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Zuwaer Leitung.

JV» 265.

Samstag 16. NovEber 1912.

Streifzüge Durch Bulgarien.

Von W. Roß-Hamburg.

Stadjbtucf nicht gestattet.

Bulgarien ist heute noch eines der unbekanntesten Länder Europas. Tausende reisen alljährlich nach dem Orient, nach Konstantinopel, Griechenland, Klein­asien und Aegypten, aber nur wenige machen in Bulgarien Station, um ein Stück Erde kennen zu ler­nen, das nicht nur in völkerkundlicher, sondern auch in landschaftlicher Hinsicht so viel_Reize aufzuweisen hat, daß cs sich wohl lohnt, einen Streifzug zu Pferde oder zu Wagen durch das Land zu unternehmen.

Mit der "Eisenbahn fährt man über Bukarest zu der rumänischen Grenzstation Giurgewo und von dort mit dem Dampfer über die Donau nach dem gegen­überliegenden Rustschuk. Auf einem vom Fluß scharf ansteigenden Plateau liegt die Stadt, die in ihrer einen Hälfte mit den schönen Parkanlagen und dem stattlichen Theater einen ganz modernen Eindruck macht. Freilich hat die andere Hälfte ein durchaus orientalisches Gepräge; besonders das Türkenviertel mit seinen zahlreichen Moscheen und seinen von Schmutz starrenden Straßen.

Von Rustschuk führen mehrere Bahnlinien in das Land, döch tut man am besten, man benutzt einen Wagen für die Ueberlandreise. Man ist so unab­hängig von dem Kursbuch, und hat Gelegenheit, Land und Leute zu studieren. Tas Land zwischen der Donau und dem Balkan steigt in mehreren langgestreckten, scharf voneinander abgesetzten Terrassen langsam an. Die Landschaft ist anfangs einförmig; zu beiden Sei­ten der Straße ungeheure Strecke Weide und Brach­land, unterbrochen von einzelnen Mais und Weizen­feldern. Später wird cs hügeliger. Zahlreiche ein­zeln stehende Bäume, hin und wieder ein Eichenwäld­chen beleben die Landschaft und geben ihr ein ganz bestimmtes Gepräge. Je weiter man sich dem Bal­kan nähert, desto größer werden die Hügel, bis Tor­now, die alte Krönungsstadt, erreicht ist. In selt­samen Kurven durchströmt die Jantra den Ort, ein­gezwängt zwischen steilen, starren Kalkfelsen, an denen die Häuser und Häuschen mit malerischen Galerien kleben. Von Tirnowa führt der Weg durch die ma­lerische Vorlandschaft des Balkan nach Grabowo, einer aufblühenden Industriestadt, und von dort durch das fchöne Jantratal nach Seleno Drevo, wo der Aufstieg zum Schipkapaß beginnt. Der Ausstieg ist reich an malerischen Szenerien, zu deren Romantik die zahlreichen Karatvanen, Hirten und Viehherden eine wirkungsvolle Staffage bilden. Nach fünf Stun­den ist die Paßhöhe erreicht, von wo man einen wun­derbaren Ausblick über die buchenbewaldeten Höhen des Balkan und in das paradiesische Tal von Kasanlyk mit seinen dunklen Nußbaumhainen, seinen Wein­gärten, Rosenfeldern und seinen weißschimmernden Dörfern hat. Die Ebene von Kasanlyk ist weltbe­kannt durch ihre ungeheuren Rosenfelder. Feld reiht sich an Feld, bestanden mit Rofenstöcken, deren Blü­ten zur Fabrikation des Rosenöls verwendet werden. Es bestehen außer zahlreichen Pressen drei modern eingerichtete Rosenölfabriken, von denen jede während der Hauptblütezcit täglich 50—60 030 Kilogramm Roscnblätter verarbeitet. Eine Million Kilogramm liefert einen Zentner Rosenöl. Die Gesamtproduk­tion an Rosenöl betrug 1908 7500 Kilogramm im Werte von 3% Millionen Mark.

Die Weiterfahrt in westlicher Richtung durch das Tundjatal ist reich an schönen landwirtschaftlichen Bildern. Auffallend zahlreich sind hier die vorge­schichtlichen Hügelgräber, die man, zu kleinen Grup­pen vereinigt, viele Tausende zählt. Die Landschaft wird immer flacher, bis man in die sanft nach der Müritza abfallende Ebene von Milippopel kommt. Hier sieht man neben weiten Maisfeldrrn auch zahl­reiche Reisfelder, eine Kultur, die zur Zeit der Tür- kenhcrrfchaft in hoher Blüte stand, von der ostrume- lischcn Regierung ganz unterdrückt wurde, in neuester Zeit aber wieder zuaelasien ist.

Philippopel liegt auf vier unvermittelt aus der Marihaebene aufsteigenden Felsen. Die Stadt hat ungefähr 50 000 Einwohner, von denen % Bul­garen sind. Sie hat wie die meisten bulgarischen Städte ihre alte und ihre neue Zeit. Die neue Zeit vertritt die geräumige, Helle Hauvtstraße mit statt­lichen Häusern und Läden und die wohlgepflegten Gärten und Parkanlagen, in denen die vornehme Welt abends promeniert. Jenseits des Marktplatzes beginnen die Bazarstraßen mit chrem jammervollen Pflaster und den zermorschten, niedrigen Hütten, die ooit den schlanken Minaretts altertümlicher Moscheen überragt werden. Echt orientalischer Schmutz macht ’ sich Augen und Nasen der Mittelcnropäer peinlich . bemerkbar. Im übrigen herrscht reger Verkehr und |

rastloses Streben in der Stadt. Es zeigt sich hier so reckt die Arbeitsamkeit und Nüchternheit des Bul­garen, die in Verbindung mit großer Intelligenz und Bildnngsfähigkeit für dieses Balkanvolk die besten Hoffnungen aufkommcn lassen.

In Sofia, der Hauptstadt Bulgariens, treten besonders die ungeheuren Fortschritte zutage, die das Land seit seiner Befreiung vom Türkenjoch gemacht hat. Es dürste nur wenige Städte geben, die ihr Bild in drei kurzen Jahrzehnten so von Grund auf geändert haben, als Sofia. Als Fürst Alexander I. im Jahre 1880 seinen Einzug hielt, war es nichts als ein großes Türkendorf, das durch und durch einen jämmerlichen und verwahrlosten Eindruck machte, mit vielen Hütten und Löchern zwischen niedrigen Häu­sern, mit grundlosen Wegen und unter Gebüsche bei« \ steckte Brunnen, in die noch manch unvorsichtiger ; Fußgänger nach Einbruch der Dunkelheit gestürzt und elend umgekommen sein mag. Heute ist Sofia eine moderne Mittelstadt, mit breiten, sauberen Straßen, mit Wasserleitung und Kanalisation, mit elektrischem Licht und elektrischen Bahnen. Im gan­zen genommen macht die Stadt einen etwas nüch­ternen Eindruck; man sieht, daß es den Bulgaren bis­her an Zeit, vielleicht auch an Geschmack gefehlt hat, ihre Hauptstadt mit künstlerischen Bauten zu schmücken. Beachtenswert ist das Denkmal, das dem Zarbcfreier, Kaiser Alexander II. von Rußland, er­richtet worden ist. Das Denkmal, ein Werk des ita­lienischen Bildhauers Zocci, stellt den Herrscher hoch zu Roß dar, in der Rechten das Befreiungsmanifest haltend, während lebhaft bewegte Gruppen russischer und bulgarischer Kämpfer den Sockel umgeben. Recht sehenswert ist auch der zoologische Garten, der eine sehr wertvolle Sammlung exotischer Vögel enthält. Von den älteren Bauwerken ist die Banja caschi» Moschee noch erhalten, die einzige Moschee, die man den Türken zur Ausübung ihres Kultus belassen hat. Auf dem Platz davor spielen sich die Wochenmärkte ab, wo man die beste Gelegenheit hat, die verschie­denen Volkstrachten und -Typen zu studieren. Ein ohrenbetäubender Länn herrscht während dieser Markttage in der Stadt. Ein jeder, der etwas zu verkaufen hat, sucht dies in möglichst lauten Tönen dem ganzen Viertel kund zu tun. Neben Bulgaren, in ihrer bunten nationalen Tracht, sieht man Alba­nesen und Türken, Serben und Montenegriner in ihrer charakteristischen Kleidung; dazwischen die mit grellfarbigen Lumpen bedeckten braunen Körper der Zigeuner. Sie betvohnen, ebenso wie in den anderen bulgarischen Sädten, eir besonderes Viertel, dessen bewegtes Straßenlebcn daran erinnert, daß man sich im Orient befindet. Hübsch ist die Nationaltracht der bulgarischen Mädchen. Sie tragen helle, reich gestickte Gewänder und eine, ebenfalls mit vielen Stickereien versehene Doppelschürze, die vorn und hinten gehängt wird. Das in langherabfallendcn Zöpfen geflochtene Haar ist von oben bis unten mit blauen, roten und grünen Bändern und Schnüren durchwirkt, an denen kleine Silbermünzen hängen, die beim Gang leicht widerklingen. Leider findet man diese Tracht nur noch auf dem Lande, während das Stadtleben ganz unter der Herrschaft der europäischen Kleidung steht. Die bulgarischen Bauern tragen einen weiten Schafspelz, dessen Wolle im Sommer nach außen gekehrt wird und unter dem man das grobe, aber mit Stickereien verzierte Wams erblickt. Ein eigenartiges Straßenbild bieten die Ochsenge­spanne, hochbeladene, hölzerne Wagen mit mächtigen klobigen Holzrädern, die von schwarzen Wasserbüffeln mit gewaltigen Hörnern gezogen werden, während die Beütier auf kleinen zottigen Pferden nebenher traben. Es sind vorsintflutliche Fahrzeuge, die die bulgarischen Bauern benutzen.

Ueberhaupt liegt die Technik der Landwirtschaft im allgemeinen noch sehr im argen. Die Ackerbaugeräte sind von naturwüchsiger Ursprünglichkeit. Es ist durchweg der alte Hackenpflug, den sich die Leute selbst unfertigen, im Gebrauch. Interessant ist die Art des Getreidedreschens. Man benutzt hierzu einen soge­nannten Dreschschlitten, der vollständig mit den schon im alten Aegypten und Babylonien üblichen Geräten übereinstimmt. Der Schlitten besteht aus einem IVi Meter langen und % Meter breiten dicken Brett, das vorn etwas hoch gebogen und auf der Unterseite mit Flintstein oder Eiscnstücken beschlagen ist. Es wird dann durch größere Steine beschwert und über das auf einer im Freien befindlichen festgestampften Tenne ausgebreitete Getreide so lange hinweggefah­ren, bis alle Körner ausgeauetscht und die Halme zu Häcksel zerschnitten sind. Das Getreide wird dann gegen den Wind geworfen und so von dem Häcksel und der Spreu gereinigt. Daß diese Art des Gc- treidedreschens besonders rationell ist, wird man nicht behaupten können.

Das sind noch so Uebcrbleibsel aus der alten Zeit. Im allgemeinen kann man aber sagen, daß Bulgarien immer dabei ist, gründlich mit den Ueberlieferungen früherer Epochen aufzuräumen und energisch an der Arbeit ist, den Staat gegen alle Stürme zu schützen. Als die beiden wichtigsten Bollwerke gegen die Wie­

derkehr früherer Zeiten sicht man mit Recht Schule und Heer an. Beide erfreuen sich denn auch der größ­ten Aufmerksamkeit leitender Kreise. Daneben geht eine planvolle Rührigkeit, das Land wirtschaftlich zu heben und seinen reichen Erträgnissen einen steigen­den Absatz zu schassen. Bei der bekannten Nüchtern­heit und Fleiß und der Sparsamkeit des Bulgaren geht das Land einer zukunftreichen Zeit entgegen. Ten von tiefster Vaterlandsliebe, von der Freude an der Scholle und dem Stolz auf bedeutsame ge­schichtliche Taten erfüllten Bulgarentum dürfte jeden­falls eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Rolle am Balkan Vorbehalten sein.

Die Herkunft der Albanesen.

(Von Tr. Oswald Menghin-Wien.)

Die gegenwärtigen Balkanwirren haben das Volk der Albanesen in den Vordergrund des allgemeinen Interesses gerückt. Man liest gegenwärtig gar, vieles über Geschichte, Kultur und Lebensverhältnisse die­ser merkwürdigen Gebirgsstämme, die sich so nahe den Hauptstätten europäischer Gesittung durch die Jahrhunderte hindurch in fast urgeschichtlichen Zu­ständen erhalten haben. Die wenigsten Zeitungslcscr aber dürften sich darüber Rechenschaft geben können, woher dieses kurz als >,isoliert dastehend" bezeichnete Volk eigentlich stammt, wann es zum ersteumale auf­tritt und welche Stellung in der indogermanischen Völkerfamilie cs einnimmt. Allerdings sind dies Fragen, die zu den fchwierigften der Stainmcsfor- fchung in Europa gehören. Allein desto höher ist das Interesse, das ihnen zukommt. Es sei hier daher versucht, das wichtigste von dem, was die gelehrte Forschung gefunden, in gemcinverständlicher Form auseinander zu fetzen.

Am meisten Auskunft über die Herkunft eines Volkes gibt, wenn die geschriebenen "Quellen ver­sagen, seine Sprache. Die vielen slawischen, roma­nischen, griechischen und türkischen Bestandteile, welche die Sprache der Albanesen int Laufe der geschichtlichen Zeit ausgenommen hat, lassen sich nun ja leichter oder schwerer feststellen und ausscheiden. Aber der restliche Eigenbestand der Sprache bietet einer weite­ren Zurückführung die größten Schwierigkeiten. Ge­sichert erscheint, daß wir es mit einem Zweige des indogermanischen Sprachstammes zu, tun haben. Darüber hinaus lassen sich nur noch auf dem Wege verwickelter philologischer Untersuchungen einigermaßen haltbare Ergebnisse gewinnen. Um zu diesen Dingen einiges Verständnis anzubahnen, ist es notwendig, hier etwas weiter auszuholen.

Die indogermanischen Sprachen zerfallen bekannt­lich in zwei große Gruppen: in das o st - und in das w e st i n d o g e r m a n i s ch e. Dem ersteren gehörten von den alten indogermanischen Sprachen das Judo- iranische, das Armenische, das Thrazische, das Sla­wische und das Litauische, dem letzteren das Germa­nische, das Keltische, das Griechische, das Italienische und das Jllyrische an. Wo int Indischen ein Zwi­schenlaut gesprochen wird, tritt int Lateinischen eilt K ein und ebenso für das Jndiscke S int Lateini­schen das qu. Typische Beispiele hierfür sind Worte ioie: centum. (lat: hundert, gesprochen kentum und säten, iranisch: hundert). Man sagt daher auch Centum- und Saten-Sprachen. Diese Merkmale sind für den Sprachforscher schon deshalb von größ­ter" Wichtigkeit, weil sie ihm erlauben, jede indoger­manische Sprache, deren Herkunft nicht genügend auf­gehellt ist, wenigstens in dieser Hinsicht der einen oder anderen Gruppe znzuweisen, wenn der überlieferte Wörterstamm halbwegs einen Beleg dafür enthält. Es erweist sich nun, daß das Albanesische den Salenspra- chen, also der o st indogermanischen Gruppe angehört, eine Erkenntnis, die ans folgenden Gründen von größter Bedeutung ist. Man hat früher nicht daran gezweifelt, daß die Albanesen und damit ihre Sprache die direkte Nachkommenschaft der alten ausgestorbenen Illyrier seien. Tatsächlich haben in jenen Ge­bieten, wo heute die Albanesen in ihrer Hauptmasse wohnen, im Altertum Illyrier gewohnt und wir wis­sen nichts davon, daß sie ihre Wohnplätze verlassen hätten. Im Gegenteil, man kann nicht daran ;wei- fefrt daß sie sie behalten haben und beute noch illyri- jd'ci Element in den Bewohnern Albaniens steckt. Nun erhebt aber die Sprachwissenschaft ein Bedenken, das sich nicht ohne weiteres von der Hand weisen läßt. Was wir bislang an illyrischen Sprcichdenk- mälerp besitzen, zeigt, daß wir im Illyrischen keine Saienspracbe, sondern eine Centumssprachc vor uns haben und damit ist eine Kluft zwischen der illyrischen und albancsischen Sprache aufgerisfen, die der An­nahme einer direkten Abhängigkeit des einen vom andern wohl jede Möglichkeit benimmt. Denn an eilte Spaltung des illyrischen Volkes zu denken, wäre doch etwas zu gewagt. Wir müssen daher unsere Blicke anderswohin lenken. Die Nachbarn der Illy­rier im Osten wären die Thraker, ein Volk, das Herodot das zahlreichste nach den Indern nennt.

. . . Die Thraker sind als Stamm cheute ausge-

siorben: ihr Blut aber lebt vor allem in Rumänien fort. Als Satem-Sprache aber kann nur das Alba- ncsifchr, nachdem ein anderes Satem-Volk in der Nähe nicht vorhanden war, mit den Thrakischen in Bezie­hung gesetzt werden. Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß tatsächlich ein Zusammenhang zwi­schen diesen beiden Sprachen besteht. Was an Ver­schiedenheiten sich ergibt, läßt sich leicht durch die illhrische Grundlage, auf die das Thraktische. hier ge- pftanzt wurde, erklären. Auch die llebcreinstimmun-- gen. die da wirkncy vorhanden sind, muß man darauf zurückführen. Tie Erforschung des Albancsischen und teilweise auch des Illyrischen, von dem wir leider nur den asiatischen Zweig, das Phrygische, besser kennen, ist aber noch zu wenig vorgeschritten, als daß ein abschließendes Urteil schon möglich wäre. Was sich aber bisher ergeben hat, macht wahrscheinlich, daß die altillyrischcn Bewohner Albaniens, denen wohl noch eine früheste Urbevölkerung beigemischt war, ihrakti- fiert wurden und diese Thrako-Jllyrier den Grundstoff der heutigen Albanesen bilden. Wir hät­ten dann hier einen ähnlichen Fall wie bei den Basken und Kaukasus-Völkern vor uns, die durch die Lage ihrer Wohnsitze in schwer zugänglichen Gebirgsgegen­den ihr angestammtes Volkstum durch alle Nöte der Zeit bis auf den heutigen Tag zu bewahren ver­mochten.

= Moderne KrcMernleitrmgerr und ihre Gefahren.

Selbstverständlich sind bei Fernleitungen, mögen sie nun Gas oder Elektrizität betreffen, Gefahren nicht ganz vermeiden. Es hat sich jedoch in der Praxis gezeigt, daß die Gefahren sowohl für Flora und Fauna wie auch für die Menschen bei elektrischen Leitungen ganz ungleich größer sind, als bei Gasfern­leitungen.

Ans Grund sorgfältiger Erhebungen bei Gaswer­ken, welche Fernleitungen haben, ergab sich bisher, daß die Undichtigkeit der Gasfernleitungen infolge von Erdbewegungen praktisch nur äußerst selten zu Schädigungen" geführt hat. Der intensiv; Gasgeruch ist für Menschen und Tiere rechtzeitig ein Warnungs- signal, während der Baumwuchs, wie eine ganze Reihe experimenteller Versuche nachgewiesen hat, durch kleinere Gasausströmungen überhaupt nicht beeinflußt wird. Hingegen habm sich die Fernlei­tungen für hochgespannten elektrischen Strom insbe­sondere für die Bvgclwclt als sehr Verhängnis« voll -erwiesen. — Der Landesverband sächsischer Tierschutzvereine, d:r sich mit dieser Frage ausführlich beschäftigt hat, weist darauf hin, daß insbesondere die an den Hochspannungsleitungen angebrachten Zugbügel verhängnisvoll werden, weil die Vögel sich gern auf die Leitungsdrähte setzm, nach dem Bügel picken und so Kurzschluß Herstellen. Der genannte Verein bringt weiter eine geradezu überraschend; Fülle von Material aus fast allen Gegenden Deutsch­lands, wonach Tausende von Vögeln jahraus jahrein der hochgespannten Elektrizität znm Opfer fallen. Was soll man dazu sagen, wenn, wie festg:- stellt, auf einer Strecke von 1000 bis 1500 Meter Länge 16 Turmfalken 3 Bussarde, 3 verschiedene Eulen, 2 Stare und ein halbes Dutzend andere Vögel und in einem zweiten Falle 8 Turmfalken, 4 Schleier- Eulen, 2 Sumpsrvhr-Culen, 2 Bussarde, viele Doh­len und eine große Menge Stare unterhalb einer Hochspannungsleitung tot aufgefunden wurden! Es muß de,bei noch berücksichtigt werden, daß die Raub­vögel die Leitungsprodukte bereits als gute Beute­plätze kennen und die durch den Strom getöteten Vögel verschleppen. Es unterliegt Wohl keinem Zweifel, daß wenn die Verhältnisse nicht geändert werden, unsere schon so wie so schwer gefährdete Vvgelwelt (man denke nur an das massenweise Hin- mordcn unserer Zugvögel durch die Italiener) durch die Leberlandzentralen der Vernichtung zugeführt wird.

Daß die 'elektrischen Ueberland-Zentralen aber auch für M e n s ch e n gefährlich sind, dafür bringt die Presse fast täglich Belege. Immer wieder wird von Unfällen berichtet, die durch hochgespannte Elek­trizität verursacht wurden. Auch die Entwickelung der modernen Luftschifsahrt leidet in der empfindlichsten Weise unter den Starkstromleitungen. In Luft- schifferkreifen ist man sich über dies: Gefahr bereits längst im Klaren; so ist z. B. der Hamburger Ver­ein bei der Regierung um Abhilfe vorstellig gewor­den Namentlich landenden Luftfahrzeugen werden diese Starkstromleitungen überaus gefährlich. Schleif- fahrten von Ballons, wie man sie bei Sturm ober Nacht machen muß, sind durch die Hochspannungslei- tungsdrähte unmöglich geworden, und die Ballon- rciienbcit schweben in staubiger Lebensgefahr, ba er­fahrungsgemäß bereits das nasse Schlepptau bei der Berührung mit einem Hochspannungsdraht eine Blitzwirkung auf di: Insassen des Ballons ausübt.

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