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Zuldaer Zeitun

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39. Zahrgang.

Montag den 25. November 1912

erstes Blatt.

Nr. 270

n u Wochen-Veilager s k j 3 s Monats-Vesiage: «» 5 Illustrierte SonntagszeUung | Fuldaer Sefchlchtsblätter

n Ziehungsliste» der preutzischffüddeutschen Klafftn«£ettetit, — yaldjLhrlitz Taschenfahrplan. s

flti)dgen: Der Raum einer elnfpattigen Cotonelielle, 47 mm breit, haftet J5 Pf», Reklamen: Der Raum einer Cotoneljeile, 74 mm breit, kostet 40 Pfg. Bel Öletierholungen Rabatt. $ür Offert- und flushunpanjelgen 20 Pf. extra. 3n KonkursÄtlen wird der bewilligte Rabatt hinfällig. Erfüllungsort für das Ein­klagen non Sortierungen ist Sulba. flnjeigen-flnnabme bis 10 Uhr vormittags.

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der eroberten Städte. In seiner Begrüßung?. Rede an den König führte der Belgrader Bürgermeister unter den eroberten Städten auch D u r a z z o an und erklärte, daß das serbische Volk die blutig erkämpften Errungenschaften, wenn nötig, bis aufs äußerste vor- leidigen werde. In seiner Erwiderung hob der König die großen Verdienste der serbischen Arme; hervor und erklärte, daß in Altserbieu, Mazedonien, Thrazien und den Küitenlanden nun ein neues freies Leven er­blühen werde.

Serbische Kämpfe.

* Belgrad, 23. Roo. 1912. Serbische Truppen, di« in der Verfolgung der türkischen Armee Deiache« ments westlich von Mona stir entsandten,habenO chrida eingenommen.

* Belgrad, 23. Noo. 1912. Wie offiziell gemeldet wird, eroberten die serbiichenTruppen zwölf gr i e ch i s ch e Geschütze, die die Türken von den Griechen erbeutet und in der Schlacht bei Monastir in der Sructlmte gebraucht hatten. •

Versenken eines türkischen Kanonenbootes.

* Athen, 24. Novemb. 1912. Der Chef der Flotten- division im Aegäischen Meer telegraphiert: Das Tor­pedoboot Nr. 14 drang in den Hafen von Aivaly ein und griff ein türkisches Kanonenboot an. Bei, dem Anblick des Torpedobootes verließ die türkische Mannschaft das Schiff, nachdem fie die W a s s e rw e ge geöffnet hatte. Griechische Matrosen bestiegen das Kanonenboot, mußten es aber wieder verlassen, da es nicht gelang, die Wasserwege zu verstopfen. Während das türkische Schiss sank, wurde ein T or pe d o darauf abgeschossen. Das gesunkene Schiff soll der mit drei Kanonen armierte .Zephir" sein.

Der montenegrinische Feldzug.

Vor einigen Tagen hatten die Serben und Mom tenegriner gemeinschaftlich den adriatischen Küstenort San Giovanni di Medua besetzt. Jetzt kommt die überraschende Nachricht, daß die Montenegriner den Rückzug angetreien haben. Rian meldet:

• Rieka, 23. Nov. 1913. Auf die Meldung, daß die türkischen Truppen von Skutari beabsichugten, eine Verbindung nach der Mirüita herzustellen, zog Gene.al MwlinoioUsch seine Truppen von San Giovanni di Medua zurück und fammelte ferne Streitkräfte vor Skutari.

Die Mirdita ist die südöstlich von Skutari gelegene albanische Landschaft, deren Bewohner, die christlichen Äiiridtten, sich bei Beginn des Feldzuges den Mon- tcnegrinCtn angeschlvssen hatten. Der für den Rück­zug angegebene Mund scheint nur ein Vorwand zu fein. Vielleicht ist der Rückzug aus österreichischen Druck zurückzulühren. San Giovanni üt einer der Adria-Häsen, um die jetzt ein so heißer diplomatischer Kamps geführt wird.

W. Aieka, 23. Növ. 1912. Offiziös wird gemeldet Die Ablehnung des Waffenstillstandes durch die Türkei hat hier keine Ueberraschung hervorgerusen. Das Hauptquartier ist überzeugt, daß früher oder später die Ereignisse eintreten, derentwillen der Krieg begonnen wurde. Montenegro verfolgt die Tendenz, einstweilen seine Kräfte zu schonen und den Kampf in gemäßigten Bahnen zu halten, ohne irgend einen gewonnenen Vorteil preiszugeben. — Dm Trauben sind offenbar zu sauer.

Demoustratione» in Oesterreich-Ungarn.

* Wien, 24. Noo. 1912. Etwa 150 südslawische Studenten benutzten die Gelegenheit des Dankgottes­dienstes, der heute vormittag tn der serbischen Kirche anläßlich der Siege der Serben veranstaltet wurde, zu Demonstrationen. Sie brachten aufreizende Rufe aus. Das Publikum, üver die anliö terreichifche Rufe entrüstet, schtug mit Stöcken und Fäusten auf die Slaven ein und brachte seinerseits stürmische patriotische Ruse auS. 15 Studenten wurden ver­haftet und wegen Hochverrates der Staats­polizei ausgeliefert. —- Eine Gruppe Studenten, unter denen sich auch Italiener befanden, zogen vergangene Nacht vor das Dentschmeister-Denkmal. Eine Stu­dent hielt eine deutsche patriotische Ansprache. So­dann sprach ein italienischer Student in gleichem Sinne und schloß mit den Worten : »Hoch Oester­reich ! Hoch Italien!"

* Budapest, 24. Nov. 1912. Eins von den So­zialdemokraten, der Wahlrechtsliga und der Unabhängigkeitspartei gegen den Krieg und für das allgemeine Wahlrecht veranstaltete Siunb« gebung nahm einen blutigen Verlauf. Die Versamm­lung, die von etwa 10000 Personen besucht war, wurde noch vor der Eröffnung aufgelöst, weil weil bei dem Auszug der Teilnehmer wieder­holt in antidynastischem Sinne demonstriert uno Rufe wie „Es lebe die Republik!- »Wir wollen Schulen und Brot!" »Abzug Tisza!" usw. ausgestoßen halten. Die Polizei drang mit blanker Waffe auf die Menge ein und gab auch zahlreiche Schüsse ab, die aus der Menge heraus erwidert wurden. Es kam zu förmlichen Straßen, kämpfen, bei denen es atif beiden ©eiten zahl­reiche Schwer- und Leichtverletzte, Gerüchten zuivlge sogar Tote gab. Gegen 6 Uhr war es der Polizei gelungen, die Straßen um den Ostbahnhof herum, in dessen Nähe die Versammlung stattfinden .tollte,- zu säubern.

*

♦ Die ungeheuren Verluste der Bulgarin sind, rote die „Mist.pol. Korrespondenz* von besonderer, durch­aus maßgebend unterrichteter militärischer Seite er­fährt, der wahre Grund für die Ablehnung der Friedensbedingungen und des Waffenstillstandes durch dte Türken. Von 300000 Mann hat die bulgarische Armee ein volles Drittel, über 100000 an Toten, Verwundeten und durch Seuchen- erkrankungen verloren. Die Kavallerie besteht nur noch aus schwachen lieb etreften der einstigen Regimenter und in keiner Weise mehr akiionZfähtg. Es sind jetzt auch die Sechszehn, und Siebzehnjährigen zu den Fahnen einberufen worden. In Adrianopel ist die militärische Lage durchaus günstig für die Besatzung. Kommt der Frieden bald, woran an Berliner und Wiener amtlichen Stellen nicht aejroeiTclt

# Grotzblocksorge« in Baden.

Der Zug „ins rote Meer*, den die nationallibe. rale Partei'», Baden unter der Rebmann-Thorbecke- scheu Führung angetreten hat, hat in weiten Kreisen der Partei Bedenken erregt. Tie Halmng der natio* nalliberalen Fraktion tm badischen Landtag, insbe­sondere bei der Frage der Münchener Gesandtschaft und bei der Bewilligung von Mitteln für die natio­nale Jugendpflege und für die Turnvereine, zeigte in aller Oesfeittlichkeft die tiefe, und für eine auf Selbst- bewiitztftin noch etwas haltende Partei die geradezu entwürdigende Abhängigkeit von der roten Inter- nationale, tn welche die badische Nationalist)-rale Partei tn den letzten Jahren geraten war. Zucker- brüt und Peitsche waren die Erziehungsmittel der Sozialdettwkratte gegenüber ihren nattonalliberalen Verbündeten, lind dabei ging es in der Mandats­zahl der Nationalliberalen trotz oder gerade wegen des Großblocks von Wahl zu Wahl zurück und ihre Bedeutung und Widerstandskraft sanken zusehends. Tie neuen Freunde von der sozialdemokratischen und der demokratischen Couleur plünderten im national« liberalen Besitzstand, wo fie nur konnten — in aller Freundschaft natürlich!

Das alles mußte verstimmend wirken, besonders in jenen Kreisen, die sich besserer Zeiten erinnerten. Widerspruch wurde auch erhoben, doch das unerbitt­liche Pascharegiment Thorbeckes, der sich nicht nur als Sekretär der nationalliberalen Partei, sondern des ganzen Großblocks fühlte und aufführte, hielt ihn fast ausnahmslos unbarmherzig nieder. Jndesfen der Widerstand wuchs zusehends: den da und dort auf­tauchenden Verlautbarungen oppositioneller Art folg­ten Gefolgsabfagen an den Eroßblock, von dem ganz zu schweigen, was mit der bekannten Kandidatur Wittum in Ps tzheim zusammenhängt. Und jetzt kommt gar noch der frühere nattonalliberale Füh­rer Obkircher mit einer aufsehenerregenden Ver­öffentlichung in der Zeitschrift „Panther", nachdem er vor einigen Wochen schon in seiner Diskussionsrede im reichsparteilichen Verein keinen Zweifel darüber gelassen hatte, daß er nut der jetzigen sozialdemokra­tisch-nationalliberalen Arbeitsgemeinschaft nicht ein­verstanden ist.

Obkircher allerdings hatte in erster Linie Veran­lassung, in der jetzigen Situation der nationallibe­ralen Partei das Wort zu ergreifen. Er ist der Va­ter des Grohblocks. Jetzt aber weist er in seinem Artikel auf eine ganze Reih: „Bedenken erregender Erscheinungen" hin und macht offen gegen die jetzige nationallibcrale Parteiführung Front. Der frühere nationalliberale Führer hat sich, meint der „Bad. Beobachter", diefen Mahnruf zur Umkehr vor dem ganzen Lande sicherlich reiflich überlegt, ehe er ihn der Oeffentlichkeit übergab. Mahnungen pri­vater Art sind gewiß mehrfach vorausgegangen. Diese Flucht in die O Öffentlichkeit beleuchtet blitzlichtartig die derzeitigen Verhältnisse in der nationailiberalen Partei.

Köstlich ist das Verhalten der sozialistischen Presse. Der „Volksfreund" ist perplex. Er schreibt über zwei Spalten zu Odkirchers Darlegungen, aus denen die blasse Angst herausguckt, daß die nationalliberale Partei Odkirchers Mahnungen Gehör schenken möchte. Mit Sperr- und Fettdruck sucht er den Nationallibe­ralen klar zu machen, daß ihr Heil und ihre Bedeu­tung allein im Zusammenarbeiten mit den Sozial­demokraten zu finden sei. Wer lacht da nicht! Als ob der Großblock den Nationalliberalen zur Bedm- tung verhalfen hätte! In feiner ganzen Größe läßt er den Zentrumswauwau ausmarschieren, bezeichnet Odkirchers Ausführungen als „Wasser auf die Müh­len des Zentrums", als „gefundenes Fressen für die Zentrnmspresse" usw. Obkircher selbst ist ihm ein politischer Schwadroneur!

Allerdings, Herr Kolb, der badische Sozialisten­häuptling, weiß, was für die Sozialdemokraten auf dem Spiele steht. Zwar meint er großspurig, der so­zialdemokratischen Partei könne es letzten Endes gleichgültig sein, ob Obkircher oder Rebmann die na» tionalliberale Partei führe. Aber man weiß doch zu gut, daß Herr Kolb vor noch nicht langer Zeit zur Verteidigung des Großblockbündnisses den eigenen Genossen gegenüber eine ganz andere Sprache geführt und ihnen gezeigt hat, daß ohne Großbloock die So­zialdemokratie in Baden Landtagssitze verlieren und zur Bedeutungslosigkeit verdammt würde.

„Großblock" heißt nicht umsonst rückwärts gelesen jtelbfurg"!

Zer Manfcrieg.

Zur Lage.

In einem längeren Berliner offiziösen Telegramm warnt die „Kölnische Zeitung" davor, den pessimisti- scheu Nachrichten der Balkandiplomatie Glauben zu schenken und erklärt, daß zwischen dem Besuch des österreichisch-ungarischen Generalstabschef Sch e m u a in Berlin und der Anwesenheit des Erzherzogs beim Kaiser keinerlei Zusammenhang besteht. Das Blatt bementiert auch die Meldung, daß Oesterreich Rußland wegen seiner militärischen Vorbereitungen zur Rede gestellt habe. Der ruhige Beobachter könne feststellen, daß die Haltung Rußlands in der Ad r i a f r a g e gerade in den letzten Tagen freund- lich er für Oesterreich geworden sei. Wenn Rußland bis zu einem gewissen Grade Serbiens Wünsch: diplo­matisch fördere, so müsse sestgeftellt werden, daß die Grenze der rusiischen Sympathien da aushören dürfte, wo die Gebietsansprüche Serbiens auf Albanien be­ginnen. Daß Rußland eine Aufteilung Albaniens nicht unterstütze, darüber liegen Kundgebungen vor, an deren Aufrichtigkeit kein Zweifel erlaubt fei. Be­züglich des Verhältnisses Oesterreichs zu Rumänien ierlautet zuverlässig, daß beide Staatm sich in enger Fühlung befinden. Gegenteilige Meldungen würden durch Streife der Balkandiplomatie veröffentlicht, um »io öffentliche Meinung iWvHas irxezufuhren.

Man darf wohl annchmen, daß diejenigen Stellen dieser Erklärung, die auf die Haltung Rußlands gr- genüber Serbien bezug nehmen, auf absolut sicherer Quelle beruhen; umso beruhigender werden sie tm gegenwärtigen Augenblick wirken.

Die uinhcrschtvirrenden Mobilisierung S« gerüchte sind jedenfalls übertrieben. Eine HeereS- Verwaltung, die in kritischen Zeitläuften nicht aktionS- bereit wäre, verdiente mehr als den bloßen Tadel der Nation, aber wenn diese ganz natürlichen militä- r i s ch e n B o r s i ck> t s m a ß r e g e l n, die in solchen Zeiten von den Nächstbeteiltaten immer getroffen werden, immer gleich den Kriegs bedeuteten, dann hät­ten wir in Europa seit Anno Siebzig schon mehr als einen Krieg gehabt. Gewiffc militärische Maßregeln gehören, um es einmal so auszudrücken, in gewiffen Zeiten zu den politischen Ausdrucksmitteln, wenn also derartige Maßregeln vorliegen, so soll man sie aus der Lage heraus auffasten. Man erinnere sich, daß im Jahre 1S0ü, auf dem Höhepunkt der damaligen österreichisch-serbischen Krise, Oesterreich-Ungarn amt­lich einen Teil seiner Armee mobilisiert hat, ohne daß es darum zum Siri ege gekommen wäre. Zu wünschen wäre, daß nunmehr bald die russische Regierung ein Wort der Beruhigung spricht und daß der Taumel, der die S e r b c n ergriffen hat, endlich der politischen Vernunft Platz macht. Was die Bulgaren be­trifft, so stellen Meldungen, die aus verschiedenen Quellen stammen, fest, daß in chren Reihen eine be­deutende Ernüchterung, und, angesichts des ungeheu­ren Umfanges der gebrachten Opfer und der dadurch verursachten Erschöpfung eine ernste Stimmung Platz gegriffen hat, die das Ende der Anstrengungen her- beisehnt.

* Wien, 23. Nov. 1912. Hier herrscht in allen Bevölkerungskreisen große Aufregung, weil Tag fitr Tag Beamte, Kaufleute, Studenten ufto. die im Rcserveve'hältnit stehen, ihre Einberu­fung erhalten. Die Emberufungsschreiben enthal­ten den Vermerk, daß die Maßregel die Verstärkung der Bestände bezwecke. Es werden ausschließlich Re- ginienter in Galizien und Bosnien verstärkt.

* Berlin, 24. Nov. 1912. Wie dem Berliner Lokalanzeiger aus Pest gemeldet wird, ging um 1 Uhr nachmittags die erste Donauflottille, bestehend aus zwei iJJlonitcren, zwei Torpedobooten und vier kleinen Kriegsschiffen mit der Bestimmung nach Sem- lin ab. Groß- Aufregung erregte es in Pest heute vormittag, als bei den Angestellten der Elektrischen Straßenbahnen im Depot städtische Organe erschie­nen, die den dort anwesenden Schaffnern und Füh­rern die Einberufungsorder emhändigten mit der Ver­pflichtung, sich morgen bei ihren Truppenkörpern ein­zufinden? Tie betreffenden Angestellten mußten so­fort abrechnen und wurden nach Hause entlassen, um ihre Angelegenheiten zu ordnen. — Auch in Deutsch­land ist eine ganze Anzahl österreichischer und russi­scher Heerespflichtigen der Reserve, die sich tn kauf­männischen, industriellen und ähnlichen Stellungen befanden, zu ihren Truppenteilen einberufen worden.

* Wien, 24. Nov. 1912. Die von ausländischen Zeitungen verbreiteten Nachrichten über umfangreiche militärische Vorkehrungen Oesterreich-Ungarns sind fr a r £ übertrieben. In Wirklichkeit handelt es sich nur um die Komplettierung der Friedensbestände einzelner Truppenkörper und somit um eine einfache Sicherungsmaßnahme. Alle Gerüchte von einer M o- b i l if i e r u n g sind vollkommen haltlos.

* Wien, 23. Nov. 1912. Die Reise des österrei­chisch-ungarischen Generalstabschefs v. S ch e m u a war hier streng geheimgehälten worden. Indes hat ihr Bekanntwerden tiefen Eindruck gemacht und die hiesige öffentliche Meinung in der Ueberzeugung be­stärkt, daß Oesterreich-Ungarn auf Deutschlands "Hilfe auch für den äußersten Fall rechnen könne. Gegen­über Rußlands rätselhafter Haltung und seinen un­zweifelhaft andauernden Rüstungen gewinnt man daraus, daß die österreichisch-ungarische Regierung durch ihre maßvolle, sich jeder Herausforderung ent­haltenden Politik alles getan hat und tut, um ernste Verwicklungen z u v e rm e i d e n. Daß die Regierung nunmehr auch ihrerseits den äußersten Fall ins Auge faßt, betrachtet die öffentliche Meinung als selbstverständliche Psticht und G e b ot der S e l b ft c r 1) a 11 u u g, wenn sie auch noch immer hofft, daß es zum Waffengebrauch nicht bwaen wird, da nicht cinzusehen ist, was Rußland zum bewaff­neten Eingreifen antreiben könnte, es sei den/, daß es sich zu einer reinen Prestigepolitik hinreißen ließe.

* Wien. 24. Nov. 1912. Dw Kaiser empfing den heute mittag aus Berlin zur-ff^ckrhrten Thron­folger in längerer Audienz. Vorher hatte ihm der Generalstabschef s ch ein na über feine Besprechung mit dem deutschen Gerecalstabschef berichtet. — Der Thronfolger soll '-!• dem Ergebnis seines Berliner Besuches hoch befriedigt fein.

* Frankfurt a. M., 23. Nov. 1912. Der Frank- furter Zeitung wird aus Wien gemeldet: Es wäre unrichtig, den Aufenthalt des Thronfolgers in Ber­lin nur mit militärisch-politischen Gründen in Zu­sammenhang zu bringen, die etwa das Verhälttns zwffchen Deutschland und Oesterreich klären sollten. Hier besteht bereits volle Klarheit, und wo noch irgend etwas gefehlt haben sollte, dürfte dies in der gestrigen Konferenz zwischen den beiden Generalstabschefs ge­ordnet worden sein. Dagegen durfte man wohl nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß dem deutschen Kaiser eine Art Vermittlung zwischen Oe st erreich und Rußland nahegelegt würde, weil die schon in den militärischen Maßregeln zum Ausdruck kommende Spannung tatsächlich das beun­ruhigendste Moment der Lage ist.

Die Kämpfe um die Tschataldfcha-Stellung.

Entscheidende Kämpfe haben in der Tschataldscha- Stellung nicht stattgefunden. Tas Gefecht hat sich an den letzten Tagen auf einen Artilleriekamps und das Vorgehen kleinerer Erkundungsabteilungen beschränkt. Tie "beiden Parteien halten ihre auf beiden Höhenzügen befindlichen Stellungen besetzt, die nach den letzten Nach­richten etwa 10 Kilometer voneinander »ntk-rnt sind. Din

Türken warten anscheinend daS Eintreffen weiterer Ver­stärkungen auS Asien ab. Die Bulgaren find anfchemend nicht mehr in der Lage, ohne die erwartete Unterstützung der Griechen den Angriff fortzusetzen.

• Konstantinopel, 23. Nov. 1912. Einer der inS tür- kische Hauptquartier entsandten Kriegsberichterstatter deS -Preß-Zentale", G. W. Baldwin, meldet: .Von einem meiner Freund«, der absolut zuverlässig ist und der sich in der letzten Woche in Hademköi aufgehalten hatte, von wo aus er die ganze türk. Front abgeritten hat, erfahre ich folgendes: Um 10 Uhr heute morgen war die Kriegs­lage den Türken durchaus günstig. Die bulgarische Infanterie jedoch hatte sich während deS Donnerstags und Freitags in die Stellungen zurückgezogen, die sie am vergangenen Sonntag inne hatte. Es ist klar, daß die Bulgaren die serbischen und griechischen Verstärkun­gen erwarten, bevor sie den bereits mit enormen Ver­lusten an Menschenleben gezahlten Versuch, die Tscha- taldscha-Linie mit der blanken Waffe zu nehmen, wagen wollen. Seit Mittwoch ist das Artilleriefeuer auf beiden Seiten nur zeitweilig in Tätigkeit. Die Türken sind von Hademköi bis zur Küste in außerordentlich st a r - len Stellungen verschanzt, die- vorläufig jedem Angriff standzuhalten in der Lage sind. Zwei türkische Schlachtschiffe, die im Marmara-Meer operieren, haben bisher das Vorrücken des bulgarischen rechten Flügels vereitelt. Es ist wunderbar, welche Wandlung sich wäh­rend der letzten acht Tage in den Reihen deS türkischen HeereS vollzogen hat. Die Leute, denen die letzten Er­folge wieder Mut gegeben haben, singen in den Lauf- grüben Lieder, wahrend maschinenmäßig eine Salve nach der anderen abgegeben wird, ohne daß Munition verschwendet wird. Das sind nicht mehr dieselben Trup­pen, die nach der Niederlage von LüleburgaS in wilder Verzweiflung flohen. Jetzt sind sie entschlossen, auf Tod und Leben dem bulgarischen Angriff Widerstand zu leisten und sie brennen darauf, die Offensive zu er­greifen. Auch die Zufuhren an Proviant und Munition sind geregelt und Depots sind angelegt. Den Bemühun­gen der Militärärzte ist es gelungen, die Cholera langsam zum Erlöschen zu bringen. Tie Straßen von Hademköi und die dortige Umgebung _ift von den Leichen gesäubert und befriedigende sanitäre Verhältnisse beginnen wieder Platz zu greifen."

• Konstantinopel, 24. Nov. 1912. Da die Maritza und ihre Nebenflüsse über die Ufer getreten sind, können die Bulgaren nur noch unter den größten Schwierig, ketten Proviant- und Munitions-Nachschübe erhalten. Teilweise ist schon eine Hungersnot in der bulga­rischen Armee ausgebrochen; ihre Begleiterscheinungen, Cholera und Typhus, reißen in die Reihen em« psindliche Kücken.

W Sofia, 24. Nov. 1912. Um 5 Uhr früh unternah­men zwei türkische Bataillone gegen einen Teil der bul­garischen Stellungen an der Tschataldscha-Linie einen Angriff, wurden jedoch mit beträchtlichen Verlusten zurückgeschlagen. Auf den anderen Punkten der Tschataldscha-Linie kam es zu keinen Kämpfen. — Die „Agence Bulgare" meldet: Der Kommandant der 6. Di­vision meldet, daß gestern int Lazaretj der Division Ver. wundungen durch Dumdum kugeln ärztlich fest- gestellt wurden.

* Paris, 24. Nov. 1912. Der Sonderberichterstatter des ,jTemp§" in Konstantinopel meldet: Mitglieder des von Engländern geleiteten ägyptischen „Noten Halb­monds", die sich bei der türkischen Tschataldscha-Linie befinden, berichten, daß infolge der getroffenen strengen SanitätsMaßnahmen die Choleratodes, fälle der gesamten Armee in den letzten Tagen von 3000 auf 100 täglich z u r ü ck g e g an g e n sind.

* Konstantinopel, 23. Nov. 1912. Die Tschataldscha- Besestigungen werden neuerdings ausgebauü Man beginnt, eine Anzahl der schweren Bosporus-Ge- schütze hin zu transportieren, doch benötigen diese beto­nierte Anlagen. — Alle Militär-Attaches, die den bis­herigen Kämpfen an der Tschataldscha-Linie beigewohnt haben, erkennen einmütig an, daß die Türken einen großen Erfolg errungen haben. Die Bulgaren haben ihre Positionen fast vollständig aufgegeben. Ihre Artillerie schoß miserabel. Von fünftausend auf die Forts deS rechten Flügels und deS Zentrums abgefeuer- ten SchrappnellS erreichten nicht einmal hundert ihr Ziel. Dagegen bewährte sich die türkische Artillerie glänzend; ihrer Disziplin und Treffsicherheit sind in erster Linie die Erfolge zuzuschreiben. Die Moral der türkischen Truppen ist tadellos; auch funktioniert jetzt die Intendantur gut.

AuS Konstantinopel.

•• Konstantinopel, 23. Nov. 1912. Die Zustände sind trostloser denn je. Die Zahl der Kranken und Krank- heitSverdächtigen wird mit zwanzigtausend angegeben. Die Bedauernswerten werden wie Gefangene mit auf­gepflanztem Bajonett transportiert. AuS der Sophien- und der Achmed-Moschee, wo die Menschen so dicht ge- drängt sind, daß sie kaum zu liegen vermögen, werden täglich gegen hundert Tote herausgeschafft. AlS Nahrung wird den Kranken nur Brot und Wasser verabreicht. Viele gehen an Entkräftung zu Grunde. Eine große Anzahl verweigerst aber überhaupt die An­nahme jeglicher Siahrung auS Furcht vor Vergiftung. In den Hauptmoscheen lagen die Leichen vier Tage lang herum; jetzt endlich hat man beschlossen, die Opfer regel- mäßig wegzuschaffen. Der Unrat in den Gotteshäusern läßt sich auch nicht annähernd beschreiben. Die nicht tn Verwendung stehende Schiffe der Mashguse-Gesellschast werden jetzt ebenfalls zur Aufnahme von Kranken be- nutzt; sie liegen in der Mitte deS oberen Bosporus ver­ankert. In San Stefano ist ein ganzes Feld mit meh­reren tausend Kranken abgesperrt. Eine mutige deutsche Dame durchbrach den Kordon und verabreichte den Heu- lenden und wehklagenden Soldaten Reis. Szenen, die tm finstersten Mittelalter unwahrscheinlich gewesen wären, find alltäglich, aber hier in Pera, nur einige Minuten von diesen Schreckensstätten und knapp zwei Stunden vom Kriegslager entfernt, herrscht die alte Sorglosigkeit. — Die Verhaftung von Jung, türken nehmen eine erschreckende Ausdehnung an. Heute wird versichert, daß auch der frühere Generalissi-' mu? Mahmud Schefiet und der ägyptische Prinz Halim (derselbe, der zuerst als Friedensunterhändler nach Ouchy ging) festgenommen worden seien. Die Regie- rung steht diesen Vorgängen augenscheinlich machtlos gegenüber; die am Ruder befindliche Militärpartei und das Kriegsgericht ordnen die Verhaftungen an.

Heimkehr de» Königs von Serbin».

--- Belgrad, 24. Nov. 1912. Der Entzug König PeterS in Belgrad gestaltete sich zu einer großartigen Bewillkommnung. Alle Schichten der Bevölkerung nahmen daran Anteil durch persönliche Begrüßung des siegreich heimkehrenden Herrschers, an helfen Seite der Ministerpräsident Paschitsch sich befand. Uederall herrschte groß« Bewegung. Die Straßen zeigen reichen Flaggenschmuck, auf Transparenten stehen die Name»