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Zuldaer Zeitung

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39. Zahrgang.

Dienstag den 3. Dezember 1912.

Crstes Blatt.

Nr. 277.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 2. Dezember 1912.

Eingegangen ist der Gesetzentwurf Bete, die Jugend, geeichte.

Auf der Tagesordnung steht die

erste Lesung des Etats.

Präsident Kämpf: Der Herr Reichskanzler hat die Absicht ausgesprochen, sofort zu Beginn der Berhand- lungen Erklärungen zur auswärtigen Politik abzugeben. Ich schlage dem Hause vor, an diese Er» klärungen sofort die Besprechung der auswärtigen Lage anzuknüpfen. Der Reichsschatzsekrctär ist damit einver­standen, nach Beendigung der Besprechung der auswär. tiger Angelegenheiten seine Etatsrede zu halten.

Reichskanzler Dr. v. Bethmann-Hollweg: Bei einer Besprechung der auswärtigen Lage sind es die

Ereignisse auf dem Balkan, die ^zurzeit so ziemlich unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Allerdings haben die Verhältnisse auf der Balkanhalbinsel schon seit Jahrzehnten die Auf­merksamkeit der europäischen Großmächte in besonderem Matze beschäftigt. Wiederholte Versuche sind gemacht Worden, die Zustände daselbst zu bessern und zu ordnen, wobei die Hauptschwierigkeit in der Verschiedenheit der Rassen und Religionen beruhte. Bei dem Scheitern aller dieser Versuche mutzte immer wieder mit einem gewalt- fernen Ausbruch der Leidenschaften gerechnet werden. Das Bestreben der Regierungen der Großmächte war darauf gerichtet, diesen Ausbruch möglichst lange hintan­zuhalten und wenigstens solange zu verschieben, daß er nicht zu einem Kampfe aller gegen alle auf dem Balkan selbst und auch vor allem nicht zu Verwicklungen unter den Grotzmächten führte. Nun hatte sich aber im Laufe dieses Jahres die Stimmung zwischen der Türkei und den Balkanstaaten so zugespitzt, datz der Ausbruch des Konfliktes nicht mehr zu verhindern war, trotz des eifrigen Bestrebens der Mächte, den Frieden zu erhalten. Insbesondere mutzten wir auf eine gewalt- same Lösung der Frage gefaßt sein, seitdem uns zu Beginn dieses Sommers bekannt geworden war, datz sich die Balkanstaaten zu einem Bunde zusammengeschlossen hatten. Als wir den Kampf als unvermeidlich ansahen, haben wir vor allem darauf hingewirkt, ihn e i n z u - grenzen. Dies ist bisher gelungen, und ich kann wohl die bestimmte Hoffnung aussprechen, daß dies auch weiter gelingen wird. (Bravo!) Von den Vor- gängen im Balkan werden wir zwar nicht unmittelbar berührt, und in manchen Punkten steht unser Interesse hinter dem anderer Mächte zurück. Immerhin sind wtr berechtigt, gleich den anderen Mächten an der Neu- regelung der Dinge, die die Folge des jetzigen Kriege? sein wird, mitzuwirken, denn at der ökonomischen Gestaltung der Dinge auf dem Balkan sind wir sehr wesentlich direkt interessiert. Ich er- innere nur an die Erhaltung der den türkischen Staats- gläubigern gewährten Sicherheit. Außerdem werden totr bei der Regelung mancher Fragen unser Wort zu- gunsten unserer Verbündeten mit in die Wagsckale zu werfen haben. (Sehr richtig!! Von den Kriegführenden wird es nicht bestritten, daß bei der end- gültigen Regelung der künftigen Grenzen die Groß- möchte ihre Interessen zur Geltung bringen können und müssen und auf Grund dieser Interessen zur Mitwir-' kung berufen werden. Wenn über das Matz der Mit- Wirkung zwischen den einzelnen Großmächten und ein­zelnen Kriegführenden Meinungsverschiedenheiten be­stehen oder entstehen, so wird den Großmächten die Durchsetzung ihrer Forderungen wesentlich erleichtert, wenn sie ihre Forderungen gemeinsam vertreten. Um dies zu erreichen, schwebt ein lebhafter Gedanken­austausch unter den Mächten, über den ich heitre N'chro Näheres sagen kann, da er noch andauert. Ich kann aber sagen, daß er bisher in entgegenkommen, dem Geiste geführt wurde und alle Aussichten auf Er- folg bietet. Natürlich werden die Ansprüche der Mächte im einzelnen erst dann wstgegcü: und bekniintgegeben werden können, wenn die Abmachungen vorliegen, die die Kriegführenden unter sich getroffen haben werden. Dann wird zu übersehen fein, wie weit sie in die In. teressensphäre anderer Mächte eingreifen. Sollten sich bis dahin — was wir nicht hoffen — unlösbare Gegensätze ergeben, so wird es Sache der im einzelnen Falle direkt interessierten Mächte fein, ihre Ansprüche zur Geltung zu bringen. Das gilt auch für unsere Bundes, genossen. Wenn sie aber bei der Geltendmachung ihrer Interessen wider Erwarten von dritter Seite angegriffen und damit in ihrer Existenz bedroht werden sollten, dann würden wir,

unserer Bundespflicht getreu, fest und entschlossen an ihre Seite zu treten haben. (Lebh. Beifall.) Und dann würden wir zur Wahrung unserer eigenen Stellung in Europa, zur Verteidigung unserer eigenen Zukunft und Sicherheit fechten. (Lebh. Beifall.) Ich bin fest überzeugt, datz wir bei einer solchen Politik das ganze Volk hinter uns haben werden. (Erneuter Beifall.) Unsere Politik war seit langen Jahren darauf gerichtet, bei guten wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu den Balkanstaaten die Türkei in wirtschaftlicher Hinsicht zu erhalten und zu stärken. Wir glauben, dadurch der Türkei manchen Dienst erwiesen zu haben, ohne datz wir dabei unsere guten Beziehungen zu an- deren Mächten gestört hätten. Dieser Politik, die aller, dings bei Ausbruch des türkisch-italienischen Krieges gerade bei uns heftig angegriffen wurde, möchte ich als einen Erfolg feststellen, daß wir uns während eines Krieges zwiscken einem Freunde und einem Bundes­genossen die Sympathien beider zu erhalten gewutzt haben. Diese Politik werden wir auch wei- ter fortsetzen. Wir hoffen, daß unsere bisherigen freundschaftlichen und regen Beziehungen zu den Bal- kanstaoten durch deren zweifelloses Erstarken namentlich in wirtschaftlicher Hinsicht einen neuen Aufschwung neh­men werden. Tabei wird unser Streben auch ferner dahin gehen, die Türkei nach dem Friedens- schlutz alS wichtigen ökonomischen und politischen Faktor zu erhalten. In diesem Wunsche und Bestreben begegnen wir uns nicht nur mit unseren Bundesgenossen, sondern auch mit anderen Machten, die sich mit uns die Erhaltung einer wirtschaftlich gesunden Türkei angelegen Jein lassen. TieseZ Bestreben widerspricht schon an sich dem von der Presse den Grotzmächten ober einzelnen d-rselbe.i vielfach unterstellten Absichten von Lander- werb auf Kosten der Türkei aus Anlatz des gegenwärtigen Krieges. Ich kann diese Unterstellung nach den bisherigen Besprechungen unter den Machten alS unrichtig bezeichnen. Ter rege GedankenauS­

tausch unter den Mächten dauert an, und wenn ich auch noch nicht sagen kann, in welchen Formen er fortgefeet werden wird, so wird er fortgesetzt werden nach den günstigen Ergebnissen, die er schon jetzt gehabt hat, und die eine allseitig befriedigende Lösung unter den Groß- Mächten erwarten lassen. (Beifall.)

Abg. Sebtbour (®oj.): Eine solche Zusammenstel­lung von Gemeinplätzen und Plattheiten haben wir lang, nicht gehört, i Staatssekretär v Kiderlen-Wächter, der neben dem Redner sitzt, lacht. Große Heiterkeit int Hau e.) AuS den Ausführungen des Reichskansters konnte man Nicht enehen, zu welchem Zeitpunkte Deuts - land mit den Waffen in der Hand an die Seite feines Bundesgenossen zu treten hak. Deutschland hat mit feinen Miß- und Fehlgriffen die reaktionäre Politik Abdul Hamids gestärkt und gekräftigt. Die deutsche Politik hat es Abvul Ham d gestattet, nngeftraft und ungestört die Metzeleien unter den Armeniern tu veran­stalten Auch der Versuch, den preußsichen Drill dem türfi'chen Heere veizubrtngen, mußie no'wendigerweise schetkem, weil der Zuitand des türtifchen Reiches infolge des brutalen Despotismus langsam aber Ücker der Au', lölung entaegengeben mußte. Man bat davon gehört, daß ein Mitglied des deutschen Reichstags nach Wien gereift fei, um tüt irgendeinen gegenwärtig stellenlosen herrlichen Printen die albanische Krone tu erwerben. Die .Essener Volkszeitung' nannte den Herrn Abg. Erz- berget. Redner geht sodann wieder aus den Krieg am löaltan über, beipricbt das Interesse Rußland? an den Kämpfen und bezeichnet im Verlaufe feiner Aus­führungen den Zaren als den größten Despoten, den die Welt je gesehen. Dann kommt der Redner auf die deutsch-englischen Beziehungen zu sprechen und äußert u. a„ daß Herr v Kiderlen-Wächter den deutsch-englischen Zwist noch nähre, statt ibn zu beseitigen. Es fei auf etne friedliche Konkurrenz mit England binzuarbeiten. Wenn dieses Ziel erreicht werden soll, dann muß alle'» dtngs an eme gegenseitige Abrüstung herangelreten und bas Seebeuterecht ab-eschafft werden. Daß das Zieler- reicht wird, dafür wird das internationale Prole­tariat sorgen. Nur das internaiionale, klassenbewußte Proletariat kann den Frieden erhalten lgroßes Mäcbter), das internationale Proletaria', das auf eine ©efamhabl von 10 Mill, aufgelläi ter Männer unb Frauen rechnen kann, iSchallendes Geläckter rechts. Zuruf ülufgetlärt?) Wir stehen zusammen, die bürgerlichen Parteien abir sind zeiklüftet. Der Reichstanzler sprach von unbedingter Bundestreue, er hat aber nicht gesprochen von irgend einer Nachprüfung der österreichisch-n Forde­rungen. Besonders über die sachliche Qualifikation der Forderungen Oesterreichs hätte sich der Reichs'anzler mehr ausiprechen muffen. Wer der größere Despot ist, Aboul Hamid over Zar Nikola>is, lasse ich dahtngetiellt. Auch den Völkern der asiatischen Türkei mutz em aus­giebiges Maß Selbstverwaltung gegeben werden. Mit allen 'Wittel» muß der Frieden aufrecht erhalten werden.

Staatssetietär des Aeußern v. Siberten Ißnedjter: Gegen zwei Stellen in der Rede des Abg. L devour mutz ich "Verwahrung einlegen. Er hat Angriffe gegen den uns befreundeten Herrscher eines großen NachbarreicheS gerichtet, mit dem wir in Frieden und Freundsctast leben und zu leben wünschen. lSehr richtig! rechts.) Diele Angriffe hat er durch nichts be­gründet. Sie lassen sich auch nicht begründen. tW der- spruch b. d. So,., Zustimmung rechts.) Diele Angriffe stachen eigentümlich ab gegen die Fii-densideen, die bet Herr Abgeordnete für sich als Privileg in Anspruch nehmen will. Ich weise diese Angriffe hier zurück und bin überzeugt von der Zustimmung der überwiegenden Mehrheit dieses Hauses. Lebh. Beifall.' Der Herr Ab­geordnete bat sodann die Regierung ermahnt, ihre Be­ziehungen zu anderen Staaten zu bessern und hat ihr dabet den Borwurf nemaebt, einen Zwist mit Eng­land zu nähren. Wä rend der ganzen letzten Kriie waren unsere Beziehungen speziell zu Eng­land be'onders vertrauensvoll. fLebhastes hört, hört! und Bravo!) Die offene, von vollem Ver­trauen getragene Aussprache zwischen London und unS hat nicht nur etne erfreuliche Jntmistät unserer Be­ziehungen beroorgetufen, sondern sie hat auch einer Ver- ftändiaungalierMächteguteDien siegelet st et. Ich möchte die benimmte Erwartung auS'ptedien, daß sie das auch weiter tun wiro. «Lebhafter Beifall. Zuruf bet den Sozialdemokraten: Und die ©eerüftungen?!)

Abg. Dr. Spohn (Ztr.): Wir sind unS wohl alle mit dem Bundesrat darin einig, datz wir alle unsere Be­mühungen auf den Frieden richten müssen. Aber das möchte ich doch gegenüber dem Abg. Ledebour hier betonen, daß wir im Falle eines Abwehrkrteges alles daran setzen werden, die Eore der Nation zu wahren. (Lebh. Beifall.) Es hat auch Sozialdemokraten gegeben bis in die jüngste Zeit hinein, d.e die Frage des Defensivkrieges auch tüt Die Sozial­demokratie bejaht haben. Um die Frage des Deiensiv- lrteges handelt es sich sowohl für Oesterreich, sowie lär uns, wenn wir hinter Oesterreich stehen müssen. »Sehr richtig! rechts u. un Ze. tr.) Wenn das Abkommen übet Marokko den verbündeten Regierungen vor­gelegt ist, bitte ich um Auskunft Darüber. Andernfalls bitte ich darauf zu achten, daß unsere Rechte in diesem Vertrag mcht ver etzt werden. sBeif. t u. t. Z.) Dem Reichskanzler stimme ich darin bei: UnsereBeziehungen ,u bet Türkei und den Balkanitaaten sind wtrt- schastlicher Natur. Wit können bei der Art, wie unter Handel gestaltet ist, die Balkansiaatm und die Türkei für unteren Handel nicht entbehren und haben deshalb an der Gestaltung der dortigen Verhäliniffe das allergrößte Interesse. Der an sich blutige Krieg hat unseren Handelsbeziehungen bisher wenigstens noch nicht ge­schadet, aber wir werden darauf achten müffen, daß bei der Gestaltung des ne en Balkanvundes dort unsere Beziehungen wirtschaftlicher Art gewahrt werden. Unser Bundesgenosse Oesterreich hat nicht bloS wirt« schasiliche Interessen, er hat auch p olitische Interessen aut dem Balkan zu wahren. Für Oesterreich in es eine Frage von wesentlicher Bedeutung, inwieweit Rußland durch die Vermittlung von Serbien Oenerreich von Süden her umklammern fann. Serbien wird die Be­deutung der Herstellung eines dauernden guten Verhält­nisses mit Oeiterreich bald erkennen. Die Bedeutung des serbischen Voraehens hängt wesentlich von der Haltung Rußlands ab. Wir dürfen uniec aus­wärtiges Amt für seine Tätioleit und für die ruhige Art, mit der es roä .teno dieser Kirsis die politischen Geichälte geführt hat, immer m dem Bestreben, den Frieden zu erhalten, danken, daß eS durch lerne Haltung em Moment in De> Erhaltung des Friedens geipielt bat. ,Ledh. Bestall ) Eriieulicherwe.se ist infolgedessen etne erhebliche Annäherung Italiens und auch des ita­lienischen Volkes an Oesterreich eingetreten. Oester­reich selbst aber ist durch innere Bundesireue park und ruhig in seiner Haltung geblieben. Beide Bundes­genossen haben Interesse an einem unabhängigen Albanien. Hebet die serbische Hasen,rage an der Adria steht den beteiligten Montern die Enlsweidung zu. In dem Moment, wo Rußland Serbien bei­

springen würde, weil Serbien von Oesterreich ange­griffen wurde, wären wir unb Italien ver­pflichtet, für Oesterreich einzutreten, auf Grund des Bündnisses, das Bismarck abgeschloffen bat. Ich hätte gern Auskunft darüber, ob bei den Be­ziehungen unb dem Einflüsse, den die polnische Nation in Oesterreich besitzt, von Oesterreich in unserer Polenpolitik eine Erschwerung für feine

tgene Politik gefunden wirb. Unfere Ruhe unb Sicherheit im gegenwärtigen Kriege wirkte beruhigenb auf sämtliche Großmächte unb ihr ist auch bie Begrenzung des Balkantrieges zum guten Teil zu verdanken. (Sehr richtig i. Ztr.) Der Herr Staatssekretär bat sich soeben warm über die Besserung -wischen England und uns ausgesprochen. ES kann keine bessere Nach­richt geben, als daß England und Deutschland zusammen- arbeiten, um den Frieden aus dem Balkan zu fördern. Sie eriüllt uns mit Hoffnung unb Freude. Sobald die Enücheidung auf Friedensschluß gefallen ist, werden die europäischen Regierungen, um die Verhältniffe auf finanziellem und wirtschaftlichem Gebiet zu regeln, einen Kongreß abhallen, das ist vorauszusehen. Wenn aber bie Konferenz einen dauernden Frieden aus dem Balkan erzielen will, so muß sie nicht nur die wirtschaftlichen uno materiellen, auch nicht nur die kulturellen Be­ziehungen ansehen, sondern auch hinüberschauen auf die kirchlichen Zustände. Es gibt auf dem Balkan eine große Zahl von Rassen und Konfessionen, und darauf wird bei einer Neugestaltung der Verhältniffe Rücksicht zu nehmen sein. Wir haben in dem türkischen, griechischen, bulgarischen, rumänischen, albanischen Volk und bet allen mit Ausnahme der mohammedanischen Türken, verichiedene Konfessionen. Darin liegt eine gewisse Gefahr. Es ist mit Recht daraus hingewiesen worden, daß bei einer Neukonstituierung deS Balkan auch die religiöse Freiheit gewahrt wird für alle Konfessionen. Zum Schluffe mochte ich Sie versichern, daß wenn wir auch auf Dem Kampfplatze innerer Politik noch so sehr getrennt fein mögen, in diesen wichtigen Angelegenheiten der R e g i e r u n gS ymphatie und Hn ter ft ü^ung aussprechen. Möge es dem Reichs, kanzler vergönnt fein, auf dem künftigen Kongreß die Stimme Deut'cklandS und beffen Vollgewicht zur Geltung zu biinqen. (Seb*1- Beifall )

Abg. Gras Kanitz (kons.): Wenn die Sozialbemo- fratie in ber Lage ist, einen Krieg zu verhindern, dann si.st sie uns das auf dem Balkan doch einmal vormachen. (Sehr richtig!) Aber die Sozialdemokratie kann e§ nicht, und deshalb wird man die Phrasen in Basel auch ent» sprechend ein schätzen. Herr Ledebour ist mit der Reichs- kanzlerrede nicht übermäßig zufrieden gewesen. Da» versteht sich, denn ein Sozialdemokrat ist niemals zu­frieden. Ich habe vom Herrn Reichskanzler nicht viel mehr erwartet, denn was hätte er mehr sagen sollen? Jedenfalls glaube ich ans der Rede des Herrn Reichs- kanzlers entnehmen zu können, datz eS mit den Friedens- aussichten günstig bestellt ist. Zu bedauern ist, datz die seit Monaten herrschende Kriegsfurcht sich man- cherorts geltend macht, womit etne nicht unbedeutende Schädigung unseres Wirtschaftslebens verbunden ist. ES ist dringend zu wünschen, datz dieser dumpfe Druck recht bald wieder schwindet. Wir haben bedeutende Handels- imeieffen in der Türkei, wo große deutsche Kapitalien festgelegt sind. Deshalb haben wir alle Veranlassung, eine ruhige Fortentwicklung unserer Handelsbeziehungen zur Türkei zu erstreben. Die Tatsache, dah Oesterreich- Ungarn Serbien den Zutritt zum Adriatischen Meere verweigere, trägt eher zur Klärung als zur Verwick­lung bei.

Abg. Bassermauu (natl.): Die Erklärung des Reichs- kanzlers, daß der Gedankenaustausch hoffentlich in ent. gegenkommender Weise geführt werde, wird mit Befrie­digung aufgenommen werden. Datz die Vermei­dung eines Weltkrieges ein Verdienst beS internationalen Proletariats ist, kann ich nicht anerkennen. Wir müssen die Türkei lebensfähig er- halten und dürfen kein Protektorat über Teile der asia- tischen Türkei errichten lassen. Wir begrüben es, daß die Abmachungen auf dem Balkan zunächst unter den kriegführenden Mächten erfolgt und datz dann erst die Verhandlungen der Großmächte einsetzen. Bezüglich der Behandlung der Beziehungen zu England und Frankreich empfehle ich eine abwartende Haltung. Bezüglich unserer Stellung zu Oesterreich begrüßen wir die Erklärung des Herrn Reichskanzlers, wonach wir b un destreu zu Oe st erreich stehen, wenn es in der Verteidigung seiner vitalen Interessen von dritter Seite ongeriffen werden sollte. Man darf und kann nicht, wie es verschiedentlich geschah, Oesterreich eine Eroberungspolitik verwerfen, sondern man wird zugeben müssen, daß auch Oesterreichs Politik ernsthaft auf den Frieden gerichtet war. Tie maßlosen Angriffe der sozialdem. Presse auf Oesterreich-Ungarn find eine Un- gezogenbeit. Wir müssen im Ernstfälle eine möglichst rasche Mobilmachung haben, das hat dieser Krieg gezeigt. Unsere Regierung sollte sich öfter über die äut-.ere Politik aussprechen. Wir billigen die deutsche Balkanvolitik, und, datz wir Oesterreich-Ungam treu zur Seiw stehen.

Abg. Schultz (Rp.): Es ist zu begrüßen, daß wäh- rend der Balkanwirren der Dreibund eine entschlossene Haltung eingenommen hat. Ein- kraftvolle Reichspolitik nach Innen und Außen ist heute mehr denn je notwendig.

Persönlich erklärt

Abg. Erzberger (Ztr.): Der Abg. Ledebour hat ge­meint, ich sei nach Wien gereist, um mich um den Posten eines albanischen Präsidenten zu bewerben. Ich war allerdings in Wien, und zwar um in einem Missions- verein einen Vortrag zu halten, den ich schon gelegent. sich des Aachener Katholikentages zugesagt hatte. Wenn ich mich um den Posten eines albanischen Präsidenten be­worben hätte, so würde ich dem Abg. Ledebour die Stelle de? Hofnarren offen gehalten haben.

Dienstag: Fortsetzung.

Die auswärtige Lage.

Tie gestrige Rede des Reichskanzlers im Reichslage über die hochpolitische Lage war kur, und diplomatisch gehalten. Wer etwa große Enthüllungen erwartet hotte, ist nicht auf feine Kosten gekommen.

Die Beschränkung, bie Herr v. Beihmann-Holl- weg sich selbst auferlegte, wurde von der Linken her, wo ic Treib 'äuser der Phrase stehen, bemängelt und gescholten Aver Der Reichskanzler handelte sehr richtig, wenn er nur das sagt, was er im nationalen Interesse und für den europäischen Frieden für förderlich hält, und Der großen Sache, b:e er vertritt, auch bie per­sönlichen Neigungen unb bie Neugier seiner Zuhörer unterordnet.

Daß guf den wohlabgewogenen Dortrag deS Reichskanzlers sogleich eine sozialdemokratische Schimpf-Rebe vom Aba. Ledebour folgte, war wieder eine unangenehme Nachwirkung bet 110 Man­

date, zu denen die liberale Wahlhilfe den Sozial­demokraten verhalfen hat. Die an Kopfzahl stärkste Fraktion erhält den Vortritt in ber Rednerliste. Das bodenlose Loblied auf bie proletarischen Friedensengel, ba8 Herr Ledebour fang, hatte freilich die gute Wirkung, daß sich von diesem hohlen Gerede bie Sachlichkeit unb Gewissenhaftigkeit der kanzlerrschen Ausführungen um so eindrucksvoller abhoben. Neben- bei gaben einige von den Lesebour'schen Ausfällen dem Staatssekretär v. Rtberlen noch die erwünschte Gelegenheit, einerseits für den russischen Zaren eine Freundlichkeit einzuflechten und anderseits unter Verhältnis zu Eng land während der schwebenden Krisis als besonders vertrauensvoll und fruchtbar für den Frieden zu bezeichnen.

Die Artigkeit gegen den Zaren war um so mehr am Platze, als Herr v. Bethmann-Hollweg in seiner Rede eine Warnung hätte anbringen müssen, die sich freilich nicht gegen die gegenwärtige russuche Re- giemngspolitik richtete, aber doch gegen die Kriegs- treiberei in Rußland, die zu Gu> sten Der ser« bischen Ansprüche den Kampf gegen Oesterreich in Gang bringen möchte. Die Rede des Reichekanzlers fand ihren Gipfelpunkt in der feierlichen Erklärung der Solidarität Deutschlands mit Oester­reich für den Fall, daß wider Erwarten Oesterreich bei ber Geltendmachung seiner Interessen von einer dritten Macht angegriffen werden sollte.

Es ist schon früher die Behauptung aufgestellt worden, daß Deutschland durch seine innige Serbin, düng mit Oesterreich in Abhängigkeit unb Dienstbar­keit für frembe Interessen gerate. Dieser Auffassung entziehen die trefflichen Worte des Reichskanzlers jeden Boden. Der Reichskanzler sagt nicht, daß Deutschland in bie Meinungsverschiedenheiten unb Interessengegensätze zwischen Oesterreich unö Serbien emgreifen wolle oder müsse. Er erklärt vielmehr, wenn nach den Friedensabmachungen noch unlösbare Gegeniätze beständen, so würde es Sache dec im einzelnen Falle birkk interessierten Mächte sein, ihre Aniprüche zur Geltung zu bringen; das gelte auch für unsere Bundesgenossen. Alto die Bändigung deS serbischen UebermuteS ist Sache Oester- reicks und Italiens. Deutichlands Bu ibespflichk kommt erst bann zur Geltung, wenn eine andere Großmacht unsere Bunbesg mosten an greift. DaS ergibt Neutralität bei einem serbisch-österreichischen Konflikt, aber Eingreifen bei einem Angriff Ruß. lands auf Oesterreich, durch den das habs­burgische Reich ,in feiner Existenz bedroht* würde. Eine Bedrohung ber Existenz Oesterreichs wäre eine furchtbare Gefahr für bie Weltgeltung Deutschlands und für den Frieden. Darum kämpfen wir für a ns selbst, wenn wir Oesterreich verteidigen. Wie der Reichskanzler treffend sagte: „Dann würden wir zur Wahrung unserer eigenen Stellung in Europa, zur Verteidigung unserer eigenen Zu- tunft und Sicherheit fechten."

Diese sehr bestimmte Sprache läßt vermuten, daß ber Reichskanzler bie Kriegstrei bereien noch für gefährlich unb einen falten Wasserstrahl nach der panslaristischen Seite hin für ang zeigt hält. Aber dadurch brauchen wir uns nicht in Unruhe jagen zu lassen, denn die Mitteilungen über bie Absichten ber Regierungen ber Großmächte unö über den Fortgang ber Verhandlungen Hangen durchaus befriedigend. Insbesondere auch die förmliche Versicherung, daß Absichten von Landerwerb aus Kosten Der Türlei bei den Großmächten nicht beständen. Unter diesen Um- ständen darf man hoffen, daß die bestimmte Erklärung ber Solidarität mit Oesterreich dazu beiträgt, die friedliche Richtung in Rußland am Ruder zu halten und Der gegenwärtigen Krisis Denielben friedlichen Ausgang zu sichern, den Die Annex onskrisis trotz JSwolsti und Genossen genommen hat.

Deutsches Reich.

** Berlin, 2. Dez. 1912. Der Kaiser hat von Donaueschingen aus die Rückreile ü.er Baden-Baden, wo er e nen mehrstündigen Aufenthalt nahm und mit der Kaiserin z ffammentiaf, nach Potsdam ange­treten. — Der Kronprinz, der von den Benetzungs- feierlidjteiten der Gräfin von F andern znrückgekkhrt ist, ist mit der Kronprinzessin nach Oels gereift. — In London wird erzählt, es fei dort Prinz Heinrich von Preußen zu einem Privatbesuche eingetroffen. Es heißt. Der deutsche Botschafter werde zu Ehren deS Prinzen im Carlton-Hotel em Frühstück geben. — Prälat Abg. Dr. Sckä'dler in Bamberg vollendet am 5. Dezember fein 60. Lebensjahr. Der hochverdiente Mann ist beb uerlicher Weise zurzeit noch ernst erkrankt.

* Ter Dreibund. Die »Franks. Ztg? teilte ans parlamentarischen Kreil en mit, bas der Dreibund erneuert worden fei. Dieie Nachricht entbehrt jed r Begründung. Die Erneuerung n sicher, aber Di* Unterschrift unter die Verträge ift noch nicht ge- leiste! worden. .

»:♦ Kaiser und Jesuiten. Der „Hann. Kuner" weiß zu erzählen, daß der Kaiser vor kurzer Zeit mit großem Interesse bie beiden jüngst erschienenen christen des Grafen Hoensbroech: „Offener Brief an die bayerischen Erzbischöfe" und „Die deutschen Jesuiten der Gegenwart und der konfessionelle Friede" gelesen habe. In besondere Er­regung habe ihn der dort geführte „Nachweis" ver­setzt, daß der deutsche Jesuit Lehiukuhl, der Berater des Zentrums, in seiner für die Unterweisung der katholischen Deltgeistlichkeit und zum Gebrauche int Beichtstuhl bestimmten „Moraltheologie" die Lehre aufstellt, der Beamteneid aus Staatsgesetze und Staatsverfassnngen und der militärische -rreu- und Fahneneid seien nur insofern bindend, als Staaisge- setze und Staatsverfassungcn kirchlichen Rechten und Gesetzen nicht widersprächen und als das dem Sol­daten durch seine Vorgesetzten Befohlene ihn nicht Gefahren für sein Seelenheil ausfetze. Ter Kaiser soll sich darüber in sehr deutlicher Weise geäußert haben. — Dir überndjmeit keine Garant' für diese