4. Blatt.
Druck 6er 5«I6aer 2!ditn6ruttr<l in Selbe.
Fuldaer Leitung. -
M 266.
Dienstag 19. November 1912.
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such einmal ein ganz kurzes einrücken ,lassen, das wenig kostete. Und doch, war in dieser Kurze schließlich nicht alles gesagt? Ter Mann ist Renner also ein ältlicher, wohlhabender Herr, er sucht em Weibchen, d. h. nicht eine junge dumme Gans, sondern eine, die schon etwas Frauliches an sich b<>t. Kurz und gut, je mehr die alte Dame darüber nachdachte, desto mehr schien ihr hier ein Wink des, Schicksals vorzuliezen und so befckloß sie, zunächst einmal den Rentier Trosiel zu besucheii, der in so schlichter, herzgewinnender Weise „ein Weibchen" suchte.---
Während sie auf dem Wege nach der Putcnstraize war, glich sie jenem Milchmädchen, das die Milch zu Markte tragend nnd an den Erlös derselben denkend, Luftschlösser baute. Ob auch ihr der Milchtopf vom Kopfe fallen würde? Wir wollen sehen.
Als-Frau Nagel in das Wohnzimmer des Rentiers Drossel trat, wurde sie von einem betäubenden Geschrei empfonaen, welches zahlreiche, in Wand- käfige gesperrte Vögel vollftihrten.
„Auch eine Liebhaberei," dachte Frau Nagel, „aber das werden wir dem Herrn Schwiegersohn bald ab-' gewöhnen."
Ein maaerer Mann mit einem Spitzbart hupfte vor den Käsigen herum, immer die verschiedenen Vogelstimmen nachahmend und so versuchend, sich mit ihnen in chrer Svrokbe zu unterhalten.
„Was wünschen Sie?" fragte er, als er der alten Dame ansichtm wurde.
, Ich habe wohl die Ebre, Herrn Drossel zu spre- cben. Ich komme des Inserates wegen: „Ein Weibchen sucht —"
„Aba, weiß schon. Warum haben Sie es nicht gleich mitgebrocbt?"
„Nun, so schnell geht es doch nicht," erwiderte Frau Nagel mit Würde. „Man muß doch erst sehen, wen man vor sich hat."
„Ich bin kein Mann von vielen Umständen, also welcher Farbe ist sie?"
„Wer — es? Sie meinen doch meine Betty! -
„Also Betty haben Sie sie getauft? — Ist sie Ihr Eigentum?"
„Eine seltsame Frage, mein Herr. — Ich war doch verheiratet."
Herr Drossel machte ein etwas verblüfftes Gesicht, und da er dachte, die Dame wolle ein wenig familiär plaudern, fragte er höflich:
„Und jetzt sind Sie es nicht mehr, meine Dame?
„Ich bin natürlich Witwe — und ich kann wohl sagen, daß sich unsere Familie stets der größten Achtung erfreute."
„Glaube ich Ihnen gern," nickte Herr Drossel, aber kommen wir auf unser Geschäft zurück."
„Geschäft.!" rief Frau Nagel entrüstet.
„Oder wie Sie es nennen wollen," meinte Drossel ungeduldig. „Kommen wir nun auf die Farbe. Von welcher Farbe ist sie?"
„'Früher war sie wie Milch und Blut, aber jetzt —" '
„Also weiß und rot, und jetzt nach der Mauser?" „Seltsame Sprache," dachte Frau Nagel, „aber das kommt davon, daß er nur mit Vögeln umgeht. Jetzt sieht sie ein wenig gelblich aus," sagte sie laut nnd zögernd.
„Das ist meine Lieblingskouleur, stark leder- und kaffeebraun habe ich besonders gern."
Das Weibchen.
, . Humoreske von Max Hirschfeld.
DaS Zimmer war halb in Ordnung gebracht. Auf dem Klavier lag noch der Staublappen genau an der Stelle, bis zu welcher der Staub gewischt war. Auf dem Kaminrand stand noch die angeräucherte Lampe, und der Teppich lag zusammengerollt, tote ihn der Ausklopfer hinaufgebracht hatte, unter dem Tisch. Auf dem Sofa war eine hellblaue, Bluse ausgebreitet, und deren Besitzerin saß auf einem Sessel und war in die Lektüre eines Buches vertteft.
Sie lächelte matt, als ein neues Kapitel mit der Anrede „schöne Leserin" begann, denn sie konnte auf Schönheit keinen Anspruch machen, ntcht emmal auf Jugend. Das Gefickt zeigte jenes undefinierbare Etwas des Altwerdens. So vertieft war Betty Nagel in chre Lektüre, daß sie das Eintteten der Mutter überhörte.
„Wirst Du denn ewtg sitzen und Romane lesen?" fragte Mutter Nagel in aufgeregtem Tone chre Tochter. „Ich habe mich in der Küche zu Schanden gearbeitet, indessen hättest du doch hier im Zimmer Staub wischen können, aber wie sieht es hier aus. — Daß Gott erbarm! Man kann ja keinen anständigen Menschen hereinlasien."
„Wer kommt denn auch zu uns?" erwidette Betty naserümpfend.
Darauf blieb die alte Dame zunächst die Antwort schuldig, denn sie war etwas langsam im Denken und konnte solche Konversationsonsprüchen, wie Betty sie liebte, wenn sie jemand Vorwürfe zu machen hatte, nicht folgen.
„Wer zu uns kommt?" wiederholte sie. „Du willst wohl noch bei unserem Einkommen feinen Umgang anfangen?"
„Ich möchte schon," sagte das Mädchen, unmutig die Achsel zuckend. „Wenn wir Umgang hätten, dann würde doch auch einmal--."
„Was würde doch auch einmal, he?"
„Wenn Du bei Zeiten daran gedacht hättest." — „Sei nur still, jetzt weiß ich schon genau, was alles kommt." Ich hätte Gesellschaften geben und Dich in Gesellschaften führen sollen, und das Geld dazu hätte ich steblen müssen."
„Du hättest ganz gut dafür sorgen können, daß die Lebensversicherung, in der der Vater sich kurz vor seinem Tode einkaufte, größer gewesen wäre, Du hast es selbst gesagt.--"
„Nun ja, und was wäre dann auch Großes gewesen? Auf Dich beißt keiner mehr an. — Schön bist Du nicht, von Geld ist auch nicht viel Rede — wenn Du dafür nur ein wenig wirtschaftlich wärest."
„Ach, laß doch nur diese ewigen Strafpredigten, Mutter, es haben schon manche geheiratet, die weniger wert waren als ich:"
- „Ja, dos sind so Deine Romanideen. Trotzdem ^in'ich immer sehr dafür, nach dieser Richtung Versuche zu machen, vielleicht findet sich doch noch ein Dummer. Wie bequem und gemächlich könnte ich oon den Zinsen leben, die für uns beide nur schwach reichen."
„Und was willst Du tun? Vielleicht mich in den Zeitungen ausbieten." ,
„Das ist eine Idee! Damit wollen wir es gleich versuchen." , , . .. , .,,
Betty blickte ihre Mutter an, als sei diese nicht
recht bei Sinnen. Sie hätte laut schreien mögen: „Aber denkst Du denn, ich hätte dieses Mittel nicht längst heimlich versucht? Denkst Du denn, ich wäre nicht schon längst durch die jämmerlichen Mißerfolge abgeschreckt worden?" jedoch begnügte sie sich mit einem spitzen Kräuseln chrer Mundwinkeln, worauf sie chre Lektüre fortsetzte.
Mutter Nagel war offenbar ganz voll von ihrer Idee. Sie stöberte überall umher, um das Schreibzeug zu suchen, das sie endlich hinter dem Ofen hervorholte. Zu ihrer Freude war noch ein wenig Tinte drin. Tann nahm sie einen Fetzen Papier, setzte sich nieder und begann zu schreiben, indem sie die Worte laut aussprach:
„Junge Dame, Anfang der dreißiger Jahre, von angenehmen--."
„Betreffs der Jahre sind wir doch übereingekommen --," rief Betty dazwischen, wurde aber gleich
von der Mutter unterbrochen: ,
„Nun ja, Bekannten gegenüber, aber hier wo Du nachher den Taufschein vorzeigen mußt, kann ich doch unmöglich —." «
„Ich leide es aber unter keinen Umstanden —
,'llnb wenn nun wirklich auf das Inserat hin jemand kommt, vielleicht ein älterer Beamter, der feine Ansprüche mehr macht, der etwas kränklich ist. und gepflegt werden will, was würde der sich nun um Dein Älter kümmern!"
„Genug, genug," schrie Betty, sich die Ohren ;u- haltend und ' mit dem Fuße stampfend, „in diesem Punkte darf ich wohl selbst bestimmen."
„Gut, gut," sagte die Mutter verdrießlich, „wir können das also ganz weglasien, ich werde schreiben: Junge Dame von nicht unangenehmem Aeußern. —
„Von angenehmem," fiel die Tockter ein.
„Nein, das brinae ich nicht fertig. Ueberhanpt laß mich in Ruhe. Ich werde schon wisien, Was ich schreie." 5
Sie brachte das Inserat leise vor sich hmmnr- ttielnb fertig, legte ihre Ausgehkleider an und ging nach der Zeitungs-Expedition.
Da noch einige andere Personen vor ihr gekonr- men waren, nut denen der Expedient verhandelte, fand sie Zeit, im stillen auszurechnen, wie. viel sie für das Inserat ungefähr werde bezahlen muffen. Es kam eine für sie ganz erkleckliche Summe heraus, und die notgedrungen gewohnte Knickrigkeit, nut plötzlich eintretender Mutlosigkeit gepaart, ließen in chr den Entschluß reifen, unverrichteter Sache zurückzukehren.
Da fielen ihre Augen auf ein Jnseratenblatt, welches auf dem Tische lag, und unter den Inseraten stach eines hervor, welches sogleich ihre Aufmerksamkeit fesselte. Es lautet:
Ein Weibchen
sucht Rentier Drossel, Putenstraße 10.
Es war ein in die Augen fallendes, mit großen, fetten Buchstaben gedrucktes Inserat. Frau Nagel stutzte und schlug sich vor den Kopf. Das war ja ein ganz deutliches Heiratsgesuch. Daß sie nicht gleich darauf gekommen war, Heiratsgesuche zu beantworten, anstatt selbst ein solches einzurücken.
Ungewöhnlich war dieses Heiratsgesuch allerdings, das fiel auch Mutter Nagel auf, aber sie verstand eS gleich, daß einmal jemand vernünftig genug sein könne, anstatt der unsinnig langen salbadernden Ge-
„Nun, das wird Betty mit der Zeit ja noch werden, wenn sie so einen Geschmack haben," sagte ^rau Nagel gut gelaunt, „sie ist ja im besten Alter."
„Aufs Alter kommt es mir gar nicht an.' _ „Sie sind ein Muster von Anspruchslosigkeit.
„Aus welcher Familie ist es denn?"
Immer es! In Gedanken nennt er Betty schon immer „sein Weibchen." „Aus einer sehr achtbaren natürlich," sagte sie.
„Nicht doch! Wahrscheinlich Sittich?"
„Natürlich ist meine Betty sittig."
„Ist sie gut abgerichtet?"
„Wenn Sie diesen Ausdruck auf ihre Erziehuntz anspielen wollen, so kann man dieselbe wohl eine vollendete nennen. Sie spricht fertig englisch und französisch."
„Donnerwetter!" rief Herr Drossel, „das wäre ja unerhört, großartig, aber das muß man selbst sehen oder vielmehr hören, um es zu glauben. Kratzt und schreit sie viel?" „
„Mein Herr, ich finde Ihre Fragen sonderbar
„Nun, ich werde doch nicht die Katze tm Sack kaufen."
„Sie wählen Ihre Ausdrücke wirklich , so, verehrter Herr, daß ich zweifle, ob ich Ihnen meine Betty anbettrauen darf."
„Sie können sich darauf verlassen, meine Dame, daß inbetreff der Behandlung niemand so gut Bescheid weiß wie ich. Nun aber zu der Hauptsache, bringen Sie mir 5>bre Bettv her, wenn sie mir gefällt, kaufe ich sie Ihnen ab."
Frau Nagel wurde purvurrot und maß den Rentier derart mit funkelnden Augen, daß dieser stotternd hinzufügte:
„Natürlich kann ich Sie nickt zwingen, und wenn Sie sich von ihr nicht trennen wollen — aber teg dachte, gerade deswegen sind Sie gekommen
„Selbverständlich bin ich deshalb gekommen aber wie können Sie vom Verkaufe reden!
„Wovon aber beim, werte Fran? Wir werden uns doch über den Preis einigen können. Mehr als 50 Mark möchte ich allerdings in keinem Falle geben.'
„Aber mein Herr, sind wir denn Barbaren, sind wir Türken?" .
„Ich begreife nicht," sagte Drossel verdutzt, „tote man mit einem Papagei so viel Umstände machen kann." . ,L
„Was, Papagei nennen Sie meine Tochter, Sie selbst sind ein Grasaffe."
„Was habe ich denn mit Ihrer Tochter zu schaffen?" fragte Herr Drossel verdutzt, die Beleidigung überhörend. v .
„Wollen Sie sie denn nicht heiraten?
„Ich heiraten? Wenn ich nur nicht schon ver- heiratet toär’!" .
„Tann halten Sie die Menschen nicht nut Ihren Dummheiten auf, verstchen Sie!"
Damit eilte sie hinaus und schlug die Tür Herrn Drossel vor der Nase zu, der drei Kreuze hinter ihr her machte.
Frau Nagel hatte eben versäumt, sich die Vorderseite des Jnseratenblattes anzusehen, auf der der Titel stand: „Der Pavaaei. Internationales Organ für Zucht der Papageien und verwandter Arten.
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