuo- colo, in dem fietnen Vesuvstädtchen Torre bei Greco ermorbet. Am selben Tage fand man feine junge Frau ebenfalls als Leiche. Beide waren als Mit­glieder der Camorra in den Verdacht der Spionage gekommen, und auf Verrat steht bei der Camorra die Todesstrafe. Der Karabinieri-Marfchall Capezzut» unternahm das Wagnis, der Verbrechergesellschaft zu Leibe zu gehen und Neapel von diesen Vampyren zu befreien. Um der Organisation ihr Geheimnis zu entlocken, verlobte er sich mit ber Schwester bes Mör­ders, und erreichte dadurch, daß sein „Schwager" ihm das Verbrechen mit allen Einzelheiten schilderte. AIS genug Material zur Ueberführung der ganzen Bande gesammelt war, brach die Polizei in die Schenke ein, in der die Bande gerade beim Saufgelage saß, und fesselte die ganze Gesellschaft. Nur der Anführer. Enrico Alfano, entkam auf ein Schiff, wurde aber bei der Ankunft in Newhork verhaftet und nach Neapel zurückgeschafst. Für ben tapferen Capezzuto gab eS nun keine andere Möglichkeit, als sich in ein Klostet zurückznziehen; sonst wäre sein Leben verwickt. Der Prozeß hält bie Behörben in fieberhafter Tätigkeit. Sie haben energische Maßregeln gettoffen, um bl« Mitglieber ber Camorra zu verhinbern, die Geschwo­renen und bie 800 .Zeugen zu beeinflussen An bi« Zeugen sinb bereits zahlreiche Drohungen gelangt. Auch sinb verschiebene Bestechungsversuche gemacht toorben. Die Dauer bes Prozesses wirb auf 6 Mo­nate veranschlagt. Während der ganzen Zeit wer­den Karabinieri die Verwandten und Freunde ber Angeklagten überwachen und oerhindem, daß sie in Berührung mit den Geschworenen kommen. Alle Ver­dächtigen, die in Viterbo eintteffen, werden von der Polizei scharf bewacht. Ein römisches Blatt behaup­tet daß die Verteidiger der angeklagten Mitglieder der 'Camorra beabfichtigen, politische Zwischenfälle heranfzubeschwören. Bereits bet Beginn der Unter­suchung gegen die Angeklagten hatten sich mehrere her­vorragende politische Persönlichkeiten zugunsten der Angeklagten verwendet. Es gelang ihnen aber nicht, die Angelegenheit zu ersticken. Einer der Camorristen soll geäußett haben, er werde, wie Samson, den Tem­pel zum Einsturz bringen, um wenigstens die Genug-

Ein gefährliches Geheimnis.

71] Roman in zwei Bänden von Charles Reade

Sie war klug genug, um einzusehen, daß diesem Rat etwas Wichtiges zugrunde liegen müsse, und folgte demselben. Der Advokat nahm sie gleich mit; ie brauchte jedoch lange Zeit, die Tränenspuren von ihrem Gesicht zu verwischen und den Hut auszusu­chen, der sie am besten kleidete, daß sie ihn um zwan- jig Minuten verspätete und in die übelste Laune brachte. Es ist dies eine Gewohnheit der Frauen, die Ulch den sonftrnüttgsten Mann verdrießlich macht

Als das Trio im Büro des Advokaten zusammen- fam, war der Gatte ungewöhnlich blaß, die Gattin traurig und düster.

»Es ist heute das letzte Mal, daß ich Dich be­lästige, liebe Lucie", sagte Monkton.

„Ganz wie Du willst, Leonhard."

„Heute sollst Du mir helfen, mein Glück zu ma­chen."

Willst Du mir sagen, wie ich das anzufangen habe?" gab sie ungläubig zur Antwort.

„Du mußt mich nach Derbyshire Begleiten oder, wenn Dir das lieber ist, in Derby mit mir zusam- snentreffen. ... O, Du brauchst nicht zu erschrecken! Ich verlange durchaus nicht, daß wir als Ehepaar reisen."

„Darauf kommt wenig an", gab Lucie ttotzig zur Antwort.

„Ei, Du bist ja sehr freundlich . . aber auch ich werde rücksichtsvoll sein."

„Ich bin >avon überzeugt", antwortete Lucie, und indem sie die herrlichen Augen voll zu ihm aufschlug, fügte sie hinzu: „Welcher Art ist das Verbrechen?"

„Das Verbrechen!" wiederholte Monkton unb blickte im Zimmer umher, als ob er es hier zu finden suchte. „Welches Verbrechen denn?"

„Das Verbrechen, bei dem ich Dir helfen soll! 8ch weiß ja, dab alle Deine Pläne auf deraleichen hinauslaufen.

„Du schmeichelst mir! Uebrigens handelt es sich diesmal nicht um ein Verbrechen, sondern nur um ein Geständnis."

„So, was soll ich denn gestehen?"

„Daß Du an einem gewissen Datum mit einem jungen Manne Namens Walter Clifford getraut bist."

„Ich werde aussagen, daß ich am 11. Juni 1861 einem Manne Namens Walter Clifford angetrant bin", gab Lucie ttotzig zur Antwort.

„Bravo! Und wirst dabei bleiben, denn der wirk­liche Walter Clifford behauptet, daß es erlogen ist?"

„Nein, das kann ich nicht!" antwortete Lucie nach einigem Besinnen.

„Gut, gut, wir haben Zeit, uns darüber zu ver­ständigen. Wann bist Du zur Abreise bereit?"

„Gib mir drei Tage Zeit."

Die sollst Du haben"

„Du wirst mich nicht länger dort festhalten, nach­dem ich die abscheuliche Aufgabe vollbracht?"

„Nein, gewiß nicht. Ich werde Dich mit fliegen- ben Fahnen heimschicken und Dir ®einen Anteil der Bente zukommen lassen."

„Danke! lieber wieder in Dienst gehen, lieber mich halb zu Tode arbeiten."

„Wenn Du das Geld so tief verachtest, kannst Du mir vielleicht fünfzig Pfund überlassen?"

„Ich habe nichts bei mir, aber ich will Mr. Middle­ton bitten, mir das Geld vorzuschießen."

Sie öffnete die Tür und fragte einen der Schrei­ber, ob sie den Herrn Prinzipal einen Augenblick spre­chen könne. Er erschien sogleich, unb Lucie sagte, aus Montton deutend:

„Er braucht fünfzig Wund; würden Sie mir das Geld für ihn leihen?"

„Ich werde mich glücklich schätzen", gab der Advo­kat verbindlich zur Antwort, „Mr. Monkton auf seine eigene Unterschrift fünfzig ober hunbert Pfund zu leihen"

Die Beiden ftarrien ihn verwundert an. Ein Wech­selformular wurde herbeigeschafst, auf sechs Monate Frist für zweirmdfünfzig Pfund zehn Schilling auSge- stellt und unterschrieben, _ und der Advokat übergab

Montton feinen Check für fünfzig Pfund. Daraus trennten sich die beiden Gatten für einige Zeit, und Monkton telegraphierte an seine Wirtin auf dem Päch­terhose, daß er seine Schwester, welche Landluft zu ge­nießen wünsche, mitbringen würde. Sie bedürfe jeder nur irgend zu beschaffenden Bequemlichkeit, würde aber freigebig dafür zahlen.

Bei den meisten Grubenunfällen pflegen die Fahr­schächte nicht verschüttet zu werden In diesem Falle können die Arbeiten zur Rettung der Verunglückten mit viel größerer Aussicht auf Erfolg in Angriff ge­nommen werden, weil einesteils einer größeren Zahl von Arbeitern die freie Bewegung ihrer Arme und Spitzhacken gegeben ist und andernteils der wegge­räumte Schutt nicht erst zu Tage geschafft werden muß. Bei dem enffetzlichen Unfall in Barileys Koh­lengrube dagegen sahen sich beide Abteilungen der mit dem Rettungswerk Beschäftigten in einen engen Raum gebannt unb mußten alles, was sie an Schutt und Trümmern hinwegräumten, aus der Grube hinaus- rransporiieren.

Bariley, der nur noch zu leben schien, um die Menschen zu retten, die er ins Verderben gebracht hatte, liefe mellenlange Taue herbeischaffen und eine Anzahl kleiner Förderkarren zusammenbinden, sodaß ununterbrochen aus beiden Fahrschachten Trümmer und Schutt herausgeschafst wurden, was eine große Zeit-Ersparnis war. Das andere Hernnmis aber blieb, und so kam und ging das Tageslicht, die Sterne er­schienen und verschwanden für Walter und seine treuen Mitarbeiter mit unglaublicher Schnelligkeit, ehe sie nur dreißig Fuß tief gekommen waren. Die Arbeiter am alten Fahrschacht, die nicht so festes Material zu bewältigen hatten, gewannen während dieser Zett einen Vorsprung von etwa sieben Fuß, und sobald Walter davon unterrichtet wurde, begab er sich zu ihnen, sie durch Wort und Beispiel anzufeuern. Und kaum war er zwei Stunden lang bei ihnen, als einer der Arbeiter ausrief: „Drauf los, Leute! sie kommen uns von unten entgegen!" Im nächsten Augenblick.war jede

Tätigkeit wie erstarrt, und alle hörten den fernen Ton arbeitender Werkzeuge.

Ein Freudenschrei brach aus den Kehlen der Nach­grabenden, und ein Mann, der die Füße in eine Tonne stellte, wurde an einem Seil in die Höhe ge­zogen, um die gute Nachricht weiter zu befördem. Dann aber, nach kaum minutenlanger Pause, wurde das Weck mit verdoppeltem Eifer fortgesetzt, und schon nach wenigen Stunden zeigte sich die Notwendigkeit, den Fahrstuhl herabzulassen und mit größter Behut­samkeit weiter vorzudringen, um nicht einen neuen Zusammensturz zu veranlassen. Vorsichtig wurde di« letzte dünne Scheidewand weggeräumt, der Weg war frei; mit Grubenlichtern versehen, sttegen die Retten­den hinunter und hatten einen Anblick, den sie nie wieder vergessen sollten

Die wenigen Männer, welche mit ihren Spitzhacken noch aufrecht standen, waren besonders kräftige Gestal­ten, und auch fle waren im Begriff, dem Hunger und der Anstrengung zu erliegen. In fünf verschie­denen Abteilungen lagen die anbem in der Mine ver­streut, einige ohnmächtig vor Hunger, andere bereits tot. Keiner der armen Burschen war imstande, ver- nünftig Antwort zu geben, als Walter sie beschwor, ihm zu sagm, wo sich Hope mit seiner -^achter befand^ So wurden denn die armen, bleichen Wesen, nur noch die Schatten ihres früheren Selbst, mit dem Fahrstuhl so schnell als möglich nach oben geschafft und von Bariley in Empfang genommen, der an der Gruben­einfahrt für Zelte und Erfrischungen reichlich ge. sorgt hatte.

Unterdessen eilte Walter mit einer Anzahl von Ar­beitern, deren Herzen mit ihm fühlten, durch die ver­schiedenen Stollen des Kohlenwerkes, leuchteten mit ihren Grubenlichtem nach allen Seiten, lauerten nie­der und durchsuchten alle Winkel nach Hope und fei­ner Tochter. Vergebens! Diese beiden sowohl wie neun Gmbenleute, unter ihnen Ben Bumley, mären nicht zu finden. In Verzweiflung kam Walter wie­der zu Tage; er rang die Hände und rief einmal über das andere: „Sie find verloren! sind verloren!"

(Fortsetzung JoIgtJ