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J» 249.

Sltnstag 29. öltober 1912.

59. Jahrgang.

* fuldaer» Leitung

2. Blatt.

vrsck nnd Verlag -er Znldarr >ctlenbr»ck«S in Znl-a.

Amt Geisa und Umgebung.

* Geisa, 28. Oft. 1912. Im 4. Verwaltungs­bezirk fand gestern zum erstennmie die Wahl von Vertrauens» und Ersatzmännern zur Privat-Ange- steüten-Bersicheruug statt. Während in Vacha und Stadtlengsfeld die Wahlbeteiligung sehr rege war, pot sie in den übrigen Wahlorten nur mäßig. Jns- gt wurden 108 Stimmzettel abgegeben. Die- verteilen sich auf die einzelnen Wahlorte wie Vacha 42, Stadtlengsfeld 36, Geisa 14, Kal- cdheim 9 und Ostheim 7 Stimmzettel.

Aus dem Nachbargebiele.

♦ Hersfcld, 28. Okt. 1912. Nach der letzten Personen st andsaufnahme hat die Bevöl­kerung unserer Stadt 10 000 überschritten. Die Einwohnerzahl beträgt 10192 (gegen 9892 im Vor­jahre), davon männlich 4973 (4866), weiblich 5219 (5026). 9159 (8960) sind evangelisch, 695 (605) katholisch und 338 (327) israelitisch.

* Bebra, 28. Okt. 1912. Am Sonntag sand hier der Herbstgautag des Gaues Raffet des deut­schen Radfahrerbundes statt. Die Ver­handlungen ließen erkennen, daß die Entwickelung des Gaues recht gut fortgeschritten ist und daß er auf allen Gebieten des Radsports eine rege Tätigkeit entfaltet hat. Als Ort für den nächsten Herbstgau­tag wurde Mengerinqhausen bestimmt.

* Frankfurt, 28. Okt. 1912. Unter dem Verdacht einen Wechs e l über 1000 Mark gefälscht zu haben, wurde der 39jährige Kaufmann Schue verhaftet.

* Offenbach, 28. Okt. 1912. Der Mainbezirk des Mitteldeutschen Stenographenbundes Stolze- h hielt am Sonntag hier seinen Bezirkstag ab. Ten Verhandlungen ging das Bezirkswettschrei- ben boraus in Abteilungen von 60 bis zu 400 Silben tn der Minute. Ter Bezirk hat 1577 Anhänger und «msaßt 23 Bezirksvereine, außerdem gibt es noch 9 Wertere Vereine, die dem Bezirk nicht angeschlossen fmd. Die Vorstandswahl wurde der Frankfurter Vereinigung übertragen, die auch die Bezirksgeschäfte zu Virwalten hat.

! ! Rotenburg, 28. Okt. 1912. Um die kirchliche Visitation vorznnehmen und die hl. Firmung zu spenden, weilte der Hochwürdigste Herr Bischof •am Samstag und Sonntag in den Pfarreien Ro­tenburg und Melsungen. Beide Psarrgemeinden hatten dem geliebten Oberhirten einen recht herz- lidien Empfang bereitet. Ihre Gotteshäuser, von festesfrohen Andächtigen gefüllt, prangten im hehr.n Festesschmuck. Mit dankbaren und anerkennenden SBorten rief der Hochw. Herr Bischof beiden Pfarr- grmenwen ein „Auf glückliches Wiedersehen"' zum Abschied zu.

* ■Wtf, 28. Okt. 1912. Ein hiesiger Geschäfts­inhaber, der große finanzielle Verluste erlitt, ver­buchte sich tn einem Anfalle von Schwermut durch einen Revolvcrschuß, welcher in die rechte Kopfsnte eindrang, zu töten. Das rechte Auge scheint Ausgelaufen zu sein. Lebensgefahr besteht nicht.

* Hösbach, 28. Okt. 1912. Am Sonntag morgen brannte das ältere Wohngebäude des Zieglers Fath bis auf die Grundmauern nieder.

, * Eppstein, 28. Okt. 1912. Im Garten des Frankfurter Kriegerheims fand die Enthüllung eines KD-nkmals für den verstorbenen Gründer des Heims, Generalleutnant v. Chapius, statt. Das Denkmal ist eine Schöpfung der Frankfurter Bild- shauerin Fräulein Schmidt.

* Aschaffenburg, 28. Okt. 1912. Eine imposante Zentrumsversammlung wurde gestern Im Saale des „Karlshof" abgehalten. Dm Vorsitz führte Abg. Oswald. Landtagsabg Gymnasialleh­rer Stan g-Würzburg sprach" in etwa fünstoiertel- stundigen Ausführungen über di: Arbeiten des Häver. Landtages, während als zweiter Redner an­stelle des infolge Heiserkeit am Erscheinen verhinder­ten Abg. Gerstenberger Rechtsanwalt Dr. Elbert von hier die Tätigkeit des neuen Reichstages und 4ie politische Lage behandelte.

* Würzburg, 28. Okt. 1912. Gestern starb im Mrr von 69 Jahren der bekannte Weingutsbesitzer Hoffmann. Er beklechete fast 20 Jahre lang )ra§ Amt eines Handelsrichters am Landgericht Würzburg. — Durch 2 Revolverschüsse tötete sich leftern in 6er Nähe des Bismarckturmes der 28jähr. Maler Lutz.

Slerbegedet» beigegeben find.

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Handel nab Industrie. •;

JL BerUu, 28. Oft. 1912. Infolge pessimistische» Beurteilung der Balkanpolitik und Ultimonähe et« litt bie Börse wieder neue empfindliche Preis, ück- gänge, und von Montauwerten büßten Phönix 4 und Bock wer 3 Prozent ent In Bankaktien ähn­liche Rückgänge. Am Kasseindustriemarkt fehlt« jegliche Kauflust. Der Privatdiskont blieb unver- ändert.

-z. Schleid, 27. Oft. 1912. Dieser Tage fand im hiesigen Kanarienzüchterverein die erste diesjährige Vogelabnahme statt. Die Firma Rude-Alfeld nahm insgesamt 1197 Hahne und 1053 Weibchen ab, sodaß der Verein eine Einnahme von 4491 Mark erzielte.

* Stadtlengsfeld, 28. Oft. 1912. Postsekretär Liebe ist am Samstag aus dem Leben geschieden. Herr Liebe hat den Feldzug von 1870-71 mitgemacht und war u. a. beim Todesritt von Mars la Tour beteiligt, bei dem nur 68 Mann übrig blieben. Dem hiesigen Postamt hat er einige Jahrzehnte vorge­standen. „ _ _

A Otzbach 6. Geisa, 28. Okt. 1912. Dem Holz­hauer und Gemeinderatsmitglied Herrn Joseph Nenfel wurde durch die Stadtbehörde in Geisa in Anerkennung seiner 25jöhrigen treuen Dunste als städtischer Holzhauer der Titel Städtischer Ober- Holzhauer verliehen. Gleichzeitig wurde ihm etne Jubiläumsgabe im Betrage von 25 Mark durch den Stabthnrffanb überreicht.

* Zillbach, 28. Okt. 1912. Zu dem hier geplan­ten Bau eines evangelischen Gemeinde­hauses hat der Großberzog dem hiesigen Frauen­verein 2000 Mark Beihilfe bewilligt und eine weitere Unterstützung von 5000 Mark aus den Erträgnissen der Goldenen Hochzeitsstiftung zugesagt.

Aus Oberhesien u. den Hess. Aemtern.

* Röddenau, 28. Okt. 1912. Reichstagsabg. Dr. Borckhardt hielt in einer stark besuchten Ver­sammlung einen eineinhalbstündigen Vortrag, in dem er die Bestrebungen der Fortschrittspartei und Sozialdemokraten kennzeichnete und in Gegensatz setzte zu dem der Christlich-Sozialen.

* Ebsdorfi 28. Okt. 1912. Die Ernte war in der hiesigen Gegend im allgemeinen aut. Die Kör­nerfrucht wäre, wenn nicht das nachkommende Re­genwetter namentlich dem Hafer arg zuaesetzt hätte, gut zu nennen. Daaegen gab es Kartoffeln in Hülle und Fülle. Auch an Heu und sonstigen Futtermitteln ist kein Mangel.

* Mendorf, 28. Okt. 1912. Die Wasser­verhältnisse hier sind nicht die besten. Es ist kaum zu verwundern, daß manche .Krankheiten, b*e hier austreten, auf das schlechte Waller zurückge­führt werden. Hoffentlich findet das Bestreben, eine Wall-rlo!tt>ng HU hauen, bald ^"-wfiklichnna.

* Fritzlar, 28. Ost. 1912. Seit einigen Wochen wird fleißia an den Erdarbeiten für die Kanali­sation geschafft. Infolge des Regenwetters sind aber die ausgeworfenen Gräben teilweise einqe- rntscht und nun müssen Verstrebungen eingelegt werden. Man hofft trotzdem, noch im Winter mit den Erdarbeiten ferig zu werden.

vermischtes.

* Pier Söhne im bunten Rock. Der seltene Fall, daß vier Söhne zu gleicher Zeit des Königs Rock tragen, bat sich jetzt in Rawitsch (Pos.) zu- getraaen; es handelt sich um die Söhne des Arbei­ters Cichy. Der älteste Sohn wurde bei der dritten Gestellung, jtoei andere, ein Zwillingspaar, bei der zweiten und der jüngste bei der ersten Gestellung emgezogen.

* Blutvergiftung nach einem Bade. Im Früh­jahr badete der etwa 12 Jahre alte Sohn eines Eisenwarenhändlers in Remscheid im Rhein­land in einem Steinbruchteich. Dabei zog er sich eine Wunde zu, die er daun mit dem basterien- reicken Wasser des Teiches auswusch. Offenbar unter der Einwirkung der Bakterien, die durch die Wunde in den Körper eingedrungen waren, er­krankte der Junge; und jetzt, nach einem halben Jahre, hat 'eine allgemeine Blutvergiftung den Tod des vorher außerordentlich kräftigen Knaben herbeigeführt.

* Der Tod des kürzlich im Schularrest in K ar ls- ruhe verstorbenen 13jahrigen Schülers wird nach einem Gutachtüber die Blutuntersuchung auf Kohlenorvdgas zu rückgeführt

* Die Dnmme« werden nicht alle. In Paris wurden vier Polen verhaftet, die durch einen neuen Trick zahlreiche alberne Opfer Begaunert hatten. Sie

Literarisches.

„Der Katholik am Grabe seiner Sieben* Armenseelen« büchlem mit ben Gebeten der Küche bet Be* erdiaungen und den Gottesdiensten für die Ver­storbenen. Von Joseph Reber er, ehemaligem Dompfarrer in RegenSburg. Neu bearbeitet von Lorenz Seer, Benefiziat in Niederleiern­dorf. Geb. in Leinen 1 Mark. Verlag von A Habbel, Regensburg.

Was an diesem Armenseelenbüchlein so wohltuend berührt und eS so empfehlenswert macht, ist diese-, daß au8 seinen steilen der erhabene Text der heiligen Schrift und die Sprache der Kirche selbst zu den Gläu­bigen redet. Zwei Meßandachten, die Messe beim Be­gräbnis eines Kinde- lEngelmefse) und die Messe beim Begräbnis eines Verstorbenen, find direkt au- de« kirchlichen Meßbuch herübergenommen. Die Gebet» und Lewngen, die sich bei den anderen Gedächtnis» mellen ändern, sind ave angegeben. Wenn so manch» Katholiken, die einer Beerdigung beiwohnen, wenig Verständnis haben an den erhabenen und erschütternden Beerdigungsgebeten, hier ist ihnen Gelegenheit gegeben, alleS zu verliehen und auch mitzubelen. Nach den kirchlichen Tagzeiten für die Verstorbenen sind noch einige Andachten beigefügt, wie sie in den Kirchen zur Allerseelenzeit gewöhnlich verrichtet werden. Zn be» grüßen ist es, daß am Schluffe auch noch mehrer»i

Märkt«.

* Frankfurter Getreidemarltbericht von» 18. Olt Am heutigen Ntarkt wat das Geschäft etwas ledha ter. Landweizen war In guten Qualitäten gesucht. Roggen anziehend. Fremde Weizen unverändert. Hafer und Mais zu letzien Notierungen bezahlt. Mehl fest. Futter« ariikel ruhig. ES notierten: Weizen: hiesiger und Wetterauer 21.75 biS 00.00 Mk., auf dem Lande abge«

Dank für seine Vermittertätigkeit wurde er von dem Stamm der Irokesen zum Ehren-Häuptling ernannt^ eine Auszeichnung, di» dem englischen Romanschrist< steller das Recht auf alle Ehren des Stammober- l)aupteS verlieh, ohne ihm die Pflicht aufzuerlegen,- bte Feder mtt dem Tomahawk zu vertauschen.

* Der neueste Plan des „Kaisers der Sahara"^ Jacques Lebaudh, Jacques I., der ehemalige „Kaisers der Sahara", der bekannte Pariser Millionär, bon- dem man während der letzten Jahre wenig oder nichts gehört hat, ist wiederum mit einem neuen- großartigen Plane aufgetaucht. Wie ein englisches Blatt berichtet, ist Herr Lebaudh in Unterhandlungen! mit der Negerrepublik Liberia getreten! und hat dort höchst persönlich feine Kandidatur als König von Liberia ausgestellt. Herr Lebaudh hat! sich bereit erklärt, im Falle feiner Wahl zum gekrönt ten Oberhaupt von Liberia die äußeren Staatsschuld den des Reiches, die allerdings nur die bescheiden» Summe von 170 000 Pfund Sterling (etwa 3# Millionen Mark) — glückliches Liberia! — betragen, aus feinen Mitteln zu begleichen, fo daß dann Liberia zu den finanziell bestgeordneten Staaten der Welt gehören dürste. Lebaudh hat versprochen, Liberia mit allen nur denkbaren Wohlfabrtseinrichtunge» auszustatten, und die eineinhalb Millionen Bewoh­ner des Landes sähen wahrhaft glücklichen Zeiten entgegen. Trotz dieser verheißungsvollen Zukunft ist man aber vorläufig in der Negerrepublik nicht, übermäßig geneigt, die bisberige Freibeit gegen das' „Joch" einer monarchistischen Staatsform zu ver­kaufen. Und es ist reckt zweifelhaft, ob Herr Lebaudh diesmal mit feinem Plane mehr Glück haben wird, als ehemals in der Sahara, wo er mangels von Untertanen als König so schmählich Fiasko machte. Aber Herr Lebaudh ist zu jedem Opfer bereit, und insbesondere sein Angebot, die zweitausend Mann betragende Armee von Liberia mit funkelnagelneue? Uniform, sowie mit den modernsten Waffen auszu«- rüften, bat in den Kreisen des Volkes großen Beifall gefunden. , -

gaben vor, eine wunderbare Metallbüchse erfunden zu haben, ht der durch Elektrizität ein zwischen zwei echte Banknoten gelegtes Stück weißen Papiers sich in einen Abklatsch dieser Banknoten, also in eine dritte Banknote verwandeln sollte, die von den echten Noten sich nicht unterscheiden würden. Ein Franzose, dem sie die Vermehrung seines Gel­des versprachen, wenn er ihnen 10 000 Frk. direkt anvertrauen wollte, zeigte sie bei der Polizei an, die sie verhaftete.

* Der Kinematograph als „Erzieher". Der Berliner „Korrespondenz Wolter" entnimmt die „Germania" folgende Schilderung: Nirgends in Berlin kann man so lehrreiche Studien machen tote in ,„ikientöppen" (Kinematographen). Wer Frei­tags, Samstags und Sonntags eine Wanderung durch die Kinos von Groß-Berlin unternimmt und das Publikum, die Ausführungen, Reklamen und das ganze Milieu betrachtet, der sieht mehr tote »in anderer, der sich ein Jahrzehnt in Berlin auf­hält. Die Verschiedenheit des Publikums in ben einzelnen Theatern ist erstaunlich. Im Norden und Osten einfache Frauen und Mädchen —- das weib­liche Element herrscht überall vor — mit Schürzen und Kopftüchern, nur Sonntags aufgedonnert und mit Pleureusen auf Hüten, die an Größe einem Storchennest gleichen. Im Westen schlanke Damen, cmsgeputzte Dienstmädchen und schwatzende Kinder. Das eine Theater mit vornehmer Ausstattung und belehrendem Programm zeigt ein» gähnende Leere, das andere, ein Kientopp mit blutigen Szenen, ist zum Erdrücken voll. Hieran kann sich das Volk nicht satt seh en. Einige Weiber kön­nen sich nicht enthalten, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. „Det muß ick morgen noch eenmal sehen!" „Det ist aber fein!" und ähnliche Ausrufe kann man bei den widerwärtigen Szenen hören. Wegen der Lohnzahlungen am Freitag und Sams­tag wechseln die meisten „Kientöppe" am Ende der Woche mit dem Programm. Viele dieser Kinos haben ihr ständiges Publikum, das regelmäßig wö­chentlich mehrere male erscheint, sowie das neue Programm mit zugkräftigen Titeln bekannt wird. Je blutrünstiger und ekelerregender das Programm, je größer der Zulauf und die Ein­nahme. Diese hängt lediglich von der Neuheit und Zugkraft der Reklame ab. Theater mit belehrenden Stücken und älteren Films sind wenig besucht. Nur die neuesten Schlager: „Der Absturz von der Sie­gessäule", „der Mord hinter der Scheune", „bie Rache des betrogenen Liebhabers", „der Zweikamps der Nebenbuhler" und ähnliche phantasievolle Bil­der sü'ilen die Kassen. Unbegreiflich ist es, wieviel Geld für diese Schauerszenen ausgegeben, wieviel Zeit vergeudet und was alles versäumt wird, nur um keine neu: Vorstellung zu verpaffen.

* Zeugniszwang. Im Verfahren wegen emes vom „Hamburger Fremdenblatt" veröffentlichten Ar­tikels war der verantwortliche Redakteur Dr. Obst wegen Verweigerung der Zeugnisaussage über den Verfasser zu einer Geldstrafe von 200 Mark verurteilt worden. Obst wurde vor wenigen Tagen auch tn der Hauptverhandlung vernommen. Da er bei seiner Zeugnisverweigerung beharrte, be­antragte der Erste Staatsanwalt Zwangshaft. Das Gericht sah von einer Zwangshast ab und erkannte auf eine Geldstrafe von 100 Mk. ober 10 Tage Haft. Es sei auf eine niedrigere Geldstrafe als int Strafverfahren erkannt, weil Obst mit Bezug auf seine Berufsstandesehre und die in seinen Kreisen geltende Auffassung das Zeugnis verweigerte.

* Wechselsälschungen. In Wien wurde der ehemalige Student Bingel verhaftet. Er wird von der Leipziger Behörde steckbrieflich verfolgt, weil er sich mit bereits verhafteten Genossen Wechselfälschun­gen in Höhe von 82 000 Mark hat zuschulden kom­men lassen.

* Der Romanschriftsteller als Indianerhäuptling. In London ist soeben Int 62. Lebensjahre der viel- gelesene Romanschriftsteller Robert Barr gestor­ben Er war in Glasgow geboren und wanderte in jungen Jahren nach Toronto in Kanada aus, wo er als Schullehrer, Journalist und Schriftsteller tätig war. Sein Verkehr mit dem Jndianerstamm der Irokesen verhalf ihm zu einer seltenen Auszeichnung. Barr hatte Gelegenheit gefunden, als Vermittler zwischen der kanadischen Regierung und den India­nern günstigen Einfluß auf den Abschluß eines Frie­dens-und Freundschaftsvertrages zu gewinnen. Zum

gangen feitt, unser Rächer werden. Und nun, Wil­son, muß ich Sie bitten, meine Wunde zu verbin- ben; ich fühle mich zum Umfinken matt infolge des Blutverlustes. Hier, nehmen Sie mein Ueberkleid und reißen Sie es in Streifen; ich bedarf desselben ohnehin nicht mehr."

Sobald Wilson unter Tcm Beistände Murads den Verband angelegt hatte, traten sie ihre Wande­rung an, dabei den Fluß seitwärts liegen lassend, um erst nach mehrstündigem Gehen zwei Meilen unterhalb Cawnpore dahin zurückzukehren. Hier er­klärte Batburst bleiben und seine Verkleidung be­werkstelligen zu wollen.

„Der Gedanke, daß ich Sie verlassen soll, ist mir verhaßt", sagte Wilson, vergeblich sich bemühend, seiner Stimm: Festigkeit zu geben. ,M ist so trau­rig, wenn man bedenkt, wie sie alle von uns ge­gangen find — unser guter alter Major, der Doktor und Richards und die atmen Frauen! Und nun wir beide allein noch am Leben sind, soll ich feige davonlaufen und Sie einem ungewissen Schicksal überlassen!"

„Nennen Sie nicht Feigheit, Wilson, was Sie doch nur notgedrungen und aus Rücksicht für mich tun. Ich weiß ja, daß Sie gern bleiben würden, wenn es von Nutzen Ware, und daß Sie nur gehen, um dadurch Gefahr von mit abzuwenden. Kommen Sie, machen Sie uns bie Sache nicht noch schwerer als sie ist. Es muß fein! Gott befohlen, lieber Freund, und auf Wiedersehen! Gehabt Euch wohl, Murad. Saget Eurem Vater, wenn Ihr ihn seht, daß ich ihm keine Schuld an diesem U:berfall bei­messe."

So redend, wandte er sich und verschwand im Gebüsch, während Wilson zu bewegt, um sprechen zu können, traurig seinen Weg mit den beiden Ein­geborene» sortsetzte.

Neunzehntes Kapitel.

Kaum sah sich Bathurst allein, so gab er dem Schmerze, den er so lange unterdrückt hatte, Raum und warf sich verztoeiflunasvoll iur (Erbe nieder

3m Schutze des Zauberers.

jto] Englisch-indischer Roman von E. A. Heuig.

„Helfen Sie mir auf", bat Bathurst, und er stellte sich mit einiger Anstrengung auf die Fuße; per Kopf war ihm wirr und schwer. „Wer ist noch #ei Ihnen?" fragte er.

„Zwei Eingeborene. Ich glaube, es ist der Sohn " Por Sings und einer ferner Leute."

Wilsons Vermutung stellte sich als richtig her­aus: denn als Bathurst in der Sprache des Lmdes |u reden begann und der junge Rafah sich verstau­en sah, trat er hervor und erging sich sogleich in über bie cm ihnen geübte Ber-

Bathurst unterbrach ihn. „Wir wollen später iamber sprechen, Murad", sagte er. „Laß uns für ktt nur überlegen, was zunächst zu tun ist. WaS lat sich nach meiner Verwundung zugetrageu, Wilson?"

»Unser Boot barst fast mitten entzwei und sank. Indem ich hi »überschwamm; das andere ward an >a§ Land gerudert, und wie es schien, befanden sich tränen darin, denn ich hört: sie schreien", schloß tot [fön erregt.

Bathurst sann nach.

»Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß sie die nicht getötet, sondern nur in Gefangenschaft »etubrt haben, wie sie es bei d:r Belagerung von kawnpore getan , sprach er nach kurzem lieber, »gen. ,,^atz dieses Unglück über uns gekommen ? an^r m entern Fremde und mir keiner der bctsten Manner udrtg gchfieben ist - daran tragen xed-cDem Vater noch besten Freunde irgend eine pchuld. Murad, ^td Ihr gewiß, daß niemand pust gerettet wurde?

»Sie sind alle erschlagen worben; wir allein ent» singen dem Tode. Ich will zu meinem Vater zehen und ihn zu blutiger Rache auffordern."

„Tue das; doch zuvor erfüllt Euer Versprechen <nd geleitet diesen Offizier nach Allahabad, und

zwar sobald wie möglich, ehe man von Cawnpore Kundschafter ausschickt und die Gegend hier durch­suchen läßt. Geht in eins der zunächstgelegenen Dörfer, besorgt den Anzug eines Eingeborenen und bringt meinen Freund in dieser Verkleidung nach der Stadt •

„Es soll geschehen. Und was gedenkst Du selbst zu tun?"

„Ich werde nach Cawnpore gehen und ver­suchen, ob ich die Gefangenen befreien kann. Da ich diesen Fall vorgesehen habe, trage ich unter mei­nen Kleidern noch em anderes Gewand und führe alles mit mir, was erforderlich ist, um mich un­kenntlich zu machen."

„Was sagen Sie da, Bathurst?" fragte Wilson.

»Ich verabrede eben mit Murad und seinem Diener, baß er Sie nach Allahabad bringen soll. Ich selbst bleibe ht Cawnpore."

„In Cawnpore! Sind Sie toll. Bathurst?"

„Durchaus nicht. Ich will mich nur überzeugen ob bi: Damen dort sind, und sehen, ob ich etwas zu ihrer Befreiung tun kann. Rudscbub, der Gaukler, ist sicher da und wird mh behilflich feitt."

,-Abw wenn Sie dort hingehen, kann ich es auch, Bachurst. Ich will gern sterben, wenn Fräulein Hannah dadurch dem Leben erhalten bleibt."

„Ich glaube es Ihnen, Wilson; aber Sie wür­den wahrscheinlich den Tod erleiden, ohne ihr helfen z« können; und wenn ich dieses Schicksal teilte, wäre sie ganz verlassen. Ich kenne, wie Sie wissen, die Gewohnhmten der Eingeborenen und bin mtt ihrer Sprache vertraut, so daß ich mich ohne Furcht vor Entdeckung unter ihnen bewegen kann. Etwas anderes Ware es, wenn Sie mit mir gingen. Jedes Wort, das Sie sprechen, Ennte zum Verräter an uns werden, und Ihre Gegenwart würde die Schwierigkeiten, die sich mir entgegenstellen, um das Zehnfache erhöhen. Rein, nem; wenn etwas ge­schehen soll, so muß ich es allein tun. Tresse ich jemals Fräulein Hannah, so werde ich ihr von Ihrer Opserwüligkeft erzählen; finde ich ft: nicht, so wer­den Sie mit Hülfe unserer Truppen ihr Befreier »der, sollten wir beide inzwischen zu Grunde «e-

„O Gott, warum lastet dieses Verhängnis auf mir!" stöhnte er. „Warum bin ich dazu verurteilt, mich stets da als ein Schwächling zu zeigen, wo meine ganze Seele mich zu tapferem Handeln drängt? Hätte ich doch sterben können, als ich an ihrer Seite saß!" >!

Wohl eine Stunde lang lag er so ht bitterem Grame. Al« er endlich ausstand, begann der Him­mel im Osten sich leise zu färben.

„Bald wird es Tag fein", murmelte er und sank in eine frühere Stellung zurück. Da — horch! sprach nicht jemand? hörte er nicht seinen Namen rufen?

„Warte, ich komme" — deutlich drangen di« Worte durch die stille Morgenluft zu ihm. „Da« ist Rudschub! Kein anderer könnte bewirken, daß ich sein: Stimme höre, während er selbst noch in weiter Entfernung ist. Wie er es macht — ich be­greife es nicht; aber ich wußte, daß er an mich denken und mir helfen würde. Was hätte ich auch ohne ihn anfangen sollen?"

Bathurst war der festen Ueberjeugung, daß Isa« bella noch am Leben set. Woher ihm diese Zuber- sicht kam, hätte er nicht sagen können; denn weshalb sollte das junge Mädchen nicht ebenso wie die an­deren von einer Kugel ereilt worden sein? ober et hielt fest an seinem Glauben und ließ sich durch nichts darin beirren.

Geräuschlos durchschritt er das kleine Gehölz und blickte umher. Noch war niemand zu sehen. Wenn er sich getäuscht hätte? Seine Aufregung wuchs mtt jeder Minute; er mußte irgend etwa- tun und wagte doch nicht, sich von dem Orte ju entfernen.

Die Sonne stieg am Horizont auf; Landleute er­schienen auf ihren Feldern, und von Cawnpore klang ein Hornsignal herüber. Ta endlich — die Stunde, welche inzwischen verflossen, hatte sich ihm zu einer Ewigkeit ausgedehnt — sah et am Uferrande eme Gestalt daherkommen. Kein Zweifel — es wat der Gaukler, in jene unscheinbare Tracht gehüllt, welche er bei ihrer ersten Begegnung getragen.

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