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Manta- »en 2. Januar MI.

38. Jahrgang.

* fuldaer W Zeitung •

2. Blatt.

vrnck und Verlag der Zuldaer Actiendruckerel

in Mda

E Das Ausland im Jahre 1910.

Oesterreich hat im Jnnem noch immer unter dem Nationalitätenhader zu leiden. Doch scheint es, daß die Ausgleichsvechandlungen zwischen Deutschen und Tschechen nicht ganz hofnfungslos verlaufen. — Frankreich wurde durch einen Riesenstreik auf dem Verkehrsgebiete, wie er in dieser Ausdehnung wohl noch kaum erlebt worden ist, in seinen wirt­schaftlichen Grundlagen gefährdet. Die Regierung, welche die Gefahr wohl erkannte, hielt mit eifemem Besen Auskehr. DaS Ministerium Briand erfocht in seinem Kampfe gegen den radikalen Sozialismus einen vollen Sieg, der feine Stellung vorläufig befestigte Der Wiederkehr ähnlicher Ausschreitungen wird durch eine drakonische Gesetzgebung vorgebeugt werden. — Das große britannische Reich ist im Innern durch Parlamentswahlen in Aufregung versetzt wor­den, die infolge des Scheiterns der sogenannten Veto­konferenz nötig waren. Die konservativen Lords konn­ten sich mit der liberalen Regierung nicht darüber eini­gen, daß dem Oberhause das Vetorecht gegenüber den Beschlüssen des Unterhauses genommen werden sollte. Der Kampf wird, nachdem die Neuwahlen den Libe­ralen zwar die Mehrheit, aber keine größere als vor­her, gebracht haben, von neuem beginnen und wahr­scheinlich die Lords zur Nachgiebigkeit zwingen. — Während in Spanien das konservative Regiment durch die radikalen Sozialisten gestürzt, und eine Kul- lurkampfgesetzgebung eingeleitet wurde, ist in Por­tugal das Königshaus vertrieben und die Repu­blik aufgerichtet worden. Natürlich haben die radi­kalen Machthaber zunächst gegen die Kirche und ihre Diener gewütet und ihren teuflischen Haß gegen die katholischen Ordensgesellschaftm toben lasten, von dem namentlich die Jesuiten aufs schwerste getroffen wor­den sind. — Auf dem Balkan gärt es anbauentö. In der Türkei hat sich das jungtürkische Regiment bis jetzt behauptet und durch den Abschluß einer großen Anleihe mit den deutsch-österreichischen Finanzkon­sortien einen großen Erfolg erzielt. — In Ruß­land treten die revolutionären Strömungen wieder heftiger hervor. Das ist kein Wunder angesichts der barbarischen Unkultur, wie sie sich unter dem gegen­wärtigen Regiment in der grausamen Totpeitschung von Gefangenen, in den riesenhaften Unterschlagun­gen und anderen Mißgriffen der Beamtenschaft doku­mentiert. — In Persien kämpfen die russischen Interessen andauernd gegen die englischen, und dies war nicht zuletzt der Grund dafür, daß die russische Diplomatie sich der deutschen wieder mehk genähert hat. — In O st a s i e n befindet sich Japan infolge seiner äußerst geschickten Handelsvertragspolitik in einem Stadium starken wirtschaftlichen Fortschritts. Auch das bisher so reaktionäre Reich der Mitte be­ginnt sich dem Vordringen bestehender Zivilisation immer mehr zu öffnen. Schon ist die alte Sitte des Zopftragens in der Beamtenschaft teilweise abge­schafft, und die Strömungen, welche darauf gerichtet find, China eine Verfassung nach europäischem Muster zu geben, breiten sich anscheinend erfolgreich aus — In Amerika wurde das Jubiläum der Unab­hängigkeit der Republiken Argentinien und Mexiko in großartiger Weise gefeiert. Daß aber in jenem amerikanischen Staatengebilde die Sicherheit und Stetigkeit in keiner Weise verbürgt ist, erkennt man an den revolutionären Erhebungen der verschiedenen Staaten — wir nennen nur unter anderen Mexiko, Brasilien, Niearagua. — In den Vereinigten Staaten von Nordamerika hat der Expräsident Roosevelt bei den Staatswahlen infolge der Spaltung der republikanischen Partei eine Niederlage erlitten. D/e Demokratie ist im Anmarsch, und es ist nicht un­wahrscheinlich, daß bei den im Jahre 1912 bevor­stehenden Parlaments wählen die Demokraten ihre Kandidaten zürn Siege führen werden.

Was das neue Jahr in seinem Schoße birgt, wer mpchte das prophezeihen! Die Anzeichen sprechen da­für, daß wir einer Aera des wirtschaftlichen Auf­schwungs entgegengehen, die aber nur durch eine dauernde Friedenspolitik der Großmächte möglich ist. Hoffen wir, daß mit dem Frieden auch die Kultur diejenige Forderung erfahren möge, die wir für die Zukunft erhoffen und wünschen.

Kleines Feuilleton.

— Ueber den Nutzen der Eulen wird dem „Grand. Ges." folgendes berichtet: Der Strom-Mestter Herr Brüske in Gerdin erhielt vor einigen Wochen eine junge Wald- und zwei junge Schleier-Eulen als Ge­schenk. Er sperrte sie in seinem Garten in einen Käfig mit weiten Stäben und gab den kleinen Tieren zur Nahrung Küchen- und Fleischreste, doch ließen zu seinem Befremden die jungen Eulen die Nahrung lie­gen, so daß Herr B. den Hungertod der Vögel befürch­tete. Um den Tieren nun eine größere Bewegungs­freiheit zu gewähren, sperrte er sie in einem großen Käfig mit engem Gitter, dadurch eine bessere Nah­rungsaufnahme erhoffend. In der Nacht darauf hörte Herr Brüske ein furchtbares Geschrei von den Eulen. Am nächsten Morgen erhielt B. die Erklärung über den Lärm und auch insbesondere barüber, wovon bie jungen Tiere während bet letzten Wochen gelebt hatten. Es lagen 18 tote Mäuse rings um den großen Käfig, und dadurch stellte sich heraus, daß das Eulen-Eltern- paar die Gefangenschaft der jungen Eulen im Garten entbedi und die Tiere Rächt für Rächt durch die wei­ten Gilterftabe des kleinen Käfigs mit Mäusen gefüt­tert halten. Durch den Umzug in den großen Käfig mit den engen Stäben konnten die alten Eulen bie Mäuse ihren Jungen nicht zufnhren unb stimmten dat­ob das fürchterliche Geschrei an Jeden Morgen fin­det Herr B. nun 10—18 tote Mäuse vor dem großen Käsig, auch manchmal einige große Sperlinge; bei kaltem, regnerischem Wetter ssind nur 4—6 Mäuse dort. Herr B. hat berechnet, daß die drei jungen Eulen in den letzten Wochen über 300 Mäuse ver­schlungen hoben, unb beabsichtigt, diese nützlichen Tiere, bie er zuerst töten und ausstopfen lassen wollte, wieder in Freiheit zu setzen.

— Ein russisches Urteil über eine alte deutsche Hoch­schule. Die alte deutsche Hochschule Dorpat, die den Anspruch erheben durfte, bei Aufzählung der wissen­schaftlichen Pflegestätten von internationalem Rufe in der ersten Reihe genannt zu werden, ist unter der Kulturpflege des russischen Staates zu der Universi- Jtät Jurlew herabgesunken, bie selbst nach russischen

Deutsches Reich.

* Bismarck und bet Kulturkampf. In dem eben erschienenen 3. Band der fötemoheti des sächsischen Ministers Frhr. v. Friesen beton. Bismarck in einem Gespräch mit dem Minister, daß er an der späteren Verschärfung des Kulturkampfes, der anfangs nur gegen das Zentrum gerichtet sein sollte, unschuldig sei. Zu der Darstellung bemerkt der,ReichsbotcK

„daß Bismarck so wenig mit den Maigesetzen zu tun gehabt, können wir uns nicht denken, da er doch oft sehr energisch in die Debatte über dieselben ein­gegriffen hat, und auch seine Aeußerung zu Beginn des Kulturkampfes, daß es sich um den allen Kampf zwischen Priesterherrschaft und Reich handle, beweist doch, daß Bismarck sich bewußt war, daß das Zentrum in sehr engen Beziehungen zum Saeerdotium der katholischen Kirche steht. Gegen das Zivilstaudsgesetz hat Kaiser Wilhelm sich lange gesträubt, schließlich konnte er aber dem Verlangen Bismarcks nicht wider­stehen. Daß Bismarck sich von Camphausen und Falk so abhängig fühlte und so wichtige Gesetze unterschrieb, ohne sie gelesen zu haben, daß scheint uns unglaublich. Ist es aber wahr, so beweist das die Schuld des Liberalismus an allem, was damals geschah; nur müssen wir aber konstatieren, daß Bismarck damals auf Seiten des Liberalismus stand, für die Politik der Maigesetze gegen die konservative Partei aufs heftigste eintrat, die konservative Partei durch die amtliche Wahlbeeinflussung zerbrechen half. Aber wir haben immer die Ueberzeugung gehabt, daß Bismarck das mit innerem Widerstreben gegen seine konservative Grundstimmung tat, worauf auch die Leidenschaftlich­keit seiner damaligen Kundgebungen hindeutet. Es war das Unglück Bismarcks, daß er sich durch Lasker, Bamberger, v. Bennigsen u. a. täuschen lieft und die liberale Aera begann, bie* uns dann nicht bloß den Kulturkampf, fonbem auch das demokratische Reichstags­wahlrecht und den Freihandel brachte. Bismarck hat diese Irrung später selbst eingesehen und bereut, und aus dieser Stimmung oder Verstimmung werden auch die obigen Steuerungen hervorgegangen sein."

* „Religion ist Privatfache." Auf einer ano­nymen Postkarte wurden bie ,Hamb. Nachr/ ge­fragt, ob ihnen nicht bekannt fei, daß alle An­gestellten des sozialdemokratischen Ko nfum- vereins „Produktion" gezwungen würden, aus der Landeskirche auszutreten. Als Vor­wand werde die Kirchensteuer genommen, damit der Partei nicht vorgeworfen werden könne, sie kämpfe gegen die Religion. Wenn bei solchen Austritten bann der Pastor zu seinem Gemeindemitgliede gehe und Vorstellungen mache, so komme es vor, daß ihm die Frau sage: „Min Mann mutt jo!" Als Ersatz seien für die Ausgetretenen im Gewerk­schaftshause „Freidenkerabende" eingerichtet. Da diese Postkarte anonym war, hat das Blatt sorg­fältige Erkundigungen eingezogen. Die Angaben wurden im wesentlichen bestätigt:

Ein Statut oder eine Klausel im Anstellungsver­trag, die den Austritt fordert, besteht natürlich nicht; so töricht sind bie Genossen nicht. Aber Tatsache ist, daß die Angestellten des Konsumvereins planmäßig auslreten unb dem Pastor offen zugeben, sie seien dazu gezwungen, wenn sie ihre Stellung nicht ver­lieren wollten. Ein Teil von ihnen tritt wieder zur Kirche über, wenn er seine Stellung aufgibt oder verliert, und läßt sich dann auch bei seinem Konfir­mandenpastor trauen. Bei solchen Austritten bemühen sich auch die Pastoren schon gar nicht mehr, den Ab- gesallenen zurückzugewinnen, weil sie erfahrungsgemäß vergebens kommen würden. Es liegt also kein statu­tarischer Zwang, wohl aber ein terroristischer Druck vor, der sich keineswegs mit dem Leitsatz ver­trägt, daß Religion Privatsache sei.

Volt$wirtfd)aftli(f)es und Sozialer.

* Die Lebensmittelpreise zeigten im No­vember eine kleine Neigung zum Sinken gegen­über dem Vormonat. Preisrückgänge, allerdings nur recht geringfügiger sJiatut, hallen Weizen- und Roggenmehh Hülsensrüchte und Eßkartofieln. Auch Schmalz war eine Kleinigkeit billiger, Butter dagegen um ein geringeres teuerer.

* 10 Milliarden Spargelder. Die ,Stat. Korrsp.' veröffentlicht eine Uebersicht über di vorläufigen Haupte-gebniffe der preußischen Spar-

kaffenstaltstik, aus der sich ergibt, daß das Rech­nungsjahr 1909 sehr günstig verlaufen ist. Die Zahl der Sparkaffenbücher hat sich stärker ver­mehrt als je zuvor, und die Spareinlegungen haben sich um die noch nie erreichte Summe von rund 10 Millionen Mark erhöht und damit den Betrag von 10 Milliarden Mark überschritten.

Amt Geisa und Umgebung. -

* Tiefenort, 31. Dez. 1910. Hier finden im Jahre 1911 folgende Märkte statt: Am 18. Januar: Schweinemarkt; 15. Februar: Schweinemarkt; 15. März: Schweinemarkt; 19.~ April: Rindvieh- und Schweinemarkt; 17 Mai: Schweinemarkt; 21. Juni: Rindvieh- und Schweinemarkt; 19. Juli: Rindvieh- und Schweinemarkt; 16. August: Schweinemarkt; 20. September: Schweinemarkt; 18. Oktober: Schweine­markt; 15. November: Rindvieh- unb Schweinemarkt; 20. Dezember: Schweinemarkt. Sämtliche Märkte fin- ben gewöhnlich den butten Mittwoch im Monat statt.

* Ans Thüringen, 1. Jan. 1910. Nach dem Er­gebnis ber Volkszählung vom 1. Dezember be­ziffert sich bie ortsanwesenbe Bevölkerung bes Groß­herzogtums Sachsen-W eimat auf 417 166 Per­sonen, was eine Zunahme gegen 1905 von 7,49 Pro­zent bebeutet. Von 1900 bis 1905 betrug bie Zu­nahme nur 6,95 Prozent.

*Sünna, 31. Dez. 1910. Gestern hielt im hiesigen Obstbauverein Herr Bürgerfchullehrer Acker­mann aus Eisenach einen Vortrag über die Anwen- bung künstlicher Düngemittel im Feld- unb Gar­tenbau. Durch Vorführung einer Anzahl Lichtbilder wurde bett Anwesenden gezeigt, welche Erfolge bie richtige Anwendung der künstlichen Düngemittel zei­tigen.

Mus (Dberljcfien u. d. Hess. Ämtern.

* Marburg, 31. Dez. 1910. In der gestrigen Stablverordnelensitzung wurde das Ortsstatut zum Schutze der Stadt Marburg gegen Verun­staltung angenommen.

* Homberg a. b. Ohm, 31. Dez. 1910. Eine sel­tene Belohnung wurde einem Mädchen aus einem Nachbardorfe für treue Dienste zuteil. Das Mädchetr hatte sich im Oktober 1898 zu einer Wiesbadener kin­derlosen Dame vermietet. Die Dame starb Mitte No­vember und hat das Mädchen in ihrem Testament reich bedacht. Sie vermachte ihm ihre goldene Uhr, eine vollständige Zimmereinrichtung, eine beträchtliche Menge Weißzeug und außerdem in Wertpapieren 25 000 Mk

* Frankenberg, 31. Dez. 1910. In unserem Nach­barorte Medebach auf der Kleinbahnstrecke Medebach— Steinhelle verunglückte gestern abend ein Personenzug. Ein mit Grubenholz beladener Guterwagen, von ber Verkoppelung losgerissen, kam ins Rollen unb fuhr bem Personenzug entgegen, entgleiste in einer Kurve und schlug um. Der Personenzug fuhr auf den dicht am Geleise liegenden Güterwagen, wobei die Ma­schine und etliche Wagen entgleisten und u m s ch l u g e n unb arg beschäbigt wurden. Wun- derbarerweise blieben sämtliche Mitreisenden unver­letzt unb konnten mit einem Reservezuge weiter geschafft merben. Die Strecke wurde noch in derselben Nacht wieder frei gelegt.

* Welter, 31. Dez. 1910. Ueber den Unfall an f d er Brücke bei Niederwetter in der Nacht zum Dienstag wirb noch berichtet: Der junge Mann be­lästigte das vvin Tanz heimkehrende Mädchen, wobei das Geländer nachgab und beide ins Wasser fielen. Der Bursche machte sich eiligst davon, während das Mädchen auf bie Hilfe fremder Leute .angewiesen war. Es hatte sich, wie mitgeteilt, bei dem Sturze schwer verletzt

* Fritzlar, 31. Dez. 1910. Der Sohn des Schuh­machers Blum in D i f f e n spielte mit einigen seiner Kameraden in einer Scheune. Die Jungen stiegen bis unter das Dach, um ihr Spiel treiben zu können. Dabei kam der Kpäbe der Luke zu nahe, fiel auf die teere Tenne und blieb tot liegen. — Von vielen Gemeinden laufen jetzt Klagen ein über die B e­

Universttätsbegrifsen eine russische Hochschule dritten ober vierten Ranges ist. Es ist wertvoll, wenn ber seltene Fall festgestellt werden kann, daß dies Ergeb­nis von russischer Seite bestätigt wird. Der angesehene unb bekannte St. Petersburger Journalist W. S. Sfonin schreibt nach den Mitteilungen bes Vereins für das Deutschtum im Auslande in der St. Petersburger Zeitschrift „Wessjrnir" am Schluß eines Aussatzes über bas alte Dorpater Bruschenleben: „In biefer Weise floß das Leben im Universitätsstädtchen dahin, über bas so mancherlei ßegenben im Schwange waren unb von Munb zu Mund gingen. Es fand sich wohl auch manches Häßliche unb Lächerliche vor, aber meist gab es Schönes. Die Slubenten liebten ihre alma mater unb hielten sie in hoher Achtung. Unb sie arbeiteten. Nicht ohne Grund galt diese Universität als eine ber ersten in ber Reihe ber besten Hochschulen ber Welt. Richt ohne Gmnb schuf biefe Universität drei Wissen­schaften: bie Pharmakologie (Schmiedeberg), die Em­bryologie (Karl Ernst v Baer) und die Geschichte des russischen Rechtes (Engelmann). Nicht ohne Grund bekleidete jeder zwölfte oder dreizehnte Student die­ser Universität eine Professur. Jetzt ists nicht mehr so. Mit Recht mag man sie zu einer russischen Universität gemacht haben, aber mit Unrecht sind ihre früheren euro­päischen Berühmtheiten durch derartig hausbackene Lehrkräfte ersetzt worden, daß man über sie erröten i muß. Auch Straßburg ist zu einer deutschen Universi­tät umgewandelt worden. Und wen haben die Deut­schen an Stelle ber französischen Professoren gesetzt? Die Blüten ihrer Wissenschaft! Unb bei uns? . . ."

— Die Cholera in Madeira. In einem Privat­brief aus Funchal vom 21. November, ber ber Köln. Zig." zur Verfügung gestellt worben ist, heißt es: Cholera! .Wir haben sie; seit acht Tagen vielleicht, 1 und mit jedem Tage nimmt sie zu an Umfang und

Schrecken. Die Stadt Funchal hatte damals nur noch wenig Ueberlebenbe. Ueberhaupt faßt einen bas Grauen, wenn man die Einzelheiten davon hört; wie die meisten Leute vor Hunger gestorben sind, weil kein Bauer etwas in die Stadt brachte und kein Dam­pfer anlegte; wie bie Toten durch bie Fenster auf die Straße geworfen, von Militär weggeschafft und in Massengräber gepackt wurden. Ter Fattor, wohl ber wichtigste, ber bie Krankheit am meisten begünstigt ist

der kolossale Schmu tz, in bem bie Landbevölkerung lebt. Die Leute haben oft nur eine kleine Hütte, mit Stroh gedeckt, die einen einzigen dunklen Raum bie­tet, ohne Fenster unb Licht. Tie zwei Töpfe, bie sie haben, bienen ebenso zum Kochen der armseligen Nah­rung als auch zum Waschen; zum letztem wohl weni­ger, weil das seltener vorkommt Baden ist ihnen ein ganz unbekannter Begriff. In der Stadt bei den ar­men Leuten ist es nicht viel besser. Die Leute haben oft nichts oder nicht viel zu essen, aber um den Boden zu putzen ober bie Fenster unb begleichen läßt man sich alle Jahre einmal einen Mann, ber eben noch etwas ärmer ist, ins Haus kommen, unb ber versteht ausgezeichnet, zu putzen. Vor drei bis vier Jahren hatte man in Funchal Geld nötig unb hoffte, es von ber Regierung in Lissabon zu bekommen. Um nun ber Regierung in Portugal zu beweisen, wie un- terstützungsbebürstig bie Bevölkerung sei, würbe ge­sagt, die P e st wüte auf Mabeira. Aber dazu ge­hörten Beweise. Es wirb heute erzählt, daß einige ZOO Leute von den Aerztcn daraufhin „behandelt" worden sind, die es alle mit dem Leben bezahlen >mußtm, daß bie Regierung hernach 4 Kontos — 16 000 Mk. herausrückte. Man erzählt sich, baß kleine Kinder, um die Sterblichkeitsziffer zu erhöhen, einfach erwürgt worden feien. Hernach kam man dahinter. Einige, darunter die Anstifter der Machenschaft, sind geflohen, andere auch vielleicht bestraft worden. Aber die £eute waren tot. Wegen dieser Sache nun ist die hiesige Bevölkerung sehr mißtrauisch. Man lacht über di- ernstesten telegraphischen Vorkehrungsmäßre- geln von Lissabon. „Es ist wieder genau so wie da­mals", meint man; „die wollen uns noch einmal so mitspielen", heißt es, und „bie Apotheken wollten ihre Medikamente los fein". Das ist das Schlimmste, und der Streich von damals rächt sich jetzt. Die Leute lassen die gewöhnlichsten Vorsichtsmaßregeln außer acht, trinken weiter, gegen ansbrücklichstes Verbot, un­gekochtes Wasser, essen Früchte und geben „Tote be­suchen", den Bazillus mitschleppmd und immer weiter verbreitend.

— Sabotage hält man für eine Erfindung der allerneuesten Zeit unb ber Franzosen. Daß auch auf diesem Gebiete „alles schon bagetoefen" ist, ersehen wir aus der netten Geschichte von den beiden Postillionen,

schädigungen junger Obstbäume durch Hafenfraß. Die in diesem Jahre besonders zahlreich aufgetretenen Tiere zernagen die jungen Stämmchen bemaßen, daß die Bäume zum größten Teil eingehe» werden Ein Schuh der Stämmchen durch Draht ober Baumreifer hält die Hasen fern.

vermischtes.

♦ Ein entlarvter Held In bem historischen Hause von Bazeilles bei Sedan, wo sich 1870 die letzten Franzosen gehalten hatten, und das heute zu einem Museum ausgestaltet ist, hatte der französische Ver­ein sür Kriegserinnerungen einen früheren Mitkämpfer dieses Tages als Wächter angestellt. Der Mann, namens Rocher, erhielt von den Besuchern pro Jahr etwa 10000 Franks Trinkgeld, und da er sich weigerte, einen Teil davon an den Verein abzw führen, ward ihm gekündigt. In dem Prozeß hierüber ward laut ,Voss. Zig/ sestgesteUt, daß bei Mann gar nicht an jenem Kampfe, von bem er stets sehr ruhmredig sprach, leilgenommen hatte.

* Tie Kleinbahn-Idylle sind in Bayern zu Hause, es gibt sie aber auch im deutschen Norden. Ein Zug der Linie W o lm irst äd t-Ko ld i tz (Provinz Sachsen) hatte lange vergeblich auf die Post ge­wartet und fuhr daher ab. Unterwegs aber sah man den Briefträger auf seinem Dreirade in höchster. Eile nachkommen. Die Fahrgäste hatten Mitleid, und auf ihr Haltrusen hielt denn auch das Zügle, um den schweißtriesenden Postwenschen auszunednien.

* Um Haares Breite. Ein Personenzug, ber in Küpper st eg (Rheinlanb) halten muß, um den Llohdexpreßzug Genua-Altona durchzulassen, hatte am Freitag die Fahrt bis Langenfelde durchgeführt, weil das Signal aus freie Fahrt stand, und war eben im Ueberholungsgleis, als ber Expreßzug an ihm vorbei- sauste. Der Passagiere bes Personenzuges bemäch­tigte sich eine große Aufregung. Aus bem letzten Wa­gen sprangen verschiedene Reisende entsetzt auf den Bahnkörper. Ein geringfügiger Aufenthalt des Per­sonenzuges auf der Bahnstrecke würde ein schreckliches Eisenbahnunglück herbeigeführt haben.

* Grosffeuer unb Explosionen. Bei einer Explo­sion in einer nicht in Benutzung stehenden Teergrube der Dachpappenfabrik von Zimmermann in Minden (Westfalen) wurden vier Arbeiter teils schwer, teils leichter verletzt. "Ein Arbeiter hatte unbefugter Weise die" Eisenplatte von der (Srubenöffnung hochgehoben, wobei sich die in der Grube befindlichen Gase ent­zündet haben müssen. — In H i l g e r s d o r f bei Neustadt in Sachsen explodierte eine Azetylen- Beleuchtungsanlage. Der Gastwirtslohn Sandnttschek wurde in Stücke g e r iss en Mehrere Häuser wurden schwer beschädigt. — Las Bergwerk in Nieder-Halbendorf (Schlesien) ist mit sämtlichen Maschinen und Gebäuden durch ein Feuer vollständig zerstört worden. Vermutlich liegt Brandstiftung vor. In Posen sind drei -rro=_ ckenschnitzeschuppen der neuen Zuckerfabrik von Ko­sten abgebrannt. Der Gesamtschaben beträgt etwa 200 000 Mark.

* In einem Neubau der Hygiene-Ausstellung in Dresden versuchten vier auf einem Gerüst beschäf­tigte Malergehilfen in einer Hohe von etwa zehn Me­ier das schwere Gerüst an der Wand hin fortzubewe­gen. Durch einseitige Belastung stürzte das Ge­rüst z u s a m m e n und begrub die vier jungen Leute unter sich. Drei von ihnen erlitten Schädelbrüche unb schwere Gehirnerschütterungen. Der Vierte ist weniger schwer verletzt.

* Schisfsuutergang. Mau befürchtet, daß der am g. Dezember von London nach Südafrika abgegangene Dampfer „Axim" untergegan gen ist. Die Mannschaft des Dampfers zählte 30 Kopfe; außerdem befinden sich vier Passagiere an Bord

* Geheimnisvolle Verhaftung. Ein Telegramm aus Saragossa (Spanien) meldet, daß dort eine sehr vornehm auftretende Persönlichkeit unter geheim­nisvollen Umständen verhaftet worden sei. Man ver­mutet, daß die Verhaftung auf Befehl des Ministers des Innern erfolgte. Der Zivrlgonverneur von Sara­gossa erklärte, daß es sich um einen äußerst wichtigen Fall handle.

die wir in I. P Hebels Werken finden. In ber schonen Zeit, da noch die gelbe Postkutsche bas übliche Verkehrsmittel war, und bei besonderer Eile die Extra­post benutzt ivurbe, war auch ein regelmäßiger Post- dienst zwischen Fürth und Hechingen eingerichtet. Zwei Geschäftsleute, die in den entgegengesetzten Stationen ihr Heim hatten, pflegten den Thum- und Taxisschen Rumpelkasten regelmäßig in geschäftlichen Angelegenheiten zu benutzen. Der Zufall brachte es nun mit sich, daß bie beiden Reisenden sich des öfteren unterwegs trafen. Da sie aber sehr knausrige Herren waren und mit dem Trinkgeld kargten, so heckten die beiden „Schwager" einen Plan aus, um den Han­delsherren ihre Filzigkeit adzugewohnen und den Ver- scbluß ihres Geldbeutels etwas zu lockern. Sie rich­teten es so ein, daß sie sich auf enger Fahrstraße be­gegneten. Da keiner weichen und Platz machen wollte, kam es bald zum Streit, unb hagelbicht fielen bie Schimpsworte. Als,ber Worte genug gewechselt wa­ren, ging, man zu Taten über, unb bie Postillione hie­ben mit ihren langen Peitschen ganz gehörig brein — aber nicht aufeinander! Der bayerische Fuhrknecht er­barmte sich des schwäbischen Fahrgastes, während ber schwäbische Schwager den bayerischen Passagier nach allen Regeln ber Kunst bearbeitete. Nach Beendigung des Kampfes strichen bie beiden Schelme sich ihren Fahrgästen gegenüber heraus, wie sie es dein anderen gegeben hätten; aber ber hätte es nicht anbers ver­dient -- der wäre ein knickriger Geizkragen. — He­bel berichtet nicht, ob diese Radikalkur geholfen und die Knauser zu größerer Freigebigkeit angespornt hat.

— Zurechtweisung. Reugewähtler Vereinsvor- staub ftpät abends heimkornmend, als ihm feine Frau eine Gardinenprediat halten will): „Was, reden willst Du? . . . Dann bittest Du zuerst nms Wort!"

— Entgegenkommend. Zuchthausdirektor: „Kon­ditor sind' Sie afto? Ta wollen wir 'mal einen Versuch in der Bäckerei mit Ihnen wachen." — Sträfling (eifrig): „Gewiß! Soll ich 'mal fürs ganze Zuchthaus Apfeltörtchen baden?"

— Auf der Setnndärbahn. tHeijenber: „Ihr fahrt ja heute wie wild. So kommt ihr ja zu früh an die Endstation." — Schaffner: „Absichtlich! Im Knvce »weiter Klaffe sitzt ein Witzblattredakteur."