M 255.
Mittwoch 6. November M2
59. Jahrgang.
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... V 2. Blatt. .
« vr»S nn5 Verlag der 5»ldaer ItHtetmdnd
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Die preußischen Landtagswahlen.
Die Verhandlungen der lehren Tagung des preußischen Abgeordnetenhauses in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung werden vielfach im Zeichen der bevorstehenden Neuwahlen stehen und auch im Lande beschäftigt man sich mehr als sonst mit den Arbeiten des preußischen Dreiklassenparla- nents.
Die Wahlen sollen im Sommer oder Herbst nächsten Jahres vorgenommcn werden, und wenn Re im allgemeinen auch nicht einen solch erregten Verlauf nehmen, wie die Reichstagswahlen, so hat Bayern dock gezeigt, in welch heftiger Weise auch die Laudtagswahlen ausgefochten werden können. Alles spricht dafür, daß gerade die nächsten preußischen Landtagswahlen nicht so ruhig von- Slätten gehen werden, wie frühere. Die Sozial- > e m o k r a t i e rüstet sich allerorts bereits auf einen scharfen Borstoß und will gemeinsam mit dem Linksliberalismus die Wahlkämpfe mit der Parole der Wahlreform führen. Sie hoffen damit ähnlich gut abzuschneiden, wie im Reiche tm Ja ruar dickes Jahres mit der Hetze gegen die Ilcichssinanzreform.
Bekanntlich erstrebt die Linke die Uebertragung des Reichs tags Wahlrechts auch auf die Einzelstaaten. Auch das Zentrum hält diese Uebertragung für wünschenswert, ist sich aber klar darüber, daß in absehbarer Zeit in Preußen nicht daran zu denken ist, da sowohl die Regierung als auch die Mehrheit der zweiten Kammer und das Herrenhaus dieser Uebertraaung nicht zu st im men werden. Darum ist das Zentrum stets bemüht gewesen, nicht durch fruchtlose Forderungen, sondern durch aangbare Vorschläge eine Verbesserung des bestehenden Dreiklassenwahlrechts herbeizuführen. Eine Neueinwilung der Wahlkreise hält das Zentrum vor der Hand noch nicht für nötig, denn nicht die Volkszahl allein, sondern auch die Ausdehnung eines Wahlkreises muß in Betracht gezogen werden. Teni Zentrum kommt es vor allem auf die Durchführung des geheimen Wahlrechts an; die Unabhängigkeit der Wähler muß nach oben und nach unten gewahrt werden. Das direkte Wahlrecht wäre gewiß wünschenswert, doch ist es für die Freiheit der Wahl nicht von so großer Bedeutung, als daß durch Beharren auf die- fcr Forderung alle Wahlrechtswünsche unter den Tisch fallen müßten. Darum hat das Zentrum auch 1910 für die Beibehaltung des indirekten Wahlrechts gestimmt. Der Beseitigung der D r i t- telung in den Urwahlbezirken hat sich das Zentrum mit Recht widersetzt, weil es in ihr das beste Mittel zur Abschwächung des plutokratischen Charakters des Wahlrechts und zur Geltendmachung des Mittelstandes erblickt.
Um die Wahlreform wird im bevorstehenden Wahlkampf heiß gestritten werden. Die Linke hat dabei den Vorteil, da sie wie immer mit den größten Forderungen vor die Wähler hintritt, unbekümmert darum, ob sie zu verwirklichen sind oder nicht. Allem Anscheine nach wird die Fort- schrittsparrei sich der Sozialdemokratie wieder anbieten, um zu einem Rotblock mit ihr vereinigt den schwarz-blauen Block zu Fall zu bringen. Ob sich auch bte Nationalliberalen zum Rotblock schlagen werden, dürste doch ztveifclhaft sein, denn die nationalliberale Fraktion im preußischen Landtage hat bisher wenig Neigung gezeigt, der Sozialdemokratie die Hand zu bieten.
Ganz besonder; Wichtigkeit aber erlangen die nächsten Landtagswablen dadurch, daß sich der Kampf um die Schule im nächsten Landtag mit neuer Heftigkeit entfachen wird. Schon jetzt hat man mit der Cntkirchlichung der Fortbildungsschulen begonnen: der Einfluß der Kirche auf die Schulen ist jetzt schon bis auss Aeußerste beschränkt worden: es besteht die Gefahr, daß die Linke, wenn he verstärkt aus den Neuwahlen hervorgeht, mit ihren Forderungen nach gänzlicher Unabhängigkeit des Unterrichts von der Kirche, der Beseitigung der ?geistlichen Sck;ulaufficht, der allgemeinen Volksschu- en ohne konfessionelle Trennung usw. noch mehr durchdringen wird.
E» darf allerdings als ausgeschwssen gelten, daß der nächst» Landtag eine Mehrheit der radikalen Linken ergeben wird, aber Wohl ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß Zentrum und Kon-
servative, die bisher eine Mehrheit bildeten, in die M i n d e r h e i t gebracht werden. Damit gäbe es aber auch keine Mehrheit mehr für konfessionelle Schul- und Kirchenpolilik. Darum tut es not, daß das Zentrum alle Kräfte anspannt, um den gegenwärtigen Besitz zu wahren; es darf nicht zu spät auf dem Plane erscheinen, denn auch in den anderen Lagern regt es sich bereits.
* Die Jemitenhetze künstlich gemacht.
Im Jahre 1872 waren es di.' Freimaurer und di ’ ungläubigen Protestantenve r e i n- l e r, welche einen großen Petitionssturm an stifteten, der auf den Reichstag wirken sollte- In Nr. 15 (Jahrgang 1872) der „Bauhütte", Organ des Vereins deutscher Freimaurer, Handschrift für Br. Fr. Nir., war folgende Aufforderung zu finden:
<S« läßt sich eiroaiitn, daß alle Br. Maio.er Vie in Umlauf gesetzten Adressen, betreffend die Vertreibung der Jesuiten, dieser schlimmsten Femde der Toleranz und Zivilisation !, der Verderber der Moral !!!, der ßerußier des Friedens, der Freiheit und des Vaterlandes und der geschworenen Gegner D er Freimaurerei (!!!!, nicht nur selbst mit unter- zeichnen, sondern daß sie auch tie Unterzeichnung und Verb eiluna dieser Adressen allewege tördern. Wir halten es ,ür unsere Pflicht, den Brüdern dieses hiermit noch besonders ans Aen zu lenen. Die Nedokion
Schon im Oktober des Jahres 1871 hatte der Protestantentag in Darmstadt eine Resolution gegen die Jesuiten beschlossen, deren Inhalt den Petitionen um Vertreibung der Jesuften zugrunde gelegt tourbi. Diese Petitionen waren alle nach einem "Schema abgefaßt.
Inzwischen ist 1887 der Evangel i s ch e Bund gegründet worden, der es als seine höchste Aufgabe betrachtet, nicht etwa das Evangelium von Jesus Christus, dem eingeborenen Sohn Gottes, gegenüber den Leugnern im eigenen Lager zu verteidigen, sondern gegen die katholische Kirche zu kämpfen. Der Evangelisäse Bund hat dabei auch von den Freimaurern und Protestantenvereinlern die 'Aufgabe übernommen, einen Petitionssturm gegen die 'Aufhebung und sogar gegen jede mildere Anwendung des Jesuitengesetzes anzuzetteln.
Künstliche Mache! Aber wie ,es gemacht wird, zeigt uns ein Rundschreiben des Vorstandes des evangelischen Hauptvereins des Evangelischen Bundes an die evangelischen Pfarrämter. Dieses Rundschreiben, das als Aktenstück zrir Geschichte der Hetze gegen die katholische Kirche (nicht allein gegen die Jesuiten) einen kulturhistorischen Wert beanspruchen darf, hat nach der „Neiffer Zeitung" folgenden Wortlaut:
Achleflich-r Hauplorrem des Evangelischen Bundes (E. B.) Eilt sebr! Breslau XVIII, den 18. Oktober 1912. Günlher'iraße 4. Dem hochwürdigen Pfarramt erlauben wir uns iolgenie ganz eraebene Brite vorzmragen: Di« Frage der Widermwlsung der Jesuiten steht unmittelbar vor ihrer Entichervung. Der Ulira» onianismus sammelt leine Streit alle zu ge wolligem An urm. Nachdem die Blschöse voranpe- ganaen, we ben die Gemeinden mobil gemacht, Tausende von Versammlungen tollen abqehalten, Reichstag und Bundesrat mit Resolutionen iibetldiüttei weide". Sollen wir untätig bleiben V Soll die Reg e- ruug der Meinung meinen, daß unS Evangelischen diele Sache gleichgültig ist? Wohl, für unseren evangeluchen Glauben brauchen wir nicht zu rürchlen. Aber es aebt um den Bestand unseres von schweren inneren Kämpfen ohnehin schon erlchütlerlen und zerklusleten Volk tum , um leinen Friedin, seine Einheit und seine höchoen Güter, um untere ganze nationale Kratt. Die auch von gegnerischer Seite wieder he:vorgeholten und zum Programm erhobenen Erinnerungen an die Gegen- refermatten lehren uns, was uns bevoisteht, wenn Rom seine Herrschaft in Deutlchland noch weiter au»beb ■ en darf. Hierin liegt die große Verantwortung, bte wir Evangelischen vor der Geschichte und vor der Zukunft tragen und der stch namentlich auch unsere Gemeinden uns Korporationen nicht entziehen dürfen. Im Hinblick vaiauf buten rott das hochwürdige Piairamt, zu erwägen, rn welcher Weite auch dortieits gegen die drohende Jeluitengesahr Stellung genommen werden kann. Wir empfehlen, entweder eine Abwehr-Versammlung der sämtliche» evangelischen Vereine eiuderufen, — gteichviel welche Ausgaben diese Perrine sonst erfüllen und roelcher Richtiing sie etna angehüren, den» sie sind in ihrer Wirtsamkeit gleichmäßig bedroht l — ober wen iahens die Vorstände der Vereine zu einer gemeintamen Kundgebung namens der gesamten Mitglieder zu veranlassen. Die gefaßten Ent
schließungen, für die wir uns gestatten ein Muster bei» zlistigen, und in denen nicht nur gegen die Aushebung, sondern auch gegen jede Abschwächung des Jesuilen- geietzes protestiert werden muß, bitten wir an den Herrn Reichskanzler, die Vertreter Preußens im Bundesrat und an bte Reichs- und Landtagsabgeordnelen des dortigen Wahllreiies, auch an sonst geeignet erscheinende Personen, Vereine, Zeitungen ufro. senden zu wollen. Da die Entscheidung in lurzem bevor'teht, ist möglichste Beschleunigung dringend geboten. In ausgezeichnete Hochachtung mit deutsch-piotestantischem Gruß ganz ergeb' nft Der Vorstand des Schief. Hauptvereins des Evangelischen Bundes (E. B.): Geh. Reg.-Rat Dr. Fried nsburg, Vorsitzender.
Wir hoben in diesem Vorgehen bes Vorstandes des Schlesischen Hauptvereins des Evangelischen Bundes den überzeugenden Beweis dafür, wie die Heye gegen bie katholische Kirche und insbesondere gcgne die Jesuiten künstlich in die protestantischen Volks kreise hineingetragen wird, und zwar von einer Zentralstelle aus. Und wenn der Vorsitzende dieser Zentralstelle ein hoch- gestellter Beamter ist, wie der Geheime Regierungsrat Dr. Friedensburg („a. D. schreibt er nicht dazu", bemerkt die „Reisser Zeitung"), dann wird damft auf die evangelischen Pfarrämter noch ein befonderer uwralischcr Druck ausgeübt.
Auf den Inhalt der „Vluster"-Resolution und das Rundschreiben des Herrn Geheimen Regierungsrats Dr. Friedensburg brauchen wir hier kaum einzugehen; es genügt die Feststellung, daß hier in demselben Atemzuge die Wahrung des konfessionellen Friedens als Vorwand benutzt wird, da man den konfessionellen Haß schürt und den Ruf der Katholiken nach Gerechtigkeit, nach Aufhebung eines gegen die katholische Kirche gerichteten Ausnahmegesetzes, zu ersticken sucht Soll es denn dem Evangelischen Bunde überlassen sein, im Deutschen Reiche zu regieren und für die katholische Kirche nach seinem Gutdünken das Maß von Freiheit vorznschreiben?
Für die gläubigen Protestanten ergibt sich noch folgende Betrachwng: Der .Kulturkampf der 70er Fohre wurde angezeftelt von Freidenkerlin- gen und Protestantenvereinlern, die schon damals den Bau der evangelischen Landeskirche nicht weniger zu unterwühl:n trachteten als die katholische Kirche. Der Kulturkampf hat der evangelischen Kirche mehr geschadet als der katholischen, das staben einsichtige Protestanten schon, längst erkannt. Auch der Evangelische Bund hat immer unverhüllter als eine Organisation der Zersetzung und Beiseiteschiebring des Glaubensgehaltes im Protestantismus sich erwiesen, sodaß neuerdings im Evangelischen Volkskunde eine Gegenorganisation geschaffen ist. Vor 40 Jahren haben auch sehr viele gläubige Protestanten den Jesuitenrummel und die Katholikenhetze mftgemacht. Werden sie jetzt wieder den Feinden des christlichen Gedanken» auf den Leim gehen?
..DeutschesNeich.
*♦ Erzbischof Dr. Thomas Nörber zu aktuelle» Fragen bet Gegenwart. In der Rede, die der Herr Erzbischo, 'in der großen Katholikenvcrsamm- lung für Freiburg und den Breisgau hielt, führte et il. a. folgendes aus:
„Ich kenne die Jesuiten seit den Tagen meiner Kindheit. Als Knabe war ich Zeuge von Jesuiten- Missionen. Ich war Zeuge davon, wie sie tief eingegriffen baßen in die Hebung des sittlichen Lebens, wie sie mächtig gestärkt haben die Autorität. Die Jesuiten waren eS, die nach dem Sturmjahre 1848 vom Staate gerufen wurden, um der Autorität aufzuhelfen. In allen Tagen meines Lebens habe ich die Jesuiten als Mär ncr von tiefem sittlichem Ernst und als Männer eines untadclhaften Lebens kennen gelernt und ihre Leistungen auf allen Gebieten bewundert. Seit 40 Jahren ist man in Deutschland daran, den Jesuiten irgend einen Makel anzuheften. Wir sind stolz darauf, daß es bisher nicht gelungen ist, weder dem Jesuitenorden, noch einem einzelnen Mitglied desselben einen Fehltritt nachzuweisen. (Lebhafter Beifall.) Das Je- suilengesetz wird eines Tages fallen, wenn wir nicht erlabmen, immer wieder nach der Rückkehr der Jesuiten zu rufen und immer wieder verlangen, was wir von Gottes- und Rechtswegen verlangen können. (Lebhaftes Bravo!) Am allersichersten lernen wir kennen, was uns nützt oder schadet, wenn wir die Taktik unserer Feinde beachten. Da fällt mir nun gerade in unseren Tagen zweierlei auf. Man sucht uns Katholiken
3m Schutze des Zauberers.
66f Englisch-indsscker Roman von E. A. Henty
Sie faltete bas Blatt unb gab es Rabda; diese küßte ihr bie Hand zum Abschied, zog ihren Schleier Wiebe: vor bas Gesicht unb ging nach der Tür, bte sich in demselben Moment öffnete, um einige Männer, welch; einen großen Kessel mit Reis trugen, hereinzulassen.
Ungehindert ließen bie Schildwachen sie passieren; denn der Offizier hatte dieselben davon unterrichtet, daß eine Frau aus der Zenana des Rajahs in Kürze das Haus verlassen würde. Eingehendere Instruktionen schien die Hauptwache an dem äußeren Hoftore erhalten zu haben. Rabda wurde auf- geforbert, Hand und Arm zu zeigen, damit man sich überzeugte, daß nicht etwa eine der weißen Gefangenen in dieser Verkleidung zu entschlüpfen suchte. Tann war ihr Weg frei, und sie eilte nach der Wohnung ihres Vaters.
Wie sie vermutet hatte, traf sie weder ihn noch Bathurft zu Hanse an, denn es war verabredet worden, daß sie sich um acht Uhr im Garten des Palastes treffen wollten Erst um elf kehrten sie zurück, tn großer Sorge wegen ihres Nichterscheinens.
„Was ist geschehen? Weshalb kamst Dil nicht?" fragte ihr Vater, als sie eintraten.
Rabda berichtete schnell die Vorfälle, die sich im jiDifcbcn zugerragen, unb übergab Bathurst die bei- den -<rtefe, welche sie von Isabella empfangen hatt:.
'.'^onii ist sie also in Sicherheit bei den ande- ren. nef bxefer voll Freude aus. „Mein Gott, wie dan.e ich lil,b auch Dir, Mädchen, die Du uns so treulich geholfen hast!"
„Mein Leben und alles, was ich kann und habe, stelle ich in den Dienst meines H:rrn", antwortete sie ruhig.
„denn wir es nur gewußt hätten, Rudschub, so I oürden wir sie vielleicht auf dem Wege getroffen hiik tn!"
„Unmöglich, Herr; es waren zu viel Leute auf der Straße, als daß wir es hätten wagen dürfen."
„War sie sehr entstellt, Rabda?" fragte Bathurst.
„Schrecklich", gab das Mädchen in kummervollem Tone zurück. „Das Mittel muß zu stark gerne» sen fein."
„Es war stark, gewiß: aber wenn sie es so angewendet hatte, wie ich sie gebeten, könnte doch nur die Oberfläche der Haut verletzt sein."
„Sie war furchtbar verbrannt, Herr; selbst ich vermochte sie kaum zu erkennen. Sie hat schr zu leiben, doch trägt sie es standhaft, und soviel ich konnte, habe ich ihr Erleichterung ;u schassen ge» sucht. Jetzt ist sie bei ihren Freunden, de» weißen Frauen, bte mit ihr gefangen wurden "
„Nun, Rgbda, sich, ob wir etwas zu essen bekommen können", sagte Rudschub. „Wir alle habe» feit heute morgen fast nichts genossen."
Er verließ mit ihr das Zimmer, damft Bathurst ungestört die Bries: lesen könne, die er noch immer uneroffuet in seiner Hand hielt, wohl fühlend, daß sie allzu kostbar seien, um im Beisein anderer erbrochen zu werden.
Als Rabda natb einiger Zeit mit seinem Frühstück hereinkam unb einen Blick nach ihm hinwarf, sah sie, baß er tiefbewegt war. Sie ging zu ihm und legte ihre Hand auf seine Schulter.
„Du wirst sie Wiedersehen, Herr. Wir haben bis hierher Erfolg gehabt und werden auch fernerhin nicht vergeblich arbeiten. Was wir bis jetzt getan; war weit schwerer als das, was uns noch zu tun bleibt: denn es ist leichter, zwanzig Gefangene aus deut Kerker zu befreien, als eine einzige Frau aus der Zenana eines Rafah."
„Das ist sehr richttg, Rabda. Auch dachte ich in diesem Augenblicke nicht hieran, sondern an andere Ting:."
Er sehnte sich nach Teilnahme und Verständnis: aber er wußte, daß das Mädchen ihn nicht begreifen würde, wenn er auch versuchen wollte, ihr seine Gefühle klar zu machen. Für sie war er ein Held, und eS würde ihr als eine Torheit erschienen sein.
wenn er ihr gesagt hätte, er fühle sich Isabella Hannah gänzlich unwert.
Sobald er sein Frühstück beenbet hatte, trat Nud- schub toieber herein. „Was gedenkt der Herr nun zu tun?"
„Mr scheint, es bleibt uns gegenwärtig nichts anderes übrig, als zu warten, bis die englischen Truppen kommen, Rudschub."
„Dann will der Herr nach Allahabad gehen?" „Gewiß nicht. Ich habe überhaupt keinen be- ftimmten Plan."
„Die Sache ist nämlich bie", sagte bet Gaukler bedächtig: „Die weiße Frau ist allerdings für den Augenblick gerettet, -• wer kann aber sagen, was geschieht, wenn Eure Soldaten mit den Truppen Nena Sahibs zusaninientreffen? Das Volk wird blind vor Wut, der Rajah von Rachedurst erfüllt sein. Er sst ein Tiger in Menschengestalt, der das Opfer, das er einmal in seinen Krallen hält, nie wieder losläßt."
„Es kann sein, baß er, wenn unsere Heere siegreich vorrücken, die Gefangenen als Geitzäu benutzt und sie zu töten droht, nm dadurch sein eigenes Leben zu sichern; aber nimmermehr glaube ich, daß er es wagen würde, diese Drohung zur Ausfiihrung zu bringen. Oder hältst Du bas "für möglich?"
Rudschub zögerte ein wenig, ehe er sein Antwort gab. Dann sagte er ernst: „Ja. Herr. Der Rajah ist ein ehrgeiziger Mann, der, obgleich er alles besitzt, was anderen Sterblichen begehrenswert erscheint — (ihre, Ansehen und Reichtum, dennoch nicht zufrieden ist und weit mehr für sich erstrebt. Er hofft, nach Vertreibung der Engländer über alle Gebiete des Pendschab zu herrschen und einer der größten Fürsten im Lande zu werden. Um das zu erreichen und zugleich seinen Haß gegen die Weißen zu befriedigen, ist ihm kein Opfer zu groß, keine Tat zu schwarz. Er hat alles auf eine Karte gesetzt, und er weiß sehr wohl, daß wenn das Unternehmen fehlschlägt, er um der in Cawn- pore verübten Grausamkeit willen keine Gnade zu erwarten hat. Noch aber stehen ihm bedeutende
zu en tzweien, und man sucht tmS Katholiken ditz liebe und Anhänglichkeit zu dem Apo« tolischen Stuhle aus dem Herzen zu reihen. Huf diese zwei Versuche müssen wir unser Augenmerk richten. Unsere Stärke ist unsere Einheit. Es ist unS Katholiken so leicht, die Einheit z» wahren, da alle Bedingungen für dieselbe unS gegeben sind. Examiniere man unS Katholiken in allen Weltteilen, und man wird finden, daß wir in allen wesentlichen Fragen einig sind. Wenn es da oder bon nicht stimmen könnte, so nur in nebensächlichen Dingen und nur deshalb, weil Mißverständnisse vor- liegen oder dah da oder dort die Leidenschafllichkeft zu weit geht. Es sollte uns deshalb meines Erachten» nicht schwer sein, unsere Einheit und damit unsere Stärke zu. erhalten. Wenn es nun den Anschein hat, als sei diese Einheit nicht allüberall vorhanden, so nur aus dem Grunde, dah auf zweiSeitenFehler begangen werden. Es wäre gewih ein Fehler, wenn man den Katholizismus verwässern würde. Es ist aber auch ein Fehler» wenn man jeden, der da und dort einmal eine verkehrte Meinung äuhert, gleich als einen Ketzer anklagt und verfehmt. Und nun das Zweite: Man sucht uns Katholiken die Liebe zum Hei- Ilgen Vater zu rauben. Wie geht das zu? So oft eine Weisung des Heiligen Vaters zu er- warten ist, wird, ehe noch näheres bekannt ist, schon von gewisser Seite dagegen gehetzt. Es wird geschrieben und gehetzt, dah sich bedauerlicherweise soaar ein Teil unserer Freunde davon beirren loht. Ist dann der Sturm vorüber, so kommt man bei ruhiger Ueberlegung zu der Ueberzeugung, daß der Heilige Vater doch eigentlich recht gehandelt hat. Wenn ein Schiff vom Sturm bedroht und der Steuermann im Kampfe mit den Meereswogen de» Kon:pah verloren bat, dann toartet er, bis das Wetter wieder klarer wird, und schaut dann aus nach dem unverrückbaren Polarstern. Der gibt dann ihm wieder Ziel und Wege an. Der Polarstern in der Wett sst der Heilige Vater in Rom. Seit das Chri- stentum besteht, war der Papst der Führer der Volker. Wo sic ihm gefolgt, haben die Völker eine ruhige und glückliche Entwicklung genommen. Lassen Sie un» darum auch in den stürmischen Zeiten der Gegenwart unfern Blick richten zn,n Papsttum in Rom als «t unserem uns sicher führenden Polarstern. Gewiß war es daS Werk der Vorsehung, dah das Lehramt der Kirch. auf dem letzten Konzil in den Vordergrund gerückt wurde. Folgen wir immer genau den Weisungen deS Heiligen Vaters, die ja nur zu unserem Besten sind. Fassen wir heute auf? neue den Vorsatz, treu und fest zum Lberbaupte der Kirche, zum Heiligen Vater, zu stehen. Dann sind wir auch die treuesten Stützen deS Thrones und der bürgerlichen Ordnung."
Ausland.
Ä Die portugiesischen Freimaurer wollen durch einen internationalen Freivenkerkongresi, der im nächsten Jadr in Ihffabo > zu'ammentrilt, den Glanz des eucharistischen Kongresses in Wien per« vunkeln. Gleichzeitig soll dabei bie drille Jahresfeier oer Gründung der „glorreichen" Repub ik begangen werden. Der Grossmeister der portngiesiichen Loge, Magalhaes Lima ist der Einberufer dieses Kongresses. In Lissabon st es besonders das Loaenblait,El Mundo', das stch für das Zustandekommen des Frei- denterkonaresses einfetzt. Es besckwört olle Freimaurer und Freidenker der „z>vrlisterttn" Welt, im nächsten Oklober nach Lissabon zu kommen, um zu bewei en, daß das „ein; oe wirklich erlöste Land Portugal" (wo man tm Namen der Freiheit ein« lerfert und mordet) ist und sichert ihnen eine be« geisterte Ausnahme zu.
Q Der Triumph bt8 Kreuzes. Seit dem Jahre 1889, in dem tn Brasilien die Trennung zwilchen Kirche und Slaal erfolgte, war das Kreuz aus den Schulen und Gerichlsiälen entfernt. Im Laute bet Jahre jedoch begann sich in der öffentlichen Meinung em heilsamer Umschwung bemerkbar zu mal en und m verschiedenen Teilen bet iRepubli. brachte man tn den Schulen und in den Gertchtsflilen das Kreuz wieder an seinen Platz. Mit Ausnahme von ParL, wo man vor einigen Jahren das Kreuz in feierlicher Werse in bte Gerichtssale zurückbrachte, hatte jedoch bis jetzt keine andere Stadt diesen Akt der Genugtuung erüüt, bis jetzt San Paolo, bie Hauptstadt eines bet blühendsten und reichsten Staaten Brasiliens, mit gutem Beilptel vorangrgaugen ist. Schon seit einiger Zeit hat e sich zu diesem Zweck ein eigenes Komitee gebildet, das eine Petition um Zulassung des Kruzifixes in der großen Aula deS Justizpalastes in bie Wege leitete. Die Tätigkeit Der Kommission war von Erfolg gekrönt und bte
Hilfskräfte zur Verfügung. Täglich laufen Nachrichten über neue Aufstände etn. Semdia's Armee will zu uns stoßen; Holkars wird wahrscheinlich folgen; ganz Oude sicht in Waffen und in Delhi liegt ein großes Heer. Auch wenn der Rajah hier besiegt würde, so wäre noch nichts verloren. Er selbst hat zivanzigtausend Mann, und mehr als zweihunderttaufend Bewaffneter befinden sich allein um Lucknow herum. Dorthin würde er sicher gehen, wenn er hier das Feld raumen müßte) vorher aber, dessen sei gewiß, würde er an allen Feringhi, die sich in seiner Macht befinden grausamste Rache nehmen. Denn er ist, wie ich Dir schon sagte, ein Tiger, der sich am gefährlichsten zeigt, wenn er verwundet ist!"
„Ich muß Dir Wohl glauben, Rudschub, obwohl es mir schwer wird zu denken, es könne solch ein Ungeheuer existieren, das itnstande Wäre, unschul- dtge Frauen und Kinder mit kaltem Blute abschlachten zu lassen. Auf jiben Fall will ich hierbleiben und die nächsten Ereignisse abwarten, ehe ich weitere Schritte unternehme. Ich kenne das Gebäude, in welchem sich Fräulein Hannatz jetzt befindet; eS ist, wenn ich nicht irre, ein großes, von allen Seiten eingeschlossenes Vier^, das feine Fenster nach außen hat."
„So ist es, Herr; es ist ein stark befestigter Ort und streng bewacht, sowohl vor dem Tore wie im Innern des Hofes."
„Wüßte man, daß die zur Wache bestimmten Leute stets aus demselben Regiment gewählt werden, so könnte man es vielleicht mit einer Bestechung versuchen."
„Das wäre ein Wagnis, zu dem ich nicht raten würde. Handelte es sich darum, einem Weißen die Kehle zu durchschneiden, so findest Du Dutzende von Männern, die für eine Rupie dazu bereit waren; etwas anderes aber ist es, wollte man von ihnen die Befreiung einer Gefangenen, die sie hassen, verlangen. Das könnte die übelstrn Folgen haben.
Fortsetzung folgt)