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39. Jahrgang

Fulda, Mittwoch den 30. Oktober 1912.

Erstes Blatt

Jtf 250;

der foq. allgemeinen Konfleoration tarn, sollte es jetzt jchlectzter gehen?

K Alles schon da-ewese«!

, Wer unsere Staat smänner von beute ärgern will, der »reift die Herrlichkeiten der BiSmarck'schen und matt die gegenwärtige Lage pechschwarz an, um ausrufen zu löntren: So tief sind wir ge­sunken !

-uch der Schulten des Berliner Kongresses von 1873 wird herausbeschworen und eine Träne zerdrückt ob der Tatsache, daß setzt kein Mensch an men -8erliner Kongreß denkt, sondern höchstens an et en Pariser.

War denn damals wirklich alle» so schön und heilsam, rote cs die Lobpreis« der Bergauaenireit hinstelicu?

Im Jahre 1912 hat die Dirlomatie den Ans. brach eines folgenschweren Balkankrieges nicht zu verhindern vermocht. Im Jahre 1877 aber auch nicht.

Heutzutage wird das friedliebende Europa durch die türkiichen Niederlagen beunruhigt, weil dadurch

Deutsches Reich.

" Berlin, 29. Oft. 1912. Ter Kronprinzbe- gibt sich Mittwoch nach Diünchen, um als 'Vertreter des Kaisers an der Befietmng der Prinzessin Rupp« recht teilzunehmen. — Der herrschende Mangel an Güterwagen und die Ueberlastung von

eine schwierige und gefährliche Neuordnung der Staatengrenzen und der Jnterefs-nsphLreu uotwendtg wird. Vor einem guten Menschenalter schufen die Siege der Russen eine ebenso bedrohliche Lage. AlS die Rusten vor Konstantinopel den Frteden von St. Siesano erzwangen da fUg für Gesamt, europa die Kriegsgefahr auf den Gipfel. Es galt einzurenken, und jedenfalls war damals dre Ausgabe der Beschneidung und Adjustierung der Siegesbeute nicht einfacher und leichter, ftl8 die jetzt bevorstehende Abfindung der Balkanstaaten.

Um das Kriegsglück nach dem (Sefamtintercffe Europas zu korrigieren, berief man 1878 den euro­päischen Kongreß nach Berlin. Das sah aus wie eine Huldigung vor dem neuen deutschen Reiche und wie eine Krönung der Bismarck'fchen Staatskuvst. In der goldig glänzenden Krone steckte» aber Dornen, starke und giftige Dornen. Fürst Bis» marck nannte sich selbst den ehrlichen Makler, und in der Tat hat er ehrlich gearbeitet in einem Aus« gleich, der dcn Frieden Europas erhalten konnte. Aber als Vorsitzender deS Kongrestes kam er in den Ruf deS europäischen Schiedsrichters und wurde verantwortlich gemacht für das Ergeb­nis des Kvnarestes. England, das damals vom Diesraeli-Beätonsfield kühn und klug geführt wurde, war der eigentliche Erpresser, der Rußland zum Verzicht auf einen großen Teil der Siegesbeute zwang, dasselbe England steht aber heute im Freundschaftsbunde mit Rußland, während die Rusten jener Zeit auf Deutschland, da? ihnen auf dem Kongreß nicht? zuleide, aber viel zugute getan hatte, ihren grimmigsten Haß warfen. Fürst Bis- marck selbst war von alters der und fortwährend so rustenfreniidlich, wie cs für einen deutschen Staatsmann nur möglich war; aber er wurde für die Russen der schwarze Mann, und zwar nicht bloß für die denkträge Bolksmaste, sondern bis in die höchsten Steife hinauf, so daß er sich sogar vor Alexander 1IL mühsam und ohne vollen Erfolg „rechtfertigen* mußte.

Ter Kongreß von Berlin war für Bismarck und die deustebe Politik ein ehrenvolles Unglück. Schon 1875, als Gortschaloff den nach Paris ge- richteten taltcn Wasferstrahl listig ausnutzie, bahnte sich die Annäherung zwischen Frankreich und Ruß» land an, und der Berliner Kongreß gab vollends den Ausschlag für die Entstehung des russisch- französischen Bündnisses. Dem Nachfolger Bismarcks tut man unrecht, wenn man ihm die Schuld an dieser Entwicklung zuschreibl. Ebenso wenig lag es in der Macht eines deutfchen Staats» manne?, den Anschluß des wirttchaftlicy und politisch eifersüchtigen England an den deutschfeindlichen Zweibund zu verhindern. Wenn überhaupt die bretfaebe Entente zu erschüttern ist, so kann es höchstens fetzt geschehen, wenn die Balkanwirren die Gegensätze Zwischen den Jnteresten dieser drei Staaten im nahen Orient zum Klappen bringen. Ter ge­meinsame Haß gegen Deutschland und bas mit ihm verdünnte Oesterreich hat aber immer noch eine gewaltige E nigungskraft.

Im Grunde genommen gibt e? keine wirklichen Ueberraschungen. Das beutschseindliche «Staaten» büubn'3 hat sehr alte Wurzeln. Die Diplomatie bat sich auch vor einem Menschenalter säum als unfähig zur Vermeidung eines Kriegsaushrucks erwiefen. Tas Kriegsipiel hat auch damals fchon Einen anderen Verlauf genommen, als die meisten

Mächte erwarteten und wünschten. Tie großen Schwierigkeiten und Gefahren des Kampfergebniffes sind damals überwunden worden, ohne daß es zu Warum

W. Konstantinopel, 29. Ott 1912. Wie „Jkdatn* erfährt, haben bulgarische Freischärler den Leuedt- türm von Midia in Brand gesteckt, um die türkische Flotte bei ihren Bewegungen im Schwarzen Meer zu behindern.

W. Sofia, 29. Oft. 1912. Außer der französischen ist auch eine deutsche Abteilung deS Roten KreuzeS hier eingetroffen. Die Rkfision ist trefflich aus­gerüstet. Vor allem verfügt sie über die vollständige Einrichtung für einen OperationSfaaL Die Mission wurde vom König perfönl'ch aufS herzlichste begrüßt ♦

* Die Stabt Adrianopel, der Schauplatz der gewal­tigen Kämvf: zwischen Bulgaren und Türken, ist eine türkische Stadt und Festung an der Maritza, an der Einmündung der Tundfcha (links) und der A r d a (rechts). Sie liegt in hügeliger, gut kultivier­ter Umgebung. Adrianopel ist im Frieden Haupt­quartier des türkischen II Armeekorps und nach Konstantinopel die bebcutenbft? Garnison der Türkei, mit großen Kasernen, Baracken und Lagerplätzen versehen. Drei Infanteriedivisionen, neun Artil­lerie- und drei Kavallerie-Regimenter, ein Train­bataillon und eine Handwerk nckvmpagnie bilden die ständige Garnison, mit einer Friedensstärke von 20—25 000 Mann. Tie militärische und wirtschafte lichc Bedeutung Adrianopels beruht auf seiner Lage an den drei genannten schiffbaren Flüsten und an den von Westen und von Norden gegen Konstante nopel u. die Maritzarnündung hinführenden Haupte Verkehrs- und Opcrationslinien, die sich bei Adria­nopel vereinigen. Die Eisenbahnlinie Belgrad—! Sofia—Philippopel—Adrianopel—Konstantinopel fit eingleisig angelegt, von geringer Leistungsfähigkeit, dennoch als einzige durchlaufende Eisenbahnverbin­dung zwischen den Donauländern und dem Örtert von allgemeiner Wichtigkeit. Die Stadt zählt mit ihren zahlreichen Vorstädten 81000 Einwohner, ist Haupthatidelsplatz für Thrazien, (Wein, Getreide) und Sitz einiger Industrie tBcmniwoll- und Teppich­weberei). Adrianopel wurde vom römischen Kaiser Hadrian gegründet und war schon wiederholt Schau­platz kriegerischer Ereignisse.

So dürste sich jetzt hier die Entscheidung vorbereiten. Wie sie fällt dafür ist vor allem der innere Zustand der türkischen Armee von Wichtigkeit, über den wenig sicheres bekannt ist. Es cheint, als ob hier durch die Einstellung der Christen Verhältnisse geschaffen sind, die den inneren Halt der türkischen Armee nicht gerade erhöht haben.

Auf dem westlrchen Krregsschauplatze ist die Einnahme von U e s k ü b am 26. Okwber nach den großen Erfolgen der Serben bei Kuma- nowa am 22. und 23. Oktober der größte Erfolg der Türkenfeinde. Hierdurch ist die Bahn Mirowitza— Uesküb—Saloniki in ihren Händen, und dieser Er- olg wird noch größer dadurch, daß auch der südöstlich lleslüb an derselben Bahn gelegene Ort W e les (Köprülü) in die Hände der Swben gefallen fit.

Das Vordringen der B u l g a r e n im Struma­tale auf Seres zu macht weitere Fortschritte. Wie weit sie hier bereits gekommen sind, darüber gehen die Nachrichten auseinander. Es scheint aber, als wenn sie sich brat Bahnpunkt Seres bis auf etwa 50 Kilometer genähert hätten.

Auch das Vordringen der Griechen auf Sa­loniki hat wettere Fortschritte gemacht. Ihre Ka­vallerie soll schon bei Werta (Sabakrtaf, etwa 70 Kikvmtter westlich Saloniki erschienen sein. Das griechische Hauptquartier ist noch bei Äoslani, etwa 50 Kilometer südwestlich Weria. Weniger glücklich sind die Griechen, wie es scheint, bei ihrem Vordringen nach Epirus zu, da ihnen hier stärkere türkische Kräfte gegenübergetreten sind, die unab­hängige türkische Division aus Janina.

Tie Belagerung Adrianopels.

Aus nachstehender Meldung scheint hervorzu­gehen, daß die Bulgaren doch nicht stark ge­nug 'sind, Adrianopel im Sturm zu, nehmen. Der eiserne Ring um die Stadt soll indessen nach bulga­rischen Behauptungen vollkommen geschlosien fein.

* Sofia, 29. Oft. 1912. Da dir Armeeleitung erfuhr, daß Adrianopel nicht genügend mit Lebens Mitteln versehen ist, und da sie die schweren Verluste, die eine Erstürmung her- vorrafen würde, vermeiden will, scheint sie vor­läufig die Absicht einer Erstürmung fallen gelassen zu haben und eine planmäßige Belage- rungbezw. Anshungerungder Festung zu beabsichtigen.

W Konstantinopel, 29. Oft. 1912. Eine Depesche des KriegSministeriums besagt, daß die bulga­rische Armee sich von dem am 22. d. M. statt­gehabten Kampfe noch immer nicht erholt habe und daß es den türkischen Trappen gelang, m der Zwischenzeit sich erheblich zu v e r st ä r k e n und wieder vorwärts zu dringen. Eine große Schlacht sei für die nächsten Tage wahrscheinlich.

* London, 29. Oft. 1912. Die „Times" der» öffentlicht folgende Depesche aus Sofia: Nach In­formationen, die einer fremden Gesandtschaft zu ge­gangen sind, haben die Bulgaren dir Stadt Drama, Eisenbahnstation an der Bahn von Seres nach Kon- stautinopel, genommen und Lülebnrgas besetzt. Tie Telegraphen- und Telephonlinien zwischen Adrianopel und Konstanttncpel wurden von den Bulgare« z e r st ör t.

* Paris, 29. Oft. 1912. Die Nachrichten, welche die heutigen Blätter von dem östlichen Teile des Balkankriegstheaters veröffentlichen, stimmen darin überein, daß die Würfel der Entscheidung in den nächsten Tagen sollen müssen, lieber die neue Stel­lung der türkischen Armee meldet der Hauptmann a. D. Cuiuct, der .Kriegsberichterstatter des „9Jla* tin" im türkischen Hauptquartiere solgendes: Das Hauptauarticr der Oftarmee, das am 26. Oktober von Abdullah Pascha in Tfchorlu aufgeschlagen wurde, befindet sich 104 Kilometer von Konstanti­nopel entfernt. Tie türkische Front erstreckt sich von Lüleburgas bis Bunar Hisar. Die bulgari- schen Truppe» jcheiuen nach der Schlacht bei Kirkiltsse und nach dem späteren Tressen (offenbar bet Kavakla) im Süden von Kirkiliffe in ihrem Vormarsche ausgehalten worden zu sein, sie sollen gegenwärtig Verstärkungen erhal­ten, sowie ihre Munition und ihren Proviant er» ganzen. Damit erklärt man die Verzögerung. Der Krieqsplan der Türken geht dahin, die Bulgaren möglichst nahe an ihre gegenwärtigen Stellungen herankommen zu kaffen, um ihnen entweder bei Seidler ober bei Tfcyorlu eine große Schlacht anzubieten. Diese Fläche eignet sich vorzüglich zum Schlagen einer großen Schlacht Die Türken haben sich angeblich in dieser Position Vorzüglich verschanzt.

Soweit der Bericht des „Matin"-Kriegsbcricht- erstatters. Bemerkt mutz dazu werden, daß nach diesem Berichte die Lage der Türken nicht so schlecht sein kann, wie sie von bulgarifcher Seite geschildert wirb. So scheint es sich doch zu bestätigen, daß zwar die Türken Kirkiliffe nicht zu­rückerobern tonnten, daß sie aber in einem siegrei­chen Rückzugsgefechte die bulgarische Berfol- gung zum Stehen brachten Dafür haben aber die Bulgaren bei ihrem Angriffe auf die jetzige türkische Stellung Adrianopel in ihrem Ru­cken. Daß Baba Eski von den Bulgaren besetzt wurde, bestätigt der «Sofioter Korrespondent des „Mcrtin".

Ein neuer Sieg bet Serben.

♦ Belgrad, 29. Oft. 1912. Rach offizieller Mel­dung erlitten die bei V e l es (Köprülü) konzentrier­ten, angeblich 80000 Manu starken Tü rken neuer- lich' von den serbischen Armeen eine schwere N i e- d e r l a q e. ,

♦ Belgrad, 29. Oft 1912. Einer offiziellen Meldung ' zufolge fli ehen die Türken von Beles gegen Prrlcp iPerlcpe) und Goftivar.

Griechischer Vormarsch — türkischer Rückzug.

* Athen, 29. Oft. 1912. Rach einem Schar­mützel im Engpaß Tripotamas bei Weria (Kara- feria) haben sich die Türken unter: Zurücklassung von ’ünf Proviantwagen zurückgezogen. Die Griechen fetzen den Vormarsch fort. — In Epirus dauert der Vormarsch des griechischen Heeres unter kleinen Ausklärungsgesechten fort.

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Der RkgirnmgSioechsel ix »er Türkei.

W. Konstantinopel, 29. Oft. 1912. Der Groß» roefir Ghazr Ahmed Mukhtar hat nunmehr demissioniert. Ktamil Pascha ist zu seinem Nachfolger ernannt roetben.

Die Haltung der Mächte.

Mit der Polittk deS berüchtigten .Statusquo', d. h. der Aufrechterhaltung der Befitzverhaliniste haben die Großmächte glänzend Fiasko gemacht. Sie bleiben trotzdem in den Kreisen der hohen Diplo- matte daS Steckenpferd. Nur hat man sich» fetzt dazu enischloflett, eine künstliche Auslegung biefei Begriffs zu geben. Man dürfte m dem etatuSquo auf dem Balkan nicht engherzig eint bloße Auf» rechlerhaltung der bestehenden LandeSgtenzen sehen, man habe vielmehr barunter die Auf recht er Hal» tung der Jnteteffengebiete der Großmächte zu verstehen. An diesen dürfe allerdings nicht» ge» ändert werden, über Gebiet Sver f chiedungen ließe sich aber reden. Bon Seiten der Groß» Mächte bat die Türkei also, wenigstens für ihre eigenen Jntereffen nichts weht zu hoffen. W» erhalten folatndts Telearamm:

• ®ien, 29. Oft. 1912. In Mitteilungen, W da« Wiener Tageblatt" von hervorragend«

Sette erhält, heißt es über die fernere Haltung der Grohmäcqte in der Balkan frage: Der Standpunkt, d« die Großmächte vertreten werden, ist ziemlich fest- stehend. Sie werden gewiß für die Aufrechterhaltui^ des Statusquo auf dem Balkan eintreten. Damit ist nicht gefügt, daß keine Aendernngen m den Befitzver» hältnissen ans dem Balkan vorgenommen werden ton» neu. Der Statusquo ist, wie verlautet, nach der auf» fassung der Großmächte die Aufrechterhaltung bet In­teressensphäre, des dermakigen Einflusses der Groß» möchte auf dem Balkan, auch wenn die Grenzen d« einzelnen Länder eine Verschiebung erfahren sollten. In diesem Sinne dürfte sich daS Auftreten der Groß» möchte geltend machen. Man wird trachten, unt« Wahrung dieser Gesichtspunkte den Krieg zu lokale fieren und den Frieden herbeizuführen.

* Wien. 29. Ott. 1912. Im Abgeordnetenhaus« erklärte Ministerpräsik .it Graf Stürgkh in Be­antwortung einen Interpellationen über die kriege­rischen Ereignisse auf der Balkanhalbinsel. Die ö sterrkichifch-ungarische Monarchie bestätigte ihre ftied» licken Tendenzen, als es galt, den Ausbruch kriegerische» Verwickelungen aus dem Balkan hintanzuhatten. Angesichts der dm» die Eröffnung der Feindselig» keilen geschaffenen Situation wird die Leitung un» ferer auswärtigen Angelegenheiten im engen Verein mit unseren Verbündeten und im steten ®üroet» nehmen mit allen übrigen Mächten bemüht fei«, im geeigneten Zeitpunkt bei der baldigen Bei­legung des Konfliktes mitzuwtrken. (B«- fall.) Die Ergebnisse de» bisher gepfiogenen Ge» dankenaustanfches berechtigen m der Hoffnung, daß es gelingen wird, der Monarchie dir Segnungen deS Frieden» auch fernerhin zuerhalte«. Ich kau« nur betonen, daß unser Auswärtiges Amt gewiß keinerlei aggressive Ziele »erfolgt.

» Bukarest, 29. Ott. 1912. Rach hi« ein» getroffenen ernsten Mekoungen ist die Lage der Türken ganz verzweifelt. Die Pforte soll bereits die Intervention der Mächte an­gerufen, und die Mächte sollen diesem Ersuchen Folge gegeben haben; Bulgarien aber habe die Intervention adgelehnt. Die Mächte wollen an­geblich darüber verhandeln, nötigenfalls Rumänien das Mandat zu übertragen, ihrer Intervention Nachdruck zu geben.

Ier Mmkckz.

Bor der Entscheidung.

Faßt man die sich immer noch sehr widerspre­ch end ra Meldungen vom Kriegsschauplätze zusam­men, so ergibt sich, daß sich ans dem östlichen Kriegstheater bei Adrianopel die Enfich.'ibung naht.

Die türkische Mobilmachung ging zu langsam Vvnftatten, als daß die Entscheidung an der bulgari­sche» Grenze hätte stattfinden tonn >n, wie dies viel­leicht zuerst noch von de» Türken angestrebt wurde. So wurden die über Adrianopel und Kirkiliffe an die Grenze vorgeschobenen türkischen Kräfte bei Mu­stafa Pafckia zurückgelvorsen. Die Bulgaren gingen bann richtiger«)eise nicht gegen die türkische Mitte, sonder» gegen die Flanken ihrer Stellung bei Adria­nopel und .Kirkiliffe vor.

Bei Adrianopel gelang eS den Bulgaren, im Norden und Westen von Adrianopel die Einschlie­ßung vorzubcrciten; wieweit sie im Offen schon durchgeführt ist, läßt sich noch nicht erlernten. An­ders bei Kirkiliffe. Hier habe« die Bulgaren in der Tat einen bedeutenden Erfolg errungen, und eine Wiedereroberung bei dortigen Stellungen, wie sie zuerst gemeldet wurde, ist den Türken nicht gelun­gen. Der Rückzug ihrer geschlagene» Abteilungen hat sich nun »ach Südosten Vollzogen. Inzwischen ist die B e rs a ni ni l u n g der türkischen Hauptkräste Halbwegs zwischen Adrianopel und Kmtstartmopcl wcitcrgeqangen, und es scheint, als ob sie an dem Flusse Ergene in der Linie Ben i-Hissar— Lüleburgas bewirft ist. Lüleburgas liegt an der Bahn Adrianopel—Kon­stantinopel. Bem Hiffar 25 Kilometer nördlich da­von. Die Stellung würde den Votteil bieten, daß vor ihrer Front durch einen der vielen von Norden nach Süden fließenden Nebenflüsse der Ergene, eines Nebenflusses der Maritza, hat. I» der rechten Flanke wirb eine Umgebung bureb bas schwer gang­bare Jftrcmbja-Taph-Gebirg: sehr erschwert.

Eine Umgehung der linken Flanke der Stellung Ben Hissar—Lüleburgas würde für die Bulgaren fehl gewagt fein, ba sie un Falle eines Mißlingens gegen bas Aegäische Me>r gebrängt werden könnten. Das türkische Hauptquartier befindet sich nunmehr in Tfchorlu an der Bahn Lüleburgas—Konstan- tinopel, 110 Kilometer Von der Hauptstadt entfernt

Preußischer LauStag.

Abgeordnetenba«?.

8. Sitzung vom 3d Oktober 1912.

- Lor Eintritt in die Tagesordnung erklärt Abg. Bartscher (&): In der gestrigen Sitzung habe ich bei Beratung einer Petition von Justizunterbeamten ge­sagt, daß bei der Beratung der Beioldungsvorlage in der ersten Kommiffionstefiuig von fozialdeinokrati- scher Sette lein einziger Antrag zu Gunsten der un- ierbeamten eingegangen fei. Tiefe Behauptung ist von den Abgg. Ströbel und Hirsch (Soz.) al» unwahr bezeichnet worden. Auf Grand der Akten stelle ich fest daß unter den 137 Anträgen der ersten Lesung kein einziger sctzialdemokratischer Antrag entölten w

ES folgt die 2. Beratung deS SparkassengesetzeS. An 4 1 steht die Regierungsvorlage die mundel» s i ch e r e A n l a g e von Mindestbetragen in Hohe vm- 20 bi« 30 Prozent vor. Die Kornmfision empfiehlt in mündelficheren Schuldverschreibungen auf de» Inhaber anzulegen und zwar 10 Proz., wenn der Einlage, bestand 2 Millionen Mark nicht übersteigt, 15 Proz. bis zu 10 Millionen Mark, 20 Proz. bis zu 20 Millio* neu und 25 Puy. in allen sonstigen Fällen. — Eine Reihe von Abgeordneten (Faßbender und Gen.) beantragen, daß die öffentlichen Sparkassen durchweg mindesten« 20 Proz. in mündelficheren Schuldverschrei­bungen aus den Inhaber anzukegen haben. — Ein Kornpromi Hanf rag der Freikonfervativen, der Nationalliberalen und der Freisinnigen beantragt die Anlegung von 15 Präz. bei einem Einlage bestand von 5 Millionen Ml., 20 Proz. bis zu 10 Millionen Und 25 Proz. in den übrigen Fällen.

Minister deS Innern v. Dallwitz: Die Regierung fit mit der Fassung, die die Vorlage in der Kommission erhalten hat, nicht einverstanden, denn die festgesetzten Prozentsätze für die Anlage des Vermö­gens bet Sparkassen in Staat «papieren sind so niedrig, daß eine günstige Wirkung von einer solchen Gestaltung des Gesetze« nicht zu erwarten wäre. Der Satz der Regierungsvorlage entspricht ungefähr den Normal, satzungen, dir von den Sparkassenverbänden verschie. dener Provinzen aufgrstellk sind, nämlich 25 bis 20 Proz. Würden wir dagegen die um die Hälfte bi« “in Viertel zurückbleibenden Bestimmungen der Kom. wissionsfaffung in Kraft setzen, so würden die Spar- feffen, die jetzt mehr in Staatspapieren angelegt haben, daraus vielleicht die Ermuttgung ziehen, bei sich bietender günstiger Gelegenheit dieses Mehr ab* Austoßen.

Abg. Reinhard (Z.): Der Gesetzentwurf berück, flcktigt zn wenig die gegebenen Verhältnisse und die Historische Entwickelung de« Sparkaffenwesens, er macht auch keinen Unterschied zwischen großen und kleinen Sparkassen. Auch wird er unserer Meinung nach nicht zur Hebung und Stabilisierung der Kurse bei«1 tragen. Die Folgen deS Gesetze« werden litt, ferer Ansicht nach ungünstig sein. Zunächst wird ein großer Teil der Sparkassen den zur Zeit sehr hoben Kreditbedürfnissen nicht entsprechen können. Die Fol­gen der Annahme dieses Gesetzes würden sein, daß die Sparkaffen von den DarlebnSabnehmera höhere Zinsen nehmen ob« aber den Zinsfuß für Einlaoen herabsetzen müßten. Wir ballen es auch für unbe- rechtigt, daß der Staat die Svarkassen zwingt, seine EtaatSvapiere abzunekunen, ebne daß er sie vor Kurs­verlusten schützt. Wir werden daher dem zwischen her Regierung und den übrigen bürgerlichen Parteien abgeschloffenen Kompromißantrag Winckler unsere Zu­stimmung versagen, denn er enthält noch eine Ver­schärfung der Regierungsvorlage, sodaß so ziem- stck alle Sv<--kaffen 25 Proz. Jnhaberpapiere zu nehmen Haben würden.

Finanzminister Dr. Senke wendet sich genen die Ausführungen be« Vorredners und betont, daß die Svarkassen ihre sämtlichen bisherigen Papiere behalten können und die Vorschriften deS Gesetzes über den Ankauf von Staatspapieren sich nur auf die Zukunft beziehen. Wenn die Vorlage Gesetz wird, so hoffen totr, daß sährllch ca. 60 Millionen Staatsanleihen von der Sparkassen gekauft werden müssen. Bemerken will ich nach, daß der Komprvmißautrag nicht durch* Hchnittlich 25 Proz. verlangt, sondern mit einem Mi* witnum von 15 Proz. beginnt und bei 30 Proz. auf* hört.

Abg. Idertzaff (Fk.f meint, daß die Vorteile deS Gesetzes Me Nachteile doch bedeutend Überragen.

Abg. Dr. SchrSder^kassek knall.) steht der Vorlage Cffimistisch gegenüber und glaubt nicht, daß die von r 9t entern ne erhofften Erfokoe eintreten Inerben, zu* mal eine große Anzahl von Svarkassen den von der «tegierang geforderten Prozentsatz in StoatspaPieren migeiegt höben.

Die Abgg. Mommsen kVv.f und KnrzawSki (Pole) sprechen stch gegen die Vorlage an«.

Abg. Faßbender (Zs rmterftre i noch einmal die Aussührangen be« Renfntn*anbei. Rernbard und bebt hervor, bet Hauptgrund beS niedrigen Kurses der Staoisvoviere liege in der Menge derseßben. mit d-nen der Markt von Reick. Bundesstaaten, ProviiNen, Krei­sen und Kommunen überschüttet worbe. Da? eine wich* tioe Moment, Welches eenen bie Vorlage spricht, be* ftebt barht, daß eS vo-wieoend M» -feinen Leute firb, die ihre Einknoen bei bet Sparkasse machen und daß diese somit geschädigt Wörben.

Rach weiterer unerbebticker Debatte wird em Ster* taaimasralroo angenommen, nachdem vorher ein An- iroo ans Rückberweisung an bie Kommission abgelehnt Wurde.

Mittwoch: Fortsetzung und Interpellation betr. bie Enteignung.

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