Einzelbild herunterladen
 

srm«nn tat i<< wä ibtrnahme ber $o.m« Mä6 Feiertage vlertel- jgbrlidtexBesMPtprels ohne vriuarrtoh« un6

wie auswärts 1.50 lUt

»erantw. Redakteun Larl«ch«tte» für die Anzeigen;

I.parzrLel in Fulda.

h

D

Q.^1

El

fciytTgt«: ver

itntr eins».Colone!, zeile, 47 mm breit, loj!et!5pfj Rtflamee: t:r ßicrt einer Co!«* re’itl'f, 7$ mm breit h’tti 4J Pig. vriwif derha unzrn Rabatt; Süroged-n HustunfN' cnjelßen 23 psg. extr»

RotafloBSlrel n. Verlag der telbe* Lkiiendiuckerei t FuldG

Fernsprecher Br. H

39, Jahrgang

Fulda, Dienstag den 12. November 1912.

Erstes Blatt

j* 260.

beten mit gräßlich entstelltem Gesicht eine Kugel. 1 Geschoß war ihm in den Munb gegangen, hatte Zähne zerschmettert und war im Gaumen stecke« blieben. »Sehen Sie diese Kugel hier, sie Par aus einem Mannlicher Gewehr und ist nid# ein

breitgeschlagen. Wäre eS eine Bleikugel gewesen, ä hätte sie sich am Kiefer breit geschlagen und schreck liche Verwüstungen angerichtet. Aber ich kann Ihne, noch Hübscheres zeigen. Sie sehen ben Mann da, bai die Zigarette im Munde, eine Zeitung liest k Er ha einen Schutz durch den Rücken erhalten. Da» Ges hat den ganzen Körper durchschlagen und ist cm Schulter herausgetreten, um bann seinen Weg ben Arm zu nehmen. In vierzehn Tagen werd Mann toieber hergestellt unb völlig diensttauglich sei«. Entmutigendere Bilder als dort entrollten sich bei dem Besuch deS Hospitals von Haidar-Pascha. habe durch Vermittlung deS Dolmetscher» fast mit dortigen Verwundeten gesprochen und erhielt auf m Frage, wo sie verwundet wurden, von allen die g lautende Antwort: .Bei Kirkilisse.' Fast alle siiw Geschossen aus Flinten oder Maschinengewehren troffen, nicht einer von einem Sprengstück einer G«aj nate. »Das kommt daher/ belehrte mich ein düste« dreinschauender Offizier, »daß die Granatsplitter few len verwunden, sondern fast ausnahmsweise tiHeit/ Auf meine Frage: .Haben Sie sehr gelitten?" erhielt ich überwiegend den Bescheid: .Ja, aber weder ooM unseren Wunden, noch von der Anstrengung, noch muff von der Kälte, sondern einzig unb allein vom Hunger. , »Das stimmt,' mischte sich eine der Schwestern in* Gespräch, „Ekrnek! Ekrnek! (Brot! Brot!) Sie führen nur das eine Wort im Munde. Und wenn ich ihnen! das Thermometer anlege, um die Temperatur zu mefJ sen, sagen sie mir stets: .Ein Stück Brot wäre tm® lieber!' Während wir so plauderten, zog draußen" ein Trupp Rekruten vorüber, die sich auf den Marsch» nach dem Kriegsschauplätze befanden. Alle Verwund«, ten hatten sich im Bette aufgerichtet und starrten mit fieberglänzenden Augen auf das große Fenster, vor dem die Kameraden defilierten, um dahin zu eilen, wo, her sie kamen. „Möchten Sie wieder dahin zurück» kehren?' fragte ich. Es waren alles Riefenkerle au» Kleinasien mit bleichen, von struppigen schwarzen Bär­ten umrahmten Gesichtern. .O ja,' antworteten sie, .um Rache zu nehmen!'

teilt, und es hängt lediglich von Rußland ab, ob e» zu einem großen Konflikt kommt. Man glaubt aber nicht, daß Rußland die Dinge auf die äußerste Spitze treiben wird.

Wiedereroberung Nodosios durch dir Türken.

Die Türken haben von den Italienern, die ihre Truppenlandungen in Tripolis unter dein Schutze der schweren Schiffsgeschütze vornahmen, gelernt; sie haben unter dem Schutze der Schiffsgeschütze Ao» dosto wieder besetzt.

* Konstantinopel, 11. Nov. 1912. Wie der Rom» Mandant der türkischen Flotte meldet, hat die Flotte durch ihr Geschützfeuer eine bulgarische Batterie an der Küste von Rodosto vernichtet. — Nach Zet- tuugsmeldungen hatten die Bulgaren vorgestern 9ti« dosto besetzt. Der Kreuzer .Messudije' erhielt darauf den Befehl, Rodosto zu bombardieren unb die Landung von 3000 Mann, die auf zwei Trrusport- fduffen herangeschafft worden waren, zu erleichtern. Die Landung erfolgte gestern, worauf die Bulgaren die Stadt räumten, die von den Türken wieder besetzt wurde.

Der Panzer „Meffudije", der den Auftrag er» hielt, dir Landung von 3000 Mann zu ermöglichen, ist ein alles Schiff auS dem Jadre 1874 mit 9250 Tonnen Wasserverdrängung. Trotzdem sind die zwei 24 Zentimeter-Geschütze und die zwölf 15 Zenti« meter-Gefchütze naturgemäß der bulgarischen Ar­tillerie weitaus überlegen, so daß der Erfolg von vornherein gewährleistet schien. Ueberhaupt kann die türkische Flotte den Bulgaren an der Tscha- taldscha-Linie viel zu schaffen machen.

* Adrianopel

hält sich weiter, ja eS wird sogar wieder von Ausfällen bet Türken berichtet. Für die Bulgaren erhöhen sich dadurch die Schwierigkeiten ^Ir den Angriff auf die Tschataldscha-Linie, da die S3eri>u.^tng mit der Heimat immer noch weiter auf die schlechten Landwege ange- wiefen ist.

W Sofia, 11. Nov. 1912. Wie da» Blatt „Mir' erfährt, versuchten die Türken gestern nacht 10% Uhr von Ekuekschiköj aus gegen die Rordwestfront einen Ausfall, wurden aber durch mörderisches Artillerie­feuer der Bulgaren zurückgetrieben, wodurch st« ernste Verluste erlitten.

Das Schicksal Konstantinopels.

Di: unglaubliche Sorglosigkeit der türkischen Re- grrrung hat die Tschataldscha-Werke, die man für uneinnehmbar halten kann, wenn ihre An- läge ordnungsgemäß durchgeführt ist, verfallen las­sen. Alle militärischen Kriegsberichterstatter, die | tn den letzten Tagen die Werke ösichtigten, sind sich darüber einig. Die Werke mute. , so melden diese Berichterstatter, wie Befestigungen aus dem Mittel- alter an Eingefallene Kasematten auf den Hügeln, vor deren Front durch tief eingesi' nittene Schluchten die Natur wirkungsvolle Fronihindernifle schuf. Und d:r Schlendrian, der nicht einmal in der drohenden und dringend:» Gefahr energischer Tatkraft weichen will, dauert fort. Wie Major Hwenaer dem „Berl. Tgbl." am 6. November schrieb, lag an diesem Tage noch hinter der Front der Stacheldraht, der längst schon vor den Jnfanterielinien hätte gespannt sein soll:», um unter seinem wirkungsvollen Schutz die anstürmenden bulgarischen Truppen zerschmet­tern zu können. Auch das Kanonenmaterial soll durchweg schlecht sein. Die Türkei hat den Krieg durch die unzulänglichen Maßnahmen verloren, mst denen sie den Munitions- und dm Proviantersatz leitete. Man kann hungernden Mannschaften und Kanonieren, die ohne Munitton den Feinden gegen- überstehen, nicht den Borwurf der Feigheit machen, wmn sie flüchten. Und es ist anzunehmen, auch heute in der Stunde der höchsten Gefahr, werden die Türken nicht mehr die moralische und organisato­rische Kraft haben, die Mängel zu beseittgen. Höchst- wabrscheinlich wird die bevorstehende Schlacht von Tschataldscha ebenso ungünstig sür die Osmanen auslaufen, tote die Kämpf: bei Ktrkiliffe und die bei Lüleburgas.

* Berlin, 11. Nov. 1912. Bon der Tschatald- scha-Linie liegt zur Stunde nichts Reue- vor. Daß sie von den Bulgaren genommen toerden wird, bezweifelt niemand mehr und an Stellen, wo man üb:r Bulgariens Absichten unterrich- tet sein kann, zweifelt man nicht, daß die Bulgare» in Konstantinopel einziehen und dort bleibe» werden, in der sicheren Erwartung, daß keine Groß­macht zu den Mitteln greifen wird, durch die allein die bulgarische Armee zur Rückgabe Konstantinopel» gezwungen werden könnte.

♦ Konstantinopel, 11. Nov. 1912. Aus Konstan­tinopel kommen neue Alarmgerüchte. Die Borstadt S a l a p a soll in Flammen stehen. In der Hauptstadt soll eine Christenmetzelei begon­nen haben. Außer de» Frenrden fliehe» zahlreiche Türken Biele Türken'erkläre», ihre Glaubensgenos­sen würden die Hagia Sofia zerstören, ehe die Bul- garen einrücken. Unter den türkisch:» Truppen in der Tschataldschalinie soll die Cholera ausgebro­chen sein. Die Truppen daselbst s:ie», heißt es, zu keinem Borstoß mehr zu bewegen, sondern suchen den Rückzug nach Konstantinopä zu gewinnen, wo bereits Züge mit flüchtenden Soldaten und Offizie­ren eintrafeu.

• Der serbische Vormarsch zur Abria.

W Belgrad, 11. Nov. 1912. Privaten Meldungen ans Uesküb zufolge sind bie Vortruppen der dritten serbischen Armee bis an bie Küste der Adria vor- gedrungen. Eine serbische Abteilung traf an der Mün. düng des MatiflusseS südlich von Aleessio mit man- tenegrimschen Truppen zusammen und rückte die Meeresküste entlang gegen D u r a z z o vor. Eine zweite serbische Kolonne marschierte durch das Drintal durch unwegsames Gelände geradewegs auf Duraz- z o , ohne auf bewaffneten Widersttnd zu stoßen. In- folge deS meterhohen Schnees rückt sie jedoch nur sehr langsam vorwärts. In längstens zwei Tagen wird das Eintreffen der serbischen Truppen in Durazzo er- wartet. — Wie nachträglich amtliche Berichte melden, wurde Dorijan (am Dorijan-See nördlich von Salo-

K Ist die Lage kritisch?

Der Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdi- n a n d von Oesterreich kommt nach Berlin, — um an den Hofjagden in Springe am 22. und 23. November teilzunehmeu, wie das halbamtliche Wolfs sche Büro sich ausdrückt. Diese Ztoeckbestim- nnmo schließt natürlich nicht ans, daß der tatkräftige E'-b" *>cr Habsburgischen Krone mit unferm Kaiser unb den leitende» Ministern die brennende Bal- -0 M fe n 9 e. bespricht. Man kann sogar annehmen, oaß die Politische Besprechung der Hauptzweck oer Reise ist, denn um des bloßen Jagdsportes wil­len hätte der Erzherzog unter d:n gegenwärttgen <T nie» Verhältnissen schwerlich sei» Land ver­laße».

Ist es nun gerechtfertigt, deshalb schon von einer kritischen Lage zu sprechen? Man sollte daS Wort Krisis, das weithin beunruhigend wirkt, nicht so leichthin gebrauch:». Wen» wirklich die Lage kritisch wäre und ein Konflikt auf des Meffe-s Schneide stände, so würde eine so wichttge Zusam­menkunft nicht bis auf den 22. November verschoben worden sein.

Gegen die kritische Zuspitzung spricht auch di: Reise des bulgar. Sobranjepräsidenten Sattem an das Hoflager des Kaisers von Oesterreich Herr Da»:to kam als Bertrauensmann des bulga- rifdtcn Königs und nach einer Besprechung mit dem König von Serbien. Seine Anwesenheit zeigt, daß die Balkanstaaten mit Oesterreich verhan­deln wollen, und das ist intmerhin ein gutes Zei­chen, da bisher die kriegführenden Staaten die Ge­wohnheit hatten, einfach vollendete Tatsachen zu schaffen, ohne sich um die Diplomatie der Groß­mächte zu kümmern. Di: öffentliche und bestimutte Erklärung, die nach der Abreise d:s ftalienischen Ministers San Giuliano verbreitet wurde, daß Italien und Deutschland geschlossen hinter den österreichische» Fordern n- ten stehen, hat offenbar einen heilsamen Eiu- ruck gemacht.

Prentzischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 11. November 1912.

Zunächst wird der Gesetzentwurf zur Berichtigung oes Gesetzes vom 3. Juli 1912 betr. Abänderung des 7. Titels im Allgemeinen Berggesetz ohne Debatte in dritter Beratung angenommen.

ES folgt die dritte Beratung des Gesetzentwurfs betreffend

Anlegung von Spariaffengelbern in Jnhaberpapicren.

Dazu liegt ein Antrag Faßbender und Reinhard (Z.) vor, die dritte Lesung des Gesetzes solange von der Tagesordnung abzusetzen, bis die Kommission, welche den Antrag Waldstein (Fortschr. ®P-) über die Kursverluste der Sparkassen durch Erwerb von Staatspapieren berät, ihre Beratungen beendet ^Nach längerer Debatte, in der einige Abgeordnete zum Ausdruck bringen, daß sie dem Antrag Waldstein zwar freundlich gegenüberstehen, aber ihn mit der ge­schäftlichen Behandlung des Gesetzes mcht verbunden wissen wallen, andere sich für den Antrag erklären, wird der Antrag in namentlicher Abstimmung mit 176 gegen 121 Stimmen abgelehnt.

Zum § 1 deS Gesetzentwurfs liegt ein Antrag HauS- inann (natL) unb Fatzbenber (Z.) vor, wonach Sie öffentliÄen Sparkassen von ihrem verzinslich an. grienten Vermögen einen Minbe st betrag von 2 0 Proz. in mündelsicheren Schuldverschreibungen xuf den Inhaber anzulegen haben, anstatt 15 bis 25 Proz. nach den Beschlüssen der zweiten Lesung.

Die Abgg. HnuSmann (natl.) unb Faßbender (Z.) befürworten die Annahme ihres Antrages.

Abg. Arend (Freikons.): Von einer Hebung des Kurse» der Reichs, und StaatSpapiere durch das Ge- setz kann keine Rede sein. Dagegen wird es eine Schwächung des städttschen Realkredits herbeiführen.

Abg. Waldstein (Fortschr. Vp.): Bei diesem Gesetz tritt deutlich zutage, daß sich der Staat für berchtigt hält, in die GefchäftSgebahrung nichtstaatlicher Unter­nehmen einzugreifen. Die Kriegssicherheit wird durch das Gesetz nicht beeinflußt.

Nach weiterer unerheblicher Debatte begründet Abg. Reinhard (Z.) seinen Antrag, wonach die Sparkassen, abgesehen von ihrem verzinslich angelegten Vermögen 15 bi» 20 Proz. in mündelsicheren Inhaberpapieren an. julegen haben, wenn die Grundstücksbeleihungen sich auch auf die Provinz, in der der Garantieverband ge­legen ist, erstrecken.

Abg. HauSmann (natl.) tritt nochmals für seinen in Gemeinschaft mit dem Abg. Faßbender gestellten r ag ein.

Nach unwesentlicher weiterer Debatte werden beide Anträge abgelehnt und § 1 nach den Beschlüssen der zweiten Lesung angenommen.

Die § 2 und 3 werden ohne Debatte angenommen. Desgleichen gelangen zur Annahme die §§ 4, 5, 6 und 7 und zwar unter etlicher hierzu gestellter Abänderungs­anträge. Nachdem § 8 debatteloS zur Annahme ge« la-gt war, wird über das Gesetz im Ganzen ab» gestimmt und mit großer MajoritA angenommen.

ES folgt der Antrag Hammer betr. die WarenhanS- 8 en et.

Nach Begründung deS Antrages durch den Abg. Hammer (f.) bemerkt

Abg. Trimborn (Z.): Trotz der Warenhaussteuer ist die Entwickelung des Warenhauswesens noch nicht an ihrem Ende angekommen. Die hemmende Wirkung der Steuer darf jedoch nicht zur Erdrosselung führen und fo bin ich der Meinung, den Gesamtumsatz als Grund­lage ter Steuer zu nehmen. Der Mittelstand ersieht daran«, tote sehr dieses Haus Verständnis für feine Nöte hat. et mag aber auch ben Weg her Selbsthilfe weiter beschreiten.

Ein RegiernngSverireter ertoibert, eS gehe nicht an, i einer ErbroffelungSsteuer zu greifen. Noch höhere Sätze könne bie Steuerverwaltung nicht mehr recht- fertigen. Etwas anberes sei e5, ob man nicht bie Ge­meinden für eine höhere Besteuerung der Warenhäuser interessieren solle.

Nach weiterer unerheblicher Debatte wird bet An­trag angenommen.

""'"wach: Waffergeseh.

Wenn ehrlich verhandelt wird, fo darf man immer noch auf einen friedlichen Ausgleich hoffen. Oesterreich hat ja bisher schon gegeigt, daß es der neuen Lage, die durch die Siege der Balkanstaaten geschaffen ist, in freundnachbarlicher Weis: Rech­nung tragen und den Siegern alles gönnen will, toas nicht geradezu mit den wirtschaftlichen oder politischen Interessen des Habsburgischen Reiches in unerträglichem Widerspruch steht. Die Balkan- staatcn haben sich so große Errungenschaften ge­sichert, daß sie für absehbare Zeit „gesättigt" sein könnerr auch wenn sie Albanien als unabhän­giges Land von eigener Nationalität neben sich be­stehen laffen und von einem serbischen Hafen am adriatischen Meer absehen. Für die Verbindung des vergrößerten Serbien mit dem Meere läßt sich wohl eine andere, befriedigende Form vereinbaren, zugleich mit der Sicherung des österreichi- scheu Handelsweges nach dem Osten. Die Begehr­lichkeit der Serben ist ja natürlich durch ihre über- raschenden Erfolge sehr hoch ins Kraut geschaffen; aber es scheint doch, daß der ftaatsllug: bulgarische Verbündete auch bei ihnen bie Weisheitsregel zur Geltung bringen toird: man soll das Erreichte nicht dadurch gefährden, daß man sich auf eine uner­reichbare Duftige verbeißt.

Denjenigen Forderungen, hinter denen der ganze Dreibund steht, würde Serbien nur dann Trotz bieten können, wenn es die Gewißheit hätte, daß Rußland, England und Frankreich für das Gegenteil vom Leder ziehen wurden. Dafür sprechen aber bisher keine Anzeichen. Rußland hält sich zurück und das ist nicht bloß dem gegen­wärtigen Minister Ssasonow zu verdanken, sondern auch der anwachsenden Eifersucht Rußlands auf die übermäßigen Erfolge der Balkanmächte. Der englische Premierminister hat, wie erinner­lich, foc6en ein: Rede gehalten, die man als höchst friedlich einschätzen muß, wen» man auch in der Schätzung der englischen Staatsberedsamkeit sehr vorsichtig ist. Daß Frankreich ein Jntereffe an einem europäischen Krach und Krieg wegen des Adriahafens hätte, ist erst recht nicht anzunehmen. Frankreich wird vielmehr jetzt ebenso auf Ruhe und Frieden hinwirken, wie vor vier Jahren in der Kri­sis, die infolge der bosnisch«! Annexion entstand.

Alles in allem genommen, haben die fried­lichen Tendenzen in Europa zur Zeit entschiedenes Uebergewicht, und zwar ein noch stärkeres Hebet» gewicht, als zur Zeit der Rundreise Jswolskvs. Darum wollen wir uns nicht bange mach:« laffen und nicht selbst bange machen. Die Lage ist freilich ernst, aber kritisch kann man sie «och nicht nennen.

Berkorene Schlachten. — Tie Europäers!ucht.

J Konstantinopel, 8. Nov. 1912. .Das KricgSgM ist schwankenb, üheran unb stets zu siegen, ist nicht immer möglich.' Mit biesen schicksalsschweren Worte« leitet bie türkische Regierung bie Mitteilung ein, rntt bet sie bet Bevölkerung bie Nachricht vorn Rückzug ber tsiWsischen Armee auf die b itte unb letzte Bettei« bigungslinie nach Tschatalbscha unterbreitet.

Seit ben Ereignissen von Kirkilisse hatte bie Re­gierung geschwiegen. Nur einmal würbe ber Sieg be» tapferen Maksmub Mukhtar bei Wisa gemeldet. Seit­dem war sie stumm geblieben, unb bei ber Bevölkerung der Hauptstadt machte sich immer mehr die bange Ahnung bemerkbar, die bem Ausgang bes sechstägige« Schlachtens in bet thrazischen Ebene nicht besonder» zuversichtlich zusah. Kiriilisse hat ben Glauben be» türkischen Volkes an bie große unb starke Armee ge­brochen.

Daß mit ben Nachrichten vom Rückzug der Türke« dunkle Wolken über bie Hauptstabt gezogen sinb, ist nicht verwunberlich. Kein Sonnenstrahl erhellt bie trüben Tage. Zu Haufen treffen die Verwun­deten hier ein: ausgehungerte Menschen. Schlafs hängt ihnen die Saut am Gesicht: bie Wangen dies« zähen Menschen sinb eingefallen: sie schreien nach Brot unb Wasser. Die Schulen unb Spitäler sine überfüllt. Jeder neue Tag sieht auf ein großeH

♦ Budapest, 11. Nov. 1912. Der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand begibt sich schon diesen Mittwoch nach Berlin wo et mit dem Kaiser zusammentrifft.

• Budapest, 11. Nov. 1912. Der Thronfolger Erzherzog FranzFerdinand ist heute mo-geit mit den Leitern seiner militärischen Kabinettskanzlei hier eingetroffen und gleich nach seiner Ankunft vom Kaiser von Oesterreich in einstündr- grr Audienz empfangen worden. Gestern erschienen vormittags der Generalstabschef S ch e m u a, nach­mittags Graf Berchtold beim Kaiser; auch der Kriegsminister A n f f e n b e r g ist wieder in Buda­pest eingetroffen. Nachrichten von einer unter dem Vorsitz des Kaisers gestern abend abgehaltenen mili­tärischen Derattmg w:rden als unrichtig bezeichnet. Der Präsident der bulgarischen Sobranje, D a n e w, der in besonderer Sendung des Königs Ferdinand erscheint, wird nachmittags vom Monarchen in be­sonderer Audienz empfangen werd:«.

* Wien, 11. Nov. 1912. lieber die Situation, die heute unter dem Eindruck der Reife deS Thronfolgers nach Budapest, der Bespre­chung zwischen dem Kriegsminffter und dem Mini­ster des Aeußeren schreibt das „Neue Wiener Tag­blatt" auf Grund von Informationen an maßgeben« der Stelle:

Die auSwärttge Situation ist politisch ernst, je­doch nicht kritisch, bie Diplomatie plant für bie nächsten Tage wichtige Schritte. Oesterreich« Ungarn dürfte sich in allernächster Zeit ver­anlaßt sehen, mit Rücksicht auf bie gegenwärtige Situation auf bem Balkan feine Interessen in bet ent. schiedensten Weise geltend zu machen. Der Stand­punkt der Monarchie, der sich in allen Einzelheiten mit dem der übrigen Dreibundmächte deckt, läßt sich in fol­genden Punkten zusammenfafsen: 1. Oesterreich-Un­garn ist verpflichtet, keinerlei Besitzansprüche auf bem Balkan zu stellen, 2. Oesterreich-Ungarn unb bet Drei­bund fordern die staatliche freie Otganisie- rung Albaniens, eventuell als unabhängiges Fürstentum, 3. Oesterreich-Ungarn und der Dreibund fordern Aufklärungen über bie Bestrebungen Ser­biens, betreffend eine Hafen erwerbungm, bet Abria. Der Dreibunb betrachtet ben in Frage körn- menben Teil ber Adriaküste al» albanische» Gebiet und will über die Pläne der Balkanstaaten genau informiert werden. Oesterreich-Ungarn verlangt auch bie Schaf­fung eines klaren unzweibeutigen BerhältnisfeS zwischen Serbien unb bet Monarchie,

• Wien, 11. Nov. 1912. Den hier verbreiteter» Gerüchten über eine sich schon vollziehende M o b i- li f i e r u n g wird an informierten Stellm wider­sprochen. Vor der ShmbcjebuHg tutet derartig:« Maßregel wird no chdas Ergebnis nneS diplo­matischen Schrittes abgewartet werden.

W London, 11. Nov. 1912. Die „Westminster Gazette" schreibt. Wir wünsch«, die Bedeutung ber österreichisch-serbischen Frage nicht zu verkleiner, aber die Idee, daß Oesterreich und Rußland deswegen in einen Konflikt stürzen und die ander:» Mitglieder des Dreibundes nach sich ziehen werde, erscheint uns lächerlich. Oesterreich verhielt sich bisher vollkommen korrekt und geduldig, aber die albanische Frage ist so wichtig für Oester­reich und Italien, daß wir füglich -nicht erwarten können, daß sie d:n serbischen Standpunkt als end- giltig betracht:».

* toten, 11. Nov. 1912. Die Situation wird in diplomatischen Kreisen no chimmer kaltblütig beur­

niki) bereits am 5. November von serbischer Kavallerie eingenommen» 1000 türkische Soldaten sinb babei ge­fangen genommen worden.

W Rjeka, 11. Nov. 1912. Von einem bergan* gnisvollen Irrtum der Türken berichten bie’ Kundschafter folgendes: Als vor einigen Tagen tue»’ kische Abteilungen, die bei Giovanni bi Medua gut; Sicherung bes Grenzüberganges Patrouillen zu postie­ren fichten, im eigenen Rücken Truppen bemerkten, eröffneten sie sofort Feuer, auch mit Maschinengeweh­ren. Beim Näherkommen bemerkten sie, baß sie in* folge bes herrschende» Nebels auf eine türkische Ab­teilung geschossen, von der sie eine Anzahl Soldat«»? töteten unb etirtounbeten.

Eine Ehrenrettung des deutschen GefchntzmaterialS? .

t Sofie, 11. Nov. 1912. In bulgarischen Offiziers-! kreisen erklärt man, daß die Gerüchte, die turli scheut Niederlagen seien auf eine Unterlegenheit ihre? A r» titlcriemater ial8 zurückzuführen, jeder tat«, sächlichen 0iunbtage entbehren. Die Aus­bildung der türkischen Soldaten sei dagegen ganz* lich ungenügend. Auch die bulgarische Srmee verwende im Feldzuge viele Kanonen do« Krupp und größtenteils Kruppsche 2R u n i t i o n# deren Wirkung ausgezeichnet sei. Die eroberten Krupp­schen Kanonen, welche die Türken nicht einmal un­brauchbar zu machen verstanden, bilden eine sehr wert­volle eVrstärkung der bulgarischen Artillerie unb soll« unverzüglich verwendet werden. -~

Bri ben Opfern ber letzten Schlachten.

Stephane Lauzanne, ber Chefredakteur bei tin", schildert die Eindrücke, die er von seinem Bef der Kriegslazarette in Konstantinopel hi genommen, in seinem Blatte folgendermaßen: offiziellen Angaben befinden sich in ben Kon peler Hospitälern bereit» mehr al» 5000 Verwun Begreiflicherweise habe ich bei meinen Besuchen erster Reihe die ber französischen Leitung unte ben Lazarette berücksichtigt. In unserem saubere« tigen Krankenhause in Pera waltet Dr. Sion be 1 körnte, von Schwester Jean ne tatfiäftig un seines Amtes. Er führt mich zu bem Saal, 1 ziell für bie verwundeten Offiziere reserviert ist. ist ein eigenes Ding mit diesen modern«, Kriege«^ erflärte er mir. „Man hat bie ZerstörungSwerkgeag zu einer schier unglaublichen Höhe ber Vollendung ge stattet, und trotzdem richten bestimmte dieser Werk zeuge geringeren Schaden an al» früher. Ja. rrich genug damit, die Kugeln haben heute selbst in ber Wch tung ber Hygiene merkbare Fortschritte zu verzeichne« Sie werden durch die Verbrennung de» Pulver» st stark erhitzt, daß sie aseptisch, vollständig asepttsch tote Den. Wenn sie in den Körper einbringen, führen ft beshalb auch keinerlei Mikroben ein. Unb baxm tote ben sie heute auch aus Stahl hergestellt, bet vor befl Blei unendliche Vorzüge bat Deshalb, Verehrt« können Sie sich gut unb gern eine Kugel in ben ßefl jagen lassen. Wem, sie kein wichtige» LebenSorn« trifft unb Sie in bret Stunden noch nicht tot sind, bei steht für Sie in einem Grade von 95 Prozent die 8u* ficht, in acht Tagen wieder hetgestellt zn lein. Di fehen Sie einmal her.' Dr. be Sacomte nimmt habe von einem Nachttisch neben bem Bett eine» Verwun