Xe 5.
§«mr Vg den 7. Januar 191b
38 l«nrcoH<i.
* fuldaer W Zeitung «
2. Blatt
Druck unb Verlag -er Zuldaer Arttev-rvSerel
iw tniho
wocherr-ttundjchau
[:j Fulda, 5. Januar 1911.
Die erste Woche des neuen Jahres hat noch kein nennenswertes ImierpoiltlschesEreigms gebracht. Deshalb widmen die Blätter ihre Spalten zum großen Teil den Betrachtungen über das verflossene Jahr zugleich mit einem Ausblick auf das neue Jahr. Die liberalen Blätter bezeichnen das Jahr 1910 mit Vorliebe ckls das „r »t e I a h r", da es der Sozialde- niokratie einen Zuwachs an Mandaten gebracht hat. Die Schlußfolgerungen, die von den Liberalen hieraus aber gezogen werden, gehen um den Kern der Sache herum. Diese Partei hat bei der Beratung der Reichsfinauzreform schmählich versagt, da nicht alles nach ihrem Willen ging, und um nun nicht eingestehen zu müssen, daß fie hrermtt einen groben Fehler gemacht habe, schimpfen sie andauernd auf die Reform, trotzdem gerade aus den durch die neuen Steuern betroffenen Kreis« die Stimmen sich stetig mehren, welche für das Werk der Reichsfinanzreform im groß« und ganzen nur Wort« der Anettennung haben. Daß mit der Verhetzung der Volkes und mit der Ensstel- lung der wahren Tatsachen nur einzig und allein die Geschäfte der Sozialdemokratie besorgt und die Wähler ins rote Lager getrieben werden, wollen die Libe- ralen nicht einsehm
Das Zentrum kann die liberalen Prophezeiungen für die Wahlen in diesem „Jahr der Rache" ruhig über sich ergehen lassen; es hat ein gutes Gewissen, da es weiß, daß es in der Reichsfinanzreform, wie ja auch die Negierung selbst anettennt, eine nationale Tat vollbracht hat, und daß deshalb die Zentrumswähler «ch bei den nächsten Wahlen treu zur Zentrumsfahne halten werden. Daß die Konservativen es sich dreimal überlegen werden, ehe sic den Liberalen, auch dm allzu sehr nach links hinübev- pugelndm Nattonalliberalen bei dm Wahlen ihre Stimme geben werdm, geht immer deutticher aus dm Aeußerungm ihrer Presse und aus Zuschriftm ihrer Parteiangehörigm hervor. Der „Tag von Philippi" wird nicht für dm vielgeschmähten „schwarz-blaum Block" ein Tag btr Rache sein, wohl aber für dm Liberalismus, den Schleppenträger der Sozialdemo- kratie, ein Tag des Gerichts.
Während di« „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" in ihrer Jahresrundschau aufgrund der Zusammenkunft zwischm dem deutschen Kaiser und dem Zaren eine Bestätigung und Bekräftigung des alten vertrauensvollen VechAtniffeS zwischen Dmtschland und Rußland feststell« zu können glaubt, muß die Mtteilung der „Nowoje Wremja" über die demnächst zu erwar- tmde Antwort der russischm Regieung auf die deutsche Rote von 1907 über zentralasiatische Fragen Verwun- denmg erregen. In der Antwort soll ein Passus mi- halten sein, beide Mächte hätten sich gegmseittg zu. gesichert, an keiner gegen die widere gerichtet« Kombination in Asim teilzwrehmm. Die Antwott ist eine fast wörtliche Wiederholung der vom Reichskanzler im Reichstag, aber ohne die Beschränkung auf Wen abgegebene ähnliche Erklärung über die Ergebnisse der Potsdamer Monarchenbegegnung. Dieser eingefügte Passus scheint darauf hinzudruten, daß England mit Rücksicht auf gewisse empfindliche Dritte, die eine von ihnen ausgehende deutschfeindliche Politik durch Rußland unterstützt zu sehm wüuschm, die Erklärung des deutschm Reichskanzlers korrigierm und ihre Tragweite abschwächm will, während doch die Sorte in der ganze» Welt, vor allem auch in Rußland bei allen Freund« des Friedms dm besten Eindruck gemacht hatten.
In England und Frankreich sst man gleichermaßen tief verärgert über die Ausführungen eines liberalen englischm Blattes, das die Triple-Entente ein Märchne genannt hin. Die der französischen Regierung nahestehmde Presse erklärt, daß die Franzos« niemanbetn nachzulaufen brauchten, und daß dir englische Regierung gut daran täte, rund heraus zu fügen, vb sie die zwischen Frankreich und England bestehende Freundschaft einer weiteren Austzrftaltung für fähig halte oder nicht. Vorzuzichen sei ein solcher Fall voller Klarheit. Keinesfalls sei die Nervosität der eng= li sch en Liberalen gerechtfertigt, und die liberalm Minister Englands sollten sich von Balfour und Lord Lansdowne Rats erholen.
Unterdrssm ist m Frankreich große Bewegung im Gange, um dem wegen Anreizung zur Ermordung eines Arbeitswilligen zum Tode verurteilten, dann
aber vom Präsidenten FalliereS zu 7 Jahren Gefängnis begnadigt« ShndikatSsekretärs Durand die volle Freisprechung zu erzielen. Zu diesem Zwecke hat der allgemeine Ärbeiterverband, um eine Revision des Prozesses zu erzwingen, den zweitägigen Generalstteik beschlossen, doch Oerurteilt fast die gesamte nichtsoziali- sttsche Presse das Vorgehen des Arbeiterverbandes.
KaiserFranzJosephvonOe st erreich war unmittelbar vor Neujahr von einer leichten Unpäßlichkeit befallen. Zu einem Schnupfen gesellte sich ein Kehlkopf- und Rachenkatarrh, der dem Patienten seines hohen Alters wegen Schonung gebot. Irgend ein Grund zu ernster Besorgnis liegt aber nicht vor
Nachdem der spanische Ministerpräsident Ca- nalejas durch die erfolgte Annahme des Riegelgefetzes gegen die katholischen Orden den ersten Teil seines Kampsprogramms gegen die katholische Kirche e» ledigt hat, wollte er sich noch einmal, bevor er an neue Maßregeln zur Knebelung der Kirche ging, sich des VerttauenS der Krone vergewissern. Zu diesem Be- hufe und vor allem, um einzelne Mitglieder des Ministeriums, benen die Gewaltpolitik des Ministerpräsidenten zuwider war, zu entfernen, bot er dem Könige die Gesamtdemiffion deS Kabinetts an. Der König nahm die Demission nicht an und versicherte Canalejas aufs neue seines Vertrauens. Der Minssterpräsident berief nun neu ins Ministerium als Minister des Jn- nem Demetrio Alonso Castrillo, zum Bautenminister Slafael Lasset und Amos Salvador zum Unterrichtsminister. ES bleibt abzuwatten, welch neue kirchen- feindlichen Pläne dieses neue Ministerium nunmehr auSbrüten wird.
Dir republikanische Regierung in Portugal ist keineswegs auf Rosen gebettet Es gärt und brodelt im gangen Reiche, und wenn auch die Offiziösen ein Dementi nach dem anbem in die Welt schicken, so läßt sich doch nicht mehr leugnen, daß im Heer und in der Marine eine große Disziplinlosigkeit eingerissen ist, und daß das Volk sich gegen die jetzigen Machthaber auflehnt, weil diese bei der Begründung der Republik dem Volke vieles versprochen, bis jetzt ober nichts für das Volk getan haben. Nur im Kampf ge- gen die kathol. Kirche, gegen wehrlose Priester und Ordensleute zeigten sich die Führer der Republik mutig. Daß die Regierung sich des Vertrauens des Volkes nicht für sicher hält, dafür ist auch ein Beweis, daß die Parlamentswahlen auf weitere 4 Monate hinausgeschoben worden sind. Um aber ihre eigene Schwäche und Unfähigkeit zu bemänteln, schieben die Männer der Regierung die ganze Schuld an den drohend« inner« Unruhen auf die Jesuiten, die doch bekannllich samt und sonders aus dem Lande verttiebm sind, und daher im Lande keine Unruh« anzetteln könn«.
Auch in Kreta gärt es noch immer weiter und vie dortige Nationalversammlung scheint alles daran setzen zu wollen, um die Sache zu einem offenen Konflikt zu treiben Bei der Beratung über die Einführung des griechisch« Rekrutierungsgesetzes auch für Kreta brachten die mohammedanischen Mitglieder der krett- schm Nationalversammlung ein« Protest hiergegen ein. In seinem erst« Artikel bestimmt nämlich das Gesetz, daß jeder Grieche verpflichtet ist, dem Vaterlande persönlich Militärdienst in der Miliz zu leisten. Demgegenüber macht« die mohammedanisch« Abgeordneten geltend, daß sie keine Griechen sei« und daß daher eine Ausdehnung dieser Verpflichtung auch auf die kretischen Mohammedaner ihren national« Gefühl« widerspräche. Die Kreter selbst betracht« diesen Schritt als eine rein innere Angelegenheit und er- klätten, daß sie das Rekrutierrmgsgcsetz unbedingt ver- wicklichen werden Wie sich die Kreta-Schutzmächte, der« Aufmerksamkeit von der Pfotte auf dies« Beschluß der Nationalversammlung gelenkt worden ist, gegmüber diesem Beschluß verhalt« werdm, sst noch unklar.
Deutsches Keich.
•+ Di« Wirkungen der neuen Bierftener. Noch immer wird die liberale Steuerhetze fortgrietzt, aus Der für uns die Notwcndigkett neuer Verteidigung erwächst. Rücksichtlich der neu« Biausteuer aber glauben wir eine fernere Verteidigung, angesichts der rückhaltlosen Anerkennung, welche dies« Steuer in der Handelszeitung des ,B. T.' (sJir. 3 v. 2.1), also von gewiß sachverständiger Seite, erfährt, nicht mehr nötig zu haben. Zunächst wird festgestellt.
daß der finanzielle Ertrag der Steuer den Erwartungen entsprochen hat. lieber die Rückwirkung auf das Braugewerbe wird folgendes gesagt:
„Wenn man nun die Resultate des ersten Brau- -ienerjahreS übersieht, so wird man zu dem Ergebnis kommen, daß die von der Brauinduttrie an die neue Steuer geknüpften Befürchtungen sich im allgemeinen nicht erfüllt haben. Man kann sogar sagen, daß die Steuer manchen Brauereien und manchen Brauerei- vetbdnben eine Saniei ung gebracht hat. Es gelang Den Brauereien nämlich melsach mtt der neuen Bicm- fiener zugleich auch einen. Teil der ersten Braufteuei vom Jahre 1906 abwroäUen, Die bi- her mangels ans- retchenD lragchpige, Brauereikonventionen zum Teil von oen Brauereien selbst getragen werden mußte. Auch Der Komumrückgang, den man gewissermaßen als notwendige Folgeerscheinung der Braufiener gefürchtet hatte, iä nicht so stark gewesen, als man ursprünglich an na hm. Insgesamt bleiben wohl Der Bierabsatz unk Die Biererzeugung hinter der vorjährigen zurück; digrößeren und leistungsfähigen Brauereien waren abei meist imvande, durch Bereitstellung erheblicher Pro- pggandamittel ihren Ablatz zum mbibeRen auf de bisherigen Höhe ,u hallen, wenn nicht gar zu verstärken. Dagegen werden die kleiner« Brauereien, namentlich dte Privatbrauereien, verschiedendlich Ad latzauefälle gehabt haben"
+ Mittelschule und Einjahrig-Freiwillige. v kanntlich tritt am 1. April 1911 der neue Re' rm« plan für die Mittelschulen in Kraft. Es > ar erwogen worden, ob es möglich wäre, den Schüler Die eine Mittelschule absolviert haben, die Berecl ligung zum einjährig-srctwilligen Militärdienst y verleihen oder sie wenigstens in die Lage zu versetze! Dato nach Abgang von der Schule vor der Kom Mission dieses Examen ablegen zu können. Wie De ,Reichsbote' hört, Haden diese Erwägungen zu «tuen negativen Resultat geführt.
0 Wegen der Verteilung rrvolutiouSrer Flug b älter an bayerisches Mtkttär vollützrl d e gtfatr.it ivzialdemokrattsche Presse einen Höllenlärm unk versichert ein über Das andere Mal, Daß sie mtt icfet Flugblattverleilung nichts zu tun habe. C
»ei ein Schurkenstreich Der Gegner der Sozial- Dernolralie, meinte die ,Schwäblfche Tagwacht' Dazu bemerkt Der .Reichsbote' mit bitterem Hohn: Danach müßle ja das Anpreisen der Revolutto und Republik auf den sozialistischen Parteitag« und sogar im deutschen Reichstag (Ledebour) auch ein solcher „Schurkenstreich" sein.
Ausland.
* Zur portugiesischen Raubwirtschaft gegen deutsches Eigentum wird der „Kölnisch« Volkszeitung" folgendes mitgeteilt: lieber die Annexion des Klosters der Schwestern vom Guten Hirten in Oporto enthält ein längerer Bericht des Verwalters F. G. Cortez folgmdes: Ans Bitt« der Damalig« Oberin Schwester Maria Gräfin Droste-Vischering kaufte im Jahre 1896 Herr Graf Droste-Vischering die Besitzung der Schwestern in Oporto, um fie finanziell ficherzustellm. Als Verwalterin wurde Schwester Maria gerichtlich ausgestellt und eingettagm. Rach deren Tode ging die Verwaltung am 19. Juli 1902 auf Schwester Ida Marie Biernath über. Als diese in den ersten Oktobertagen des vergangen« Jahres nach Frankreich flieh« mußte, wurde, im Einvernehmen mit dem Besitzer, Herrn Grafen Droste-Vischering, die Verwaltung auf Herrn F. G. Cortez übertrag«. Rach Verständigung mit den dortig« zuständig« Behörden nahm der nunmehrige Sachwalter seine Wohnung im Guten Hir- t«, um das Besitztum durch seine persönliche Anw«, senhett in den gefährlichen Zeiten zu schützen. Am 15. Dezember erschien nun eint Regierungskommission mit Poiizeibeamt« und forderte Her« Cortez auf, binnen 15 Mümtm das Haus zu räum«. Ein mer- gischer Protest hatte keine Wirkung. Herr Cortez ergriff eine deutsche Flagge, die ihm gerade zur Hand war, und wollte sich mit ihr schützen, doch er mußte sie dem Beamten einhändig«, da dieser betonte, fie gehöre zum Inventar des Hauses! So mußte dmn schließlich der Verwalter, der Polizeimacht weichend, das Kloster verlass« und den rechttnäßigen Besitz eines deutschen Rrichsangchörigm der republikanischen Raubregierung überlassen. So geschehen am 15. Dezember 1910 unter den Auspizien der „liberalm" Regierung Portugals.
Amt Geisa und Umgebung.
{:) Geisa, 4. Jan. 1911. Wie bereits gemeldet, ist der hiesige Vorschuß- und Sparverein z. Zt. ohne Direktor, da der Auffichtsrat den nun schon zweimal von dm Mitglied«« zum Direktor gewählt« Gchtwirt Herrn Edmund H o h m a n n hier nicht anerkannt hat. Man hatte nun in einer Sitzung des Aufsichtsrats ein« provisorischen Direktor gewählt; auch diese Wahl wurde für ungültig erklärt, da dies nur in einberufener Generalversammlung geschehen kann. Hoffenllich wird im Interesse und Aufblühen des Verein« in denselben bald wieder ein ruhigeres Leb« einziehen.
(:) Geisa, 4 Jan. 1911. Die Zigeun erst l a g e ist gegenwärtig in der hiesigen Umgegend sehr stack. Ganze Band« treiben sich schon wochenlang in dm Rhönwäldern umher, mach« die Dörfer und be- onders einzelgelegme Höfe unsicher und belästigen die Baue« durch ihre Bettelei. So wurden in dies« Sagen dem Landwirt Hahn in Andenhausen bei Zella zwei Hammel und acht Hühner gestohlen. Der n der Nähe gelegene Geisaer Wald bietet für Mannhaft und Beute ein sicheres Versteck, von wo aus 'atm die nächtlichen Streifzüge unternommen werden, huch ein hiesiger Kaufmann wurde von ihn« belä- >igt. Zwei Frau«spersonen verhandelt« in dessen Lad« mit des Kaufmanns Ehefrau, während zwei vermummte Männer im Hause desselben ihr Unwe- en treiben wollten. Sie ward« jedoch auf frischer tat ertappt und konnte so ein größerer Diebstahl vermiet werd«. ES wird allgemein erwartet, daß dem -esährlichm Treib« dieses Gesindels bald ein End« -ereitet wird.
(:) Bermbach b. Geisa, 4. Jan. 1911 Die Leh- ter ft eile in Bermbach ist durch Versetzung des Her« Lehrers 3 i er in g frei geworden. Herr Lehrer Wehner von Buttlar versteht die Stelle einst- weil« bis zur R«besetzung.
(*) Bacha, 6. Jan. 1911. Auf vielseitig« Wunsch hat die städtische Sparkasse Bacha Heimsparkaffeneinaeführt. DieH-imspar kaffe bat den Zweck, das Sparen im Hause zu fördern nnd auch dl« kleinsten Beträge, die vielleicht im Augenblick den Weg zur Sparkasse nicht verlohnen, sicher aufnehmen, vor allen Dingen aber die Heranwachsende Jugend zum Sparen zu er» uehen. Di« Heimsparkaffe wird in dem Ge- schäftslokal der städtiichen Sparkasse kostenfrei abgegeben, jedoch muß der Selbstkostenpreis von 4 Mark bei Entnahme als erste Einlage ein« gezahlt werden. Die Heimsparkaffe wird je nach Bedarf, mindestens aber alle 6 Monate, zur Entleerung in das GeschüitSlokal der städtischen Sparkasse gebracht, der Inhalt wild dann aus ein Sparbuch belegt und wie alle anbeten Einlagen verzinst. Der Sparer kann über das Sparguthaben, soweit eS den Betrag von 4 Mk. übersteigt, jederzeit verfügen.
* Dermbach, 4. Jan. 1911. Die hiesigen Holz. Hauer beging« am Montag, wie alljährlich, ihr gemeinschaftliches sog. Holzhauetfest. Mit Musik zog« sie vormittags in den Wald, wo zunächst kräftig gearbeitet wurde, um dann nachmittags, ebenfalls wieder mit Saug und Klang, nach dem benachbart« Glattbach in das Rlttwegasche Lokal zu marschieren, woselbst das eigenartige Fest feine Fortsetzung fand.
♦ Stadtlengsfeld (Rhön), 5. Jan. 1911. Herr Direktor Maneck, der seitherige Letter der hiesigen Porzellanfabrik, verläßt demnächst fein« Posten, um eine leitende Stellung in einer Fabrik in Bayem zu übemehmm.
Aus Gberheffen u. -. hesi. Remtern.
-s-Marburg, 6. Jan. 1911. Oberbürgermeister a. D. Schüler wurde anläßlich seines 75. Geburtstages zum Ehrenbürger von Marburg ernannt. — Die Freiwillige Feuerwehr begeht am 4. und 5. März ihr 50 jähriges Bestehen. Die Stadt bewilligte 3000 Mark für neue Uniform«.
+ A«S bem Kreise Marburg, 6. Jan. 1910. Die Viehzählung im hiesig« Streife hatte folgendes Ergebnis: 34)3 Pferde (gegen 3405 in 1909),
UnpEfche ZeitlSust.
(N.) Berlin, 5. Januar 1911.
iNachdruck verboten.)
An den Geldb«tel werdm zu Weihnachten unb Neujahr statte Anforderung« gestellt. Erst die Festgeschenke, bann bie Mehrausgaben für d« Feiertagsbraten und sonstigen häuslich« und geselligen Auf- wand, bann die Trinkgelder für die zahlreichen Nen- jahrsgratulautm, endlich die Reujahrsrechnung«». Der Geldvorrat ist nicht von Gummi und läßt sich also leider nicht ausreckea. Bei manch« Leut« reicht er nicht aus. Das ist die Hefe auf dem Boden des Festkelches. Die bisher so schön gehobene Stimmung finkt wie ein Nachtthermometer. Das Defizit ist ein graues Untier, das zum kotzenfämmerlichm Geschlecht gehört.
Wer trägt nun schließlich den Schaden? Die Luxusausgaben kann man nicht mehr rückgängig machen, und viele würden es auch nicht tun, wenn fie es könnt«, da ihn« der LuxuS als das allernotwm- digste gilt. Die Trinkgelder werden auch nicht ein« geschränkt, denn man muß sich doch nobel zeig«. Also bleiben die Rechnungen ganz oder tellweise unbezahlt. Der Handwerker, bet Krämer muß wart«. Wie ihm das Wart« bckommt, darnach wird seit« gefragt. Höchstens d«kt sich der säumige Schuldner: Na wegen meines klein« Pumps kann der Mann doch nicht in Verlegenheit komm«! Er macht sich aber nicht klar, daß die ander« Kund« ebmso gut im Rückstände bleiben könn« und daß dann der Ge- werbetreib«de aufgeschmiss« ist.
Gegen all dies« Aerger und Schaden gibt es nur ein Radikalmittel: die Barzahlung Zug um Zug. Damit ist alten Teil« eine große Wohltat erwiesen. Auch dem Zahlend«. Erstens spart er sich die unangenehme Ueberraschung, die eine hoch angeschwollene Rechnung oder eine Aeichzeittg andringmde Menge ton hrechnungen ihm bereit« wird. Zweckens lernt er sich nach der Decke strecken; denn wer sofort bezah.en muß, erliegt nicht der Versuchung, mehr zu bestellen, als er leiften kann
Was das beste Ruhekissen ist, weiß jeder, da es sich so hübsch reimt: ba8 gute Gewiss«. Aber was ist das schlechteste Ruhekissen? Schulden. Das reimt sich zwar nicht, aber wahr ist es doch. Und eS gilt nicht bloß für die großen Schuld«, die wie Backsteine im Kopfkissen Wicken, wie das Salz, das wir in unser« Flegeljahren gelegentlich der Schwester in das weiße Bettchm ftreutffl.
Leise zieh'» durch mein Gemüt Herb« Sorg«qual«.
Ach, wie schön war der Kredit, Ach, wie bitter ist das Zahl«!
Wenn ich noch einen nachträglich« Neujahrsgruß vom Stapel lass« soll, so wünsche ich all« Lese« ein schuldenloses neues Jahr.
Wenn das Wirklichkeit werdm soll, dann müssen wir uns ftellich allzumal ht der Rechenkunst und der Selbstbeherrschung üben.
Die Recheickunst muß die Frage lös«: Was kann ich mir leist« und was muß ich mir versag«? Jeder verständige Haushalter (und die Hausfrau erst recht) muß sich ein« Voranschlag mach«, wie e8 Reich, Staat und Gemeinde ja «ich tun. Auf so und so viel Einnahmm kann ich bernünftiger Weise rechn«; demgegenüber stehen so und so viel notwmdige Au»- gabm. Wmn noch ein Ueberschuß an Einnahmm bleibt, so muß ich davon wenigstens die Hälfte in Reserve stellen für unvorhergesehene Ausgab«, die sich erfahrungsgemäß immer einstellm. Von der anderen Hälfte kann ich Ausgaben deck«, die nicht unbedingt notwendig, aber doch gut und nützlich sind. Bleibt bann noch etwas übrig, so kann man sich allenfalls einen klein« Luxus gestatt«. Aber eS ist ratsam, diese Aufwendung« für Vergnügungm, Reisen, Ziersach« usw erst dann zu mach«, toerm da» Geld im Kost« klingt — wmn wirklich der erwartete Ueberschuß Vorhand« ist
Was hilft ab« der schönste Voranschlag, wenn er nicht eingehalteu wird? Dazu gehört eine ftramme Selbstbeherrschung. Die ist nicht immer leicht einzu
halten, da die Verführung fehr häufig und gar so verlockend an den Mann und an die Frau herantritt. Ter Mann möchte namentlich in Tabak und Bier bei reizender Gelegenheit dm Etat überschreit« und die Frau kann das „Staatsgelüste" nicht immer in so eng« Schrank« halten, wie sie jetzt die Mode für dm unteren Teil des Rockes vorschrelbt. Ehe man sich- versieht, sind erhebliche „Etatsüberschreitungm" da. Natürlich hat man sich vorgenommm, sie in den nächsten Wochen oder Monaten durch erhöhte Spar- samkett auszugleichen; aber das geht immer schwer und manchmal gar nicht. Die Regiemngm und die Gemeindmerwaltungen machen auch Etatsüberschrei tungm; doch sie können sich immer Helf« mü Nachbewilligungen oder nachträglichen Genehmigungen der Mehrausgaben, da fie die große Steuerkaffe hinter sich haben. Im privaten Haushalt läßt sich aber ein Loch schwer wieder stopfen. Darum ist es besser, jede Durchlöcherung deS FinanzplaneS zu verhüt«.
Eine besondere GHahr liegt in der modernen Re- flame. Ich meine damit all die Veranstaltungm, bie heutzutage gemacht werb«, um die Kauflust zu reizen. Dahin gehör« nicht bloß die verlockend« Ankündigung« in den Zeitungen ober dm Anschlagstafeln, sondern auch die verführerisch« Schaufmster, die Veranstaltung von Ai'ttSveckäufm, AuSnahrnetagm, Rabattagm usw. DaS Anreißm de» Publikum» ist in ein kunstvolle» System gebracht und wird immer kräftiger betrieb«, teils in grober, teils in freierer und desto gefährlicherer Weife. Rammttich leist« di« großen Basara darin das menschmmögliche. Auf manche Leute wirft ja schon der auSgebreitete Vorrat in den Warenhäusern geradezu berauschend, wie es fich z B. in der Verführung anständiger Frau« zu Lade», diebstählm auf höchst traurige Weise zeigt.
Die Reklame und der sonstige Sanfreiz gehör« zu dm Blas« der modern« Kulturbewegung. Sie üb« auch tatsächlich eine fortschrittliche Wirkung au». Dm Leuten werd« Bedürfnisse eingereixt, die sie bisher nicht hatt«; die Geiegmhett macht nicht bloß Diebe, sondern auch Säufer; der Umsatz steigt, die Produktion belebt, Handel und Wandel hebt sich. Schön — im allgemein«. Aber im einzelnen gibt e» 1
Opfer. Jeder vermeintliche oder wickliche Kulturfortschritt erfordert Opfer, fogenamtt« Kulturdünger. Einige komm« unter dm Wag«, der die an- dem vorwärts bringt. Sehe jeder, wo er bleibt! Wer llug ist, der lauft nur nach seinem Bedarf, nicht nach der angepriesenm „Gelegenheit".
Augenblicklich ist natürlich die Kauflust im Publi- kum etwas flau, da man noch an den Einkäufen zum Fest zu »erbauen hat. Um übet diese» toten Punkt Hinwegzukommen, kündige« jetzt die Rcklamegeschäfte „Rester-AnSveckauf", „Inventur-Ausverkauf" und der- gleichen an mtt da Versicherung, daß die Sachen 30 oder noch mehr Prozent unter dem richtigen Wert, zu wahren Spottpreis« verschleudert wütdm. Auf den Köd« beißt manche Hausfrau an, bie in ihrer Rechenkunst sich Selbsttäuschung« hingibt. Wenn sie ei« Ding für 3 Mk tauft, da» früh« 5 Mk. gekostet haben soll, so glaubt fie 2 Mk Berbtent zu haben. Sie müßte nun zuvor prüf«: 1. ob ba» Ding wirklich 5 Mark wert gewesen ist; 2. ob sie selbst das Ding notwendig Hai. Auf solche Gründlichkeit läßt sich ab« d« blinde Eis« nicht ein. Man folgt den Lo- düngen, zahlt fein gute» Geld, trägt die Beute stolz »ach Hause, hat dm glitzernden Plunder vermehrt unt muß nun unter d« Etatsüberschreitung selb« leide« unb auch die Angehörig« leid« lass«.
„Unb führe u»8 nicht in Versuchung". Diest Bitte kann man neuerdings auSdehnm gegenüber dm gesteigert« Verlockungen zu überflüssigem GeldauS- gabm. Zuvor gekauft, hernach bedacht, hat manch« HauShaü ms Schwante» gebracht! Seien wir nicht leichtgläubig gegenüber d« Reklame, zeigen Wir Selbstbeherrschung gegmflb« den zahllos« Verlockungen zu „gelegentlichen" GeldauSgaben und halten wir zähe an dem wohlüberlegt« Voranschlag für unsae Fiuauzgebahrung fest. Tann werden wir am nächst« Silvesta vagnügt sei» ohne Defizttkuunner und ohne RechmmgSangst.
Es geht trotz alter „schlechten Zeiten", wmn nm bie Leute sich nach d« Decke zu stteck« wissen uni Nicht sich selbst ihr« eigen« „Notstand" besorg«.