2. biatt.
Druck Ser Kuldarr Ittiientmetti in $u!ba.
Fuldaer Leitung. *
JVo 290
Mittwoch 18. vezemder 1912.
Lokales.
^ulba, 18. ®eu- 1912.
S Festnahme des Revolverhelden. Unsere gestrige Meldung von der Verhaftung eines Mannes in Alten- fclb, der dort auf einen Schutzmann einen Schuß ab- aab und vermutlich mit dem Revolverhelden vom hiesigen Bahnhof identisch fei, hat sich Dls richtig erwiesen. Der nach Weyhers entsandte Schutzmann Crost erkannte auf den ersten Blick, daß der Verhaftete der- glbc Mann ist, der am Sonntag morgen hier auf dem ahnhof auf ihn feuerte. Der Revolverheld entgegnete chm auf feine diesbezügliche Frage im echtesten Berliner Jargon: „Nee, yee, Herr Wachtmeester, ick habe Sie nich jeschossen." Mit diesem Leugnen wird der Täter jedoch kein Glück haben; denn auch der Schaffner, der gestern den Zug Gersfeld—Fulda, in dem der Verhaftete saß, bediente, äußerte sich während der Fahrt unaufgefordert dem Gendarmerie-Wachtmeister gegenüber, daß der Arrestant derselbe sei, der Sonntag früh in Fulda auf den Schutzmann Crost vor dem Bahnhof geschossen habe. An jenem Tage habe er (der Schaffner) den ersten Rhönzug Tann—Hilders—Fulda bedient. — Weiter erfahren wir: In dem Orte A l t e n f e l d trieb sich der Fremdling äußerst verdächtig umher und sollte deshalb von dem Polizcidiener festgenommen werden. Plötzlich gab der Bursche einen Schuß auf den Beamten ab, ohne jedoch zu treffen. Schleunigst ergriff er dann die Flucht und landete in Obernhansen nahe der Wasserkuppe. Hier, wo man von der Schießaffäre bereits Nachricht erhalten hatte, spendete man dem Kunden, der auch hier sehr auffiel, reichlich Schnaps und Bier, um ihn besser und gefahrlos überwältigen zu können, da man in dem Fremden gleich den Revolverhelden und Kirchenräuber vermutete. Als er sich hrnreichend am Alkohol gelabt hatte, wurde er an Händen und Füßen gefesselt. Inzwischen war auch schon die nächste Genda-- merie-Station benachrichtigt worden. Wachtmeister Keil-Gersfeld nahm ihn fest. Der Bursche muß auf seinen Irrfahrten auch Zeitungen gelesen haben, in denen über das Fuldaer Revolverattentat benchtet war, denn er hatte den grünen Hut durch einen anderen gestohlenen ersetzt, die rote Krawatte weggeworfen und "machte ohne Krawatte seine Streifzüge weiter. Die Persönlichkeit des Verhafteten konnte noch nicht mit Sicherheit festgcstellt werden; er trug keinerlei Papiere bei sich, hat aber bereits zugegeben, daß er ein schwerer Junge fei, der schon wiederholt im Zuchthaus gewesen ist. — Nach einer Mitteilung des Gersf. Kreisbl. trieb sich der Stromer am Somttag abend in Gersfeld umher. Als er vom Polizeidiener angerufen wurde, nahm er Reißaus und schoß mit einem N e v o l v c r auf vier des Weges gehende Burschen, von denen er glaubte, daß sie ihn aufhalten würden. Glücklicherweise ging die Kugel fehl. Dann machte der Gauner kehrt und gab im Vorbeirennen einen Schuß auf den entgegenkommenden Polizeidiener Kümmel ab. Dieser kam mit einem Streifschuß am Stiefel davon. Von dort wandte sich der Gauner nach Altenfeld.
*** Akademischer Pmsverein. Am 28 Oktober d. I. waren es 1600 Jahre, seit Konstantin der Gr. durch feinen Sieg an der Milvischen Brücke bei Rom über seinen Gegner Kaiser Maxentius die Alleinherrscdaft des Heidentums im Römischen Reiche gebrochen hat, und im Februar des nächsten Jahres we.den ebenfalls 1600 Jahre sich vollenden, seitdem durch eben- dcnse den Konstantin, in Verbindung mit fernem Mit- jäfar Licinius, da? Mailänder Toleranzedikt erlassen wurde, welches dem falt drei Jahrhunderte hindurch blutig verfolgten Christentum die Gleichberechtigung mit den anderen Religionen im römischen Staate brachte. In gerechter Würdigung dieser das Christentum so bedeutsamen geschichtlichen Ereignisse hat d r hl. Vater PiuS X. bekanntlich den Wunsch ausgesprochen, daß aus dem ganzen katholischen Erdenrund das Gedächtnis an dies« Befreiung der Kirche durch Kaiser Konstantin in enlivrechende»- Weise begangen werde. Es war eine Ehrenpflicht der Akademischen Piusoereme Deutschlands, die rm Wappenschild die Devise führen „Pro Ecclesia et Pontifice“, „für Krrche und Papst", bei der Ausführung dieses apostolischen Wunsches in den einen Reihen zu stehen. Und wiederum war es eine Ehrenpflicht des Fuldaer Vereins, der gegenwärtig die Vorortsleitung über den gesamten Verband inne hat, den anderen Akademischen Piusvereinen in der Zentenarfeier roranzugehen. So sand denn gestern nachmittag in der Aula deS Priesterseminars anläßlich der 16. Zentenarfeier der Befreiung der Kirche durch Konstantins des Großen Sieg in der Schlacht an der Milvischen Brücke und das Mailänder Edikt eine Jubelakademie statt, die sich eines überaus zahlreichen Bef. ches hoher Gäste geistlichen und weltlichen Standes ans Stadt und Land erfreute und waBESgsa—HangtBgMM—pm—■—«■nacaMMM
Ums Kesis. .
26] Roman von Fritz Ewald.
Mit finster zusammengezogenen Brauen nahm er den Ring, sowie die Banknoten und sandte beides mit einem Schreiben, das, wie er mit bitterer Ironie dachte, das Licht der Sonne scheuen dürfte, an Col- mani. Dann ging er mit festem Schritt zu schonungslosem Geständnis seiner Schuld und Ellinors Schmach in das Arbeitszimmer seines Vaters.
Ruth war sehr niedergeschlagen und seufzte oft sehr schmerzlich, das Schicksal hatte einen trübe» Schleier vor ihr leuchtendes Glück gezogen. Leos Stirn lvar neuerdings umwölkt, und so sehr er sich auch bemühte, ihr all die trüben Gedanken, welche ihn beherrschten, so viel wie möglich fern zu halten, hindern konnte er es doch nicht, daß er ab und zu wie geistesabwesend vor sich hinstarrte, itnb daß sie oft herausfühlte, wie er sich zu manchem heiteren Ton zu zwingen suchte. Dazu bat er sie, in den nächsten Tagen sein Elternhaus zu. meiden, bis die sehr gedrückte Stimmung sich dort wieder etwas gelegt haben würde; auch das siel ihr schwer, sie hatte sich auf ein fröhliches Zusammensein mit den beiden Schwägerinnen gefreut, was hatte sie mit diesen für verlockende Pläne gemeinsam für die nächste Zukunft entworfen, und l.un fiel über Nacht der Reif auf ihr junges Glück.
Ihr Vater nahm sie ernstlich ins Gebet.
„Siehst Du, Ruth, jetzt ist früher als geahnt, der Moment gekommen, wo Du Leo Deine Liebe beweisen kannst, fetze Deine Jnteresfen völlig zurück gegen die seinen. Suche verständnisvoll, oft schweigend daraus einzugehen, quäle ihn nicht mit törichten Fragen ober überflüssigen Tändeleien und Zärtlichkeiten. Er hat jetzt den Kops voll und wird es Dir sicher danken, wenn Du darauf Rücksicht nimmst. Ihr Frauen findet in jeder Lebenslage noch Zeit für Nebensachen und Liebkosungen. — Der Mann ist anders, die Liebe kann eher sein ganzes Leben auS- jüllen, als seine Tage, welche durch sehr verschieden-
bewnders auch durch die Anwesenheit deS Hoch- würdlgsten Herrn Bischofs ausgezeichnet war. Nachdem ein Festmarfch für Klavier, Harmonium und Streichquartett von Willberger verklungen war, begrüßte der derzeitige Präsident deS Verein», Herr cand. theol. Job. Engel, die erschienenen Gäste und legte kurz die Ziele der Akademischen Pmsvereine im allgemeinen und den Zweck der heutigen Feier im besonderen dar. Ter Cdor fang hierauf .Tie All- macht* von Fr. Schubert für Mannerchor, Klavier und Streichquartett. Es folgte hierauf der Vo lraa eines Proseffors, der Konstantins des Großen Sieg an der Milvischen Brücke am 28. Oktober 312 und dessen Bedeutung für die katholische Kirche nach der geschichtlichen und kirchenpolitischen Seite beleuchtete. Besonders eingehend verweilte der Redner bei der historischen Prüfung der bekannten Kreuzeserschemung, die dem Konstantin nach dem Berichte de? Eusebius und anderer zeikgenössi'cher Schriftsteller vor feinem Kampf an der Milvischen Brücke zu teil geworden, bei der rechtlichen Wertung des Mailänder Toleranzediktes und bei der psychologischen Anmyse der Periönlichkeit Konstantins als "Christen und Politikers. Die Rede, die durch Form'chönheit, lichtvolle Klarheit und nüchtere, wissenschaftliche Auffassung fesselte, sand großen Beifall. Der Chor lang hierauf PodberlSk.'s wuchtige Komposi! on .Die Gestirne' für Männerchor und Klavier. In Onem sehr bemerken-werte i Schlußwort gab der Hochw. Herr Bischof feiner ungeteilten Freude Ausdruck über die in jeder Hinsicht so rooylgeium ene Jubelfeier. Er erinnerte daran, daß in bemfelbeu Saale, in dem die heutige Jubelfeier statifinde, vor sechs Wochen die Bischofskonferenz ein Schreiben an den hl. Vater abgefaßt habe, in welchem sie ihre freudige Zustimmung zu der vom Papste angeregten Zentenarfeier auS- Iprach und daß auf dieses Schreiben der hl. Vater sehr erfreu' geantwortet habe. Es treffe sich, führte der Hochw. Herr Bischof auS, sehr sck ön, daß in demselben Saale die (loroeit bekannt) erste Ausführung der päpstlichen und bi|chöflichen Anregungen in Deutfchtand in so glanzvoller Weise erfolgt sei, rote nn Februar des vorigen Jahres die von den Bischöfen angeregte Idee der Misfionsfeste ebenfalls rn Fulda zum ersten Mal in Deutichlaud verwirtlicht worden fei. Mit der Mahnung, die Kirche zu heben und |ür ihre gottgewollte Freiheit und Unabhängigkeit allezeit einzu- tretcn, schloß der Hochw. Herr Bischof feine An prache. Der Akademische Piu- verem-Fulaa darf mit einem Gefühle ungetrübter Freude und Genugtuung auf die so glanzvoll verlaufene Jubelakademie zurück- blicken Möge das Beispier Fulda's im ganzen Verbände und darüber hinaus ein machtvolles Echo wecken!
4- Ein ungebetener Gast sollte gestern abend kurz vor 7 Uhr in die Wohnung des Sattlers Karl Klitsch, Luckenberg 7, eingedrungm fein, während ein Mädchen allein im Hause war. Auf die Frage des Mädchen-, was er wolle, habe er keine Antwort gegeben, sondern sei spornstreichs an dem Mädchen vorbei die Treppe hinauf gelaufen. Die sofort benachrichtigte Polizei — 2 Schutzleute und ein Kriminalbeamter — durchsuchte das aanze Haus, ohne auch nur eure Spur von dem Verdächtigen zu finden. Inzwischen hatte sich draußen eine große Menschenmenge ange- fammett, die aufgeregt durch die Meldungen der letzten Tage über Einbrüche und Revolverschießereien das Ereignis lebhaft besprach. Vermutlich hatte der Manu inzwischen ebenso friedlich, wie er gekommen, das Haus wieder verlassen. Dem Ganzen lag nur ein blinder Lärm zugrunde.
5B Eine Eisenbahnerversmnmlung. Am Sonntag nachmittag hatten sich im ®iefel’icben Theatersaal die Mitglieder des Ortsvereins Fulda vom Trier-Berliner Eisenbahner-Verband in grober Zahl uifammengefunhen. Auch der Bezirksvorsitzende Herr Schneider aus Betzdorf, war erfchienen. Von Nachbarvercinen waren acht durch ihre Vorsitzenden vertreten. Aus dem Jahresbericht, erstattet von dem Vorsitzend-n, Herrn Edmund Rühl- FuIva, ist z» entnehmen, daß die Ortsgruppe Fulda 539 Mitglieder zählt. Die Tätigkeit des Vereins erstreckte sich haupisächlich auf Vertretung der Standesinteressen, Aufklärung uno Bekehrung feinet Mitglieder durch Versammlungen, Vorträge ufro Auch in dieiem Jahre sind durch die intensive Arbeit de§ Verbandes Fortschritte erzielt worden; em Ansporn, auf diesem Wege weiter zu schreiten, denn noch mancher gerechte und erfüllbare Wunsch ist zu verivirklichen. In dem folgenden Bortrage wies dann der Bezirksvorsitzende, Herr Schneider, auf die Verhältnisse und Wunsche oer Eifenbahn-rrbeirer- schait tun. ■ Man müsse von dem Grundsätze ausgehen: wenn man beben wolle, müsse man unten ansangen, bann hebe sich das Otete von selbst. In diesem Falle muffe man bei der niedrigst besoldeten Kategorie, den Oberbauiirbeitetn anfan ,en; denn diese hätten, wie der Vortragende an H-,nd von Statistiken nachwies, in unierm Bezirk einen Durchschniitsverdienst non nur drei Mark pro Tag. 'Nachdem er dann die Verhältnisse der
artige, ihn beschäftigende Pflichten in • Anspruch genommen sind."
„Ich will mich bemühen, Deinem Rat zu folgen", versprach Ruth etwas kleinlaut und stellte sich in den Erker, die Straße herabzublicken, welche Leo kommen mußte; ihr Leo! — Sie sagte es sich immer wieder von neuem vor, da? beglückende „mein Seo", wenn ihr noch vor einer Woche ein Mensch gesagt ■ hätte,, daß sie bald vor die Möglichkeit gestellt werden würde, seine Braut zu fein, sie hätte es auf einmal kaum zu fassen gewagt, — und dann war'e?" aus einmal 'gekommen, sie wußte es selbst nicht wie, ihr märchenhaftes Glück.
Wie selig hatte sie schon den Augenblick begrüßt, als Leo zum erstenmal ihren Tennisplatz betrat, und ihr Glück war gewachsen, wie er dann wieder und immer wieder kam. Es hatte für sie überhaupt nur noch eine Zeitrechnung gegeben, das waren die Ten- r.istage, sie lebte, sie dachte nur von einem zum andern, — und, „ob die Sonne auch morgen scheinen würde", das war die einzige große Frage, welche sie schon nachts aus dem Schlummer weckte. Der Tag erschien leer und öde. an dem sie ihn nicht sah, und war durch unvergeßlichen Glanz verklart von dem Augenblick an, ivo sie mit laut klopfendem Herzen ihm entgegenblickte.
Nun war sie für immer mit ihm vereint, und könnte auf d"''e Gipfel'des Glücke? stehen, hätte nicht seine Sorge ftui trennend dazwischen gedrängt.
Ta kam er endlich die Straße herauf — aber er ging langsamer als e5 seine sonstige Art war, — und sein Blick, der stet? so frei und offen in das Weite sah, haftete am Boden; — jetzt bemerkte er sie, er grüßte hinauf und ein Lächeln glitt über seine Züge. Sie trat aus dem Erker und flog die Treppe hinab, ihm entgegen.
„Jetzt wirft Du sicher schelten, daß ich fo spat komme", scherzte er, „aber ich hatte heute so lange Dienst; man hat sich leider allerhöchsten Orte? noch immer um die Bestimmung gedrückt, Bräutigams vom Dienst zu befreien."
<3üterbobenarbeiter, welche dank der Tätigkeit de? Verbandes jetzt einer Neuregelung unterzogen wurden, be- sprechen batte, erläuterte er diejenigen der vtlriebS« Werkstätten-, Maschinen- und StaftonSardeiter, rote sie der Putzer und Rangierer, und ging dann auf das nette Zeitlohnlystem der Haupt-Werkstätten ein. Eine Aende- rung des seither bestehenden Dkkordsystem? sei vom Trier-Berliner Verband seit 1905 besonder? erstrebt worben. Sei daS neue System auch ein geroiffer Fortschritt, so müßte als Endziel doch ein reine? Lohnsystem erstrebt werden. Ferner verbreitete sich der Redner über Pensions-Krankenkassen und Arbeiterausschiiß - Fragen. Alle diese Puntte zu verbessern und zu verroirllichen müsse erstes Bestreben sein. Zu dieiem Zwecke sei es jedoch unbedingt nötig, alle umstürzlerischen, ssz:a>- demolratischen Bestrebungen entschieden zurückziiroeisen und sich nur auf dem Boden der bestehenden Gejell- schastsordnung und der Dienstvorschriften zu betätigen^ Großer Beifall zeigte, daß der Redner au3 dem Heizen der Zuhörer gesprochen halte. Nach Erlebttnna geschäftlicher Angelegenheiten wurde die Versammlung mit einem begeisterten Hoch auf Den Verband geschlossen.
■+■ Tie Milttitttanstichkcit in Hesftn.Nkilsim. Eine Nebelsicht über die Ergebnisse der Hcere?ergä nung im Jahre 1911 gibt ein trübes Bild von der Äiill- tärtauglichkeit in Hessen-Nassau. Unsere Provinz ist nach der Einkommens- und Vermögensstatistik die reichste im ganzen Staate, allerdings nur, weil dazu die reichen Bez rke Frankfurt, Wiesbaden u. a. gehören. Zugleich ist sie aber auch leider, namentlich im Be,ziele Wiesbaden, das Land der Mielskaferne und der oft nur fchlechtgelohnten Industrie. Beide Umstände zehren am Mark der Sladtbevölkerimg. So gering auch die Lebenshaltung der hessen- nassaiiischen Landwirte vielfach ist, so bringt e? doch ihre Befchäfliaung in freier Luft mit sich, daß sie sich in iyrer Kürperkonstiiutchn wesentlich von den Industriearbeitern unterscheiden. DaS kommt bei der Aushebung zum Militär deutlich zum Ausdruck. Im Beziik Kassel gehören von den Geffestungspflichligen 56,89 Prozent der ländlichen, 50,77 Prozent der städtisch-industriellen Bevölkerung an; im Bezirk Wiesbaden stellt sich das Verhältnis auf 52,55 Prozent: 48,29 Prozent. Die gante Welt deS Jn- dustrieelends liegt in dieser Differenz. Betrachten wir die Militärtüchtigkeit der hesfen - naffauischen Hauptmaste/ das sind die nichtlo n droirts chaft- ltchen Rekruten, und stellen mir sie in Vergleich mit den übrigen dkutichen Bundesgebieten, lo kommen wir zu einem für diese roohlsttmerlen Bezirke r-cht schlechten Ergebnis, obroohl die amtlichen statistischen Stellen nicht müde werden, nnS nachzuroe sen, daß die Hessen-nassauischen Beoölkerungs nstände durchaus glänzend seien. Wir geben nur folgende ver- gleichende Aufstellung. Tas 1911er Tauglichkeitsprozent der Stadtgeborencn, die überwiegend tn Handel, Gewerbe und Industrie beschäftigt waren, beitua in den Aushebungsbezirken:
18. Nassauisch-? Armeekorps 48,29 Pro,., 11. Kasseler Armeekorps 50,77 Pro,., Rheinland-Westfalen 54,28 Pro,., Königreich Württemberg 55,0b Pro;., Elsaß, 15. Armeekorps 64,73 Prozent. .
Selbst Rheinland-Westfalen, wo da? Jndustrie- revier den Ausschlag gibt, da von der Rheinprovinz nur der Bezirk Düsseldorf in der obigen Ausstellung berücksichtigt ist, steht demnach bedeutend bester da, alS Hessen-Rassau. Aber auch die Landbevölke- r ung, mag sie im Vergleich zur idustnellen-städtifchen nach ihrer Körperkonstilution auch leffer dastehen, schneidet gegenüber den anderen Bundesgebieten ebenfalls sehr schlecht ab. Sie weist für die lanr wirtschaftlich Tätigen soloende TauglichkeitSprozente am: Bezirk Wiesbaden 52,55 Pro,, Bezirk Kastel 56 89 Prozent, Reichsdurck>cknrtt 58,13 Pro;., Ostpreusen 68,05 Proz., Bezirk Eftaß 68,74 Proz. DaS reichste deutsche Gebiet also mit aus den untersten Stufen!
X Herr Regierungspräsident Graf von Dernlwrff in Begleitung des Herrn Lantrais Freiherr von Dorinveig und Herrn OberbüraetnietfierS Di. Antoni besuchten gestern morgen auch das Etablissement des Päpstl. Hof- luweliers, Hof- und Domgoldschmieaes Wilhelm Mailicher hier. Die vielen Kunstwerke und herrlichen Arbriten landen grobes Interesse, bewnders eine für $t. Louis, Mo, Nord-Amerika bestimmte Monstranz. Die Herren verweilten annähernd eine Stunde in dem Betriebe.
Ami Geisa und Umgebung.
* Vacha, 17. Dez. 1912. Als gestern abend an dem Bahnübergang am alten Wäldchen aus der Straße nach Philippsthal der Geschirrführer Wolf mit dem Wagen eines hiesigen Kaufmanns über das Gleis fuhr, wurde das Geschirr und ein Pferd von einem Zuge erfaßt, sodaß letzteres bald verendete. ES ist wirklich als ein. Wunder anzusehen, haß nicht noch mehr Schaden angerichtet wurde. Es wird die höchste Zeit, daß hier Abhilfe geschaffen'wird. — Sicherem Verstehmen nach soll der Eingabe be§ Salzunger und
Tiefenorter Gewerbcvereins an dir Eisenbahndirek- tion Erfurt um Einlegung eines Fruhzuges auf der Strecke Salzirngen-Vacha siattgegeheii werden. Die Eisenbahndirektion will versuchsweise vom 1. Januar f. I. ab einen Frühzug ab Salzungen 5,33 Uhr nach Vacha verkehren lassen.
• Ostheim v. d. Rhön, 17. Dez. 1912. Vor ungefähr Jahresfrist fanden hier Ergänzungswahlen zum G e m e i ii d c r a t statt, wobei die Wahl von zwei Kandidaten beanstandet wurde, weil ein Teil der Wähler mit der Bezahlung von Schulgeld noch im Rückstand war. Auf die eingelegte Berufung hin wurde die Wahl vom .Bezirksausschuß für ungiftig erklärt. Inzwischen ist entgegen diesem Beschlüsse durch das Ministerium in Weimar entschieden worden, daß jene Wahl zu Recht bestand, da Schulgeld als nicht zu Gemeindeabgaben gehörig gerechnet werden müne. — Der Gemeinderat beschloß, von 1913 ab in Verbindung mit den Schweinemärkten auch Kaninchenmärkte abmbalten. — Der Gesamtetat der Stadt Ostheim für 1913 balanciert in Einnahme und Ausgabe mit 46 195 Mark. Die Schule beansprucht einen Gemeindezuschuß von 9278 Mark.
* Echashansen (Rhön), 17. Dez. 1912. Ein aufsehenerregender Vorfall hat sich hier ereignet. Ans einem Hanfe sind in der Nacht zum 11. Dezember nach einer kleinen Zecherei vier dort beschäftigte junge Mädchen entflohen. Von den jugendlichen Ausreißerinnen fehlt bis heute noch jede Svur.
* Frauensee, 17 Der. 1912. Die Herstellung der Pläne zu unserer H o ch d r u ck w a s s e r l e l t u n g durch den Bauleiter, Herrn Architekt Goller-Vacha, find soweit gediehen, daß die Vergebung der einzelnen Bauarbeiten am 21. Dezember stattfinden soll. .— Im Mo llergrund steht man noch immer im Dolomit bei ca. 175 Meter Tiefe. Doch ist zu erwarten, daß nach co. 8 Meter derselbe durchschlagen ist, sodaß dann die Dolomitwasser aufhören., Diese treten jetzt immer noch so stark eist, daß ständig zwei Pumpen zu ihrer Bewältigung im,. Gange sind. — Im Schacht „Dönges" ver un glückte der Bergmann Neubert aus Leimbach in der Nacht zum Montag. Beim Einfahren zur Schicht wollte er. direkt aus dem Förderkübel zur Pumpe zur zweiten Bühne springen, fehlte ober und stürzte hinab, wobei er auf den Rand des Kübels aufschlua. Besinnungslos wurde er vom Platze getragen. Er hat ankchei- ncitb innere Verletzungen erlitten und wurde dem Ärankenhause zngeführt.
Aus Gbsrhessen u» den Hess. Remtern.
* Marburg, 17. Dez. 1912. Der empörende Aus- brnch der I e s n i t e n h e tz e, über den die „Fuldaer Ztg." vor einigen Tagen berichtete, hat sich wirklich in der geschilderten Weise zugetragen. Von einem Einschreiten der Behörden ist noch nichts verlautet Dagegen haben die katholischen Student^en- korporationen Marburgs in der letzten .Sitzung des Allgemeinen Marburger Studentenausschusses folgenden Protest zu Protokoll gegeben:
Nnt-r-e'ckne e eifieb » a ich ’Protr ! acam die Verunglimpfung von Einrichtungen der katholischen Kirche, die in aller Oesfentlickkett von Mitgliedern einer verehr!. Burschenschaft Arminia anläßlich eines Umzuges auf dem Marktplatze Marburgs am Abend des 6. Dez. 1912 an den Tag gelegt wurden. Wir bedauern diesen Vorfall umso lebhafter, als bisher der Friede und die Eintracht innerhalb der Marburger Studcnten- febaft durch derartige konfessionelle Momente nickt be- rührt wurden. Der katholische Studenienverein T h ü - ringia (K. V.). Die katholische deutsche Studentenverbindung Rhenania (G. 53.). Die katholische deutsche Studentenverbindung Palatia (C. 53.). Der wissenschaftliche • katholische Studentenverein U n i t a 5 (U. V.)
* Frankenberg, 17. Dez. 1912. Dem landwirtschaftlichen Kreisverein wurde zu der gelegentlich einer Kreistierschau und landwirtschaftlichen Ausstellung am 24. Juli 1913 beabsichtigten Verlosung von Rindern und landwirtschaftlichen Gerätschaften die Genehmigung erteilt.
* Frankenberg, 17. Dez. 1912. Ein Varietee- künstler, der hier Vorstellungen gab, wurde wegen Diebstahls einer Uhr mit Kette, die er einem Gaste entwendete, verhaftet. Ter Täter soll aus der Gegend von ■ Marburg stammen.
* Fritzlar, 17. Dez. 1912. Auf einer Treibjagd wurde hier vorgestern der Dekorateur Taus-Kaffel bon. einem unvorsichtigen Schützen, der iv die Schützenlinie hinein einen Schuß abgab, a n g e s ch o s- f e n und von mehreren Schroten unterhalb des Auges getroffen. Gefahr' iff glückstchsrweise nicht vorhanden.
„Du kontmst mir immer zu spät, ober nie", er« toiebertc sie und führte ihn, sich an seinen Arm hängend, durch die zahlreichen Prachtgemächer nach dem Speisesaal, wo zwei Diener den Tee servierten und in jeder Hinsicht auf seinen Geschmack Rücksicht genommen war. —
Ruth handelte heute in ihrem Wesen Leo gegenüber ganz nach- Vorschrift ihres Vaters, und Leo dankte ihr beim Abschied mit warmen Worten sür ihr feinsinniges Verständnis seiner Stimmung.
„Mein Kleines hat e? schlecht", sagte er bedauernd, „hoffentlich kann ich es bald für die erste trübe Brautzeit entschädigen." "
„Ich brauche feind andere Entschädigung, als Dich zu sehen, kommst Tu morgen wieder und wann?" sie sah ihn sragend an.
„Ich kann eS noch nicht sagen, Liebling." ES klang ein seltsam ernster Ton durch seine Worte.
„Kommst Du vor- und nachmittags?" fragte sie von neuem.
„ES läßt sich nicht bestimmen, — vormittags Leinenfalls."
„Ich bleibe doch den ganzen Nachmittag zu Hause, eS ist so schön, auf Dich zu warten: komm, wann Du Zeit hast;" sie schmiegte sich an ihn.
„lind wenn ich nicht kommen sollte, — dann geh am Abend äu meinen Eltern", er bat eS mit einer Art von Anstrengung, als siele eS ihm ichwer. „Halt: treu zu Ellinor, sie wird Dir immer im Leben eine. Schwester sein, auch wenn", — er brach ab.
„Leo, waS soll daS heißen, Leo, Tu siehst so seltsam auS; ich habe solche wahnsinnige Angst schon bje ganzen Tage." Sie warf die Arme um seinen Hals und schluchzte herzbrechend.
Er tröstete sie mit beruhigenden Worten, sprach ihr Mut zu, erzählte ihr allerlei, was sie in den nächsten Tagen unternehmen wollten, und trocknete ihr die Tränen aus den Augen. — Sie bemühte sich, äußerlich so tapfer wie möglich zu sein, aber innerlich beruhigt war sie nicht, und als er wieder die Treppe bis zu dem Absatz zurückkam, wo sie stand,
ihm nachzublicken, um chr noch einmal Lebewohl zu sagen, da kam es über sie wie eine nie gekannte, große Traurigkeit. —
Leo war früher gegangen als sonst; er hatte heute noch viel zu erledigen. In sein Zimmer eingeschlos- fen, saß er an seinem Schreibtisch und wollte feine Angelegenheit ordnen, Bestimmungen treffen und den großen dicken Strich unter die Summe seines Lebens ziehen, — falls der morgende Tag ixr letzte für ihn fein sollte. Wer konnte wissen, wie alles kam? Colmani war ein vorzüglicher Schütze, und schon«-» würde er ihn sicher nicht. —
Gestern abend hatte der schwarze Graf ihm, ohne ein Mort der Erwiderung, den Ring von Ellinor zu- rückgeschicki — und heute mittag hatte Haldern Leos Forderung überbracht. Aus dienstlichen Gründen war die Frühstunde deS morgigen Tage? zum AuS- trag des „Ehrenhandels" gewählt worden. Eol- manis Einverständnis glaubte man sicher zu fein und er erwartete jeden Augenblick Haldern zu endgiftigem Bescheid. — Ta ertönte die Flurglocke, Leo zuckte leicht zusammen, als er HalderuS Stimme erkannte, trat ihm entgegen und führte ihn in sein Zimmer.
Der . Kamerad blieb in der Mitte stehen und sah auffallend blaß aus.
Leo stützte' sich mit der Hand auf die Schreibtischplatte.
„Nun, Haldern, was bringen Sie? Ist alles in Ordnung, bleibt es bei morgen früh?"
Der andere schwieg einen Augenblick. „Ich habe Mitteilung für Sie, von der ich nicht weiß, wie ich sie anbringen soll, und wie Sie dieselben aufnehmen werden, aber ich habe die schwere Pflicht, Sie darüber zu unterrichten. Ich habe Ihre Forderung heute morgen noch an Colmani überbracht, er erschien mir febi geistesabwesend, aber wir verabredeten, daß ich heute nachmittag mit seinem Sekundanten die näheren Maßnahmen besprechen tollte, — da ich aber bis vor kurzem keine Antwort erhielt, — ging ich noch einmal hin und hörte, daß Colmani fort ift* (Fortsetzung folgt.)