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JVo 5.

Samstag den 7. Ianuar 19U.

58 Zahroang.

' Waer W Zeitung«

3. Blatt.

Druck «nb Verlag bet Zuwaer Artienbruckerei ti tulba

(*) Bettelbrre.e.

„@ine§ Mannes Rede ist keine Rede, man soll u billig hören bcebe", so läßt sich eine Erwiderung auf die Zuschrift in Nr 3 vernehmen, Deren Verfasser 6on denen des Einsenders der letzten Ausführungen abweichende Ansichten vertritt. Er schreibt:

Von meinen Knabenjahren an habe ich ein war­mes Interesse für die Diaspora gehabt, ich habe es mit hinübergenommcn m das Mannesalter und es hat sich durch mehrjährigen Ausenthalt in protestan- tischen Landen zu heißer Liebe für die dort zerstreut wohnenden Glaubensbrüder und ihre K'rchen- und Schulnot entwickelt. Darum drängt es mich, den Ver- fasier des Artikels für die Bettelbriefe ettvas milder Ht stimmen.

Ich gebe von vornherein zu, daß Mchstande e$r- »ieren Mißbräuche stattfinden, gegen die man scharf vom Leder ziehen darf. Auch ich beträufle es als einen Unfug, wenn der Bersand der Bet­telbriefe an Geschäftsleute vergeben totrb und auf diese Weise durch horrende Kosten ein großer Teil der milden Gaben seinen: Zweck entzogen wird and in die Taschen von Provitwucherern fließt. Ebenio ist es nicht gix billigen, wenn den Leuten Bilder oder Bücher von einigem Wert ins Haus geschickt werden und sie so genötigt und drangsaliert werden, eine Unterstützung zu geben und wenigstens diese ost gar geschmacklosen Sachen zu behalten imd zu bezahlen. Diese Art fordert gerechten Unwillen heraus.

Ich wende mich nun zu der Frage: Sind Bettelbriefe nötig? Ich sage unbedingt Ja. Setzen wir einen Fall meiner Ersahrung. In einer Stadt wohnen 150 Katholcken unter 3000 Evonge- Mchen und Juden. Mehr als 70 Prozent der Katbo- liken leben in gemischter Ehe, und in diesen werden in mehr als 70 Prozent die Kinder alle evangelisch. Weshalb? Es ist nur ein armseliger Betsaal vorhan­den in dem manchmal am Sonntag ein Priester von auswärts die hl. Messe liest und eine kurze Kathe- chese bält Das ist die ganze Seelsorge Außerdem gibt ein kathol. Lehrer aus dem nächsten Ort am Samstag zwei Stunden Religionsunterricht. Diesen besuchen auch die Kinder zweier Familien, in denen die Väter katholisch und die Mütter jüdisch sind. Die Väter gehen nicht in den katholischen Betsaal und die Mütter find natürlich von der Synagoge ausge­schloffen. Schöne Zustande, nicht wahr? Me Folge ist, daß das katholische Bewußtsein so langsam ertötet wird, und die kathol. Denkungsart erkaltet, so daß man sich nicht zu wunder:: braucht, wenn man au die Meinung trifft, daß der sonntagspflicht genügt sei, wenn man nachmittags im Betsaal den Rosen­kranz betet. Aber davon läßt man sich in rein katho­lischen Gegenden nichts träumen! Mir wird wohl kaum jemand widersprechen, wenn ich behaupte: Dort sind ein Kirchlein und eine geordnete Seelsorge nötig. Aber woher die Mittel nehmen? Die Katholiken sind kleine resp. arme Leute, die schon für die Betsaal­miete und Kultuskosten relativ große Opfer bringen und auch noch zum Bausand ihr Scherflein beitragen, um den guten Willen zu zeigen. Der Bonifatius- verein hat überaus große Verpflichtungen, kann nicht Kirche:: bauen, sondern gibt nur Beihilfen. Run frage ich, woher um alles in der Welt soll das Geld kommen, wenn nicht gebettelt werden darf? In diesem meinem Falle hat nun der Bischof selbst den Bettelbries verfaßt und mit seiner Empfehlung ver­sehen. Er wurde auf billigstes Papier gedruckt und in billigste Cvuderts gesteckt und an gute Leute ver­sandt. Und Goll sei Dank, es gibt noch gute Men­schen: im Verlauf von zwei Jahren war mit einem Kostenaufwand von rund 200 Mark ein Baukapital von über 15 000 Mark zusammen Heute steht ein schmuckes Kirchlein da, und jeden Sonntag beten die dankbaren Katholiken in der hl. Messe für ihre Wohltäter. Solcher FäSe gibt es viele, sehr diele. Alf» meine verehrten Damen und Herren, alle :hr milden Seelen, diel hr dieses leset, reagiert auf jeden Bettelbrief, der das Bedürfnis nachweist und eine bischöfliche Empfehlung neueren Datums trägt. Gebt freudig und nach Straften, Gott wirds lohnen! Ich beziehe mich noch aus das Wort eines geistlichen Herrn, der vor einigen Jahren auf der Generalversaunnlung der deutschen Katholiken sagte: „Schüfet den geistlichen Herren aus der Diaspora, die mit Bettelbriefen an euch herantteten, sie h a- bens nötig!" Und Euch geistliche Herren, bitte sch von Herz«:, empfehlet den Bonifatirwvereür, em­

pfehlet dir eben gekennzeichneten Bettelbriefe. Es ist gar nicht zu befürchten, daß durch die Bettelbriefe dem Bonifatiusverein Abbruch geschieht. Die Beittäge dazu werden doch gezahlt und das Geld, was durch die Notschreie Jener Briefe zusammen kommt durch augenblickliche, plötzliche Erwärmung für die gute Sache, hätte der Bonifatiusverein doch nicht bekom­men. Machen wir's den frommen Settlern nicht chwer, denn:

Hart ist es in diesen Tagen

Nach dem Bettelstab zu greifen

Und das Lied von Kirchennöten Milden Seelen vorzupfeifen.

Ausland.

** Ein englisch-brasilianischer Zwischenfall bat sich, erst jetzt in Plymouth angekommenen Nachrichten zufolge, während der jüngsten Meuterei der brasi­lianischen Kriegsmarine ereignet, indem zwei im Hafen liegende britische Kriegsschiffe wiederholt von brasilianischen Geschossen getroffen wurden. Während der Beschießung der Cobra-Jnsel durch meuternde Schiffe wurden die englischen Kreuzer „Leviaihan" und „Effex", die eine Meile vom User entfernt lagen, wiederholt von Schüssen getroffen. Die bri­tischen Kriegsschiffe wurden, als der .Leviathan" brasilianische Verwundete an Bord nehmen wollte, vom Land aus durch Maschinengewehrseuer be­schoffen.

** Mit der fieberhaften portugiesischen Gesetzes- fakrikation befaßt sich in der „National Review" ein in Portugal lebender Engländer, der die richtige An­sicht ausspricht, daß die Gesetzmacher mit den meisten ihrer Fabrikate hätten warten sollen, bis die verfas­sunggebende Versammlung zusammen getreten sei.

„Ganz sicher hätte man mit der Ehescheidung warten muffen, zumal da ein unvermituher Nebergann von großer Strenge zu großer Laxheit in Ehesachen keine guten Ergebniffe bei einem einfältigen, unerzogenen Bolle haben kann, wie t e - portugiesische." Die Soli­dität der Familie fei in Frage gestellt, „das Einzige, was im Chaos des sozialen und politischen Lebens Portugals noch fest bleibt".

Der Engländer kann nicht einfehen, welche lebens­wichtigen nationalen Jntereffen den so hastigen Er­laß der Ehescheidungsverordnung geboten hätten.

„Der einzige Grund, den ich für diese außer­ordentliche fieberhaft Hast vermuten kann, ist die Tat­sache, daß verschiedene Mitglreder der Regierung der­gleichen Bestimmungen nötig hatten, um ihre eigenen verzwickten Ehesachen zu regeln. Es ist allgemein be­kannt, daß einige von ihnen so manche Frauen und Konkubinen haben, daß sie selber nicht genau wissen, wie sie vom Gesetzesstandpunkle daran sind. Zahl­reiche republikanische Führer sind in Sachen der ge­schlechtlichen Ssttlichkeit so leichtherzig wie die russischen Revolutionäre. Ich verleumde sie nicht damit. Sie sind stolz daraus".

Jedenfalls ist der Große Orient seinerseits stolz auf diese seine vorttefslichen antiklerikalen Werkzeuge, die schon den gegenseitigen Ueberdruß der Eheleute als ausreichenden Grund für die gesetzliche Scheidung hinstellen. Und am 28. März 1908 erklärte noch das heutige Haupt der revolutionären Regierung, ohne die Unauflöslichkeit der Ehe gebe es kein gesellschaft­liches und kein Faimlienleben. „Das Ehescheiduugs- dekret hat das Gewissen des portugiesischen Volkes an seiner empsindlichsten Stelle verletzt", sagt die Palavra, „und so ist es ein steter, beredter Agitator gegen die Republck '

* Rumänische Kabinettskrisis. Wie das «Neue Wiener Tageblatt" aus Bukarest meidet, hat Minister­präsident Braliano dem Könige die Demission des gesamten Kabinetts übenei l t.

* Der Emir von Buchara. Abbul-Ahcck E.an ist in der Nacht zum Donnerstag gestorben. Buchara ist ein ruffischer Vasallenstaat.

Aur dem Nachbar gebiete.

| । Hünfeld, 6. Jan. 1911. Bei der am 4. Januar dahier abgeha lenen Treibjagd kamen trotz des ungünstigen Weilers 216 Hasen und i Fti chrei he^ uir Site de.

"Schlüchtern, 5. Jan. 1911. In dem Dorfe H i n- ter st ein au stach der schon bejahrte Landwirt Koch dem Landwirt Kempel im Wirtshaus ohne Ursache

Rckiantett- nnd Anzeigenteil.

hinterrücks mit einem Messer ins Genick und verletzte ihn lebensgefährlich. Der schwer verletzte Kempel ist Vater von fünf kleinen Kindern. Er wurde ins Krankenhaus Schlüchtern gebracht. Koch wurde verhaftet.

♦ Helmars Hause« 5. Jan. 1911. Heute nacht brach in dem Gehöfte des Landwirts Schwalle Feuer aus, weiches das Wohnhaus nebst Stallung bis auf den Grund einäicherte. Auch das Nachbar- h.ius brannte völlig nieder. Ein drittes Haus wurde stark beschädigt. Hebet die Entstehungsursache des Feuers :st nichts bekannt. Dem Landwirt Schwalle brannte erst vor zwei Jahren fein Gehöft völlig nieder.

* Altenschlirf, 5. Jan. 1911. Eme der hiesigen Kirchenglocken, die erst im letzten Sommer an­stelle einer alten unbrauchbar gewordenen neu angeschafft wurde, ist plötzlich in den Turm hinab- gestürzt und anschewend unbrauchbar geworden. Wahrscheinlich liegt eine fehlerhafte Konstruktion des Gtockenstuhies vor.

* Niederzwehren, 5. Jan. 1911. Heute früh ging in d.r Schulstraße einem Milchkutscher das Pferd durch. Der Kutscher wurde vom Bock ge- Ichleudert und blieb schwer verletzt liegen. Dem Wagen wurde übel mitgespielt, sämtliche Milchkannen liefen aus.

* Mendorf (Werra), 5. Jan. 1911. Der Arbeiter Karl Füllgraf von hier verunglückte dadurch, daß ihm beim Steinebrechen ein eiserner Keil mit gro­ßer Gewalt an den K opf flog und ihm schwere Ver­letzungen im Gesicht beibrachte.

* Kassel, 6. Jan. 1911. Die Betriebseinnahmen der großen Kasseler Straßenbahn betrugen tm Dezember 1910 Mk. 105407,70, gegen das Vor­jahr mehr Alk. 7297,90; vom 1. Oft. 1910 bis 31. Dez. 1910 Mk. 317491,85, gegen das Vorjahr mehr Mk. 18120,40. — Die Kgl. Ptüsungs- kommission für Mittelschullehrer und Rektoren ist für das Jahr 1911 aus folgenden Mitgliedern zusammengesetzt worden: Provinzial- Schülrat Leist-Kassel, Schulrat Mühlmann-Kassel, Schulrat Below-Wiesbaden, Seminardireltor Lotz- Dillenburg, Professor Maßfeller-Montabaur, Pro- seffor Dr. Brede-Kaffel, Seminaroberlehrer Kramer- Fulda. Die Prüfungslommisston tritt in Kassel zusammen.

* Göttingen, 5. Jan. 1911. Der Student Bongarts, der im Zusammenhänge mit der nächt­lichen Schießaffäre am Neujahr verhaftet worden war, ist nach seiner Vernehmung im Kgl. Amtsgericht wie­der aus d er Haft entlasfen worden. Es ist schon jetzt erwiesen, daß er im Fall der höchsten Not­wehr gehandelt hat. . _ . ,

* Wlldungen, 5. Jan. 1911. Benn Spielen mit Kinderpistolen wurde dem 12jährigeu Sohne des Landwirts Zick aus dem nahen Mehlen durch eine Cxplostoil der mit Zündblättchen überladenen Schlüsselbüchse der r chte Zeigefinger zerschmettert.

* Erftnt, 3. Jan. 1911. Die hiesigen Mittel- schullhrer haben gegen die Stadt die Klage auf Gehaltsnachzahlung vom 1. April 1908 an eingereicht. Sie glauben gleichfalls ein An­recht auf die rückwirkende Kraft der durch die neue Besoldungsvorlage den Volkschullehrern vom 1 April 1908 gewährten Nachzahlungen zu haben, da sie hier neben dem Gehalt der Volksschullehrer nur eine Ge­haltszulage beziehen und eine besondere Besoldungs­ordnung für sie nicht besteht.

* Bad Nauheim, 4. Jan. 1911. Oberlehrer Stre­ck e r, der kürzlich den Mittelpunkt einer lebhaften De­batte in der Zweiten Kammer bildete, hat gestern einen sechswöchigen Urlaub angetreten. In Bad Nauheim bringt man diesen mit seinem Rücktritt in Verbindung.

* Heiligenstadt, 5. Jan. 1911. Ein schaden­feuer brach in den Hintergebäuden des Hauses des Tischlermeisters Kruse am Heimenstein (an derselben Stelle an der der Brand im November v. I sein Ende' gefunden hatte) aus. Die in dem Gebäude schlafenden Hausbewohner konnten nur noch ihr nack­tes Leben in Sicherheit bringen. Die Enfftehungs- ursache des Brandes ist unbekannt.

* Vom Eichsselde, 5. Jan. 1911. Eine unglaub­lich frivole Schießerei hat sich im Gemeindewald zu Wilbich zugetragen. Vier Zigarrenarbeiter von Wilbich gingen im Walde spazieren, fangen und scherz ten, als auf einmal ein Jäger aus Mühlhausen auf- stuchie, Oec sein Jagdgewehr anlcgte und auf die vier Burschen schoß. Der Zigarrenarbeiter Roth wurde

lebcnsgesähttich verletzt und mußte auf ärztliche An­ordnung der Klinik in Göttingen zugeführt werden. Eine Enffchuldigung für den Jäger kann es kaum ge- den, da es sich um völlig übersichtliches Gelände han­delt und der Schuß aus einer Entfernung von kaum 60 Schritt abgegeben wurde.

vermischtes.

* Eine wesentliche Verbesserung des Telephons will der amerikanische Major Sanier ersunden haben, und zwar einen Apparat, der gestattet. 10 verschiedene Telephongespräche auf einem Draht abzuwickeln. Das Prinzip dec Entdeckung beruht auf der Theorie der Anwendung drahüoser Telegraphie aus die gewöhn­liche Telephonie. Die Gespräche, die mit dem neuen Apparat geführt wurden, waren sehr klar.

* Zu helfen wußte sich in Radolfzell (Ba­den) ein Ehemann, als ihm von seiner Hausftau der Hausschüssel verweigert wurde. Trotz wiederholten Bittens beharrte die gesttenge Hausftau auf der Wei- geräug, ja sie drohte dem bittenden Ehemann sogar. Nun hieß es: Not bricht Eisen. Kurz ensschloffen entfernte sich der also unliebenswürdig Behandelte den­noch, hing aber zur Fürsorge bei seinen: Weggehen die Haustür aus und verwahrte diese bis zu seiner Rückkehr aus dem Wirtshauje in des Nachbars Garten Da war also die liebe Gattin die Blamierte.

* Schneestürme riefen in der P o-E 6 en e große Störungen hervor. Viele Orte der Provinz Piacenza sind vom Zugveckehr abgeschnitten. Bei Parma blieb ein Zug im Schnee stecken. 150 Reisende mußten 20 Stunden lang im Schnee bei dem Schnellzug ohne jede Nahrung zubringen.

* Aus dem Zuge gestürzt ist auf der Strecke Köln- Troisdorf eine Frau mit einem 12jährigen Mäd­chen, wobei das Mädchen unter den Zug geriet und überfahren wurde. Die Frau erlitt bei dem Sturze einen Armbruch. Heimkehrende Eisenbahnbeamte fern, den in der Nähe des Bahnhofes die beiden schwer vev letzten Personen.

x Literarisches.

Kochkunst btt Nell,eit. Großes Handbuch des ge­samten Küchenwesens. Für den einfachen und feinen Tisch unter Berücksichtigung aller Fort- schritte aus dem Gebiete des heutigen Kücden- wesens von H. Berlin und Schwester ®l<. friebe. Mit weit über 2500 neuen erprobten Rezepten und Anweffungen. Zirka 800 Seiten stark. Preis 6 Mark, Geschenkband 7 Mark. (Porto 50 Pfg.) Verlagsanstalt Emil Abigt in Wiesbaden 35.

Gute, sparsame Küche — ökonomischer Haushalt — Rat für alle wirtschaftlichen Vorkommnisse sind die Grundzüge dieses großen Hausbuches. Es ent- hält alles, was für das Küchenwesen von Wichtig« feit ist; von Einrichtung, Geschirr und seiner Be- Handlung, den Küchenprodukten usw. an, mrt Sperse- und Küchenzetteln sür alle Jahreszeiten, Küchenlexrkow und bergt bis zu allen Emzelhe-ten, Küchenchemre, Rezepte für Haus- unb Gebrauchsmittel, vieler Küchengeheimnissen unb allerhand ökonomischen Vor­teilen. Für alles im Hauswesen vorkommende findet man hier Rat und Belehrung. Bei den Koch­rezepten findet auch der Abenotisch in den zwölf Monaten eingehendste Behandlung und was beson­ders wertvoll ist, nahrhafteste Speisen billig zu bereiten, denn die Hausfrau muß immer mehr rechnen, wie sie mit dem Wirtschaftsgelde auskommt, ohne der Familie etwas abgeben zu lassen.

Em gesährlicher Geheimnis.

68] Roman in zwei Bänden von Charles Rrad e.

Der Oberst eilte an die Tür und rief um Hülse-, im nächsten Augenblicke waren John Baker, Mrs. Mil­ton und Julia Clifford mit Aether, Riechsalz, Brandy und anderen Stärkungsmitteln um den armen Walter versammelt. Er war jedoch nicht ohnmächtig gewor­den. Kräftigen Männern pflegt das auch bei heftigen Seelcnerfchütterrmgen kann: zu widerfahren.

Langsam kehrte die Farbe in seine Wangen und Lippen zurück, während seine Augen wachsendes Ent­setzen ausdrükten. Die weinenden Frauen und selbst der starke, entschlossene Oberst beobachteten dies Er­wach«: zu dem vollen Bewußtsein seines Unglücks mit ängstlicher Teilnahme.

„Fasse Mut!" rief der Oberst; ^zeige Dich als kchtkr Soldaieufohn, der nicht verzweifckt, sondem in den Kamps geht. Bis jetzt ist nichts verabsäumt, selbst Bartley hat sich als Mann gezeigt, hat eine zweite Lo­komobile und eine Anzahl Leute bestellt, um sowohl »en neuen Jahrschacht zu vollenden, als den alten wie­der zu öffnen."

„Gott segne ihn!" ries Walter.

„Auch ich habe einen erfahrenen Ingenieur her­bestellt unb, was alle Zivilisten außer acht lassen, Zelte und den nötigen Proviant. Eine ganze Armee von Arbettcra will ich anstellen-, es soll nicht heißen, daß ich ettvüs vernachlässigt hätte, das -arme junge Mäd­chen, das Du so lieb hast, dem Leben zu erhalten."

„Das junge Mädchen!" rief Watt«, indem er plötzlich cmfsprang. „Laßt mich los, Ihr Weiber, nie­mand soll die Arbeiter anflchren. als ich. Das junge Mädchen! Gott stehe mir bei, sie ist mein Weib!"

22.

Reue.

In einem Werke, wie das vorliegende, muffen nicht allein die äußerlichen Vorkommnisse geschildert wer­den, sondern anck was wir .seelische Vorgänge" nen­

nen wollen. Wir haben gesehen, welche Umwandlung ein großes Unglück im Gemüt des Obersten Clisford hervorgebracht; aber auch Robert Bartley s Wesen wurde durch die entsetzlichen Folgen seines Verbre­chens bis in den tiefsten Grund erschüttert. Bartley glich einem Menschen, dec, einen sanften Rasenab­hang niedecgleitend, sich plötzlich am Rande. eines unabsehbaren Abgrundes fleht. Er war berechnend, selbstsüchtig, habgierig und völlig gewissenlos, solange er dabei ben Anschein der Respektabilität bewahren kannte; aber er war weder gewalttätig, noch physisch unempfindlich und noch weniger grausam. Eine Blut­tat erfüllte ihn mit demselben Abscheu wie jeden gu­ten, rechtschaffenen Menschen. Und nun mußte er er­leben, daß et, durch Nachgiebigkeit gegen seine üblen Neigungen und durch den Einfluß eines gewissenlosen Schurken veckockt, die eigenen Hände mit Blut befleckt hatte, dem Blute des Mannes, der bisher sein bester Freund gewesen und ihn reich gemacht, dem Blute eines unschuldigen jungen Mädchens, das ihm nicht allein für eine Reihe von Jahren Geld und Gut ge­sichert, sondern überdies mit ihrer Schönheit und Zu­neigung seinem Hause Licht und Wärme gegeben hatte.

Männer, deren Tätigkeit ausschließlich äußeren Dingen zugewendet ist, kommen noch mehr als an­dere in Gefahr, den klaren Einblick in die eigene Seele zu verlieren. Bartley, für dm alles Geschäft war, hatte als selbstverständlich angenommen, daß er für Grace Hope, die Tochter eines andern, keine hesondere Zärtlichkeit empfinden könne. Jetzt aber, da sie ihm für immer genommen wat, fand er, daß er feine Ge­fühle für sie verkannt halte. Je länger er seinen umdüstertenHorizont betrachtete, umso deutlicher wurde ihm, nun es zu spät war, daß er sie lieb hatte Zwar nicht mit der tiefen, das ganze Wesen erfüllenden Liebe, die William Hope für seine Tochter empfand — eines solchen Gefühls wat Bartley überhaupt nicht fähig. Was jedoch an Zärtlichkeit in ihm lag, hatte er diesem holden Wesen gewidmet. Sein Haus wat dunkel ohne sie, er selbst einsam und vetlassm und überdies — ein entsetzlicher Gedanke — das Weck­zeug ihres Todes. Dies Bewußtsein trieb ihn säst zum Wahnsinn, und dieser Wahnsinn äußette fick auf

zweierlei Weise: wilde Aufregung uckd dumpfes Ver­zweifeln. Tag und Nacht wechselten diese beiden Zu­stände miteinander ab, denn der Schlaf hatte ihn ver­lassen. Alles, was er zur Rettung der Verschüttetm unternahm, war gut und richtig, sein Benehmen dabei jedoch so scltsan: und aufgeregt, daß sich die Arbeiter zuflüsterten, Dir. Bartley scheine in Gefahr, den Ver­stand zu verlieren. Zu Haus dagegen verfiel er in sein verzweiflungsvolles Brütm.

In diesem Zustande befand er sich auch den zwei­ten Abend nach der Explosion, als ihm ein Besuch gemeldet wurde. In der Voraussetzung, daß es sich um eine Botschaft von der Kohlengrube handle, be­fahl er, denselben hereinzuführcn; dann ließ er den Kops wieder auf die Brust sinken. Eine Att von Le- ihargie war über ihn gekommen; er war völlig er­schöpft von körperlicher Ansttengung, Schlaflosigkeit und Reue.

In diesem Zustande wurde fein Ohr plötzlich von einer harten, rauhen Stimme verletzt, deren Ton auch der leiseste Anklang von Güte oder Menschenfreund- lichkeit fehlte.

„Nun, alter Herr, der Glücksfall ist also eingetre­ten!" hörte er sagen und fuhr schaudernd zusammen.

„Jst's der Teufel, der da mit mir spricht?" mur­melte er, ohne aufzublicken.

,O nein", gab Monkton lustig zur Antwort; „nur einer seiner Diener und 'Ihr bester Freund."

„Mein Freund!" wiederholte Bartley, indem er seinen Stuhl nach ihm umwendete und mit dumpfem Erstaunen zu ihm aufsah.

„Gewiß", sagte Monkton, „Ihr sehr guter Freund, der Mann, der Ihnen zu Einsicht und Mut verhalfen, Sie aus der Falle befreit und statt dessen Mr Hope und seine Tochter hineingesteckt hat. Nein, die Toch­ter nicht, die hat das in ihrer großen Klugheit selbst besorgt."

„Ja wohl!" fuhr Bartley heftig auf; „Sie sind es, der mich zum Mörder gemacht hat. Ohne Sie wäre ich einfach ein Betrüger geblieben . . . ^hnen ver­danke ich's, daß ein Mord auf meiner Seele liegt.

Ruhig alter Herr!" erwiderte Monkton. „Da sieht" man, 'wie schädlich es ist, nur eine Seile der Dinge ins Auge zu fassen. Sie hatten es ja ganz anders im Sinn; haben ihm, wie Sie sich erinnern werden, großmütige Anerbietungen gemacht. Er aber verlangte Krieg bis aufs Messer, und der ift ihm zuteil geworden. Seine eigene Schuld, daß er unter den Trüminem des Bergwecks den Tod gefunden hat."

„Das verhüte der Himmel!"

„Sie aber sind jetzt in Sicherheit."

„In der Hölle bin ich!" fchrie Bartley gellend auf.

„So spazieren Sie gefälligst heraus", antwcrtete Montton, „und lassen Sie uns vernünftig miteinan- der reden. Ich ... ich habe die Geschichte in der Zeitung gelesen, als ich eben in: Begriff war von Derby nach London zu fahren. Darauft bin id> zu­rückgekommen und habe mich der Unglücksstätte )o weit genähert, wie ich das ohne Gefahr wagen konnte. Man scheint eifrig darüber her zu sein, die decken Fahrschachte srei zu machen: zwei Lokomomlen und eine Menge von Arbeitern, die sich unablässig :n ihrer Tätigkeit ablöscn . . . Wer hat die Geschichte in die Hand genommen?"

„Ich selbst", antwortete Bartley.

Das ist flug . . . damit streuen Sie den Leuten Sand in die Augen; denn daß die ganze Arbeit nur Komödie ist, wissm Sie natürlich . - - . . der Si» wollen wenigstens den Schein retten, da W:ll:am Hop« nicht zu retten ist."

„Ich kann ihn retten und will ihn retten!" sagst Bartley. „Gott wird sich eines reuigen Mörder» ecbarmen, wie er sich einst des reuigen Diebes er­barmt hat"

Monkton starrte ihn lächelnd an.

„Wer hat Ihnen das eingeredet?"

„Mein eigenes Gewissen. Ich verabscheue mich selbst ebenso, wie ich Sie verabscheue, elender Schuft der Sie sind!"

(Fortsetzung folgt. 1