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Fulda, Dienstag den 22. Oktober 1912.

Erstes Blatt.

M 243.

39. Jahrgang.

Dn MMiez.

Auf dem Kriegsschauplätze ziehen gegenwärtig die Vorgänge an der bulgarisch-türkischen Grenze die Hauptaufmerksamkeit auf sich. Weiter unten ist mehr darüber gesagt. Gegenüber der hohen Wich, tigkeit der dortigen Ereignifle treten die Vorgänge an den Grenzen Griechenlands, Serbiens und Montenegros in den Hintergrund. Es zeigt sich neuerdings doch, daß die Türkei mit ihrer Mobil- machung etwas hinter den Bulgaren zurück ist. Daraus erklärt sich jedoch nur zum Teil, daß Bul­garen, Serben, Montenegriner und Griechen weiter vorgerückt sind als die Türken. Diese lasten sich offenbar durch das strategisch richtige Bestreben leiten, sich auf dem ausgedehnten Kriegsschauplätze gegen vier feindliche Armeen so wenig wie möglich zu zerstreuen, ihre Streitkräfte vielmehr möglichst vereinigt zu halten, um sie jederzeit mit voller ' >cht einsetzen zu können, wo sie gebraucht werden.

Aktionsradius des türkischen Truppenaus- marscheS ist trotzdem noch reichlich groß.

Der Vormarsch auf Adriauopel.

Die militärischen Operationen im Vilajet Adrianopel weisen darauf hin, daß in den nächsten Tagen eine größer« Schlacht zu erwarten ist. Soweit man sich aus den bisherigen Kriegsmeldun­gen ein Bild machen kann, sind starke bulgari­sche Kolonnen im Maritzatale vorgestotzeu, ha­ben Mustafa Pascha eingenommen und scheinen sich von hier auL gegen Adrianopel vorzuschie­ben. Eine zweite bulgarische Kolonne ist aus r Gegend der oberen Tundscha südöstlich in das Lrianopeler Bilajtt eingerückt und vorläufig bis zum Städtchen Klein-Tirnovo gelangt, Auch diese Kownne nimmt von dort aus die Richtung nach Adrianopel, hat aber unterwegs, ehe sie Adrianopel erreichen kann, den befestigten Platz K i r k i l i s s« zu überwinden. In Kirkilisse steht schon in Frie­denszeiten ein Armeekorps von drei Divisionen. Ganz ohne Zweifel wurde die türkische Besatzung verstärkt, so daß man für Kirkiliffe gegenwärtig sechs bis sieben Divisionen zu zählen hat. Minde­stens die gleiche Truppenzahl, wahrscheinlich aber mehr, steht in Adrianopel und Umgebung. Die Gesamtoperation der beiden Flügel der bulgarischen Arme- läuft auf die Absicht hinaus, die F e st u n g Adrianopel von zwei Seiten in die Zange zu nehmen, sei es direft von Norden (Mustafa Pascha) und von Osten (Kirkiliffe) aus, sei es durch Um­gehungsmanöver von den aus West und Süd nach Adrianopel führenden Straßen.

Alles daS wird, wie immer dir jetzigen Ope­rationen ausgehen, noch immer keine Entscheidung bringen, man wird aber doch nach dem Ergebnis der in Aussicht stehenden Schlacht bereits erkennen, auf welche Seite sich die Wagschale nrigt.

W. Sofia, 21. Okt. Die bulgarischen Truppen setzen den Vormarsch nach allen Richtungen fort. Die türkische Bevölkerung hat zahlreiche Ortschaften an der Grenze verlaffen. Die bulgarischen Vorposten sind bis in die unmittelbare Umgebung von Kirkilisse vorgeschoben und be­rühren die Linie der Forts von Adrianopel. Bei Mustapha Pascha haben die Bulgaren 100 000 Kilo Getreide erbeutet. Kein bulgarischer Soldat ist von den Türken gefangen genommen woroen.

W. Konstantinopel, 21. Okt. Nachrichten aus türkischer Quelle zufolge wurde bei der Zerstörung verlaffener Dörfer betroffene bulgarische Ka­vallerie von den Türken unter starken Verlusten Surückgetrieben, wobei die Bulgaren 400 Tote alten.

W. Konstantinopel, 21.Ott. Aus Adrianopel wird berichtet, daß die Türken zahlreiche Minen gelegt haben, welche den bulgarischen Truppen bei einem eventuellen Sturm auf die Stadt schwere Verluste bringen würden. ,

* Sofia, 21. Okt. 1912. Ein Extrablatt meldet daß bulgarische Truppen bereits die Westsorts von Adrianopel tm Sturme genommen hätten, doch scheint diese Nachricht sehr umvahrscheinlich zu sein.

(*) Sofia, 21. Okt. 1912. In hiesigen vorurteils­freien Krelsen nimmt man die hier eingelanglen Nachrichten über das Vordringen der Bulgaren nach Aorranopel ziemlich kühl auf. Vor allem ist es Tatsache, daß die bulgarischen Streitkräfte vor Adrianopel nicht so zahlreich auftreten können, wie man uriprüngllch angenommen halte. Dabei haben die Türken den Vorteil, daß sie bei Adrianopel in starten Stellungen stehen und sich aus Befeftigungs- wrrke stützen können. General Sawoff soll geäußert haben, er werde tn vier Tagen Adrianopel durch einen Sturmangriff genommen haben. Dabei er­innert man sich an das tollkühne Bemühen, Plewna im Sturme zu nehmen, wobei die Russen bekannt­lich enorme Verluste erlitten. Die Türken haben in der Anlage solcher B.sestigungswerke und in deren todestrotziger Verteidigung stets Bewundernswertes geleistet.

An der serbischen Grenze.

W. Belgrad, 21. Okt. 1912. Amtlich wird ge- meldet: Am Sonntag abend erstürmten mehrere serbische Abteilungen die Schanzen von Podu- jewo, wobei Vieh and Munition beschlagnahmt wurden.

* Belgrad, 21. Okt. 1912. Nach den spärlichen offiziellen Berichten und den nur teilweise verläß­lichen Privatmeldungen ergibt sich für gestern abend folgende Situation der serbischen Armee: Die Haupt­macht unter dem Kommando des Kronprinzen, die über Koanja und Kumanovo vorrückt, ist auf dem südlich von Ristowatz befindlichen Gebirgsrücken Ruja angelangt, um heute gegen Pressewo vor- zuitoßen. Die mittlere Kolonne unter General Ianioivttsch ist nach Vorbereitung eines Angriffs durch serbische Banden im Vormarsch gegen Podu- jewo und nahm nach der Einnahme des Ortes Biwaks Die östliche Kolonne unter General Ziv- kovtc ist im Vordringen gegen Novi Bazar und

hat Novavaros eingenommen, von wo sie den Anschluß an die montenegrinisch« Arme« anstreben wird.

* Belgrad, 21. Okt. 1912. Vom Kriegsschauplatz lausen hier die Nachrichten spärlich ein, was dadurch verständlich ist, daß das Vordringen der serbischen Truppen nur langsam möglich ist wegen der gefähr­deten Landstraßen und der durch Bomben und Minen gesprengten Brücken. Tatsächlich scheinen die türkischen Truppen ihrer alten Taktik getreu, die Feinde eindringen zu lassen, um in der günstigen Stellung einen Hauptschlag zu wagen. Alle bisherigen Meldungen aus dem Krieg be­stätigen dies.

• Konstantinopel, 21. April 1912. Wie hier jetzt bekannt wird, ist ein serbisches Infanterie- Regiment an der Grenze des Sandschaks fast vollkommen aufgerieben worden, und zwar nfolge einer Explosion einer von den Türken gelegten Mine.

Die Ereigniffe bei Skniari.

* Ceitinje, 21. Okt. 1912 (Tel.) Das weitere Vorrücken der Montenegriner am Ostufer des Skutarisees steht still, da die Malissoren von Montenegro unbedingt die Zusicherung verlangen, daß nach dem Krieg ihnen Autonomie zugestanden wird. Ihre Haltung ist daher wieder zweifelhaft. Das Malissorengebiet und die von den westlichen albanischen Alpen zum See abfallenden Berge, die westliche Straße von Skutari, wird also von ihnen beherrscht.

W. Konftantinopcl, 21. Okt. 1912. Wie Mel­dungen vom Krtegsschauplatz besagen, haben am Samstag an rer montenegrünschen Grenze bei den Höhen von Grevitza, Kirtschiska und Ograkimine heftige Gefechte stattgesunden. DieMontene- griner sind geflohen und haben ihre Muni» lion und ihre Zelte im Stiche gelassen. 'Auch bei Berana und Bjelopolje dauern die' Kämpfe mit den Montenegrinern {ort, die hier große Ver­luste gehabt haben sollen. Die türkischen Truppen haben diesen Berichten nach die Höhen von Krvnitza, Tatmanli und Tretilsche an der montenegrinischen Grenze besetzt und Munition und Vieh erbeutet.

Im Schwarzen Meere

macht die türkische Flotte den Bulgaren sich sehr unangenehm bemerkbar. Sie schneidet nicht nur die wichtigsten Straßen für die Zufuhr von Lebens­rnitteln ab, sondern setzt die bulgarische Armee auch der ernsten Gefahr eines folgenschweren Angriffs im Rücken aus.

W. Bukarest, 21. Okt. 1912. Nach hier ein» getroffenen Meldungen wurden die bulgarischen Torpedoboote bet Varna von den türkischen Kriegsschiffen schwer beschädigt. Auch in der Stadt wurde schwerer Schaden ungerichtet. Die Türken ließen zwei Boote ins Wasser und versuchten eine Landung. Sie mußten jedoch infolge des Ge­wehrfeuers der Bulgaren unverrichteter Sache mit mehreren Verwundeten wieder umkedren.

* Bukarest, 21. Okt. 1912. Aus Eonstantza wird hier gemeldet, drei türkische Schiffe landeten bei Kawarna, 35 Kilometer von der rumänischen Grenze.DiebulgarischeBevölkerung flüchtet nach Rumänien.

W. Sofia, 21. Okt. 1912. Es wird bestätigt, daß einige türkische Kriegsschiffe, ohne die Orts­behörde vorher zu benachrichtigen, ben bulgarischen Hasen Kawarna bombardierten, der lediglich Handelshafen ist. Sie zerstörten das Gebäude der Zollbehörde und beschädigten mehrere Magazine und Privathäuser. — Die bulgarische Regierung pro­testiert gegen diesen Angriff, der eine Verletzung der Grundsätze des internationalen Rechts dar,teile, die von der Haager Konferenz aufgeftriit sind.

Kiamil Pascha über den .^eiligen Krieg".

* Loudon, 21. Okt. 1912. Kiamil Pascha sprach in einer Unterredung mit dem Korresponden­ten des ,Daily Chronicle' die Besürchlung aus, der Balkankrieg sei nur das Vorspiel zum bewaffneten @infcbreiten einer gewissen Großmacht. Er ruft in dieser schwierigen Lage die Hilfe Englands an und sagte:

»König Ferdinands Aufruf zum Heiligen Kriege erregt die schlimmste aller menschlichen Leidenschasien, den religiösen Haß, und ist auf die Instinkte der breiten Massen gerichtet. Wir bedauern es, daß Eng- land trotz der uns erwiesenen unerschütterlichen Freundschaft nicht imstande war, den Ausbruch der Feindseligkeiten zu verhindern." „aber." so fuhr der türkische Staatsmann fort, „jetzt dräut der Türkei eine neue Gefahr. Wenn es nun sein muß, so kann die Türkei den Krieg mit dem Balkanbunde selbst auS- fechten. Wir hoffen nur, daß England als Unparteiischer beim Ringen darauf sieht, daß die Türkei nicht hinterrücks von einer anderen Macht an­gegriffen wird, während sie mit ihren anderen Feinden auf Leben und Tod im Kampfe ist. Ich habe Grund zu der Befürchtung, daß der Balkan krieg den Auftakt zu einem gigantischen Kampfe darstellt, in den ganz Europa verwickelt wird. In kurzer Zeit wird ei sich zeigen, ob nicht Englands Freundschaft zur Türkei auf eine harte Probe gestellt wird."

Je^ Glaudensetser oder Machthunger?

Der Bulgarensürst und der Griechenkönig wollen ihrem Vorstoß gegen die Türkei den Mantel eines Glaubenskrieges umhängen. Das Kreuz wird gegen den Halbmond ausgespielt; sie predigen einen heiligen Kreuzzug.

Wer die Weltgeschichte kennt, hält die sogenannten Religionskriege nicht ohne weiteres für Glaubens- kämpfe mit idealen Wurzeln und Zielen. Wenn man den Dingen auf den Grund geht, so stößt man auf sehr weltliche Interessen, und die angeblichen Glaubenshelden erscheinen in ihrem Kern als Real po litiker. Die Balkansürsten von heute sind keineswegs religiöse Schwärmer. Ihre gegenwärtige Politik beruht auf nationalen Trieben'und zielt auf die Vergrößerung des Staatsgebietes ab. Die Herren wollen erobern, und zwar für sich und ihre Staaten möglichst viel erobern. Wenn sie nur darauf bedacht wären, dem Christen tum in bet

Türkei zu einer würdigen Stellung und den dortigen Christen zur religiösen Freiheit zu verhelfen, so hätten sie den friedlichen Weg nicht zu verlassen brauchen. Wa» etwa in der Türkei noch an der Glaubensfreiheit und der religiösen Versorgung der Christen fehlt, das hätte sich von den gegenwärtigen türkischen Staatsmännern, die ohnehin zur Reform- Politik gezwungen waren, auf friedlichem Wege mit Hilfe von Oesterreich und Rußland gewiß erreichen lassen. Aber man wollte nicht eine Verbesserung, sondern die Beseitigung der türkischen Staats­verwaltung, und darum hat man gegen den Wunsch und Rat der christlichen Großmächte den Konstikt systematisch bis zum Krieg getrieben.

Christlich war das Vorgehen der Balkanstaaten nicht, weder in seinen Zielen, noch in der Wahl der Mittel.

Die Zweideutigkeit und Hinterhaftigkeit in dem Vorgehen der Balkanstaaten hebt sich leider durch­aus nicht vorteilhaft ab von der Haltung der Halb- mond-Polititer. Wenn man die Klagen über das schreckliche Schicksal der .unterjochten" Christen und die schweren Vorwürfe gegen die Tüllen hört, so wird man an das B>smarck'sche Wort von der .politischen Heuchelei" erinnert. Alle Welt weiß doch, daß die „entrüsteten" Balkanstaaten durch ihre .Komitatschi" usw. seil Jahren für die Beun­ruhigung der ftiitt’gen Lancesteile gesorgt haben und somit selbst die Schuld daran tragen, wenn die dortigen Christen so häufig unter inneren Kämpfen und wirtschaftlichen Drangsalen zu leiden hatten. Diese „Heuchele." gehört zu dem politischen Hand- werksgeug, aber christlich ist sie doch nicht.

Wir wollen über die schismatischen Kirchen des Orients, das .rstartte russisch-griechisch-.orthodoxe" Christentum, bei dieser Gelegenheit nicht hart ab- urteilen; aber man kann doch beim besten Willen nicht diese Art von Christentum als den berufenen und befähigten Bannerträger des Kreuzes gegenüber dem Islam betrachten. Die wirklichen Bahnbrecher des Christentums müssen auf anderem Holze ge­wachsen sein. Was insbesondere die nligiös-kirch- lichen Interessen der Katholiken angeht, so erachten wir sie unter der movernen türkischen Ver- watlung noch besser aufgehoben als unter der Herr­schaft der schismatischen Staa'sklrche. Vergleiche die Lage der Katholiken in Rußland!

Heber den voraussichtlichen AuSgang des Balkan­krieges gehen die Meinungen der militärischen Sach­verständigen außerordentlich weit auseinander. Ucbereinftimmung herrscht nur darüber, daß als G;gner der Türket eigentlich nur Bulgarien in Betracht komme. Die militärische Kraft Bulga­riens, so heißt es iit der Magdeburger Zeitung, kann nur unterschätzt, niemals überschätzt werden. Bul­garien führt mit seiner musterhaften Armee einen Kampf auf Leben und Tod gegen ein Heer, das sich im Zustande der Unordnung befindet, und wird, wenn nicht ein strenger Winter eintritt, in verhält­nismäßig kurzer Zeit einen überwältigenden Sieg über die Türkei davon tragen. Ganz anders urtei­len andere Sachverständige. So wird in der Frank­furter Zeitung darauf hingewiesen, daß die Armee des Königs Ferdinand durchaus nicht so schlagfertig sein könne, wie bis dahin behauptet worden war.

W flonftonthiopel, 21. Okt. 1912. Der frühere Sultan A b d u l Hamid ist nachts hierher überge­führt und im Alten Palais in der Nähe de» abgebrannten Parlamentsgebäudes untergebracht worden.

Deutsches Keich.

** Die Kaiserin ,

vollendet heute ihr 54. Lebensjahr. Mit ihr und mit der kaiserlichen Familie feiert auch das treu monarchisch gesinnte deutsche Volk diesen Geburis- tag. Dankbar gedenkt es der liebenden Fürsorge welche die Kaiserin nicht nur ihrer Familie, sondern als wahre Landesmutter auch dem Bolle hat ange­deihen lassen, insbesondere auf dem Gebiete der christlichen Caritas. So umschlingt auch hi>r über die polftischen und konfessionellen Parteiungen hin- weg ein einigendes Band Fürsten und Volk. Möge Gottes Schutz und Segen auch weiterhin das teuere Leben der Kaiserin behüten und eine Quelle reichen Segens werden lassen; möge es der Kaiserin be- schieden fein, noch lange Jahre in so reichem Segen für ihr Haus und das Volk zu wirken!

[] Der preußische Landtag

tritt heute zu i>er letzten Tagung der gegenwärtigen Legislaturperiode zufammen. Auf der Tagesord­nung der heutigen Sitzung stehen nur Petitionen. Das erste micbtigen Thema, das vom Abgeordneten­bause zu erledigen ist, ist die nationalliberale Jnler- peüation über die Fleischten erung, die voraus- sichtlich auf die Tagesordnung der Tonnerstags- sitzung gestellt werden und längere Zeit in Anspruch nehmen wird. Den wichtigsten Beratungsgegenstand in der nächsten Zeit wird aber das Wassergesetz bilden, das von einer besonders eingesetzten Kom­mission während der Ferien für das Plenum vor­bereitet wurde. — Eine der ersten Aufgaben des Landtages ist die Wahl des Präsidenten anstelle des verstorbenen Frhrn. v. Erffa. Er wird wieder den Reihen der konservativen Partei entnommen werd n. Man nimmt an, daß die Konservativen den bekannten .Vater des Zweckverbandes", Frhrn. v. Brandenstein, präseniieren werden. Außer ihm werden noch Frhr. v. Rtchthofen und v. Arnim- Züsedom genannt.

* Berlin, 21. Okt. Neuesten Bestimmungen zu­folge wird der Kaiser nächsten Donnerstag früh in Weimar eintreffen und sich zur Jagd nach dem Edersberg begeben. Nachmittags erfolgt die Fahrt zum großherzog ichen Schloß in Weimar. Freitag Vormittag treffen die Kaiserin und der König von Sachsen ein.

* Bei der Landtag? - Ersatzwahl im Wahlkreise Berlin I wurde gestern Sanitätsrat Dr. M u g d a n

mit 400 Stimmen gewählt. Auf den sozialdemo» kratischen Kandidaten entfielen 77 Stimmen, 2t waren zersplittert.

* ein Gesetzentwurf über die Kinder-Saur,flaschen, der soeben im ,Reichsanz/ veröffentlicht wird, sieht dar Verbot der gewerbsmäßigen Herstellung, und des Vertriebes von Kinder-Sangflaschen mit Rohren oder Schläuchen vor wegen der gesundheitlichen Schädi­gung, die deren Benutzung sür die Säuglinge in sich schließt. Die Zuwiderhandelnden werden mit Geldstrafe bis zu 150 Mark oder mit Haft bestraf^ Auch kann aus Entziehung der Gegenstände erkannt werden, einerlei ob sie dem Verurteilten gehören oder nicht. DaS Gesetz, dessen Annahme durch den Reichs­tag nicht zweiselhast ist, soll 3 Monate nach der Verkündigung in Kraft treten.

* Erhöhung der Tieustdezüge der Forster. Wie bekannt, soll vas Dienstland der Förster allmählich in Wegfall kommen, seine Einziehung aber immer erst dort stattfinden, wo ein Stellenwechsel eintritt. Es soll den Förstern nur soviel Dienstland ver­bleiben, als aus dienstlichen Rücksichten unbedingt notwendig ist. Der Erlös ans der Einziehung deS Dienstlandes soll zu einer Erhöhung der Dienstauf- wandsenttchädignng verwendet werden, die man auf diese Weise um durchschnittlich jährlich 150 Man ausbessern zu können glaubt.

4- Ein neues Kaiserwort wird in der Presse kol­portiert. Bei der Einweihung der Michaeliskirche in Hamburg schloß Hauptpastor Professor Dr. Hun­zinger seine Predigt mit den Worten:

»Wir gehören zu dem Geschlecht, daS auf bte Dunkeln ins Helle strebt, wach auf, du Geist der Go» meinde, wach auf, du Seele des Volke-, wach auf, dn Genius der Deutschen! Erkenne, die Stunde ist d«, auszuwachen vom Schlaf»! Das Eoangelium pocht W alle Pforten der Gegenwart 1 Amen!"

Hieraus, so wird berichtet, ging der Kaiser auf den Prediger zu, fchüttelte ihm die Hand und sagtet .Das war eines Mannes Wort zur rechten Zeit. Möge es auch in der Folge stark« Beachtung finden/' — Mit diesem neuesten Kaiserwort wird »S sich wohl ebenso verhalten, wie mit den übrigen, bU bisher von einer gewissen Presse mit Vorlieb« ve» breitet wurden: es wird «twaS Wahres daran und zu Neunzehntel Dichtung sein. Daß der Raiiet diese politischen Phrasen, di« da von be Kanzel der Michaeliskirch« gefallen sein sollen, all .eines Mannes Wort" bezeichnet hat, ist schlecht |8. glauben.

* Die Deta,Nisten und das Petroleum-Monopol. Eine Organisation von ’ttoa 300 Petroleum-Deiaii- listen Berlins und der Provinzen, di« in der Haupt­sache ihr Petroleum bisher von der Standard- Oil-Co bezogen haben und in dem Verband Deut­scher Petevleum-Iirteressenten zusammengeschloffen sind, haben an den Reichskanzler und an den Schatz, jefretar salzendes Telegramm gerichtet:

»Der Verband deur,cher Pciroteu-n-JmerefsenteN hat in seiner gestrigen Vorstand Ssitzung mit lebhaft«» Befriedigung Kenntnis genommen von dem beab­sichtigten Eingreisen der Reichsregierung tn di« un­haltbaren Zustände, die das rücksichtslose Bo» gehen der St mdard-Oil-Co. hervorgeruien hat. Der Verband hofft, daß der Wortlaut des Gesetzentwurf«! noch mehr als die bisherigen Veröffentlichungen zeig« wird, daß die Interessen deS noch unabhängigen Zwischenhandels voll berücksichtigt worden sind."

0 Jung liberale und Sozialdemokraten. I», Frankfurt a. M. war am Samstag und Sonn», tag der jungliberale Parteitag versammelt. U. a wurden einstimmig Anträge der Zweigverein« Krefeld und Hannover angenommen, in denen g», fordert wird, daß bei der polit scher» Tätigkeit de» nationaQtbetalen Jugend die Volkstümlichkeit an die erste Stelle gerückt werden und die natio­nalen Wähler aller Kreise, vor allem die Arbeite», schäft durch geeignete Nüttel praktischer Kleinarbeit zu gewinnen seien. Die Volkstümlichkeit gedenken die Iungliberalen sür die uatioualliderale Partet dadurch zu erwerben, daß sie je nach den lokalen Verhältnissen, di« Parole mit bezw. gegen di» Sozialdemokratie auSgebeu. Rechtsanwalt Dr. Kaufmann meinte über die Stellung der Jung, Übetaten zur Sozialdemokratie,

für em Stichwahlab kommen» wie «S bi» fortschrittliche Boltspartei bet den letzten Reichstag» wählen getroffen habe, werde tn der nationallideralen Paitei eme Mehrheit nicht vorbanden fein. Aber da nun einmal die liberalen Forderungen des national, liberalen Programm- zu einem nicht unerheblichen Teil für ihre Durchiührung auf die Mitwirkung der Sozialdemokratie anaewiesen feien, fo lönne die Ablehnung leglicheu Zusammengehen- mit ihr lern unet'cbütieilidjer Grundsatz der nationallib» ralen Partei sein. »Bei uns wird man da- nach zeit­lichen unv örtlichen Verhältnissen verschieden hallen dürfen."

* Aus Hessen, 20. Oft. 1912. Die Ablehnung der Krone zum Silbernen Kreuz des Verdiensto» dens Philipps des Großmütigen seitens mancher Lehrer, denen diese A iszeichnung nicht genügte, hat die Regierung bewegen, bet den Lehrern vorher vertraulich anzufragen, ob sie gewillt seien, zum 25, Nooember, dem Geburtstag des Landesherren, Die Auszeichnung anzunehmen. Wer die genannt« Krone annimu t, erhält später das Ritterkreuz II. Klasse. Wer für die niedere Stufe dankt, erhält auch die höhere Stufe nicht. Die Ablehnung deS Ordens ist also nicht wirkungslos geblieben.

* Offenburg, 2t. Ott. 1912. Der Tagung bei Zentraltomitees der badischen Zentrums­partei folgte heute ein Delegiertentag. Er wurde duich Geistlichen Rat Wacker begrüßt, der im Verlauf der Versammlung über die politische Lage sprach. Außerdem sprach Abg. Neuhaus über die Fleischteucrung, Abg. Kopf über die Arbeiten des Landtages und Abg. Dr. Sckofer über die Aufgaben der Agitalion bei den nächsten Landtagswahlen. Es wurde eine Resolution ange­nommen, in der es u. n. heißt:

Unter Berufung auf die von der Verfassung ge* währleislele Freiheit und des gleichen Rechts für all« verlang: der Vertreter völlige Aufhebung des Ge» sehes gegen den Jesuitenorden. Er sindet e- unter dem Gesichtspunkt der Interessen der Allgemein, heit tief beklagenswert, daß die Vorurteile gegen di« Orden der katholischen Kirche überhaupt kein End«

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