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M 214.

Mittwoch 23. Gttoder 1912.

39. layrgang.

fuldaer T Zeitung

in $ul6<u

2. Blatt.

druck nnb ötrla; srr tniKet Actt«ndmck«rei

Aus -em Nachbarqebiete.

* Hersfeld, 22. Okt. 1912. Unsere Schauflug- oeranstaltung stand unter keinem günstigen Stern. Abelmaun stieg bald nach 3 Uhr auf und vollfuhrt: einen prächtigen Flug, bei dem er bis ?,u 300 Pieter Höhe erreichte. Nachdem er etwa 1- Minuten in der Luft gewesen war, wollte er im Gleitflug niedergrhen. Kurz vor der Landung er­faßte ein Windstoß den Apparat von unten, und dre Gefahr laq nahe, daß er gegen die Halle anprallen würde Der Flieger r-ß den Apparat tn bte Hohe: in demselben Augenblick drückte aber ein kräftiger Windstoß von oben gegen die Tragflächen, so daß Abelmann knapp über die Halle hinwegkam und jen­seits derselben landete. Bei der Landung setzte der Eindecker sehr hart auf, wodurch Achse und Telle des Traggestells verbogen wurden. Der Flieger selbst kam ohne Verletzung davon. Tie Beschädigungen des Apparates aber waren derart, daß von weiteren Aufstiegen abgesehen werden mußte.

* Meerholz, 22. Okt. 1912. Die verwitwete Gräfin Agnes zu Isenburg und Büdingen in Meerholz, ist im 70. Lebensjahre an den Folgen einer Lungenentzündung g e st o r b e n.

* Büdingen, 22. Ökt. 1912. Bei einem Brande der dieser Tage im hiesigen Pfarrhause wütete, stürzte ein junges Mädchen aus Wiesbaden in seiner Verzweiflung bte Treppe hinab und zog sich dabei erhebliche Verletzungen zu-

* Langenselbold, 22. Okt. 1912. Dem Heuhänd- zer Koch wurden aus seiner Behausung 180 Mark gestohlen. Ter aus Hanau herbeigeholte Polizei. Hund Wolf verbellte sich im Hause des Bestohlenen. Man vermutet, daß eine Frau, die int gleichen Hause wohnt, die Diebin ist.

* Hanau, 22. Okt. 1912. In einem hiesigen Hotel stieg ein angeblicher Kaufmann Wredemeyer aus Breslau ab, der sofort ein Telegramm an eine Breslauer Firma aufgab, in dem er umgehend 100 Mark erbat, da er sein Portemonnaie verloren habe. Er übergab es, dem Oberkellner zur Beförderung mit der Bitte, das Geld einstweilen auszulegen, ent­lieh sich noch 3 Alk. und verschwand. Das Tele­gramm kam später als unbestellbar zurück. — Ge- richtsassessor Bartmutz wurde auf seinen Antrag in­folge seiner Wahl zum Stadlsyndikus von Hanau ans dem Justizdtenst entlasten.

* Mainz-Mombach, 22. Okt. 1912. Vom eigenen Pater bei der Polizei wegen Mordes angezeigt wurde der 21 Jahre alte Taglöhner Rupprrt, der in Essen an einem fünfjährigen Blädchen einen Lust­mord verübte. Der übel beleumundete Bursche schien nach der Tat Reue zu fühlen und schrieb an seinen Bruder, denl er die Tat unumwunden einge­stand. Ter Bruder übergab den Brief dem Vater, der die Sache selbst zur Anzeige brachte. In Essen hatte man den Lüstmorder indes auch schon ermittelt und festgenommen.

♦ Kastel, 22. Ott. 1912. Ein Ba llechniker ver­suchte sich beult aus Liebesgram mit Cyankalium zu vergiften. Der vorsichtige Verkäufer verab­folgte dem Lebensmüden aber nur Roienöl, wovon er ein ganzes Fläschchen leerte und sich den Magen grün blick oer atb.

* Sandershanfen, 22. Okt. 1912.. Unsere Ge- me ndeverlretung beriet am Sonntag über die Ver­gebung der Wasferlertungsarbeiteu. Von den eingeaangenen 18 Angeboten war vas billigste zirka 90000 Mark und das teuerste 133000 Marl bet V.rwendungi von zirka U1/« Kilometer guß­eisernen Muffenröhren. Nachdemrsämlliche Positionen eingebend durchgeiprochen waren, entschloß man sich einstimmig zur Verwendung der gußeisernen Muffen* to'ire, obgleich selbige etwas teuerer als die anderen Röhrenfabrikate waren. Die gesamte 'llrbett wurde der Firma ’llrtbur Schäler u. Co., Kassel, zu ihren Preisen von nrka 95 000 Mark überirnaen

♦ Stierstadt, 22. Okt. 1912. Der Gemeinderat beschloß eine wefeulliche Erhöhung der L u st b a r- k e i t s st e u e r n für solche Tanzvergnügungen, die sich über die festgesetzte Polizeistunde ausdehuen.

* Wiesbaden, 21. Okt. 1912. Hier ist ein Katho­lischer Männer-Fürsorge-Verein ins Leben getreten. Ter Zweck des Vereins ist Schuh und Rettung für Knaben und Männer in geistig« fttlieber Not und Gefahr. — Graf v. Harden- erg auf Neu-Hardenberg, erbliches Mitglied des

preußischen Herrenhauses, der seit einiger Zeit hier zur Kur weilte, ist aus einem Spaziergange infolge eines Herzschlages int 58. Lebensjahr gestorben.

* Frankenthal, 21. Okt. 1912. In einer Fabrik geriet der 42 Jahre alte Arbeiter Förster aus Heß­heim in das Getriebe einer Maschine, wobei chm der linke Fuß zerquetscht wurde. Dem Verunglückten mußte das Bein amputiert werden

* Würzburg, 22. Okt. 1912. Am Tage nach Allerseelen wollen die hiesigen Jugendsürsorgever- eine einen Blumentag zum Besten des Knaben- hcims und des Mädch'nasyls veranstalten. Als Blum: wählte das Komitee das Chrysantemum-

* Ans Franken, 22. Okt. 1912. Der seit 6. Ok­tober vermißte 68jährig> Landwirt Nenninger von A u b st a d t wurde in einem unbenützten Brunnen an der Straße nach Woltershausen als Luche auf- gesunden. — In Aschaffenburg wurde der Privatier John in feiner Wohnung mt Lehnstuhl siy:nd, die Zigarre in der Hand und den Zwicker auf b:r Rase, tot aufgefunden. In der letzten Zeit lebte der bejahrte Herr in gänzlicher Abgeschlossen­heit.

Ami Getta und Umaebum.

T Geisa, 22. Okt. 1912. Heute morgen brach gegen 3% Uhr in der Scheune des Gosthoss zum Engel Feuer aus, das rasch aus benachbarte Oeko« nomiegtbäude übersprang. Trotz mehrstündiger, an- strengender Arbeit gelang es nickt, auch nur eine der vier nebeneinander liegenden Scheunen zu retten. Sogar das Rathaus schwebte eine Zeitlang in Ge­fahr. Doch gelang es den Wehren von Geisa und der Umgegend, das Feuer wenigstens von den Wohn- gebäuden fern zu halten. Erst gegen 7 Uhr war für diese die Gefahr beseitigt; die Feuerwehr hatte noch den ganzen Tag zu arbeiten, sodaß die Nachbar- Feuerwehren teilweise erst am späten Nachmittag abrücken konnten, während unsere Wehr noch bis in die Nacht hinein zu arbeiten hatte. Dem un­ermüdlichen Eifer der Feuerwehr gebührt alle An­erkennung.

* Geisa, 22. Okt. 1912. Zur Verhütung der Ein­schleppung von Viehseuchen in das Gebiet des Groß­herzogtums ist seitens der Eisenbahndirektion ange­ordnet worben, baß Klauenvieh, bas mit ber Eisen­bahn in bas Grrtzherzogtum eingeführt wirb, ebenso wie bas in Wagenladungen ankommende Geflügel nicht eher vom Bahnhofsgebiet entfernt werben darf, als bis es vom Bezirksarzt untersucht und seuchen- frei befunden worben ist, sofern es nicht innerhalb ber letzten 12 Stunben bind) einen beutschen beam­teten Tierarzt untersucht toarbeit ist. Nur solches Vieh, bas sosort nack ber Entladung einem öffent­lichen, von einem Tierarzt geleiteten Schlachthause zugeführt wird, unterliegt nicht der Unterfiichungs- pflickt. Ter Besitzer oder Begleiter der Tiere hat den Antrag auf Untersuchung 12 Stunden vor dem Entladen beim Bezirkstierarzt zu stellen. Dieser bat über die Untersuchung eine Bescheinigung auszu­stellen, die 4 Wochen aufzubewahren ist.

cf Geismar b Geisa, 22 Oktober 1912. Der hiesige Volksverein hielt am Sonntag im Saale her (Saftrontfct-aft Manuel eine zahlreich besuchte Versammlung ab. Nach mrer Eröffnung bind) bett Geschäftsführer Herrn Kind begrüßte Herr Pfarrer Jüngst die Anwesenden und teilte mit, baß im Volksverein im Laille bes Win ers die soualen Gesetze von sachkundigen Männern in Vorträgen erläutert würden. Hierauf sprach Herr Rechnungs- diretlor Bö l chen-Kassel über bte Reichsverficke- rungSorbnung nnb behandelte in einstünb'ger Rebe eingehenb die Entstehung der sozialen Gesetze, sowie ihre große Bedeutung für Arbeitgeber und Arbeiter und die Noiwendiykeil sie zu kennen. Mit Da»kes» worten für den Redner und die Mitglieder des Voltsvereins schloß Herr Pfarrer Jüngst die schön oerlautene Versammlung, die zum Schluß bie dcmsche Hymne snnq.

* Dermbach» 22. Okt. 1912. Rentier Schnepf bat die auf ihn gefallene Wahl eines Bürgermeisters nrit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand a b g e- l e hn t. — Die Ortsgruppe Kaltennordheim der unteren Poft- und Telegraphen-Beam- t c n hielt hier tin Gasthof „Zur Rhön" eine Ver­sammlung ab.

* Vacha, 22. Okt. 1912. Die am Sonntag von den „Vereinigten Angestellten-Ber-

bände" einberufene Versammlung konnte sich eines guten Besuches erfreuen. Ihr Ergebnis war die Aufforderung, am nächsten Sonntag die Liste C zu wählen.

* Tiefenort, 22. Okt. 1912. In der letzten Gemeinderatssitzung wurden u. a. folgende Beschlüsse gefaßt: Der Vertrag mit dem Kammer- fiskns über den Verkauf des Kammergutes wurde, nachdem den Wünschen der Gemeinde größtenteils Rechnung getragen worden ist, genehmigt. In dem Entwurf zu einem Ortsstatut über die Erhebung von Gebühren bei Lustbarkeiten wurden nach dem Vo> schlag.« der Finanzkommission die Gebührensätze er­mäßigt. Ter mit den Gemünden Kieselbach und Merkers über die gemeinsame Wasserleitungsanlage abzusckließcnde Vertrag wurde gutgcheißen. Wegen Lieferung von Elektrizität soll auch bei der Gewerk­schaft „Heiligenroda" angefragt werden. Die Be­schlußfassung über Errichtung einer Lungcnhilfsfur- sorge- und einer Säuglingsberatungsstelle wurde zu» rückgestellt.

* Kaltensundheim, 22. Okt. 1912. Der L and- wirtsch östliche Verein „a. d. Rhön" hält nächsten Sonntag hier eine Vereinsversammluug ab. Tie Tagesordnimg ist wie folgt festgesetzt: Rech­nungslegung über die landwirtschaftliche Ausstel­lung: Vortrag: „Tas neue Reichsviebseuchengesetz": Gründung von Eberhaltungsgenossenschaften; Aus­händigung von Ansstellungsdiplomen.

Hu$ Gberhesien u- -en Hess. Remtern.

* Frankenberg, 22. Okt. 1912. Unsere höhere Privatschule wird wahrscheinlich von der Stadt übernonrmen werden.

* Neustadt. 22. Okt. 1912. Die versuchsweise eingesichrte Auioverl. indung zwischen Neu­stadt -Willingshausen—Merzhausen ist nunmehr für 3 Jahre vertraglich der Firma Lstheim-Marburg definitiv übertragen worden. Tie Rentabilität dieser Strecke wird durch den starken Personenverkehr zwi­schen den beiden Sckwalmdörfern und der hiesigen Stadt, bezw. der Balmstation gesichert. Besonders von den in Willingshausen tätigen Malern und bereit Schülern wird die Autopost viel benutzt. Tas Torf Wasenberg im Kreise Ziegenhain ist in posta­lischer Hinsicht dem biefigrn Postamte ebenfalls zu­geteilt worden. Nach Ausbau der neuen Ehauffee dürfte auch nack) diesem Torfe der Autoverkehr em* geführt werden.

Schröck, 22. Okt. 1*912. In einer gut de- suchten VerlaDmlung des Volksvereins hielt am Sonntag der Gewerkschastsfekrelär vom christlichen Tabalarbeilerverband, Herr H er b er Hold-Offen- bad) a. M. einen interessanten Vortrag über das Tbema: „Markt- und Preisbildung landwirttchaft- hebet Erzeugnisse." Noch den Ausführungen deS Redners setzte eine lebhafte und lehrreiche Diskussion em. Mit einem Hoch auf Papst und Kaiser schloß die Versammlung.

* Momberg, 22. Okt. 1912. Der Ziegen - zuchtverein veranstaltete eine Ziegenfckau, bei der 46 Ziegen ausgestellt waren. Tie beste rein- rassige Ziege wurde von dem Landwirt Schreiner hier ausgestellt.

* Vöhl, 22. Okt. 1912. In der Nähe unseres Ortes, auf dem „Hagebuch", werden sich eine Anzahl Aseler Familien a n s i e d e l n. Die entstehende Ge­meinde wird den Namen Neu-Asel erhalten. Neu- Asel wird sich der Gemeinde Vöhl anschließen. Ta Asel im nächsten Sommer geräumt sein muß, wird mit dem Bau bald begonnen werden.

vermischtes.

* Ein großer Pkatindiebstahk ist nachts in dem chemischen Laboratorium für Tonindustrie in B e r- l i n verübt worden. Tie Diebe drangen vom Nach­bargrundstück ans über ein Doch in die Räume der Firma ein und packten dort für etwa 1 5 0 0 0 Mk. große nnd kleine Platinschalen, über dreißig Platin­tiegel und kleine Schaufeln zusammen.

* Ter Kattowitzer Bankraub. Wie die „Katto- witzer Zeitung" meldet, ist in Czenstochau der rus­sische Anarchist Olefch verhaftet worden, der an dem Kattowitzer Bankraub beteiligt war und da­mals einen Bankbeamten niederschoß.

* Ter Tiebktahlsverfuch am badischen Kronscha^ Wie noch erinnerlich sein dürfte, wurde im Schloß zu Karlsruhe vor einiger Zeit der Versuch ge» mackr, die Kroniuwelen der Großherzogin von Ba* den zu stehlen. Der Verdacht, der Urheber dieses Planes zu sein, richtete sich alsbald aus den Hof­beamten Richert. Jetzt verurteilte ihn da» Schwurgericht in Karlsruhe wegen Betrugs und Urkundensä Ischung zu anderthalb Jahren Gefängnis. Richert wird sich demnächst auch noch vor der Straft kammer zu verantworten haben.

* Der Kreuzzug gegen den Branntwein ist soeben während der Mäßigkeitstage in P e t e r s b u r g ge­predigt worden. Der Branntwein richtet nämlich m Rußland ungeheure Verheerungen an. ."iahe die Hälfte der russischen Geisteskranken verdankt ihr Lei. den dem Branntwein, obwohl der Verbrauch box Alkohol in Rußland auf den Kopf gerechnet Mel Leinet als in Deutschland, Frankreich oder England ist. Ahet der Rufse versteht nicht zu trinken. Monatelang bleibt er nüchtern, dann aber säuft er, oft solange, ot8 et bettelarm ist, und nichts mehr sein eigen nennt. Di« Antialkoholbcwegung in Rußland ist erst noch in bex Anfängen, doch hofft man mit der Zeit Erfolge zu et» zielen, obwohl der Staat, der jährlich etwa 2 Mil­liarden Mark aus dem Branntweinmonopol bereu* nahmt?, feine Mithilfe berfagt hat.

* Das Zollamt und Zollager von Buenos Aires, der Hauptstadt von Argentinien, ist niedergebrannt. Alle Waren sind verbrannt, nicht das Geringst» von den viertausend Wagenladungen konnte gerettet werden. Der Schaden übersteigt jrod Millionen Mark. Acht Arbeiter, die sich in kmifchc» Lage besandcn, wurden im Sprungtuch gerettet.

Handel und Industrie.

• Berlin, 22. Ott. 1912. (Börse.) Die DSrf* wurde wieder von Paris aus alarmiert, schlirßlith aber doch beruhigt. Die Monianwerte verlor« irotz ber späteren Erholung meistens zwei Prozent, Auch Banken anfang» flau, später etwa» erhott Eleklrizitätswerte flau. Kassamarkt durchweg rü» aänaia. Der Privatdiskont blieb unverändert. _______________'-----

Reklamen» «nd Anzeigenteil.

in Milch,Kakao,Suppen oderOemüsen die bestgeeig» nete, leicht verdauliche unfl nahrhafte Krankenkost.

Kinder auch bei rauhem Wettet gern, ohne an eine Erktitnng und ihre Folgen m denkee, Aengstliche Matter halten rie dann gern im Zimmer, obwohl

die Zimmerluft sie verweichlicht nnd ra Erkältungen noch eher geneigt macht. Richtiger ist es, ihnen bei ungünstiger Witterung einige der ausgezeichneten

Wybert-Tabletten zu geben, die die Atmungsorgaae kräftigen. Unentbehrlich sind die Wybert. Tabletten bei eintretendem Husten, den sie rasch und sicher vertreiben; sie kosten in allen Apotheken 1 Mark pro Schachtel.

3m Schutze des Zauderers.

4Ss Englifck-inbiicker Roma» von E. A. Henty

„Du wünschest Por Sing ;n sprechen? Ich will Dich zu ihm führen, — es ist keine Zeit zu ver­säumen", und ohne ein weiteres Wort ging bet Gaukler, von Bathurst gefolgt, schnell voran- Letz­terer bemerkte mit Staunen, baß fern Gefährte ein Gewand trug, welches sehr verschieben war von dem, worin er ihn zuerst erblickt hatte. Er war gekleidet wie eine Person von Rang irtb Ansehen. Plötzlich blieb er stehen und ließ Bathurst dicht her- ankommrn.

„Ich tat, was ich könnte, Dir den Weg zu ebnen", sprach er leise. „Nicht viel lag in intiner Macht; aber ich habe dafür gesorgt, daß er voll Unruhe an die Zukunft denkt und auf Mittel sinnt, sich den Rückzug zu decken, tut Falle die Trinen einst wieder Gewalt über uns bekommen sollten."

„Wie liegen die Sachen jetzt, Rndschub? wir hörten feit drei Wochen nichts. Wie sieht es in Cawnpore aus?"

„Nena Sahib hat den Ort eingenommen. Er hatte geschworen, den Weißen Leben und Freiheit zu schenken, und er hat seinen Eid gebrochen! Nicht zehn derselben sind lebend davongekommen, — die Frauen wurden tn Gefangenschaft geschleppt."

Bathurst stöhnte. Das übertraf noch feine schlimmsten Erwartungen. „Und Lucknow?" fragte er.

"Aock hält sich die Stadt: aber man glaubt, sie werde sich bald ergeben muffen."

„Was sagst Du hierzu?"

„Nichts", entgegnete der Gaukler kurz. „Wir können unsere Kunst nicht zu eigenem Nutzen ver­wenden."

„Und Delhi?"

„Tausende von Sepoys liegen in der Stadt, und nur eine kleine Hceresmacht der Weißen steht ihnen

gegenüber; aber so wenige ihrer sind — sie halten sich tapfer, unterstützt von den Anführern des Pend- schab, die sich treulos gegen ihre Brüder und ihr Vaterland gezeigt."

„Gott fei gedankt dafür!" rief Bathurst. „So lange sie zu uns halten, ist noch nicht jeb? Hoffnung verloren. Nnd die anderen Ortschaften?"

„Genug davon", sagte der Gaukler in unwil­ligem Tone.

„Sa bist Dir gegen uns, Rndschub?"

Der Mann blieb stehen. „Herr", sprach er mit tiefem Ernst», „man bat mich von Jugend auf ge­lehrt, die Weißen tu Haffen. Zwei Brüder meines Vaters sind als Thugs von ihnen zum String ver­urteilt und getötet worden: wir selbst — fönst ge« ?hrt imb gefürchtet im Lande — werden von Deinen LandSleuteir unterdrückt und veracht"!- Sie machen feinen Unterschied Zwischen dem Taschenspieler, der seine niedrigen Kunststücke ans den Straßen für Geld zeigt — und den Meistern des Gewerbes, Männern, deren Geschlecht feit Jahrtausenden in die tiefsten G-Hennr.ifse bet Kunst rina-weiht war/ und denen die Macht verliehen P, Vergangen:s und Znkünstiaes zu schauen nnd dem Menschen kundzutun Sie haben das alles gesehen und er­fahren und wollen doch nicht glauben, daß wir über »täfle und Fähigkeiten gebieten, die ihnen unb:- rmt sind Indem si: uns mit Gerinoschätzimg behandeln und unsere Wissenschaft für Geld zu er­kaufen suchen, gelingt es ihnen sogar, die Stellung und den Emsluß, die wir unseren Glaubensgenossen gegenüber besaßen, ju untergraben. Ist es da zu verwundern, daß wir die Weißen baffen, und daß wir uns nach der Wiederkehr jener Zeit sehnen, wo selbst Fü'sten sick glücklich triefen, eine Gunst an» unseren Händen zu empfangen?

„So dachte ich noch vor wenigen Monden. Eif­rig hatte ich int Geheimen das Werk fördern helfen, fertig war der Plan, di; Hand bereits zu dem Strei­che erhoben, der die weißen Männer für immer aus Indien vertreiben sollte — da kamst Du und rette­test meiner Tochter das Leben! Vernichtet mit

einem Schlage waren die Arbeit und die Hoffnung langer Jahre — vergeblich alles, was ich bis dahin gewollt und erstrebt; denn ein Weitzer, einer der verhatzten Fremdlinge, hafte es nicht verschmäht, sich des Kindes der verachteten Kaste anzunehmen und es unter eigener Gefahr, mit nichts anderem als einer Peitsche bewaffnet, voll Todesmirt den Klauen des Tigers zu entreitze»! Daß ich ihm da­für mein Leben schuldete, und daß ich mit Freuden bereit war, es tausendfach für ihn dahinzugeben — das wurde mir sofort klar; aber zugleich ging etwas Wunderbares in mir vor: ich fing an, die Weißen mit anderen Angen zu betrachten. Zwar konnte ich nicht lieben, die ich so lange gehaßt — aber ich ließ ihnen doch Gerechtigkeit widerfahren und sah plötzlich die Ding; um mich her in einem neuen Lichte. Ich sah, daß die Frrmdtn, obgleich ranh und rücksichtslos in ihrem Borgehen, obwohl von Verachtung für unsere Gebräuche und unseren Glauben erstellt, doch auf die Wohlfahrt des Landes und seiner Bewohner bedacht sind: daß unter ihrer Regierung d<-r Land­mann friedlich bine Schalle bauen und in Robe die Früchte seines Fleißes genießen kann. Und ich hielt es für unumstößlich gewiß, daß mit ihrer Vertrei­bung nnd mit ber Herrschaft unserer angestammten Fürsten der alte Streit und Hader wieder aufbben und neues, endloses Blntveraießen zur Folge haben müffe. Diese Erkenntnis brachte mich in Zwie­spalt mit mir selbst.

„Was ober soll — was kann ich tun? Ich werde bon dem Strome vorwärts getrieben und darf nicht zurück. Sechs Monate früher war mir mein Weg klar vorgezeicknet — jetzt weiß ich nicht, was ich sürchtm — was ich hoffen soll. Die Weißen kamv°en mit Todesverachtung; aber auch die Unseren (affen es an Mut nicht fehlen, und sie sind in der lieber* macht. Wie kann ich,Dir Aussicht auf Sieg machen, wo hundert gegen einen fechten?

„Doch komm. Por Sing erwartet Dich. Ich habe ihm verkündet, daß ein Abgesandter ans der Festung bei chm erscheinen und heimlich in der Rächt mit ihm verhandeln werde."

Bald erblickten sie mehrere Zelte, vor deren größtem sie Halt machten. Die Schildwache gai sofort Raum, als Rndschub seinen Namen nanntet nnb si: traten ein. Der Zeminbar lag auf einem Ruhebett, ans seiner Pfeife rauchend. Rudschut verneigte sich, dach nicht mit der tiefen Ehrerbietung eines Untergebenen.

„Er ist hier", sprach er kurz.

„So hast Du Dich nicht geirrt, Rndschub?"

„Wie könnte ich, da ich es wußte? Ich hab« getan, was ich verheißen, und habe ihn zu Dir führt. Alles andere ruht in Deiner Hand."

„Ich wünschte. Du wohntest dieser Unterredung bei", sprach Por Sing, als Rndschub sich entfernen wollte.

„Rein, Herr; Dir allein steht die Entscheidung zu; ich kenne die Wünsche Nena Sahibs nicht. Und ich habe diesen Boten zu Dir, statt zu dem Anführer der Sepoys gebracht, weil Dir die größere Macht und höhere? Ansehen gebichren. Di» Fürsten Vox Onde haben nid)t die Waffen erhoben und sich Vox dem Joch ber Fremdlinge befreit, um sich dafür unter den Willen derjengen zu beugen die einst die Diener dnc Weißen getoefeit."

„Tn hast recht", erwiderte bei Zeminbar, feilten Bart streichend. „Ich will mit diesem Mann» reden."

Rudschub verließ das Zelt. „Kennen Si: mich nicht, Por Sing?" fragte Bathurst, vom Eingänge, wo er bis jetzt gestanden, in dir Mitte des Raume» tretend. „Ich bin Bathurst."

„Ah!" sprach btt Zeminbar, und die Pfeife bei­feste legend, erhob er sich überrascht; „niemand könnte mir in diesem Augenblick willkommener sein! Ich kenne Sir als einen redlichen Beamten um» hatte niemals Klage über Sie zu führen. Wir her­ben manches Stück Brot mit einander gebrochen, und st:ts hat es mir leib getan, Sie tn ben Rechen unserer Feinde zu wissen. Kommen Sie aus eig­nem Antriebe ober aus Befehl Ihres Vorgesetzten?"

.Sortierung folgt.)