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aff 293.

Samstag 21. Dezember 1012.

2ins -em Na^bargeb!eLe.

• pEnfcfb, 20. De;. 1912. Der Kreistag ae- itthmigke den Voranschlag von 42 500 Mk. für die Unterhaltung der Weg- für das Etatsjahr 1913. Außerdem bewilligte man 10 000 Mark zur Her­stellung auheretatsmäßiaer Steindecken und ermäch- itgte den Kreisausschuß bis auf weiteres, die Kosten­anschläge über die laufenden Wege-Unterhaltunqen alljährlich zu genehmigen. — Das Projekt zur Ver­bretterung des Landweges Hünfeld-Großen­bach wurde gebilligt. Die auf 12 300 Mk. veran­schlagten Baukosten sollen dadurch Deckung finden, daß die Hälfte des Betrages aus Mitteln des Be­zirksverbandes als Unterstützung erbeten werden soll. Ter Kreis gibt eine solche von 3075 Mark, während für den Restbetrag die Stadt Hünfeld 2125 Mk. und die Gemeinde Großenbach 950 Mk. bewilligt haben. Auf gleiche Weise beschloß man die Ausbringung de: auf 5000 Mk. veranschlagten Kosten des Projekts zur Ausbesserung des Landweges Hünfeld - Rüst in­nerhalb der genannten Gemarkungen. — Das Pro­jekt zur Verlegung des Landweges Burghaun- Mahlert s innerhalb der beiden Gemarkungen wurde gebilligt und die Aufnahme dieser verlegten Wegestrecke in den Landwegebau-Vcrband befürwor­tet. — Es wurde beschlossen, mit dem Inkrafttreten der Reichsversicherungsordnung für den Umfang des Kreises Hünfeld je eine allgemeine Ortskran­kenkasse und eine Landkrankcnkassc zu errichten und die weitere Zulassung bezw. Ausgestal­tung der für den Bezirk der Stadt Hünfeld bestehen­den Ortskrankenkasse nicht zu befürworten. — Die Jahresrechnung der Kreissparkass e für das Rechnungsjahr 1911 wurde genehmigt. Die Rech­nung schließt ab mit einer Einnahme von 733 098 und einer Ausgabe von 700 406 Mk.

* Frankfurt, 19. Dez. 1912. Bürgermeister Grimm hat dem Magistrat aus Gesundheitsrücksichten sein Entlassungsgesuch eingereicht. Grimm ge- hört dem Magistrat seit 25 Jahren an, zunächst als Stadtrat und Leiter der Schulverwaltung, dann als Bürgermeister. Seine unermüdliche Arbeit und die Entschiedenheit, mit der er dos für richtig Erkannte zu vertreten wußte, zwangen ihm die Achtung aller Parteien ab. Grimm zählt sich politisch zur Ncttio- nalliberolen Partei. Ferner tritt auch der unbesol­dete Stadtrat Bankier v. Metzler nach 31 jähriger Tätigkeit Ende dieses Jahres zurück; v. Metzler, der Mitglied des Herrenhauses ist, gehört ebenfalls der Nationalliberalen Partei an. — Die Eröffnung der Universität Frankfurt ist nach dem gegen­wärtigen Stand der Vorbereitungen kaum zum Som­mer 1914 zu erwarten. Gegen den in Aussicht ge­nommenen Erweiterungsbau des Jügelhauses, in dem sich gegenwärtig die Hörsäle der Akademie bc- finden, und geaen die hohe und dichte Bebauung des angrenzenden Geländes, wie es in einem fertig aus-

Rs. Die Mesiiaserwartung der Juden zur Zeit Christi.

Die allgemeine Wethnachtsstimmung der Christen­heit bringt jedes Jahr aufs neue der Menschheit die jüdische Missiaserwartung in Erinnerung. Der mo­derne Mensch, dessen Geist vom Lichte der christli­chen Weltanschauung nicht erhellt ist, empfindet die Messiascrwartung der Juden, wie er sie in den Evangelien bezeugt sieht, als eines der größten völ­kerpsychologischen Probleme. Er fragt sich, wie kam es, daß eine ganze Station wie die jüdische, Jahr­hunderte hindurch von der abgeklärten, bestimmten und festesten Ucberzeugung erfüllt war, daß aus ihrer Mitte in absehbarer Zeit ein mit göttlichen Macht­vollkommenheiten ausgerüsteter Weltheiland hervor­gehen werde mit der Aufgabe, Juden wie Heiden wahre Gotteserkenntms, Gerechtigkeit und Gottes­furcht zu bringen. Mag auch der theologische Freisinn die messianische Hoffnung der Juden vermittelst reli­gion-geschichtlicher Parallelen sich zu verdeutlichen su- chen, ein unlösbares Rätsel wird sie in ihrer Einzig­artigkeit ihm dennoch bleiben. Nur wer in ihr das Walten des um das Heil der Menschheit besorgten Gottes erkennt, wird zu ihrem wahren Verständnis Vordringen.

Viele- hatten die Juden zur Zeit, da Jesus un­ter ihnen auftrat, von der Hoheit und ursprünglichen Reinheit ihrer Religion eingebüßt. Verloren gegan­gen war ihnen auch die nationale Selbständigkeit. Seit mehreren Jahrzehnten war ihr Nationalheilig­tum, der Tempel, unter römischen Schutz gestellt. Un- geschwächt bewahrt indes hatten sie die Hoffnung auf den gottverhcitzenen Messias. Sie gehörte seit Jahr­hunderten zum Marke ihrer Religion, bildete das Kennzeichen eines echten, gläubigen und national­gesinnten Juden. Sie erlosch nicht in den Tagen deS politischen Niederganges und loderte hoch auf beim Anbruch besserer Zeiten. Sie steigerte sich immer wehr, bi» sie zu Beginn unserer Zeitrechnung zu einer fieberhaften Spannung führte und alle Gesell­schaftsklassen, Reich und Arm, Hoch und Niedrig, Priester und Volk, mit ihren Aussichten und Befürch. tungen heimsuchte. Man sprach damals vom Mes- siaS und seinem Reich wie heute vom Krieg und Kriegsrüstungen. Selbst die Nottonalliberalen unter den Juden, die Sadduzäer, konnten sich ihrer nicht ganz erwehren, wie ihre Begegnung mit Jo- Hannes dem Täufer zeigt.

Auch die Samariter, die von den Juden nie halbe Heiden betrachtet wurden und nur die fünf Bücher Moses als kanonisch anerkannten, teilten mit ihren Nachbarn die Hoffnung auf den kommenden Messias Die Samariterin am Jakobsbrunnen er­wartet vom Messias, daß er ihren Landsleuten „alle Wahrheit verkünden werde". Nicht weniger war die missianische Ermattung in der jüdischen Dia- spora heimisch. In Korinth wie in Rom, in Klein- asien wie in Unterafrika trieb sie immer neue Kno- spen und Blüten So mag auch das dritte Buch der jüdischen Sybillinischen Orakel um d. I. ! 140 v. Ehr. von einem ägyptischen Juden versaßt worden sein. Ter Verfasser erwartet, daß Gott vom Himmel her einen König senden wird, der auf Erden dem unheilvollen Krieg ein Ende bereiten, die Sün­der bestrafen und die Gereckten ausrichten, die Rat­schläge Gottes getreu zur Ausführung und als macht­voller Wcltkönig herrschen wird aus ewig.

gearbeiteten Universität^, Bauplan vorgesehen war, . wurden aus fachmännischen Kreisen lebhafte Ein­sprüche erhoben. Der Architekten- und Ingenieur- Verein kam zu der Entschließung, daß der jetzige Universitäts-Bauplan zur Ausführung noch nicht geeignet sei, und daß es noch gründlicher Vor­arbeiten bedürfe, um ihn brauchbar umzugestalten.

* Rolkubuig, 20. Dez. 1912. Die Krerstagswadlen hatien folgendes Ergebnis: 1. Ergänzungswadl: Over« tammerverr iHieoefel Frhr. zu Eueuach auf Schloß s Ludwigseck, Oderiörster von Trott zu Solz m Roien- buig, Kammertzerr Frhr. non Cron berg tn Nickels» bori, Bürgermeister von Kupi; tn Rotenburg, Bürger« wetster Helse in Sontra, Bürgermeister Degenhardt tn Erdpenhamen, Bürgermeister Kraffte in Bedra, Bürgermeister Ehrhardt tn Oderlhalhamen, Bürger- wetster Meckbach tn Nenaershaien, Bürgermeister Rotenstock 'n Ooermhl, Gutepächter Cornelius in Imshausen; 2. Ersatzwahl: Rentner Classen in Rotenburg.

A Kassel, 19. Dez. 1912. Der Windthorst- bund Kassel veranstaltete am Montag eine sehr gut besuchte außerordentliche Versammlung, in der Herr Kaplan Wehner über „Sie Jesuiten- frage in ihrer neuesten Entwickelung" sprach. Er führte etwa folgendes aus: Ern Grundsatz des Zen­trums ist es, die christliche Weltanschauung auch tn den Fragen des öffentlichen Lebens zur Anwendung zu bringen. Eine Hauptforderung dieser Weltanschau­ung lautet: Suum cuique. Jedem das Seine, d. h. die unveräußerlichen Rechte eines jeden Menschen, jedes Standes müssen gewahrt werden. Dieser For­derung muß auf allen Gebieten Folge geleistet wer­den, auf dem wirtschaft!., dem sozialen und nicht zu- letzt auch auf dem religiösen Gebiet. Diese Forderung ist gröblich mißachtet worden: das Jesuitengesetz und erst recht der Bundesratserlaß vom 28. November nehmen, keine Rücksicht darauf. An Hand der Reden Spahns, Gräbers und des Reichskanzlers wies der Redner überzeugend nach, tote sehr der katholische Volksteil Grund hat, sich in seinen Grundrechten ver­letzt zu fühlen und auf tote schwachen Füßen die Ver­teidigung des Reichskanzlers stand. Mit dem Hin­weis aus den Fall CohauSz erledigte er die Beha ip- tung, durch den Bundesratserlaß werde an der bis­herigen Praris nichts geändert. Er schloß seine m- tercssanten Ausführungen mit den Worten: Was werden wir tun? Dem Vaterland die Treue kündi­gen? Unsere monarchische Gesinnung revidieren? Nein, wir bleiben treu dem Vaterland, wir stehen nach wm vor treu zum Thron, aber auch treu zum Altar. Wir kämpfen für unsere heiligsten Güter und für die, welche verpflichtet und befähigt sind, an der Erhaltung der Religion mitzuarbeiten. Geschlossen und mit aller Energie kämpfen wir um Wahrheit, Freiheit und Recht für alle, auch für die Jesuiten. Beim Untergang der Titanic warfen sich Mannschaft und Passagiere des Ricsenschiffs auf die Kniee und beteten angesichts des Todes zum Lenker der Ge­

schicke: „Näher, mein Gott, zu Dir, das soll die Lo­sung fein." Du, deutsches Vaterland, das in einem Meer innerer und äußerer Feinde zu versinken droht, lerne von der sinkenden Titanic! Jetzt in diesen schwe­ren Zeiten sollten diejenigen, welche die Verantwor­tung für die Nation tragen, das religiöse Bewußtsein im Volke pflegen, jetzt sollten sie vor allem diejenigen nicht wie Verbrecher und Staatsfeinde behandeln, die es sich zur Aufgabe machen, das Christentum im Volk zu erhalten und zu mehren. Auch diesen Leu­ten gegenüber sollte man eingedenk sein der Wahr­heit des Wortes: Gerechtigkeit ist die Grundlage der Staaten! An den mit großem Beifall aufgenomme­nen Vottrag schloß sich eine lebhafte Diskussion, in der auch auf die voreingenommene, ungerechte und verletzende Art hingewtesen wurde, mit der der Kas­seler Zweigverein des Evangelischen Bun­des die Jesttiienfrage auf feinem letzten Familien­abend behandelt hatte Die vom Evang. Bund auf. gestellte Behauptung, das ganze protestantische Volk fordere die Aufrechterhaltung beS JesuitengesetzeS, wurde durch Verlesung einer Menge von Zeugnissen hervorrggender Protestanten widerlegt. Zum Scklnß wurde einstimmig beschlokken, der Zentrumsfraktion des Reichstags folgende Resolution zu senden: Der Windtborstbund Kassel legt mit aller Entschiedenheit Protest ein gegen die durch den Bnndesratsbeichln ß vom 28. November herbeigefühtte Verschärfung des JcsintengesekeS. Er erkennt in diesem Beschluß eine en'vörende Unaerecktiakeit gegenüber dem katbolsschen deutschen Vollsteil. Er dankt der Zenfrumsfrciktwn für ihr entschiedenes Eintreten für die gänzliche M- schaffnna des ungerechten AirsnohmegefeNes und bittet sie. mit der aTei^en Energie wie bisher die Reckte des katbol'fchen PoEsteils rn vertreten. Dabei wird sie dm aereck» denkenden Teil de? deutschen PaEes, ins­besondere die kathol. Bevölkerung, hinter sich haben.

vermischtes.

* Eine Hundertachtzchnjährige. In Dormowo im Kreise Meseritz lebt eine Frau, die sicherlich nick, nut die älteste Frau der Provinz Posen, sondern viel- leicht des ganzen Deutschen Reiches ist. Es ist die Arbeiterin Hedwig Stawna, die, tote festgestellt wurde, am 15. Oktober 1794 geboren ist. Sie hat ihr ganzes Leben hindurch gearbeitet und war noch im letzten Herbst mit Kattoffelhacken beschäftigt. Seit einigen Wochen liegt die alte Frau infolge eines Schlaganfalles krank zu Bett. Angehörige hat Frau Stawna nicht mehr.

* Zwei indische Bankiers auf der Flucht. Die spanische Polizei verhaftete im Hasen von Vigo zwei indische Bankiers, die nach Unterschlagung von 60 0 0 0 0 M a r k geflüchtet waren. Auf die Ver­haftung der Bankiers war eine Belohnung von 50 000 Mark ausgesetzt worden. Sie heißen Robinson und Mondayn.

Durch die liebersetzung der Heiligen Schriften des Alten Testamentes in das Griechische und den per­sönlichen Verkehr der Diaspora-Juden mit den Heiden drang der messianische Gedanke immer mehr auch in das Gott suchende und Erlösung verlangende Hei- den tum ein und nahm dort, mit altorientalischen Vorstellungen und Sagen vermisckt, die mannigfal- tigften Formen an. Messianisches Kolorit weist die vierte Ekloge des römischen Dichters Vergil auf. Darin singt er von einem zu erwartenden wunder­baren Kinde: „Sei nur du, keusche Luzina, hold dem Knaben, wenn er geboten wird, unter dem das eiferne Zeitalter aufhört und auf der ganzen Welt das gol- bene auoricht. — Jener aber wirb ein Leben der ©ötter empfangen — und wird den besänftigten Erd­kreis mit väterlichen Tugenden regieren." ‘ Und der „Göttliche Augustus" läßt sich allerorts feiern als Heiland, der „aller Fehde ein Ende machen und alles herrlich ausgestalten wird". lSoraz ©arm. i 2, 30 f). Auf der oberen Schickt der römischen hellenistisch ge­bildeten Welt hatte sich trotz des gewaltigen Fort- sckritts der Kultur und Wissenschaft herber Welt­schmerz und unübertoinvlicker Lebensüberdruß seit langem gelagert. Die Philosophie der Stoa hatte Selbsterlösung gevrediat und versprochen, ohne ihr Wort bewahrheiten zu können. Die zahlreichen neuen ©älter und Kulte hatten ebensowenig der religiös- sittlichen Not nickt steuern, noch weniger abhelfen können. Die Vokksmassen waren in die in krasser Vielgötterei und in wüstem Aberglauben befangen. Trotz alledem lebte im Baske ein Sehnen und Ver­langen, ein Hoffen und Ahnen, daß der frohen Bot­schaft des Evangeliums förderlich entgegenkam und manchen Baustein lieferte zum Ausbau der jungen Kirche.

Die klassische Heimstätte der messianischen Hoff­nung war und blieb Palästina mit seinem aus- erwählten Gottesvolk. Seinem Messiasglauben hat die Religionswissenschaft keine gleichwertigen Paral­lelen an die Seite zu stellen Die Heilandserwar­tungen der Heidenvölker waren schattenhaft, unbe­stimmt, zweideutig, fast nur politischen Inhaltes und profanen Ursprunges, ein getreues Spiegelbild des heidnischen Glaubens an bas eiserne Szepter beS un- beugsamen Fatum, dem auch die Götter unterliegen und ihren freien Willen opfern müssen. Im israeli- tisch-mdischen Volke trägt die messianische Idee da» ©evräge göttlicher Wahrheit und geschichtlicher Wick- l'ckkeit und weist religiöS.sittliche Läuterung deS Vol­kes als Wirkung auf. Sie leitet sich her auS dem Geiste gotterfüffter Männer, der heiligen Propheten, deren lautere, nüchterne Gesinnung, Menschenkenni- 1 ms und Lebenserfahrung. Geiste«hobeit und sociale Machtstellung im Volke auch der theologische Freisinn i bereitwillig anerkennt. Sie alle zusammen kenn,eich- 1 nen bis ins Einzelne die Person und da» LebenS- ' sckicksil deS kommenden WeltheilandeS und den reli- i aiös-sittlichen Charakter kein-« Reiches, al» eine» Reiches der Gnade und Wahrheit.

Leider wurde die messianische Hoffnung in den beiden letzten Jahrhunderten v. Ehr. durch die jüdi­sche apogrhphe Erbauungsliteratur mS Profane und Politische verzerrt und nahm \ bizarre, phantastische Gestalten an. Man machte auS dem Messias der Propheten und frommgläubigen Iriden einen politisch-nationalen Befreier und König. Von ihm erwartete man vor allem die völlige Be­freiung der Juden von der Fremdherrschaft, die Niederschmettemng aller Feinde des Gottesvolkes, die Tötung des AntichristS und die glorreiche Wiederher­stellung des silbischen gottherrschaftlichen Reiches. Daher der schroffe Gegensatz zwischen den Anschau- ungen und Erwartungen des von seinen Führern, den Pharisäern, irregeleiteten jüdischen Volkes und dem bestimmten, jenseitig gerichteten Programm, das ;

Jesus von Anfang an den Juden eröffnete. Die falsch verstandenen messianischen Weissagungen ver­leiteten auch noch späterhin daS Volk, falschen Mes- siassen anzilhangen und auf ihr Wort hin die Revo­lution gegen das Römertum zu proklamieren, was alsdann zur völligen Zerstörung Jerusalem- und Auflösung des jüdischen Staatswesens durch die Rö­mer führte. Die Glut der irdischen messianischen Hoffnung hatte den Juden den Blick für ihre wahre Erklärung und eine gesunde Politik getrübt. So wurde das heilige ©otteSerbe vielen ein Stein des Anstoßes und verhängnisvollen Falls. Nicht allen Inden blieb die eigentliche Aufgabe des Mifsias, von Sündennot und seelischen Uebel aller Art die Mensch­heit zn erlösen verborgen. Wie uns das „Benedik- , ins" des Zacharias und das „Magnificat" Mariens zeigen, fand sich in Volks- tote in Prresterkreisen ge­nug Verständnis für das durch den MessiaS zn er­richtende Gottesreich als ein Reich der Gnade und , Wahrheit, der Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Materialistische, stark irdische Gesinnung, Auf­gaben in rein weltlichen, diesseitigen Interessen, über­triebenes nationales Empfinden und Streben war für die Inden Anlaß zur Verkennung und zum । Morde ihres gottgesandten Messias. Wie gar man- cher Nachkomme Abrahams wäre seitdem mit dem Hanvtmanne unter dem Kreuz e Jesu zum Glauben an den Messias der Christen gelangt, wenn er nicht dieselbe Herzensverfassung aufwies wie dir Zeitge- nossen und Todfeinde des Heilandes. Diese irdische Gesinnung blendet wohl auch heute noch die Juden­beit, die mitten im Lickte beS Christentums mit ben Christen Weihnachten feiert, ohne den Glauben an Christus als aottverbeißenen Messias zu teilen. Wird wohl der von den Inden heute noch erwartete Mes­sias mehr Gotterkenntnis, Siebe, Seelenfrieden und Herzensalück, GlaubenSsegen und Zuverssckt auf die Cwiakeit der Menschheit bringen als der Christus der Christenheit uns hinterlassen? Ttn5 Christen aber ist das Schicksal des Jndenvakkes eine ernste Mahnung, die WeihnachtSfrende nicht abhängig werden zu las­sen von dem Reichtum des WeibnachtsbaumeS, sie vielmehr zu suchen in her gottgefälligen GessteSver- fass',na. die n,r werktättaen Anerkennung beS im Christkind erschienenen WelterlöferS führt.

ft Talsperren. -

Bei bem Törtchen Mauer in Schlesien ist vor kur- zem in Gegenwart des Kaisers ein hochinteressantes Jngenieurbauwerk eingeweiht worden: die Talsperre des Boberflusses, eine der allergrößten Anlagen in ihrer Art. Die Erbauung von Talsperren wirb im­mer häufiger; in Deutschland haben wir schon eine ganze Reihe dieser Anlagen doch besteht in der Laien. Welt noch sehr viel Unklarheit über ihre Zwecke und Ziele.

Talsperren können aus drei verschiedenen Grün- den erbaut werden: zur Herbeiführung einer guten und ständigen Bewässerung für Aecker, zur Ab- Wendung von Hochwassergefahren und zur industriellen AuSnutzung von Wasserkräften.

Tie berühmteste Anlage zu dem erstgenannten Zweck, zugleich die großartigste Talsperre ube-hcmpt, ist der Stcmdamm bei Assuan in Oberägypten. Hier haben die Engländer quer durch ben Laus des Sil« eine gewaltige Mauer gezogen, hinter der sie zu den Zeiten, da der Ncl Hochwasser führt, ungeheure Was­sermassen aufspeichern, um sie in ben Zeiten der- minberter Zuflüsse aus den Gebirgen langsam ab- zugeben. Früher lagen bie großen Ländereien in Oberägypten monatelang traurig verdurstet da, wäh­rend in der Hochwasserperiode dcS Nils Millionen von Kubikmetern deS Wassers nutzlos ins Meer flös­sen. Die Sperrmauer im Flußlauf, in der sich eine

* Ein Stadttheater niebergebrannt Das Stadt­theater von Nantes, das schönste französische Thea­ter außerhalb Paris, ist einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen. Der ©esamtfckaden beläuft sich auf eine Million Frank. Als Entstehungsursache ver- mutet man, daß im Bühn en raum durch eine weg- getoorfene Zigarette bie Tapete Feuer fing.

Literarisches.

Dr. I. A. Andres tritt in der Nummer 2 der be­kannten Kunst,eitfckrift „Die christliche Kunst" ttüertag: München, Karlittahe 6) mit einer neuen Deutung der Dürer'fdben „Melancholie" hervor, die nicht nur in den Kreisen der Kunsthistoriker, sondern in der aan,m ge- bildeten Welt Aussehen erregen w'rd, da sie bisher g >nz nnbeacht te Zittauim- ^änge auideckt. @r brtnat näm« I'ch da- vielumstrittene Bild DürerS und dessen „HI. Hiero"ymu im G-chäus" in unmittelbare Begebung ,u der Spekulation von Nikolaus von Kuia, jenem berühm­ten Kardinal und groben, selbständigen Geiste, den man ob feiner eigenartigen Theotophie mit mathematischen Epekulattonen und ob fe ner neuartigen wtssenschasllichen Form und Meibode längst an den Anfang des neu,Et­lichen Geisteslebens zu stellen gewohnt ist. GndreS weist nach, daß Dürer die Gedankenwelt und die Werke dieses bedeuten en Gelehrten recht wohl kennen lernen tonnte, nnd eS gelingt ihm, für die vielen Evmbole der beiden Bilder Dür> rS auS den Schriften KufaS enllvrechcude, sehr beachtenswerte Erklärungen nnd Belege ,u erbringen.

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große Zahl nach Belieben zu öffnender Tore befindet, gestattet nun, zur Hochwasserzett nur so viel Wasser ins Tal und auf dte Ueberschwemmungsäcker fließen zu lassen, wie diese eben brauchen. Der Rest wird zurückgehalten unb in den Perioden drohender Dürre langsam verteilt. Der Nutzen, den diese Anlage schon gestiftet hat, ist ganz ungeheuer.

Die in Deutschland angelegten Talsperren, von denen manche auch ganz ungeheure Abmessungen ha­ben, dienen mehr dem Hochwassers chutz und industriellen Zwecken, oft — und das ist ökonomisch höchst angenehm — für beides zugleich. Die neue Talsperre im Bober soll die Orte an diesem Fluß vor den großen Schädigungen bewahren, denen sie alljährlich zur Zeit der Schneeschmelze ausgesetzt waren; das gleiche Ziel verfolgt das Staubecken am Queiß. bei Marklissa, während die Urfttaisperre in der Eifel mehr der industriellen Ausnutzung des Was­sers dient.

Wenn int nächsten Jahr zur Frühlingszeit wieder ungeheure Wassermassen dem Bober zuströmen, so werden sie nicht mehr ungehemmt mit wilder Ge­walt zu Tal stürzen können, um dort auf angebautem Land Verwüstung anzustiften, sondern die Wogen werden mit den Köpfen gegen etne Mauer rennen, die sie zu ruhigem Verweilen zwingt. In der Zeit, wo Hochwasser zu erwarten ist, enthält der See, der fick nun ständig hinter der Sperrmauer des Bober befindet, 20 Millionen Kubikmeter Wasser. Der See­spiegel kann dann noch um mehr als 17 Meter stei­gen, und bei diesem Stand faßt das Staubecken 5C Millionen Kubikmeter Wasser. Es ist also in der Sage, 30 Millionen Kubikmeter Hochwasser aufzuneh­men unb unschädlich zu machen. Man kann sich den­ken, welch eine Wohltat es für alle Anwohner der Boberufer bedeutet, wenn diese ungeheuren Wasser- rnengen nicht mehr wild hinabstürzen. Durch Oest­rum von Toren in der Mauer können sie langsam und unschädlich zu Tal gelassen werden.

. Das angestaute Wasser im Becken ist aber gleich, zeitig eine sehr bedeutende Kraftquelle. Durch die Höhendifferenz zwischen dem Wasserspiegel vor und hinter der Mauer, die sehr bedeutend ist, hat man einen künstlichen Wasserfall geschaffen, durch den Tur­binen getrieben werben können. Man weiß, baß bie großen natürlichen Wasserfälle, so besonders bis Nia- garafälle, längst industriell ausgebeutet werden. Am Niagara arbeiten Turbinen, bie 300 000 Pferdestär­ken hervorbringen. Man hat für bie abstürzenden gtschlischen Wogen, die bem Menschen auf biefe Weise nützlich werben, bie Bezeichnung „weiße Koblc" ge­funden. Und in der Tat leistet hier das Wasser die- se/be nützliche Arbeit tote bie Kohle, nur billiger und diel angenehmer. Ein Industriegebiet, das seine An­triebskräfte von Wasserturbinen her bezieht, ist ohne Rauch unb ohne Ruß. In Häusern, bie keine Schorn­steine besitzen, brehen sich still bie Maschinen und ver­senden mächtige Kräfte weithin. Denn mit Hilfe der elektrischen Hochspannungsleitungen ist man ja bei ber AuSnntmng ber Wasserkräfte nickt mehr an den Crt beS Absturzes gebunden, sondern kann auf viele Meilen im Umkreise bie Kraft versenden.

Talsperren, wie bie am Bober, geben elektrischen Eirom sehr billig her. Die Verstellung ber Sverr- mauet, bie an ber Krone 280 Meter lang unb 7I Meter breit ist, toäbrenb bie Manerbicke am Fuß, too die Pressung des angestauten Wassers am stärksten wirkt. 50 Meter beträgt, bie Höhe 60 Meter, hat ncht Millionen Mark gekostet. Trovbem ist das durch bte weiße Kohle betriebene Elektrizitätswerk in d'r Sage, die Krafteinheit, bie Kilowattstunde, für 14 Pfennig abzugeben. Sehr selten nur kommt es in >et Technik vor, baß eine für eineuganz anderen wick- tig?n Zweck errichtete Anlage eine soangenehme Ne­benwirkung bat.