u Ziehungslisten der preutzlsch.sSddeutschei, Maffen-Lotterie. — Halbjährlich Taschenfahrplan.
Nr. 267
erstes Blatt.
Donnerstag den 2l. November 1912
i
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, vierteljährlicher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld In Zulda sowie auswärts 1 JO Mark. — Rotationsdruck und Verlag der Zuldaer stctiendruckeret in Zulda. Zernsprecher Nr. S. :: z
wochen-tzeilage:
Illustrierte Sonntagsreitung
Amtlich wird aus Sofia gemeldet, daß die bul« starische Regierung im Einverständnis mit den Verbündeten Bevollmächtigte ernannt habe, die mit dem Generalissimus der türkischen Truppen die Bedingungen für den Abschluß eines Waffenstillstandes feststellen sollen. Das bedeutet den tatsächlichen Beginn der Friedensverhandlungen.
Nach privaten Meldungen aus Sofia verlangt Bulgarien Auflassen der Tschataldscha-Stellungen, Kapitulation von Adrianopel, Dwra, Skukari und Janina und das Versprechen keiner weiteren Truppen- zusammcnzichungen. Die Türkei soll Konstantinopel mit einem Landstreifen von Midia nach Rodosto behalten. — Ein weiteres Telegramm meldet:
W Sofia, 20. 9iüt>. 1912. Infolge Einleitung »et Verhandlungen zum Abschluß des von den Türken erbetenen Wafsenstillstandes haben die vor Tschataldscha operierenden bulgarischen Truppen Beseht erhalten, die Feind- seligkeiten einzustellen und sich innerhalb der eingenommenen Stellungen zu halten.
Diese Nachr^yten sind geeignet, auf der Kehrseite der Siegesmedaille Bulgariens und der Verbündeten binzuweisen: Auch der Siegeslauf der
monats-Beitage:
Zuldaer Seschlchtsblätter
. Belgrad, 20. Nov. 1912. Heute wurde offiziös mitgeteilt: U g r o n (bet: österreichisch-ungarische Gesandte), machte gestern bei dem Ministerpräsidenten in ernstestem Tour nachdrücklichste Vorstellungen wegen des seitens der serbischen Militärbehörden gegenüber den in dem besetzten Gebiet befindlichen österreichisch-ungarischen Konsuln beobachteten Vorgehens. Ministerpräsident Paschitsch teilte mit, daß die serbischen Militärbehörden keine Hindernisse mehr der Entsendung von Abgesandten des österreichisch-ungarischen Ministeriums zur Aufklärung der Affäre öes Konsuls Prochaska nach Prizrend in den Weg legen werden.
Wien, 20. Nov. 1912. Von kompetentester Seihe wird mitgeteilt, daß das gestrige Vorgehen Ugrons in Belgrad keineswegs ein Ultimatum darstellt,, ja auch keinen Termin präzisiert, bis zu welchem Serbien die von Oesterreich gewünschte Vereinigung der Konsulatsfrage vornehmen soll. Ein allzulanges Hinhalten ist jedoch ausgeschlossen.
L Belgrad, 20. Nov. 1912. Die serbische Regierung anerkannte die den fremden Konsuln in den eroberten Gebieten zukommenden Konsularrechte und gab die bisher zurückgehaltene Kon- s u l a r k o r r e sp o n d e n z frei.
Belgrad, 20. Nov. 1912. Auf das Einschreiten des österretchisch-ungarisKen Gesandten Ngron wies die serbische Regierung die Militärbehörden an, der Entsendung Ugrons zur Aufklärung der Angelegenheit des Konsuls Prochaska nach Prizrend keine Schwierigkeiten mehr zu bereiten.
Budapest, 20. Nov. 1912. Die Mutter des Konsuls Prochaska, die Advokatenwitwe Frau Olga Prochaska in Brünn, hat gestern eine vom 8. November datierte Postkatrte ihres Sohnes erhalten. Die Karte bat elf Tage gebraucht, bis sie eingelangt ist. Konsul Prochaska teilte seiner Mutter mit, daß er wohlbehalten sei und sie bitte, den Empfang der Karte zu bestätigen. Er könne nicht alles schreiben, was er wolle, da jeder Brief, der abgeht oder ankommt, von den Serben gelesen werde.
nntelgen: Der Raum einer einspaltigen Coionetjelie, 47 mm breit, taflet 15 psg. Reklamen: Der Raum einer Coioneljelte, 74 mm breit, tastet 40 Dfg. Bei Wiederholungen Rabatt. $ür Offert- und fluskunftanjeigen 20 pf. extra. 3n Konkursfällen wird der bewilligte Rabatt hinfällig. Erfüllungsort für das Einklagen »an Sorterungen Ist Zulda. flnjeigen-flnnahme bis JO Uhr vormittags. :: ff 6räßere Anzeigen erbitten wir uns tags vorher. :: »
39. Zahrgang.
Oesterreich dem serbischen Volk in gleicher Weise wie den anderen Balkanstaaten enigegenkomme.
* Wie«, 20. Nov. 1912. Der Aldanerführer Ismail Kemal ist gestern mit 40 albanischen Notadeln in Triest angekommen und schon am Nachmittag mit einem österreichischen Lloyddampfer nach Durazzo abgereist. Der Lloyd hält sonst in Du» razzo nicht, aber dieseSn al macht er eine Ausnahme. Sofort nach seiner Ankunft wird Ismail die Un» abhängigkeit Albaniens proklamieren. Es unterliegt keinem Zweifel, daß er, der sich zuvor in Wien und $%tbopeft aufgehalten hat, im Einverständnis mit der österreichisch-ungarischen und italienischen Re» gietwng vergeh!.
Der Fall Prochaska.
Die Frage de? Adriahafens und Albaniens stehen vorerst unverändert. Dagegen scheint in der Frage der Konsuln die serbische Regierung endlich einzu- lenken.
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Deutscher Reich.
* Berlin, 20. Nov. 1912. Der Kaiser besich- tigle am Dienstag die neuen Anlagen des Kaiser Wilhelm-Kanals bei Holtenau und fuhr nachts nach Berlin zurück. — Zu der am 22. November im Reichtamt des Innern stattfindenden Konferenz betreffend die Erörterung der Zustände auf den Vieh- und Fleisch markten sind auch Vertreter sämtlicher Fraktionen des Reichstages eingeladen worden. — Der ,Reichscinzeiger' veröffentlicht eine kaiserliche Verordnung, wodurch die Vorschriften des Versicherungsgesetzes für Angestellte, soweit sie nicht schon in Kraft gesetzt wo den sind, mit dem 1. Januar 1913 in Kraft irr. i, — Im neuen Reichsetat find für ein neues Telegraphenkabel zwischen Deutschland und England, nämlich zwischen Emden und Bacten, 1,8 Millionen bereitgestellt worden. — Der Gesetzentwurf über vorübergehende Zollerleichterungen bei der Fleischeinfuhr ist jetzt hem Reichstag zuaegangen.
Bulgaren ist von Schrecken und Trauer bs» gleitet; um den letzten Widerstand der Türken aus der Tschataldscha zu brechen, hätte es noch unge» hruerer Menschenopfer bedurft und es scheint, daß der Zar Ferdinand doch davor zurückfchreckt, um so mehr da der unheimliche Würger, die Cholera auch im bulgarischen Lager seine Opfer sucht. Er ist sicher, daß die bulgarische Armee unze- heuere Verluste zu beklagen hat: allerdings er- fährt die Bevölkerung nichts davon und erträgt da« vom Generalstab ausgegebene Schweigegebot mit stoischer Ruhe. Ist es doch den Soldaten verboten worden, an ihre Familien zu schreiben, wo sie find und waS sie machen. Man nimmt den Verwundeten die Nummer ihres Regimentes ab und verpflichtet sie zu schweigen über ihre letzte Stationierung. Niemand von den Angehörigen der etwa 25000 Toten weiß bi« jetzt Näheres über da§ LoS der Gefallenen und Verwundeten. Der Krieg hat auch auf das Land selbst einen starken Rückschlag ausgeübt; da alle- unter Waffen steht, ist da- übrige Leben in Bulgarien fast erloschen; die Felder sind verlassen, Städte und Dörfer vereinsamt, Verkehr und Handel verwaist. So begreift man, daß auch die Sieger den Wunsch nach Frieden haben.
Tie Kämpfe um Adrianopel.
* Sofia, 20. Nov. 1912. Am letzten Montag haben die Bulgaren einen neuen Ausfall der Adrianopeler Garnison nach Mündigem Kampfe a b- geschlagen.
Die Kampfe an der Tschataldfrha-Linie wurden bis gestern ununterbrochen writergeführt. Aus den vorliegenden Nachrichten ergibt sich, daß es inr allgemeinen den Türken gelungen ist, sich in ihren Stellungen erfolgreich zu behaupten. Sie hatten beträchtliche Verstärkungen aus Kleinasien er- halten, für deren Verpflegung auch bessere Vorkch- rungen als bisher getroffen sind, so daß sie eine größere Widerstandskraft besitzen. Ihnen wird es zu- zuschreiben fein, daß die Bulgaren die türkischen Siel- lungen nicht einnehmen konnten.
, Z Konstantinopel, 20. Nov. 1912. Der bulga- *1 f e $i e Flügel zog sich von Derkos nach Papaz Burgas zurück. Das erste Bataillon unter -z-uhrung des Prinzen von Battenberg hatte 500 Tote. Nach Aussage bulgarischer Gefangener haben die Bulgaren seit drei Tagen keine Lebensrnittel. Die bulgarischen Batterien vor dem Dorfe Papas Bugas sind durch die Beschießung von den türkischen Schtssen her zum Schweigen gebracht worden. In der Nacht zum Montag avancierte ein türkisches Bataillon und besetzte das Torf Papas Burgas, das von den Bulgaren eilig geräumt wurde. Die schweren turkc; chen Geschütz» reichen weiter als die bulgarischen. Die Türken brauchten bisher ihre Reserven nicht herbeizurufen, diese halten sich auf den Hügeln tm Hintergründe. Die. frischen Truppen sind in guter Verfassung und treffen täglich ein.
H Sofia, 20, Nov. 1912. Ein aus Tschataldscha zuruckkehrender Arzt erzählte mir, die Türken hatten täglich tausend Cholerafälle. Bul- gamen ergreift umfassende Maßregeln gegen die eventuelle Etnschleppung. Alle südlich von Vhilippopel gelegenen Spitäler werden geleert.
* Konstantinoel, 19. Nov. 1912. Der am Ober- chenkel verwundete und gestern abend ins deutsche Krankenhaus gebrachte General Mahmud Mukh- t ar Pascha erhielt den Besuch des Großwesirs, der Munster, des Generaladfutanten vom Sultan und der Mitglieder der deutschen Botschaft. Sein Vater, der Ghazi Achmed Muchtar, weilt bei ihm.
Die Einleitung von Waffenstillstands-Berhand- fit also cm gutes Zeichen. Europa wird aber w dem Genuß dieser Wendung gestört durch das widerspenstige, ja herausfordernde Verhalten Serbiens, das die politische Spannung zwischen Belgrad und Wien blindwütig verschärft.
Zu dem ersten Gegensatz, der durch die Beqehr- Nchkeit der Serben nach a l b a n i s ch e m Gebiet und geschaffen wurde, ist noch ein zwei- ;ter Konfllktsstoff getreten durch die rücksichtslose Behandlung oder richtiger gesagt Mißhandlung des österreichischen Konsuln. Das ist eine Verletzung des Völkerrechtes und eine formelle Beleidigung des großen Nachbarstaates, für die der sonst so geduldige und langmütige Graf Berchtold mit Recht sofortige Remedur und Genugtuung verlangt. In Sachen Albaniens und des Adriahafens kann die serbische Diplomatie immer noch dahin plädieren, daß Oesterreich nur ein mittelbares Interesse hat und Abreus unmittelbares Interesse gelten lasse solle kaberLbtc Kränkung des Konsuln ging direkt gegen die Ehre und das unzweifelhafte Recht Ogster- reichs machte den b o s e n W i l l e n Serbiens offen-
Dielleicht hat diese Ueberspannunq des serbischen Größenwahns die gute Folge, "daß ganz Europa auf die Unverträglichkeit dieses Staatswesens aufmerksam wird und auch diejenigen Vrachte, die sonst der österreichischen Politik nicht hold sind, die Notwendigkeit einer Abwehr dieses gen-ein- gefahrlichen Uebwmuts erkennen. Glücklicher Weise wird ja auch von Paris und London immer mehr die den Forderungen Oesterreichs einzuschränken. In der Konsulu-Frage hat Serbien nach den Meldungm weiter unten es inzwischen für rätlich gehalten, nachzugeben. ’
In unserer alldeutschen Presse wird der österreichischen Politik der Vorwurf der Schwäche und Zaghaftigkeit gemacht. Man sollte angesichts der Tatkraft, die in den letzten Iabren unter der Mitwirkung des Erzherzogs-Thronfolgers in Wien ent» trirtelt worden ist, mit solcher scharfmacherischer Kritik vorsichtig fern. Wir im deutschen Reiche, die wir uns nnN -.esterreich solidarisch fühlen, dürfen mit seiner Triebe? fein."baBd f^rt Hutung gewiß
Das letzte Wort wird sich erst sprechen lassen, wenn der endliche Erfolg vorliegt, und wir hoffen, daß Oesterreich auch bet langsamem Schritt schließlich zum Ziele kommt. D ’
** Tie Dienstzeiten des Eifenbahnpersonals aller deutschen Eisenbahnen werden, wie fettens des Reichs- eisenbahnamtes angeregt worden war, zu Beginn des^ nächsten Jahres vereinheitlicht werden, um "den Wünschen des Eisenbahnpersonals Rechnung zu tragen. So sollen vor allen die R u h e j e i t e n des Lo ko Motivpersonals vermehrt werden. Einheitliche feste Arbeitszeiten, wie sie vom.Personal gewünscht worden toarejt, haben sich wegen der Eigenart des Dienstbetrrebes nicht festlegen lassen. Aus dem gleichen Grunde konnte auch an eine gesetzliche Festlegung nicht gedacht werden. Durch die beabsichtigte Vereinfachung wird der Dienstbetrieb aber wesentlich erleichtert werden und auch den Wünschen des Publikums bei der Benutzung von Zügen auf Strecken, die Verschiedenei! Eisenbahnverwaltun- gen angehöreii, Rechnung getragen werden.
)( Tie württembergischen Mahlen. Jetzt ist auch das Ergebnis der Proporzwahlen in Stuttgart bekannt. Es wurden gewählt drei Sozialdemokraten, ferner je ein Abgeordneter der nationalliberalen Partei, der Volkspartei und der kouservaftven Partei. Tas Verhältnis der Parteien ist unverändert.
X Die mecklenburgische Versasiungskrage. Den mecklenbttrgifchen Landtagskommissaren Grafen Bas- sewitz-Levetzvw und Staatsrat Dr. Longfeld ging ein Regierungsschreiben zu. in dem der Großherzog auf die abgelehnte Verfassungsvorlage hinwnst und ausführt, daß diese Art der geschäftlichen Berhandlungen mit dem Ernst der Lage und der Bedeutung der Sache für das Land nicht vereinbar sei. Der Großherzog lelprt es ab, die Antwort der Stände auf Grund des Beschlusses der Ritterschaft entgeaenzunehmen. Es sei nicht sein Wille, den in dem Beschluß zum Ausdruck gebrachten Wunsch der Ritterschaft um Herausgabe einer neuen Vorlage zu entsprechen, da eine Ver- fassungsresorm auf rein ständischer Grundlage sich durch die bisherigen Verhandlungen als undurchführ- i
Vom westlichen Kriegsschauplätze.
• Rjeka 19. Nov. 1912. Serbische und moifte» negnmsche Truppen haben gestern Alessio besetzt. Der Serben-Sieg btt Monastir.
^ Belgrad, 19. Nov. 1912. lieber den Kampf vor der Einnahme von Monastir wird amtlich at. meldet: Am zweiten Kampftage wurde an der ganzen Front entlang ein äußerst heftiges Feuer unterhalten. Die serbnche Kavallerie bemächtigte sich der Brücke über die Cerna und nahm südlich von der Stadt Stellung. Die Morawadivision brachte inzwischen die türkische Artillerie auf dem westlichen Flügel zum Schweigen und erbeutete vier Bc agerungSgeschütze Dw türkischen Truppen versuchten gegen Ochrida durchzubrechen, wurden jedoch durch die serbischen Truppen nach äußerst heftigem Kampfe «egen die Stadt zurückgeworfen. Am Abend nahmen die serbischen Truppen sämtliche Stellungen der Türken
* Belgrad, den 20. Nov. 1912. Bisher ist keine weitere Bestätigung der Nachricht über die G e f a n a e n- nähme der türkischen Armee bei Monastir emgetroffen. Eine nachts über die Einnahme von Rianafttr eingelangte amtliche Devesche meldet, dast dte Türken in wilder Flucht sind. p
Die östcrreichisch.serbische Spannung.
•J0'1™ b6rf doch hoffen, daß Serbien den Konflikt nicht bis zum Aeußersten zuspltzen werde. Diele Hoffnung gründet sich zum großen Teil auf die Tat- fache daß dte maßgebende Presse Englands und r m der Beurteilung der österreichisch,
serbischen Beziehungen mit eindringlichen Warnunaen an ©erbten wendet. Zahlreiche englische Blätter unter ihnen die Times und die Westminster Gazette' welche letztere häufig die Ansicht des Premierministers Asquith zum ^«5 bringt verlangen von SZ en Mäßigung und Rücksicht auf die .nicht erschöpfliche Geduld Europas . Auchchie französische Presse warnt Serbien, durch unnachgiebige und herausf.rdernde Haltung sich dte btShertgen Sympathien zu vetschetten
Belgrader Regierungsblatt Samo' Uprava oen sichert — vielleicht unter dem Eindruck dieser ähn- lieber Presseäußerungen, — daß Serbien von aufrichtig friedlichen . Absichten geleitet werde in der Erkenntnis, daß freundschaft. l'che Beziehungen zu Oeskerreich.Unga-n eine Haupt- bedmgung für den friedlichen Fortschritt Serbiens bildeten. Zu ihrer Herstellung bittzet daS Blatt, daß
die beiden Stände in gemeinsamer Arbeit die erforderliche Einigung herbeizuführen suchen. Er halte seine Vorlage aufrecht und verlange eine eingehende Prüfung. Er appelliert nochmals an die Stände, ihm ihre Hilfe zur notwendigen Durchführung des Verfassungswerkes nicht zu versagen. Dieses Reskript wurde am Montag von den Landtagskommissaren den Ständen unterbreitet.
* „Religion ist Privatsache". Wir teilten vor einigen Tagen nach den Hamburger Nachrichten einen Fall mit, nach dem eine Witwe Schultin Hamburg das kirchliche Begräbnis ihres Ehemannes wieder abgesagt haben sollte, nachdem ihr vom sozialdemokratischen Verbände gedroht war, sie werd« keine Unterstützung erhalten, wenn sie die Leich; ihres Gatten kirchlich, einsegnen lasse. Der Vorwärts stellt dies als „eine Lügenmär der Hamb. Nachr." hin und schildert den Vorgang folgendermaßen:
Die Witwe Schult, deren verstorbener Gatte Mitglied des Verbandes der Maschinisten und Heizer war, hatte sich vom Beerdigungsübernehmer überreden lassen, einen Geistlichen zu bestellen. Bei der Auszahlung des ihr stalutengemäb zustehenden Sterbegeldes ist ihr auf dem Berbandsbureau gesagt worden, wenn ein Geistlicher mitgehe, werde der Verband sich nicht offiziell beteiligen können; es wurde ihr die betr. Bestimmung im Verbands st atut gezeigt, die da? ansdrücklich vorschretbt. Daraufhin erklärte Frau Schult,' es sei der Wunsch des Verstorbenen gewesen, bat» der Verband ihn zu Grabe geleite. Darum werde sie den Geistlichen wieder abbestellen. Das hat sie dann auch getan. Von einer Verweigerung der Unterstützung ist nie die Rede gewesen, ebensowenig kann von Verletzung religiöser Gefühle die Rede jein.
Wir müssen cs zunächst den Hamb. Nachr. überlassen, den wahren Sachverhalt festzustellen. Einstweilen interessiert jedoch di; r e l ig i ö s e Unduldsamkeit der Sozialdemokratie, wie sie auch vom Vorwärts zugegeben werden muß, indem sogar durch V e r b a n d s st a t u t die offizielle Beteiligung einer sozialdemokratischen Gewerkschaft bei dem Leichenbegängnis eines „Genossen" ausgeschlossen ist, wenn ei nGe ist kicher mitgeht.
* Wie geschwindelt wird. In der liberalen Presse war in den letzten Tagen folgendes zu lesen: „Wie in Berliner politischen Kreisen verlautet, findet zu Beginn der nächsten Woche in Wien eine Besprechung statt, an der auch unter anderen deutsche Politiker teilnehmen werden, und bei der es sich um die Besetzung des neu zu schaffenden Thrones von Albanien handeln wird. Wie verlautet, ist der deutsche Zen- trumsabgcordnete Erzberger, welcher Vertrauensmann der albanischen Katholiken ist, zu dieser Besprechung nach Wien gereist, wo er vom Grafen Berchtold und vom Thronfolger empfangen werden wird." — Abg. Erzberger erklärt hierzu, daß seine Reise nach Wien mit der Thronbesetzung in Albanien nichts zu tun hat; daß er zu einer Versammlung der Missionsvereinigung katholischer Frauen und Jungfrauen nach Wien reift und daß der Termin für diese Versammlung schon bald vor 3 Monaten festgesetzt worden ist. Aber die liberale Presse mutz stets etwas „Neues" haben, wenn es auch nicht wahr ist.
* Detmold, 19. Nov. 1912. Staatsminister Frhr. v. G e v e k o t, seit zehn Jahren leitender Minister des Fürstentums Lippe-Detmold, tritt zum 1. Januar aus Gesundheitsrücksichten in den R u h e- st a n d.
* Karlsruhe, 19. Nov. 1912. In der heutigen Sitzung der badischen Erst-n Kammer wurde nach mehrstündiger Erörterung der Gesetzentwurf über den staatlichen Ban und Betrieb eines Murgwerks einstimmig angenommen, nachdem die Zweite Kammer vor 14 Tagen gleichfalls einstimmig ihre Zustimmung ausgesprochen hatte.
1:[ Dresden, 19. Nov. 1912. Gegenwärtig erörtern das Reichsamt des Innern und die sächsische Regierung mit Vertretern der deutschen Zigarette n i n d u st r i e die mögliche Gefahr weiterer Erwerbungen von Zigarettenfabriken durch den amerikanischen Tabaktrust.- Dieser hat bisher fünf deutsche Fabriken erworben. Die Sachverständig gen hoffen, ein etwaiges bedenkliches w- fteres Vor-, bringen des Tabaktrusts in Deutschland ud f) r- ne gesetzliche Maßregeln verhindern zu können.
* Dresden, 19. No> 1912. Der Kampf um das Volksschulgeset- wird in der nächsten Woche im Plenum der Zweiten Kammer wieder aufgenommen werden. Tie Verbaudlungen über diesen Gegenstand werden voraussichtlich vier Tage dauern.
Der MMrieg.
Im Oste« vom Balkan sind schneller, al» man gedacht hatte, die Verhandlungen über den Waffenstillstand in Gang gekommen. Im Westen de» europäischen Wetterwinkels hat aber di, Spannung zwischen Serbien und Oesterreich noch kein« foldn Wendung zum bessern erfahren.
Zar Ferdinand von Bulgarien derstcht offenbar als nüchterner Realpolitiker mit den jeweiligen Ver- hältnissen zu rechnen. Sein Entgegenkommen gegenüber dem Waffenstillstandsgesuch der Türkei ist gewiß beeinflußt worden sowohl von den m i l i 1 ä r i f ch e n Schwierigkeiten, die sich bei dem Vorstoß gegen die Tschataldschalinie ergeben haben, als auch von der Seuchengefahr. Wollten die Bulgaren chren Triumphzug bis nach Konstantinopel forffetzen, wie sie früher geplant hatten, so würden sie diesen Lor- beer sehr teuer bezahlen müssen; was an den Festungswerken glücklich davonkäme, würde in den Seuchenherd gelangen und dort furchtbar gelichtet werden. Und wahrscheinlich würden die kolossalen Opfer umsonst gebracht, da Rußland und auch andere Mächte den Bulgaren Konstantinopel nicht belassen würden. ES fft also ganz klug, wenn Bulgarien und auch seine Verbündeten auf einen baldigen Ab- schluß der Kriegs st rapazen hinarbeiten und den Türken einen Frieden Vorschlägen auf der Grundlage, daß Konstantinopel und ein mäßiges Stück des Lande» östlich der Tschataldschalinie den Türken ver- bleiben. Für den Sultan und seine Regierung ist ^?iiich der Verzicht auf den ganzen übrigen euro- paffchen Besitzstand nicht leicht; aber man darf doch toobl hoffen, daß die dortigen Staatsmänner sich von den Au«nblicksersolgen an einigen Wällen nicht täu- schen lassen, sondern die Aussichtslosigkeit des weitern Widerstandes erkennen. Es wäre schädlich für beide Teue, wenn man sich in Konstantinopel erst noch lange zieren wollte Wenn die Türkei durch Zögern und Feilschen die Gegner zum Vorstoß bis Konstan- ^nop^l. reizen sollte, so ist es höchst zweifelhaft, ob der fliehende Suftan jemals wieder den Rückweg finden wurde. a
Ausland.
*♦ Tic belgische Heeresreform. In deutschen und französischen militärischen Kreisen wird der in Belgien beabsichtigten Heeresreform Aufmerksamkeit zngewandt. Es berlav.ict über den Inhalt der Vor-' läge, daß sie ein jährliches Rekrutenlontingent von 35 000 .Mann fordert und auf diese Weise bei der kurzen Dienstzeit eine Friedensstärke von 50000 Mann erzielen will. Bei zehn Jahrgängen wäre dann auf eine Kriegsstärke von 350000 M a n n zu rechnen.
ch. Gegen die Ausweisung von Ordensschwestern: In Paris fand eine großartige Arbeiterkundgebung zu Gunsten der Beibehaltungder „kleinen Schwestern" statt, welch» unentgeltlich die Pflege der armen Kranken übernehmen. Es soll dadurch erreicht werden, daß den Schwestern endlich eine sichere Position auf gesetzlicher Grundlage g sich affen wird, die sie gegen willkürliche Ausweisung schützt.
△ „Gleiches Recht" für all: in Frankreich. Die Wohltätigkeitsstiftung in Torey hat jedes Jahr 400 Franken Unterstützung für ein unheilbar krankes Mitglied der Gemeinde zu vergeben. Der Untervrä- felt von Chateau-Thierry Hai die feit vier Jahren einstimmig und regelrecht verliehene Untcrstütz- u n g in diesem Jahre unterdrückt, weil er erst jetzt gemerkt hat, daß der unterstützte Kranke