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CI a | f || H a 2. Blatt.

tiviiuiiy Vrock und Verlag der .Wbaer Artlendrackerel

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Wochen-«und schau.

[;] ^ulöa. 4 Oktober 1912.

Im Mttclpunftr des Interesses aufINnerpoti- tischem (Gebiete stand und steht noch dre £ Le 11 w ’ teuerungsfrage. Mit großer Spannung harrte man der Maßnahmen, die dre Regierung treffen wurde. Am Samstag wurden sie veroffertt- lick Tie Einfuhr von srilchem Schweine- und Rutdfleifch aus Rußland, Serbien. Rumänien und Nulaarien und von frischem Rindfleisch aus Holland und^Belgien sollen gestattet werden. Infolge der Balkanwirren jedoch kommen Serbien, Rumänien und Bulgarien kaum mehr in Betracht für de» Fleischcxport nach Deutschland. Ob also Liese Er­leichterung der Vieh- und Fleischeinfuhr, verbunden mit dem gestatteten Frachtermäßigungen, die Fleisch­preise wesentlich erniedrigen wird, bleibt abzuwarten.

In Reuershausen in Baden wurden am Frei­tag die sterblichen Ueberreste des Freiherrn von Marschall in Anwesenheit des Großherzogs von Baden, des Reichskanzlers als Vertreter des Kaisers und vieler anderer bedeutender Persönlichkeiten zur letzten Ruhe gebracht. Freiherr von Marschall war einer uuserer besten Diplomaten. Als Botschafter am Goldenen Horn hat er dem Deutj chen Reiche große Dienste geleistet, und es war zu erwarten, daß er auch an' der Lheuise fernen Posten voll auy gefüllt hätte, Wenn ihn nicht der Tod zu früh abbe- rufen hätte. Er wird nur schwer zu ersetzen fern.

Der Prozeß der sozialdemokratischen Abgeord­neten Borchardt und 8 e i n e r 1 endete mit der Verurteilung der beiden Angeklagten. Borchardt erhielt wegen Hausfriedensbruchs 100 Mark und Leinert wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt 50 Mark Geldstrafe. Ob sie sich mit diesem Urteil beruhigen werden und nach dem Urteil sich ruhiger aufführen werden, ist ungewiß.

Tas baherrsche Abgeordnetenhaus hat am Donnerstag den Lotterievcrtrag mit Preu­ßen angenommen. Bekanntlich war er in der ersten Abstimmung abgelehnt worden.

Die internationale Lage wird gegenwärtig be- stintmt durch die Entwicklung, die die Wirren auf dem Balkan genommen. Der ganze Bal­kan steht in Waffen, jede Stunde kann die Kriegs- erklärting erfolgen. Bulgarien, Serbien, Griechen­land und Montenegro haben ihre Armee gegen die Türkei mobil gemacht, die ihrerseits keinen Augen­blick gezögert hat, alle verfügbaren Streitkräfte gegen ihre vielen Feinde zu sammeln. Es erscheint frag­lich, ob c$ den europäischen Großmächten noch ge­lingen wird, den Frieden zu erhalten. Die Groß­mächte werden sich alle Mühe geben, die südeuro­päischen Brauseköpfe von dem Beginn einer Krieges abzuhalten, der für die vier verbündeten Staaten nicht gerade sehr aussichtsreich erscheint.

In Tripolis stehen sich die Italiener und Türken letzt bereits ein Jahr gegenüber. Am 29. September vorigen Jahres wurde' in Konstanünopel die Kriegserklärung überreicht. Große Schlachten, wie man sie in den Kriegen der letzten Jahrzehnte erlebt hat, sind nicht geschlagen worden. Wie e$ heißt, soll ja jetzt der Frieden vor der Tür stehen. Zu toünschen wäre es

In Marokko gährt es auch noch immer. Die Stämme der Rieta und Beni llarain sollen neu x» dings wieder unruhig sein. Wann es Frankreich gelingt, dort Ruhe und Frieden zu schaffen, liegt anscheinend noch m weiter Ferne.

In China fand eine Annäherung statt zwi­schen den Führern der Revolution Dr. Sunjatsen und General Hwangtsching und der entthronten Kaisersamilie. Jenen wurde ein festlicher Empfang geboten. Prinz Pulun begrüßte die beiden Repu­blikaner im Namen der Kaiserinwitwe und des Kai­sers Puyi, die auch nach der Abdankung noch ihre Titel beibehalten haben, aber wie der Prinz in einer Rede erklärte, beide Anhänger der Republik gewor- den sind. Und das ist ja für das durch innere Zwi­stigkeiten seit langen Jahren schwer heimgesuchte China sehr erfreulich. Die beiden Gäste lobten na­türlich — bei solchen Gelegenheiten sind Höflichkeiten unumgänglich notwendig — den Großmut und dir Mäßigung des Kaiserhauses, dessen Bestreben eS gl- wesen sei, durch Nachgeben unnützes Blutvergießen

zu verhindern. So wurde denn festgestrllt, daß auch die Kaiserin-Witwr, der Sohn des Himmels a. D. und das ganze kaiserliche Haus an ihrem Teile zum Triumphe der Republik beigetragen haben.

AuS Amerika war zu berichten, daß di: Re­volution in Nicaragua glücklich ein Ende genommen hat. Doch wer weiß, wie lange!

# Der moderne Jesnitenkrieg.

Motto: Ja, weine nur, du armeS

Bon Bay rn weht ein schtimmer Wind, S.e kommen, die Jefmlen!'

Nach ®. Keller.

Di- Deutschen, unter denen es Leute gibt, welche von künftiger Weltmachtstellung des Reiches träu­men, bieten zurzeit der Welt em klägliches Bild.

dieses Volk von Helden ist seiger Memmengeist gefahren: Angst, schreckhafte Angst sitzt ihnen m dm Knochen, daß sie heulen und zähneklappern; manch: von ihnen sind bereits tobsüchtig geworden und geben wie jüngst ein im Königreich Sachsen er­scheinendes Blatt, die „Leipziger Neuesten Nachrich­ten", ihrer Angst Ausdruck in dem Stoßgebetlein des Aargauer Bauern: „Gott behüte uns vor Jesuiten und Gwandläus!" Da haben wir das böse Wort ausgesprochen: Jesuiten! Müssen das fürchter­liche Bösewichter sein, daß man im gemiedlichen , Sachsen so ungemiedlich wird und in Witzenhausen i jüngst — es ist schrecklich — beinahe sich bekreuzt hätte!

Ta muffen wir doch billig fragen: Kennen d e nn diese Herrschaften ‘ überhaupt die Jesuiten, vor denen sie eine so heillose Angst haben? Wir sagen: Nein! Woher auch? Gesehen haben sie noch keinen, und ein wissenschaftliches Werk eines Jesuiten, aus tvelchem Wissenschaftsgebiet es immer sei, haben sie anch noch nicht gelesen. Also woher wollen und sollen sie denn das kennen, worüber sie urteilen?

Der Graf de Maistr« spottete eimol über diese Unkenntnis der Feinde des Jesuiten: Fragt man einen Jesuiten feind, was der Jesuitenm-den eigent­lich ist, so verwahrt er sich hoch und teuer, je einen Berater und Freund, ja einen Bekannten unter den Jesuiten gehabt zu haben. Hört man einen Jesuiten­freund den Orden loben, so glaubt man ihm nicht, weil er eben ein Freund ist und deshalb keinen Glauben verdient. So kommt es, daß die Jesuiten von niemand richtig gekannt sind, als von jenen, die sie n i ch t kennen.

Was aber solche Leute, welche die Jesuiten nicht kennen, dann an Weisheit und Kenntnis über den Jesuitenorden feit mehr als 300 Jahren verzapfen, das ist beim auch danach!

Man werfe nur einen Blick in die kritische Sich­tung dieses 300jährigen Schundes, wie sie der Pro­testant Dr. V. N a u m a n n in seinem Buche „Der JesuitiSmus" (Regensburg 1905) gegeben hat. „Während meiner Arbeit", sagt er, „habe ich den häßlichen menschlichen Eigenschaften Haß, Lüge, Ver­leumdung, Gemeinheit, Roheit ans Hunderten von Büchern heraus ins finstere Auge blicken müssen." Und diese Bücher sind für die modernen Jesuiten­gegner die Quellen. auS denen sie ihre brüchige Weisheit schöpfen. Es ist ein wen'-g schme^ch-lhaft-s Urteil für Scharfsichtigkeit und wissenschaftlich: Ehr­lichkeit dcS deutschen auttjesuittfchen Geistes, wenn Naumann schreibt:

„Die lyuemarischeBerlemdung desOcdens tft durch ihr Aller, das bö' er als BH» Jahre tft, m den Mitgen Der gebt deten Laien wie auch inancher Jach- bistoriker eine Io ehrwürdige geworden, daß man he futiei and iür Wahrheit nnüebl rmd sich nicht Der Mühe untersteht. Die Quellen ach tbte Feinheit zu untersuchen, aus denen sie ihren Ur prunq nimmt. Nirgends nun hat sich Die bequeme Methode des kritik­losen 'Üb- und 'Üueschreibeus Der ä teren Literatue durch dte neueren „Fernher-- mehr eingebürgert als auf dem Gebiete, Da? ich letzt bearbeitet ha e, und da«- Traurige in, daß die Rrchschretber ihre teidite Ausgabe zu verbergen suchen und gar gelehrt als einene stunde die Quellenangaben ihrer Vorgänger herietzen wobei Dann bet dem einen ober anderen tiefer höchst sonder­baren Diener der Wchilett und Walle»schäft muunter das Mißgeschick es will, Ditz es nber Den zitterten Autor und das anfle übrte Werk vöaig ttn Unklaren sich be­findet -- (S. V VI'.

Dann aber läßt Naumann (S. 349) Worte fol­gen, die wir den heutigen Hetzern iuS Stammbuch schreiben möchten:

„Den großen Gegnern des Ordens und den ehr­lichen, einem Etiemnitz wie einem Pascal, bin ich gerecht geworden, so meine ich wenigstens. Meine ganze Verachtung aber gilt den bübisch en Gesellen, Den Generationen von Brunnenvergiftern, die feit Jahrhunderten am Werke waren und es heute noch sind, ehrcnh'he Gegner, überzeugte Fromme, mutige Streiter als Schutts Heuchler und Lügner hin« zunellen und unserem Volke e n Grauen vor ihnen ein» zi.flößen, dadurch aber den ersehnten Frieden hintanzu- halten."

Die Lektüre des Naumann scheu Buches wirkt wie ein Gang durch di; Walhalla, aber nicht eine Walholla deutschen Ruhmes, sondern deutscher Schmach und Schande.

Und was dieser 300jährige Bcrleumdungsfcldzug für Aberglauben in den Köpfen hat festwurzeln las­sen, dafür bietet das Buch des Jesuiten Duhr, „Jcsuitenfabrln" (Freiburg, Herder, 4. Auf!.), eine bedenkliche Bloßstellung gewisser Geschichtsforscher, die sich nicht schämen, das haltloseste Zeug weiter- zugeben. Daß Duhr seinem Buche zugleich den; Untertitel geben konnte „Ein Beitrag zur Kultur- • geschichte", redet Bände und bedeutet ein ebensolches Armutszeugnis für diese moderne „Wissenschaft", als für uns heute die Lektüre der einstigen Hexen­schriften, auS denen wir ersehen können, vor was sür Gespenster unsere Vorfahren sich gefürchtet ha­ben. Wir zweifeln gar nicht, daß spätere Kulturge­schichtsschreiber des deutschen Volkes einst neben dem Hexenwahit des 16. und 17. Jahrhunderts auch den deutschen Jesuitenwahn registrieren werden.

Wie aber soll dem abgeholfen werden, ivie sollte es möglich werden, diese geistige Epidemie, diesen modernen Aberglauben zu überwinden? Nun wie ander? al? eben vurch Aufhebung eines Gesetzes, das cs der deutschen Wissenschaft wie dem deutschen Spießbürger unmöglich macht, die Jesuiten k e nn e n zu lernen. Man betont doch heute so sehr den Anschauungsunterricht! Man tut soviel Volks­bildung: man läßt ans fremden Ländern Karawanen fremder Völker kommen: Beduinen, Indier, Eski­mos, Indianer. Hogenbeck gibt sich redliche Müh:, um dem Volke zu zeigen, daß diese „Wilden" keine so bösen Menschen sind als ivie die Volksphantasie sie sich ausmalt

Und nun erleben wir das betrübende Schauspiel: das deutsche Volt in einer heillosen Angst vor den — Jesuiten, und es bat solche noch n i ch t e i nm a l zusehen Gelegenheit. Alle Politiker, alle Staats­männer, alle Regierungen müssen es sich schleunigst angelegen sein lassen, das deutsche Volk von dieser Ang st zu befreien und den Alp von ihm zu nehmen, der auf ihm lastet. Statt deffen nährt man noch diesen Wahn durch Aufrechterhaltung eines Gesetzes, das nur als Angstprodukt begreiflich ist. Oder sollen wir annehmen, daß dieses Schand­gesetz deshalb von oewiffen Leuten verteidigt wird, i damit das deutsche Volk nicht durch eigne Beobach- | tting der Jesuiten merken soll, wie es von Jetten : Hetzern angelogen worden ist! Auch nicht unmöglich! \ Also Deutscher Michel, wach auf und — schäme dich deiner Angst und deiner unwiffenschaftlichen Rückständigkeit'

Ausland.

** Scktv'ächltchc Rasiqikdigkeit gegen englische Stimm- rcchtterinnen. G!a y Evans, die trgche Suffragette, D c unlängst das 2:> ratet in Dublin in Brand zu stecken ver'uckit bat und gleich ihrer Mitschuldigen Nir?. Leigh dalür zu fünf Ja ren Znchlhaus ver­urteilt rooioen t-t, wuroe, nachdem Nirs. Leigh be­kanntlich tchoa vor vierzehn Tagen tnfolae eine« von thr inszenierten Hungerstrnks m FretHeit gcsttz worden war, aus bemielben Grunde ebcniallS frei« gelo ' ken.

* Tie spanischen Katholiken und die RegirrmtgS- politii. T er Bischof von Bareelona, Msgr. La- arard:. t> Fenollera, der jüngst in Rom weilte, hat einem Mitarbeiter des „Corriere d' Italia" Mittei­lung über die gegenwärtige Lage der spanischen Ka­tholiken gemacht. Die von Canalejas vorbereitete

Gesetzesvorlage, die demnächst in der spanischen Äautmer zur Debatte gestellt wird, dürste Spanien auf denselben Weg der religiösen Verfolgung brin­gen, wie er bereits in Frankreich zur Ausführung gebracht wurde. Angesichts so großer und schwerer drohenden Anzeichen ist es traurig, daß die spanischen Katholiken sich gar nicht besonders um die sie be- drohenlv Gefahr zu kümmern scheinen, sei es, daß sie Canalejas nicht ernst nehmen, oder daß sie glau­ben, er werde zuviel Rücksicht aus die öffentliche Mei­nung nehmen, nm einen Schlag zu wagen, der die große Mehrheft des Landes tief erschüttern würde, sei es, daß manche noch auf die Parlamentarische Debatte vertrauen und der Hoffnung sind, Canale­jas werde bei Abstimmung über die Vorlage stol­pern. Der ganze spanische Epistopat, mit dem Kar­dinalprimas und den anderen Purpurträgern an der Spitze, hat öffentlich in verschiedenen Schreiben Einspruch erhoben. Von der katholischen Presse sind diese Briefe veröffentlicht und mit lebhaften Worten besprochen worden, — aber weiter ist nichts Positives auf katholischem Gebiete geleistet worden, kräftige Aktion und Organisation gegen­über der unheilvollen Vorlage bleibt aus, nicht em» mal ist der Anfang eines Protesffeldzuges zu er­warten, der die Stimmung der Abgeordneten beein» fluflen könnte. Merkwürdigerweise sind verschiedene hochgestellte Katholiken und Politiker voll von Op­timismus. Sie sind der Ansicht, der Ministerpräsi­dent hege durchaus nicht die Absicht, das die Genos­senschaften betreffende Gesetz durchzubringen, da er seinen baldigen Fall voraussähe; wenn er abtreten müsse, werde ihm die Gesetzesvorlage als Vorwand dienen, mit der Fahne des Antftlerikalismus in der Hand gefallen zu fein.

Ein republikanisches Blatt gegen die portugiesische Republik. Das m Liffadon erscheinende Blatt,No« vidades- stellt fest, daß die aufrichtigen Republikaner des Landes über das ßertbilö ganz entsetzt sind, das sich ihnen jetzt entgegenstellt. Es sei keine Hoffnung, daß es bester werde. Die Republik habe sitz statt Freunde nurFeinde geschaffen. Tie Tätigkeit der Regierung fei demagogisch, st« bestehe im Verfolgen und Ve>urteilen. Der jctzt eingeschlagene Weg wüste zum Verlust der Unad- hängiglett Portugals führen.

Aus dem Nachdargebieie.

* Hanau, 4. Ott. 1912. Der Diamantschleifer-i lehrling Epieimann aus Steinau warf sich gestern! in selbstmörderischer Absicht unter einen an­fahrenden Güterzug der Strecke Bebra - Frantsurt. Von diesem wurde ihm der Kopf und der rechteI Arm abgefahren. Spielman« soll sich eine geringe Verfehlung zum Nachteil seines LogisgeberS zu schulden haben kommen lassen und deshalb die Tat auSgeführt haben. — Wechseltälschungen in Höhe von lOOOCO Mark hat der Sohn des in Äon«; k»rs geratenen Bauunternehmers Hack begangen.' Er ist fett rhrnen Tagen ans Hanau veri-tzwunDen.

* Hann.-Münden, 5. Okt. 1912. Em ganzes Warenlager wurde kürzlich bei den verhafteten Einbrechern Ries und Vollmann hier beschlag­nahmt. Tie Diebe hatten weite Raubzüge bis nach Göttingen, Kaffel und Eschwege unternommen.

* Kaffel, 5. Okt. 1912. Ein in der Mitte der 30er Jahre stehender Hoboist einer hiesigen Mili­tärkapelle hat als Externer an der Realschule zu Bad Wildungen die Prüfung zur Erlangung des Berechtigungsscheines zum einjährigenDrenst bestanden. Der bejahrte Prüfling braucht das Zeug­nis allerdings nicht zum Militärdienst, sondern zur Erlangung einer besseren Zivilstellung. — Dem Landgerichtsrat FondH wurde der Charakter als Geheimer Justizrat verliehen.

* Eschwege, 4. Okt. 1912. An die hiesige Spe­zialkommission versetzt sind mit dem 1. Okt. Spezial-Kommissions-Sekretär Wüst von Greifs­wald, Landmesser Müller von Hersfeld und Land- meffer S t o ck st r o m von Wiesbaden.

* Aus Thüringen, 5. Okt. 1912. Die Stadtver­ordneten in Koburg genehmigten gestern eine A n- leihe von 950 000 Mk. zu weiterem Ausbau bet städtischen Kanalisation und beschlossen den Anschluß

[e zu ickö-

— O, wenn ich nachts nicht schlafen kann, dann brüte ich ganz gern übet schwärmerische Zukunfts­ideale. Aber tagsüber muß man mit der rauhen Wirklichkeit rechnen. Die Einzelmenschen gehen heut­zutage zum lÄericht, wenn sie in Streit geraten, und

Staaten sind rauflustiger. Die gleichen euch, ihr hoffnungsvollen Enkelkinder, die ihr auf den Straßen und Spielplätzen euch so ost in die Harre geratet. Meinetwegen könnt ihr auch diese unbeleckten Völker­schaften mit den biederen bayerischen Bauern ver- gleieken, die ihr Kirmeßvergnüqen unbedingt mit einer Rauferei krönen müssen. Sie wollen sich aus- toben in einer Kraftprobe. Es gibt Menschen, denen der Frieden furchtbar langweilig vorkommt und die lieber im Kampfe ihr Blut vermeßen, als ihren Schweiß bei der regelmäßigen Arbeit. — In meiner Kinderzeit war das Aderschlagen noch im Schwange. Jeder wohlgesetzte Mann ließ sich alljährlich der Ge­sundheit halber eine ordentliche Portion Blut ab- 'apfen: er glaubte, daß er dann bessere? Blut wie- derbekomme und der ganze Körper aufgefrischt werde. Jent wollen die Heilkün stier vom Aderlässen nichts mehr wiffen. Aber im Völkerleben, da gibt e? noch Nationen und Staaten, die zeitweilig ohne Aderlaß nicht auskommen können. Ter Knet ist eine P''-d kur, aber wer sie aushält, dem hilft sie manchmal tounberbar. Da haben sich z. B. in Südafrika die dickköpfigen Buren und die langfingrigen Engländer arftnmig herumgeschlagen und Berge von Toten und Verwundeten ausgehäuft. Und jetzt fühlen sich die Buren, nachdent sie besiegt und annektiert sind, in dem bereinigten Staatswesen ganz wohsi führen zeit­weilig sogar die Herrfchaft im neuen Hanse. Wenn man vorher so klug aewesen wär:, wie man jetzt ist, so hätte man den ganzen Krieg mit all seinem Jammer und Elend sich ersparen können. Doch manchmal wollen die Menschen nur durch Schaden klug werden. Der Krieg entinringt aus Untier» nunft, aber er führt oft zur Vernunft.

„Ach, Großvater, du wirst Wohl den Robelschen Friedenspreis niemals bekommen. Du schwärmst ja gar nicht für Friedenskongresse und Schiedsge­richte."

Unpolitische Zeitläuse.

N. Berlin, 3. Oktober 1912.

-Nachdruck verboten.)

„Krieg, Großvater, es gibt Krieg."

— Meinetwegen!

„Ja, es steht im Extrablatt. All die Staaten da am Balkan lich weiß nicht, wie sie alle heißen) die machen alle mobil. Nu» nmß eS doch losgehrn."

— Kann snn, kann auch nicht sein.

„216er, Großvater, du bleibst ja so kalt, als wenn sie dich in Argentinien hätten einfrieren lassen. WaS soll denn nun werden, wenn ei Krieg gibt?"

— Immer mit die Rübe, sagt der Berliner. Ich habe schon drei Kriege miterlebt, bei denen wir selb:r beteiligt waren, und wie oft inzwischen die anderen Völker sich gegenseitig verprügelt haben, oas kann ich gar nicht mehr zählen. Irgendwo auf erben gibts immer eine Rauferei. Wenn man da jedesmal aus der Haut fahren wollte, so müßte man zeitlebens den Geschundenen spielen. Die Angst tft oft schlimmer, als das liebel selbst. Aus Angst vor dem Tode haben sich schon Menschen aufgehängt, Leute, so tmklug, wie mein seliger Vetter, der seine Uhren und Spiegel auf die Straße warf, als eS im -cachbarhause qualmte.

„Ja, Großvater, die Zeftungen sagen doch, die fiege nicht mehr so „hinten weit", wie zu üeac ’w'V?' pudern im Zeitalter des Verkehrs itmhrnf.L ,t£an bor unseren Toren, und im Hand- »“M -i°

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Staat- desto fester bezahle« lieber die Advokaten, statt Selbstbilf. sitzen ferne S bei in de Scheide. Die kleiner« | riskieren. Die Völker jedoch sieben trotz aller

nen Redensarten noch auf dem Standpunkt des Faustrechts. Jeder nimmt, was er kriegen kann, und läßt nur das stehen, was ein Stärkerer bewacht. Gewalt geht noch immer vor Recht. Ja, die Ge­walt ist sogar die Mutter des sog. Völkerrechts.

„Aber das ist doch traurig."

Freilich, es gibt viel trauriges in diesem Jam­mertale. Neuerdings will man die Kinder ohne Nute erziehen; ich bin noch mit der Nute erzogen worden, die hat mir sür den Augenblick weh getan, aber schließlich sehr gut getan. In unserer Volks­schule ließ der Lehrer die Ruten, die er brauchte, von uns Jungen selber holen. Der Krieg ist auch eine solche Zuchtrute. In der Schule profifierten wir schon davon, daß die Nachbarn Prügel bekamen. So wirft auch der Shicg für unser Volk schon er­zieherisch, wenn er auch jenseits unserer Grenzen bleibt. t

„Wieso denn?' Der Krieg ist doch das schlimmste Schadenfeuer, das man sich denken kann."

Nun, ein sog. Schadenfeuer wirft auch nebenbei manchmal als Nutzfeuer Da wird mit lästigem Un­geziefer und gefährlichen Bazillen aufgeräumt; da verschwinden dumpfe Häuser und. ungesunde Wohn- nester; neues Leben blüht aus deu Ruinen. Ferner geben die Brände den Antrieb zur Verbesserung der Feuerwehr; die Ueberlebenden genießen größere Si- cherheit. Tie Feuerwehr kostet Geld, die Rüstungen kosten erst recht Geld; die herbe Erfahrung lehrt uns aber, daß auch die kostspieligsten Sicherhefts­maßregeln immer noch billiger sind, als die Brand­oder Kriegsunkosten selbst. Damit komme ich nun auf die Hauptfache. Wir find seit 40 Jahren ver­wöhnt worden Wir wissen das hohe Gut des Friedens nicht mehr recht zu schätzen. Wir verlegen uns mit linglanblicher Hitze und Hartnäckigkeit auf häuslichen Zank und Streit wegen allerhand Ein­zelheiten, die schließlich doch nur Maulwurfshügel sind, wenn man sie mit dem Unglücksberg eines Krieges vergleicht. Ein: Unzahl von Hetzern redet uns tagtäglich vor. daß die Zustande ganz miserabel und unerträglich seien, daß nur der Umsturz der ganzen Ordnung der geplanten Menschheit helfen könne. Jetzt haben wir die Teuerung, die viele Schultern schwer druckt und durch die Ketzereien noch

empfindlicher gemacht wird. Aber wenn wir nun in eilten Krieg verwickelt würden, wo biteben dann die Klagen über die gegenwärtige Teuerung? Dann kämen wir aus dem mäßigen Landregen in einen Wolkenbruch. Tann gäbe es erst eine richtige Not. Tann wurden nicht bloß die Preise steigen, sondern für den größten Teil des Volkes würden auch die Einnahmen sinken. Das gäbe eine Heim­suchung, die ringsumher den Seufzer hervorpressen würde: Ach, wie wären wir froh, wenn wir nur die vielbeschrien: „schlechte Zeit" vor dem Kriegsaus­brüche wieder hätten! Ach. wie leicht sind doch dir Lasten des Friedens im Vergleich mit den Kriegs­lasten! Und wenn der Friede noch so bewaffnet und noch so „teuer" ist, gebt unS nur den Frieden wieder mit feiner regelmäßigen Erwerbstätigkeit! Den Brot­korb des Friedens lernt die verblendete Masse erst richtig würdigen, wenn et zeitweilig hochgezogen wird. Hoffentlich bleibt diese Zuchtrute unserem eigenen Rücken erspart; wer offene Augen und Ohren hat, kann ja aus den bitteren Erfahrungen der anderen Völker schon entnehmen, welch ein furchtbares Uebel der Krieg und welch ein unschätz­bares Gut der Friede ist. Darum sollen wir nicht jammern und schelten wegen der Opfer, die wir zu­gunsten des Friedens bringen müssen. Sie lohne« sich, wenn sie uns auch für de« Augenblick schwer ankommen.

,^Ja, lieber Großvater, du magst wohl recht ha­ben, aber dir Fleischpreise interessieren uns eigentlich noch mehr, als die Krirgsnachrichteu von da hin­ten. Glaubst du, daß das Fleisch letzt halb billiger wird?"

— Leider nein. Ich fürchte sogar, daß die KriegS- wirren den Rückgang der Preise verzögern kön­nen. Dagegen läfjt sich nichts machen. Ich glaube auch nicht, daß das argentinische Frostst:isch unseren Kochtöpfen aufhelfen kann. Wir müssen uns durch diese Heimsuchung durchwmden, jo gut es geht, und können uns nun trösten mit der Erwägung, daß an­dere Völker noch viel schlimmere Zeile« durchznmachen haben. Die Erde ist voll Uebel, und wer von den liebeln das kleinere zu ertrage« hat, der muß immer noch dankbar fei« für bie miädiae Strafe. /