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6. Blatt

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.» Zuldaer Zeitung. —

JV» 269.

Samstag 23. November 1912.

Aus Mett und

Katholische Weltmiflion.

Tie heimatliche Misstonsarbeit der deutschen Katholiken.

Von Chr. H.

(Nachdruck nicht gestattet.)

„30 Millionen Heiden sterben alljährlich ohne Laufe!" Wer trägt die Verantwortung für diese un­ersetzlichen Verluste des Christentums? Hat die katho­lische Kirche etwa nicht beit erforderlichen Elfer für das große Werk der Weltmisston gezeigt? Ter Auf­trag Christi: „Lehret alle Völker und taufet ste! ist von der katholischen Kirche stets in seiner ganzen Tragweite und Verantwortlichkeit erfaßt worden. Seit den Tagen der Apostel hat sie chre Missionspflicht treu erfüllt. Dafür bietet die Christianisierung der Franken, Sachsen und Slaven uns naheliegende Be­weise. Aber nicht immer kann sie alle ihre Kräfte der Glaubensverbreitung widmen, sie ist auch die^strei- tende Kirche, die gegen äußere und innere Feinde das Erbe Christi verteidigen mußte. Aber trotz dieser gewaltigen Kämpfe bleibt eine Tatsache bestehen: Tie Kirche "hat in allen Jahrhunderten gewaltige Mis­sionsarbeiten unternommen, sie ist immer des gött­lichen Auftrages der Weltmission eingedenk geblieben und hat Großes im Missionswesen geleistet.

Eine andere Frage ist es, ob auch alle ein­zelnen Gliedernder Kirche stets ibre Missions- pflicht nach Möglichkeit erfüllt haben. Wer ein wahrer Bürger des Reiches Gottes sein will, dem darf. die Ausbreitung dieses Reiches nicht gleichgiltig sein. Wer als Katholik nur etwas Verständnis für den Katbolizismus, das ist für die Allgemeinheit der Kirche hat, dem wird Missionsarbeit nicht nur eine Herzenssache sein, er wird, er muß sie als seine per­sönliche Pflicht auffasien. Tie Kirche mutz Missionsarbeit treiben, also ist auch jedes Glied der Kirche dazu, verpflichtet, denn ohne allge­meine, anhaltende, eifrige Unterstützung können die Kirche und ihre Missionsarbeiter ihrer Missionspflicht nicht genügen.

Wer dazu berufen im d, seine ganze Persönlich­keit in den Dienst der Mission zu stellen, muß dem Missionsrufe folgen. Wessen Sohn oder Tochter sich dem Heilandswerke widmen will, der muß auch den Liebling der Familie opfern können. Und die große Gesamtheit der Gläubiaen, soll sie müßig stehen, darf sie ruhig zufehen, wie täglich fast 100 000 Heiden ohne die Segnungen des Christentums einer dunklen Ewig­keit entgegengehen?

Rein, alle müssen mithelfen, mitarbeiten an der großen Sache Gottes durch Gebet und Almosen, zwei Mittel, die Gottes Sohn selbst uns empfohlen hat. Jeder muß wenigstens Interesse, d. i. Teilnahme für die Missionssache haben; aufrichtige Teilnahme wird er schon durch jene beiden Mittel beweisen.

An dieser Teilnahme hat es, wie wir bereits er­wähnt baben, bei den deutschen Katholiken lange ge­fehlt. ('s war nickt ckre Schuld. Sie hatten zu viel mit fick selbst zu tun. Seit der Reformationszeit war ihre Po itiscke, kulturelle und materielle Lage derart, daß ihnen die eigenen kirchlichen Verhältnisse bereits Sorge genug machten. Eine gewisse Engherzigkeit wurde durch die Kleinstaaterei auch in da? katholische kirchliche Leben bineingetragen. Die Grenzpfähle wurden von den kleinen Vaterländern scharf bewacht. Da hätten es einmal die preußischen Katholiken wagen sollen, Missionsaelder über die Grenze zu schicken oder öffentlich für Missionsländer zu sammeln, das hätte ihnen daheim von Sankt Bureaukratismus die größ­ten Unanehmlichkeiten gebracht, wenn es nicht gerade­zu als Vaterlandsverrat angesehen worden wäre. Und im katholischen Oesterreich, wo der Josephinis­mus das kirchliche Leben so sehr eingeschnürt hatte, war der Missionsgedanke schon eine Sünde gegen das Staatskirchentum." Erst in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde es besser. Der Verein der Glaubensverbreitung fand allmählich Eingang. Aber erst die Kolonial- und Antistlavereibewegung ließ auch im katholischen Volke den Missionsgedanken tiefer Wurzel fassen. Sein Glaubenseifer suchte nun auch außerhalb des Vaterlandes Betätigung; das Elend der Heidenwelt weckte seine Teilnahme und entflammte zur Mitarbeit.

Deutsche Katholiken haben jene 26 Missionshäuser errichtet, in denen unsere deutschen Missionare und Schwestern vorgebildet werden. Deutsche Almosen 'liefern die Mittel, damit jene Häuser weiterbesteben können. In der Unterhaltung dieser Missionshäuser j ist schon ein schönes Stück deutscher Missionsarbeit enthalten. Immer mehr wendet sich auch das In­teresse des Volkes dem Wirken der Missionare im fernen Heidenlande zu.

Unsere deutschen Bischöfe haben in den letzten .Jahren wiederholt von Fulda aus gemeinschaftlich den Klerus und die katholischen Gläubigen chrer Diö­zese zu eifriger Unterstützung der katholischen Heiden- Missionen aufgefordert. Sie erließen am 21. August 1919 ein gemeinsames Hirtenschreiben an die Katho­liken Deutschlands betreffend Förderung des St. Xaveriusvereins und ordneten eine besondere Kollekte an für das Missionswerk in Japan. Sie empfahlen den hochwürdigen Pforrgeistlichen, im Laufe des Kir- henjahres auf die Wichtigkeit des Taverius-Missions- oeieins und die allgemeine Missionspflicht der Katho­liken hinzuweisen, wo immer sich Gelegenheit bieten würde.

' Dem Wunsche des deutschen Episkopates folgend, hat der Klerus der Diözese Münster mft Zustimmung seines Oberhirten am 7. Mai 1912 eine Mission s- «konferenz veranstaltet, die von mehr als 250 Mitgliedern des Welt- und Ordensklerus besucht war. Aufklärung über die Heidenmissionen, Verständigung über die gemeinsame Missionspflege, Gründung einer „Missionsvereinigung des Münsterschen Diözesan­klerus" waren die Erfolge der Versammlung. Möge

; dieses Beispiel auch in anderen deutschen Diözesen bald Nachahmung finden!

Doch nicht nur der Klerus, auch ganz hervor­ragende Laien, ich nenne nur einen Namen, Se. Durchlaucht Fürst von Löwenstein, haben sich an der heimatlichen Missionsarbeit: mit größtem Eifer be­teiligt; als Führer der Missionsbewegung suchen sie die 'Missionsbegeisterung zu einem Gemeingut der deutschen Katholiken zu machen. Bei allen größeren Zusammenkünften der Katholiken, besonders bei den Generalversammlungen hat die Missionsfrage immer

«ingehendere Beachtung gefunden. Die glänzenden | Missionsreden auf den Katholikentagen in Breslau»

und Auasburg weckten stürmische Begeisterung. Die Misfionsvcrsammlungen in Mainz, und besonders die lepte in der Kaiserstadt Aachen, nahmen einen so glänzenden Verlauf, wie die Veranstalter es Wohl kann", erwartet hatten. Und was dort in glänzender Rede vorgetragen wurde, das fand seinen Widerhall in den kleinen Dörfern und fernsten Winkeln der katholische:: Gegenden. Die Verbreitung der herr­lichen Missionsgedanken, das war die Aufgabe unserer katholischen Presse — sie hat diese Aufgabe gut gelöst. Jedes Zeitungsblatt, das jene Misfionsreden den weitesten Kreisen zugänglich machte, ist so zum Mis­sionsprediger geworden.

Da wir einmal von der Presie sprechen, so dür­fen wir hier schon ein wichtiges Preßerzeugnis an­führen, das wohl den größten Einfluß auf die Mts- sionsbewegung unter den Katholiken deutscher 3unge ansült, ich meine die Missionszeitschriften. Pater R. Streit 0- M. I. zählt in seiner Missionsbwlw- graphie (Z. M. 1911, 93 f.) 29 deutsche Mtsswns- zeitsckriften auf, von denen 15 von Mtsftonskongre- gaticneu herausaegeben werden. Dagegen gibt es nur 23 französische, 9 englische, 8 holländische, 2 spanische und 3 italienische Zeitschriften. Unsere bedeutendste "Nd vor-üglich redigierte und illustrierte Zeitschrift sind „Die katholischen Missionen" (Frei- buro, Herder), durch die unsere noch immer Verbann­ten ' deutschen Jesuiten die deutsche katholische Mis- sionsbeweguna unterstützen. Neben dieser führenden Zntsckrift haben auch die anderen Missionsorgane ihre große Bedeutung. Bei ihrem billigeren Preise kommen sie in größeren Massen unter das Volk und betreiben Werbearbeit besonders bei unserer Land- und Arbeiterbevölkerung. Demselben Zwecke dient auch eine grobe Zahl von Missionskalendern und kleinemn Schriften, die zum Teil in sehr hohen Auf­lagen verbreitet sind. Eine Zusammenstellung dieser Aüslaaezoblen könnte uns in etwa ein Bild geben von dem Umfange der Missionsbewegung unter den deutschen Katholiken.

Auch die Wissenschaft hat ück dieser Bewegung nicht entziehen können. Dem Missionar muß jetzt bei semer Tätigkeit der Mann der Wissenschaft zur Seite ■' ■i-.v ^Gnion^b^eeisterung verfliegt leicht, wenn nicht innerste Ueberzengung die Grundlage des Pflichtgefühls bildet. Ueberzengung setzt aber grünt licke Kenntnis der Sachlage voraus — und diese Auf­gabe der Wissenschaft. Hier bestand aber bei uns bisher eine große Lücke. Missionswissenschaft war selbst den katholischen Theologen ein unbekanntes Ge­biet. Es ist das Verdienst des Zentralkomitees der Katholikenversammliingen Deutschlands, daß hier lang Versäumtes nachgeholt wird. Ein besonderer Mis­sionsausschuß hat verschiedene Missionskonferenzen anberanmt, durch die auch eine missionswissenschaft- lich. Bewegung eingeleitet wurde. Es wurde ein internationales Institut für missionswissenschaftliche Forschung errichtet und endlich die Gründung einer Zeitschrift für Missionswissenschaft ermöglicht, welch letztere von unschätzbarem Vorteil für unsere Bewe­gung ist. So ist also auch eine wissenschaftliche Grund­lage" für deutsche katholische Missionsarbeit gesichert.

Diese Missionsströmung, die von der Kirche emp­fohlen und befördert, von der Wissenschaft erforscht, begründet und unterstützt wird, muß nun da? ganze katholische Volk erfassen. Dazu haben auch die Ka­tholikentage eine weitere, sehr erfolgreiche Anregung gegeben, nämlich durch Abhaltung von Missions- f cft c n das Missionsinterefse zu wecken, durch jähr­liche Wiederholung solcher Feste die Begeisterung wach- zuhalten und so die Wellen der Mlssionsbewegung über alle katholischen Gemeinden zu leiten. Die Aus­führung ist der Anregung gefolgt. Tie Missionsfeste fanden dort, wo der Versuch gemacht wurde, allge­meinen Beifall. Ueberall, mochten sie im kleinen Eifeldörfchen oder in oldenburgifchen Gemeinden, in Oeventruv oder in Corvey, in der Bischofsstadt Fulda oder im industriereichen München-Gladbach stattfin- den: „Ueberall traten dieselben Erfolge zutage: liebe­volles Eingehen des Volkes auf die großartige Idee ber Eingliederung aller Nationen und Stämme in das Reich Christi und begeisterte, ja manchmal heroi- fche Opferfreudigkeit zur Ausbreitung des hl. Glau­bens." (K. M. 1911-12, S. 176.) Soeben bringt die Zeitung noch einen glänzenden Bericht über den herrlichen Verlauf eines Missionsfestes mitten im schwarzen Kohlenrevier in Herne (Wests.) am 20. Ok­tober. Glück auf zu solchem Erfolge! Wer möchte da nicht dem Wunsche des Berichterstatters beistimmen: „Das deutsche Volk soll das erste werden in katholi­scher Missionsbetätigung! Möge Herne viele Nach­ahmer finden!"

Großes werden die deutschen Katholiken für die Missionen leisten können, wenn sie einig sind. „Vi­ribus unitis!" „Mit vereinten Kräften!" Tas muß unser Losungswort fein. Darum kommt es nun dar­auf au, daß die deutschen Katholiken sich in den gro­ßen Mifsionsvereinen (am besten gewiß in dem einen großen Missionsverein unserer Kirche, dem Verein zur Verbreitung des Glaubens) zu gemeinsamer, be­ständiger, zielbewußter Misiionsarbeit zusammen- sufließen. Was die großen bekannten Missionsvereiw der Katholiken Deutschlands geleistet haben, daS hat uns Fürst Aloys von Löwenstein in seiner herrlichen Rede aus dem Aachener Katholikentage in der gewal- tigen Missionsversammlung gezeigt. Wir brauchen hier nur darauf hinzuweifen.

Der Verein der Glaubensverbreitung (bei uns mehr als Franziskus-Taverius-Misiionsverein be­kannt), das Werk der hl. Kindheit, der Ludwias-Mis- sionsverein (Bayern), der Afrikaverein, die Misiions- bereinigung katholischer Frauen und Jungfrauen und die St. Petrus-Claver-Sodalität haben dort ihr der- dientes Lob gefunden. Auch der akademische Missions- verein fand mit Recht Erwähnung, denn durch unsere Akademiker soll das in gebildeten Kreisen noch sehr ruhende Misiionsinteresse geweckt werden. Wir ton­nen noch hinzufügen die „Missionsvereinigung katho- lischer Jünglinge" (seit 15. Dez. 1911), die zuerst im Dekanat Duisburg-Hamborn errichtet worden und sich bald weiter ausdehnen wird. Neben diesen mehr großzügig veranlagten Vereinen _ gibt es noch eine Reihe von anderen, die ihre Tätigkeit auf deutsche Missionen und Anstalten, oder auf bestimmte Genos­senschaften beschränken. Die Auszählung im einzel­nen ist an dieser Stelle nicht möglich.

Alle diese Misiionsvereine bilden zusammen ein große? Heer, das die deutschen Katholiken zum Mis­sionsfeldzuge ausschicken. Großes hat somit die hei­matliche Misiionsarbeit in den letzten dreißig Jahren geleistet. Das verdient Anerkennung. Haben wir nun damit genug getan? Entspricht unser Misiions- cifcr der heutigen kritischen Lage der Weltmisiion? Diese Frage bedarf noch einer eingehenden Behand­lung.

Der Rückzug der Franzosen über die Beresina.

Zum hundertjährigen Gedenktage (28. November 1812) von Ernst Mollwitzer.

Zwischen Sümpfen des russischen Gouvernements Minsk fließt die B e r e s i n a dahm, kein tiefes Was- sei, zumal im Wmter, kein rauschender Strom. Aber seine trüben Fluten künden von einem welthlstorffchen Ereignis, das sich dort vor einem Jahrhundert begab, von dem tragischen Uebergange der Reste der Napo­leonischen Heere, von der gewaltigen Niederlage des großen Welteneroberers.

An der Beresina wurde Napoleon bestraft für den großen taktischen und strategischen Fehler, den er nach dem Brande von Moskau begangen. Hätte er damals sofort die Armee in ruhige Winterquartiere geführt und das Frühjahr abgewartet und die Heere zu Kräften kommen lasten, so hättten die großen Ver­luste, die er in Rußland gehabt, noch wieder eingeholt werden können. Sein Verhängnis hatte ihn aber über Gebühr in Moskau verweilen lasten, und wir ein deutscher Beurteiler, General Boyen, mit Recht sagt, waren alle Unfälle, die das ftanzösische Heer nunmehr trafen, unvermeidliche Folgen.

Nachdem Napoleon 1812 Smolensk verlassen hatte, mußte er trachten, die Beresina zu erreichen, bevor sich die rustischen Generale Wittgenstein und Tschitschakow vereinigten. Er hatte bei Studjanka, nördlich von Borisscw, durch General Ebls zwei Brü­cken, eine für Reiterei und Fußvolk, eine andere für Geschütz und Wagrn, schlagen lasten.

Es war keine leichte Arbeit. Zunächst kam es beim Brückenschlägen zu Streitigkeiten zwischen der Artillerie und den Ingenieuren. Jede der beiden Waffen glaubte die Ehre des Baurs für sich in Anspruch nehmen zu dürfen. Dadurch behinderten sie sich gegenseitig, und die Sache kam nicht vorwärts. Schließlich wurde jedem Teil eine Brücke zugewiesen, und von da ab trieb der Ehrgeiz zu einer Beschleuni­gung der Arbeit. Als Material dienten Balken und Bretter aus dem Dorf. Völlig entkleidet stiegen die Leute in das eiskalte Wasser, um 6—7 Stunden in unermüdlicher, unverdrossener Arbeit zu verharren. Oudiuot stand mit dem zweiten Armeekorps bereit, so. bald die Brücken fertig wären, den Uebergang zu be­werkstelligen. den er am 26. November nachmittags vollziehen konnte. Alles gelangte gut über Brücken und Furt, selbst die Karren der Marketender über­wanden alle Schwierigkeiten. Diese Karren brach­ten General Ttarbot, wie er erzählt, auf die Idee, aus ihnen noch mehr Uebcrgänge zu schaffen, indem man sie ausspannte und hintereinander im Fluß fest- führe. Er machte dem Generalstab des Kaisers den Vorschlag, man fand den Gedanken gut, aber niemand führte ihn aus. Man war lästig, kopflos. Das rächte sich, als die zweite Brücke mehrmals erneuert werden mußte. Dadurch verzögerte sich der Uebergang. Na­poleon selbst ging mit der Garde am 27. mittags über den Fluß. Nun begann die Unordnung, und als gegen Abend die Artilleriebrücke zum drittenmal brach, ent­stand das fürchterlichste Gedränge, und dir Verwir­rung erreichte den Höhepunkt, als am 28. früh die Zinsten vom linken Ufer aus ein Kanonenfeuer auf die Brücken eröffnete.

Marschall Victor hatte mit seinen Truppen zuerst Studianca erreicht, obwohl er eine große Anzahl chm überwiesener kampfunfähiger Leute mitführen mußte. Hier aber wartete er vergeblich auf das Eintreffen feiner Nachhut, der Division Partouneaux, der er den Befehl gegeben, ihm erst zwei Stunden später zu folgen. Die genannte Division hatte den Weg ver­fehlt und war in die Hände der Rusten geraten. Nur ein Bataillon war zu Marfchall Victor gefloßen. Dazu wurde dieser von den Russen unter Wittgenstein, den er von der Division Partouneaux festgehalten wähnte, angegriffen, und zu gleicher Zeit auch von den von Borissow herkommenden Truppen Kutusvffs. Obwohl diese vereinigten Kräfte imstande gewesen wären, den nur aus etwa 5000 wirklich kampffähigen Männern, zu denen sich freilich noch ebensoviel Kampfunfähige gesellten, bestehenden Feind zu erdrücken, leistete Vic­tors Korps doch einen so zähen Widerstand, daß es sich den ganzen Tag Über hielt.

Währenddessen aber entspann sich auch auf dem rechten Ufer der Beresina bei Zaniwki ein Kampf, wo Tschitschakow mit 30 000 Mann das etwa halh so starke Korps der Marschälle Oudinot und Ney an­griff. Auch hi-r wurde unter Mithilfe Napoleons und seiner alten und jungen Garde heldenmütig Widerstand geleistet, doch wurden sehr bald Oudinot und General Legrand schwer verwundet, so daß Marschall Ney allein die Führung des Korps über­nahm.

Während dieser Gefechte am linken und rechten Ufer vollzog fick an den Uebergängen bei Studicmka selbst eine fürchterliche Katastrophe. Es spielten sich, wie Marbot berichtet, die fttrchtbarsten Szenen ab. Tie vielen Tausende der Nachzügler von Moskau, die in ihrem apathischen Zustande zwei Tage und zwei Näckte hatten verstreichen lasten, ohne über die Brücken zu geben, stürmten jetzt, untermischt mit einer Menge von Wagen, gegen den Fluß an. Vollkugeln und Granaten schlugen in dies wüste Chaos, und vom Schrecken halb rasend, drängte alles blind und wild vorwärts nach den Brücken. Bald waren dieselben von Menschen, Pferden und Fahr­zeugen wie verkeilt. Die eine brach unter dem furch- terlichrn Druck zusammen; auf der andern schonte keiner den andern mehr. Kräftige Männer erstickten in dem Gedränge. Viele sprangen in's Master und fanden dabei ihren Tod. In wilder Hetze suchten auch Gespannführer ihr Heil quer durch den Fluß; sie fuhren ineinander und warfen um; nur wenigen gelang es, das ander: User zu erreichen. So ging er bis zürn Abend, wo gegen neun Uhr die ersten Trup- pen des nunmehr feinen Rückzug antretenden Mar­schalls Victor an der einen noch stehenden Brücke ein­trafen. Jetzt erst begann das grauenvoll: Schau- spiel. Die Truppen mußten hinüber, die Pastage mußte frei werden, und die Gewalt schaffte Raum. Mes, was den Weg versperrte, wurde auf die kür­zeste Weise beseitigt' Schließlich ließ Bicwr zwischen 9 und 11 Uhr nachts die Nachhut über den Fluß durch eine Art Laufgraben führen, welche General Eble durch die Ponton niere durch die an den Brücken aufgehäuften Leichname und zerbrochenen Wagen hatte ziehen lasten.

Eine schwacke Nachhut blieb noch bis zum Mor- gen des 29. Auf dem linken Ufer lag eine große Anzahl Verwundeter, Kranker, kraftlos Erschöpfter, und als General EblS um 8% Uhr die Rusten von neuem anrüden sah, zog er mit denen, die noch die Brücke schnell passieren konnten, ab und ließ hinter sich die Brücken abbrennen. Jene Verwundeten und Erschöpften kamen in den Flammen ober in den Fluten um, ober sie fielen den Russin in die Hände.

Allerlei.

--- Bo« der Eisenbahn. Die Aerztewagen der Effenbahnhilsszüge werden nunmehr auch mit Sau­er st ossapparatrn ausgerüstet, damit die be- gleitenden Aerzte jederzeit die Einatmung künstlichen Sauerstoffs anzuordnen in der Lage sind. — Nach einer Verfügung des Eisenbahnministers sollen die Versuche mit Eyenbahn-D ien st Hunden auf ge­eigneten Eisenbahnstationen weiter fortgesetzt werden. Die Hunde dienen einmal als Wächter, dann auch als Bealeitw für die Bahnbeamten, die den nächtlichen Aufsichtsdienst im Bahnhofsgebiet haben. Zur Ver­wendung kommen die deutschen Schäferhunde, verein­zelt auch andere Polizeihundrasten. — Der Minister hat ferner genehmigt, daß auf den Bahnhöfen durch Automaten gute und billige Bücher zu 20, 50 Pfennig und 1 Mark verkauft werden dürfen. Auf Bahnhöfen, wo Buchhändler vorhanden sind, müssen diese mit der Automaten auf fteHung einverstanden fein.

— Eine Legende. Durch den Balkankrieg ist die Erinnerung an eine alte venetiainsche Sage wieder lebendig geworden, die folgendes erzählt: „Wenn ein Patriarch von Venedig den päpstlichen Stuhl inne haben wird, bann wird Konstantinopel in die Hände der Christen fallen." Da nun Papst Pius X. feit 1453 der erste Patriarch von Venedig auf dem päpst­lichen Stuhl ist, so müßte die Prophezeiung sich nun­mehr erfüllen.

Diese fürchterlichen Tage an der Beresina raubten dem noch vordem wohl an TO 000 Mann starken Heere Napoleans die Hälfte, und von diesen Ucbrigbleiben» den kamen noch sehr viele um.

Aber auch noch weiterhin ward Napoleon und sein Heer vom Unglück verfolgt. Als er durch General Eblö die Brücken hatte abbrennen lasten, hatte er ge­hofft, sich dadurch vor der Verfolgung der Rusten zu retten. Kaum aber waren die Heere unter so schweren Opfern über die Beresina, da trat Frost ein, und der Fluß fror zu. Vordem hatte Napoleon vergeblich dieses Naturereignis ersehnt, das oftmals schon im Beginn des Novembers einzutreffen Pflegt.

Die Elemente hatten sich in Rußland selbst ver­schwor^, Napoleon und seine Heere zu vernichte«.

Napoleon war von dem Schlage, der ihn bei der Beresina getroffen, aufs tiefste ergriffen.

Seltsam genug liest sich der folgende Bries an Maret, den Minister des Aeutzeren, Herzog von Bas- sono, den er am 29. November schrieb, in welchem es heißt: ~ ,

„Gestern haben wir ein sehr heißes Treffen mit dem Admiral Tschüschakofs und Wittgenstein gehabt. Wir haben den ersten geschlagen, der uns am rechten Ufer auf der Straße nach Borissof angegriffen hat. Der zweite, der bte Brücken über die Beresina erftür- mnt wollte, ist zurückgeschlagen worden. Wir haben 6900 Gefangene gemacht, aber wir bedauern den Verlust einer Brigade von 3000 Mann des Generals Partouneaux, die den Weg verfehlt, sich verirrt hat, und wahrscheinlich gefangen ist. Wir haben seit zwei Tagen nichts von chr ersahwn. Der Herzog von Reggio und viele Generäle sind verwundet. Die Armee ist zahlreich, aber in schrecklicher Weise auf. gelöst. Es sind vierzehn Tage nötig, um sie wieder zu ihren Fahnen zu bringen, aber woher diese vier- zehn Tage nehmen? Kälte und Entbehrungen haben diese Armee aufgelöst. Wir werden nach Wilna konmen; werden wir uns dort auchalten können? Ja, wenn man sich acht Tage halten kann; aber wenn man in den ersten acht Tagen angegriffen wird, fo ist es zweifelhaft, daß wir dort bleiben können. Lebens­mittel, Lebensmittel, Lebensmittel! sonst gibt es keine Gräuel, die diese undisziplinierte Masse gegen diese Stadt nicht begeht. Vielleicht kann sich diese Armee erst hinter dem Riemen wieder sammeln. Bei die­ser Lage der Dinge ist es möglich, daß ich meine Gegenwart in Paris für Frankreich, selbst für die Armee für nötig halte. Ich wünsche sehr, daß sich in Wilna kein fremder Agent befinde. Die Armee läßt sich nicht gut zeigen; diejenigen, die dort sind, müßt: man entfernen; man konnte ihnen z. B. sagen, daß Sie sich nach Warschau begeben und so auch ich, und sie sogleich dahin an einem bestimmten Tage abreisen lassen." , -

So halb bemüht, seinem Mimster selbst gegen­über die Großen des Unglücks zu verschleiern, halb be- ftrebt, sie nicht zur Kenntnis des Auslandes ge- langen zu lassen, war er auch selbst wohl noch noch! ganz überzeugt vom völligen Zusammenbruch ferner Armee. Erst am 4. Dezember, als er erkannte, daß nur noch geringe Trümmer des Heeres aus Rußland zu retten seien, reifte er fluchtartig aus Litauen, die Truppen ihrem ungewissen Schicksal überlasiend, übet Dardan, wo er in der Nacht zum 14. eintraf, nach Paris ab. , ,

Von Daradan schrieb er bereits an seinen Schwre- gerbater, den Kaiser von Oesterreich, um neue Hilfs-; truppen.

Man hat Napoleon wegen ferner Abreise von. seinem Heere in Rußland Vorwürfe gemacht. Der. bereits erwähnte preußische General Boyen schreibt;, „In meinen Augen erscheint das Benehmen der Franzosen bei dem Uebergange über die Beresina höchst achtenswert. Welche Hingebung, um den Feld-, Herrn, dem sie doch eigentlich chr Unglück dankten, zu retten! Und wie undankbar benahm sich Napo- leon gegen sie; seit sie chn mit chrem Blute aus bet; gewissen Gefangenschaft gerettet hatten. Ich kann eS; nicht leugnen, ich sehe das Weggehen Napoleons! von den Uebcrreften der Armee aus Smorogny für, eine den Begriffen wahrer Kriegsehre durchaus zu­widerlaufende Handlung an. Man wird mir em- toenben wollen,, daß die Notwendigkeit, dem Ausbruch von Empörungen in Frankreich zuvorzukommen, dies erforderte: gerade in dieser Ansicht finde ich eine neue Anklage gegen Napoleon. War ihm die Erhaltung der Kaiserkrone und bet Ruhe in Frankreich ber höchste Zweck, so mußte er auch diesem alle seine Kräfte widmen und nicht zugelich die Rolle eines Er­oberers spielen und unaufhörlich nach neuem KriegS- ruhm geizen; zog er aber dies letztere vor, nun dann muhte er auch die heiligen Pflichten des Feldherrn bis zu dem letzten Augenblick erfüllen."

Jedenfalls stand eS und steht es in der ganzen neueren Geschichte einzig da, daß von einem großen stattlichen Heere nur einzelne in Lumpen gehüllte Flüchtlinge, — die nachziehenden Kosaken und die eisige Kälte vernichteten in den nächsten Wochen noch sehr viele, — in die Heimat zuruckkehrten. Die­jenigen, denen das Glück beschieden war, wurden wie Wunder anqestaunt, aber auch wie Menschen, die des höchsten Mrtleids wert, denn krank und siech und meist für chr ferneres Leben zu tätiger Arbeit untaug­lich kehrten sie beim, die einst als swlze Krieger des Welteroberers hinausgezogen waren.

Im Schlamme der Ufer der Beresina aber fand man noch Jahre hindurch Waffen, Skelette, Geräte als traurige Wahrzeichen jener Katastrophe.