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30 259.

Montag U. November 1912.

39. Jahrgang.

* fuldaer w Leitung

2. Blatt.

vrack uni Verlag der Zulbaer Aetle uitudtte in Znlda.

X Das Poftscheckgesetz.

Der Postscheckvcrkehr soll also nach den Erfah­rungen, die in den drei bis vier Kindheilsjahr m gesammelt sind, nunmehr neu geordnet wer­den. Der Gesetzentwurf, der dem Reichstage zu­gegangen ist, soll die grundsätzlich e n Vor­schriften enthalten; der Reichskanzler behält aber ein weitgehendes Verordnungsrecht, er kann sogar mit Zustimmung des Bundesrates die vorgesehenen Gebühren berabsetzen. Diese Möglichkeit darf aber den Reichstag nicht abhalten, die neue Gebühren­ordnung sorgfältig zu prüfen; denn eine Herab­setzung im Verordnungswege ist sehr unwahrschein­lich.

Die vorgeschlagene Reform enthält Rosen und Dornen. Wenigstens ein großer und scharfer Dorn ist dabei nämlich die Steigerung der E i n - zahlungsgebühr ans 10 Pfennig.

Die Regierung verkündet die schöne Absicht, den Kundenkreis der Postscheckämter zu erweitern und auch die breiteren Kreise des Mittelstandes, die kleineren ^Gewerbetreibenden,. .Handwerker und Landwirte für den Anschluß zu gewinnen. Diesem Zwecke diente gewiß die .Herabsetzung der S t a m m- einlage von 100 auf 50 Mark. Je kleiner die Stammeinlage ist, desto leichter ist der Anschluß und desto weniger wird der Mangel an Verzinsung empfunden. Es soll nämlich auch künftig das Gut­haben der Kontoinhaber nicht verzinst werden. Mit dieser Zinslosigkeit kann man sich abfinden, denn wenn die Postkaffe nicht jährlich drei bis vier Millionen aus dem Zinsertrag der Bestände profi­tiert, jo würde sich der billige Tarif für den Post- scheckverkehr gar nicht aufrecht erhalten lassen. Um so weniger, als die Zinsberechnung für all die stets schwankenden Konten eine bedeutende Vermehrung der Beamtenkräfte nötig machen würde. Ber«htigt und zweckmäßig ist ferner die Neuerung, daß die Gebühr für die Einzahlungen mittels Zahl­karten künftig dem Absender des Geldes, nicht wie bisher dem Empfänger zur Last fällt. Die Zahlkarten müssen also frankiert werden. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, da im geschäftlichen Verkehr als Regel gilt, daß der Zah­lungspflichtige die Kosten der llebermittlung trägt; wo anderes ausgemacht oder üblich ist, kann ja dir Zahlkartengebühr vom Betrag gezogen werden.

_ Aus dieser Verschiebung der Portopflicht er­wächst nun aber der Dorn, von dem wir oben sprachen. Die Poswerwaltung fagt sich: Wenn dec Absender die Zahlkarten zu frankieren hak, so em- pfiehlt sich ein glatter E i n h e i ts s a tz für alle Einzahlungen. Bisher wurden 5 Pfennig für je 500 Mark erhoben. Nehmen wir fortan 10 Pfennig ohne Rücksicht auf die Höhe, so gibt das einen hüb­schen Mehrertrag von 2 800 000 Mark jährlich, weil die Zahlungen unter 500 Mark die große Mehrheit bilden. Diesen Mehrertrag können wir benutzen, um die Zuschlaggebühr zu beseitigen!

Das ist des Pudels Kern. Die Zuschlaggebühr wurde bisher von denjenigen Konten erhoben, die mehr als 600 Buchungen zährlich erforderten. Die Zuschlaggebühr war verhältnismäßig hoch (7 Pfen­nig für >ede weitere Buchung), aber sie hatte eine gewisse Berechtigung. Der Zinsverluft auf 100 Mk. Stammeinlage (künftig 50) bedeutet bei einem klei­nen Kunden mit 100—200 Buchung;« einen Ko- stenzuschkag von 2 oder 4 Pfg. auf jede Buchung; bei den großen Kunden mit 1000 und mehr Bu­chungen beträgt diese Zinszahlung nur den Bruch­teil eines Psennigs auf jede Buchung. Zum Aus­gleich müßte entweder von den großen Kunden, die viel Arbeit mache», eine höhere Stammeinlage ge­fordert oder auch weiterhin eine besondere Zuschlag, gebühr erhoben werden. Was jetzt geplant ist, be­deutet eine Entlastung der Großen auf Kosten der Kleinen. Denn die einheitliche Ein­zahlungsgebühr von 10 Pfennig belastet nicht die großen Zahlungen über 500 Mark, sondern gerade (Dte kleineren Zahlungen unter 500 Mark, also dm .Geldverkehr des breiteren Mittelstandes, den man für das Postscheckwesen zu gewinnen sucht. Ja, sür die ganz großen Zahlungen über 1000 Mark soll sogar eine Verbilligung eintrtten, so daß die Banken sind der Großhandel -einen doppelten Vorteil haben p.ürden: ein billigeres Geldporto und den Fortfall der ZuschlaWebichr. Tas letztere Geschenk beträgt nicht weniger als 3700 000 Marl jährlich.

Der Reichstag wird hoffentlich für die Inter­essen der kernen Leute eintreten und also besonders die zwei Fragen zu prüfen haben: 1. Läßt sich die Einzahlungsgebühr nicht auf den Satz von 5 Pfennig für je 500 Mark (im Notfälle auch für je 300 Mark) erhalten? 2. Läßt sich die Zuschlag, gebühr nicht erträglich gestalten, — etwa in der Form, daß die ersten zwei- oder dreihundert Bu­chungen frei bleiben und jedes weitere Hundert einen Zuschlag von 1 Mark jährlich zu tragen hat? Dm großen Kunden kann es doch nicht auf die paar Mark ankommen, wenn nur ihre Berechnungen nicht kompliziert werden. Im Geldverkehr der klei­nen Kundin wird eben sehr mit halben und ganzen Groschen gerechnet. ,, t _ .

Nebenbei wäre im Jntereffe der kleinen Kunden auch Vorsorge zu treffen, daß die Ueberweffung von eingehendm Postanweisungen auf das Scheckkonto gebührenfrei erfolgt. Gerade im Klern- verkehr greift mancher Zahler zur gewohnten Post- anweisung, statt zur Zählkarte •

Will man die breiteren Volksschichten für den Pottscheck gewinnen, so muß man ihren Verhältnissen Rechnung tragen.

Deutsches Reich.

+ Der Gcsehnttwurf sür ein Petroleummonopol ist vom Bundesrat in seiner Plenarsitzung am Donnerstag verabschiedet worden, nachdem am Tage vorher in den Ausschüssen eine zweite Lesung der Vorlage vorgenommen war. Hiermit erledigt sich auch die unzutreffende Nachricht über einen ab­lehnenden Standpunkt der süddeutschen Bundes- staaten. Tenn es ist selbstverständlich, daß ein Gesetzentwurf von der Bedeutung deS Petroleum- mon opols im Bundesrat nicht durch lieber einRimmung der süddeutschen Bundesstaaten zustandrkowmt.

+ Vermehr ung der etatsmäßigen Stellen sm Unteibeamte. Wenn in den letzten Landtagsver­bandlungen, in denen die Gewährung von besonde­ren Teuerungszulagen an untere Beamte angeregt wurde, von d-n Regieruugsoertretern darauf hin­ge wiesen wurde, daß die jetzt bestehende Teuerung nicht als eine dauernde anzusehen ist, sodaß be- sondere Zulagen nicht zu erwarten sind und nur eine Erhöhung der Unterstützungslond? in Frage kommen kann, so ist die Staatsregierung anderer- sests darauf bedacht, in möglichst umfangreicher Weise die etatsmäßigen Stellen der Unterbeamten zu erfahren. So kann, rote wir in der ,Post' (Nr. 527) lesen, jetzt bereits darauf hingewiesen werden, daß den Wünschen der Hilssunlerbeamten der Justizverwaltung dadurch entgegengekommen werden soll, daß eine möglichst weitgehende Ver­mehr» ng der ständigen Stellen im nächsten Haus­halt beabsichtigt ist. Es sollen Mittel sür 100 neue etatsmäßige Stellen für Unterbeamte anqeforoert und außerdem soll auch die Zahl der Diätarstellen in außergewöhnlicher Weise vermehrt werden. Ferner laßt sich jetzt bereits übersehen, daß die Wünsche der Kataster beamten, die dem Finanzministerium unterstehen, insofern in Erfüllung gehen werden, als auch hier eine Vermehrung der Veamtenstellcn in größerem Umfange im nächsten Haushalt vor­gesehen ist.

△ Katholiken und Protestanten Haud in Hand. Der General-Superintendent von Schleswig - Holstein, D. Ka'tan, ein „hervorragender Vertreter der evangelischen Kirche", wie der ,Voiatl. Anz.JNr. 255) bemerkt, hielt in Plauen dieser Tage eine bedeu­tungsvolle Rede über die kathotnche Kirche. Im wohltätigen Gegensätze zu sonstigen Ausführungen des Evangel. Bundes klangen feine Ausführungen in eine Mahnung zur Einigkeit und zum Frieden aus. Zu den Vorzügen des Katholizismus gehöre besonders eine große Hingabe zur Kirche. Die Katho­liken treten mehr ein für ihren Glauben als die Protestanten. Die katholische Kirche sei eben eine Meisterin in der Erziehungskunst. Den Beichtstuhl bezeichnete er als die vornehmste Einrichtung der Seelsorge, und vom Mönchtum gab er zu, daß cs hohe Werte besitze. Weitere Snertennung zollte der General-Superiutendent, welcher übrigens vor kurzer Zeit auch in verschiedenen Städten Süddeutschlands iprach, dem Kultus der katholischen Kirche. Zum Schluffe führte er aus: „Eine Forderung der Klug­heit ist e8, in jedem Kampfe den Gegner richtig zu

3m Schutze des Zauberers.

60] Englisch-indischer Roman von E. A. Henty.

„Ja, ich mußte ost an Ihre Erzählung von dem Gaukler denken; aber es war alles so sonder­bar. Ich glaubte, mein Gehirn wäre überreizt, und ich würde wieder kränker werden in jener traurigen Umgebung. Ach. wie anders war es doch in Dm- nugghur, Herr Bathurst, wo wir vereint mst den Freund?« der Gefahr gegenüberftanden und gemein­sam alles Ungemach trugen. Jene Zett war auch schwer; aber wir waren nie so verzweifelt, nie so arm an Trost und Hoffnung, wie diese unglücklichen Frauen, die ich heut verlaffen habe. NiedergÄbeugt von der Last des Kummers, krank, der Freiheit beraubt — schleppen sie ihr ödes Dasein müde und aleichgiltig von einem Tage zum andern hin und naben nur noch den -inen Wunsch — zu sterben! Viele hat der Tod schon dahingerafft; auch Mary Hunter starb gestern nachmittag!"

„Ich weiß es; Rabda brachte uns die Nachricht."

„Frau Hunter trägt ihr schweres LoS still und gottergeben. Sie gehört zu den wenigen, die den Mut nicht sinken lasten unb selbstlos ihr eigenes Lind um der anderen willen zu vergessen suchen. Sie licht und erheitert die Kinder, Pflegt die Kran­ken und tröstet die Verzagten. Ich bat sie instän­digst, mit uns zu konimen; aber sie wollte nichts davon hören. „Gehen Sie, mein Kind", sprach sie liebreich, „und lassen Sie sich durch den Gedanken an mich das Herz nicht schwer machen. Sie sind jung und eure lange und glückliche Zukunft liegt vielleicht noch tror^ihnen, während ich schon mti dem Leben abgeschlossen habe. Mein Mann und meine Kin­der sind vor mir dahingegangen, — was könnte ich Besseres begehren, als ihnen bald zu solgen? Wäre Mary noch bei uns, so hätte ich Sie gebeten, diese mttzunchmen; aber ich selbst würde nur ein Hin­dernis auf der beschwerlichen Flucht für Sie sein. Habe» Sie sich also nicht getauscht — zeigt Gott Ihnen wirklich einen Weg, diesem Elend zu ent­

rinnen, so ergreifen Sie ruhig die Hand, die sich Ihnen bietet, und möge der Herr Sie segnen und Ihnen in allen Gefahren schützend zur Seite stehen." So sagte sie, und ich mußte Abschied von ihr nehmen und mich allein an der Tür bereit halten; vorher aber sah ich noch, welchen Kampf Sie mit den Wächtern zu bestehen hatten."

„Es tut mir leid, daß Ihnen der Anblick nicht erspart geblieben ist", erwiderte Bathurst bedauernd.

„Weshalb? Glauben Sie, ich könnte Mitleid mit diesen Menschen empfinden? Ach, ich bin eine aridere geivorden — das Unglück hat mich hart ge­macht! Was noch vor wenigen Monaten mein Entsetzen erregt haben würde, das scheint mir jetzt nur gerecht, nachdem so viele teure Leben der Grausamkeit dieser Leute zum Opfer gefallen sind!" Sie hielt erschöpft inne und fragte daun nach kurzer Ptmse: „Sagen Sie, Herr Bathurst, ist wirklich niemand, außer Leutnant Wilson, entkommen?"

„Niemand — so viel ich weiß; Wilson meint, sein Boot sei gesunken, bald nachdem er eS 'ver­lassen. Aber bitte, Fräulein Hannah, sprechen Sie jetzt nicht mehr; Sie sind ganz außer Atem. Ich erzähle Ihnen später mehr hiervon. Nehmen Sie meinen Arm, damit ich Sie stützen kann; wir müs­sen notwendig heilt nacht noch einige Meilen zurück­legen; denn merkt man am Morgen Ihr Ver­schwinden, so wird man uns sicher verfolgen."

„Sie sprachen von -einer besonderen Gefahr, die den Gefangenen droht?"

„Unsere Truppen sind nahe, und ich fürchtete, der Pöbel könnte, ehe iüefelben siegreich emrücfen, das Gefängnis erstürmen und seine Wut an den Frauen auslassen.

Sie wanderten nun eine Zeit lang still über das Feld, nachdem sie die Straße verlaffen hatten. Isabella lehnte sich immer schwerer aus Bathursts Arm; sie sühlte, wie ihre Kraft, die nur durch die Angst und Erreguna so lange aufrecht erhalten wor­den, schnell dahin schwand; und als Rudschub zu schnellerem Gehen ermahnte, blieb sie stehen und sagte traurig:

erkennen und zu verstehen. Wir sollen miteinander soweit als möglich in Frieden leben und dazu ge­hört, daß wir einet bei dem andern das Berechtigte anerkennen." — Mögen die versöhnlichen und ver­ständigen Gedanken des General-Superintendenten bei der protestantischen Bevölkerung Beachtung und Beherzigung finden. Diese ist heute in der Zeit des orgamfierteu planmäßigen Ansturmes von Freidenker- tum, Freimaurerei und Sozialdemokratie, von Un­glauben in allen Erscheinungs-Formen mehr nötig als je zuvor.

Ausland.

** Kaiser Franz Joseph und der deutsche Botschafter. Kaiser Franz Joseph empfing am Sawsiag den Minister des Aeußern Berchtold und sodann den deutschen Botschafter v. Tschirschky in Privat­audienz. Die Audienz wurde hauptsächlich durch die gesicherte Erneuerung und Ausgestaltvng des Dreibundverhältnisses veranlaßt.

** Italien und Tripolis. Nachrichten aus Tri- polis besagen, daß die Araber in großer Zahl sich aus den italienischen Waffenplätzen einfinven, um ihre Unterwerfung zu erklären, Schutz für ihre Personen und ihre Arbeit zu erbitten und ihre Waffen auszuliefern. Immerhin ist es noch un­möglich, abzusehen, wann und wie die Herbeiführung friedlicher Zustände in Lydien erreicht wird. Auch der Abzug der türkischen Soldaten aus Lydien voll­zieht sich sehr langsam.

*♦ Die Verschwörung in der russischen Flotte. Unter der Beschuldigung der Vorbereitung von Flottenunruhen sind 17 Matrosen vom Marine- triegsgericht zum Tode und 106 Matrosen zu vier bis achtjähriger Zwangsarbeit verurteill worden. 29 Angeklagte wurden freigesprochen.

Aus dem Nachbargebiete.

* Otterberg, 8. Nov. 1912. Mittwoch abend sand der ledige Ockonom Krauß, als er sich in fein Schlafzimmer begeben wollte, die Tür verfchlosten. Als man das Zimmer gewaltsam öffnete, bot sich ein sonderbarer Anblick. Die Möbel lagen durch­einander und im Bette lag ein recht fettes Schwein, das dem hiesigen Bürgermeister gehörte. Nachträglich stellte sich auch noch heraus, daß ein größerer Geldbetrag gestohlen worden war. Die Gendarmerie hat bereits einen Verdächtigen in Hast genommen.

* Gießen, 10. Nov. 1912. Der Gießener Loko- motivsührerverein eröffnete am 3. ds. Mts. eine Fachschule, in der Bewerber und Anwärter für die Lokomotivführerlausbahn gründlich ausgebildet und die VereinSmitgtieder in der Allgemeinbildung gefördert werden sollen.

' * Sindlingen, 10. Nov. 1912. Das scharfe Vor- gehen der hiesigen und benachbarten Behörden gegen die Autofahrer wurde vom Höchster Schöffengericht als durchaus notwendig und berech­tigt bezeichnet. Die vielen, durch das schnelle Fahren der Autler verursachten Unfälle erforderten eben die ichärfste Kontrolle. Mit Rücksicht auf die örtlichen Verhältnisse seien die llebertretungen der in bett Orts chatten zugelassenen Höchstgeschwindigkeit stets strenge zu ahnden. Das Gericht erhöhte denn auch bei einer Anzahl Autofahrer, die gegen die geringen polizeilichen Strafmandate Berufung ein­gelegt hatte--, die Strafen ganz erheblich.

* Darmstadt, 8. Nov. 1912. Die Ausstellung „Der Mensch" wirb erst Ende November ge­schloffen.

* AuS Franken, 8. Nov. 1912. Der Magistrat in K i s s i n g e n lehnte die Errichtung eines gemein­samen Versicherungsamtes sür Stabt unb Bezirk ab und beschloß, ab 1. Januar 1913 für die Stadt ein eigenes Verstcherungsamt zu er ichien. — Im Hofe des Oekonomen Senget in Maidbronn steht ein junger Apfelbaum in voller Blüte, zum Teil bereits mit tleinen angesetzten Früchten. — Die Bachgaubahn von Aschaffenburg nach Höchst wird am 1. Dezember iu Betrieb genommen. Täg­lich werden 4 Zugsraare verkehren. — In der Heilanstalt in Lohr sind bereits zwei Villen von Kranken bewohnt. Nächste Woche treffen wieder 60 Kranke ein; die meisten Kranken werden zur

Feldarbeit verwendet. — In Ottendorf brannten drei Scheunen und eine Halle mit großen, nicht ver­sicherten Ernlevorräten ab. — Der Magistrat von Würzburg bewilligte für den Neubau eine! Schnürbodens 45 000 Mk. — Im Anschluß an bett Wiener Eucharistischen Kongreß wird im Dome zu Würzburg vorn 8. bis 10. Nov. ein eucharistische- Tnduum abgehalten.

Amt Geisa und Umgebung.

* Geisa, 10. Nov. 1912. Die im gesamten wei- marischen Land sehnlichst erwartete neue Ge­meinde- und Städteordnung wird dem Landtag auch im kommenden Jahr noch nicht zu­gehen. 1 Wie es heißt, sollen die Vorarbeiten durch den Wechsel im Ministerium des Innern inS Stocken geraten sein.

* Pferdskops, 10. Nov. 1912. Die hiesige Flur­jagd soll am Donnerstag den 28. November auf weitere 6 Jahre verpachtet werden.

* Neidhartshausen, 10. Nov. 1912. Das Kind des Landwirts Fleischmann, das mit der Hand in die Räder der Obstreibemafchine gekommen war, ist nach der Operatton int Georgen krankenhause in Meiningen gestorben.

Aus Oberhessen u. den Hess. Aemtern.

Ä Marburg, 10. Nov. 1912. Ein hochbetagter Geschwisterpaar aus dem Burgwalddörfchen Roda, der 68 Jahre alte Auszüger Joh. Müller I. unb seine fünf Jahre ältere Schwester, die Witwe Elisa­beth Kahler standen gestern vor dem Schwur­gericht. Letztere wurde beschuldigt, bei Leistung eines Offenbarungseides vor dem Amtsgericht in Rosen­thal verschwiegen zu haben, daß fie bei der Spar­kasse in Wetter noch 1000 Mark stehen hatte. Ihr Bruder, auf den sie das Buch damals überschreiben ließ, wurde der Beihilfe beschuldigt. Die Greist« gab an, daß sie ihr Gelb vor ben ihr au8 einem Prozeß erwachsenden Kosten habe in Sicherheit bringen wollen, ihr Bruder dagegen sei unschuldig. Der letztere wurde auch freigesprochen, während btt alte Frau acht Monate in's (3e|fingni8 muß.

♦ Marburg, 10. Nov. 1912. Der Gesangverein „8 itb erb er ein" feiert in biefen Tagen fest» 70jähriges Bestehen. — Einem Studenten wurde in einem Lokal ein Betrag von 450 Mark ent<j wendet. Von dem Diebe fehlt jede Spur. — Der, Kapellmeister a. D. A. N o a ck feierte in voller körperlicher Rüstigkeit seinen 75. Geburtstag. \

* Neustadt, 10. Nov. 1912. Die Personen... ftandSauftrahme ergab eine Bevölkerung von 2156 Seelen gegen 2200 im Jahre 1911. Grund für den Rückgang dürfte der Mangel an geeigneter Arbeitsgelegenheit fein. — Die Zählung deS B i e b- (taubes ergab 94 Pferde, 820 Stück Rindvieh, 450 Schafe, <81 Schweine und 202 Ziegen, gegen 96 Pferde, 837 Stück Rindvieh, 846 Schafe, 786 Schweine und 192 Ziegen im Jahre 1911. Der Abgang von 17 Stück Rindvieh und von 101 Stück Schweinen läßt sich wohl auf das trockene Jahr 1911 zurückführen.

• Grifte, 9. Nov. 1912. In vergangener Nacht brach in unserem Dorfe in der Rohnschen Teer­fabrik Großfeuer aus. Das Feuer konnte auf feinen Herd beschränkt werden; zwei Benzinkesfrl wurden unter Wasser gesetzt und vor dem Explodie­ren bewahrt. <,

• Battenfeld, 10. Nov. 1912. Für btt hiesige« Gemeinde ist die Errichtung einet Haltestelle an der Eisenbahn Berleburg - Allenbors auf ungefähr halbem Schienenwege zwischen Allenbors unb Batten­berg zum 1. Mai d. I. in AnSficht gestellt «wibett. Die Gemeinde hat sich vorher znr Beisteuer votz über 4000 Mark zu ben Baukosten verpflichten müssen.

* Bon der Schwalm, 10. Nov. 1912. Trotzdem in den ©tobten jetzt sehr viel auswärtiges Fletsch eingeführt wird merkt man auf dem Lande gut nichts davon. Die Fletfchpreise bleiben im­mer noch auf ihrer alten Höhe. Dieselbe Erschei-, nung tritt auch bei den Biehpreisen deutlich zutage» die immer noch hoch und in fortwährendem Steige« begriffe« sind Infolgedessen macht sich auch einf ziemliche Lauheit im Biehhandel bemerkbar, bi< voraussichtlich noch von längerer Dauer fein Wird.

„Meine Füße tragen mich nicht mehr; ich habe mich redlich bemüht, aber es geht nicht länger. Bitte, lasten Sie mich hier, und haben Sie Dank für alles, was Sir bisher zu meiner Rettung ge­tan! Nur eine Waffe geben Sir mir, damit ich nicht hilflos den Barbaren in die Hände falle."

„Wir müsten Fräulein Hannay tragen, Rud- schub; läßt sich das nicht auf irgend eine Weise be­werkstelligen?"

Der Gaukler nahm statt aller Antwort das weite Gewand von seiner Schulter und breitete K auf die Erde. Trotz ihres Protestes wurde Isabella hinein- gelegt; Bathurst und Rudschub faßten das Gewand zu beiden Seiten des Kopfes, wahrend Rabda die unteren Enden nahm. Isabella hatte im Laufe ihrer Gefangenschaft sehr an Gewicht verloren, und so konnten die Träger mit ihrer leichten Bürde ziemlich schnell vorwärts schreiten.

„Wo sind wir eigentlich jetzt, Rudfchub?"

„Nicht weit von dem Fluste, Herr. Wir mußten den Hauptweg verlaffen, weil dort die Truppen des Rajah heranzrehen, um bei Dong mit Euerm Heer zusammenzustoßen. Hier sind wir sicher, keinem Sepoy zu begegnen."

Rach dieser Erklärung fetzten sie ihren Weg stundenlang unter gegenseittgem Schweigen fort, bis Rudschub auf ein großes Gehölz zeigte, das in der Nähe sichtbar wurde. „Laßt uns in jenen Wald gehen. Wir sind jetzt weit genug von Cawnpore entfernt, um vor Verfolgung sicher zu sein; nnd siegt Euer Volk bei Dong, so werden sie dort Wich- ttgeres zu tun haben, als an eine entflohene Ge­fangene zu denken. Zudem", fügte er hinzu, „dürste die Flucht einer einzelnen Person überhaupt tut« entdeckt geblieben fein, falls der Befehl des Rajah noch am Morgen zur Ausführung gelangt ist."

Bathurst stteß einen Rus des Schreckens aus und sah den Gaukler an. Dieser nickte: „Verlaß Dich darauf, eS ist geschehen! Ich wußte mehr darüber, als ich Dir sagen mochte. — Noch einige Schritte, Herr, — unter dem Baume dort wollen wir rasten."

Sie legten ihre Bürde im Schatten des Waldes yieder, und Isabella richtete sich auf und reichte

ihnen dankbar die Hand. „Wie gut Ihr gegen ntlA seid! Ich habe mich nun fo lange auSgeruht, daß ich recht gut wieder eine Strecke gehen kann."

„Wir gedenken ben Rest be8 Tages unb auch die Nacht hier zuzubringen, Fräulein Hannay; ®it sollen etwas genießen unb bann zu schlaf« bet-, suchen, bamit Sie ben Anstrengungen, die der mor» gende Tag bringt, gewachsen sind."

Rudschub holte nun Wein unb Nahrungsmittel, die er während des ganzen Wege- getragen hatte, hervor; und nachdem Isabella ein wenig gegessen und getrunken hatte, legte sie sich neben Rabda nie*, der und war bald fest emgeschlafe«. Bathurst nahm ein herzhafteres Mahl zu sich und folgte hierauf ihrem Beispiel.

Als er erwachte, stand die Sonne schon hoch am, Himmel. Rudschub halte ein Feuer angezÜndej und war beschäftigt, Reis zu kochen. -

„Wo ist Fraulein Hannay?" fragte Batburit überrascht, als er sich ausrichtete und ihren Pla» leer fand.

„Sie ist mit Rabda nach dem Fluß gegangen, , um an einer Stelle, wo die übethangenoen Zweige sie verbergen, im Master sich zu erfrischen uiti> btt Verkleidung anzulegen. Die Dame wollte nicht er­lauben, daß ich Dich weckte, Herr."

Nach einer halben Stunde kehrten die beiden Mädchen zurück, Isabella gleichfalls in bet Tracht der Eingeborenen unb an Gesicht unb Hals, an Armen und Füßen ebenso braun tote Rabda. Bat» hurst fühlte sich schmerzlich berührt, als er zum ersten Male die Wunden in Isabellas Gesicht i>art» lieh sah.

„Wie schrecklich haben Sie sich verbrannt, Fräu­lein Hannay! Unmöglich können meine Anordnun­gen richtig befolgt toorden sein!"

„Nein, Herr Bathurst, Sie tragen keine Schuld hieran. Ich habe 't$ wirklich ein wenig arg ge­trieben, aus Angst, eS möchte zu wenig werden. Ich glaube es wohl, oaß die Narben häßlich aussehen.

„O, ich dachte weit weniger an die Narben als an den Schmerz, den Sie sich zugefügt hahrn',

.Srorik-w'Mi folnO .