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39. Zahrgang.
Dienstag den 26. November 1912
Erstes Blatt.
Nr. 271.
3er SoMtieg.
t Eine Beruhigungsnote der deutschen Regierung.
Angesichts der ungünstigen .Nachrichten*, die teils von politischen Quertreibern, teils von Börsen« spekula ten in Umlauf gesetzt wurden, hält eS die deutsche Regierung für angezeigt, der Beunruhigung durch eine Note entgegenzutreten. Die Erklärung richtet sich zunächst gegen einen schwarzmalenden Artikel der .Neuen Gesellsch. Korresp.' Wenn die Behauptungen der erwähnten Korrespondenz al? .unlautere Nachrichten' bezeichnet werden, so hat die Regtetung offenbar sichere Kenntnis von hinterlistigen Zwecken, die mit derartigen beunruhigenden Veröffentlichungen verfolgt werden. Die Erklärung, die in auffallender Schrift gestern abend an der Spitze der ,Nordd. Allg. Ztg/ erschien, hat folgenden Wortlaut:
.Die hiesige Börse war heute ungünstig beeinflußt durch ein Artikel der „Neuen Gesellschaftlichen Korrespondenz", der sich auf eine „besonders vorzüglich unterrichtete" Seite beruft. Er enthält folgende tatsäch. liche Behauptungen:
1. Der russische Minister Ss a s o n o w habe vor vier Tagen seinen Standpunkt in der adriatischen Hafen- frage geändert. — Dies ist schon deshalb unrichtig, weil die Mächte übereingekommen sind, sich in keiner einzelnen Frage aus dem Balkanproblem zum voraus festzulegen;
2. Oesterreich-Ungarn habe fünf Armeekorps mobilisiert. — Dies entspricht nicht den Tatsachen, wie sich jedermann aus den offiziellen Wiener und Budapester Darlegungen überzeugen kann;
3. Oesterreich-Ungarn beabsichtigt, in wenigen Tagen ein Ultimatum in Belgrad zu überreichen. —• Auch diese Behauptung ist unwahr.
Wie schon oben erwähnt, soll die alba ne fische und adriatische Frage erst im Verein mit den anderen aus den Vorgängen am Balkan entstandenen Fragen diskutiert und geregelt werden. ES ist besonders unverantwortlich, durch derartige unlautere Nachrichten die öffentliche Meinung in einem Augenblick zu beunruhigen, in dem die Regierungen aller Großmächte ernsthaft bemüht sind, für die immerhin schwierigen Fragen eine friedliche Lösung zu finden."
Aus dieser Kundgebung ersieht man, daß die Augenblicks-Besorgnisse, die Furcht vor einem plötzlichen Losschlagen von irgend einer Seite nicht begründet sind. Für die Zukunft steht uns allerdings die umfassende Ausräumungsarbeit noch bevor: das Balkanproblem mit seinem Rattenkönig von „Fragen' muß durch Lerhandlungen unter den Großmächten gelöst werden. Das wird eine schwierige Aufgabe sein, und gewiffe Gefahren sind bei der Gegensätzlichkeit der Interessen und der Gefühle gegeben. Aber es liegt zur Ängst vorläufig kein Grund vor, und wenn mau alles in allem rtim.nt, so sind die Aussichten auf eine friedliche Lösung jedenfalls nicht schlechter, als 1878 angesichts des Berliner Kongreffes und vor wenigen fahren angesichts der Marokkokrisis und der Annextonskrisis.
Ein alldeutsches Blatt meint, die jetzt förmlich verkündete Verschiebung der Einzelsragen bis zu der Gesamtregelung bedeute eine Schwankung unserer Regierungspolttik zu dem Konferenzvorschlage hin. Das ist aber eine willkürliche Deutung. In der halbamtlichen Erklärung ist nur gesagt, baß die Fragen im Zusammenhang diskutiert und geregelt werden sollen, aber über die Form der Diskussion und Regelung ist nichts gesagt oder angedeutet. Rian kann verhandeln im Wege des telegraphischen oder schriftlichen Meinungsaustausches zwilchen den Hauptstädten, wie es in der Annexionskrists und im Schlußakt der Marokkokrisis geschehen ist; man kann sich auch an einem Orte zu .einem Kongreß oder einet Konferenz zusammenfinden, wie es nach dem russischtürkischen Kriege und im ersten Marokko-Akt geschah. Das ist eine reine ZweckmäßigkeilSsrage, und wenn eine Macht Bedenken gegen eine vorzeitige Konferenz gehabt Haden sollte, so kann sie unter Umständen eine A b s ch l u ßkonserenz für gut halten. Allerdings wird man auf Grund der Erfahrungen eine Konferenz nicht eher zufammentrelen lasten, als bis die Grund- läge für eine friedliche Verständigung der Großmächte gesichert ist.
Angesichts der bevorstehenden Gesamtregelung braucht man den inzwffchen auflauchenden Nachrichten über diese oder jene Vorbereitung zur Mobilmachung oder über die Bluffsede eines serbischen Ministers oder andeier einzelner Zwischenfälle keine entscheidende Bedeutung beizvlegen. Daß man allerseits sich bereit macht, um leine Ansichten und Forderungen mit Eifolg gellend machen zu können, ist noch kein Beweis für die Absicht des Losschlagens. Und wenn begehrliche Minister vorläufig riesig viel mit Stentorstimme fordern, so schließt vieler Marktlärm noch keineswegs aus, daß sie sich schließlich mit weniger begnügen.
Warten wir in Ruhe das »große Aufwaschen" ab!
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N. Berlin, 26. Noo. Ter dem deutschen Kaiser attachnrle ruistiche Vtllitärbevollmäcbtigte General Tattlschew, der, dem .Lokalanzeigcr' zufolge, sich heute nach Petersburg begibt, überbringt ein Handschreiben des Raisers an den Zaren. — Prinz Heinrich von Preußen werde sich mit einem Handschreiben des Kaisers nach Petersburg begeben, wird als unrutreffend erklärt.
* Wie», 25. Nov 1912. Heute ist nach Rußland die Antwort ergangen, daß O e st e r r ei ch - U n- zarn jedem Kompromiß in der Hafenfrage zu stimme, das dm serbischen Export nach der See gegen jede Einmischung von dritter Seite sicherstelle, daß es jedoch in der Frage des Territorialbe-
setzes nicht nachgeben könne und seiner Forderung den ernstesten Nachdruck verleihen möchte.
* Budapest, 25. Nov. 1912. Die Situation wird abends in Regierungskreisen wenn auch noch immer kritisch, so doch um einen Grad günstiger beurteilt. Es sicht eine Erklärung Serbiens betreffend Lösung der albanischen Frage bevor. Serbien hofft derzeit auf ein Entgegenkommen in der Hafen- fraae, doch gilt hier ein Kompromiß, das Vorteile in den Besitzverhältnissen für Serbien bringen könnt:- als ausgeschlossen, weshalb eine kritische Zuspitzung der Lage bevorstünde, falls Serbien von diesem Verlangen nicht abstehen sollte.
W Wien, 25. Nov. 1912. Die auswärts verbreiteten Gerüchte betreffend Ueberreichung eines österreichischen Ultimatums an S er bi en sind, wie das K. K. Wiener Tel.-Korr.-Bureau erfährt, vollkommen unbegründet.
W Petersburg, 25. Nov. 1912. Autoritative Kreise weisen die Behauptung eines Teiles der westeuropäischen Bresse zurück, welche Rußland kriege- rischeAbsichten zuschreiben. Ebenso bestreiten diese Kreise, daß die österreichisch-russischen B e - ziebnngen sich irgendwie verschlechtert hätten. Die russische Regierung bleibe bei dem Glauben, daß eine friedliche Lösung des Konfliktes zwischen Oesterreich und Serbien zu finden sein würde, wenn der Val- kankrieg beendet sei und damit die Großmächte einen klaren Ausgangspunkt für die Verhandlungen besitzen würden. Minister Ssasonow sei von dieser Meinung, die auch die Höch st en Kreise teilten, nie a b g e w i ch e n. Meinungsverschiedenheiten zwischen diesen Kreisen und dem Minister hätten nie bestanden.
W Loudon, 25. Nov. 1912. Die „Westminster Gazette" schreibt: ES ist eine wilde Absurdität, daß wir wegen der Frage, wie S e r b i e n den Z u t r i t t z u ni Meer iplangt, die Möglichkeit ins Auge fassen sollten, daß Rußland in einen Konflikt mit Oesterreich geraten und daß Oesterreich Deutschland und Italien, Rußland dagegen Frankreich und England mit in den Konflikt hineinziehen würde. Der Instinkt sagt un§, daß die Welt nicht so verrückt ist. Wir sind jedenfalls nicht verpflichtet, die serbischen Ansprüche zur Parteifrage zwischen dem Dreibund und der Tripleentent: zu machen. Das Blatt fährst fort: Wenn der Balkanbund gutem Rate zugänglich ist, wird er möglichst schnell auf der gegenwärtigen Grundlage Frieden schließen. Für die Verbündeten sowie für die Mächte ist di: einzig sichere Linie, alle rein europäischen Fragen bis nach dem Friedensschluß zu vertagen.
Der DundeSratSausfchutz eixiwrtw.
* Berlin, 25. Nov. 1012. Der •»■:*«.-etiUM» schuß für auswärtige Angelegenkftklet» ter* rw nerskag, den 28 November zu etm H-tzun, mentreten, um wie in früheren Iakmm Mutz»'nnxen über die Frage der aUSwär 1 i<»ri Po!! Hk entgegenzunrbmen
Die FriedcnevechandiUK^eN.
* Sofia. 25. Noo. 1912. Die FriedenSverhau d l u n g e n sind nunmehr in vollem Gange, ohne daß ein Waffenstillstand abgeschlossen wurde. Bei der Tschataldschalinie kam :S heute zu unbedeutenden Scharmützeln. Dor Adrianopel ist olles ruhig.
W Konstantinopel, 25. Nov. 1912. Der sich verschärfende Gegensatz zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland und damit zwischen dem Dreibund und Dreiverband erfüllt die hiesigen leitenden Kreise mit der Hoffnung auf eine befriedigende Lösung der Friedensfrage Inzwischen ziehen sich die Verhandlungen hin.
Tschataldscha.
* Sofia, 24. Nov. 1912. Der bulgarische Gencral- stab hat auf die Nachricht, daß die Cholera unter den türkischen Truppen bei Tschataldscha wüte und daZ Gesamtgebiet infiziert ist, den Truppen Anweisung gegeben, jede Vorwärtsbewegung einzustellen, um ein Uebergreifcn der'Seuche aus die bulgarische Armee zu verhindern. Man erblickt in diesem Beseh! den Beweis dafür, daß die Cholera sta'-k im bulaanschen Heere herrscht und die Scklagfertigkeit der bulgarischen Truppen bedeutend gemindert ist
* Konstantinopel, 25. Nov. 1912. Wie ein Blatt erfährt, befinden sich unter den kurdischen Reiterir, die an der Tschataldschalinie angekommen sind, z a h l- r ei ch c Frauen, die als Freiwillig: bei den Türken dienen.
Sieqesbeute der Serben.
W. Belgrad, 25 Nov. 1912. Tie Armee des Kronprinzen erbeutete bei Monastir 51 türkische Geschütze. Insgesamt ünd bisher 200 Geschütze erobert und 10000 Gefangene gemacht worden. — Nach dem Fackelzug am Samswa veranstaltet/ die Menge vor den Gebäuden der tufiMeri, enalflchen und französischen Gesandtschaft in Belgrad'Kundgebungen.
W. Belgrad, 24. Nov. 1912. Die Schlacht bei Monastir spiel e sich aut entern Raum von fünfzig Kilometern Breite ab und war äußerst blutig und erbittert. Nack Privatmeldungen blieben auf dem Schlachtselde 17 000 Lerchen und 30000 türkische Ver- mundete liegen. Die serbischen Truppen hatten 3000 Tote und eine große Anzahl Verwundete.
Serbische Hinhaltungen.
* Belgrad, 25. Nov. 1912. Der serbische Ministereat beschäftigte sich gestern nachmittag unter dem Vorsitz des Königs mit Oesterreichs For- dcrnngen über den Adriahafen und Albanien. Mim- sterpräsident Paschitsch hatte schon frirher dem österreichischen Gesandten von Ngron erklärt, daß die Forderungen Oesterreichs erst nach der Rückkehr des Königs beantwortet werden könnten. Jetzt beschloß der Ministerrat, eine Antwort dahin zu erteilen, daß vor der endgültigen Beendigung der Kriegsoperationen und ohne Zusammenwirkung und Zustimmung aller Bundesstaaten des Balkans vorläufig noch keine
definitive Antwort erteilt werden könne. Nach dem Fricdensschluß mit der Türkei werde die Angelegenheit eine Lösung finden, mit der Oesterreich zufrieden sein würde.
Der Fall Prohaska.
* Wien, 25. Nov. 1912. Die serbischen Behörden von lleskub halten den Konsul Edl unter allerlei Vorwänden ab, nach Prizend weiter zu reisen. Halbamtlich wird darüber gemeldet: lieber den Konsul Prohaska liegen noch keinerlei Nachrichten vor. Konsul Edl befindet sich noch in llebküb, wo er am letzten Samstag eingetroffen ist. Edl wollte sofort nach Prizrend Weiterreisen, blieb jedoch da, da ihm von serbischer Seite mitgeteilt wurde, daß Pco- haska bereits unterwegs nach lleskub sei. Als aber der Sonntag verging, ohne daß Prohaska in llesküb cintraf, erklärte Edl nunmehr, die Reise fortsetzen zu wollen. Sein serbischer Begleiter, Ministe- rialsekretär Rakitsch, entgegnete, cs sei ihm aus privaten Gründen nicht möglich, vor Montag abzufahren, worauf Edl erklärte, sich bis Montag zu gedulden, dann aber die Reise unbedingt fortsetzen zu wollen. Darauf wurde ihm von den serbischen Behörden in Uesküb erwidert, man hoffe, daß die Eisenbahn nach Prizrend, an der einige Beschädigungen vorgekommen seien, bis zum nächsten Tage benutzbar wäre.
Rückehr der österreichischen Kriegsschiffe.
Oesterreich hält sich sür alle Fälle bereit. Nachdem die Panzer „Admiral Spann' und „Aspern' in Konstantinopel den Befehl zur Rückkehr erhalten haben, ist nun auch Vas österreichische Geschwader, daß in Smyrna lag, mit unbestimmtem Ziel abgefahren.
*
W London, 25. Nov. 1912. Das Reutcrsche Bureau meldet aus Smyrna: Chios soll durch die Griechen besetzt sein.
W Wien, 25. Nov. 1912. Heute vormittag kam cs zu neuen Kundgebungen der Südslawen. Ungefähr 100 junge Leute, Südslawen, die sämtlich Angehörige der hiesigen Hochschule sein sollen, versammelten sich vor der Universität, zogen durch die innere Stadt und stießen aufrührerische Rufe ans. 4 Personen wurden verhaftet.
** Tas Land der Skipctarcn. Die Albanesen ! (von den Türken Arnauten genannt) kennen in ihrer Muttersprache für sich selbst nur die Bezeichnung Skipetaren, zu deutsch Adlerssöhne. Der kommende Albanesenstaat wird daheim Tscheverija e Schypnis heißen. Von außen kommen Oesterreich und Italien den Albanesen zu Hilfe, im Innern aber werden ; noch beträchtliche Schwierigkeiten zu überwinden sein. ! Hämisch wird von mißgünstigen Nachbarn darauf hingewiesen, daß die Stämme Albaniens einander befehden, daß eine nationale Einigkeit nicht vorhanden ist und eine solche erst geschaffen werden müßte, ehe überhaupt von einem Staatswesen die Rede sein könnte. Es steckt ein wahrer Kern in diesem Vorwurf. Tie führenden Geschlechter ftrhen einander vielfach feindlich gegenüber. Eine höhere weltliche Gewalt haben sie nie anerkannt. Sich ihr zu beugen, gilt noch den meisten als des freien Mannes unwürdig. Dennoch eröffnet der Fall keinen ungünstigen Ausblick. Die feudal-aristokratischen Ueber- licferungen Albaniens zerklüften beft Land, sie sind aber bis zur Stunde die Träger der Wehrkraft des Landes. Tie Nachbarländer, die auf breiter demokratischer Grundlage stehen, haben für die Stammes- organisation Albaniens wenig Verständnis, obwohl die patriarchalische Familicitgc'meinsthaft auch in Serbien zu Hanse ist. Sie betrachten die Albanesen über j die Achtel als „Wilde" die sich gegenseitig zerfleischen. . Das behindert aber nicht, von der Entwicklungsfähig- i feit des albanesischcn Volkes die beste Meinung zu haben, zumal da die Bevölkerung sich in den letzten Revolutionsjahren gewöhnt hat, dem einheitlichen Willen des in Nordalbanien gegründeten geheimen Zentralkomitees zu folgen, das sogar imstande war, durch Steuereintreibung einen sehr ansehnlichen Fonds für nationale Zwecke anzusammeln. Die Frage der T h r o n b e s e tz u n g ist erst noch im i Reifen. Es werden allerdings schon alle möglichen — — unrichtigen Namen genannt. In Wirklichkeit wird das Exekutivkomitee sich mit der Persönlichkeit ! einverstanden erklären, die ihm von Oesterreich und ; Italien als der geeignetste Kandidat vorgeschlagen - wird. Das gebeime Zentralkomitee ist entschlossen, : der neuen Regierung in dieser Frage weder vorzu- i greifen noch Schwierigkeiten zu bereiten, es behält sich jedoch schon heute vor, in einem späteren Zeitpunkte durch eine Volksabstimmung „ Stellung zu nehmen. ,
* Die Stimmung in Bulgarien. König Ferdi- nand von Buloarien wird mit Grausen an die Heimkehr denken. Ter Traum des Triumpheinzuges'nach Konstantinopel ist verflogen. Die Kirchenglocken von Sofia, die in froher Feierstunde die Siege von Kir- kilisse und Lüleburgas begrüßten, sind verstummt. Tie Totenglocken läuten noch nicht, aber sie werden in dumpfer Klage über ganz Bulgarien schallen. Die Kriegführenden haben keine Verlustlisten veröfftnt- licht. Erst nach dem Kriege sollen die Namen der Gefallenen zur allgemeinen Kenntnis gebracht werden. Kein Haus im Landa, das nicht Trauer anlegen wird. Von der Blüte der männlichen Bevölkerung ist der dritte Teil dahingerafft. Man hat in schonungsloser Weise die Kräfte vergeudet, König'Ferdinand hat gezögert, in den Krieg zu ziehen. Er mußte- sich dem Volkswillen beugen. Aber wer front, wenn der Krieg vorbei ist, nach den Beweggründen des Königs? Daß das V o l k s e l b st die treibend: Kraft war und den König mit sich riß, wird dem König später keineswegs gutgeschrieoen werden. Tie Rcaierenden und der König an erster Stelle werden verantwortlich gemacht werden für die hunderttausend Grabbügel, unter denen die Soldaten Bulgariens in ewigem Schlafe liegen. Die Heerführer wird man beschuldigen, der Kriegsfurie'größere Opfer gebracht zu haben, als unbedingt not- '■ ioendig gewesen wäre. Der König hat sich nicht selbst
an die Spitze der Armee gestellt. Er kennt sich zu gut, als daß er sich eine solche Aufgabe selbst zugetraut hätte. Aber als Diplomat genießt er einen hohen Ruf auch unter seinen Bulgaren. So wird die Frage entstehen: Was bringt uns der König aus diesem unerhört opferreichen Kriege mit? Bringt er uns, wir erhofft war, ganz Thrazien und den größten Teil von Makedonien? Kann er das durchsetzen? Er kann es n i ch t. Nach. Kirkiliffe schien der König, der den Herzen der Bulgaren immer ein Fremder war, wenn sie sich auch seine diplomatischen Erfolge gern gefallen ließen, den Gemütern seines Volkes etwas näher gekommen zu sein. Das ist vorbei. Die Stimmung hat sich geändert. Von etner freudigen Heimkehr mit dem Lorbeer des Siegers ist nicht mehr die Rede. Mehr und mehr wenden sich die Blicke den L e i ch e n f e l d e rn zu. König Ferdinand wird einen schweren Stand haben. Er hat schon manche Prüfungen^ in Bulgarien durchgemacht, die schwerste aber sicht ihnr noch bevor. Unruhige Zeiten ziehen nach Beendigung des Krieges herauf. Es werden sich genug Hände erheben gegen die Regierenden und den Thron. Di» Verzweiflung der Witwen und Waisen wird, auf den König einstürmend, noch lange im Lande widcrhallen.
Deutsches Reich.
" Berlin, 25. Nov. 1912. Der Kaiser ist nach Donaueschingen gereist, um an den Vermählungs- feierlichkeiten im Hause des Fürsten von Fürstenberg teilzunehu en.
)( Auszeichnung des Grafen Droste-Erbdro,te durch den hl. Vater. Der Papst hat dem Erbdrosten Grafen Klemens Droste zu Bischering zu seinem 80. Geburtstage den Orden der Militia aurata verliehen. Bischof Felix von Hartmann überbrachte ihm persönlich die Auszeichnung, zugleich mit dem Ver- lcihnngsbreve. In diesem wird auf die hervorragenden Verdienste des Ausgezeichneten um die katholische Sache in Deutschland, "besonders auf seine Tätigkert als Kommissar der Katholikenversammlungen hingewiesen. Diese ehrenvolle Auszeichnung des Grafen Troste-Erbstdroste, dessen hohe Verdienste um die katholische Sache in Deutschland bei Gelegenheit feines 80. Geburtstages allgemein, in ganz besonderer Weise aber auf der glänzenden diesjährrgen Tagung der Katboltkcn Deutschlands in Aachen anerkannt worden sind, wird auch die Katholiken Deuffchlands mit groß- ter Freude erfüllen. Der Orden der Militia aurata oder vom goldenen Sporn ist vom gegenwärtigen Popst im Jahre 1905 wieder hergestellt und zu einer der höchsten päpstlichen Auszeichnungen erhoben worden, sodaß er sogar nach dem Christusorden verliehen werden kann. Die Zahl seiner Ritter auf dem ganzen Erdkreis darf nicht über 100 betragen. Er hat nur eine Klasse und darf nur an solche Männer verliehen iuerben, die sich hervorragende Verdienste um die Kirche erworben haben. Er wird stets gebührenfrei verliehen.
0 Der bayerische Reichsrat Freiherr von Cramer- Klett, Hauptbesitzer der großen vereinigten Maschinenfabriken Augsburg-Nürnberg, Bayerns reichster Mann, hat, wie gestern schon gemeldet, am Sonntag dem für seinen Münchener Wohnsitz zuständigen protestantischen Dekanat seinen Austritt aus der evan- gelischcn Kirche erklärt, um zum katholischen Bekenntnis überzutreten. Der Nebertritt des Freiherrn zur katbolischen Kirche erregt natürlich großen Unwillen bei der „Täglichen Rundschau". Es mag ihr ja auch wenig angenehm sein, daß ein protestantischer Reichsrat der Krone Bayerns seinen Austritt aus der evan- gelijchen Kirche erklärt und zum Katholizismus übertritt. Zur Kennzeichnung der niedrigen Denkweise des Apostatcnblattes genügt es, den Satz festzulegen:
Zur Erklärung des auffällig langen Zögerns, oas dielem Schrill vorherging, mag erwähnt fein, daß man in Bayern sich längst erzädlle, dieses Zögern fei durch eine Teslamentsklauiel veranlaßt, aus welcher den Freiherren im Fall eines UeberlrittS erhebliche finanzielle Nachteile erwachsen müßten '
So was hängt man einfach niedriger.
+ Tas Beamtenheer der deutschen Sozialdemokratie lägt sich in seiner großen Ausdehnung nach tStati iken, die in der Presse veröffentlicht werden, erkennen. Es handelt sich dabei um diejenigen An- gestellten der sozialdemokratischen Parteiorganisationen der Presse, der freien Gewerkschaften usw., die sich der Unterstützungsvereinigung der Beamten und Angestellten in der modernen Arbeiterbewegung angeschlossen haben. Da hierzu der größte Teil der Angestellten, abgesehen von Gewerkschaftsbeamten, gehört, so lassen diese Zahlen einen Schluß auf das ungefähre Wachstum des deutschen sozialdemokratischen Bcamtendeeres zu. Im Iabre 1902 betrug die Rabl 433, 1903 659, 1904 829, 1905 1095, 1906 1432, 1907 1871, 1908 2215, 1909 2174, 1910 2717 und 1911 2948. Die Zahl der sozial- demokratischen Beamten und Angestellten hat sich also in zehn Jahren nahezu versiebenfacht. Die jetzt vorhandenen 2948 Beamten verteilen ficti in folgender Weise: Arbertersetretäre 143, Parteiangestellte ill, Gewerkschaftliche Angestellte 1718, politische Re- dakieure 273, Krantenkaffenangcstcllte 95, Buchhandlungsangestellte 110, Expedienten 284, Geschäftsführer 113, Schriftsteller 43, Berichterstatter 58.
)( Sozialdemokratischer Terrorismus. Sozialdc-- nwkratisch organisierte Bauarbeiter zwangen in Nürnberg durch Arbeitsniederlegung einen Bauunternehmer, zwei Mitglieder des christlichen Verbandes zu entlassen. Tie Entlassenen klagten infolge« dessen auf Schadenersatz. Tas Nürnberger Amtsgericht und in der Berufüngsinstanz — auch das Landgericht sprachen aber die Angeklagten frei, und zwar mit der merkwürdigen Begründung, es könne nicht als ein Verstoß gegen die guten Sitten angesehen werden, wenn die beklagten Sozialdcnwkratcn nicht mit christlich organisierten Arbeitern zusammen arbeiten wollten. — Das Organ des Zentralverbandes christlicher Bauarbeiter bemerkt zu diesem Urteil, die Nürnberger Mitglieder des christlichen Verbandes