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JW 256.

1. N-»-»b«r

59. Jahrgang.

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Vrack *x» Verlag der M»a« Zdtai»ni<ctd tx ZRlda.

3er Manhrieg.

• Der Rückzug der Geschlagene«. Ein eischüt- terndes Bild von dem Zustand der türkischen Armee veröffentlicht die Londoner Daily Chronicle. Ihr Korrespondent telegraphiert aus Tschorlu in einer über die Stadt Eonstanza beförderten Depesche sri- n:m Blatte: > Die gesamte türkische Ar­me c k r i e ch t. Sie kann nicht länger laufen. Tage und Nächte voll entsetzlicher Leiden haben den Schritt der Leute zu einem Taumeln reduziert. Ter Weg der fliehenden Armee ist mit Toten und Sterbenden dicht gepflastert. Hinter der Nach­hut schwebt ein Heer schwarzer Krähen einher, die, ein entsetzliches Geschrei ausstoßend, warten, bis ein todmüder Soldat zusammenbricht. Wolfähnliche Hunde, von dem Leichenge- ruch angelockt, sind von weither herbeigekommen, und ihr durchdringendes Geheul hört man die ganze Nacht. Auf dem Wege nach Tschorlu, während es noch hell war, kam ich an den hal^efressenen Ka­davern vieler Pferde vorbei, die höchstens seit Stunden tot sein konnten. Das elende Schicksal der unglücklichen Soldaten, die sterbend am Wege niederfielen, machte mich schaudern. Die fliehenden Truppen sind bedauernswert. Wer noch Flinte und Patronen hatte, sah überall in der Dunkelheit Feinde und sckoß drauf los, oft genug einen Kameraden treffend. Männer, denen die Sohlen von den Stiefeln gerissen waren, mar­schierten mit blutenden Füßen, was chnen entsetzliche Qualm verursacht haben muß. Es ist bewundernswert, was der türkische Soldat wäh­rend dieser fünf Tage ertragen hat, wie er Krank- >eit. Hunger und Niederlagen erlitt, auf den Tod tets gefaßt und ihm ohne Klagen ins Angesicht ehend. Tagelang war er ohne Nahrung, ohne zu murren. Wenn er nicht länger marschieren konnte, legte er sich hin und starb, ohne zu klagen. Die Verbündeten mögen die türkische Armee geschlagen .haben, den türkischen Soldaten aber haben sie nicht überwunden. Wäre er entsprechend geführt und bekleidet und wie ein menschliches Wesen behandelt worden, so wäre er überall siegreich gewesen und hätte neue Welten dem Halbmond erobert.

Der LebeusmittÄreichtum Serbiens ist so groß, daß Berichterstatter, die der Krieg fetzt dorthin ge­führt hat, darüber staunen. Sie staunen aber auch über die Billigkeit der Landeserzeugnisse. So schreibt der Vertreter der „Neuen Freien Presse" aus W r a n j a (Südserbien): „Wenn ich einige serbische Marktpreise anführe, so beziehen sich dies: Preise natürlich auf normale Zeiten, wie sie noch einige Tage nach dem Beginn der Mobilisierung herrsch­ten. $n diesen normalen Zeiten kostet das Pfund Schweinefleisch 50 Pfennig, während man ein vanz nettes Ferkel für 1,20 Mark bekommt. Rind­fleisch, das allerdings qualitativ tief unter unserem Fleisch steht, kostet 60 Pfennig. Kalbfleisch einige Pfennig weniger, Hühner aber, sage und schreibe, prr Stuck im Durchschnitte nur 40 Pfennig. Und b^rade jetzt, während ich im Hotel Wranja bei einem Frühstück, das aus schwarzem Kaffee und einem Stück Brot besteht, diese Zeilen schreibe, schwingt ein englischer Kollege drei aneinandergebundme, piepsende Hühner, die er zusammen jetzt in Kriegs- zeiteu um 2 Mark gekauft hat und nach der Küche trägt, um sie am Spieß braten zu lassen. Dabei gibt '26 dieser Hühner und Schweine in ungeheuren Mengen. Ich möchte beinahe glauben, daß sie wild „wachsen". Fährt man mit der Bahn, so sieht man vor lauter schwarzen, unheimlich großen Schweinen beinahe die Landschaft nicht, und die Hühner gackern dutzendweise auf den Landstraßen und um jede Hütte herum. Ein großer Laib Brot kostet 15 Pfennig und in der richtigen Eierzeit er- hält man ein Dutzend Hühnereier für 20 Pfennig. Die bei uns so teuer gewordenen Gänse erhält man schon zu 1,20 Mark, in gemästetem Zustand zu 2,40 Mark per Stück. Teuer ist verhältnismäßig die Milch, die mit 20 Pfennig das Liter bezahlt wird, während Butter als Leckerbissen gilt und auf dem Lande fast gar nicht, in den Kleinstädten nur von Feinschmeckern gegessen wird- Aepfel, Zwet- schrn, Birnen usw. sind fabelhaft billig, ebenso alle Sorten von Gemüse. Das schönste an eßbaren Dingen sind aber in Serbien die Weintrauben. Fede Beere ist walnußgroß, der Geschmack ist vor­

züglich, und derartige Trauben erhält man in west­europäischen Städten nur in erstklassigen Delikat;s- sengeschäften zu Liebhaberpreisen. Hier aber koste­ten sie, sage und schreibe 25—30 Pfennig für zwei Pfund."

** Die Kriegsberichterstatter sind in ganzen Scharen den Heeren der Balkanvölker und der Türken nachgeeilt, aber sie alle miteinander wissen nichts von Belang zu melden. Dir Meldungen von den Schlachtfeldern kommen von den Kriegführen­den selbst: die Berichterstatter sitzen weft ab vom Schuß. Man hat ihnen, wie kriegsgefangenen Offizieren den Degen, ihre Federn und Bleistifte gelassen, nur dürfen sie beileibe keinen Gebrauch davon machen. Man wird fragen, warum denn die Kriegskorrespondenten ihrer undankbaren Be- schäftigung nicht einfach den Rücken kehren. Die solches fragen, kennen die Kriegsgebräuche nicht. Hat man je gehört, daß ein gefangener Offizier er­klären darf, ihn freue die ganze Sache nicht mehr, er wolle heim? Seine Wächter würden schöne Augen machen. Genau so geht das den Kriegs­korrespondenten. Sie können weder vorwärts noch zurück. Sie sind festgeschmiedet. Die Kriegführen­den befürchten nämlich, daß die Herren, die ihnen aus weiter Entfernung ein bischen in den Waffen­gang geguckt haben, nicht dicht halten, wenn man sie freiläßt, und die kolossalen „Geheimnisse", deren sie habhaft tvurden, verraten. Ergo haben sie da zu bleiben. Doch nicht einmal die harmlosen Ge­schichten, die sie drahtlich melden dürfen, finden freie Bahn. Meist sind es „Telegramme die ihn nicht erreichten". Wenn sie überhaupt ihr Ziel erreichen, dann kommen sie mit tagelanger Verspätung an und sind dann oft so verstümmelt, daß der Inhalt nicht mehr zu entziffern ist.

Ausland.

A Vorbereitungen zur Präsidentenwahl in Frankreich. Tie Wahl eines demokratischen Prä­sidenten ist kein: so einfache Sache, wie sich vielleicht mancher vorstellt. Man hat bereits in Versailles mit den Vorbereitungen für die am 17. Januar 1913 stattfindende Wahl des Präsidenten der fran­zösischen Republik b:gonnen. Möbel, Telephon, Te­legraph, die verschiedenen Bureaus müssen in den Sälen, Zimmern, Galerien untergebracht werden, welche den großen Saal, in dem die Wahl vorgenom­men wird, umgeben. Nicht weit von dem Kongreß­saal wird für den neuen Präsidenten eine vollstän­dige Wohnung eingerichtet „für den Fall", daß der Erwählte den Wunsch hat, seinen Einzug ins Elysee um einige Tage zu verschieben. Als aussichtsvoll- ter Kandidat gilt der gegenwärtig: Ministerpräsi­dent Poincars. Fallitzres hat bekanntlich eine Wie­derwahl abgelehnt.

** Die Witwe des Kaisers Maximilian von Mexiko, Charwtte, die, wie bekannt, seit dreißig Jahren im Schlosse Bouchuk lebt, ist nach Meldung eines Pariser Mattes aus Brüssel schwer er­krankt. Ihr Zustand gibt zu der größten Be- örgnis Anlaß. Die Kaiferin-Wi-twe steht im 73. Lebensjahr. — Charlotte, Prinzessin von Belgien, ist eine Tochter Leopolds I., des ersten Belgierkönigs. 17 Jahre alt, heiratete sie den Erzherzog Maximi­lian von Oesterreich. Nach dem tragischen Tode ihres Gemahls, der als Kaiser von Mexiko im Jahre 1867 bei Queretaro erschossen wurde, verfiel sie in Wahnsinn. Seither lebt sie in ihrem Heimat­lande Belgien.

A Eine Volksschule im Vatikan. Angesichts der Anstrengungen der Freidenker, die Kindheit und die Jugend ins Verderben zu führen, hat der Papst im Vatikan selbst eine große Schul: errichten lassen. Die Schule kann ungefähr 1600 Kinder aufnehmen, 800 Knaben und 800 Mädchen. Die Schülerzahl wird ich besonders cm§ den bevölkertsten und ärmsten Stadtteilen Roms, wo die Kleinen der größten ®> ahr ausgesetzt sind, zusammensetzen. Da der Papst innerhalb des Vatikans Souverän ist, finden die ita­lienischen Gesetze auf diese Schule keine Anwendung und so werden die Kinder der ewigen Stadt unter den Augen und der Leitung des Papstes selbst in den Gramdsätzen des Glaubens und der Moral er­zogen werden.

Aus dem Nachbargebiete.

♦ Bebra, 6. Nov. 1912. In einer ver­schlossenen Flasche, die rin Arbeiter bei den Baggerarbeiten fand, lag ein Zettelchen mit fol­gender Aufschrift: »Paris, den 14. 4. Jedem das Seine. Ihr Deutsche, gebt uns Elsaß-Lothringen wieder, oder ihr bekommt die Hose ousgeklopst. Markstnni, Leutnant z. B." Wie die Flasche an den Fundort gekommen ist, bedarf noch der Auf­klärung; vielleicht handelt es sich um einen schlechten Scherz.

♦ Eschwege, 6. Nov. 1912. Der Ziveigverein des Kreises Eschwege des Verbandes mitleldentscher Wasserkraftbesitzer veranstaltet ein« Ver­sammlung der Betriebe d:S Berka- und Kupferbaches, um wegen Klageerhebung gegen das Verbands- waflerwerk der Meißnerdörfer zu beschließen. Er soll ein Klageantrag ausgearbeitet und ein Rechts­anwalt mit der Prozeßführung beauftragt werden. In Bebra wurde ferner vom Zweigverein für den Kreis Rotenburg über Anstrengung einer Reihe Klagen wegen Wasserentziehung gegen verschiedene Gemeinden verhandelt. Man will den Verlauf der seitens der Eschweger Betriebe einzuleitende Klage abwarten und diese mit Material unterstützen. Auch sollen noch Erkundigungen eingezogen werden, inwie­weit das zur Beratung stehende neue Wassergesetz auf die in Rede stehenden Wasserstreitigkriten zurückwirkt.

* Aus Thüringen, 5. Nov. 1912. Die Zahl der gewerblichen Betriebe Thüringens mit mindestens zehn Arbeitern ist von 1910 zu 1911 Odo sie rund 7700 betrug) um 17,7 Prozent oder gut nn Sechstel gewachsen (gegen kaum 5y2 Prozent im Reichsdurchschnitt). Die Arbeiterzahl (fast 202 000) hat allerdings nur um 9,4 Prozent (im Reich 4,8) zugenommen. Am meisten haben die jugendlichen Arbeiter zwischen 14 und 16 Jahren zugenommen nämlich um 14,8 Prozent (7,7). Be­sonders gilt das für Sachsen-Weimar mit % der gesamten Zunahme. — In Ilmenau stürzte in­folge Bruches einer Sprosse der Leiter ein Glas- niacher so unglücklich herab, daß er die Halswirbel­säule brock und einen Schädelbruch sich zuzog. Er starb im Krankenhaus. Sein Frau liegt krank in Jena und vier kleine Kinder sind nun allein.

* Wi sbaden, 6. Nov. 1912. Im Rathaus fand eine von 20 Korporationen besuchte Versammlung zwecks Gründung eines Wiesbadener Stadtver­bandes für Juaendfürsorge statt.

* Limburg, 5. Nov. 1912. An den Wahlen zur Angestelltenversicherung beteiligten sich hier von 250 Angestellten 183. Die Liste A (Kathol. Kausm. Verein) erhielt einen Vertrauensmann und drei Ersatzmänner, die Liste D (D. H. V.l einen Vertrauensmann und einen Ersatzmann, die Liste C (Leipziger Verband) einen Vertrauensmann und einen Ersatzmann, die List« B (Werkmeister und Techniker) einen Ersatzmann.

* Würzburg, 6. 9ioo. 1912. Gestern vormittag schoß sich auf dem Grabe seiner Eltern der 22 jährige ledige Sattler und Packer Oppermann eine Kugel in den Kopf. Oppermann wurde noch lebend aufgefunden, starb aber bald. Bei ihm wurde ein Brief des Inhalts gesunden, daß er im (Ärabe seiner Eltern begraben sein will. — Durch Umfallen einer Petroleumlampe fingen, die Kleider der Lehrerswitwe Tittel Feuer. Die Frau erlitt o schwere Brandwunden, daß sie bald verstarb.

* Aus Franken, 6. Nov. 1912. In Schwein- urt wurde eine Zwangsinnung für das Schneider- zewerbe, umfassend die Stadt und den Bezirk Schweinfurt, errichtet. — Am Sonntag wurde Die Oekonomentochler Wießmann von Herl heim bei dem Hörnauer See von einem Unbekannten, der sich im Schilfe versteckt hielt, überfallen und zu Boden geworfen. Das Mädchen tief um Hilfe, woraus Der Attentäter Reißaus nahm. — Am Dienstag morgen verließ der verheiratete Freudensprung aus Mainbernheim seine Wohnung. Kurz darauf wurde er aus dem nahen Eicheisee als Leiche ge- borgen. Et zeigte schon längere Zeit Sputen von Geistesstörung. — In Würzburg ging gestern die juristische Zwischenprüfung zu Ende. Von 18 Kandir aten bestanden 13, 2 waren zuiückgetteten. — Dem,Fränl. VolksblatU wird aus Röttingen geschrieben: »Die Augen auf! Der .parteilose' Generalanzeiger' in Würzburg hatte hier einen

Rückgang zu verzeichnen; et hat sich darum nach einet neuen WetbetrommÄ umgesehen und eint würdige Reklametafel in dem hiesigen Polizeidime« gefunden. Denselben kann man seit zwei Monate» täglich mit einem großen Pack »Generalanzeiger^ im Dienstrock mit Seitengewehr von Haus zu Ha ich gehen sehen, um seine Ware an den Mann zu bringen. Hat die Stadtgemeinde Röttingen kein, Beschäftigung für ihren einzigen Polizeisoldaten ode, besoldet ste ihn so schlecht, daß er auf derartig, Nebenverdienste angewiesen ist? Letzteres ist kaum glaublich, da Magistrat und Gemeindekollegium erst 60000 Mark für ein Elektrizitätswerk auswarfen.^

Amt Geisa und Umgebung.

* Geisa, 6. Nov. 1912. Auf den Eisenbahn.' strecken Salzungen-Vacha-Gerstungen, Vacha-Geisa und Dorndorf-Kaltennordheim soll jetzt auch bi< Heizung der Personenzüge im Winter von bog Lokomotive auS geregelt werden.

* Vacha, 6. Nov. 1912. Postassistent Rödigeih wurde nach Stadtlengsfeld verseht.

* Merkers, 6. Nov. 1912. Ein Arbeiter wurde kürzlich eines Abends von einer Frau gebeten, er möchte doch einen Augenblick ihr Paket halten. Die Frau verschwand auf Nimmerwiedersehen. Groß war des Mannes Erstaunen, als er aus dem Pakä ein leises Wimmern hörte und beim Oesfnen ein kleines Kind vorfand. Dem Palet waren zwei Hundertmarkscheine beigelegt und ein Brief, in dem mitgeteilt wurde, daß der beiliegende Betrag al- Pflegegeld Verwendung finden möge; weitere Unter* stützungen würden folgen.

* Birx 6. Nov. 1912. Die Vorarbeiten zur Separation find, soweit sie sich auf Benutzung deS BodenS beziehen, abgeschlossen. Die roeitetea Arbeiten müssen wegen des eingetretenen Schnee­wetters eingestellt werden. — In unserer südlichen Flur (am Moorhang) ist ein Bohrturm errichte^ um die Mächtigkeit des im „Leitengraben' bei Wüstensachsen erschlossenen Kohlenlagers festzustellen. Tagtäglich kann man im Ulstergrund schon^Fuhr* werke beobachten, die Kohlen absahren.

Aus Gberheffen u. den Hess. Aemtern.

* Marburg, 6. Nov. 1912. Zu einem eigenartigen Streik kam es am Sonntag tm nahen Elnhausen»' wo Kirmes gefeiert werden sollte. Als der Festwirt nicht mit den Burschen über das Tanzgeld einig wurde, beschlossen sie, nach dem Nachbardorfe Dilsch­hausen, wo ebenfalls Kirmes war, zu ziehen. Auf dem Wege dorthin wurden di« Burschen jedoch von einem vom Wirte nachgesandten Radfahrer einge« holl, der ihnen mitteilte, daß der Wirt, nachdem auch di« Tanzmädchen Miene gemacht hätten, de« Beispiel zu folgen, mit allem einverstanden sei. Di« Burschen holten sich dann einen mit Kühen be­spannten Wagen und fuhren unter .kräftigem* Gesänge zur KirmeS ihres HeimatSdorfeS zurück.

* Kirchhain, 6. Nov. 1912. Die Automobilverbin-, düng von hier nach Kirtorf dis Ehringshausen rotrb- am 1. Dezember eröffnet. Die Wagen werden zweimal täglich hin und zurück fahren. Mit dem 1. Februar 1913 wird die Privat-Omnibusverdin* düng zwischen Kirchhain, Gemünden und Haina eingehen und bet Betrieb durch Postautomobil ersetzt werden.

* Zimmersrode, 6. Nov. 1912. Kellerwald und. Knüllgebirge prangen in schönstem Winterkleid«.! DaS Wmlerwelter hält hier noch an. — Der hessische Dichter Dr. Speck, der augenblicklich noch an der Strafanstalt in Moabit seelsorgerisch tätig ist, wird in nächster Zeit seine Funktionen als evangelischer Pfarrer hier aufnehmen.

* Rauschenberg, 6. Nov. 1912. Bei den Arbeiten am Bau Der Wohratalbahn ist Tag- und Nacht- chicht eingelegt. Es ist daS nötig, wegen des vielen Grundwassers, das während längerer Arbeitsruhe ich einstellen würde.

* Ebsdorf, 6. Nov. 1912. Di« Gemeinde-Der- tretung in Leidenhofen hat nun auch beschlossen ein« Wasserleitung für das Dorf zu bauen. Zu diesem Zweck sind bereits zwei Quellen in der Näh« von Leidenhofen eingefaßt worden. DaS Quell« wasser im Ueberfluß vorhanden ist, wäre auch für Ebsdorf die beste und billigste Gelegenheit gegeben

3m Schutze des Zauberers.

67] Englisch-indischer Roman von E. A. Heuty.

„Und Du selbst — vermag Deine Kunst in dieser Sache nichts?"

„Es würde leicht genug sein, die äußere Schild- wache nur durch eine Bewegung meiner Hand in Schlaf zu versetzen; unmöglich aber ließe sich auf den Posten im inneren Hofe und die dort die Auf- K führenden Männer, die ich nicht sehen kann, gleicher Weise einwirken. Nein, nein; dies alles bedarf noch reiflicher Ueberleguug. Zunächst beab­sichtige ich, mich d:m Ra;ah vorzustellen. Sein Zorn wird nun wohl verraucht und er vielleicht meiner Dienste benötigt sein, so daß ich in seinem Palaste wieder ungehindert aus- und eingehen und dabei die für uns wichtigen Erkundigungen einziehen kann."

„Tue das, Rudschub. Von mir aber, hoffe ich, wirst Du nicht verlangen, daß ich noch länger un= = tätig hier im Zimmer sitzen soll."

„9iein, Herr; Du kannst Dich in dieser Ver­kleidung ruhig auf die Straße begeben und Dich unter das Volk mischen, um zu hören, was hier und da gesprochen wird. Wenn Du erlaubst, will rch Dich noch ein wenig begleiten und auch meine Tochter mit mir nehmen; sie könnte Dir von Nutzen sein."

Sie gingen hinaus und schritten durch die Stadt nach dem Gefängnis. Es lag auf einem großen freien, von verschiedenen anderen Häusern um­gebenen Platze und wurde auf drei Seiten von niedrigen, mit einem flachen Dache versehenen Ge­bäuden gebildet, deren Fenster sämtlich nach dem Hofe lagen. Tie vierte Seite schloß eine hohe, starke Mauer ab, vor deren festem Tore ein Doppelposten aufgcstellt war. Es waren zwei Soldaten in der roten Sepoy-Uniform, und Bathurst sah sogleich, wie gelockert die Bande der Disziplin waren. Beide hatten ihre Gewehre gegen die Mauer gelehnt; einer lag auf der Erde neben seiner Waffe, der

andere unterhielt sich mit zwei oder drei Eingebore­nen seiner Bekanntschaft. Das Tor war geschlossen.

Während sie langsam vorüber wandelten, kam ein Offizier, redete die Soldaten, die sogleich ihre Gewehre ergriffen hatten, scharf an und klopfte an dir Pforte. Ein Mann schaute durch eine kleine Oeffnung, nahm das Papier, das der Offizier ihm hinhielt, in Emvfang und öffnete dann erst den großen Torflügel, um ihn gleich hinter dem Eiu- tretenden wieder zu verschließen.

„Es sieht mir nicht so aus, als könnten wir hier irgend etwas ausrichtrn, Rudschub", flüsterte Bathurst. „Ta wäre es fast leichter, die Mauer des Hauses mit Hilfe eines Strickes zu erklimmen. Aber das würde nur erst der Anfang sein; die bei weitem größere Schwierigkeit läge dann, die Ge­fängnistür zu öffnen und nachher aus dem Hause herauszukommen. Gerade in der Nacht werden die Leute besonders auf der Hut fein, denn sie wissen, daß ste mit ihrem Kopfe für jede Gefangene, die sie entwischen lassen, einstehen müssen.^

„Ich glaube nicht, daß sie besonders ängstlich sind; sie werden es gar nicht für möglich halten, daß eme der Frauen den Mut zur Flucht findet, und zweifeln auch nicht daran, daß sie ihrer gleich wieder habhaft werden würden, falls sie wirklich ins Freie gelangte."

„Auf welcher Seite liegt das Gefängnis der Frauen, Rabda?" fragte Bathurst.

„In dem Flügel linker Hand wenn man durch das Tor in den Hof tritt; es ist ein großer, gewölb­ter Raum, der fast von der Erde bis an das Dach hinaufreicht. Di: Fenster sind mit Eisenstäben ver­gittert; die Tür — sehr stark und schwer — be­findet sich am äußersten Ende."

„Das muß uns wohl für heut genügen, Herr", warf der Gaukler hier ein. „Ich will nun mit Rabda nach Haufe gehen und mich zu meiner Fahrt nach Bithur rüsten."

„Gilt, Rudschub. Ich werde unterdessen noch hier bleib:n und meine Beobachtungen fortfetzen."

Es gab in der Tat genug zu sehen und zu hören, denn es hatten sich viele Äienschen auf dem Platze

eingefunden, die alle neugierig das Gefängnis um­standen. Frauen erhoben ihre Kinder in die Höhe und erzählten ihnen von den Weißen, die in jenen Mauern eingeschlossen waren. Die Männer mach­ten rohe Scherze über das wahrscheinliche Schicksal der gefangenen Frauen oder stießen Verwünschun­gen gegen die Fremdlinge aus. Sepoys sprachen ruhmredig von den Waffentaten ihrer Landsleute und vermaßen sich, die Engländer bald alle aus dem Lande zu jagen; aber obwohl sie laut und eifrig durcheinander schwatzten, schien es Bathurst doch, als wären die meisten von ihnen lange nicht mehr so siegesgewiß wie im Anfänge des Krieges. Nicht weit von diesen sah man andere Gruppen stehen, die sich nur in leisem Tons unterhielten. Es waren Kaufleute, Männer, welche durch die in Cawnpore stattgefundenen Ereignisse ihre ganze Existenz verloren batten. Ihre besten Kunden wa­ren getötet, ihre Läden in der allgemeinen Verwir­rung von dem Pöbel geplündert worden, und sie selbst hatten vor der Wut desselben nur durch das Einschreiten einiger Offiziere geschützt werden kön­nen.

Wohl vier Stunden lang strich Bathurst zwischen diesen Menschen umher, bis die Nacht hereinbrach und sie sich langsam zu verlaufen begannen. Eine kleine Abteilung Soldaten kam und loste die Wache ab. Diesmal wurde dieselbe vor dem Tore verdop­pelt und je ein Posten an den drei anderen Seiten des Gebäudes ausgestellt» Nachdem er dies noch gesehen hatte, begab sich Bathurst nach Hause, wo nach vollendeter Abendmahlzeit Rudschub und dessen Tochter sich zu ihm gesellten.

„Nun, Herr", sagte erfterer, „können wir Dir, denke ich, erzählen, wie es der Dame geht. Nach­dem Rcwda sie gesehen, mit ihr gesprochen und sie berührt yat, ist der geistige Verkehr, der vorher un­möglich war, hergestellt. Es herisscht Sympathie zwischen diesen beiden." Er setzte Rabda in einen Stuhl, legte seine Hand auf ihre Stirn und strich mit den Fingerspitzen mehrmals leise über ihr Ge­sicht. Ihre Augen schlossen sich. Er faßte ihre Hand, — sie fiel schlaff und willenlos nieder. Nun

sprach er in befehlendem Tone: „Geh nach dem Gefängnis." Er wartete einen Augenblick, „®ift Du da?"

„Ich bin da", sagte sie.

„Bist Du in dem Raume, wo die Frauen sind?"

„Siehst Du die Dame, die Du dorthin geführt?*, „Ich sehe sie."

„Was tut sie?"

„Sie liegt still; die andere junge Dame sitzt neben ihr. Ihr Gesicht ist verbunden; aber ich kann sehen, daß sie nicht mehr so leibet, wie heut morgen, Sie sieht ruhig und glücklich aus."

„Versuche mit ihr zu sprechen. Sage: „Fasse Mut; wir tun, ^oas wir können." Sprich, ich be­fehle es Dir."

„Ich habe gesprochen."

„Hört sie Dich?"

„Ja. Sie hat sich auf ihren Arm gestützt; sie blickt verwirrt um sich und fragt die andere Dame, ob sie etwas gehört habe. Diese schüttelt den Kops. Sie vernimmt meine Worte, aber versteht sie nicht."

Rudschub sah Bathurst an, welcher mechanisch die Botschaft auf Englisch wiederholte."

„Sprich noch einmal mit ihr. Sage ihr diesem Worte" und Rudschub wiederholte den Satz noch­mals in englischer Sprache.

„Versteht Sie Dich jetzt?" ,

„ „Sie versteht mich. Sie hat erstaunt ihre Hände zufammengelegt und blickt suchend umher."

„Das genügt. Geh nun hinaus auf den Hof; was siehst Du dort?"

„Ich sehe acht Männer um ein Feuer herum* sitzen. Einer steht auf und geht nach dem vergitter-. ten Fenster. Er sieht hinein."

„Ist die Tür verschlossen?"

Ao."

"Wo ist der Schlüssel?" ...

Sie schwieg.

„Wo ist der Schlüssel?" fragte er noch einmal,

„Im Schloß." - -*

.Fortsetzung folgt.)