Erstes Watt
Fulda, Donnerstag den 5. Januar 1911.
38. Jahrgang.
4.
X Ter Auarchistenkampf in London
man
Wegen des Feiertags Hl. 3 Könige wird die nächste Rümmer der .Fuldaer Zeitung erst am Samstag ausgegeben.
und Mod e rnisteneid (huh!) gehörig nachwirken, ist ein Rückschlag nicht ausgeschlossen-* — Es wird also in Jmniennadt recht „lebhaft* zugehen.
* Die antimilitaristische Agitation wird von der Sozialdemokratie mit besonderem Eifer be- triebm. Besonders suchen die sozialdemokratischen Hetzer und Wühler die Kriegervereine, die ihnen stets ein Dom im Auge sind, herabzusetzen, und habet finden sie in der Gewerkschaftspresse lebhafte Unterstützung. Ein Gewerkschaftsorgan, der „Hafenarbei- ter", hat in dieser Hinsicht eine Musterleistung fertig gebracht, die niedriger gehängt zu werden verdient. Darin wird von „heuchlerischen und gleisnerischen Lügen* gesprochen, mit denm die „Kriegervereine* wie die „Aasgeier* an die zur Entlaffung kommenden Reservisten herantreten. Femer heißt es, man habe in den zwei Jahren der militärischen Dienstzeit veracht, mit einer Brutalität, wie sie gleichwertig nur m Jnquifltionsverfahren angewandt werde, den Menschm in den Soldaten zu töten, so daß nur ein Kadaver zurückbleibe. Und dieser Kadaver werde nach allen Regeln der Kunst dressiert, wie ein Pudel, ein wlldes Tier zur lebenden Marionette gemacht werde. Aber wehe dem Aermsten. der die Jnkamation des militärischen Blödsinns als Blödsinn ausfaffe, dem c8 nicht in den Kopf wolle, daß er weniger sei als ein bunter Fetzen Tuch. Dann heißt es wörtlich:
„Seine Menschenwürde, die sich gegen eine solche sinnlose, oft direkt genieingefährliche Maskerade auf- bäumt, wird schonungslos in den Staub getreten. Der Soldat ift kein Mensch, er ist eine Maschine. Sie nehmen sich die Frechheit heraus, dem Reservisten vorzulügen, daß der von ihm erpreßte Fahneneid ihn auch noch im Zivilleben gleich einem Klumpen am Fuße hindert, von all dem militärischen Blödsinn loszukommen, daß er ewig im Dunstkreis der ihn zum geistigen Krüppel machenden militärischen Inferiorität bleiben müsse. Um diese Massensuggestion zu vervollkommen, wird ihm noch während der Dienstzeit vorgeschwindelt, daß es eine besondere Ehre sei, des Königs Rock — den das Volk übrigens bezahlen muß — zu tragen."
Streben aller ReichSrefsortS in Uebereinstimmung mit der Mehrheit des Reichstages im Gegenteil darauf gerichtet, gerade diese drei Vorlagen unter allen Umständen zu verabschieden. Üeber die Privatbeamtenversicherung hat sich der Reichstag noch bei der ersten Etatslesung so unzweideutig ausgesprochen, daß über seinen festen Entschluß, bas Gesetz zustande zu bringen, nicht zu streiten ist. Und waS die beiden anderen Vorlagen betrifft, so darf man nicht vergessen, daß monatelang« Kommissionsarbeit während des SommerS aufgewendet worden ist, um eine Verabschiedung der Vorlagen zu ermöglichen. Alle diese um« fastende Arbeit wäre nutzlos geleistet, wenn die Vorlagen nicht in der gegenwärtigen Session vec- abschiedet würden. Hierfür die Verantwortung zu übernehmen, besteht bei keiner Partei des Reichstages irgendwelche Neigung.
Tas Herrenhaus hält am Dienstag, 10 Januar, seine erste Sitzung nachmittags 8 Uhr zur Konstituierung und Bnreauwahl ab.
-ft Dem verstorbenen hessischen Gesandten in Berlin Frhrn. v. Gagern widmet die ,Nordd. Allg. Zig.' folgenden Nachruf:
„DaS Hmfcheiden des verdienstvollen deutschen Staatsmannes ruft sowohl in feiner Heimat wie in der Reichshauptstadt, dem Otte feiner letzten amtlichen Wirksamkeit, tiefes Bedauern hervor. In der verhältnismäßig kurzen Zeit, die Fthr. v. Gagern an der Spitze her hiesigen Grobherzoglich hessischen Vertretung stand, hatte der nun Verstorbene sich hohe Achtung und Verehrung in weiten Kreisen erworben. Die Mitglieder des Bundesrates im besonderen brachten sowohl seiner gewinnenden Persönlichkeit wie seiner die Arbeiten dieser Körperschaft stets tatkräftig fördernden Tätigkeit Hohe Wertschätzung entgegen."
** Di« Oberpräsidenten der preußischen Provinzen sind gestern in Berlin zu der allgemeinen Iahreskonserenz eingelroffen. Die Beratungen, die im Mmi erium des Innern stattfinden, werden Verwallungsfragen und interne Angelegenheilen der Provinzialregierungen be- treffen. Der Kaiser hat zugesagt, zu dem nach Schluß der Verhandlungen anberaumten Diner zu erscheinen. Auch der Reichskanzler wird voraussichtlich den Veranstaltungen beiwohnen.
♦ Was d-r Liberalismus mit der Schule vor Hal, zeigt eine Meldung des Stuttgarter „Deutschen Volksblattes* 1911 Nr. 1. Dort wird berichtet:
Ausland.
** Tas Befinden des Kaisers Franz Joseph bestert sich andauernd. Er verbrachte die Nacht in ungestörtem Schlaf und erhob sich zur gewohnten frühen Stunde. Die Heiserkeit ist geringer geworden. Der Schnupfen ist noch vorhanden.
** Zur Förderung der ungarischen Viehzucht hat der Finanzminister Lukacs zwei Millionen Kronen ins Budget eingestellt.
*. Die Verurteilung des Erzbischofs von Reims zur Zahlung von 500 Francs Schadenersatz an den Lehrerverband ist durch den Appell- gerichtshof in Paris bestätigt worden. Der Erzbischof hatte ein Zirkular an die Bischöfe unterzeichnet, in dem der Gebrauch gewiffer Schulbücher untersagt wurde.
** Die persische Regierung ergreift jetzt bestimmte Maßregeln zur Beruhigung des Landes. Der Finanzminister kündigte int Medschliß, dem Parlament, an, daß ungefähr l1/* Millionen Toman von dem Ertrag der Anleihe der Imperial Bank für die Aufrechterhaltung der Sicherheit unter der Oberaufsicht eines Komitees verwendet werden sollen. Der Min ster des Aeußeren teilte dem Hause mit, daß v-e schwedische Regierung das Ansuchen, Offiziere für dir Reorganisierung der Gendarmerie zu überlassen, günstig ausgenommen habe. Der Minister des Innern erklärte, daß eiwa 2000 Mann nach Fars aufgebrochen seten.
Lokales.
Fulda, den 5 Januar 1911.
F. Ei« gewaltiges Grotzfeuer
hat in der vergangenen Nacht unsere Stadt heimgesucht. Kurz nach 12 llhr wurden zwei Schleifen der Feuerwehr allarmiert, da im Kornhause Feuer ausgebrochen war. Die anfängliche Hoff- nung, den Brand bewältigen zu können, mußte bald aufgrgeben werden. Das Feuer hatte sich im Innern der riesigen Gebäudes schon weit auSgebreitet. Mit aller Macht schlugen riesige Feuergarben durch das Dach hinaus, im Nu war alle- ein gewaltiges Feuermeer. Der Feuerschein leuchtete weit über die ganze Stadt; in den nächsten Straßen verbreitete ich fast Tageshelle. Der unheimliche Feuerschein chreckte die Bewohner auS ihrer Nachtruhe. Jn- olge der gesteigerten Gefahr ließ der Kommandant der Feuerwehr noch die übrige Mannschaft allar- nrieren, auch die Feuerwehren von Petersberg und Künzell, sowie die Bahnhossseuerwehr eilten zu Hilfe. Der Kommandeur des hiesigen Artillerie«
Deutsches Reich.
** Berlin, 4 Jan. 1911. Der Kaiser hörte am Mittwoch ben Vortrag des Chess des Zivilkabinetts v. Vatentini. — Die Kronprinzessin, die gegenwärtig in Aegypten weilt, wirb vor ihrer Rückkehr nach Berlin auch die Insel Sizilien b « Ä und von da aus ihrer Blutter, der Groß- inwilwe Anastasia von Meckle- burg-Schwerin, einen Besuch machen. — Der deutsche Botschafter in Tokio, Frhr. Mumm von Schwarzenstein, hat wegen eines Augenleidens den Abschied eingereicht.
,(1 Der 40. Jahrestag der Gründung des Deutsche« Reiches soll in ben Schulen durch ein Gedenkakt gefeiert werden.
„ ^ Ueber den Arbeitsplan des Reichstages sind Nachrichten in die Presse gelangt, bte teil« nwfe sogar aus amtliche Quellen zurückgeführt wurden. Demgegenüber ist es, wie man den nj8- N." schreibt, wohl angebracht, darauf yinzuweisen, daß diese Angaben tatsächlich das gerade Gegenleil der Auffassungen wiedergeben, wie sie an maßgebßnden Stellen bestehen. Denn wenn behauptet wird, die Strafprozeßordnung, die Reichsversicherungsordnung und die Privatbeamtenversicherung würden unter allen Umständen unerledigt bleiben, so ist das
regtments stellte zur Aufrechterhaltung der Ordnung Mannschaiten zur Verfügung, dir gegen Ai argen erneuert wurden. Die Glut war zeitweise so groß, daß die Feuerwehr sich zurückziehen mußte. Durch Flugseuer wurde viel brennendes Getreibe auf die Dächer der benachbarten Straßen geweht, so daß eine ständige Kontrollierung der betreffenden Strafen durch die Feuerwehr notwendig wurde. Zum Glück waren die Dächer mit Schnee bedeckt, so daß die glühenden Körner alsbald erloschen. Die auswärtigen Feuer- meinen konnten bald wieder abrücken, da an Rettung des brennenden Magazir s nicht zu denk n war und den Schutzdienst unsere städtische Wehr allein besorgen konnte. Einen sehr unangenehmen Geruch oetur» sachte der Brand des Nebengebäudes mit den vielen künstlichen Dünge Mitteln, Sesamkuchen usw., es entstand ein dicker, schwarzer Qualm. Durch die Glut sind mehrere Leitungsdrähte des nahen Bahntele« graphs geschmolzen. Die Feuerwehr hatte in der kalten Winternacht keine leichte Arbeit. Unaufhörlich sandten die Hydranten unserer gut funktionierenden Wafferleitung ihre Strahlen in die verheerende Glut. Gegen Tagesanbruch war von dem früheren Kornhause nicht viel mehr als die Umfaffungsmauern übrig geblieben. Die Feuer
wehr ist noch in Tätigkeit und wird wohl noch ben ganzen Tag auf der Brandstätte verbleiben müssen. Ueber dir Ursache des Feuer? ist sicheres noch nicht zu ermitteln. Der Brandschaden dürfte alleS in allem gerechnet die Summe von 200000 Mark erreichen, ist jedoch durch Versicherung gedeckt. — Das Fuldaer Kornyaus, ein Fachwerkbau, wurde im Sommer 1903 ht Angriff genommen und noch im Oktober desselben Jahres seiner Bestimmung übergeben. Der Staat hatte 96 000M. zum Bau beige« steuert. Das Lager für Futtermittel wurde im Jahre 1905 auf Rechnung der Genossenschaft gebaut. Um die Errichtung des KornhauseS hatten sich der Direktor der landwirtschaftlichen Winterschule, Herr Schoppmann und Herr Landtagsabgeordneter Amtsgerichtssekretär Drinnenberg sehr verdient gemacht.
<P Der Gkwerbeverri« hielt Astern int Gasthaus „Zur Traube* seine ordentliche Generaloer« f a m m l u n g ab. Der Vorsitzende Herr B. Trabert erstattete den Geschäftsbericht des verfioffenen VereinSjahres. Er gedachte in herzlichen Worten des verstorbenen Vorsitzenden, Herrn Schlaffer« meister Fleischmann, deffrn Andenken durch Erheben von den Sitzen geehrt wird. Sodann machte er die Mitglieder darauf aufmerksam, daß ein Kursus zur Aufstellung statischer Berechnungen im Eisenbetonbau abgehalten wurde. Zu diesem Zweck habe der Verein 200 Mk. bereitgestellt, um den Mitgliedern die Teilnahme am Kursus zu ermöglichen. Das diesjährige Stiftungsfest soll am 15. Januar im Parkhotel gefeiert werden. Nach dem Kaffenbericht des Herrn R. Schnarr bat der Verein mit einem gutem Ueberschuß abgeschlossen. In den Vorstand wurden gewählt die Herren B. Trabert als 1. Vorsitzenden, R. Schnarr, Kassierer, zu Beisitzern die Herren K. Traut, Breitenborn, Bolst, I. I. Wehner, Herrmann, Richter und Bolender. Die Submijfionsfeststellungen sollen in diesem Monat beendet, und daS Material dann dem Magistrat übersandt werden. Die Generalversammlung bezeichnet das in Metzgerkreisen umgehende Gerücht, daß der Gewerbeverein Herrn Bäckermeister Franz Jestädt bei einer gemeinschaftlichen Sitzung der Innungen mit dem Gewerbeverein bestellt habe, als unwahr und jeder Grundlage entbehrend. Herr Jestädt sei lediglich aus eigener Initiative und im Interesse des Bäckerhandwerker, um dessen Stimmung kundzugeben, erschienen.
-a. Winfridia-Konzert. Nach dem Hinweis auf die beiden Solistinnen des Winfridia-Kon« zerteS mögen nun die Aufgaben, vie der Männer« chor sich gestellt hat, kurz erwähnt werden. Von den 7 Chören deS Programms hat der Verein 6 Chöre unter der Leitung des Herrn Musikdirektors Gottfried Leber neu einstudiert und wird diese Chöre zum erstenmal öffentlich zum Vortrag bringen. Die beiden Chöre „Vergangen" und „Stilles Gedenken" von Joh. Pache sind sehr noble und poetische Kompositionen, di« durch die Streichorchesterbegleitung eine eigenartige Klangwirkung erhalten. In den drei volkstümlichen Liedern „Frühling im Winter" von Eugen Breining, „Heidenröslein" von Hauptmann und „AltniederländischeS Ständchen" (auf einem Rembrandt'schen Kupferstiche aufgefunden) für Männerchor gefetzt von E. Kremser hat dann der Verein Gelegenheit, seine VortragSkunst und besonders ein schönes Pianisfimo zu zeigen. Einen sehr wirkungsvollen Abschluß wird der mächtig wirkende Chor „Gelöbnis" von Meyer-Olbers« leben bilden. Zu dem starkbesetzten Männerchor tritt noch ein großes Orchester hinzu. Der Komponist dieses ebenso schönen als dankbaren Werkes ist Direktor der Königlichen Musikschule in Würzburg. — Es sei noch mitgeteilt, daß der Kartenverkauf für den nummerierten ersten Platz (Reinhardtsche Buchhandlung) Freitag mittag schon um 2 Uhr (statt um 6 Uhr) geschlossen wird.
-1- Zentraluerbaud der Eisenbahnhandwerker und -Arbetter (Sitz Elberfeld). In der letzten in der Harmonie abgehaltenen, äußerst stark besuchten Versammlung des Ortsvereins Fulda sprach Herr van der Meulen vom Gutenbergbund über die Notwendigkeit eines engen Zusammenschlusses aller in Staats- und Privatbetrieben beschäftigten Lohnarbeiter und empfahl für den Ortsverein besonders ben Anschluß an baS hiesige christliche Gewerkschaft^« kartell. Im wetteren Verfolg seiner etwa einstün- digen intereffanten Ausführungen fchilberte Rebner den immer offener zutage tretenden Kampf um die christliche und antichristliche Weltanschauung. Eine reinliche Scheidung der Geister würbe auch auf gewerkschaftlichem Gebiete kommen: auf d« einen
„Am Mittwoch den 28. v. Mts. fand (in Heilbronn) euie Wahlversammlung des linksliberalen Ranbibaten Arbeitersekretär Fischer (Heilbronn) statt. Trotzdem nur 15 Zuhörer sich eingefunben batten, hielt Fischer feine Programmrede. Ans der Mitte der Zuhörer wurde er über die Schulfrage interpelliert; die Antwort gab nicht er selbst, sondern der Vorsitzende Gewerbelehrer Frank (Heilbronn), der offen erklärte, seine Partei strebe danach, den Religions-Unterri cht ganz vom Schulunterricht zu trennen und ihn in die Kirche zu verweisen."
Dir Kirche soll also, wenn es nach den Wünsche ■- der Linksiibera'en geht, ganz aus der Schule verdrängt werden, und die Jugend soll ohne Religionsunterricht aufwachsen. Das fordern dieselben Leute, die immer wieder die (Stirne haben, zu behaupten, sie feien keine Feinde der Religion!
)( Tie Schulpflicht der Taubstummen wird Gegenstand einer Vorlage fein, die bem Abgeordnetenhaus noch in diesem Winter zugehen soll.
-f- Schärfere Strasbrstimninngen gegen Pornographie. Dem Bundesrat ging, den ,Kieler N. N.' zu-olge, der Antrag eines Bundesstaates auf Verschärfung der Strasbestimmungen gegen Pornographie und gegen den Vertrieb von zu Verbrechen aufreizenden Druckschriften zu.
O Gemeinsame juristische Prüfungsordnung'? Der ,Tägl. Rundschau" wird von ihrem Münchener Vertreter gemeldet: In hiesigen eingeweihten Juristen- fretfen, die mit Berlin Fühlung haben, erhält sich mit aller Bestimmtheit das Gerücht aufrecht, daß das Reichsjustizamt zurzeit eine Denkschrift ausarbeitet, die auf eine gemeinsame juristische Prüfungsordnung, die für alle deutschen Bundesstaaten Geltung haben soll, hinzielt. Die Denkschrift soll sich eingehend mit dem zunehmenden Andrang zum juristischen Studium beschäftigen.
-j- Der Großblock im Wahlkreise Jmmenstadt. Die Sozialdemokratie, die bereits in Labiau-Wehlau den Sieg für den Fortschrittskandidaten erfochten und darüber wie über einen eigenen Sieg triumphiert hat, hält sich auch schon bereit, in Jmmenstadt einen liberalen Sieg zu erfechten. Dazu gehör: allerdings, so ist in der Sozialiftenpresfe zu lesen, daß die Nationallideralen einen Kandidaten aue- wählen, der ben Arbeitern wirklich gegenüber dem Zentrumsmann als das „kleinere liebel" erkennbar fei. Ganz besonders intereffant ist, was die Schlesische.Volksmacht' (Nr. 3) hierzu noch schreibt: „Für die Jungliberalen ergibt sich bei der Beeinflussung der Kandidatenftage eine wichtige Aufgabe und wenn ihre befriedigende Lösung zu einer reinlichen Scheidung mit den großindustriellen Pseudo- nationalliberalen in Rheinland, die ja in Wirklichkeit Freikonseroatioe und ZentrumSfteunde sind, führte, um so besser. Dann wirb eS den Sozial- demokraten um so leichter möglich fein, in der Stichwahl gegen den ZentrumSmann zu votieren und die Parole sortzusühren, die wir in Breslau erfolgreich anwandten: „Heraus mit ben Schwarzen!* . . . „Und hinein mit den Roten!" So muß diese lockende Parole ergänzt werden, rote die ,Kreuzztg.' mit Recht hinzufügt. Die Jungliberalen, die ja in Bayer« besonders einen kräftigen Faden spinnen, werden eS sich ohne Zweifel angelegen sein lassen, die Ansprüche der „Genossen* zu befriedigen. Und Hansabund und Bauernbund sind ja auch noch da. Jedenfalls werden nun auch einmal die in überwiegender Mehrzahl (91 o. H.) katholischen Wähler eines Wahlkreises Gelegenheit haben, das hetzerische Können deS toten Zweckverband eS in nächster Nähe zu bewundern. — Der,Hann. Courier' schreibt schon: „Wenn Finanzreform
sollte.
Tie englische Verlustliste weist neben den verletzten Beamten auch ein halbes Dutzend verwundeter Zuschauer aus. In dieser Hinsicht geht es drüben wie hüben. Wo „etwas los tfl", da drängen sich Neugierige hinzu, tmd sie müssen gelegentlich ihre Sensationslust büßen, wenn Kugeln pfeifen ober Säbel im Schwung sind. Wer klug ist, bleibt möglichst wett entfernt von solchen „Kriegsschauplätzen*.
Nun werden vermutlich unsere Sozialdemokraten und deren Blockfteunde sagen, in England habe es sich um die Verfolgung von anarchistischen Verbrechern gehandelt, roäbtenb in Moabit nur fried- liche Bürgersleute angegriffen worden feien. Ob Steinwürse, Laternenzertrümmerung, Bombardement von den Ballonen :c. lauter harmlose Späße sind, --vollen wir dahingestellt sein lassen und nur darauf Hinweisen, daß unsere Sozialdemokratie jebcSmal ein großes Lamento erhoben hat, wenn die preußische Polizei gegen ru;fisch« Nihilisten und Anarchisten vorging und Deutschland von diesen Ausländern, die nicht bloß „lästig*, fonbetn hochgefährlich sind, zn befreie« suchte. An bem englischen Zwischenfall sieht man, wohin es jährt, wenn ein Lanb auch solchen Helden von der „Propaganda bet Tat" «inen ungestörten Unterschlupf gewährt.
Tie englischen Blätter werfen jetzt ernstlich die /Frage auf, ob nicht das Asylrecht, bas Dort noch ’jblid) ist, zur Abwehr der Anarchisten einzefcknänkt werben foU. Solche Beschränkungen des Au.ent- haltsrechts oder der Emwanderungssreiheit würbe aller Wahrscheinlichkeit nach ein Schlag ins Wasser bleiben, so lange in England die polizeiliche An- Meldepflicht fehlt. Wenn die gefährlichen Elemente erst in England gelandet sind (und das fällt gewiegten Verbrechern nicht schwer), so entziehen sie sich jeDer Kontrolle der Polizei, da dort jedermann ohne alle Anmeldung sich einen Aufenlhalt wählen und seinen Aufenthalt wechseln kann. Auf die Anmeldepflicht wollen sich die Engländer aber eben« sowenig einlaffen, wie auf die Militärpflicht. Die Nihilisten und Anarchisten werden also wohl nach wie vor in Eglanb eine bequeme „Sommerfrische" sinben. Unfete Behörden werden aber wohl fortan noch mehr als bisher ben „Flüchtlingen" aus Ruß- lanb ihre Aufmerksamkeit wthmen.
Ein wahres Glück, daß der Krieg zwischen der Polizei und den schießfettigen Anarchinen sich in London abgespielt hat, und nicht etwa in einem Berliner Scheuneno,erlel! Die englische Polizei findet ersahrungsgemäß überall milde Richter, während auf der preußischen und namentlich auf der Berliner Polizei mit den alletschätssten Schnäbeln schonungslos herumgehackt wirb.
Hätten der Polizeipräsident von Jagow und unsere Minister des Innern dieselben Maßregeln getroffen, wie ihre englischen Amtsbrüdet tu dem vorliegenden Fall, so würden sie sicherlich von den einen der Kopflosigkeit und Feigheit, von den andern der Grausamkeit beschuldigt wordm sein. Mit der- selben Kunstfertigkeit, wie man jetzt unsere Polizei der frivolen Niedermetzelung von ganz harmlosen Moabiter Straßenpasianten beschuldigen will, hätte sie dann zweifelns der Anzündung des ZusiuchtS- es der Anarchisten geziehen nnb die „Blut
hauses der Anarchisten geziehen nnb die „Bluthunde noch zu „Menschenbratern* gestempelt.
Der sechswöchige Prozeß wegen der Moabiter Krawalle geht jetzt gerade zu Ende, während bte Leistungen der Londoner Polizei bekannt werden. Ein Vergleich ist zeitgemäß. Die Hüter der Orb« nung in London haben gegen ein einziges Verbrechernest mit 2 oder höchstens 3 Insassen tausend Polizisten aufgeboten. Wie bescheiben war dagegen das Polizeiaufgebot in Moabit, obschon Dort mit einer großen Masse von Ruhestörern der Ordnungskampf aufzunehmen war. Und m London würbe sofort Militär, sogar mit Artillerie, mobil gemacht, während in Moabit die Polizei trotz aller schweren und andauernden Gedulbsprobeu auf bie Heranziehung von Militär verzichtete. — Alle unbefangenen Beurteiler sollten sich in der Kritik unserer Polizei Mäßigung auferlegen, wenn auch hier oder da ein gereizter Schutzmann ein derbes Wort gebraucht oder einen Schlag über bie nachweisbare Notwenbigkeik hinaus ausgeieitt haben
Aus Kirche und Schule.
♦♦ Fulda, 5. Jan. 1911. Am Sonntag, den 8. Januar, nachmittags 2 Uhr, wird in der Klosterkirche am Frauenberg für di« Mitglieder des Franziskaner-Missions-Vereins eine Versammlung mit Predigt und Andacht gehalten. DaS rege Interesse für die Missionen, das gegenwärtig überall herrscht, läßt erwarten, daß die Versammlung recht zahlreich besucht werde. Alle Förderer und Mitglieder des Franziskaner-Missions-Vereins, sowie alle Freunde der Franziskaner-Mission sind zu dieser Versammlung eingeladen. Das feierliche Hochamt morgens um 9 Uhr wird für die Mitglieder des Vereins und die Wohltäter der Franziskaner-Mission abgehalten.
igy Fulda, 5. Januar 1911. Die schon mehrere Monate durch den Tod des Herrn LehrerS Hohmann erledigte und seither von den übrigen Klassenlehrern mitversehene Schulstelle an der dompfarrlicheu Knabenschule wurde vom 1. d. MtS. ab Herrn Lehrer Sauer von Ried überragen.
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