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M 251.

Vieurtag den 8. Oktober 1912.

39. Jahrgang.

’ Tuidaer K LrUung

2. Blatt.

vr»ut nn» Verlag der suite« rlctiendrnckerei in fielt«.

[] Die Grüudung -eS Verbandes deutscher Krankenkasien anf natio­naler Grundlage.

Max tineiSt uns: Die Gründung des „Det- bandeS deutscher Krankenkassen" fand, toi: bereits bekannt, am Sonntag, den 29. September m Köln statt. Die dein deutschen nationalen Arbetterkongretz angeschloflenen Organisationen, wie der Gesarntver. band evangelischer und der Kartellverband katho­lischer Arbeitervereine, sowie der deutsch-nationale Handlunqsqehilfen-Verband und der Gesamtverband der christlichen Gewerkschaften, hatten hie Gründung vorbereitet An der Gründung beteiligten sich außerdem aktiv auch die deutschen Gewerkvereine (Hirsch-Dun cker).

Zu der 1. Konferenz nationaler Krankeukaffen- Bertreter, in der die Gründung einstimmig vollzogen wurde, waren zirka 39 Krankenkassen, von deren Vertreter man wußte, daß sie nicht zur Sozialdemo­kratie gehören, eingeladcn. Erschienen waren über 100 nicht sozialdemokratische Arbeitgeber- und Ar­beitnehmer-Vertreter und Rendanten, die 44 Kran­kenkassen vertraten. Weiter nahmen an der Grün­dungskonferenz auch die Vertreter der verschiedenen bürgerlichen Parteien, sowie zwei Reichstaqsabge- ordnete (Behrens und Becker) teil. Herr Professor Moldenhauer, als Vertreter der nationalliberalen Partei der Rheinprovinz und Herr Generalsekretär Dr. Jörg von der Rheinischen Zentrum spart :i be­grüßten die Gründung des neuen Verbandes als eine Notwendigkeit. Die Konferenz verlief äußerst anregend und für die Krankenkassen fruchtbringend. Mit Recht führte der Referent auf der bedeutsamen Tagung an, daß die bisherige Organisation eines Teiles der Krankenkassen, die sich dem fast völlig von der Sozialdemokratie beherrschten „Hcmptv'.r- band der deutschen Krankenkassen" angeschlossen ha­ben, unmöglich befriedigen könne. Die Sozialdemo­kraten stellen Forderungen, auch auf sozialem Ge­biet, die keine nationale Partei stellen kann. Die bürgerlichen, Parteien aber treiben Sozialpolitik um den Kranken, Invaliden, Verunglückten und Hin- terbliebenen de? Angestellten- und Arbeiterstand-s schon im Gegenwartsitaat praktisch zu helfen und beizustehen. Der „Hmrptverband der deutschen Krankenkassen", dem der bekannte sozialdemokratische sächsische LaudtagSabgeordnete Julius Fraßdorf- Dresden Vvrsteht, hat sich noch kurz vor der An­nahme der neuen Reichsversichrunasordnunq auf den fozialdcnuokratischen Standpunkt der Alles- oder MchtSpolitik gestellt.

Auf der Kölner Konferenz waren.eine Anzahl Kassen vertreten, dir noch dem Fräßdors'schen „Hauvtverband" anaehö^en. die aber sofort ihren Beitritt zum nationalen Verband deutscher Krank m- kassen erklärten. Im ganzen sind dem neuen Ver­band« sogleich 47 Krankenkassen mit weit über 200 000 Mitalieder briqetreten. Der Beitrag wurde auf einen Pfennig pro Mitglied und Jahr festge­setzt, sedoch beträgt der Mindestbeitrag einer Kasse 10 Mark für ein Jahr. Gemeinschaftlich mit den Arbestgeber- und Arstritnebmervertretern, die beide entsprechend im Borswnde berücksichtigt werden, soll und wird der neue Verband an seine Anmaben Herangehen. Politiscke und gewerkschaftliche Inter­essen sollen mit dem V?rband nicht verfolgt werden. Es soll vielmehr eine Stell: geschaffen werden, wo sämtliche bürgerlichen Parteien und Richtungen auf dem Gebiete der Krankenhilfe im ehrlichen Wett­bewerb gemeinsam wirken, und wo bi* Vertreter derselben sich fedcrzcit sachverständigen Rat holen Knnen.

Die vorläufige Geschästsstelle des national nt Verbandes deuttcher Krankenkassen befindet sich in Köln, Eintrachtstraße 147.

Aus dem Hachbarncbtefe.

F. Halmbach, 8. Okt. 1912. Untere Pkarrkircke wird demnächst eine neue Kommunionbank und eine neue Kanzel erhalten. Beide Teile »«ben auSgesührt in der Werkstatt: des BodhauerS Iina in Kob len i, aus der auch der Hochaltar der Pfarrkirche in Dipperz hervorgegavgen ist.

() WchherS, 7. Okt. 1912. Am Sonntag fand hier die kirchliche Einführung des Herrn Pfarrers Dr. Flügel durch den Herrn Dechant Dr. Fischer

aus Poppenhausen statt. Die Feier routbe durch den Vortrag stimmungsvoller Lieder unter Mit­wirkung der Weyherser Kapelle verherrlicht.

Flieden, 8. Okt. 1912. In einer außer­ordentlichen Versammlung der diesigen Kranken­kasse „Zur Hoffnung" wurde am Sonntag der Beschluß gefaßt, da sie den neuen gesetzlichen Anforderungen nicht genügen kann, vom 1. Januar 1913 an in eine Krankenunterftützungs- und Zu­schußkasse umzuwandeln. Die neben der Kranken- kaffe bestehende Familienkasse wird in ihrer seit­herigen Fassung weiter beibehalten. — Am Sonntag morgen zeigte das Thermometer hier 7 Grad unter Null. Durch den allzufrühen starken Frost sind viele Knollengewächse, namentlich Runkelrüben und die im freien liegenden Kartoffeln erfroren.

* Alsfeld, 6. Okt. 1912. Eine wichtige Entschei­dung in der Frage brs Bahnhofsumbaues traf von der Eisenbahnbehörbe ein. Danach bleibt das Bahnhofsgebäube an dem alten Platze. Der Neubau wirb nur mehrere Met:r zurückgestellt, so- baß an bie Stelle bes alten Gebäudes Geleise unb Bahnsteige kommen. Der Güterschuppen kommt an ben Zellerweg. Bahnmeisterei unb Wasserturm wer­ben weichen müssen. Die Brücke an bet Grünber­gerstraße wirb abgebrochen, ber Bahnkörper wirb über die Straße geführt. Der ganze Bahnkörver wirb etwas gehoben, ba bei Altenburg bie neue Bahnstrecke von Rieber-Aula nngeführt werben soll.

* Vom Kahlarund, 7. Okt. 1912. Welch gewaltige Menge von Obst ber Kahlgrunb eiportiert, geht barcms hervor, baß an einem einzigen Tage von ben verschiebeneu Stationen bes Kahlgrunbes neben meh­reren anberen Güterwagen allein 30 Waggon Aepfel zum Dersanb gebracht würben. Die Kar­toffelernte fällt im Kahlgrunb so reichlich ans, baß viele SanbtoMe Müh: haben, bie Erdäpfel in ihren Kellerräumen unterzubringen.

* Gießen, 8. Sept. 1912. Zum Ordinarius für Sanskrit und vergleichende indogermanische Sprach­wissenschaft wurde anstelle des nach Innsbruck be­rufenen Prof. Dr. Alois Walde d:r außerordent­lich: Prof. Dr. Hermann Hirt in Leipzig ernannt.

* Heppenheim, 7. Okt. 1912. Am Freitag ent­stand im stüdtischeil Hospital Feuer, das durch d-e eigene Löscheintichtnnq alsbald wieder gelöscht wurde. Der Brand wurde durch einen 7jübrigen Knaben, der im Hospital sich aushält, verursacht. Es ist dies schon das britte Mal, daß dieser Junge das Kran­kenhaus in Brand zu stecken versuchte. Der Schaden beträgt zirka 500—600 Mark.

* Darmstadt, 8. Okt. 1912. Am Sonntag be­ging bie Darm st äb ter Volksbank unter zahlreicher Beteiligung von staatlichen und städti­schen Behörden sowie befreundeter Vereine bie Feier ihres 50sährigen Bestehens. — Der Konsul der Schweizerischen Eidgenossenschaft in Frankfurt a. M., Picard ist zur Ausübung konsularifcher Funktionen im Großherzogtum Hessen zugelassen worden. — Ter biesiäbtme Darmstädter Pferd markt findet am 21., 22. und 23. Oktober ftatt. Für bie Prämiierung ber Pferde unb Fohlen stehen 2000 Mk. zur Verfügung.

* DlSknburo, 7. Okt. 1912. Der Lehrer- mangel in Nassau iss nun beseitigt. Von den vom hiesiacn Seminar entlassenen Scknlamiskandi- da'en können nicht alle zum 15 Oktober in den Schuldimss Eintreten, da nicht genügend Stellen frei waren.

♦ Diez, 7. Oft. 1912. Im neuen Zentralge- sängn s Freiendiez wirb eine Gefänanis- schule eingerichtet, an der den Anwärte>n für die Aufschersselle > im GefLnmisdienft praktischer und tt eorettschto Nnterrilbt erteilt w rd. Das Zentral- peiängnis ist für die Ausbildung besonders geeignet, da es auch eine Jugendabteilung besitzt.

Ami Geisa und Umgebung.

* Vacha, 8 Okt. 1912. Eisenbahnassistent Hoff­mann wurde von hier nach Srfart und Eisen- bahnassiftent Schramm von Bad Blankenburg (Thüringerin.) nach biet verletzt.

♦ Dermbach, 8. Oft. 1912. Da sich bei bet Bürgermei st erwähl eine Stichwahl notwendig machte, ist von: Gcmeindevorstand Termin zu ihrer Vornahme aut den 10. Oktober festgesetzt worden.

* Tiefe»,rt, 8. Ott. 1912. Die neuerbaute Schule in Langenfeld wurde am Sonntag eingeweiht- Leider ist sie offensichtlich zu Hei t gebaut und wird baldigst einen Anbau bekommen rnüsfen.

* Dorndorf, 8. Okt. 1912. In dankenswerter Weise hat die Gewetlschaft jpeiligeuroba die Kosten zur Errichtung einer Säuglingsberatungs- (teile znr Verfügung gestellt.

Ans Oberhessen u. den Hess. Aemtern.

* Kirchhain, 8 Okt. 1912- Rechtsanwalt Lan­tz erfeld beim hiesigen Amtsgericht wurde zum Notar ernannt. — Im Dahnhofshotel fand am Sonntag eine Versammlung der Vorstände unb Beamten der S p a r k a s s e n bes Kreises Kirchhain statt. Es würben Borträge gehalten über ben Staub ber Sparkaffen, bie Verzinsung ber Einlagen unb Ausleihungen, ben Kontokorrentverkehr mit ber San» beskrebitkasse, ben Postscheck- unb Überweisungs­verkehr unb über bie Anlage ber Kassenbeständ: in Wertpapieren unb Eintragungen ber Reichsanleihe in bas Neichsschuldbuch unb ber Konsuls in das Preußische Staatsschuldbuch. Am gleichen Tage hielt der hiesige Kriegerverein sein JahrespreiS- schießen ab, wobei Schlossermeister Sonnei den ersten Preis erhielt. — Bei der Prämiierung von Obstanlagen durch den Obstbauverein für den Regierungsbezirk Kassel hatten sich mehrere Mitglie­der des hiesigen Kreisobstbanvererns gemeldet. Das Ergebnis wurde am Sonntag bei der Eröffnung der Bezirksobstausstellung in Homberg bekannt gege­ben. Es erhielten: 1. Die Stadt Kirchhain ein: silberne Preismünze und der Pfleger ber stäbtischen Obstanlagen, Weqewärter Scholl, 15 Mk. 2. Kauf­mann Käß unb Sobgerber Stausebach, je eine bron­zene Preismünz:. 3. Mützenmacher Wagner, Speng- lermeister Seibert, Malermeister Kleinbopf von hier unb Landwirt Zinset ans Stausebach je eine Ehren­urkunde.

* .rranktnbrrg, 7. Okt. 1912. Samstag unb Sonntag fand hier die 9. Wanderausstellung des Verbandes der Geslug elzu ch t vereine im Re- 'icriinqsbesirk Kassel statt. Der Katalog umfaßte 290 Nummern. Die Qualität der Tiere war in Anbeiracht des nassen Sommers im allgemeinen als teiootraaenb zu bezeichnen. Als Ort für die nächst­jährige Ausstellung wurde Kirchhain gewählt.

* Ziegenbain, 8. Okt. 1912. Bei dem AmtS- gerickt zu Oberaula wurde Assessor Coll mann aus Niederaula als Necktsar walt zngelassen.

* Zimmers! ode, 8. Oki ober 1912. Am Sonntag vormittag landete im benachbarten Har Hausen rin Luftballon. Der in Schwarzenberg im Erzgebirge awgestieaeu war.

* Fritzlar, 8. Okt. 1912. Die in Haidorf und Obervorsct'ütz au?gebrochene Maul« und Klauen­seuche ist erloschen. Die beiden Gem.inden sind deshalb als Sperrbezirke aufgehoben unb gehören nunmehr zum Beobachtungsgebiet.

DermiWes.

-"Infolge Versehens eines Stationsbeamten fuhr in D r ü h l bei Köln ein Güterzug auf eine Rcingierabteilung auf. Vier Eisenbahnbe- amte würben unerheblich verletzt.

* Vom Irrsinn befallen. Eines ber begabtesten Mitglieber des Kurtheaters Sudrrode im Har^ der Schauspieler Paul Häser, wurde plötzlich nach der Probe von Verfolaiingswahnsinn befallen. Er lief nach Hause und stürzt: sich aus dem Fenster seiner Wohnung. Er wurde schwer verletzt in das Quedliulmraer Krankenhaus gebracht.

* Wieder ein Opfer der Fremdenlegion. Der Buchhalter Secgmuller in Hornburg l Pfalz) tou-be seit bem 4. August d. I. vermißt. Jetzt enblich ist aus Ceuta in Marokko ein Schreiben von ihm an seine Eltern eingetroffen,in bem er erzählt, er fei am 4. August auf ber Fahrt nach Frankenthal bis Lub- wigshasen gelangt; :r erinnere sich noch, in einem Zngabteil gesessen zu haben, was ober bann mit ihm geschehen unb wie e- nach Frankreich zur Frem- ben l e g i o n gekommen sei, wisse er nicht. Man nimmt an, baß er einem Zutreiber ber Frernben- legion in bie Hänb: gefallen, von btefem betäubt unb nach Frankreich verschleppt worben sst. Es wäre

zu wünschen, baß Licht in biefe dunkle Geschichtt käme. '

* Vkthimguisvolles Spiel mit Karbid. In Rüst­ringen (Oldenburg) schütteten drei Schulknabe« m eine mit Wasser gefüllte Konservenbüchse Karbid unb verschlossen die Büchse. Diese explodierte.. Einem Knaben wurde der Schädel ge| polten, so daß der Tod nach kurzer Zeit eintrat, dem zweiten wurde ein Auge ausgetisse.i, der dritte kam mit leichten Verletzungen davon

* Das Ende einer Lustschisfstation. Zie Lust­schiffhalle in Al ün ch e n, die einen Kostenaufwand von über 800 000 Mark verursacht hat und für die man lange ve-gcblich nach einem Käufex gesucht hatte, wird jetzt abgebrochen. Das ist bann einst­weilen bas Ende der Münchener Luftschiffstation, obwohl die Angelegenheit seinerzeit mit so großen Hoffnungen in die Hand genommen wurde und die Stadt bereitwilligst einen Zuschuß gewährte, toomit sie jetzt allerdings das Nachsehen hat. Nach dem Besuch des Zeppelin-Luftschiffes wurde in München ein Parfevalballon stationiert und bie Probesaison verlief durchaus beftiebigeub, bcnnoch konnte ber Ballon nicht abgeuommeu werben, ba das Kapital nicht aufzubringen war-

* Ausschreitungen bei einem Fliegerabstnrz. In Trenton ist, wie bereits gemeldet, bei einem Schaufliegen vor 20 000 Zuschauern ber Flieger Walfl) abgestürzt unb getötet worden. Nach dem Absturz drängte bie Zuschauermenge an ben Appa­rat heran unb riß bte Trümmer auseinander, die sie als Ennneriingszeichen mstuahmen. Nur de» Motor ließen sie liegen.

* In der eigenen Schlinge gefangen. Im rus­sischen Torfe S elebitoa hatte der Schultheiß, der zugleich Postverwalter war, vor einiger Zeit einer Frau 500 Rubel auszuzahlen, die sie von ihrem in Amerika lebenden Mann erhalten hatte. Der Schul­theiß ging zu der Frau und forderte sie auf, eine Quittung zu unterschreiben, daß sie das Geld erhal­ten habe. „Unterschreibe oder ich tote dich und deine Kinder!" Die Frau flehte, ihr das Geld zu lassen, aber ber Schultheiß blieb unerbittlich. Die Frau übergab bem Schultheiß bie Quittung unb bat ihn, sie sofort zu verlassen. Ter Schultheiß aber lächelte höhnisch, warf sich auf bie zu Tobe er­schrockene Frau unb fesselte sie mit starken Stricken. Tann befestigte er an bem Haken, an bem ber Spie­gel hing, eine Schlinge, um bie Frau baran aufzu­hängen. Ihn kümmerte Weber das Flehen ber Frau noch bas Jammern ber Kinder. Bevor er aber bie Frau in bie Schlinge hängen wollte, steckte et selbst beibe Hände hinein und sprang vom Stuhl, um zu sehen, ob die Schlinge sich auch fest zusammenziche. Die Schlinge war fo vorzüglich angelegt, baß sie sich mit eiserner Gewalt um bie beiben Hanbgeleuke bei Schultheißen schlang, ber jetzt selbst in ber Schlinge gefangen am Hacken baumelte. Er stieß furchtbare Schmerzensschreie aus, ba bie Frau aber gefesselt war, konnte sie ihm nicht helfen. Der Schultheiß hing in tiefer Ohnmacht an ben weit ausgestreckten Armen in seiner eigenen Schlinge, unb bte Frau lag gefesselt neben ihm am Boden Nachdem er abge- f Mitten worben war, würbe er ins Gefängnis ge­schafft, wo er rrst nack vielen Stunben wieber ins Leben zttrückqerufen werben konnte. Die Frau war bem Wahnsinne nahe, als man sie von ihren Fesseln befreite.

• Russisches Räubernnwesen. Auf der Eisenbahn­station Schetowa brangen 20 Räuber in von Gen­barmen unb Polizei bewachten Waggon ein, wo sich ein Kassenbeamtet mit bem zur Auszahlung ber Beamtengehält'r bestimmten Gelbe befanb. Sie raubten gegen 5000 Rubel und verschwanden« Ein Gendarm ist schwer, ein anderer leicht bet» tounbet.

Handel und Industrie.

* Berlia, 7. Okt. 1912. Fortschreitende Beruhig- uno, anziehende Kurse; später wieder schwächer. Unter den führenden Montanwerten standen Bo« chumer und Deutsch-Luxemburger mit 1,75 Prozent Preissteigerung an der Spitze. Banken fest Der Kassamarkt war überwiegend gebessert. Der Privat« vlskont hielt sich auf seinem bisherigen Stand.

[] Hessischer Bankverein, A. G., Kaffel. In der S'tzung des AusstchtsrateS vom 4. Oktober wurde

3m Schutze des Zauberers.

32f En^llicb-indticiet Reman von E. A. Senft)

DaS Schießen der Hindus dauerte fort, und schon wurde eS vom Hospital ans erwidert. Man hörte die Kugeln pfeifen und dazwischen das Gejohle ber Aufrührer. Bathurst Gesiebt war starr unb toten­blaß. Der Major eilte zu ihm:

„Liebster Bathurst, gehen Sie hoch nach unten. Dort gibt es auch gar vieles zu tun."

_ , »^E'n: Arbeit ist hier", sagte Bathurst wie zu pch selbst. „St: muß getan werben."

Der Major konnte nicht weiter mit ibm reden, denn das Schießen wurde noch heftiger. Bon allen weiten kam es jetzt, aus b:n zerstörten Bungalows und aus jebent Busch. Die Verteidiger antwortetet bedächtig, aber sicher. Der Major hörte ben Doktor schreien: „Bathurst, sinb Sie wahnsinnig. Herunter, sofort!"

Sich umsebenb, erblickte ber Major Bathurst, wie er aufrecht auf bei Sckmtzwchr stand und sich dem heftigsten Feuer ber Feinde aussetzte. Er hatte auch ei» Gewehr in der Hand, schoß aber nicht, und seine Gestalt schwanfte leise hin und her.

„Herunter!" schrie mich der Major, und als Bathitrst dennoch stehen blieb, wollte er eben tu Umt eilen, als schon der Doktor von einer unb Forster von ber anberen Seite durch einen Hagel von. Kugeln hindurch auf ibn zustürzten unb ibn ergriffen und herabzogen. „Das war tapfer geban- beH, meine Herren!" rief ber Maiot. „Daß keiner von Ihnen verletzt würbe, ist ein wahres Wunder."

Zuerst batte Bathurst sich wild gesträubt, dann

<7r 9anl starr geworden und hatte alles mit sich geschehen lassen. Seine Angen waren g schlossen.

»Ist er nicht getroffen?" fragte der Major. „Was für einen wahnsinniges Beginnen."

„Getroffen ist er nicht, aber ohnmächtig", sagte der Doktor. „Wir wollen ihn nach unten tragm. Geben Sie mir Ihre Hand Erster. Das war

brav, daß Sie Ihr Leben für Balhurst wagten, den Sie, wie itf) weiß, nicht leiden können."

„5d; dachte gar nicht daran, wer es war", ent­gegnete Forster lachend. „Ich sah nur einen Mann in dieser wahnsinnigen Stellung und stürzte vor, um ibn daraus zu entfernen. Uebrigens werde ich NUN doch besser von ihm denken; obgleich er vielleicht ganz von Sinnen war, als er das tat."

„Er suchte den Tod", meinte der Doktor, „und hat zu dem Zweck eine übermenschliche Anstrengung gemacht. Ich saae Ihnen, Forster, dieser Mann hat mehr moralischen Mut, als irgend jemand; aber seine körperliche Konstitution sst die eines Weibes. Geist gegen Körper."

„Diese Unterscheidung ist mir zu fein, Doktor", sagte Forster. „Ich weiß, was Mut sst, unb was Feigbeit ist. Aber bie geheimnisvolle Mischung, von her Sie reden, geht über mein Begriffsvermögen."

Der Major und der Doktor trugen Bathurst nach unten. Fran Hunter kam ihnen entgeaen. „Ist er schwer verwundet?" fragte sie.

„Rein, er ist gar nicht verwundet. Er setzte sich ganz offen dem Kugelregen aus, so daß Wir ihn mit Gewalt forl'i eben mußten. Run War bie Reaktion für feine Nerven zu viel, unb er ist ohn­mächtig, kommen Sie mit, lassen Sie aber bie an­deren draußen bleiben."

Der Major kehrte sogleich aus das Dach zurück. Es dauerte trotz des Doktors Bemühungen eine ganze Weile, eh: Bathurst zu sich kam. Als er bann seine Umgebung erkannte, wollte er sich er­heben.

„Liegen Sie still, Balhurst", sagte ber Doktor, inbem er ihn mit der Hanb mcberhielt. „Sie hcck-n etwas sehr Törichtes, ja Unrechtes getan — Sie wollten aewaltsam Ihr Leben von sich Wersen."

„Stein, bas wollte ich nicht. Daran bachte ich gar nicht", sagte Bathurst. „Ich Wollte mich zwin­gen, bas Schießen zu ertragen. An bie Kugeln bachte ich nicht- Es ist ja nur biefer entsetzliche Lärm, ben ich nicht aushalte "

„Das weiß ich ja", fagte ber Doktor freundlich. „Aber bleiben Sie nur hier Sie können ict-t oben

gar nichts tun. Wenn der Angriff sich ernster ge­staltet, werden Sie schon noch Gelegenheit zum Handeln Baben."

Als der Doktor aus dem Zimmer trat, stieß er auf einige der Damen, die ihn fragten, ob Bathurst verwundet sei.

„Stein, meine Tarnen. Er ist nut in so hohem Grade nervös, baß bas Geräusch von Feuerwaffen vollstänbig lähmend auf ihn wirkt. Dafür kann er absolut nickt. Der arme Mensch! Ich habe ihn Dinge vollbringen sehen, zu denen Hunderten der Mut fehlen würde Jetzt eben hat er fein geben ber größten Gefahr ausgesetzt, um sich -nm lieber« toinben seiner phpsifchen Schwäche, bie manche Lertte, wie er weiß, als Feigheit bezeichn en, zu zwingen. Ihn jedoch um dieser Schwäche Willen gering zu schätzen, wäre ebenso erbärmlich, als wenn man einen Buckeligen ober Krüppel Wegen seines Unglücks verachten wollte. Aber ich muß Wieber hinaus."

Isabella War nicht unter^benen, die au bei Tu: gewirtet batten; aber ber Doktor hatte so laut ge­sprochen, baß sie ihn dennoch hören mußte. Und nun neigte sie sich mit bleichem Gesicht tief über ihre Näharbeit.

Nach unb nack hörte bas Schießen auf. Dir Verteibiger hatten ben Hinbus schwere Verluste ;u« gefügt. itnb so zogen sich biefe halb zurück. Schon eine Stunbe nach bem Angriff War alles wieber ruhig.

„Bis jetzt ist alles gut gegangen", sagte ber Major in ermutigendem Tone zr: dm Damen, als er mit ben anberen herunterkam. Nur ein Mann war oben geblieben, um Wache m halten. „Ich benfe, bie Empörer werden einen derartigen An­griff nicht mehr wagen, da sie uns nichts anhaben konnten, während sie selbst viele Verluste erlitten haben. Nun ist hoffentlich ein gutes Frühstück zu haben; denn wir sind alle tüchtig hungrig." „Das Frühstück ist bereit, Major", sagte Frau Doolan, die das Küchenregiment führte „Zuerst, als das Schieden beaanu wurden bie Dienstleute etwas un­

ruhig; halb jeboch taten sie wieber willig ihre Pflicht."

Das bereitstehenbe Mahl fand alle ganz heiter. Die Taffache, daß der erste Angriff ohne eigen« Opfer zurückgeschlagen war, beruhigte die Fraue« unb ließ sie hoffnungsvoller in die Zukunft schauen.

„Mau sollte kaum glauben", bemerkte Frau Doolan, „baß wir noch gestern alle beim Major zusammen Warrn. Es scheint doch wer weiß tote lange her."

„Ja. in bet Tat", stimmte Frau Rintoul bei, „bie Nacht erschien endlos. Am schlimmsten war es, als Wir ben Zeitpunkt bes Aufbruchs nach de« Hospital erwarteten."

„Und ich fand es weit aufregender", sagte Isa­bella, „als toir beobachteten, ob die Truppen sich toi: gewöhnlich nach dem Exerzierplatz begeben toür- dn. "Sobald erst alle wieder hi:r und die Tore ge­schlossen waren, atmete man förmlich auf."

Jetzt wandte sich der SJtajor an Forster. „Wie Sie ba auf bie Banbe losgingen, bas war wirklich ein tolles Wagestück, konnte Ihnen pbodj nichts nützen."

„Ja, ich überlegte nicht wefter", lachte Forstet; „ich wat so h-ütenb über biefe stechen Hund:, daß ich auf sie einhaue» mußte. Aber freilich wat ei eine Torheit."

„Etwas Gutes hatte es doch", meinte bet Dok­tor; „es zeigte ben Kerlen, bis zu welchem Grade die W:ißen ihnen überlegen sind. Sie werben sich nun boch etwas bedenken, ehe sie wieder Angriffe Wagen. Und Was sollen wir nach dem Frühstück tun, Major?"

„Ich denke, es ist das beste", erwiderte dieser, „daß sich jedermann für ein paar Stunden hinlegt, denn in di?set Nackt hat niemand geschlafen. Zwei Mann müssen oben wachen und sollen alle zwn Stund:n abgelöst werden. Etwas Schlaf wirb unS sehr nützlich sein; benn wct weiß, ob in der Nacht nicht wieber bas Schießen losgeht."

(Fortsetzung folgt.)