39. Jahrgang
Fulda, Donnerstag den 17. Oktober 1912.
Erstes Blatt
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Monatsbcilage: „Sulbaer GeschichisblaLter" .«jerasprecher Nr. V
• Konstantinopel, 16. Oft. 9112. Die Pforte beschloß nunmehr diejenigen griechischen Dämpfer, welche fremde Ladung haben, freizu- geben. — Die Maßnahme hat heute einen zweifelhaften Charakter. Falls morgen die Kriegserklärung erfolgt, vermögen diese Dampfer das griechische Meer doch nicht Au erreichen und können daher als Prise wieder zurückgebracht werden.
Generalversammlung des Kathol. Frauenbundes.
c. Straßburg, 15. Okt. 1912.
Auf di» HuldigungStelegramme, die an Paps, Kaiser und Kaiserin gesandt worden waren, liefe« Aulworttelegramme ein, die mit grobem Beifall ausgenommen wurden. Nach der Mittagspause nahm die vierte (öffentliche) Versammlung ihre» Fortgang. Frau Ellen Ammann-München sprach über „Svort rmd weibliche Jugendpflege"'. Frau Ammann betonte di« Notwendigkeit de« Sportes für die Gesundheit unser« weiblichen Jugend; sie zeigte aber auch die Gefahren, di« tu der Sportpfleg« liegen, wenn über bet Pfleg« der Leibeskultur di« Religtostlät und di« Festiakrit W
*<= Eine bemerkenswert« Kundgebung deutscher Ordensoberen zum Zejuitengesetz. Dl« Kölnisch«
» Berlin, 16. Okt. 1912. Die ReikbSmarmever- waltung hat die Verlegung des dritten deutschen Seedalaillons — Stammseebatalllons __ von
Wildelmsdaven nach Cuxhaven für Januar 1913 verfügt. Diese Mak nähme deutet auf eine ver- mehrte Einbeziehung Cuxhavens in den Kreis der strategisch wichtigen Flottenstützpunkte an der deutschen Nordseeküste hin.
* Ter bayerische Jesmtenerlah im Bundesrat. Der Berliner Besuch des bayerischen Kultusministers v. Knilling — derselbe weilte am Montag und Dienstag in der Retchshauplstadt und hat Diens- tag abend die Rückreise nach München angelreten — galt, wie der .Tag' offiziös berichtet, der Er- ledigung laufender Geschäfte und nicht, wie vielfach vermutet wurde, der Jesuitenfrage. Diese ruht dem genannten Blatte zufolge noch vollständig und wird zunächst auch im Justizausfchuß des Bundesrates noch nicht zur Erörterung und Beschlußfassung gelangen.
■ längere Antwort auf die Frage: Was ist Ordens« : tätigkeit? Die „liberale" Zeitung befürchtet, der : Bundesrat könne so freiheitlich gesinnt fein, daß er ■ den § 1 des Jesuitengesetzes, ohne ihn aufzuheben, ! eine mildere Deutung gebe, als dieser Paragraph , bisher gefunden hat.
Die ultramontanen flreife, so sagt sie, suchen den Begriff der O r d e n s t ä t t g k e i t, d. h. der den Jesuiten . verbotenen Tätigkeit, so einzuschränken, daß die Jesuiten noch eine möglichst umfassende Wirksamkeit außerhalb des Rahmens der Ordenstäligkeit ausüben können. Namentlich geht das Streben dieser Kreise dahin, den Jesuiten die Abhaltung von Missionen zu . ermöglichen, und sie behaupten daher, wie es noch jüngst die bayerischen und jetzt die preußischen Bischöfe ; in ihren Eingaben an den Bundesrat getan haben, die Abhaltung von Missionen sei eine rein seelsorgliche ' und könne nicht a!S Ordenstätigkeit bezeichnet werden.
Triumphierend fährt sie dann fort:
, Dazu erhalten wir nun von einem katholischen Volksmissionar eine Zuschrift, aus der wir die \ nachstehenden, sehr bemerkenswerten Ausführungen hier , wiedergeben.
Diese Ausführungen hatten nur das eine Ziel, । nachzuweisen, daß die Abhaltung von Missionen ■ keine einfache priesterliche Funktion, sondern geradezu ■ „der spezifische Kern der Ordenstätigkeit" ist, : und dem bayerischen und preußischen Episkopate, ' die bekanntlich in ihren Eingaben an den Bundesrat die entgegengesetzt« Ansicht vertreten, „eine : schlanke Begriffs- und Geschichtssälschung" vor- 1 juroeven. Die Jnformationes Catholicae wandten , sich um Auskunft an die Provinzialoberen derjenigen . Orden, die in Deutschland für die Volksmiffionen in Betracht kommen. Vom Vorsitzenden des „Ausschusses der Konferenz für Volksmiffionen", dem P. Provinzial Kassiepe 0. M. I., ging den Infor- mationes Catholicae darauf folgende Erklärung zu:
Die unterzeichneten Provinzialobern der Orden und Kongregationen, die sich in Deutschland mit Volksmissionen beschäftigen, protestieren aus das entschiedenste gegen die Ausführungen, die ein angeblicher „katholischer Volksmissionar" in dem Artikel der Kölnischen Zeitung Nr. 1107: Was ist Ordenstätigkeit? zum besten gibt. Sie kennen in den Reihen ihrer Untergebenen keinen „katholischen Bolksmissionar", der solch« Ansichten hegt und in einer kirchenfeindlichen Zeitung zum Ausdruck bringt.
Si« erklären, daß sie in dieser Frage keinen anderen Standpunkt einnehmen, als den des gesamten deutschen Episkopates» und mit diesem das ausrichtige Verlangen hegen, baldigst die gesetzlichen Schranken fallen zu sehen, die die Mitglieder der Gesellschaft Jesu und der übrigen sogenannten „verwandten Orden" in ihrem segensreichen Wirken zum Besten des katholischen Volkes behindern.
gez. P. Nikolaus Blum S. V. v , Generalsuperior, Sleyl. P. Richard Breisig 0. F. M„ Provinzial, Düsseldorf. P. Salurnin Göer 0. F. M., Provinzial, Fulda. P. Augustin Heller O. M. 6»p, Provinzial, Altötting. P. I 0 nkmann, Provinzial der Priester vom Herz-n Jesu, Sittard. P. Max Kassiepe O. M. I., Provinzial, Hünfeld. P. Albertus M. Kaufmann 0. Pr„ Provinzial, Düffeldorf. P. 91. Kolb P. 8. M., Provinzial, Limburg. P. Joseph Leon issa 0 M. Cap., Provinzial, Ehren breitstein. P. Fr. Schneider C. SS. B., Provinzial, Aachen.
** lieber die ersten Arbeite« deS Landtages #et in der nächsten Woche wieder beginnt, veröffentlicht der freikonservative Politiker Frhr. v. Zedlitz in der »Post' einen Artikel, in dem er hervorhebt, daß das Hauptstück der Verhandlungen in der nächsten Woche wohl die nationalliberale Interpellation über die Fleifchteuerung bilden werde. Voraussichtlich werde diese Anfrage auf die Tagesordnung der Donnerstagssitzung gestellt werden. Frhr, v. Zedlitz n'mmt an, daß der Ministerpräst- denk sich persönlich an der etwa zwei Tage in Anspruch nehmenden Debatte beteiligen werde. Am Mittwoch sollen die ersten Lesungen einer Reihe von kleineren Gesetzentwürfen stattfinden. Der Tag für die Präsidentenwahl stehe zur Zeit noch nicht fest. Nach der Verhandlung über die Fleischteuerung soll entweder die zweite Lesung der Sparkassenvorlage oder die erste Lesung des Par- ze llierun g sgese tzes auf die Tagesordnung gesetzt werden. Fihr. v. Zedlitz meint ferner, daß auch die Frage zur Erörterung gelangen müffe, wie man sich zu den Wünschen aus Zurückstellung der Einkommensteuergesetze über die jetzige Tagung hinaus zu stellen haben wird.
= Noch keine Herabsetzung der Altersgrenze. Die in Dresden tagende Kommission von Regierungß- sachverständigen zur Vorbereitung von Beschlüssen für die Herabsetzung der Altersgrenze für den Rentenempfang auf 65 Jahre hat ihre zweitägigen Verhandlungen beendet und beschloffen, der Reichsregierung eine Erweiterung des für die staatliche soziale Fürsorge in Betracht kommenden Personen- kreiies zu empfehlen. Die Richtlinien für diese Er- Weiterung wurden festgestellt.
Q Gebühren für Zeugen und Sachverständige. Wie verlautet, soll zwischen den zuständigen preußischen Refforts in der Frage der neuen Gebührenordnung für Zeugen und Sachverständige nunmehr eine Einigung erfolgt sein. Wie es heißt, soll den Forderungen der Sachverständigen, namentlich hinsichtlich einer Steigerung der Sätze für ihre persönlichen Unkosten, entgegengekommen und den bestehenden Ungleichheiten ein Ende gemacht werden. Bei der Neuordnung der Zeugengevühren soü nament- likd eine Erhöhung der Mindestsätze Platz greifen und es soll ein Rahmen vorgesehen werben, inner- halb besten die einzelstaatlichen Regierungen die Gebühren nach ihrem Ermessen festsetzen können.
* Zur Bekämpfung der Fleischteuerung. Der Bundesrat Hai, rote Bte ,Nordd. Allg. Zig.' mitteilt, dem unlängst bekannt gegebenen Gesetzentwurf zur Bekämpfung der Fleischteuerung durch Zollermäßigungen, Tarifherabsetzungen us v. an die Gemeinden feine Zustimmung erteilt Anstatt der am Mittwoch in Posen fälligen Fleischsendung aus Warschau ist dort die Meldung eingetrofien, daß die Ausfuhr von Fleisch aus Rußland verboten worden ist. Demnach scheint «an in Rußland keinen Ueberfluß an Fleisch zu haben. Sonst würde di« russische Regierung der Ausfuhr sicherlich nichts sn den Weg legen.
Ausland.
•* Anarchistische „Brüderlichkeit". In Paris fand eine von 6er anarchistischen Partei zum An- ~ denken an den Todestag des spanischen Revolutionärs Ferrer einberufene Versammlung statt, an der auch die Tochter Feuers, Trinidad, teilnahm. Nach kurzer Zeit kam es zwischen den verschiedenen Gruppen der Anarchisten zu lebhaften Streitigkeiten, Die schließlich in Tätlichkeiten ausarteten, wobei Messer und Revolver eine Rolle spielten. 20 Personen wurden mehr ober weniger schwer verletzt. Polizei mußte ei,.schreiten und die Ruhe wiederher- stellen. ,
♦ Tafts Flottenprogramm. Bei einem Festmahl zu Ehren der Flottenoffiziere erklärte Präsident Taft in einer Rede, die Bereinigten Staaten mutzten in s-dem Jahre zwei Panzerschiffe bauen bis etn« allgemeine Abrüstung durchgeführt werde. Jnbezug aus den P a n a m a k a n a l sagte Präsident Taft, di« Bereinigten Staaten haben den Kanal befestigt und werden feine Neutralität allen Nationen gegenüber ausrechterhalten mit Ausnahme des Feindes der Bereinigten Staaten.
Deutsches Reich.
□ Der neue Botschafter in London.
Die Norddeutsche Zeitung meldet: Wie wir der- nehmen, ist der kaiserliche Wirkliche Geh. Rat Fürst von Lichnowsky zum Botschafter in London ausersehen.
Fürst Karl von Lichnowski, der gegenwärtig das Haupt der fürstlichen Familie ist, gehört dem schlesischen katholischen Uradel an. Er wurde im März 1860 zu Kreusenort geboren. Er ist Mitglied des preußischen Herrenhauses, wo er öfters hervorgetreten ist. Bei der Polenvorlage war er einer der eifrigsten Verfechter der Enteignung. Und in der Frage der Wahlreform unterstützte er die auf die Drittelung der Wählerschaft gehenden Anträge des Ministers von Schorlemer. Der Vater des Fürsten, der im Jahre 1901 starb, war von 1871—77 Mitglied des deutschen Reichstags und gehörte der konservativen Partei an. Der jetzige Botsthaster, der sich frühzeitig der Diplomatie zuwandte, ist dort nach außen wmig hervorgetreten. Als Londoner Botschaftsrat trat er den Leitern der englischen Politik nahe und hat dort offenbar auch seine diplomatischen Fähigkeiten bekunden können. Er wurde gleich nach dem Ableben des Frhrn. von Marschall von ver- schiidenen Seiten als dessen Nachfolger bezeichnet. Maßgebend dafür war vor allem die bekannte Tatsache, daß er wiederholt und in eindringlicher Weise mit der Feder für eine friedliche, aber würdige Auseinandersetzung zwischen Deutschland und England eingetreten ist. Seine Ausführungen haben diesseits und jenseits des Kanals große Beachtung gefunden. So erscheint er berufen, die auf eine dauernde Besserung der deutsch-englischen Beziehungen gerichteten Bestrebungen des Freiherrn von Marschall nicht nur mit klugem Kopf, sondern auch mit dem Herzen fort- zusetzen.
X Altkatholifche Bischofswahl. Bei der am Mittwoch in Bonn vorgenommenen Wahl eines Bischofs für die Altkatholiken Deutschlands tvurde an Stelle des zurückgetretenen Bischofs Semmel der bisherige Generalvikar Prof. Dr. theol. Georg M 00g mit 75 von 133 abgegebenen Stimmen gewählt.
Q Sozialvemokialifchcr Terrorismus. In bieser Beziehung sind wir schon an vieles gewohnt ut* immer noch sinnt die Sozialdemokratie auf neue Mittel, um diejenigen, die nicht zu ihrer Fahne gehören, nach Möglichkeit zu schädigen und der Verachtung preiszugeben. In Lehe, Bremer- Hafen und Geestemünde streikten die sozial- demokratisch organisierten Tischler. Ter Ausstand, der selbst von Sozialdemokraten als aussichtslos bezeichnet wurde, endete nach 4 Monaten mit einem Fiasko. Um sich nun an denen zu rächen, die den Streik nicht mitgemacht hatten, ist man dazu übergegangen, die Namen der sogenannten „Streilbrecher" in allen sozialistischen Kneipen und Schnapsbndilen öffentlich an Zuschlägen. — Nun, die davon Betroffenen werden ihr Schicksal mit Wurde zu tragen wissen. Jedenfalls ist diese neue Manier der Verächtlichmachung voit Arbeitskollegen dazu angetan, allen klar zu tun, daß den Genossen uu Kampfe mit den Gegnern jedwedes Nüttel recht ist.
* Kassel, 16. Okt. 1912. Wie jüngst ans Her?- seid berichtet, hat der nationalliberale Vertretertag für die bevorstehend« n Landtagswahlen die Kaudi- datenfrage in Kurhessen bereits erledigt. Hieizu nahm der Vorstand der Fortschrittlichen Volkspartei in einer zahlreich besuchten Satzung Stellung. Es wurde der .Franks. Ztg.' zufolge in einer Entschließung dem Bedauern Ausdruck gegeben, daß die Nationalliberalen in Kurheffen nicht in genügender Weise mit der Fortschrittlichen Volkspartei in Fühlung getreten feien und das Gebiet der Fortschrittlichen Volkspartei bei der Verteilung der Kandidaten zur Laudtagswahl nicht genügend respektiert hatten. Vor allem wurde bebauert, daß entgegen den bei den Reichstagswahlen gemachten Versprechungen der Natiouatliberaleu der Wahlkreis Kassel-Land-Witzenhausen nicht der Fortschrittlichen Volkspartei eingeräumt worden ist, sondern die nationalliberale Partei einen eigenen Kandidaten aufgestellt hat.
* Meiningen, 16. Oft. 1912. Der Herzog von Meiningen ernannte anstelle des verstorbenen Staatsministers v. Ziffer den Staatsrat Schalle« . zum Staatsminister von Sachsen-Meiningen.
* Köln, 15. Oft. 1912. Seit der Kulturkampfs- zeit war im hiesigen städtischen Waisen« Hause, das nur von katholischen Waisenzog» lingen besucht ist, während für die evangelischen und israelitischen Zöglinge besondere Waisenhäuser bestehen, weltliches Pflegepersonal tätig. Jüngst nun hatte die Kölner Stadtverordnetenversammlung beschlossen, wiederum wie vor der Kulturkampfzeit geistlichen Pflegeschwestern die Führung des Haushalts und die Leitung der Erziehung der katho- lifchen Waisen zu übertragen, und zu diesem Zweck« Schwestern vom armen Kinde Jesu aus dem Mut» terhause in Aachen zu berufen. Letztere hatten heut« genau vor 36 Jahren unsere Stadt verlassen müssen, sodaß chre heutige Rückkehr nach Köln ein doppelter Freudentag für die Schwestern wurde. Dieselbe« hatten bis zu der Maigesetzgebung »ine Kinderbewahranstalt an der Martinstratze geführt und mußten dann als „staats gefährlich e" Deutsch« ihr Vaterland verlassen! Ein feierlicher Empfang wurde heute den rückkehrenden Schwester« bereitet, die zunächst Gott die Ehre gaben und in der benachbarten Pfarrkirche St. Maria in der Schnur- gaffe (St. Pantaleon) einem feierlichen Hochamte beiwohnten, bei dem Pfarrer Lentzen eine ergreifend« Predigt an die Schwestern und Waisenkinder hielt. Hierauf folgte die Feier der weltlichen Einführung der Schwestern im Waisenhause, bei der sie vom Dezernenten der städtischen Waisenpflege Beig. Dr. Greven, sowie vom Direkwr deS Waisenhauses Mauel in herzlichen Worten willkommen geheißen wurden.
Ier Mmräna
wb. Loudon, 17. Okt. 1912. (Tel.) Wie dem Reuterschen Bureau aus Konstantinopel gemeldet wird, haben heute vormittag 2.12 Uhr die Feindseligkeiten an der serbischen und der bulgarischen Grenze begonnen.
Der allgemeine Balkankrieg hat begonnen; er hat begonnen, obwohl von keiner Seite eine offizielle Kriegserklärung vorliegt. Sie war auch kaum mehr nötig, denn die Antwort der Türkei auf die Note des Balkanbundes war die Abberufung ihrer Gesandten aus Sofia, Athen und Belgrad, und weder in Konstantinopel noch in den genannten Hauptstädten dachte noch jemand an die Möglichkeit weiterer Verhandlungen.
Für die Türkei h ritzt es jetzt Sein oder Nicht- sein. Gewinnen kann sie nichts, verlieren alles; wenigstens alles in Europa Das wird man sich auch in Europa sagen.
Hat die Sterbestunde für die osmanische Herrschaft in Europa geschlagen? Im Jahre 1356 fetzte Sultan Suleiman mit achtzig seiner Mannen über den Hellespont, um einen großartigen Siegeszug einzuleiten; 1357 frei Gallipoli, bald darauf Adria- nopel und Philippopel; Makedonien wurde erobert; die Serben, die Bulgaren wurden von den türkischen Heeren geschlagen; am 29. Mai 1453 Konstantinopel gestürmt und das oströmische Reich zertrümmert; weiter, immer weiter drang der Halbmond vor, bis vor die Tore von Wien, bis zu den Säulen des Herkules. Es waren Erfolge, die die ganze Christenheit in Staunen und in Schrecken versetzten.
Aber nichts ist dauernd als der Wechsel, und seit Znehr als anderthalb Jahrhunderten währt der Nück- bildungsprozeß.
Wirft man heute einen Blick auf die Karte — wieviel ist der Pforte noch übrig geblieben? Es ist nur noch ein enges Gebiet, begrenzt von. selbständigen Staaten, deren Bevölkerung ehedem unter demSzep- ter deS Kalifen stand. Und wie lange noch auch nur dieses Gebiet den Türken verbleiben wird, wer will es wissen? Schon 1844 sprach Zar Nikolaus I. in London recht offenherzig mit Wellington, Peel, Aberdeen, die Türkei liege im Sterben, und er sehe voraus, daß et seine Armeen marschieren lassen müsse. Später Plauderte er in Petersburg mit dem englischen Botschafter Sir Hamilton Seymour, die Zeit sei gekommen, über die Erbschaft des kranken Mannes zu verfügen; wenn England und Rußland einig seien, gebe es kein Europa. Aber das englische Kabinett wollte davon damals nichts wissen.
Es kam der Krimkrieg mit Sebastopol; es kam der russisch-türkische Krieg mit Plewna und San Stefano, und dann der Berliner Kongreß. Immer wurden dem „kranken Mann" ein Paar Glieder am» Puffert, aber gesund wurde er nicht. Gegenwärtig tft die Türkei bereits von vier selbständigen Königreichen umgeben, und eben hat sie auch Trivolitanien verloren. Wie sollte da nicht die Frag» naheliegen, ob der Krieg das Ende der europäischen Türkei her- eufführt? Freilich, so leicht diese ernste Frage ist, so schwer ist die Antwort auf die unmittelbar anschließende zweite Frage, was aus der Türkei werden soll. Und diese Frage sollten sich auch die kleineren Staaten, die ihre Ungeduld nicht zu zügeln verwögen, vorlegen. Wie immer die Kriegswürfel fallen mögen, ob die Türkei sich ihrer Bedränger erwehrt — und ihre Streitkräfte sind nicht zu unterschätzen —, oder ob sie der Uebermacht erliegt in dem Berzweislungskampf mit mehreren Fronten: über das Ergebnis des Krieges, über die Verteilung der Beute werden in jedem Fall nur die Großmächte entscheiden.
Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen.
* Sofia, 16. Oft. 1912. „Die Note Bulgariens verdient keine Antwort. Die Balkanstaa- tcn haben es den Mächten gegenüber an Achtung fehlen lassen, indem sie deren Vermittlung unmöglich machten; unterbrechen Sie jeden Verkehr mit der vorigen Regierung und verlangen Sie die Reisepässe." In diesem Sinne ist die gestern abend hier eingetroffene Anordnung der Pforte an ihre hiesige Vertretung gehalten. Der türkische Gesandte reiste infolgedessen mit allen Sekretären nach Semlin ab.
* Belgrad, 16. Oft. 1912. Um 4 Uhr nachmittags forderte der türkisch^ Gesandte seine Reisepässe und verließ um 6 Uhr abends mit dem gesamten Personal der Gesandtschaft Belgrad. Die türkischen Untertanen wurden unter den Schutz des deutschen Gesandten gestellt.
W Belgrad, 16. Oft. 1912. Die serbische Regierung übermittelte ihrem Gesandten in Konstantino- :>el den Befehl, Konstantinopel in Ueberein- timmung mit den bulgarischen und griechi- ch e u Gesandten unverzüglich zu verlas- e n.
* Konstantinopel, 16. Okt. 1912. Bei der griechischen Regierung konnte die Türkn ihren Gesandten noch nicht abberufen, weil die griechische Note, die sich inhaltlich fast genau mit der bulgarischen und serbischen deckt7 für die Hohe Pforte amtlich nicht vorhanden ist, da der türkische Gesandte in Athen sich geweigert hat, sie entgegenzunehmen.
W Konstantinopel, 16. Okt. 1912. Die offiziöse „Jvni Gazetta" schreibt, der Abbruch der diplomatischen Beziehungen^ bedeute keine Kriegser- k l ä r u n g. Die Türkei mürbe nur einer gleichstehenden Macht den Krieg erklären. Sie ziehe deshalb vor, daß die Kriegserklärnng von Bulgarien, .Serbien und Griechenland ausgehe.
Tie Kämpfe mit den Montenegrinern.
W Podgeriy«, 16. Oft. 1912. Die montenegrinische «vnicu»eucitn zu»» ,jquuc>iyqtg. xn« ^xuuiifu#« Wüdarmee unter General Martinowitsch besetzte nach Zeitung' brachte am 5. Oktober in Nr. 1107 eine
kurzem, heftigem Kampfe die wichtige befestigte Siel- Tung am Berge Murttsch gegenüber, dem Berg« Tarabosch. Tie montenegrinisch« Artillerie vollendete die Vorbereitungen zur Beschießung von Tarabosch. Tie Nordarmee unter General Wukotitsch setzt die Operationen gegen Berana fort, dessen Besatzung gestern durch 1500 Arnauten verstärkt worden ist. Die mittlere Armee rüstet sich zum Marsche von Tust nach S k u t a r i.
W Pobgoriya, 16. Oft 1912. Die Montenegriner nahmen nach zweitägigem Kampfe Berana. Sie machten 700 Gefangene und erbeuteten 14 Geschütze.
So die Meldungen au8 montenegrinischer offiziöser Quelle. Nun die Meldungen von türkischer Seite:
• Konstantinopel, 16. Okt 1912. Nachrichten au8 türkischer Quelle zufolge sollen 4 türkische Bataillone in der Gegend von Krania 8000Montenegriner zersprengt haben. Wie verlautet, haben die Mon. tenegriner bedeutende Verluste erlitten. Man spricht von 600 Toten.
• Saloniki, 16. Okt. 1912. Bedeutende türkische Verstärkungen sind nach Skutari unterwegs. Türkischen Truppen gelang eS, gegen Skutari vorzudringen und die Montenegriner zu zerst r e u e n.
W Konstantinopel, 15. Oft. 1912. Gestern abend 9 Uhr hier eingegangene Meldungen über die türkischen Kämpfe an der montenegrinischen Grenze befugen: Tie Türken erhielten Verstärkungen in der Gegend von Gusfinje, ergriffen die Offensive und schlugen die Montenegriner an der Grenze zurück. Die Montenegriner hatten schwere Verluste. DaS Gefecht bei Berana dauert fort. Ein türkisches Detachement bei Tusi leistete hartnäckigen Widerstand gegen 2 montenegrinische Divisionen, die durch Malis, soren verstärkt waren. Zwei türkische Majore fielen. Die Schlacht bei K r a n i tz a endete mit einer Niederlage der Montenegriner. Wie halb, amtlich verlautet, haben die Serben bei Pleolje bte Grenze überschritten.
An der serbischen Grenze.
• UeLküb, 16. Okt. 1912. Seit heute morgen ist bei R i st o w a tz und Zubefetsch ein heftiger Ar» , tillerielambf im Gange. General Hassan Bey langte mit 5000 Mann Infanterie heute in Prstina an. Er beabsichtigt, 15 000 Mann gegen die serbische Grenze zu werfen.
W Saloniki, 16. Oft. 1912. Eine bulgarische Bande hatte sich in K r o i w a verbarrikadiert. Da sie sich nicht ergeben wollte, wurde nach Entfernung der Frauen und Kinder das HauS mit Artillerie beschos. sen und die Ortschaft umstellt, um ein Entkommen der Bande zu verhindern. Kroiwa war seit langem ein Stützpunkt für die bulgarischen Banden, ES wurde dort ein Lager von Bomben gefunden.