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Jreitag 25. ®Ho»er (912.

39. öehrgUUg.

* Tuldaer M Zeitung

2. Blatt.

»red ttii Verleg der $*16aer ZdienDnttoti i« $»16«.

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Aus dem Nachbargebiete.

* Frankfurt, 22. Ott 1912. Der deutsche evan- gelische Kirchengesangvereinstag, dem 2400 Chore mit 100 000 Sängern und Sängerinnen angeyoren, findet gegenwärtig hier statt '2118 Ort für bte nächste Tagung wurde Essen bestimmt. — Den Oberlehrern Dr. Aug. Hahn und Rich. Hauschild wurde der Role Adlerorden 4. Klasse, dem Fabrik- dircktor Dr. Stroof der Kronenorden 3. Klasse, sowie dem Zeichenlehrer a. D. Caster der Kronen« orden 4. Klasse verliehen.

* Mardorf (Kr. Homberg), 23. Ott. 1912. Eine Tagelöhnerin stahl den Töchtern eines hiesigen Gutsbesitzers Schmucksachen im Werte von 300 Mk Ter Diebstahl wurde aber zeitig entdeckt und der Diebin, welche auf dem Felde mit Kartoffellesen beschäftigt war und die gestohlenen Sachen in den Strümpfen verborgen hatte, die Beute wieder ab- genommen.

* Kassel, 24. Oft. 1912. Auf der Regier» ngs- haupltafle waren 300 Dit. hinterlegt worden, die gestern an die sieben Schwestern aus einer Ortschaft in der Nähe Kasiels ausgezahlt werden sollten. Die Kasse zahlte das Geld an die älteste der Schwestern aus. Auf dem Korridor tarn cs dann zwischen den Schwestern wegen des Geldes zu einer förmlichen Rauferei. Die Weiber wälzten sich am Boden, bissen sich und risien sich gegenseitig die Haare aus. Schließlich gelang es derjenigen, die im Besitze des Geldes war, durch eine Seilenlür zu entfliehen, während die übrigen racheschnaubend von dannen zogen. — Am Mittwoch nachmittag wurde hier der weithin bekannte Kaufmann Franz Barth durch den Tod von einem langjährigen Leiden erlöst.

* Eschwege, 24. Ott. 1912. Der Werragau hielt hier eine Gauvorturnerstunde ab, an der 48 Vorturner und Turnwarte aus allen Teilen des Gaues teilnahmen. Am Schlusie der Hebungen überreichte der Gauvorsitzende, Lehrer Engelhardt von hier, den Siegern des Gaues die Ehrenurkunde vom Gautlirnfest und dem Meißnerbergsest im vorigen Sommer.

* Göttingen, 24. Oft 1912. Die außerordent­liche Vermehrung der Studierenden der Universilät hat die Erbauung eines weiteren Hörsal« und Seminargebäudes erforderlich gemacht. Das mit einem Kostenaufwande von annähernd 500000 Mark errichtete Gebäude ist jetzt fertiggestellt und seiner Bestimmung übergeben worden. — Gestern morgen ist der ordentliche Professor der Medizin, Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Ebstein, zestorben.

* Herborn, 24. Oft 1912. Ein Dienstmädchen «krankte hier so heftig, daß es ins Krankenhaus gebracht werden mußte, wo es bald starb. In­zwischen ist auch die Dienstherrschaft erkrankt. Polizeiliche Ermittelungen bestärkten den Verdacht, daß die Erkrankung auf den Genuß von verdor­bener Wurst zurückzuführen sei. Die Leiche wurde beschlagnahmt.

* Treffurt a. d. Werra, 24. Oft. 1912. Unter staatlicher Leitung ist ein weiterer Ausbau der Burgruine Rormannstein geplant. Sowohl das Innere als auch das Aeußere der Burg nebst den beiden Eingängen soll genügend ausgebaut werden. Der Kostenanschlag beläuft sich auf ca. 20000 Mark. Mit den Sauarbeiten wird voraus­sichtlich im Frühjahr 1913 begonnen w rne-,

* Aus Thüringen, 23. Olt. 1912. Zwei jung: Burschen in Igels hieb wurden unter dem Ver­dacht verhaftet, "den Arbeiter Mußmächer aus H eu- streu erschlagen zu haben. — Ein Sonderling in Camburg wurde in die Anstalt nach Hildburg­hausen geschafft. Bei der Untersuchung des Hau­ses wurden nicht allein gut versteckt für 40 000 Mk. Wertpapiere gefunden, sondern es stellte sich auch heraus, daß er außer 10 000 Mk- Hypotheken noch zwei Grundstücke in Berlin besitzt. Er befindet sich also in sehr guten Vermögensverhältniss?n, während lfer sich immer den Anschein der Aermlichkeit gab. — 'Sei Gräfenhain landete am Montag der fran­zösische Luftballon „Stella" mit zwei Passagieren, einem Herrn und einer Dame. Der Ballon war -Samstag in Paris aufgestiegen. Bei der 36stün- ; Ingen Fahrt wurden 2600 Dieter Höhe erreicht. —

In Apolda wurde eine Schulknabe aufgegriffen, der aus Jena durchgegangrn war und sich weigerte, zu seinem Vater, den man inzwischen gerufen hatte, zurückzukehren. Der Junge erzählte solche Geschich­ten, daß man den Vater verhaftete. — Wegen Unter­schlagung amtlicher Gelder tn Höhr von 10000 Mk. wurde in Zeulenroda der Bahnassistent Walter verhaftet.

<P Messinghausen, 25. Oft. 1912. In den Kalk- steinbrüchcn der Sauerländischen Kalfindustrie ist hier soeben eine wunderschöne Tropfstein­höhle von großem Umfange angeschosien worden. Dir Hohle liegt an einer geschützten Stelle und zeigt prächtige Tropffteingebilde. Hoffentlich gelingt es, dieselbe vollständig zu erhalten und dem Verkehr aufzuschließen, was für unfern Ort und die ganze Gegend von großer Bedeutung werden könnte.

* Bad Ikisttagen, 24. Oti. 1912 Da- König Max-Denkmal, das einen anderen Platz erhalten soll, wird jetzt in der gemeindlichen Anlage in der Nähe des Kasinos aufgestellt werden. Es soll möglichst bochw chsersicher gesellt we-d-n.

* Wiesbaden, 23. Oft. 1912. Als Einbrecher im Holzarbetterbureau ist der Bauanschläger Kilb er­wischt. K. hatte sich durch Geldausgaben verdächtig gemacht. Seit einigen Tagen versuchte er, in Frank­furt Arbeit zu erhalten, und fein Eifer, mit dem er sich zum Umzug nach Frankfurt abmeldete, ohne feste Arbeit zu haben, steigerte den Verdacht. Bei der Haussuchung versuchte die Frau Kilbs etwas zu verstecken, wurde jedoch von dem Beamten daran gehindert' Es war ern Taschentuch mit 510 Mark, das in einem Kästchen unter einem Möbelstück ver­borgen war. Die Frau wurde sofort verhaftet und gestand, daß das Geld vom Holzarbeiterbüro ent­wendet sei. — Der Etat der städtischen Verwaltung für 1911/12 dürste trotz der hohen finanziellen An­forderungen an die Stadt und trotz des nur 100 Prozent betragenden Kommunalzuschlages, mit einem Ueberschnß von 300 000 Mark abschließen. Auch der Etat der städtischen Kurverwaltung wird zum ersten Mal seit der Errichtung des neuen Kur­hauses ohne Unterbilanz abschließen.

Amt Geisa und Umgebung.

* Ostheim. 24. Oft. 1912. Die am hiesigen Ort von Rektor Seyd alljährlich im Winter veranstalte­ten Elternabende erfreuen sich großer Beliebt­heit. Wie diese, so üben auch die Sch ul au f- führungen eine bedeutende Anziehungskraft aus. Der Reinertrag der Schulausführungen wird mit dazu verwandt, arme Kinder bei größeren Schul­reifen zu unterstützen. Bei den Schulaufführungen werden Stoffe aus dem Unterrichtsbetrieb, unter einen einheitlichen Gesichtspunkt und Grundgedan­ken gebracht, in dramatischer Weise dargeboten.

* Tiefenort, 24. Oft. 1912. Als dieser Tage auf dem Rittergut Hetzeberg der junge Verwalter anstelle des verreisten Hausherrn die Aussicht führte, kam es zu einer Revolte der polnischen Arbeiter. Männer itnb Weiber, wohl 20 an der Zahl, drangen nach reichlichem Wutkigenuß mit Mistgabeln, Hacken, Dreschflegeln und Stöcken auf den Beamten los, der in das Haus des Oberschiveizers flüchtete. Doch auch hier war er nicht sicher. Die Verfolger drangen in das Hans, wo sie den Verwalter, mit Messer und Revolver bewaffnet auf der Treppe fitzend, vorfan- drn. Erst ein blinder Schuß des Verfolgten ver­tagte die Angreifer auf wenige Minuten. Der Ver­walter holte schnell einen Wachtmeister ans Mark­suhl herbei, mit dessen Hilfe die Ruhe wieder hergr- stellt wurde.

Aus Gberheffen u. den Hess. Aemtern.

* Marburg, 24. Oft. 1912. Vom 1. Januar 1913 an wird eine Zwangsinnung für das Schneiderhandwerk und eine solche für das Schmiede-. Schlosser- und Klenipnerhandwerf in den ländlichen Gemeinden des Amtsgerichtsbezirks Marburg — bei der zweiten Innung ausgenommen die Orte Allna, Kehna, Niederweimar, Oberweimar und Wolfshausen — errichtet werden.

X Kirchhain, 24. Ott. 1912. Zu dem Eisen­bahnunglück bei Kirchhain, das wir gestern bereits mitteilten, wird noch folgendes berichtet: Bei Einfahrt des Güterzuges 8749 von Cölbe in den Bahnhof Kirchhain streifte deffen Lotomotive die über Distanz stehende Vorspannlokomotive des GüterzugeS 6850, wodurch letztere mit sämtlichen Achsen auf der Wohrabrücke entgleiste und sich in­folge des wuchtigen Zusammenstoßes hoch auf das Geländer der Brücke austürmte. In dem Augen­blick des Zusammenstoßes ging die Schrankenwärterin Frau Witwe Michaelis über die Brücke. Die Maschine quetschte ihr beide Beine ab und schleuderte die Unglückliche von der hohen Brücke herab in die Wohra. Die sie begleitende 17 jährige Tochter ent­ging mit knapper Not demselben Schicksal. Erft nach geraumer Zeit sand man die verstümmelte Leiche im Waffer. Die allgemein geachtete Frau gatte aus Furcht vor e roaigen Belästigungen auf der Landstraße den Bahndamm zur Rückkehr in ihre Warnung benutzen wollen und ging nun auf Io tragische Weise in den Tod. Dieser traurige Fall zeigt wieder mal, wie recht die Bahnverwaltung hat, wenn sie das Betreten des Bahnlörpers streng verbietet. Der Führer der einen Maschine war bei dem Zuiammenstoß Abgeltungen und trug nur eine Fußverstauchung davon, der Heizer wurde heraus- gefd}leuberf, fiel die ziemlich hohe Böschung hinunter, kam aber mit dem Schrecken davon. Auf die Naä>- richt von dem Unglück waren rasch große Men'chen- mengen versammelt, die die Unglücksftätte in düsterem Scbroemen umstanden.

* Ziegenhain, 24. Ott. 1912. Der diätarische EerichtsschreibergehUfe Hundt wurde zum Amts- gerichtsasfistenten in Witzenhausen ernannt.

-ff- Ziegenhain, 24. Oft. 1912. Tie Schwalm­dörfer stehen jetzt im Zeichen der Kirmetz. Sie beginnt gewöhnlich am Freitag und schließt Sonntag­abend. 'Wer nie eine solche gesehen hat, den wird der Besuch interessieren, da sich hier unverfälschtes hessisches Volkstum erhalten hat. Hierbei lernt man am besten das Leben und Treiben der Schwälmer, ihre Titten und Gebräuche, ihre originellen Tänze und eigenartige, bunte Tracht kennen; den Haupt- schmnck legen sie allerdings nach der Kaffeepause '3 Uhr) ab. Nächsten Sonntag ist die Kirmeß in Los- hansen, Nieder- und Obergrenzeboch.

* Ebsdorf, 24. Oft. 1912. Die Eheleute Land­wirt Bodenbender feierten gestern das Fest der goldenen Hochzeit.

]f Amöneburg, 24. Ott. 1912. Die nächste Ver­sammlung der Turn- und Spietvereinigung Kirchham wird am 26. d. Mts. in Kirchhain stattfinden. In der Hauptsache werden üch die Besprechungen mit dem Wetturnen und mit Festsetzung des Termins zum tünfttgen Wanderpreis-Wetturnen befassen.

vermischtes.

* Landesökonomierat Cimbal f. Der durch seine Weizen- und Kartoffelzüchtungen um die Hebung der deutschen Landwirtschaft verdiente Landesöfo- nomierat Cimbal ist auf feiner Besitzung Fröns- dors in Schlesien im Alter von 72 Jahren gestorben.

* Bei einem Wirtshausstreit in dem Saarort ObersaIbach hat der Reitende Lesch den Berg­mann Forster erstochen. Ein Oheim des Ge- tö'eten erlitt infolge dieser Tat einen Schlagan - fall, dem er erlag. Der Täter wurde verhaftet.

* Fatzexplosion in einer Brauerei. In der Bock­brauerei tn Berlin waren Arbeiter mit dem Aus- pichen eines großen für etwa 1000 Liter Bier bestimmten Fassis beschästigt, in dem sich anscheinend Gase gebildet hatten. AIS einer der Angestellten mit einem Licht bineinleudjtete, explodierte das Faß unter donnerähnlichem Getöse und zerlplitterte in tausend Stücke, ohne jedoch größeren Schaden an« zunchten oder Menschen zu verletzen.

* OrdenSschacheiProzeß. Der frühere Rechtsan­walt, jetz ge Agent Faß, der dem angeblichen Ber­liner Archäologen Moser die Beschaffung päpstlicher, 'elgischer, rumänischer und anderer Orden und Titel angeboten hatte und wegen Betrugs unter Xnflage gestellt war, wurde von der Straffammer in Aachen freigefproeben. Der Gerichtshof nahm nach Vernehmung des Berliner Kriminal»

fowmiffars Krüger an, es müsse als notorisch au» gesehen werden, daß in Berlin feit Jahren für, Geld Orden und Titel beschafft würde» und daß der Angeklagte in der Lage sei, solche z» besorgen.

* Der Umgang mit Schußwaffen. I» Fritsch» witz (Mähren) hat sich der Kaufmann Friedel er» schollen. Beim Hantieren mit seinem Jagdgewehr war ein Schuß losgegangen und hatte feinen 16jährigen Sohn getroffen. Der unglückliche Vater, der glaucte, fein Kind getötet zu haben, legte in der Ausregung Hand an sich. In Wirklichkeit war der Junge nur, leicht verletzt, ohnmächtig geworden.

♦ Eine dem Licht entgfgeulaufenbe Schafherde wurde zwischen Unt.riöhring und Ismaning m Bayern von einem Sitterjug Überfahren. Dabei wurden 25 Scbafe getötet.

A Den Gipfel der Lächerlichkeit dürfte der fran­zösische Antiklerikalismus in dem Städtchen Saint Ak i eh e l en l'Herm erstiegen haben. Dort war kürzlich ein neues Postgebäude errichtet worden. Zur Verzierung der Außenseite hatte der Architekt das Wappen der Stadt, das in der Hauptsache aus einem viergeteilten Schild besteht und das sich wiederholte, angebracht. Das Ornament gefiel ganz gut, bis ein Pfaffenfresser die Republik aus höchster Gefahr — rettete, in die sie durch den Schild gestürzt worden war, ohne daß es bemertt worden wäre. Schreck­liches war geschehen, die zwei Linien auf dem Or­nament, die sich im rechten Winkel schnitten, bildeten ein Kreuz. Ein Kreuz, also das Zeichen des Klerikalismns! Unmöglich! Trotz des Protestes des Bürgermeisters reklamierte der verrückte „Antikleri­kale" bei der vorgesetzten Behörde, die, und das ist der Höhepunkt dieser Poffe, thm Recht gab und dem Bürgermeister auftrug, das „Kreuz" zu ent­fernen. — Wenn es nicht gar so traurig wäre^ könnte man lachen.

* Untergang einer rumänischen Zollbarke. Eine mit 17 Matrosen besetzte Barke des ZollkutterS .Lahosari" kenterte im Hafen von Galatz. Obwohl Hilfe sofort zur Stelle war, ertranken sechs Matrosen, sechs andere konnten erst nach vi rtel» stündigem Kampfe mit den Wellen ausgefischt werden.

Handel nnd Industrie.

* Berlin, 24. OKI. 1912. Die Reichsbank erhöhte Henle ihren Diskant nm K, Prozent aus 5 Prozent Der Lombardzinsfrch wurde von 5lii aus 8 Prozent erhöht.

Berlin, 24. Okt. 1912. Börse schwach ein« setzend, später befestigt. Die führenden Montanwert« wurden lebhaft gekauft und batten nennenswerte Preissteigerungen zu verzeichnen. Schiffahrtsaktien anfangs matt, später erholt. Der Privatdiskont erhöhte sich auf 41/« Prozent.

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3m Schutze des Zauberers.

47J Englisch-indischer Roman von E. A. Henty.

„Ich habe ihn gefehen und, was mehr sagen /bin, die Zusicherung seines Schutzes erhalten. Er will nur noch bi» Einwilligung seiner Kampfgenos- !en einholen und uns dann morgen Nachmittag das Resultat mitteilten."

„Danken wir Gott dasür, mein Junge! Das ist Rettung in höchster "Not. Lassen Sie uns keine Se­kunde länger zögern, den Frauen die erlösende Bot­schaft zu melden: sie haben Uebermenschliches er­duldet in diesen letzten Tagen."

Eilig tasteten die beiden Männer den Gang ent­lang nnd traten in der nächsten Minute bei den Zurückgebliebenen ein. Kein lauter Ausbruch der Freude antwortete ihrer Erzählung, — weinend zogen die Mütter ihre Kinder in die Arme, und die Hände der Männer fanden sich in festem Drucke. Zn Schweres hatten sie erlebt, uni die Nachricht von der in Aussicht stehenden Befreiung mit so stürmi­schem Jubel begrüßen zu können, wie sie es vielleicht vor drei Wochen noch getan. Keinen gab es unter ihnen, der nicht einen herben Verlust zu verzeichnen hatte, — sei es der Gatte, der Freund ober ein teueres Kind, die der Tod ihm geraubt; und in das Dankqebet, das zum Himmel ausstieg, mischte sich unwillkürlich die leise Klage: „warum, mein Gott, konnte die Hülse nickt früher kommen?"

Dennoch fühlten sich alle wie von einer Last be­freit, und als Bathurst, — bet inzwischen mit dem Doktor beim Major gewesen und diesen alle Einzel­heiten seines Erlebnisses berichtet hatte — zu ihnen zurückkehrte, umringten ihn alle, und jeder bemühte fick, ihm seine Dankbarkeit und Freundschaft zu bezeiaen.

Isabella, die bis dahin mit Frau Doolan im Krankenzimmer bei den Kindern geweilt, drückte ihm wortlos die Hand, während die letztere in ihrer leb­haften Weise ausrieft

„Wir sind Ihnen zu ewigem Danke verpflichtet, Herr Bathurst! Sie sind es, dem wir unser Leben jchulden, wenn wir glücklich hier hinausgelangen,"

„Sie sprechen in unser aller Warnen, Frau Doo­lan", sagt: der Doktor mit lauter Stimme. „Wohl dem, der beut Bathurst ohne Beschämung ins Auge blicken kann."

„Ich möchte der erste sein, der sein Unrecht ein» gesteht", bemerkte Kapitän Doolan, hervortretend. „Schon feit längerer Zett habe ich meinen Irrtum erkannt, aber leider nicht den Mut gefunden, es vor Ihnen anszusprechen. Wenn ntir selbst die richtige Beurteilung Ihres Leidens abging, so hätte ich der Versicherung des Doktors, der Sie wett besser kennt als ich, glauben sollen. Seither hat Ihr garzzes Verhalten während dieses Krieges von dem echt männlichen White, ja der Heldenhaftigkeit, die Sie beseelen, Zeugiiis abgelegt, und es ist mir ein auf­richtiges und herzlickes Bedürfnis, Sie wegen der Kränkung, die ich Ihnen zngefngt, um Verzeihung zu bitten. Geben Sie mir Ihre Hand, Bathurst'"

Alle die anderen traten herzu, begehrten ihm die Hand zu schütteln, und drückten ihr tiefes Bedauern über das Geschehene aus.

Bathurst kämpfte schweigend mit seiner Be­wegung. „Wenn Sie mir doch glauben wollten, meine Herren", sagte er endlich, „da ich Ihnen nach meinem Empfinden nichts zu verzeihen habe! Ihre Worte tun mir wohl, und ich nehme dankbar die Hand an, die Sie mir bieten, — aber nichts, was Sie gesprochen oder getan, kam jemals cm Schärfe dem aleich, wa-i ich mir selbst gesagt. Es giot nichts Furchtbareres für einen Mann, als tatenlos zuseben zu muffen, wenn es gilt, mit den Waffen in der Hand Frauen und Kinder zu verteidigen. Kein noch so gut gemeintes Feeundeswort kann über diese Schmach hinweghelsen."

„Aber Sie iibertreiben, Bathurst, und lästern sich selbst", rief Wilson hitzig. „Es ist ja Unsinn nach allem, was Sie getan, und nach jenem prächtigen Ausfall mitten in die Feind: hinein, den Sie vor unseren Augen gewagt. Es war großartig!"

„Jawohl, Herr Bathurst", fügte Frau Doolan hinzu; „ich denke, wir Frauen verstehen auch ein wenig zu beurteilen, was wirklicher Mut ist, und was Sie uns in diesen Wochen gewesen find. Ich möchte Sie nicht noch einipal (o sprechnr hören."

„So will ich es nicht wieder tun, Frau Doolan", sprach Bathurst mit schwermütigem Lächeln. Und indem er hinzusüqte, er wolle dem Major für einige Stunden der Nacht, die hoffentlich ruhiger als die vorhergehenden verlaufen werde, Gesellschaft leisten — empfahl »r sich und begab sich in das andere Zimmer.

Frau Doolan sah ihm tränenden Auges nach.

„Ich glaube, niemand von uns hat sich in diesen schrecklichen Rächten so wenig Schlaf gegönnt wie er", sagte sie bewegt; „und obwohl wir alle viel gelitten haben, trug er doch di- schwerste Last. Er ist ein seltener Charakter, und ich freue mich, daß auch Ihr Männer ihm jent Gerechtigkeit widerfah­ren la ff et. — Kommen Sie, Isabella, wir wollen versuchen, ein wenig zu mh:n. Es ift «bereits zwei Uhr, und die übrigen, werden gut tun, unserem Bei­spiel zu folgen."

Der Morgen verlief wie gewöbnlich unter hef­tigen feindlichen Angriffen, die erst ein Ende er­reichten, als die Belagerten nachmittags nm zwei Ubr die Weiße Flagge aushißten. Lautes Triumph­geschrei begrüßte das willkommene Zeichen; die Ge­schütze versttwiinten plötzlich, u'ck nach fünefter Frist erschien ein eingeborener Offizier, ebenfalls eine weiße Fahne tragend, uub fragte nach ihrem Begebr.

„Wir wünschen den Zemindar Vor Sing zu sehen, um wegen d-r Uebergabe mit ihm zu ver­handeln", erwidert- Bathurst.

Der Offizier verschwand und kehrte eine halbe Stunde später mit dem Bescheid zurück, daß er be­auftragt sei, den Befehlshab nc der Garnison zu den indischen Truppensübrern zu geleiten. Kapitän Doolan, gefolgt von Bathurst und dem Doktor, trat hinaus und sah sich Mit seinen Begleitern alsbald zu dem großen Zette geführt, vor dem sich alle Zemindars, sowie die höheren Offiziere der Sepoys versammelt hatten. Bathurst ergriff das Wart.

„Por Sing", begann er, „und Ihr, Zemindars von Onde, vernehmt die Botschaft, die Euch Major Hannah durch uns sendet. Da er selbst verhindert ist, vor Euch zu erscheinen, hat er Kapitän Doolan hier zu seinem Stellvertreter erwählt, damit er über die FriedenSbedingunqm mit Euch verhandle. Denn

nicht den pflichtvergessenen Soldaten, die ihren Eid gebrochen, die sich gegen ihre Oberen empört und sie verraten und gemordet haben, wollen wir mtS unterw-rse» — sondern Euch, den Fürsten von Oude! Eurem Worte wollen wir vertrauen. Euch die Festung übergeben, wenn Ihr der ganzen Be­satzung, Weißen und Eingeborenen, Schonung ihres Lebens und freies ©ziert durch das Land zusichert! Könnt Ihr diese Bedingung nicht erfüllen, so find wir entschlossen, Widerstand zu leisten bis zum Aeußersten, und lieber das Gebäude mit allem, was darinnen ist, der Vernichtung Preiszugebm, ehe wir uns lebend den Hande» unserer Feinde überliefern. Aber noch sind wir auf lange Zeit hinaus mit Mu­nition untz^Kriegsvorräten versehen, und Ihr wer« bet noch viele Eurer Leute opfern müssen, bevor wir zum letzten Mittel greifen. Das bedenket wohl, wenn Ihr die Entscheidung trefft. Wir erwarte» Eure Antwort!"

Als Bathurst geendet, erhob sich ein Gewirr von Stimmen; alles sprach und schrie durcheinander; die Sepohs forderten wild bedingungslose Unter­werfung oder keine, und einer der Offizier: rief laut durch das Getöse: „Hier ist Rudschub! Er spreche im Warnen Nena Sahibs!"

Augenblickliche Stille folgte diesen Worten, und der Gauller, vornehm gekleidet, trat in den Vorder­grund.

„Ich habe keine Befehle für diesen besonder-« Fall von dem Rajah erhalten", sagte er langsam. „Allerdings hat er verlangt, man solle all: Gefange­nen zu ihm senden, aber — wie Ihr selbst gehört habt — handelt es sich hier nicht um Gefangene, weder jetzt noch später — sondern um freiwillige Uebergabe dieses Platzes. Ich kann nicht glauben, daß Wenn Sahib bitr.berte feiner Landsleute hinae- schlachtet sehen möchte, nur um diese wenigen Män­ner nnd Frauen in sein: Gewalt zu bekommen, was ;ubent — falls bie Weißen ihre Drobung wabr- machen sollten — niemals gelingen dürste.

„Wir find hergekommen, um sie zu ergreife« und zu töten", murrte ein zweiter Offizier trotzig, „und wir wollen uns daran nicht hindern lassen'.

»Fortsetzung folgt)