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«gmälog 26. «Webet 1912.
39. Jahrgang.
* Tuldaer W Zeitung
3. Blatt
« »re< Mit» Verlag der zaldaer Sktintdntcktret ii 8*16«.
K Frontwechsel Tu der Massen- stimm ung-
Man schreibt uns aus BerUn: Kleine Mißgriffe haben oft große Wirkungen. Die Obstruktion der Berliner Fleischhändler gegen das ruistsche Magistratsfleisch hatte keine praktische Bedeutung von erheblicher Ausdehnung oder Dauer; aber die moralischen Nachwirkungen dieses Zwischenfalles werden sich weit und tief und nachhaltig geltend machen. In Berlin wenigstens ist die Stimmung der breiten Masten gegenüber den Teuerungsfragen plötzlich in eine andere Richtung gelenkt worden. Bisher hatten die fortschrittlichen und die sozialdemokratischen Blätter, die das Berliner Terrain beherrschen, das Volk ausschließlich gegen die «Agrarier* und di« sog. agrarische Schutzzollpolitik aufgehetzt. Noch am letzten Sonntag war die Massendemonstration diesem Zweck gewidmet. Den Stoffen war eingeredet worden, daß das ganze Hebel durch die Öffnung der Grenzen geheilt werde« könnte, und daß nur die Nimmersatten Agrarier mitsamt der von ihnen beherrschten Regierung die erlölende Grenzöffnung verhinderten, weil sie das hungernd« Volk auch weiterhin ausbeuteu wollten. Nun wurde der von Redensarten berauschten Stenge eine kleine tatsächliche Probe auf daS Exempel vor Augen geführt. Es kam eine Portion billigeres Fleisch über die Grenze; aber die Arbeiterfrauen kehrten doch mit leeren Taschen von der Markthalle heim. Waren es die Agrarier oder die Regierung, die ihnen die billigere Versorgung unmöglich machte? Nein, die Händler, die den Vertrieb des ausländisches Fleisches zu verhindern suchten. Dies« Tatsache führte zu einem Frontwechsel in der Massenstimmung. Die Erbitterung, die bisher sich gegen die Landwirtschaft und gegen die Regierung gerichtet
Hochmoore von etwa 16000 Hektar erbitten uni noch mehr Domänen land hergebe» als bisher. Außerdem sollen geeignete Domänen in höheren» Maße als bisher den Siedelungsgesellschafrev überlassen werden und daS Stammkapital diese« SiedelungSgesellschaften durch Nebernahme größere« Staatsanleihen vermehrt werden. Außerdem ist u. a. die Ausdehnung der BeleihungSfähigkeit bet Rentengüter bis zum Neunzehntel des PsandwerteS in Aussicht genommen. Wir wollen, so führte de« Ministerpräsident weiter auS, daS bestehende System unserer inneren Kolonisation stärken und verbessern. Das ist zweckmäßiger, alS die Gründung einer neuen staatlichen Ansiedelungsbehörd» Die innere Kolonisation ist nicht nur für dte Vermehrung der Fleischproduktivn von allergrößter Wichtig eit, die Bedeutung der inneren Kolonisation geht weit darüber hinaus. «Zustimmung.) Wir stehen seit Jahren eine« starken Abwanderung aus der Bevölkerung vom platten Lande gegenüber, einer Zusammenprestung größerer Menschenmasten in den großen Städten. Stan agt mit Recht, daß ein Staat alt wird, der sich nicht immer aufs Neue ans seinem Landvolk versüngen kann. Unsere stark wachsende, vteffach auf den Export angewiesene Industrie mit ihren H anderst äugenden von Arbeitern muß ein Gegengewicht «oben in einer tranigen und sestfundamentierten, vom Auslande möglichst unabhängigenackerbautreibenden Bevölkerung. (Zustimmung.) Für den Staat erwächst die Ausgabe, der Abwanderung vom Lande und der Ansiedelungstendenz, die von den" großen Städten ausgeht, mit allen Mitteln ein Paroli zu bieten (Beifall.) Der Abfluß vom Lande hat sich besonders stark dort gezeigt, wo der Großgrundbesitz eine vorherrschende Stellung einnimmt. (Sehr richtig! links.» Soll unsere Landbevölkerung stark bleiben, dann kann es nur durch Stärkung und Vermehrung unserer Bauernstellen geschehen. (Lebh.Zust.) Die Aufaabe steht hoch über allen parteipolitiichen Gegenlätzen. Wer aber innere Kolont« salion treiben will, weil ihm der Stand des GroßgriMd- besitzes zuwider ist, den er am liebsten ausrotten möchte, der denkt unhistorisch. Er würde unserer Landwirlschaft und unserem Staat nur Verderben und Hebet zu lügen. Woraus es ankommt, ist eineMischung der großen mittleren un o kleinen Betriebe. (Zustimnumg links.) Friedrich der Große hat gesagt: ^Meu chen erachte ich für den grüßten Reichtum. Wie er dies verwirklicht wissen wollte, hak er durch seine großartige lolomfato- ui die Tätigkeit gezeigt. Aus dem sriderieanischen Slam mit seinen sechs Millionen Einwohnern ist ein Echsat von 40 Millionen geworden. Sorgen wir dafür, daß immer zahlreichere Existenzen in diesem Staat mit dem heimischen Boden fest verankert werden, damit werden wir unseren Staat gesund und stark erhalten. (Lebhafter Beifall.)
Schluß im ersten Blatt.
wochen-Rundschau.
[:] Fulda, 25. Oktober 1912.
Nach ungefähr einmouatlicher Ba^nz ist der wichtigste Botschasterposten des Deutschen Reichs
JÄÄ SÄ
Gelegenheit, seine Kräfte zu zeigen Sie durfte vor allem darin bestehen, eine freundliche Haltung der Englischen Politik herbeizuführen.
Das preußische Abgeordnetenhaus ist nach längerer Pause an Dienstag wieder Msammrn- aeiretrn. An demselben Tage hat auch der badische Landtag seine Sitzungen wieder ausgenommen.
In R u tz l a n d ist den Gerüchten und Zettungs- Weldungen entgegen kein Alintsterwechsel eingetreten. Der Mitiistcr des Aeußern Ssasonow besitzt noch das volle Vertrauen des Zaren.
scheinend schwere Verlusts aber ihre Gegner auch und die Frage ist nun einfach die, wer in der in der Nähe von Uesküb zu erwartenden Schlacht Sieger bleibt. Ein einziger großer Erfolg hier würde für die Türken bei weitem alles aufwiegen, was sie bisher verloren und eine einzige große Niederlage Wütche sie hier dauernd in die Verteidigung verweisen. Was an der griechischen Grenze vor sich geht, ist für den Ausgang des Kampfes überhaupt belanglos. Kurzum: Ruhig abwarten, wie die sehr bald zu erwartenden großen Schlachten bei Adrianopel und llcslüb ausfallen. Dann erst kann man von Siegern und Besiegten reden.
Weiter verstehe ich nicht, wie Sie in der Interpellation, in der Sie die Regierung auffordern, dafür zu sorge», die heimische Viehzucht so stark zu machen, daß sie un» eren heimischen Kleischbedarf befriedigen tarnt, gleich.
zeitig die Abänderung der Wirtschaftspolitik fordern können. (Erneute Zustimmung rechts und im Zentrum.) Die Zuständigkeft des Reiches legt mir an die» er Stelle eine gewisse Zurückhaltung auf, aber Preu. ;en ist der größte Fleischlieferant des Deutschen Reiches und in Preußen spiell die Schweinehaltung did erste Rolle. Es würde außeror- deutlich bedenklich fein, ein Experiment zu machen, daS diese Schweinehaltung gefährdete, an der insbesondere der kleine Grundbesitz einen so großen Anteil hat. Bedenken L-ie, an der Schweinezucht sind gerade unsere kleinsten Wirtschaften beteiligt. An 25 Prozent entfallen auf Wirtschaften unter zwei Hektar, unb an 75 Prozent auf Wirtschaften unter 20 Hektar. Da ist es eine sehr ernste Pslich. der Staats- regierung, diese wirtschaftlichen Verhältnisse zu schützen und für die Zukunft zu sichern. (Sehr richtig!) Ich kann jedenfalls für meine Person nicht die Hand zu einer Maßregel bieten, die vielleicht im Moment einen starken Druck auf unsere Preise ausüben könnte, die aber für die Zukunft unserer Entwicklung verderblich ist. (Sehr richtig!) Ich weiß wohl — das will ich ganz offen und freimütig aussprechen —, daß man mir einen Sirick oaraus drehen wird. Man wird,mir vorwerfen, ich hatte kein inenschliches Mitgefühl mit den Armen und Aermsten. Ich weiß sehr wohl, welche Existenzen von den hohen Fleischpreisen bedrückt iverdcn. Ich kenne die praktischen Verhältnisse genau genug, um sagen zu können: ich habe Mitgefühl mit den Bedrängten ebensogut wie irgendeiner, aber trotzdem darf ich nicht bloß auf den Moment sehen, sondern ich mutz auch auf die Zukunft sehen, und ich habe auseinandergesetzt: in nationaler und wirtschaftlicher Beziehung warne ich vor jedem Schritt, der unsere Unabhängigkeit, die stärkste Fundamentierung unserer Landwirtschaft, irgendwie in Frage stellt. (Beifall rech s.) Der Ministerpräsident charakterisierte sodann die eingeführten Maßnah. men, die von beiden Seiten angegriffen worden seien, und wandte sich zunächst gegen die a ng r if fe von de r Rechten, indem er betonte, die getroffenen Maßregeln trügen einen sachlich und zeitlich begrenzten Charakter. Die Erleichterungen werden sofort rückgängig gemacht werden, wenn der Seuchen- stand in den Nachbarlärchern es erfordern könnte. Von der anderen Seite ist der Elnwand erhoben worden, die Kommunen feien nicht dazu da, in die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln einzugreifen. Bei einer akuten Schwierigkeit kommt es meiner Ansicht nach nicht auf Theorien an, sondern auf die Frage, ob die Kommunen imstande sind, durch Eingreifen einen Druck auf übermäßig hohe Fleischpreise auszuüben. (Sehr richtig rechts.) Erfahrungen aus der Vergangenheit haben gezeigt, daß das sehr Wohl möglich ist, und ich bin überzeugt, daß es auch jetzt der Fall fein wird. Die Tätigkeit der Kommunen^ auf dem Gebiete der Fleischversorgung halte ich für keines. Wegs aussichtslos. Zumteil hatten sie schon vor Bekanntwerden unserer Maßnahmen erfolgreich eingesetzt. Auch die hier unb da erfolgte Einrichtung ständiger kommunaler Schweinemästereien ist zu begrüßen. Ich rechne weiter dahin folgendes: landwirtschaftliche Viehverwertungsgenossen, schäften, namentlich die Pommersche, haben den großen Städten, wie z. B. Berlin und Stettin, das Angebot gemacht, wöchentlich eine bestimmte Anzahl von Schweinen auf den Markt zu liefern, unb zwar zu Preisen, welche für die Dauer von fünf Jahren festgesetzt werden. Zu einer Verständigung darüber ist es noch nicht gekommen Unsere Fleischpreise, namentlich die Preise für Schweinefleisch, zeichneten sich durch ganz ungewöhnliche Schwankungen seit einigen Jah- ben aus, unb daher kommen die sich immer wiederholenden Klagen über unnatürliche Span n u n g en zwischen Vieh- unb Fleischpreisen. Man führt diese Erscheinungen zurück auf die Kredit- und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Kommissären, Händlern und Fleischern. Ich halte es für erforderlich, daß man versucht, diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Cs wird zu diesem Zwecke in kurzer Zeit im Reichsamt des Innern eine Kommission zusam. mentreten, in der alle Beteiligten vertreten kein werden. (Beifall.) Ich komme nunmehr zu den Maßregeln, mit denen die Regierung die Viehzucht fördern soll. Die fortschrittliche Jnterpel. lation fordert in dieser Beziehung die Aufhebung der Futtermittelzölle. Heine stehen wir glück- licherweise einer reichen Futtermittelernte gegenüber. Deshalb sind die prinzipiellen Bedenken gegen jede Aenderung bet Zölle heute noch stärker als im vorigen Jahre. Für den Kleinbesitz ist erforderlich, daß er sich der Schweinezucht unter gesicherten Verhältnissen und ohne übermächtige überseeische Konkurrenz widmen kann, bann wird auch die Fleischproouktion steigen. Zur Beschaffung des nötgen Landes zur Vermehrung des Kleinbesitzes werben wir zunächst 12 Millionen Mark zur Urbarmachung der ostftiesischea
Der französisch-spanische M a r o kk o v?r t r a g gilt als gescheitert. Die spanische Regierung weigert sich, einen Vertrag zu unterzeichnen, der den spanischen Interessen widerspricht.
Die vier Balkan staaten haben der Türkei nuumehr auch formell den Krieg erklärt und die Schrecken des Krieges verwüsten bereits die Länder des Balkans. Der Votmarfch der türkischen, sowie der verbündeten gegnerischen Truppen geht langsam weiter. Dir Nachrichten vom Kriegsschauplätze enthalten viel Schwindel, aber man kann doch aus dem Wust von MeLungen einen richtigen Kern her- ausschälen: den Aufmarsch einer großen bulgarisch- serbischen Sstarmee aus der Richtung Philippopsi- Jarnboü gegen die türkische Aufmarschlinie Adria- uopel-Kirkilisse und den Anmarsch einer kleineren bulgarisch-serbischen Westarmee aus der Richtung Vranja-Küstendil gegen die türkische Ausstellung gegen Uesküb. Nun begeht man im Publikum den großen Fehler, anzuuehmen, es handle sich hier um kleine Ilusmarschgebiete, während die Front der bulgarisch-serbischen Ostarmee sich auf weit über 100 Kilometer erstreckt. Es handelt sich eben auch um ganz andere Truppenmassen, als wir sie zumeist versammelt sehen. Und große Truppenmasfen brauchen Raum zur Entfaltung, brauchen eine Rühe von Straßen zum Anmarfch. Es geht nicht an, eine Armee von etwa 200 000 Mann, soviel zählt etwa die bulgarisch-serbische Ostarmee, auf einer einzigen Straße vorgehen zu lassen. Was gäbe das für Schwierigkeiten mit der Verpflegung? Und was würde erst daraus entstehen, wenn sich die Vorhut plötzlich erneut entwickelten Gegner gegenüber sehen würde? Die Armer ivürde in ganz kurzer Zeit auf- gerieben. Nun haben aber natürlich auch die Türken auf der ganzen Linie kleinere Abteilungen vorgeschoben. Es kommt an der Grenze da und dort ?u Gefechten. Bald siegt der eine, bald der andere, e nach Stärke, Gelände usw. So gibt es Siegesmeldungen auf beideu Seiten. Die Niederlagen aber werden — verschwiegen. Daß die Türken zunächst die Lüdtragenden fein würden, war Vorauszusehen. Die kleinen vorgeschobenen Abteilungen hielten sich in guten Stellungen so lange als möglich, um den Gegner zur Entfaltung größerer Streitkräfte zu zwingen, um einesteils festzustellen, wen Man denn eigentlich sich gegenüber habe, aber auch um ihn zu ermüden, ehe er an die Hauptstellung herankam. Zum Schlüsse aber hieß es immer: Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo. Dabei gab es Verluste und gab es Gesängen: — und so kam das uuunterrichtete Publikum auf die Meinung, die Türken würden ganz gräßlich verhauen. So ist nun die Sach« nicht. Alles weist darauf hin, daß die Türken beabsichtigen, den Gegner in fester Stellung auf der Linie Ädrianopel-Kirkilisse zu erwarten. Hier wird Wohl in wenigen Tagen fchon die Entscheidung fallen. Erst was seit Dienstag bei KirMffe vorfiel, hat für das Schlußergebnis Bedeutung. So ist die Einnahme von Kirkilifse am Donnerstag ein erheblicher Erfolg der Bulgaren. Alles andere aber ist uiierbeblid), genau fo unerheblich, als die Einnahme Saarbrückens am 2. August 1870 durch di? Franzofen war. Was für den Osten gilt, das gilt natürlich auch für das Kampfgebiet au der serbisch- bulgarischen Grenze. Gewiß, die Türken hatten an-
Prentzischer Landtag.
Rbqeordnetenbans.
Sitzung vom 25. Oktober 1912.
HauS unb Tribünen sind gut besetzt. Am Minister- tisch Schorlemer, Sybow unb Dallwitz. Vizepräsident Dr. Porsch eröffnet die Sttzung um 11 Ubr 15 Min.
Auf der Tagesordnung steht zunächst die
Wahl beS Präs,beuten
anstelle de? »erworbenen Frhrn. ». Erffa. Auf Antrag des Abg. Frhrn. v. Zedlitz (frt.) wird Abg. Graf von Schwerin-Löwitz (fonf.) zum Präsidenten durch Zuruf gewählt. Die Sozialdemokraten sind nicht im Saale anwesend.
Abg. Gras v Schwerin Löwitz: Ick danke für bas mir ausgesprochene Vertrauen und hoffe, daß es mir gelingen wird, auch die Rechte der Minberheit zu wahren und die Würde des Hauses hochzuhalten. Wir alle haben das gleiche Interesse daran, die Gesetze und die Würde unserer Körperschast zu wahrend ,Allseitiges Bravo. Ministerpräsident von Bethmann-Hollweg betritt den Saal.)
Es folgt die
Fleischtenernugsiuterpellation.
Ministerpräsident von Bethmann Hollweg erklärt sich bereit, die Interpellationen sofort zu beantworten. — Zur Begründung der nationalliberalen Interpellation führt
Abg. Schiffer zntl.) auS, daß die Maßnahmen ber Regierung kein: Befriedigung im Lande hervorgerufen hätten. Erfreulich fei, baß die Regierung es biesmal wenigstens nicht an einer entschiedenen Stellungnahme gegenüber dem Bunde der Landwirte habe fehlen lassen. An der Grundlage der bewährten Schutzzollpolitik will der Redner unbedingt festgehalten wissen. Seine politischen Freunde seien auch gegen die Aufhebung des Fleischbeschaugesetzes. Die deutsche Landwirtschaft müsse instand gesetzt werben, bie Versorgung bes Inlandes l e l b st zu übernehmen. Ztlr bauernben Hebung der deutschen Viehzucht sei vor allem eine intensive Jnuenkolonisation zu empfehlen.
Wg. Wiemer (Vp.): Die Laiidwirtschaft darf unter keinen Umständen preisgegeben werben unb man mutz anerkennen, daß bie Regierung mit ihren Maßnahmen ben guten Willen gezeigt hat, zu helfen, aber sie ist bamit viel zu spät gekommen. Zur Linberung ber Fleischnot verlangen wir unb-bingt die Aenderung ber Paragraphen 12 und 13 des Fleischbeschauge s e tz e s. Soll ähnlichen Kalamitäten für bie Zu- kunst gesteuert werden, bann mutz mit ber Fibeikom- rnißwirtschaft aufgeräumt werben. DaS beste Mittel zur Vermeidung ähnlicher Teuerungsverhältnisse ist die Schaffung möglichst vieler k le i n e t e t unb mittlerer Bauern.
Minisierpräsibent von Bethmann Hollweg: Die außerorbentlicke Höhe der Fleischpreise hat es ber Regierung zur Pflicht gemacht, linbernbe Maßregeln zu treffen, aber sie hat dabei aufs strengste darauf achten müssen, baß hüt Grundlagen der heimischen Fleischpro- buktion nicht angetaftet werben, denn mit ber w i r t- schaftlichen Una bhängigkeit steht bie Unabhängigkeit ber politischen Welt, stellung Deutschlanbs in engstem Zusammenhang. (Lebhafter Beifall.) Cs galt also zwar ber akuten Fteischtenerung zu steuern, aber alles fernzuhalten, was die Grundlagen unserer heimischen Viehzucht hätte erschüttern können. Ich freue mich der weitgehende»! Uebereinstimmung der nationallibe- r alen Interpellation mit dieser Auffassung. Freudig überrascht worden bin ich durch die Forderung der fortschrittlichen Interpellation, daß der bei« mische Fleischbedarf durch die deutsche Viehzucht »nöglichst gesichert werden soll. Wer wenn Sie bas Ziel wollen, müssen Sie auch bie Mittel wollen. Und Ivie Sie dieses Ziel erreichen tooöen. wenn Sie gleich, zeitig anssprechen, unsere Schutzzollpolitik, unter der i sich die Landwirtschaft zu ihrer jetzigen Höhe entwickelt hrnt, müsse allmählich abgebaut werden, bas verstehe ich nicht. (Große Heiterkeit rechts uni) im Ztr.)
Unpolitische ZeMause.
8. Berlin, 24. Oktober 1912.
(Nachdruck verboten.)
Ein alter, guter, lieber Freund, der bravste unb treueste Kamerad, ist mir von ber Seite gerissen wor. - den. Die Kugel des Tiüws, die da geflogen kam, hätte mich ebenso gut ir-sim tarnen: r «n : .1 • *r
ich ihm noch ein Jahr voraus, und den nagenden Zahn der Zeit spürten wir beide schon im BrusUasten. Aber Ihn hat die Kugel zuerst weggerissen, und ich sage: „Blew' da im ewigen Leben, meta guter kotunai) über ein Kleines!"
Dr. Eduard H ü S g e n ist am Mittwoch in Düsseldorf unter wohlverdienter allgemeiner Teilnahme unb großer Ehrung bestattet worben. Der Blick auf bas Grab stimmt traurig; aber der Blick auf das reiche Leben, bas oorangegaugeu, bringt Trost unb Erbauung. Das Leben war reich, sowohl an Arbeit unb Mühsal, als auch an Glück uub Sgen. Das Wesen unb Wirken des Verstorbenen läßt sich nicht in wenige Worte pressen, weil er so vielseitig war: Jurist, Schriftsteller, Rebuer, Organisator im Pressewesen unb im wirtschaftlichen Leben, Stadtverordneter, Mitglied bes Provinziallandtags, Vereins- unb Akademie-Lehrer, Vorsitzender und Milgründer des großen Auau-> uus- Vereins zur Pflege der katholischen Presse, AufsichtS- ratsvorsitzender unb Mitbegründer der Pensionskaffe für di- katholische Presse, Schriftführer des Verbandes . ^,^^^ffch-westfälischen Preffe usw., dabei das zärtlichste unb sorgsamste Oberhaupt einer Familie, die in ihrer reichen Blüte und ihrer inneren Güte musterhaft und beneidenswert war.
Es wächst der Mensch mit seinen größeren Zwecken, sagt der Dichter. Man kann auch sagen, ber tüchtige Mensch wächst mit seinen höheren Jahren, ja er wächst von Arbeitsdrang unb Arbeitsleistung auch noch bei ab- ntymenber Körperkraft. AIS Dr. Hüsgen vor 8 Jahren von der Rebaktion bes Düffelborfer Volksblattes aurüdtra:, da wünschte mancher, der sein schleichen.
des Herzleiden kannte, dem 56jährigen Mann ruhige Jahre ber Erholung. Aber ber Pflichteifrige kam au8 dem Siegen der redaktionellen Arbeit in die Traufe von immer neuen und höheren Aufgaben. Im Freundeskreise wurde er „Gatter* genannt, unb er war in ber Tat ein Baier in be$ Wortes weitester Bedeutung. Richt bloß für feine neun blühenden Sprößlinge daheim, sondern auch ein Preffevater, ein Siablvaer, ein Vcreinsoater, ber ine Siebe und Ehre ringsum in rastloser Sorgfalt redlich verdient. Je älter er wurde unb je mehr Schonung sein Körper verlangen durfte, desto mehr wurde er in Anspruch genommen. Wie ging eS in ber ersten Hälfte feines Todrsmonats? Am 3. Ok- tober leitete er als Vorsitzender in gewohnter Schnei- digkeit und mit giitnt Humor ein- Generalversammlung des AugustinnS-Veretns tn Köln. Am 7. Oktober war er schon wieder in Köln, um mit dem Verfasser dieser Zeilen an einer Hauptversammlung der Pensionskasse regen Anteil zu nehmen. Er fuhr sogleich wieder nach Düsseldorf, wo die Städteausstellung und der Städtetag ihn andauernd in Anspruch nahmen. Dann war er wieder in Hagen tätig beim Verbands- tag der Rheinisch-Westfälischen Presse, obschon ihn eine hartnäckige Influenza quälte. Darauf gab eS eine lange Beratung der sog. CLL-Geselljchafi für die Berichterstattung an die ZentrumSpreffe, unb denselben Abend machte er noch eine Sitzung der Zentrumsfraktion des Düsseldorfer Stadtrats mit. Dazwischen kamen noch die Lasten und Aufregungen ber Stadt- verorvnetemvahlen in Düffeldori, deren glückliches Erge nis in der 3. Klaffe er noch erleben konnte. Das alle» mutete dem leibenden Körper za viel zu. Aber wer da sagt, er hätte sich rechtzeitig schonen sollen, der kennt nicht den Arbeitsbrcmg unb Pflichteifer eines solchen Mannes. Rach der FraftionSsitzung kam er erschöpft zu Hanse an. Mit einigen Tagen Bettruhe hoffte man bie Schwäche zu überwinden. Aber am Sonntag, den 20. Oktober, brach das treue Herz.
Als ich am 7. Oktober mit ihm in Köln zum letzten Male msammentraf, sprachen wir scherzend darüber, daß wir wohl nie eine Jnvalidenpension beziehen, foubeni vielmehr in den Sielen sterben würden. Wir hatten gut scherzen, denn wir fühlten unS beide da
mals verhältnismäßig frisch und sehr arbeitsfreudig. Er ist nun in den Sielen gestorben, winkt mir zur Nachfolge. In Köln lud er mich dringend ein, ihn nach Düsseldorf zu begleiten zum Familienbesuch. Na- menilidj wollte er nur feine kleinen Enkel vorführen; denn seftdem er im Frühjahr in Berlin sich meinen Enkel angesehen Halle, trieben wir einen großväter. lichen Wettbewerb. Ich konnte ber Einladung nicht folgen, weil ich durch verwandtschaftliche und geschäst- liche Angelegenheiter, zurückgehallcn wurde, und da ich wußte, daß er als Stadtvater gerade sehr in Anspruch genommen war. wollte ich auch einen Diebstahl an seiner Zeit vermeiden. „Also auf Wiedersehen!" Hätte ich gewußt, daß dieses die letzte Einladung aus seinem Munde wäre, so batte ich alles fte en »nv Isrom lassen, um noch in feiner gemütlichen Gesellschaft mich eitrige Stur.be« iu erroarmen unb mich an beut qrsften Tisch im Hüsgenschen Speisezimmer nieberzulaffen, wo für ein volles Dutzend gedeckt zu werden Pflegt und der Vater im Ehrendienst des Fleischschneidens tüchtig zu tun hatte.
Jetzt langt nicht mehr eine von den angenehmen Postkarten an, bie sonst von Zett zu Zeft auf meinen Zehlendorfer oder Berliner Schreibtisch flatterten: „Komme morgen abend in Berlin an; haben Sie noch ein Stündchen für mich übrig?" Ach, wie schön wa- ren diese Stündchen in ber Gesellschaft des gern «'lieben Kameraden! Da kam sein kerngesunder, lebensfrischer Humor so recht in Wirksamkett! Jener Humor, der alles Saure aus der Arbeit in Behaglichkeit auslöste. Kein anderer hat mich ben hohen ästhetische« sittlichen und gesundbettlichen Wert des Humors so kennen gelehrt, als Vater HüSgcn, der durch diese glückliche Naturanlage besähigt wurde, trotz seiner schwachen Gesundheit Jahrzehntelang so viele geistige und kör. perliche S rapazen zu überstehen. Es Hingt nicht sebr imposant, wenn man bas Mahnwort ergehen läßt: Bewahrt euren guten Humor! Aber wer auf ben Grund geht, sinder doch eine große Lebensweisheit darin. Das Leben legt uns viele Lasten unb schwere Lasten auf die Schullern; abioerfen können wir sie nicht, getragen müssen sie werben. Sollen wir die Lasten nun so auf die Schultern und den Rücken legen, baß bie schar
fen Spitze» unten find, ober sollen wir sie lieber so drehen, daß daS Spitze auswärts unb baS Rundliche innen ist? Warum soll man bie Dinge immer von ber schlimmsten Seite anfassen? Der gute Humor lehrt uns, auch an unangenehme« Dingen bie beste, hand- lidifte und bequemste Seite zu entdecken. Un*1 ift es gegen die Würbe eines braven LastenlrägerS, wenn er gelegentlich ein milbemdeS Kiffen unter bie SBürbe schiebt? Eine humoristische Lau« in schwerer Zeit liefert solche Itnbernben Unterlagen, Aber eS muß bet rechte Humor sein, bet von einem guten Geiste getragen wird unb im Bewußtsein gedeiht: Ich tue treu dal meinige, daS weitere wird bet liebe Gott besorgen!
lind noch eins drängt sich in die Feder an diese« frischen Grabe. Dr. Hüsgen war ein Veteran au« ber alten Zett des scharfen Kulturkampfes, unb et konnte die Narben aus diefem ernsten Kriege aufweisen. Er hatte daS Gefängnis von innen kennen gelernt als Märtyrer seiner katholischen lleberzeugung und seiner politischen Pflichttreue. Wenn er davon fprach, so trat keine Spur von Eitelkeit ober Wehleidigkeit zutage, sondern nur der gute Humor, mit dem er sich solcher „unvermeidlichen" Zwischenfälle gern erinnerte. Wir hielten -s ja damals allzumal für selbstverständlich, daß uns gelegentlich eine Erholungspause so hinter eisernen Gardinen verordnet werde; b-Sbalb täten wir doch mit Freuden unsere Pflicht an der Preffe. „Schreibe recht und fürchte auch daS Gefängnis nicht!" Unser Nachwuchs aber, der die scharfen Zetten nicht mehr erlebt hat, macht sich oft kein richtiges Bild von dem bitteren Ernst bet Dinge, bie damals gewesen sind und auch noch wieberkehren können. Den Jüngeren kann man nicht eindringlich genug sagen, baß Bischöfe und Priester und bie beste« Seien das Gefängnis zum ehrenvollen Salo« erhoben haben. Wird ber Nachwuchs im Notfälle auch salonfähig sein?
Dr. Hüsgen hat in Vorbild und Schrift, nament» lich durch sein herrliches W i n d th o i st b u ch, vortrefflich gewirft zur Erziehung de» Nachwuchses. Gott wirb es ihm lohnen. Auf Wieberseheul