Einzelbild herunterladen
 

2. Blatt.

Oratf »er fsieaer üctieitmttrd in Snlba.

*:* Fuldaer Leitung. ♦**

Lokales.

Fulda, 27. Nov. 1912. '

# Verliehen wurde dem Gemeinderechnungsführer Pfeiffer zu Ellenberg im Kreise Melsungen das Kreuz des Mgemeinen Ehrenzeichen?, dem Bürgermeister Bolte zu Wickenrode im Kreife Witzenhausen das All­gemeine Ehrenzeichen und dem Lohnarbeiter Momberg zu Dissen im Kreise Fritzlar das Allgemeine Ehren-: zeichen in Bronze.

(*) Mttstetkurjus für Schmiede. Am 2. Januar 1913 beginnt in der Ledrschmieve in Fulda ein neuer Kursus von dreimonatiger Dauer. Der Kursus schließt mit einer Prüfung ab, durch deren Bestehen der Besähigungsausweis zur selbständigen Ausübung des Hufbeschlagaewcrbes erworben wird. Ter theoretische und der praktische Unterricht wie auch die Prüfung sind unentgeltlich. Die Kirsisien erhalten wöchentlich 1 Mark Taschengeld. Für Prämien,wecke bei der Prüfung stehen 50 Mark zur Vertilgung. Für Unterkunft und Kost haben die Kurfusteilnehmer selbit zu sorgen. Anmeldungen sind bis zum 15. Dezember an den Leiter der Lehrlchmiede, Herrn Kreistierarzt Weber in Fulda schriltlich einzureichen, der auch zu weiterer Auskunft bereit ist.

= Ein neues Genesungsheim für das 18. Armee- kors'». Da das 18. Armeekorps hinsichtlich der Un­terbringung seiner Genesungsmannschaften aus die Genesungsheime anderer Armeekorps angewiesen i,t, soll aus milrtärdienstlichen Rücksichten und zur Ver­meidung weiter, umständlicher Reisen der Kranken in Eberbach im Rheingau ein Genesungsheim für Mannschaften des 18. und zugleich auch des 8. Armeekorps aemietet werden. Für die Ausstattung der Anstalt wird im Reichsetat ein Betrag von 24 000 Mark angefordert. In dem Heim werden ein Unter- inspekior, zwei Militärkrankcnwärter und eine Köchin angestellt. .

“jLtj Schöffengericht. Der Kaufmann W. hier, Jr Haber eines Zigarrengeschäftes, wurde wegen Ver­gehens gegen die Sonntagsruhe — er hatte wieder­holt sein 'Geschäft Sonntags schon vor 11 Uhr ge­öffnet und Kunden bedient — dem Anträge des Amtsanwalts gemäß zu 15 Mk. Geldstrafe ver­urteilt. Eine Mcffersteckerei, die sich am U. Juli in Petersberg ereignete, bei welcher der Fabrikarbeiter S. von dort Haupt'äter war, sollte gestern nach­mittag ihre gerichtliche Sühne finden. Zehn Zeugen waren geladen. Die Verhandlung mußte aber aus­gesetzt werden, da der Angeklagte in der Mittags­pause nach seinen eigenen Angaben 16-20 Glas Bier getrunken hatte, so das? er nicht vernehmun.?- fähig war. Der Amtsanwalt beantragte deswegen gegen S. eine dreitägige Hast. Das Gericht sah von einer Orbminazfitofe ob.

* Der Storch im Zuge. Am Montag stattete Freund Klopperstorch einer polnischen Fran auf der Reise in ihre Heimat zwischen den Stationen Schlüch­tern und Elm einen Besuch ab. Mutter und Kind wurden beide wohlbehalten dem Landkränkenhause zu- gcführt.

8 Ter Nadfportklub Fulda beritWete in seiner lctz'cn Generalveri mmlung, daß am ersten Sonntag im April der Gaulag des 9. Gaues vom deutschen Radfahrerbund (Frankfurt«Darmstadt - 'Mainz - Wies­baden) in Fulda in den Sladt'älen abgehalten wer­den soll. Um auch in Fulda das Interesse für den Rad Port wieder zu beleben, soll mit diesem Gautag ein Gala-Sportfest verbunden werden, an beficn Wettstreit die besten deutschen Kunstreigen-Mann- schaften schon zugesagt, haben. Zu diesem Zwecke hat der Radsporltlub acht Künftreigen- Maschinen beschaff. Bei der BorstandSwahl wurde gewählt zum 1. Vorsitzenden K»rl Budenz, zum 2. Vorsitzenden Albert Schwarz, als Fabrwart Hugo Kieh!, als Kassierer Hermann Gaß und als Schriftführer Otto Neidbardt.

-st- Lebensmittelpreise. Die Preise für Roggen, Braugerste, Futtergerste und Hafer zeigen im Durchlchnitt der Berichtsorte im Oktober d. I. eine Aufwärtsbewegung, mährend der Weizen preis weiter nachgeaeben hat. Am erheblichsten, nämlich um 4,8 Mk. für die Tonne, war die Steigerung gegen den Vormonat beim Roggen, am gerinnsten, um 0,4 Mark, bei der Finteraerste. Der Rückgang des Weizenpreises beträgt 1,5 Mk. für die Tonne. Gegen den gleichen Monat des Vorjahres stellen sich die diesjährigen Oktoberpre je höbet bei der W augerste um rund 9, bei der Fuüergerste und beim Hafer um je 6, beim Weizen um 3 Mk.; daoegen stehen sie beim Roggen um rund 3 Mk. für d e Tonne niedriger. Die Preise für Hütsen'rüchte und Eßkarloffelr erfuhren sowohl beim Handel in größeren Menge, als auch im Kleinhantel eine Ermäßigung, während insbesondere Butter, Eier, inländisches Schweine­schmalz und Kaffee sich im Preise höher stellten, äl1

im Vormonat. Tie Preise bet übrigen Lebens- und Derpflegungsmittel haben sich nicht nennenswert ver- änd ti.

♦ Uaterrichtskurse für Uateroffisttre deS Beurlaubte«- stander sind auf kriegsministerielle Anordnung hin bei den Bezirkslommanvos eingerichtet worden. Auch das Meldeamt in Fulda beabsichtigt, einen solchen Kursus einzurichten und läßt augenblicklich Ein­ladungen hierzu ergehen. Die Kurse haben > den Zweck, die Unteroffiziere der Reserve, der Landwehr und auch des Landsturmes mit den Neuerungen auf militärischem Gebiete vertraut zu machen und ihnen Gelegenheit tu geben, sich auch außerhalb der iriili- ärischeu Pflichtübungen weiterzubiloen. Die Teil­nahme an dem Unterricht, der aus Vorträgen und Kriegssprelen (auf der Karte und im Gelände) besteht, ist freiwillig. Die außerhalb des Standortes der Bezirkskommandos wohnenden Unteroffiziere des Beurlaubtenstandes dürstn für die Hin- und Rück­fahrt Rtilitärfahrkarten benutzen, auch können auf Antrag Verpflegung?- ftnd Unterkunstsgelder bewilligt werden. Tie UnterrichtSkurse sollen hier im allge­meinen alle drei dis 4 Wochen stattfinven.

* Odstsisthter. Der Winter näht. Da er­wachsen dem Obstzüchter mancherlei Arbeiten, mich Arbeiten, die der Abwehr von Feinden dienen. Auf eine soll hier besonders aufmcrkiam gemacht werden. Da sind ju ge Obststämme gepflanzt.. Hell rind klär ist die Rinde, eine Freude für den Besitzet. Aber stt lockt auch unfern Freund Lampe, den pttfen. Wie manchen Baum vernichtet et durch seine Nagearbeit! Nicht nur der Hunger treibt ihn zu der gefährlichen Arbeit am Stamme, nein, er muß eben nagen, damit feine Meißelzähne nicht über die Gebühr wachsen, sich längen und einander im Wege stehen. Auch Schafe und Ziegen schaden durch Anfr ssen an jungen Stämmen. Ein Busch stachligen Wacholders um den Baum tut schon gute Dienste; besser und haltbarer, auch schöner, luftiger und gesunder ist allerdings ein Drahtgitter von Metethöbe.

△ Der deutsche Bankbeainten-Berein (Ortsgruppe Fulda) feiert am EamStag, den 7. Dezember, abends 8 Uhr, im großen Saale deS Parkhotels lein 2. StntliNgsfest, verbunden mit einem Festessen und anschließendem Herren- Abend.

Aus dem Nachbargebiete.

* Bad Soden, 26. Nov. 1912. In der SamStag- nacht wurde hier auf dem Bahnhof ein Einbruch verübt, bei dem den Dieben größere Beträge jedenfalls nicht in. dir Hände gefallen sind, weil mau die Kassen am Abend zuvor in Sicherheit gebracht hatte.

* Hanau, 26. Nov. 1912. Am Sonntag abend wurde einer Dame da? Handtaschen mit Inhalt von einem Unbekannten entrissen. — Der Vorstand des Hanauer Tiers chutzdereinS beabsichtigt auch in diesem Jahre vor. Weihnachten eine Anzahl Tier­pfleger auSzuzcichnen. — Eine außerordentliche Ge­neralversammlung der Hanauer Ort § krank enr k a s s e trat einstimmig dem Antrag deS Vorstandes aus fernere Zulassung bezüglich Ausgestaltung der Kasse zur allgemeinen Ortskrankenkasse bei.

* Offenbach, 26. Nov. 1912. Die Ochsenmetzger gaben einen F l i is chabschlag bekannt; danach kostet von jetzt an da? Pfund Ochsenfleisch ‘96 Pfg., Ochsenfleifch ohne Beilage das Pfund 1,25 Mk., Rost- beas, Lende, Eisbein mit Beilage 1,05 Mark, Eis­bein ohne Beilage 1,40 Mark, Rostbeaf ohne Beilage 1,50 Mark und Hackfleisch 1,20 Mark pro Pfund.

* Frankfurt, 26. Nop. 1912. Die Versammlung der Wissenschaftlichen Gesellschaft für F l u g t e ch n i k hat eine Resolution angenommen, wonach die Fesiig- keitsberechnung der Luftfahrzeuge auf wiffenfchaft- kicher Grundlage vorgenommen werden foll. Die Ge- stllscbast stellt sicb den gesetzgebenden Körperschaften zur Mitarbeit auf diesem Gebiet zur Verfügung. — Unter der Führung mehrerer Großindustriellen beab- sichtigt man im Weichbilde von Groß-Frankfurt die Erbauung einer neuen Automobilfabrik, die den Rainen „Taunuswerke" tragen foll. DaS Stamm­kapital betragt 6 Millionen Mark.

* Kassel, 26. Nov. 1912 Gestern fand die Eröff« nung des diesjährigen Rechnerkursus dir Hess. Raiffeijen-Organijalion statt. Ter Vorsitzende, Ländes- ökonowierat Rexerodt, wies auf die BeveutUng her Kurse hin und eikwfste, das; der bevorstehende Kursus weitere tüchtige Ratfielfenmänner den bereits an diesem Otte auspetnldeten 1380 Genoffenschaitern beigesellen möge. — Mehr a!S 150 selbständige Inhaber offener tzesckäste im Kasseler Barbier-Gewerbe haben oen Regierungsprasivenlen in einer Eingabe gebeten, oen Em llhr-LSdeulchluß an Sonn, und Festtagen, ’cmic den vostständlgen Scklüß der Geschäfte an den .'weiten hohen Feiertagen anörvncri zu wollen. — Im Sitzungrfaale des Oberianbesgrttchts würde gestern

§ Gegen vie Grnndbefitzbesteuernng.

Der großen Kundgebung des Verbandes des Deut­schen Gwndbesitzes und Realkredits vom Montag, in Berlin, über die schon kurz berichtet wurde, lag zur Beschlußfassung eine Resolution vor, die in den Haupt- leitfätzcn lautet:

Die Wertzuwachs st euer ist eine in Steuer- form gekleidete Konfiskation des privaten Vermögens. Ihre rückwirkende Kraft hebt den verfassungsmäßig ge­währleisteten Schutz des Privateigentums auf und ist deshalb ungesetzlich. Sie schmälert den Arbeitsgewinn der Besitzer und die normalen Erträge des im Grund- besitz angelegten Vermögens in unerhörter Weise. «sie hat den Grundstücksverkchr lahmgelcnt und in sozialer und steuerpolitischer Beziehung vollkommen versagt. Die Umsatzsteuern vernachlässigen bte gebotene Rück­sicht auf die Verluste bei freiwilligen und besonders bet unfreiwilligen Verkäufen, und ihre ■ Häufung zugunsten der verschiedenen öffentlichen Körperschaften führt zu einer mehrfachen Besteuerung desselben Beschwechsels. Gleichviel, ob bei ihm eine steuerliche Leistungsfähigkeit zutage tritt oder nicht. Geradezu verheerend wirkt die Steuer nach dem gemeinen Wert wegen ihres völlig verkehrten Maßstabes. Sie überschreitet oft den Ertrag des Grundbesitzers, sie vertreibt die kapital- schwachen Besitzer von Haus und Hof, sie zwingt die kapitalkräftigen Besitzer zur Bebauung und sie verdrängt die letzten Gärten aus dem Innern der Städte.

Präsident Dr. van derBorght - Berlin sprach über die Stellung des Grundbesitzes im deutschen Steuersystem. Er sagte:

Es handelt sich bei unferm Kampfe um Gerechtigkeit und Privateigentum. Die Gerechtigkeit, dir Grundlage eines jeden Staatswesens, muß auch da? Steuerwesen beherrschen. Die Forderung, daß alle Steuern durch die Bodenrente ersetzt werden sollen, ist mit Recht ein Appell an den Instinkt des RaubeS genannt worden. Als Paradepferd reiten unS die Bodenreformer Kiautschou vor, aber gerade Kiautschou hat steuerlich versagt. Trotz­dem wird die Uebertragung dieses nach den Vorschlägen der Bodenreformer eingeführten Steuersystems. auf Deutschland verlangt. Dabei beträgt schon bet den heu­tigen Zuständen in Deutschland die Umsatzsteuer einschließlich aller Nebenkosten 5 Prozent, also bei einem Grundstück von 150 000 Mk. 7500 Mk. (Hört, hört!) Zurufe: Skandal!) Und diese Steuer wird auch erhoben, wenn mit Verlust verkauft wird. (Hört, hört!) Die Wertzuwachssteuer ist eine in die Form der Steuer gekleidete Enteignung. (Sehr wahr!) Auch diese Steuer hat finanziell versagt. Ebenso groß sind die Un­gerechtigkeiten bei der Steuer nach dem gemeinen Wert. Sie muß bezahlt werden, auch wenn alle Woh­nungen leer stehen und wenn der Hausbesitzer mit Ver­lust arbeitet. (Hort, hört!) Diese Art der Besteuerung bedeutet direkt eine Prämie auf die Beseitigung aller Gärten in den großen Städten. Der Bruchteil, der dem Haus- und Grundbesitzer für öffentliche Zwecke in Form von Steuern weggenommen wird, ist höher als bei an­dern Sterblichen. (Sehr richtig!) Bei einem Einkommen von 6000 Mk. muß in Kassel z. B. ein Grundbesitzer rund 670 Mk. Steuern zahlen, ein Rentier 450 Mk. und ein Beamter 260 Mk. (Hört, hört!) In München beträgt die Steuer für den Hausbesitzer etwa 20 Prozent seines Ein­kommens. (Hört, hört!) Das beweist doch, daß der Grundbesitz in der Tat überlastet ist. (Sehr richtig!) Aber das alles genügt den Bodenrefvrmern noch nicht. Kaum ist die Besitzsteuer für das Reich in greifbare Nähe gerückt, und fchon verlangt Herr Da­maschke eine Steuer vom gemeinen Werte. (Hört, hört!) Sie würde für den deutschen Hans- und Grundbesitz eine Mehrbelastung von -i bis 3% Milliarden Mark im Jahre bebeufen. (Erneutes Hört, hört!) Wir haben den Kampf nicht gesucht, er ist uns aufgezwungen worden durch die Unersättlichkeit der bodenreformerischen Steuerforde­rungen. Unser Sieg wird unsere Nation bewahren vor schweren Erschütterungen durch gefährliche Steuer- experimente. (Stürmischer Beifall.)

Weiter sprach der Vorsitzende der deutschen Haus­besitzervereine , Justizrat Dr. Baumert-Spandau. Landtagsabg. Graf Spee sprach über die Bodenbe­steuerung vom Standpunkt der Landwirtschaft. Vor einigen Wochen habe in Köln eine große Versammlung rheinischer Bauern denselben Protest erhoben. Beide Kundgebungen zeigten, daß städtischer und ländlicher Grundbesitz hier durchaus gemeinsame Interessen ver­träten. Mit Beschämen sähen wir, daß die Tendenz der neuern Gesetzgebung den strengen Schutz des Pri­vateigentums verlassen habe. Unter Mitwirkung un- serer Regierungen und der gesetzgebenden Körperschaf­ten sähen wir eine Entwicklung, deren Ende nur die Aufhebung des Privateigentums sein könne. (Sehr richtig!) Gegen die Härten der heutigen Umsatz­steuern wandte sich Dr. Graßntann-Stettin. Diese hohen Steuern müßten notwendigerweise zu einer Verteuerung der Mieten führen. (Sehr richtig!) Nach einer Reche weiterer Ansprachen, die sämtlich eine Aendernng.der heutigen Grundbesitzbesteuerung ver­langten und so ziemlich alle neben berechtigten Forde­rungen " unberechtigte Uebertreibungen enthielten, wurde die Resolution und im Anschluß daran die gestern mitgeteilten Forderungen unter großem Bci- 'äll einstimmig angenommen.

Wms Held.

9] Roman von Fritz Ewald.

Der Vater ihres Vaters war ein schlichter Jud; gewesen, der sich aus einfachsten Verhältnissen emvor- geatbeitet hatte, aber er war keiner von denen ge­wesen, welche dem Volke der Juden so viel, oft un­verdienten Schaden zugefügt haben, sondern einer von den edeln, die streng in ihrer Religion lebten; einfach waren in ihrem Wesen, klar int Denken, ideal im Festhalten ihrer Familienbande, helfend, wo man chrer bedurfte, ohne viel Worte. — So hatte man in ihr geschildert und so verehrte sie ihn in Erinnerung und liebte ihn schon darum, weil der Vater ihn so geliebt hatte, — und ihr Vater 'rar der Inbegriff alles Großen und Euteil für Ri 5. Ihre Mutter war sehr früh gestorben, ihre ganze Erziehung ver­dankte sie dem Vater. Er hatte das einzige Kind nur durch große Liebe, nie durch Luxus verwöhnt, hatte ihr manchen Wuysch abgeschlagen, um sie an das Entsagen zu gewöhnen, und trenn die Freundinnen mit neuen, eleganten Kleidern prunkten, muhte Ruth noch die alten tragen, solange sie leidlich gut waren, um dem üb erhand"nehmenden Luxus zu steuern.

„Denke nicht, mein Kind, daß Du besonders be­vorzugt bist, weil Du reich bist", hatte chr der Vater stzets in seiner milden, gütigen Weise vorgehalten, — „int Gegenteil, Du bis nur zu besonderen Pflichten ausersehcn, — die wenig Begüterten dieser Erde ha­ben allein für sicb zu sorgen, — während sich dm Reichen ihr Besitz tote eine schwere Last auf die Seele legt. Wir haben unser Geld nicht, um es unnütz aus- iugc6en, sondern, um c? nützlich auszuteiien. Wenn Tu auf kurze Zeit die Augen schließt, wirst Du das Gefühl von tausend nn sichtbar ausgestreckten Händen haben,' — fülle sie, wo Tu kannst, und wenn auch Unwürdige daninter sind, weise sie nicht zurück, Tu könntest an einem Würdigen vorübergegangen fein, — und was schadet es schließlich, wenn man einem ernten Schlucker, der es vielleicht nach Meinung an­

derer nicht verdient, eine Sonntagssreude gemacht hat, — jede Freude, die man anderen bereitet, trägt ihren Lohn in sich."

„Hege Milde im Herzen für die ganze Menschheit, aber erwarte nicht wieder Milde gegen Dich; — gib Dich keinen Illusionen über die Vorzüge Deiner Mit­menschen hin. Du wirst dadurch vor Enttäuschungen bewahren, aber wenn Tu dem Einzelnen begegnest, so sieh ihn Dir genau an, ob er nicht besser ist wie all die anderen, besser als Tu selbst, und dann lerne von seinen guten Eigenschaften."

So hatte der Vater sie das Leben cmsehen, beur­teilen gäehrt, — hatte durch schöne Reisen ihren Geist erweitert, durch verständnisvolles Einsühren in die Kunst ihr herrliche Werte erschlossen. — Den Haus­halt führte eine entfernte Verwandte, aber Ruth selbst hatte einen großen Wirkungskreis durch viele Arme und Kranke, welche sie reichlich unterstützte und wozu der Vater ihr nie die Mittel versagte, und es waren Stunden höchsten Glückes für sie, wenn sie Freude be­reiten, Sorgen verbannen konnte. Sic wäre vollkom. men befriedigt gewesen, hätte nicht die stille Sehn­sucht nach Leo von Danhoff in ihrem Herzen gelebt. Nun war diese heute wieder stärker denn je ent­flammt, und Mitleid und heimliche Angst um sein verändertes Aussehen verschärften sie noch.

Dem Vater siel bet seiner Heimkehr ihre bedrückte Stimmung auf.

„Du bist zu viel allein, Kl.'inc", sagte er in seiner milden Art, „das taugt nicht für die Jugend, da wirst Du über Deine Jahre ernst. — Komm mal her mein Mädel, wollen wir mal wieder eine kleine Gesellschaft geben? Tas schafft Abwechselung vor und nachher, — Tu darfst einladen, wen Du willst." —

Er hatte die Tochter zu sich herangezogen, ergriff ihre Hand und streichelte ihr krauses Haar.

Die ganze Art, jede Bewegung des Kommerzien­rates hatte etwas wohltuend Weiches/ — es ging wie vertrauenerweckende Piilde von ihm aus, bedingt durch eine seltene Ruhe und Wgcklärtheit, und wer dieses regelmäßige Gesicht, welches schneeweißes Haar

un'.rahmte geschaut, der hatte sich fast immer beim ersten Sehen zu dem alten Herrn hingezogen ge­suhlt. --

Ruth lehnte ihren Kopf fest an die Schulter des Vaters. „Du bist so gut zu mir, Papa."

Dieser lächelte. ‘ \'

„Gut, weil ich meinem einzigen Kinde etwa? Zer- streuung schaffen und c5 fröhlich sehen will? Ich würde diese Handlungsweise weit eher mit Egoismus übersetzen."

„Egoismus?"

„Gewiß, jede Freude die wir schaffen und die kein Opfer, kein Versagen von uns fordert, ist in gewissem Sinne immer Egoismus."

„Dann ist es aber reckst schwer, off gut zu sein", entschied. Ruth nachdenklich.

„Nun, der Wille dazu ist auch schon etwas wert, der Wunsch, bester zu werden, vergelt unwillkürlich, — doch wir kommen ganz von unserem Thema ab, wie ist c5 mit unserer Gesellschaft — heute über vier­zehn Tage, ist es Dir recht?"

„Sehr, Papa, ich danke Dir"; sie schlang die Arme um seinen Hals.

„W'.r wollen es so hübsch wie möglich machen, da hat mein Kleines doch Abwechslung, alles recht nett vorzubereitcu. 'Uebermo-rgen ist ja auch wohl wieder Tein musikalischer Tee-Abend, — ich traf vorhin Friedrich Karsten, er freut sich schon daraus, — er- kundigse sicb allerdings sehr eingehend, ob Isolde von Winningen käme. Ich fürchte, der arme Mensch trägt sich da mit Hoffnungen, die in das Reich der Unmöglichkeit bin überspielen."

„Der Acrmftc", — Ruth sah träumend in das Kamtnseuer

„Ich habe es schon mehrfach versucht", fuhr der Kommerzienrat fort, „ihm, natürlich nur ganz im allgemeinen, vorzustelleii, daß der Flug nach der Tonne gefährlich, der Begeh'' nach fremden Welten- körpcrn aussichtslos ist, — ich habe.ihm von den Erfahrungen meines reichen Lebens erzählt, — Aber die Erfahrungen der anderen hält man ja bekanntlich

M 2Z2.

Mittwoch 27. November 1912.

die mündliche Referendar-Prüfung abgebalten. ES bestanden sämtliche vier Prüflinge. — In der gestrigen Nacht wurde ein Handwerksgeselle von zwei Burschen so schwer mißhandelt, daß er ins Krauten«. däus gebracht werden mußte. Dir beiven Täter konnten festgenommen werden. — Das Schwur­gericht verurteilte gestern den Fahrburschen, Oeste aus Helsa wegen versuchter Notzucht dem Anträge des Staatsanwalts gemäß zu l1/« Jahren Ge ängmS. Wetrrhin wurde verhandelt gegen den Arbeiter Trenk auS Bleisungen wegen Verbrechens aus §§ 176 und 177 des Strafgesetzbuches. Der 40jährige Angeklagte hat bereits etwa 20 Vorstrasen erlitten und wurde auch jetzt wieder zu sechs Jahren Zuchthaus und sechs Ja ren Ehrverlust verurteilt.

* Hann. Münden, 26. Nov: 1912. In Löwe.n- haaen wurde am. Sonntag während deS Gottes­dienstes ein von drei Arbeiterfamilien bewohntes Haus eingeäschert. Einiges Bich sowie viel Mobiliar ist mit verbrannt... . ..: ...

* Fletzen, 26. Nov. 1912. Die Vereinigung hes­sischer Gerichtsvollzieher hat.in einer Ein» gab: um Verstaatlichung des GerichtsvollzicherwesenS nachgesucht. Die Handelskammer für die Kreise Als­feld, Gießen und Lauterbach sprach sich einstimmig gegen diesen Antrag auS. -- In der gleichen Sitzung erklärte die Handelskammer sich mit der- Einführung einer Filial--und Warenhaussteuer ein­verstanden. — Aus der Konkursmasse der.Gewerk­schaft Elisenburg in Hungen kommen tri Sich am '16. Januar 1913 die Eisenerzbergwerke ,-Hattenrod l" (544 456 Quadratmeter Fläche) und „Bernhard'" (419 412 Quadratmeter Fläche) zur ZwangSver< st e i g e r u u g.

* Anspach i. T., 26. Nov. 1912. In den benach­barten TaunuS-Quarzit-Werken wurde durch einen herabstürzenden Stein dem 33jährigen Bietz aus Pfaf­fenwiesbach die Schädeldecke zertrümmert'. Er wurde nach dem Homburger Krankenhaus^ gebracht; an seinem Aufkommen wird gezweifelt:

» Dad Homburg v. d. H., 26. Nov. 1912. Inder gestrigen Siadtdervrdnetensitzung erstattete der Vorsi­tzende einen Bericht über den Stand der neuen T i e s- b o h r u n g. In der Schicht zwischen 700 und 800 Metern sind periodische Ausbrüche von stark kohlen- säure- und salzhaltigem Wässer auf getreten. Mit Rücksicht auf dieses > günstige Ergebnis wurde eine Fortsetzung, der Tiefbohrung beantragt.

* griebberg, 26. Nov. 1912. Im nahen Nieder- Möllstadt wollte die GenoffenschastSmolkerei den Milchpreis bis zum 1. April 1913 von 15 auf 14 Pf, pro Liter herabsetzen, wogegen die Lieferanten pro- teftierten. - Wenn bis zum 1. Dezember eine Einigung nicht zustande komnit, wollen letztere die Lieferung einstellen. Di: Molkerei ist eine der größten im Groß­herzogtum Hessen. ' ■■■’

*' Darmstadt, 26. Nov. 1912. In einem Cafö sand eine N e v d l v e r f ch i e tz e r e i' statt,' wobei- an­geblich wieder ein russischer Student einen Schuß abgab, der ein:n Kaufmann im Gesicht verletzte. Der Täter ist noch nicht verhaftet. — Der Reallehrer und Hosorgänist Römer ist bei einem Festakt gelegentlich des Gebtutstages des Grohherzogs im Gymnasium beim Dirigieren plötzlich von ■ einem Schlaganfall b> troffen worden. M. war sofort tot.

* Darmstadt, 26.» Nov. 1912. Rektor ,und Senat der techriischen Hochschule drückten in einem an die Studentenflbast gerichtsten Erlaß ihr Bedauern über di: Exzesse vom 13. d. Mts- au§ und mahnten zu besonnenem und würdiaen Verhalten gegen «ein­ander. Dazu Hot nun die Vertretersitzung von 25 Korporationen tu einer längeren Erklärung Stellung genommen, in der auf das an der Darmstädter Hoch- sckmle guSnabmSweise starke Ausländertum, besonders, die durchschnittlich 400 Mann starke Rus­senkolonie hingewicsen wird, die fast alle ohne die nötige Hochschulbildung' kommen und meist auch de­mokratische Politik treiben. . Auch deren Sitten und Gebräuche. Wasjentragen, Singen der Nationalhymne in öffentlichen Lokalen führen häufig zu Reibereien. Keine andere deutsche technische Hochschule, mit . Aus­nahme von Karlsruhe, habe einen solch starken Pro­zentsatz an Ausländern. Dazu komme, daß die deut- scheu Studenten im Auslände lange nicht dieselben Rechte genießen, wie die Ausländer^ bei uns. Dst Korporationen verlangen, daß man ähnlich wie auf anderen deutschen Hochschulen den Prozentsatz auf 10 Prozent festsetze oder andere einschränkende Bestim- nuutgen erlaße, damit endlich einmal gesunde Ver­hältnisse herbeigef)ihrt werden — ■

* DieSbkide», 26. Nov. 1912. Eine zur Vorberei­tung der Wahl eines ersten Bürgermeisters erwählte Kommisüon beschloß, die Stelle nicht ausrufchreiben, sondern den bisherigen zweiten Bürgermeister, Geh. Oberfinanzrat Glässing, vorzuschlagen. Gläffing ist 1867 geboren, wurde 1899 Ministerialsekretär des für ein.Märchen, dciZ man belächelt, — die an sich selbst für ein Unglück, das man beweint."

„Glaubst Dir daß sie niemals zusammenkommen können?" Ruth fragte es ganz leise und schürte die Flammen ins Kämiri zu hellerer Glut.

„Nein, das halte ich für ganz ausgeschlossen, wie ich die Familie vou Winningen kenne, zieht sie die Kreise sehr eng um sich herum. Es liegt mir fcrn? ihnen, einen Vorwurf daraus zu machen, — es gibt sehr viele Menschen, welche die ererbte Tradiüon hoch und für unantastbar halten, dazu besteht bei Wirtningens das Hausgesetz für die Söhne, nur eine Frau aus adligem Haufe, mit mindestens'sechzehn Ahnen heim­zuführen. — Und wenn auch der Fxiedrich. Karsten ein prächtiger, ehrenwerter Mensch ist, dem seine Fabrik eine ganz enorm hohe Rente einbringt, so war doch sein Vater anfangs nur ein ganz einfacher Kunst­schlosser, den Verdienst, Spekulation und ein fast co- manhäftes Glück in dieser Hinsicht von Stufe zu Stufe emportrugen; — aber seine Mutter ist bis zum heu­tigen Tage eine der einfachsten Frauen geblieben, die ich kenne."

„DaS nützt ihm nun all fein Geld?" seufzte Ruth.

. „Ich habe Dir fchon oft gesagt?, tadelte der Vater, „daß nur alles, was -'„äußerlich" ist. der Herrschaft des Geldes verfällt. Die besten, die höchsten Güter de« Lebens sind unvexkäufliche Schätze, denen ein jeder, ob arm ob reich, mit leeren Händen gegenübertritt — und das ist ein Segen der alles ausgleichenden Vor sehung, sonst würden all: Begüterten int Licht, all» Armen im Schatten stehen."

„So stehen auch die Reichen im.Schatten." Ge. daukenvoll sagte es die kleine Millionärin vor sich bin

6. Kapitel.

„Seo, ich bitte noch einmal inständig, rede, sprich, was fehlt Dir, ich kann Deinen Kummer nicht län- ger mitansehen, — hast Du-denn gar kein Vertraucri zu mir?"

Ellinor staud vor dem Bruder in ihrerii kleinen Dobnzimmrr.und versuchte schon seit geraumer Fest mit Bitten und Fragen in ihn zu b-tilgen.

(Fortsetzung folgt.)