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39. Jahrgang
Dienstag den l9. November 1912»
Lrstes Blatt
Nr. 266.
Der BlllkMrieg.
seftötlöDng des liirlWen Sieges.
W Konstantinopel, 18. Nob. 1912. (Vom Pri- tzatkorrespondenten des Wolffschen Bureaus.) Auf dem Ministerium des Aeußeren wird versichert, daß bei Tschataldscha die Bulgaren auf der ganzen Linie zurückgeschlagen worden sind, nachdem der rechte Flügel der Türken die Bulgaren besiegt, wobei letzteren zwölf Kanonen und viele Gefangene abgenommen worden seien.
W Konstantinopel, 18. Nov. 1912. Noch immer tönt heftiger Kanonendonner von den Höhen bei Der- kos nach Konstantinopel herüber, General Muktar Pascha, der den rechten Flügel befehligte, hat zufriedenstellende Nachrichten über den Verlauf der Schlacht geschickt. Die Bulgaren sollen in vollem Zurückweichen sein. Die bulgarischen Truppen hatten sich vor der Schlacht in den Wäldern um den Derkos- See festgesetzt. Sie bedrohten von hier aus die türkischen Forts zwischen Derkos und dem, Schwarzen Meer. General Muktar meldet, die türkische Flotte hätte hier durch heftiges Feuer die bulgarischen Streitkräfte erschüttert. Auf dem linken türkischen Flügel sollen in der Bucht von Kalikrata der Panzer „Bar- barosia-Haircdlin" und der Kreuzer „Hamidien" liegen, die ein lebhaftes Feuer auf die anrückenden Bulgaren unterhalten. Auch in der Mitte, wo sich Na- sims Hauptquartier an der orientalischen Bahn befindet, haben die Bulgaren keinerlei Fortschritte zu verzeichnen. Frische anatolische Kerntruppen halten die Fortlinie besetzt. Nasim Pascha hosft, daß es Muktar gelingen wird, die Bulgaren von Derkos her aufzurollen. Türkische Kreise loben das von deutschen Offizieren ausgebildete Lehrregiment, das den Bulgaren bei Derkos schwere Verluste beigebracht haben soll. Besonders durch die hervorragenden Schützer g e b n i s s c soll es den Türken so schnell gelungen sein, diesen feindlichen Flügel einzudrücken.
W. Konstantinopel, 18. Nov. 1912. 5 Uhr abends. (Tel.) Tie Schlacht bei Tschataldscha ist seit 10 Uhr vormittags wieder im Gange. Der Kommandant der Schwarzen-Meerflotte telegraphiert: Der Donner der bulgarischen Geschütze entfernt sich immer mehr, woraus er schließe, daß die Bulgaren sich gegen Tschorlu zurückziehen.
Die Cholera.
* Paris» 18. Nov. 1912. Grauenhaft ist die Schilderung, die ein französischer Kriegskorrespondent von dem Anblick der türkischen Stellungen hinter Tschataldscha gibt, die er vorigen Freitag in Begleitung eines deutschen Offiziers besichtigen durste. Dir Straßen von Hadcmköj, wo sich damals das türkische Hauptquartier befand, waren von Toten und Sterbenden eingefäumt. Die Leichen und die Kranken lagen in Gruppen von t#.er und fünf übereinander. Sterbende schleppten sich auf den Händen und Knien aus der Mitte des Straßendammes zur nächsten Mauer, wanden sich da stöhnend vor Schmerz und.flehten um einen Tropfen Wasser. Manche bissen in den Boden, als wollten sie sich mit den Zähnen im voran« ihr Grab graben. Andere starben unter gräßlichen Krämpfen, und ihr letzter Atemzug diente dazu, bj^ Männer zu verwünschen, die derartige Zustände über die Türkei gebracht hab:n. Soldaten luden lässig und widerwillig Sterbende und Tote durcheinander auf Ochsenkarren, die sie langsam wegführten. Sie waren so schlecht aufgeladen, daß beim ersten Rütteln des Gefährts die Hälfte dar Körper herabrollte und in den tief ausgefahrenen Straßengleiscn liegen blich. Aus diesen Karren tönten die halberstickten Klagen von Sterbenden, die unter einer Last von Leichen den Geist auf- gaben. In der Nacht zählte der Korrespondent sieben Kranke, die nacheinander an die Außenwand des ihm zum Uebernachten eingeräumten Häuschens kamen und dort nach kurzem Todeskampf und markdurchdringendem Röcheln starben. An Stelle des an Cholera verstorbenen Befehlshabers der Artillerie Mi Riza übernahm Oberst Lehmann, der Sohn von Lehmann Pascha, den Oberbefehl über di: Artillerie, versicherte dem Korrespondenten jedoch, er habe nicht ein einziges Geschütz au der ihm zugewiesenen Stelle vorgefunden. Die Zahl der türkischen Verteidiger von Tschataldscha schätzt der Korrespondent auf 150 000 Mann, doch schmelzen die Verteidiger wie Schnee in der Sonne und verlieren täglich bis zu 5000 Mann an der Seucke.Z Wenn das noch einige Tage dauert, schließter seinen, hoffentlich etwas zu grell gefärbten Bericht, so werden die Bulgaren keine Türken inehr vorfinden, die sie bekämpfen kpn- neu; sie werden alle an Cholera und Typhus gestorben sein.
* Konstantinopel, 18. 9lov. 1912. In einem Restaurant in der Nähe der Hagia Sofia, das von den ärmeren Bwölkcrnngsschichten Stambuls besucht wird, sind mehr als 100 Personen an Choker a erkrankt. Der internationale Sanitätsrat hat beschlossen, daß keine Eholerakranken me-hr in die Stadt gebracht werden sollen. Ferner ist eine aus österreichischen, französischen, rus- jtschen und holländischen Mannschaftn: bestehende Kommission zur Desinfektion der gefährdeten mauser Stambuls gebildet worden. — Sämtliche wichtigen Punkte wurden, mit Maschinengewehren verjehen, bisher ist die Stadt ruhig.
Eine Verschärfung der österreichisch-serbischen Spannung.
Wien, 18. Nov. 1912. In hiesigen diplomatischen Kreisen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren daß die serbische Mißachtung des österreichisch-' ungarischen Verlangens nach dem Verzicht auf Albanien durch Serbien und Montenegro und die völkerrechtswidrige Behandlung der österreichifch-un- garischen Konsuln in Mazedonien erheblich verschlechtert haben, und daß Oesterreich. Ungarn, das schon bis an die äußerste Grenze der Langmut gegangen, nicht mehr lange seine Lebens-
intereffen und seine Stellung als Großmacht in dieser herausfordernden Weise von serbischen Kleinstaaten mißachten lassen kann. ES muß, wie man hier ausführt, immer Mieder betont werden, daß es sich für' Oesterreich-Ungarn um zweierlei handelt, erstens darum, seine Stellung als Balkanvor- m o ch t zu behaupten, die ihm in wirtschaftlicher Hinsicht sein natürliches Absatzgebiet sicher und in politischer Hinsicht eine. der Grundlagen seiner Groß- machtstcllung ist. Zweitens darum, an der Adria keinen weitern und vor allem keinen politisch unzuverlässigen Angrenzer zu erhalten, der.Oesterreichs einzigen Ausgang zum Weltmeer und jedenfalls eine der Grundlagen seiner Großmachtstellnng gefährden könnte. Oesterreich-Ungarn steht, so sagt man hier, an einem entscheidenden Punkt seiner Geschichte. Es verteidigt die. Grundlagen seiner Großmachtstellung, wenn es sich der Abschließung vom Balkan und der Ansiedlung eines feindlich gesinnten Balkanstaates an der Adria widersetzt, ganz abgesehen davon, daß eS eine Minderung feines internationalen Ansehens bedeuten würde, wenn es sich von einem Kleinstaat wie Serbien beiseite schieben ließe.
Budapest, 18. Nov. 1912. In der Öffentlichkeit wird die auswärtige Lage heute wesentlich ungünstiger beurteilt, wozu in erster Linie die Haltung Serbiens gegenüber der diplomatischen Äertre- tung der Monarchie beiträgt. Auch werden die heute eingetroffenen türkischen Siege als Hemmnisse der Friedensverhandlungen betrachtet. Als einer der wichtigsten Faktoren in der gegenwärtigen Entwicklung gilt das Verhältnis der Monarchie zu Rumänien.
L Belgrad, 18. Nov. 1912. Der von dem öfter- reichisch-ungarischen Gesandten U g r o n in der vergangenen Woche präzisierte Standpunkt Osterreich- Ungarns in der Frage der Autonomie Albaniens wurde heute von bem deutschen Gesandten von Griesinger und dem italienischen Geschäftsträger Rinella beim Ministerpräsidenten Paschitsch durch Erklärungen unterstützt. Hiermit bat sich der Dreibund in der albanesischen Frage Serbien gegenüber einmütig eingesetzt.
L Belgrad, 18. Nov. 1912. Ministerpräsident Paschitsch erwidert auf die Vorstellungen der Gesandten der Dreibund-Mächte, daß die Dis- kuffion über die Frage der Festsetzung Serbiens an der Adria bis zur B e endi g u ng des serbisch-türkischen Krieges vertagt werden müsse, damit man bei der Entscheidung das Gesamtergebnis des Krieges vor sich habe.
* Budapest, 18. Nov. 1912. Am Schluß der brütigen Sitzuug der österreichischen Delegation ergriff der Minister deS Aeuberen, Graf Berchtold, daS Wort. Der Minister erklärte, e? sei fein Grund vorbanden, daß die Balkanstaaten in objektiver Einschätzung der Lage mit der hohen Bedeutung rechnen werden, die der Herstellung eines dauernden und guten Verbälinifses mit den Nachbarmonarchien innewohnen würde- Die wiederholten Aussprachen, die der Minister mit dem bulgarischen Kammerpräsidenten Danew gehabt habe, batten ihn in dieser Auffassung bestärkt und ihm den Beweis geliefert von der klugen Politik, die auch angesichts der glänzenden Erfolge der bulgarischen Armee den Entschließungen der Staatsmänner Bulgariens zum Leitstern diene. Der Minister erklärte weiter, daß er die direkten Verhandlungen der Türkei mit den krieg- jübrenden Staaten mit den besten Wünschen begleite, und sagte, fr habe Grund, vorauszusetzen, daß die kriegführenden Balkanstaaten auf die Interessen anderer Bedacht nehmen werden. Er verweist auf die lieberem« stimmung der Kabinette von Wien und Rom hinsichtlich der Gestaltung Albaniens, und sagte: Unsere heutige Politik wie jene Italiens gebt von dreiem Grundsatz aus Die Albaner hätten trotz jahrhundertelanger ungünstiger Verhältnisse es verstanden, ihre alten Traditionen und völkischen Eigentümlichkeiten zu bewahren. Der Minister erklärte schließlich aus eine Anfrage des Grasen Latour, die serbische Regieruni habe vor einiger Zeit in ossi- zieller Weise über da? Verhalten des Konsul; in PriSren, ProhaSka, Beschwerde geführt und das Ersuchen gestellt, diesen adzuberufen. Oesterreich habe sich bereit erklärt, die Angelegenheit zu untersuchen, und habe deS Werlangen gestellt, daß ihm die Möglichkeit geboten werde, mit dem Konsul ProhaSka in Verbindung zu treten. Wir dürfen erwarten, sagte der Minister, daß unteren Wünschen, welche vom völkerrechtlichen E-tand- punkt vollkommen begründet sind, von der serbischen Regierung Rechnung getragen werde, und wir lassen uns die Herstellung der normalen Verbindung mit unseren diplomatischen Vertretern angelegen sein.
* Wien, 18. Nov. 1912. Der Kaiser soll sich in Budapest zu einer hochstehenden Persönlichkeit in folgender Weise geäußert haben: „Ich bin für den Frieden, aber nicht für den Frted n um jeden Preis: wir können uns nicht alles gefallen lassen."
Aus Konstantinopel.
Z Konstantinopel, 18. Nov. 1912. Die Ausschiffung der fremden Geschwader-Man ns chaf- t e ging glatt vonstatten. Bei den Türken verursacht der Vorgang große M i ß sti m m u n g; sie versichern, baß keinerlei Veranlassung für solche Maßnahme vorhanden gewesen sei. Auf Wunsch der Pforte sollen die fremden Mannschaften nach Möglichkeit den Aufenthalt auf den Straßen vermeiden und in den Gebäuden bleiben. Vor den fremden Botschaften stehen zahlreiche Neugierige, um das ungewohnte mi- litärische Treiben zu beobachten, die türkische Polizei verhindert aber jede Ansammlung.
Z Konstantinopel, 18. Nov. 1912. Zuverlässige Einzelmeldungen von den gestrigen Kämpfen auf dem rechten Flügel und im Zentrum der Tschataldscha- Linie bestätigen, daß die Bulgaren unter größeren Verlust en zu rückgeschlagen wurden. Tas türkische Artilleriefeuer, das mit ruhiger Sicherheit geleitet wurde, wirkte verheerend." Die Disziplin in den türkischen Reihen war ausgezeichnet.
Z Konstantinopel, 18. Nov. 1912. Nach dem gestrigen glücklichen Kampf hatte Mahmud Mukh- t a r Pascha heute früh mit seinem Stabe einen Re- kognoszicrungsritt unternommen, um das Gelände für einen Angriff auf die Bulgaren zu erkunden. Man kam dabei an ein von den Türken absichtlich aufgegebenes vorgeschobenes Fvxi. Dieses war aber na^ts von den Bulgaren besetzt worden. Die türki-
scheu Offiziere bemerkten den Feind erst auf dreißig Meter Entfernung und wurden nun mit einem K u- gelregen überschüttet. Mahmud Mukhiar wurde das Pferd unterm Leibe erschossen und gleich darauf brach er selber verwundet zusammen. Ein selber verwundeter Soldat nahm mit den Worten „Pascha, das macht nichts!" den General auf den Rücken und rettete ihn heldenmütig vor der sonst sicheren Gefangennahme. Zwei unverzüglich an Ort und Stelle entsandten Bataillone warfen dann die Bulgaren. mit Verlusten ans dem Fort. Mahmud Mukhiar ließ sich ins deutsche Hospital bringen.
Monastir eingenommen.
Belgrad, 18. Nov. Die serbische Moravadivision gelangte -zu den westlichen türkischen Stellungen bei Monastir. Nach hartnäckigem Kampf wurden sie gestürmt und dadurch die Nückzugslinjen der Türken verlegt. Seit vorgestern früh wird entlang der ganzen türkifchen Front gekämpft. Die starkem türkischem Feuer ausgesetzten serbischen Truppen mußten durch das überschwemmte Gebiet vorrücken.
Belgrad, 18. Nov. Monastir wurde heute Nachmittag von bett serbischen Truppen eingenommen. 50000 türkische Soldaten wurden gefangen genommen.
Belgrad, 18. Nov. In Monastir wurden sämtliche türkischen Generale, darunter Zeki Pascha, früher Gesandter in Belgrad, gefangen genommen.
Die zwieträchtigen Verbündeten.
Nicht in einem einzigen griechischen Telegramm war die Meldung enthalten gewesen, daß in Saloniki außer den Griechen auch Serben und Bulgaren einmarschiert sind. Die Einnahme Salonikis sollte nach außen hin als eine ausschließlich griechische Tat gelten. Die Serben und Bulgaren ließen sich das nicht gefallen. Bald nach bett griechischen Depeschen traf ein Telegrannn aus dem serbischen Hauptquartier von Uesküb ein, wonach zugleich mit den Griechen eine serbische Kolonne in Saloniki eingezogen sei. Unmittelbar darauf meldete sich Bulgarien? auch bulgarische T r tt p p e n unter dem General Todorow seien in Saloniki, eingetroffen, und sogar die beiden Bulgarenprinzen Boris und Kyrill fowie der ehemalige Ministerpräsident Ratscho Petrow und der Pariser bulgarische Gesandte Dr. Stqnciow seien mit dabei gewesen. Die Verdunkelung der Tätigkeit der anderen Balkanvölker ist aber nicht', wie matt vielleicht meinen könnte, ein Einzel- fall, sondern ein System, bas alle Verbündeten wo- möglichcr noch einheitlicher verfolgen als ihre .Kriegsziele. Vor Adrianopel und an der Tscha- taldschafront stehen neben den Bulgaren serbische Truppen in beträchtlicher Anzahl. Niemals ist es den Bulgaren auch nur im Traume eingefallen, die Außettwelt von dieser Tatsache zu unterrichten. JhreSiege wollen sie allein errungen haben. Wenn Niederlagen folgen sollten, wird man den Sündenbock schon zu finden wissen. In der Schlacht bet K u mn n o w o, durch die sich die Serben den Weg nach UeSküb freimochten, ging es den serbischen Truppen anfangs sehr schlecht, bis sie von §ilf§lräften, die von Osten herangeeilt waren, aus ihrer mißlichen Lage erlöst wurden. Man nahm allgemein an, daß die Retter Bulgaren gewesen seien. Eine etfernbe Depesche aus Belgrad belehrte die Welt alsbald eines Besseren. Bulgaren? Keine Spur. Was errungen wurde, ist allein den serbischen Waffen zu verdanken.
Man muß gestehen, baß ’biefe Eifersucht unter Waffenbrüdern und Kampfgenossen keinen erhebenden Eindruck macht. Wenn das am grünen Lorbcer- zweiq geschieht, waS wird erst später geschehen?
Wozu aber weilen Serben und Bulgaren neben den Griechen in Saloniki? Die Griechen haben sie nicht herbeigcrusen. Bei dem leichten Spiel, das sie mit der Einnahme dieser Stadt batten, waren Truppen der anderen beiden Nation.n überflüssig. Sie stellten sich nur als unwillkommene Gäste ein aus dem einfachen Grunde, weil weder Serben noch Bulgaren den Griechen den alleinigen Besitz von Saloniki — und wäre er auch nur vorübergehend — gönnen, lieber die Zukunft Salonikis wird noch viel gesprochen werden. Es werden noch andere Machtfaktoren als bloß die vier Verbündeten über diesen Punkt, wie über, manche andere, ein Wort mitzusprechen haben. Doch schon der bloße Gedanke, daß die Griechen im Hinblick auf Saloniki einen Borsprung vor Onen haben, ist beit Serben und Bulgaren unerträglich. So haben sie nicht gewettet. In den Abmachungen, die vor dem Kriege gqtrofsen wurden, war nicht die Rede davon, baß Saloniki in griechische Hänbe übergehe. Bulgarien läßt denn auch schon mitteilen, baß in den Friedensbedingungen, die man aufstellen will, die Forderung enthalten sein soll, daß Saloniki sr-sie Stadt und Freihafen werde. Was sagen die Griechen dazu? Sie pochen auf das Recht des Eroberers. Das ist doch ganz natürlich: vor dem Kriege begnügt man sich mit wenigem, nach dem Kriege will '.an alles behalten, was man besetzt hat. Die anderen machen es ja ebenso. Vor dem Kriege sagten sie, sie wollen nur „das harte Los der unterdrückten Brüde: mildern", ohne auch nur im geringsten auf Erobe- runoen auSzugeben. nach den Waffenerfoleeiz w..den die Grenzen so weit wie nur möglich ausgedehnt.
Saloniki iss also schon beute ein Zankapfel zwischen bett Verbündeten. Er bleibt bestimmt nicht der einzige.
Rujsische Truppenansammlnngen an der Grenze.
* Krakau, 16. Nov. 1912. Hier eingelroffenen Privalmeldunaen zufolge wurden im Don-Gebiet bei Rossow große Truppenmassen mobilisiert und an die südliche Grenze dirigiert. Ans Warschau ein- trcffende Reifende mahlen, daß der Warschauer (stabirat wegen der Unterbringung der mobilisierten Truppen mehrere Beratungen abgehalten habe und daß mehrere Großindustrielle und beveulende Kaufleute in Russisch-Polen amtlich verständigt worden seien, ihre oerifigbaten Magazine zur Unterbringung von Reservisten bereitzuhalten.
Schwere Anklagen gegen die Serben.
Wien, 18 Nov. 1912. Das Schicksal des Kon- suls Prohaska ist entgegen anderen Meldungen noch immer nicht aufgeklärt. Ein von dem Vertreter der ,Reichspost' auf Kundschaft nach ihm aus Belgrad abgesandter Mitte.smann konnte über Uesküb nicht hinausdringen und von Prohaska nichts erfahren. Ueber die Arnautenschlächterei in Prizren erfährt der Vertreter von einem Begleiter des geflüchteten Albanierführers Kol Dibra: Es sei gewesen, als wäre eine Horde entfesselter Wilder und rasend gewordener Teufel aus die unglückliche Ortschaft losgelassen. Ohne Grund stürzte sich die serbische Soldateska auf die albanesische Bevölkerung und begann alles niederzuknallen, was ihr in den Weg kam. In knapp drei Stunden tötete sie drei Männer, 35 Frauen, darunter mehrere Matronen, und 8 Kinder unter zwölf Jahren, darunter zwei unter sechs Jahren. Mit Maschinengewehren feuerten die Serben in den Straßen auf die Bevölkerung. Daß auf die Serben während der Besetzung geschossen worden wäre, ist Unwahrheit. Ein dänischer Berichterstatter habe behauptet, der Kurier Prohaskas, mit Berichten und Briefschaften nach Wien unterwegs, fei serbischen Offizieren in die Hände gefallen, die sich in völkerrechtswidriger Weise die Dokumente angeeignet und mißbraucht hätten. Der Vizekonsul v. Tahy erzählt, daß er nur in der Verkleidung eines albanischen Kaufmanns aus Mitrowitza entfliehen konnte. Auch er war Zeuge von Unmenschlichkeiten der Serben gegen die Albanier.
Belgrad, 18. Nov. 1912. Alle Verbindungen dev Auswärtigen Amtes mit den osterreichisch-un» garischen Ko nsuln in Albanien sind unterbrochen. Der in Budapest am Freitag eingetroffene Konsul von Mitrowitza äußert sich, er habe den Posten nur deshalb verlassen, weil es ihm von serbischer Seite vollkommen unmöglich gemacht wurde,mit dem Auswärtigen Amte zu korrespondieren, und zwar weder telegraphisch noch brieflich. Man habe ihm lediglich die Erlaubnis zur Absendung einer Depesche erteilt, worin er das Auswärtige Amt an« fragte, ob er unter solchen Umständen weiter auf seinem Posten verbleiben solle. Er erhielt die Weisung, abzureisen. , Was den Konsul Prochaska in Prizrend« anlange, habe er keine zuverlässige Nachricht über ihn, er best eite aber entschieden die serbische Legende, nach der Prochaska auf serbische Truppen geschossen haben soll.
Wien, 18. Nov. 1912. Fast die gesamte Presse bespricht in erregter Weise das Vorgehen der serbischen Regierung in der Angelegenheit das Konsuls! Prachaska,des dem Völkerrecht und dem Kriegs- brauch nicht entspreche. Es sei dies ein so ernster Punkt, daß die Geduld Oeste^reich-Unaarns in dieser Richtung auf keine allzu harte Probe gestellte werden dürfe. Jedenfalls wäre es im Interesse Serbiens selbst gelegen, das über diese Frage schwebend^ Dunkel sobalo als möglich aufzuhellen.
Deutsches Reich.
♦♦ Berlin, 18. Nov. Der Kaiser weilte am Montag zur Vereidigung der Marinetruppen in Kiel. — Das Herrenh aus tritt am 26. d. Mts. nachmittags 2'/» Nhr zu seiner nächsten Plenarsitzung zusammen. — Der konservative Parteitag findet der „Deutsch. Tagesztg.' zufolge zwischen Weihnachten und Ostern statt.
(*) Ans dem neuen Reichshaushalt. .Einzelne Blätter wissen bereits Einzelheiten des neuen Reichsetats mit» zuteilen, die nur durch einen bisher noch unaufge- tlärlen Vertrauensbruch vorzeitig in die Lage gekommen sind, diese Angaben zu veröffentlichen. Wir geben sie vorbehaltlich wieder. Der Entwurf des Reichsetats für das Rechnungsjahr 1913 schließt im ordentlichen Haushalt in Einnahmen und Ausgaben mit 3048 Missionen Mk. ab, das ist gegen die Summe dzs Vorjahres (2751 Mill. Mk.) ein Mehr von 296 Mill. Mk. Darm sind indessen 104 Mill. Alk. zur Abbürdnng der Vorschüsse der Heeresverwaltung, sowie zur Bkreststellung von Betriebsmitteln für Marine- bekleidungsämter enthalten. Läßt man diese außer Betracht, so ergibt sich ein reines Mehr von 191 Mül. Mk. Es sind veranschlagt die Einnahmen der Reichc- poft- und Telegraphenverwaltung aus 842,3 Mill. Mk. (gegen das Vorjahr 50,9 Mill. Mk mehr, der Reichs- eisenbahnverwaltung auf 153,7 Düll Mk. (11,9 Mill. Ulf. mehr). Im Laufe des Jahres hat sich die Reichsschuld bis zum 30. September nominell um 86414700 Alk. vermindert.
* Eine dreiste Erfindung. Die Leipziger Neuesten Nachrichten' lassen sich unter der Ueberschrift „Eine wclfische Absage an Kaiser Wilhelm" aus Gmunden schreiben, der Kaiser habe den Prinzen Ernst Auaust von Cumberland zu der Hosjagd in Letzlingen ctngelabe-. Ter Prinz habe mv: der Begründung, daß er dienstlich verhindert sei, die Teilnahme an der Hoijagd ab gelehnt. Die Leipziger Neuesten Nachrichten' bezeichnen dies in ihrer Zuschritt aus Gmunden als „neuen Affront, der dem Deutschen Kaiser natürlich auf seine Veranlassung angetan ro rb". Dazu schreibt beute die.Norddeutsche Allgemeine Zeitung' halbamtlich:
'Wir stellen fest, daß die ganze Geschichte dreist erfunden ist. Der Kaiser hat dem Prinzen keine Einladung gesandt, und der Prinz hat keine Adiage erteilt. Damit entlässt auch das Gerede vom „neuen Affront".
* Zum Petroleym - Monopol. Tas Hanseatische Oberlandesgericht m Hamburg hat den zwilchen der Deutsch-Amerikanischen Vetroleum-Gesellschaft und der Deutschen Petroieum-Ver- kaufs-Gesellschäft bestehenden Vertrag bis auf zwei unerhebliche Punkte als rechteverbindlich ertlält und bcmentiprectcnö das Urteil gefällt. Es handelt sich um den Vertrag, den die D. P.-V.?G., die Petroleum - Organiiation der Deutschen Bank, im Jahre 1907 abgeschlossen hat, der diele Organisation bcfläit« dig den Amerikanern auslieferte, und der jetzt von der Gruppe der Deutschen Bank angefochten rootoen ist.