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«. Verlag der glitte*

Monakbellazk! „Zulttaer Eeschichlrdlätter"

Fulda, Montag den 7. Oktober 1912.

Erstes Blatt

X 230.

39. Jahrgang.

GSKelfit tfigNAM Aur-nuomr bei »o.m- u-,d >ftt«tsye Vl-rtel- iä!ir?ich^Ve;«-'Preis ahire »riaaertohn und SesteLgrWm8uwaf-- rpir aitrwä rts 1-50 Bit.

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für di» Anzeigen:

I. Parzelle» in Zukda.

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-- Kriegslnst «nd Friedensarbeit.

Die erste mobile" Woche ist ohne Kugelwechse vorüberaeganqen. Zu Beginn der neuen Woche wirö der Weit verkündigt, daß Europa sich leibst w edcrgesunven habe und alle Großmächte einig seien in dem Entschluß, den Kampf, wenn es überhaupt dazu kommen sollte, zu lokalisieren und den territorialen Besitzstand aufrecht zu erhalten.

Die halbamtliche Kundgebung in der „Agence Havas", durch die der französische Ministerpräsident Poincaro seinen diplomatischen Erfolg schon vor dem Eingang der österreichischen Antwort ver­herrlichte (oergl. weiter unten), wachte einen etwas theatralischen Eindruck. Unter der Gespreizt­

heit leidet das Vertrauen.

Nüchterner behandelt die »berliner Nordd. Alla. Ria." die Lage, indem sie schreibt:

Ob eine Aussicht vorhanden ist, daß es genügen könnte, diesen Krieg ganz zu verhüten, lassendahin- aestellt. Nachdem aber ernstliche Verhandlungen der ' ächte darüber im Gange sind, den eventuellen ;r:eg zu lokalisieren, ist Deut chland an der Frage n ur sehr indirekt interessiert und kann mtt Ruhe gemeinsamen Entschließungen der beiden nach.ibe- teiliaten Mächte, Oesterreich-Ungarn und Ruß­land, abwarlen. Ihrem gemernschastiichen Vorgehen werden sich die anderen Mächte zweifellos anschließen." Die Nachrichten aus Wien klangen zuerst noch kühler, ja zum Teile sehr mißtrauisch. Allerdings wird die Note, welche der französische Botschafter dem Grasen Berchtold überreicht hat, wohl eine zustimmende Be­antwortung finden oder soll sie sogar schon gesunden haben, da ihr Inhalt, wie es heißt, den Grund­sätzen der österreichisch-ungarischen Balkanpolitik ent­spricht. Doch bleibt die Tragweite dieser „Uebrrein- siimmung" dunkel, so lange man nicht den vollen Wortlaut der Note kennt. Auf seine zuerst gemeldete

Absicht, Rußland und Oesterreich durch eine gegen­seitige Verzichtserklärung (auf die Dardanellen und oen Sandschak) einander in die Arme zu bringen, scheint Herr Poincarö verzichtet zu Haden. Mit der allgemeinen Formel der Erhaltung terri­torialen Besitzstandes kommt man aber nicht mehr auS, wenn der Krieg erst ausgebrochen ist. Denn Oesterreich, daS freilich nichts haben, aber auch nichts verlieren will, glaubt die Besetzung deS Sandschaks und Die Durchbrechung des weiteren Weges nach Saloniki nicht dulden zu können. Dir Serbien jedoch wollen sofort in den Sandschack rücken, um den Monlenegrinnern die Hand zu reichen. Wenn die Türkei schließlich überall siegreich bleibt, so würde ja Oesterreich die alte Ver­bindung mit dem Aegäischen Meer in der bisherigen Verfassung wieder erhalten. Bei einem Erfolg der Balkanstaaten aber wäre dieser Weg verrammelt, und Oesterreich wüßte, um feine Interesse zu wahren, mit Waffengewalt gegen die Eindringlinge und b<e Insurgenten vorgehen, also einen sehr lästigen und wegen der panslavistischen Tendenzen höchst gefähr­lichen Nach krieg führen. Darum will man in Wien sich freie Hand bewahren, um sofort vor- orügend eingreisen zu könnei', wenn die Sand­schakstraße gelährdet werden sollte. Ueberhaupt herrscht dort in weilen Kreisen ein erklärliches Miß­trauen; nicht gegen Frankreich, das seine Friedensliebe schon vor vier Jahren bei der bos­nischen Krisis bewährt hat, aber gegen Rußland.

Man weiß, daß die kriegslustigen Balkanstaaten aus Rußland ihre Hoffnungen setzen, und vergißt nicht, daß Rußland gerade zu derselben Zeit, als der Vierdund auf dem Balkan fertig war und diese neue Erwerbsgeseüichaft mobil machte, auch Ruß­land jene auffällige „Probemobilmachung" an der österreichischen Grenze veranstaltete, die zum min­desten unvorsichtig war und in Wien als ein Em- fchüchterungsversuch empfunden wurde. Herr Ssasonow wird vielleicht diese Demonstration nicht verschuldet haben; dann gibt es aber in Peters­burg Stimmungen und Strömungen, die sich seiner Leitung entziehen. Unter diesen Umständen ist es trotz aller Pariser Beredtsamkeit noch sehr zweifel­haft, ob Oesterreich und Rußland zu einer vollen Verständigung gelangen, die ihnen ein gemeinsames Vorgehen als Mandataren Europas ermöglicht.

Zweifelhaft ist auch noch, ob England eine solche Lösung wünscht. Die englische Diplomatie hat bisher eine bedenkliche Zurückhaltung geübt.

Wenn Herr Ssasonow am Dienstag nach Berlin kommt, so bleibt auch dort für ihn und für die »rutsche Diplomatie noch genug zu tun. Viel­leicht kann Herr v. Bethmann noch in aller Stille etroaä nachholen von dem, was der redselige Poin- earä nicht leisten tonnte.

Frankreichs Jnteiventionsvorschlag.

^'"^-^präsident Poinrarö hatte, wie schon aphtsch gemeldet, in Gemeinschaft mit dem Mimster des Aeußern Slasonow eine Reihe Vorschläge ausgearbeitet, die in Gestalt einer gemeinschaftlichen Note der Großmächte den Regierungen des Balkanvierbundes und der Pforte überreicht werden sollen. Die Note spricht den Balkanregierungen dir Mißbilligung der Groß- i ächte wegen der herausfordernden Haltung gegen­über der Türkei aus. Zwestens erklärt sie, daß ;bie Mächte keine Aenderung des Besitzstandes aus dem Balkan dulden werden, und drittens ver­pflichten sich die Mächte selber, die Ausführung der Reformen in Mazedonien in Die Hand zu nehmen. Zu diesem Schrill Frankreichs verbreitet die offiziöse 8>gence Havas folge. De Auslassung der französischen Regierung:

Puris, 5. Okt. 1912. Obgleich die Antwort Oesterreich-Ungarns noch nicht bekannt ist, darf DicUeb erein st immungder europäischen Großmächte als sicher gelten. Es verdient be- werkt zu werden, daß Drahlnachrichtm aus Bul­garien von einer Uebrrreizung der öffentlichen Meinung und von einer wachsenden Tätigtest bei den Vorbereitungen zur Mobilmachung und zur Zusammenziehung der Truppen berichten. Dieses Anzeichen beschältigt die Kabinette in ernster Weise. Tie französische Regierung hatte mit den andern Mächten die Möglichkeiten eines Krieges zwischen

den Balkanstaaten und der Türkei in# Auge gefaßt, ist aber jetzt völlig beru htgt ü der die Folgen, die ein solcher Krieg vom europäischen Standpunkt« aus haben könnte. Die Mächte find darin einig, den Kampf, wenn es überhaupt dazu kommen sollte, orllrch einzuschränken und den Siatusquo aufrechtzuerhallen. So sind die schweren Verwicklungen beseitigt, die man hätte befürchten können, wenn fichkeineUeberein- stimmung zwischen Wien und Petersburg hätte herbeisührenlassen.Ministerz«äsidentP o in c ar 6 halte sich vom ersten Augenblicke an deutlich die Gefahr vor Augen geführt, die eine solche Lage für den allgemeinen Frieden Europas hätte haben können. Er bemühte sich daher, die Verschiedenheiten in den Ansichten zwischen Rußland und Oesterreich- Ungarn zu beseitigen. Er fand auf beiden Seiten viel guten Willen, und seine Bemühungen führten zu einem Abkommen, daS überall mit lebhafter Befriedigung ausgenommen wurde.

W Paris, 6. Okt. 1912. Eine weitere Note der Agence Havas meldet: Ministerpräsident Poincar 6 hatte heute morgen eine neue Unterredung mit dem russischen Minister Ssasonow. Auf die formu­lierten Vorschläge bezüglich der bei den Balkan- machten und in Konstantinopel zu unternehmenden Schritte hat das Wiener Kabinett um einige un­erheblichen Aenderungen ersucht, die nach ihrer Prüfung durch Poincarä und Ssasonow ange- no.u mm en und sofort den anderen Mächten mit­geteilt worden.

W Wien, 6. Okt. 1912. Die Antwort der österreichischen Regierung aus den fran­zösischen Vorschlag ist berests dem Botschafter Dumaiue zugegangen. Die Antwort soll dem Vor­schläge Poincaros günstig sein.

Zwei türkische Noten.

W Konstantinopel, 6. Okt. 1912. Die Pforte veröffentlicht den Text zweier an die Mächte ge­richteten Noten vom 2. und 4. Oktober. Die erste legt in eingehender Weise dar, daß die M o b i l i - sierung derBalkanstaaten keine Berechtigung habe, die zweite führt auS, daß, wie die Pforte vorausgesehen habe, das mündliche Einschreiten der Mächte bei Den Balkanstaaten nicht den gewünschten Erfolg erzielt habe. Die ottomanische Regierung sei bereit, die Her ausforderung anzunehmen und jeden Angriff auf die Sicherheit des Reiches zurückzuweisen. Die Lage sei äußern st ernst. Wenn sich Die Mächte zu viel Zeit lassen sollten, um sich über Die zu ergreifenden Drohmaßnahmen zu einigen, so könnten sich die Ereignisse überstürzen und die Feindseligkelten beginnen, bevor es zu einet Intervention käme. Die Türkei tue ihre Pflicht, indem sie noch einmal auf Die Gefahren Hinweise und die Notwendigkeit, dieselben unverzüglich zu bannen.

Bulgarien und Serbien.

W. Sofia, 6. Okt. 1912. Am gestrigen Jahres­tage der Unabhängigkeitserklärung trat das bul­garische Parlament, Die Sobranje, zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Der König eröffnete Die Sitzung mit einer Thronrede, in der er aus'ührte: „Die allgemeine Mobilisierung hat die Verkündigung des Belagerungszustanoes im ganzen Königreich notwendig gemacht. In der Ueberzeuguna, Daß Sie in richtiger Würdigung der höchsten Interessen des bulgarischen Staates Ihre Pflicht erfüllen werden, erflehe ich Gottes Segen auf Ihre Arbeiten." Heute trat die Sobranje in die Verhandlung der Kriegsvorlagen ein. Aus den Reden löst sich der durch nichts zu erschütternde Ausdruck aus, daß Bulgarien unter Ablehnung aller Beruhigungsvorschläge entschlossen ist, die Frage der mazedonischen Reformen durch einen Waffen­gang zum dauerhaften Ergebnis zu bringen. Alle Oppositionsführer drückten der Regierung ihr volles Vertrauen aus und versicherten sie ihrer unein­geschränkten Unterstützung.

* Belgrad, 5. Okt. 1912. Die außerordentliche Skupschtinatagung wurde heute von König Peter eröffnet. In der Thronrede hob der König die hervorragende Bedeutung dieser Tagung hervor und gedachte anerkennend und dankend oer Be­mühungen der Großmächte, den Frieden zu «aalten. Er betonte die Pflicht Serbiens, zusammen mit den anderen christlichen Balkanvötkern für die endgiltige Ruhe des Balkans zu sorgen. Vor und nach der Verlesung der Thronrede sanden lebhafte Kund­gebungen statt.

* Sofia, 5. Okt. 1912. Mehr als 95 Prozent der Reservisten sind der Einberufungsorder ge­folgt. Die Kundgebungen dauern fort. Die Stadt ist von Soldaten überschwemmt, die überall freudig begrüßt werden und bei der Abfahrt Gegen­stand herzlicher Ovationen find. Unaufhörlich und in großer Zahl strömen Freiwillige zu Den Fahnen.

• Belgrad, 5. Ott. 1912. Heule nachmittag ist der vorläufig letzte Personenverkehr für Private durch die ferkischen Staatsbahnen erfolgt. Nur der Orientcxpreß fährt noch bis zur türkischen Grenze weiter. Sonst gehen nur Mililärtransporle. Weil verschiedentlich von Kaufleuten Waren zu ganz undenklich hohen Preisen verkauft werden, hat sich Die serbische Regierung veranlaßt gesehen, solche Wucherer durch die Polizei streng bestrafen zu taffen. Eine gewisse Preissteigerung verschiedener Lebensmittel wird allerdings nicht vermieden werden können. Ter trübere Kronprinz Georg soll an Die Spitze aller Freiwilligen treten. Alle Warentrans- Porte auf der Eisenbahn werden fett Dem L Oktober au,gehalten, ausgelaDen und Den Absendern zur Veriügung gestellt. Eme Reklamatwn hiergegen bleibt erfolglos.

♦

♦ Sofia, 5. Okt. 1912. Einzelne Gesandte der Großmächte haben in den letzten Tagen Der bulgaritchen Regierung Ratschläge erteilt, Die Ereignisse nicht zu überstürzen, sondern Den Groß- Mächten zum Eingreifen zur Vermeidung des Kriege? Zett zu laffen. Die bulgarische Regierung soll darauf zu verstehen gegeben haben, Bulgarien könne die Ereignisse nicht aushalten. Die Aus­sicht aus ein erfolgreiches Eingreifen bestehe lediglich

im Druck aus die Türkei, die geforderten Resormen zu bewilligen.

* Budapest, 5. Ott. 1912. In hiesigen einge- weihten Regierungskreisen ist man der Ansicht, daß sich der Ausbruch von Feindseligkeiten auf dem Balkan wohl nicht v e r m e i d e n lassen werde, doch fei alle Aussicht darauf vorhanden, daß der Krieg auf den Balkan beschränkt bleiben und ein Eingreifen der Monarchie in keiner Weise nötig machen werde, ja man hofft sogar, daß er nach den ersten Zusammenstößen durch ein Eingreifen der Mächte beendigt werden wird.

* Venedig, 6. Okt. 1912. Der König von Griechenland ist um 9S/« Uhr vormittags aus Wien hier eingetroffen und hat sich sofort an Bord der .Amphitrite* begeben, die voraussichtlich heute nach Athen in See sticht.

deutsches Reich.

** Berlin, 6. Okt. 1912. Die Ausreise bet deutschen Mitglieder der deutsch-französischen Grenz- reguberungs-Kommission für die neuerworbenen Kongogebiete ist am Samstag von Antwerpen auf dem belgischen Dampfer „Elisabethoille' erfolgt. — Der russische Minister des Aeußeren, Ssaso­now, trifft Dienstag früh aus Paris hier ein.

-H „Ein Jesuitenpamphlet gegen Preußen und den Kaiser". Der römische Korrespondent der,Tägl. Rundschau', des Organs des Evangelischen Bundes, weiß seinem Blatt folgende unglaubliche Meldung unter obigem Titel zu übermitteln:

Die Hauptzeitschrift des Jesuitenordens, die „Civilta ealtolika" deren Druckbogen 8 Tage vor dem Erscheinen dem Pavst regelmäßig vorgetegt werden, bringt in ihrer morgen erscheinenden Nummer giftige Angriffe auf Preußen, seine Dynastie, besonders die Person de« Kaisers wegen der Behandlung der Elsaß-Lothringer. Das HauS Hohenzollern und die preußische Regierung hätten mit ihren Beamten voller protestantischer Vorurtelle die Verschmel ung deS katholischen Reichslandes mit dem Reich verhindert, lieber ven Kaiser wird ausgesührt, daß er schlimmer als der Zar und absoluttstischer als die Mandschu- Dynasten in China sei. Er habe gesagt, man müsse au, Bruder und Vater schießen, und sogar das Zentrum habe et als vaterlandslos« Gesellen bezeichnet. So lügen die Jesuiten, um den Kaiser bet dem Papst anzuschwärzen. Auch andere Reden des Kaisers werden gegen ihn angeführt. Am Schluffe preisen die Jesuiten den Fihrn. v. Hertling als idealen Staatsmann. Hoffentlich öffnet dieser Artikel die Augen des Bundesrats.

Dte ,Post' (Nr. 469), Die sich so etwas doch nicht entgehen lassen will, bemerkt:

„Und mit diesen Sei ten will Frhr. v. Hertling bc8 Deutsche Reich beglücken t Wir danken ergebens:."

Wir können Dte Richtigkeit der Meldung noch nicht nachprüfen, möchten aber jetzt schon mit Be­stimmtheit behaupten, daß Die obige Darstellung eine Uebertreibung, wenn nicht gar eine grobe Fälschung ist. Sie ist vielleicht Dem Bedürfnis entsprungen, Dem Evangelischen Bund ein will­kommenes Geschenk zu feinet augenblicklichen General­versammlung darzubringen. Sollte eS aber wirklich zutreffen, daß ein ausländischer Jesuit in ähnlichem Tone über unseren Kaiser und Den preußischen Staat geschrieben hat, so würde dies un ganzen katholischen Deutschland die schärfste Verurteilung finden, nicht zuletzt auch, davon sind wir überzeugt, auf Seiten Der deutschen Jesuiten und aller, die Einsicht in deutsche Verhältnisse haben und die Per­son unseres Kaisers kennen. Wir könnten Dann nur bedauern, daß in Der ,Civilta cattolica' ein Mann zu Wort kommt, der über Sachen urteilt, die er nicht versteht und deren Unkenntnis ans feinen Worten spricht. Wie sich die Sache auch immer verhalten mag, in keinem Falle wird man die deutschen Jesuiten oder den Jesuitenorden überhaupt dafür verantwortlich machen lönnen, was etn aus­ländischer Jesuit als seine individuellen Anschau­ungen publiziert. Vorerst warten wir ab, ob die Mitteilungen deS Korrespondenten Der «Täglichen Rundschau" Der Wahrheit entsprechen.

* Meininger«, 5. Okt. 1912. Der Staatsminister Frhr. v. Ziller, der kürzlich feinen 80. Geburts­tag feier e, ist heute morgen gestorben.

♦ Stuttgart, 5. Okt. 1912. Der Landtag ist heut» vorniittag in gemeinschaftlicher Sitzung beider Häuser durch königliches Dekret aufgdbft worden. Während des vom Präsidenten der ersten Kammer ausgebrachten Hochs auf den König blieben die Mitglieder der fozialdemokratische» Fraktion im Saal und erhoben sich gleichfalls von ihren Sitzen.

d* München, 5. Okt. 1912. Mehrere Blätter, darunter natürlich das „Berliner Tageblatt", be­richteten vor einigen Tagen von einer bevorstehenden Verfassungsänderung in »Bayern, von einer Abdankung des Prinzregenten Luitpold zugunsten des Prinzen Ludwig usw. Wie die offiziöse Korrespondenz Hoffmann meldet, entbehren diese Aeußerungen zeder tatsächlichen Grundlage. — Es mutz allmählich etwas schwer werden, allen Unsinn zu dementieren, d:n sich ’eit v. Hrrtling Ministerpräsident geworden ist, die „m- tellekiucsse"^Presse immer wieder über die angeblich geplanten Schandtaten der bayerischen Regterung ausbinden laßt!

* München, 5. Okt. 1912. Der Staatssekretär des Innern Dr. Delbrück batte eine Unterredung mit Fr.iherrn v. Hertling. Der Staatssekretär des Innern Dr. Deldück hatte eine Unterredung mit Freiherrn v. Herttmg. Gestern nachmittag begab sich Freiherr v. Hertling zur Begrüßung De» Reichs­kanzlers nach Murnau und suhr mit dem Kanzler nach München zurück. Der Reichskanzler trat heule Abend um 10 Uhr 20 Minuten Die Rückreise nach Berlin an.

Ausland.

A Die Katholiken Luxemburgs gegen da? neue Schulgesetz, lieber Den energischen Widerstand, Den Der Bischof, Der Klerus unD Das koiholtsche Volk in Luxemburg gegen Das kirchenfeindliche Schulgesetz leisten, haben wir schon berichtet. Nach der Gesetz­

gebung kann daS neue Schulgesetz nicht vor dem 10. Oktober in Kraft treten, während ein früheres Gesetz die Eröffnung für den 1. Oktober festsetzt. Das neue Schulgesetz könnte also erst im nächsten Schuljahre Anwendung finden; aber em ministerielles Dekret will Die Eröffnung der Schulen erst auf den 14. Oktober festfetzen, um so das neue Schulgesetz noch für dieses Jahr in Kraft treten zu lassen. Die Katholiken aber widersetzen sich wie ein Mann gegen dieses ungesetzliche Vorgehen der Reaierung. Die Geistlichen, die aufgefordert waren, ihre «milden und Tage für Die Erteilung des Religionsunterrichts in die Listen einzutragen, haben dies in lieberem» stimmung mit dem Bischof verweigert. Außerdem wird der Klerus nach dem 14. Oktober, dem Tage, an dem das neue Gesetz in Kraft treten soll, keine« Fuß mehr in die Schulen setzen.

A Ein polnischer Katholikentag. In Krakau fand anläßlich des 8. Zentenariums des Todes De8 polnischen Jesuiten und Kanzelredners Skarga unter dem Vorsitze des neuen Fürsterzdischofs Prinzen Saieka eine Tagung Der polnischen Katholiken statt. Skarga war einer der größten Redner, den Europa hervorgebracht hat. Der berühmte Jesuit war aber auch ein Mann der sozialen Tat, die Armen und Schwachen hatten an ihm einen Verteidiger ihrer Rechte, unb verschiedene der segensreichsten Wohl­tätigkeits-Anstalten Polens verdanken ihm ihre Ent­stehung. Die Erinnerungs-Feier an diesen Apostel Polens gestaltete sich zu emer imposanten Kund­gebung des kaiholischen Volkes. Der Kongreß war von etwa 1000 Teilnehmern besucht.

** AuS dem Manifest Manuels II. Die Pariser ,Autoritö' veröffentlichte dieser Tage eine Kundgebung des ehemaligen Königs Manuel an Die portu­giesische Nation. Darin heißt eS:

»Ich werde immer auf dem Posten fein, wie eS mir meine Pflicht gebietet, um mich in der geeignet« Stunde an die Spitze meines Volkes zu stellen. Darm werde ich Gerechtigkeit und Ordnung walt« lass« und soziale Einrichtungen schaffe«, wie eS Die Monarchie immer getan hat. Ich werde mit Den Gesetzen regier« und in Respekt vor Den Gesetzen. Ich fühle mich hl meinen Gedanken einS mit Der portugiesischen Bevölkerung und dem politischen Prinzip, dessen Vertreter ich bin, wird auch von Der portugiesischen Ration gehuldigt. Die monarchistische Sach« ist noch nicht gestorb« unb hat in Nordporlugal, besonders m Den Städten Baienra, Chaves, Cabeceirä# dr Basto u. a. starke Unterstützung. Die Tatsachen werden beweisen, daß ein«8 tagt# die Stunde kommen wird, in Der ich yt meinem Solle zurückkehren werde."

Das klingt sehr optimistisch. Allerdings, wem» man in der jungen Republik so weiter wirtschaftet, wie bisher, wird Die Wiedererrichtung Der Monarchie von selbst reif werden.

Evangelischer Bund.

c. Saarbrücken, 5. Oft 1912.

In der Mitgliederversammlung am Samstag sprach der geschästSführenbe Vorsttzenb« Everling „zur Zeit­lage und Jahresarbeit". Worin bestand dies« Jahre#» arbeit? In nichts anderem, als bann, daß Zwietracht zwischen Katholiken und Protestanten gern! wurde. Das hat unS Lie. Everling selber bestätigt, wenn n feMeüte, daß „kennzeichnenderwerf«" der Evangelisch« Bund im Jahre der Blockpolitik — also des friedlich« Zusammenwirkens der betben Konfessionen auf peä» lffchem Gebiete — bi« kleinst« Zunahme von Mit­gliedern zu verzeichnen habe. Wenn Lie. Everling lriumphierend hervorhebt, daß Die Evangelisch« Bündler alS deutsche Protestant« nicht nut gemein» lerne Gegner, sondern auch gemeinIam« Güter hab«, so stellt et damit Dem Evangelischen Bunde ein kläg­liches Zeugnis au8; gibt et bannt doch zu, daß es vor allem die Gegnerschaft geg« b« Katholizismus ist, die diese rund 485000 BunbeSmtt» glteber in den 32 9 Zweigverem« mtt einander ver­bindet. Everling wehrt sich Dagegen, daß man den Evangelischen Bund all ein« politischen Verein hm» stellt. Aber im selben Augenblick wendet et sich geq« den Bund Der Landwirte, weit in seinem Wahl-U. SB. C. die Ansicht vertret« fei, baß Die Führer des Landwirt» bundes in der Jeiuilentrage neutral bleib« soll«. Im selben Augenblick richtet Everling auch die heftigst« Angriff« gegen das Ministerium Hertling, daS et aG ZenlrumS-Parteiministernlin verdächtigt, daS feine ganz, Politik nach ullromontanen Anschauungen betreibe Dem Versuch, das bayerische Ministerium zn benunper«, folgte Die Drohung, Die an eine andere Stelle ge­richtet ist. „Sollte aber ein änderet Staatsmann, etn»a der Ministerprästd«t Preußen-, bet Kanzlet bet deutschen Reiches, sich bereit find«, d« Spuren bietet «katholischen Politiker-' zu fo'gen, sollt« etn Nachfolge« Bismarcks Dielen Kotau von Der klerikalen Machtpolrttk vollführen, dann wird Dte Hand bet Mutter Germania, die auf dem Niederwald, leise er gittern, rote ein Donner­hall rotrö'8 durch die zahllos« Herz« geh«, und rote werden einen Kanzler haben, bet sich in schwerer Zeil selbst dal Vertrau« Der Besten geraubt bitt' Darauf trommelte Everling auf jene konsetvatioen Politiker, di« es adlehnen, mtt dem Evangelischen Bunde konselfiouell« Hetze tu treiben.

Nun ergriff, von "ben Bündletn mit Spannung erwartet, der natlib. Adg Dr. Ortmann das Wort .zur gesetzlichen Regelung bet Jesnitenfrag« unb zur Abwehr des Jeluitrsmul. Die Saarbrücker Versammlung muffe, so begann er, im Interesse bei tonfeffioneüen Friedens ihr« Stimme erheb« geg n b« Angriff des Jefuitismus und seiner Helferehels«. Früher habe sogar bet Papst ClemeuS XIV. sich e «mal geg« Die Jesuiten gewandt, indem er Den Orden sus­pendierte — der unfehlbare Papst! lHeilerkeit). Da erroibert man auf jesuitensreundlichet Seite, DaS fei ja nur eine administrative Maßnahme deS Papste# ge» roeleu. (Heiterkeit). Gerade in Deutschland setzt Der Hauptkamps >ür die Zulassung Der Jesuiten etn, daS Zentrum und feine O<gan e rote Mar ionischer Kongreß (!) sorg« dafür. Würden Die letzt« Schrank« gegen den Jesuitenorden fallen, dann würde allüberall in Deutschland Jesuuenschulen entstehen, Zentren jesuitischer Beeinflu ung. Ernes bei Hauptmittel fei die geflissentliche Betonung bei Niedlichen Charakters der uttramontanen Bewegung, bet politischen Entartung des Katholizismus. Beson­ders bei festlichen Gelegenheiten mache eS sich fe gut die Friedensschalmer zu blafen und auf b« gemein» fatnen christlichen Boden hinzuroeii«. aut dem man mit den Evangelisch« steht, sich zu gemeinsamer Tätigkeit für wahre Zucht und Sitte bereu zu erklär« und « gememiamet Arbeit aufjuruien. Aber solch« Friedensblwer seien bewußt oder unberoupt Lu g na*