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Rotfltion $br«8

«. Verlag »er fntbatf Helienbrutlerei iZuldff Zernsprecher Br. »

Fulda, Samstag den 5. Oktober 1912.

Erstes ®Urtt

M 229.

39. Jahrgang.

= Die Balkauwirre«.

Taz bevoistehende Ende deS ilalirnisch'liirkischtn Krieges.

Dee Friedensschlug zwischen Italien und der Türicr rst noch nicht fix und fertig; auch der Vor friede, der den Waffenstillstand einschlicßen würde, ist noch nicht unlerzeichuet. Ein Blatt will sogar erjahren Haden, daß die Türkei bei ihrer all­gemeinen Zustimmung zu dem letzten italienischen Vorschläge einen Vorbehalt gemach: habe, über den noch verhandelt werde. Aber die Interessen beider Mächte drängen so gewaltig auf die Ausnutzung des gegenwärtigen Augenblickes zum Ausgleich hin, daß man wohl einen regelrechten Waffenstillstand für die nächsten Tage erwarten darf.

Wenn die Türkei vor italienischen Angriffen gesichert ist, so kann sie ihre ganze Kraft, auch die bisher gebundenen Kriegsschiffe und Trans­portschiffe, zum Krieg gegen die Balkanstaaten verwenden. . _ , ,

Für die vier angriffslustigen Staaten ergibt sich aus der Beendigung des italienischen Krieges eine beträchtliche Erschwerung, sowohl für die mili- täriiche'Kraftprobe als auch für dir diploma­tischen Erpressungsoeriuche. Dieser Zwischenfall müßte also den Balkan-Vierbund zur Besonnenheit und Mäßigung veranlassen, — wenn dort über» haup! noch die Verminst regierte! Auf die Türker muß die Erlösung von den italienischen Flanken­angriffen ermuliaend wirken. Wenn nur nicht das Sclbstbewußlfein der Osmanen gar zu stark gesteigert wird! Am Ende tonnte sich in Konstantinopel die Ansicht durchsetzen, daß jetzt der günstige Zeitpunkt fei, um den lästigen Nachbarn zu zeigen, daß die Türker noch immer der stärkere Teil ist.

Nachdem die Leidenschaften so stark entflammt sind uns die Staaten ihr Gela und ihre Ehre in der Mobilmachung auffs Spiel gesetzt haben, liegt die Entscheidung bei den Großmächten. Und gerade in biejei' Hinsicht erscheint der Friedensschluß zwischen Italien und der Türker vorteilhast. Durch ihn ist auch Italien vollständig der Versuchung enthoben, die Baltanwirren zunr Schaden der Türkei auszu-

interessen bedrohten und seine politischen Traditionen mit einem Stück beiseite schöben.

W Paris, 4. Okt. 1912. In der heutigen Mmr. sterratssitzung machte Poincarö Mitteilung von den Unterhaltungen, die er mit dem Minister Sasso, n o tv über die Bedingungen gepflogen habe, unter denen Frankreich in voller Ueberernstimmung mit Rußland und den übrigen Großmächten in dem Versuche fortfährt, denKriegzuverhin- dein, den Kampf, falls er doch ausbrechen sollte, auf den Balkan zu beschränken und auf jeden Fall den gegenwärtigen Bestand aufrechtzuerhalten.

W $Bien, 4. Okt. 1912. An zuständiger Stelle wird auf Anfrage bestätigt, daß Oesterreich. Ungarn bereit sei, mit Rußland als der ihm am Balkan zunächst interessierten Macht gemeinsam alles aufzubieten, um den Frieden auf dem Balkan zu erhalten.

Die Mobilmachungen.

** ^Konstantinopel, 4. Okt. 1912. Die Türkei verbleibt bei der Weigerung, di: s e r b i s ch e M un i» tiou und die griechischen Schiffe sreizu- geben. Die türkische Kriegsbereitschaft wird nicht schnell erreicht werden, da selbst nach dem Frie­densschluß mit Italien, der heute oder morgen er« wartet wird, für den Transport der asiatischen Trup­pen der Seeweg nicht frei ist. Solange nicht die griechische Flotte niedergekämpft ist, verbleibt nur die Bahn nach Haidar Pascha und von Ende Okwber an die neue Linie Soma-Panderma. Ter Aufmarsch des gesammelten Heeres wird nicht unter sechs Wochen währen. Ter erste Transport anato- lischer Landwehr trifft hier nach zwei Tagen ein. Am Mittwoch lief ein türkisches Kriegsschiff in das SchwarzeMeer aus. Rian nimmt an, daß bei freund, licher Haltung Rußlands asiatische Truppenteile der dritten Armeeinspektion Burgas und Warna angrei- feit, landen und die Städte besetzen würden.

* Konstantinopel, 4. Okt. 1912. Aus dem Platze Sultan Achmed im inneren Moscheehos fanden gc» steru zwei große Volksversammlungen statt. Von allen Seiten kamen Zuge mit Fahnen und orientali­scher Musik Das Volk verlangt» ungestüm die

nutzen; vielmehr kann Italien, wenn es iu Asrika bekommt, was es haben wolle, in Europa em warmer Freund und Heiser der Türkei werden. Italien wird vorläufig seine albanischen Gelüste zurücknellen uno sich rückoaltlos Inn Bestrebungen auf die Erhaltung des gegenwärtigen Bestandes und des Friese»« anschließen; darin wird es bestärkt einerseits durch sein einheimijct>es Erholungsbedürfnis, anderer­seits durch den hohen Wert der wirtschaftlichen Betäti­gung der zahllosen Italiener im türkischen Orient. Durch den Friedensfchluß rückt Italien zweifellos an d e Seite der österreichischen Politik und verdirbt den rn sijihen und englischen Quertreibern gerotffe Spekulationen.

Unter den obivalienben Umständen ist es wohl möglich, daß Ruplaud sich zu einer Verständigung mü Oesterreich berbeilÖBt. Ob diese Verständigung aus der natürlichen Grundlage, daß Oesterreich aus Eroberungen im Sandschak und Rußland auf Er­zwingung der Dardanellendurchfahrt verzichtet, f on fertig ist, muß sich freilich erst zeigen. Ter fran­zösische Ministerpräsident soll sich um die Ver- mutr itng das Hauptverdienft e.worben haben. Ein Ü-ereittiges deutsches Blatt meint, eigentlich hätte Herr v. Bethmaiin-Hollweg sich diese führende Rolle nicht nehmen lassen dürfen. Vermutlich uir6 unser Reichstanzter wohl die E^renirage beiseite gestellt nnd sich einfach gesagt haben, daß die R-gterung des verbündeten und geldgebenden Frankreich am besten geeignet fei, aus dre rm fische Kriegspartei mäßigens und bändigend einzmotrken. Man darf Nicht ve geffen, daß Frankreich auch während der bosnischen Ärrsi; die Äriegättetbeieien Oswolskts zum Scheuern gevracht hat.

Wer b;e Verständigung anbahnt, ist schließlich Neben.ache, wenn sie nur zustande kommt. Sollte sie dann den »Ausbruch des Krieges nicht mehr hindern können, so darf man doch wenigstens hoffen, daß die Lotalisierung gelingt und nicht an die Battanlä npse sich em europäischer Krieg lnüpst.

Die heutige Lage.

Die ruhigere Stimmung hält an. Bisher hat die Bakkandiplomotie chre Forderungen in Konstan­tinopel noch nicht überreicht. Heule tritt die bul­garische Sobranje zusammen, und es ist anzu­nehmen, daß die Regierung nichts unternehmen wird, ohne sich bei der Volksvertretung eines Rück­halts versichert zu haben. Nach einer Wiener Mel­dung soll die Ueberreichung der gemeinsamen den Charakter eines Ultimatums tragenden Note der vier Balkanstaaten an die Pforte nach Schließung der auf fünf Tage berechneten Session der Sobranje erfolgen. Somit wäre der früheste Termin, au dem die Forderungen des Biermächtebundes der Pforte übermittelt weiden könnten, der nächste Freitag. Nach der Lage der Dinge möchten wir daran zwei­feln, daß gleich die erste Mitteilung der Balkan- staaten in der Form eines Ultimatums gehalten fein wird. Man muß also die Entwicklung der Dinge abwarten. Die Mobilmachung der Balkan­staaten schreitet nicht ganz gleichmäßig fort. Bul­garien wird vielleicht schon am Sonntag fertig fein; die andern sind zum Teil noch im Rückstand, daß ein Zeitraum von 10 bis 12 Tagen dazu gehört, bis sie fertig sind.

Die Verständigung Rußlands «ud Oesterreichs über ihre Balkanpolitik soll auf dem besten Wege fein.

* Wien, 4. Okt. 1912. Pariser Meldungen von einer durch Poincars betriebenen Verständi­gung Rußlands mit Oesterreich-Un­garn über eine gemeinsame Balkanaktion fütbet warmen Anklang bei der Presse. Tie „Reichspost" ist noch zurückhaltend. Sie sagt, Oesterreich-Ungarn wolle aufrichtig an der Eindämmung des ausbre­chenden Balkanbrandes mitarbeiten, aber man dürfe nicht mit- Forderungen kommen, die feine Lebens­

Kriegserklärung. Die ^eferben von Stambul rücken unter frenetischem Beifall des Publikums durch die Stadt. Alle Redner ohne Ausnahme forderten die Abrechnung mit den slawischen Staaten. Die alba- nesischen Redner sicherten die treu» Hilfe des alba- nesischm Volkes zu.

* Konstantinopel, 4. Okt. 1912. Wie aus Uesküb berichtet wird, haben sich alle Albanesen vom 15. bis zum 75. Jahr feierlich zur B e r t e ib i • gung des türkischen Reiches verpflichtet. Unter der aibanesischen Bevölkerung herrscht außerordent­liche Kri'.gsbegeisterung. — Aus Anatolien haben sich 5000 Zirkassier mit Pferden feierlich zur Teil­nahme am Krieg gemeldet.

* Belgrad, 4. Oft 1912. lieber blutige Kämpfe zwischen" serbischen und türkischen Truppen an der serbisch-türkischen Grenze warm alarmierende Nach­richten verbreitet worden. Sie entbehren, wie das Wiener Korr.-Bureau meldet, jeder Grund­lage.

* Odessa, 4. Okt. 1912. Fünf russische Flieger aus Sedastopol haben Bulgarien ihre Dienste angeboten.

Samos.

* Athen, 4. Okt. 1912. Alle türkischen Truppen verlassen demnächst Samos. Die Turku hat sich hierzu gegenüber den Schutzmächten verpflichtet, denen vo' wenigen Tagen Griechenland seine Ab­sicht kundtat, nach Samos griechische Kriegsschiffe zur Unterstützung d-r samiotifchen Forderungen auf Selbständigkeit zu entsenden. In Samos güt es als sicher, daß die Besetzung durch die Schutzmächte vor- läufig fortbestehm wird.

A Die Folgen der Kriegsgefahr. Da D en i s ch- land große Interessen am Balkan hat, hat es na­türlich ein bet-ächtliches Interesse an den Vorgängen „da drunten weit in der Türkei". Es macht sich bei der gegenwärtigen politischen Spannung bereits eine I Stockung der Handelsbeziehungen mit den Balkan- j floaten bemerkbar. Falls der gefürchtete Krieg aus­bricht, wird die Sache gefährlicher, denn das Web- stoffgewerbe und das Metall- und Maschinengewe-be hat in den Balkanländern großm Absatz. Tie deutsche Ausfuhr von Kohle, Koks, Roheis:n und Stahl nach den Balkanländern würde gleichfalls, falls nicht ganz aushören, so doch crupfindlich eingeschränkt werden.

Deutscher Reich.

* * Berlin, 4. Olt. 1912. Der russische Minister des Aeußern Sasionow verläßt Samstag nai- mutaq Paris, um über Berlin nrch Petersburg zurückzrkehrcn. In Berlm wird er eine Unter- redung nut den fügenden Politckern über die Quent frcm- ‘"‘•‘•n.

(♦) Die preußischen Bischöse gegen das Jesuiten- gesetz. Wie die liberale „Köln. Ztg.", anscheinend aus Bundesratskreisen, Mitteilen kann ist die Denkschrift der preußischen Bischöfe von sämt- lichen Btschöfeu, außer von den baverischen, unter- zeichnet, die schon selbst eine Eingabe gemacht hat- ten. Tie Denkschrift weist unter Bezugnabme auf die Denkschriften von 1872 und 1890 alle Vorwürfe gegen den Jesuiteno-den zurück. Seine Statuten blieben ganz im Rahmen der kirchlichen Lehre. Das Jesuitengefetz bedeute eine Rechtsverletzung. Die Jesuiten seien nicht Störer deS konfessionellen Frie- dens, sondern Verteidiger der eigenen Konfession, wozu sie berechtigt seien im Hinblick aus die Organi. sation, die die Evangelisierung der Katholiken zur Aufgabe hätten. Tie fogenannte öffentliche Mei- nung dü"fl, da sie künstlich erzeugt werde, nicht bei dem Urteil über die wohlerworbenen Rechte des Ordens herangezogen werden. Missionen seien nicht die Tätigkeit von Orden; sie seien auch nicht den Jesuiten eigentümlich. Zum Schluß spricht die Denk- schrift di« Luvrrstchtliche Erwartung aus, daß öerJ

Bundesrat der Aufhebung des Gesetzes zustim­men wird.

)( Die Nmbesttzuug des Kölner Stuhles wacht den liberalen Blätter» viel Kopszerl rechen. So wird eine Meldung der .Lothringer Volksstimme', die den Abt von Maria-Laach, Frhru. v. St Otzingen, als aussichtsreichen Kandi aten für den erzbischöf­lichen Stuhl nannte, lebhaft erörtert Das ,Bcrl. Tageblatt' glaubt, wenn sich die Nachricht bestätigen sollte, in dieser Berufung eine persönliche Willens­äußerung des Kaisers erblicken zu müssen. Nalür- hd) kann das besorgte Blatt auch nicht umhin, seine Bedenken zu äußern, und das tut es in folgenden Zeilen;

Ob es sich dabei um eine glückliche Wahl handelt, das steht freilich noch sehr dahin. Der Adt Fidelis ist natürlich nicht besonders tn politischen und kirchlichen Streitsragen bervorgetreten. Man w.rd auch $ugeben, daß die Benediktiner, die in Maria-Laach ihre Nieder­lassung haben, vor anderen katholischen Orden marches voraus haben. Allerdings, roe -n man den Baum an lernen Früchten zu erkennen sucht, wird man nicht ge­rade behaupten wollen, daß Me »Stimmen von Maria- Laach' sich tn der ganzen Methode erheblich von der üblichen ultramontanen Tendenz entfernen.

Diese von Kenntnis der katholischen Literatur nicht getrübten Sätze stammen wahrscheinlich auch wieder aus dcr be—rühmten Feder des latholisch- theologischen Mitarbeiters les Bialtes. Tie .Stim­men von Maria-Laach' werden bekanntlich nicht von Benediktinern, sondern von den Jesuiten heraus- gegtbeu. Im übrigen wäre es sehr interessant, zu erfahren, was nach Ansicht des ,Berl. Tageblattes' .die Benediktiner vor anderen katholischen Olden voraus haben".

+ Tas Zentrum als Werkzmz des Balikaus. In der Halbmonatsschrift .Janus' nimmt ein Un­bekannter, .Spcclator alter" zeichnender Verfasser, das Wort, um den Nachweis zu führen, daß man im Vatikan drauf und dran ist, das Zentrum zu einem reinen Werkzeug Roms umzugestalten. Diese naiürlich wie immer .eine außerordentliche Vertrautheit" mit den Verhältnissen bekundenden Ausführungen haben der ,Posi' (Nr. 467) so gut gefallen, daß sie, ohne die Richtigkeit der Schauer» mär auch nur leise in Zw tfel zu ziehen, diejelben un Auszug roiebergibt. Ta lieft man beim,

daß /.die deutsche Zentrumspartei direkt unter die Bilchöse gestellt werben wird, ge­radeso, wie der Volksverein unter die Leitung oerOits» Pfarrer geriet'' und „die christlichen Gewerkschaften werden genau so rote zuvor die Gesellenvereine Sol» pmas, den katholischen Priestern zur Leitung anvertraut werden".

Nachdem bev Spsctator alter so dekretiert Hai, wird wohl niemynb mein wagen, anders als vom .koii'effionellen" Zentrum una der „ultramontanen" Parier zu sprechen. Wer aber in die tiefgründige Sachkenntnis Les Sprctators noch Zweifel fetzen sollte, der wirb unbedingt eines Besseren bellhrt, wenn er von diesem Tausenbsassa die Worte liest: „Jede Selbsiändigkeii und Selbstverw.rltung deS L-rienillms widerspricht der kirchlichen Bersasiungs- grundtage — auch in politischen Dingen. Die Kirche ienut nur Hirten und Cchase."

Der Sprctator aller gehört gewiß zu letzteren.

♦ Zur Eijchikßitiig eines Reiters in Dculjch-Süd» wPasitka. Zu den letztgemeldeten Vorgängen tn Te-itsch-Südwestafrtka sind von amtlicher Seite folgende ergänzende Nachrichten eiitgegangen:

Ende September wurde der Reiter Müller auf der Suche nach entlaufenen Pferden in den Dünen östlich von Hunerob erschossen. Gewehr und Patronen waren abgenommen. Das Pf ei d Müllers war jedoch nicht mitgenommen, sondern an einen Baum gebunden worden. In der Nähe lag em ftilch aeichoifener Strauß. Der Vorfall ist bis jetzt noch miau geklärt. Nach den Spuren tommen indessen Soppeileme nicht in Betracht. Aus Grund der Aussagen von un Anfang September ge» fanoenen Hotientoite", daß wahrscheinlich noch mehrere (Smgeborene zur Jagd über untere Grenze gezogen sind, wurde ferner das in Betracht kommenoe Gelände durch ’batrouiUen und ein« Kompagnre Goschas abaestreift. Dabei winden in den Unten Tagen in der Nähe der Grenze ältere und neuere Hoitenfoitenipuren seNgestellt. Doch liegt nach Ansicht des Gouvernements irgend «in Grund »nr SH nnTirhi-mnq nicht vor.

• „Parität" in Preußen. Am 2. April 1902 ga du katholisch e, geschiedene Frau Anna Nickel geb. Wunsch vor dem Landrat in Schweidnitz die protokollarische Erklärung ab, daß ihr unehelicher Sohn Ma: Wunsch die e ö a n- gelische Schule in Esdorf besuchen soll, was auch auf Grund dieser Erklärung geschah. Diese Erklä­rung wurde vom Landrat nur dem evangelischen Ortsschulinspektor, Superintendenten Eckert in Schweidnitz, zugesaudt, welch letzterer sie dem evan- aclischen Lehrer in Esdorf übergab; der katholische Örtsschulinspcktor wurde übergangen. — Am 16. September 1912 gab die evang »-4 ische Frau Bertha Gröhling geb. Hoffmann vor dem Notar die protokollarisch: Erklärung ab, daß ihre uneheliche Tochter Anna Bertha Hoffmann die katholische Schule in Ober-Weistrih besuchen soll. Diese Er­klärung wurde von demselben Landrat f ü r ungültig erklärt, „weil uneheliche Kinder bis zum beendigten 14. Jahre in dem Glaubens- bekeuntnifle der Blutt:r zu erziehen sind." — So geschehen im „Rechtsstaate" Preußen. Kommentar überflüssig.

* Saarbrücken, 4. Okt. 1912. Die 25. Hauptver- sammlung des E v a n ge l i s ch e n B u n d e s wurde gestern abend durch Glockengeläut: und Beleuchtung der Ludwigskirche eingeleitet.. Heute morgen began­nen die Verhandlungen. Der Grundgedanke soll nach dem von der Leitung ansgegebenen Prograntm fein: „Schutz der gemeinsamen Güter des Prole- ftantismus". Dieses Thema behandelten heute drei Borträge, in denen Superintendent Dr. W a e ch i- l e r aus Halle diese Gemeinsamkeit auf religiös- sittlichem Gebiet, Pfarrer Dr. W a i tz aus Darm- stabt auf kulturell-geistigem Gebiet, Professor v. Scholz aus Berlin auf national-politischem Gebiet erörterten.

* Reisst, 4. Okt. 1912. Die bnrch bie Blätter gegangene Melbuug von bet Versetzung bes Amts­richters Knittel als Landrichter nach Ne.ffe de- jtStiflt sich nicht-

Aus Kirche und Sd)ulL

-s-Pelerkberg, 5.Okt. 1912. DieLioba-OkkäH^ die bei dem schönsten Wetter eine Anzahl @ldubtge«f hierhersührte, geht mit dem morgigen Tage zu Nach einer Festpredigt um 21/« Uhr wird der Ufret der Franziskaner eine feierliche Vesper singen. 6< sich eine Schlußandacht mit Te Denm anreiht.

* Limburg, 4 Okt. 1912. Die am 19. K Rt. im Nedemptoristenkloster zu Geislingen on bet erfolgt: ernste Erkrankung des Herr« B r

# Karlsruhe, 4. Okt. 1912. Mit dem Liberalis­mus in Baden fcheint es nicht besonders gut $# stehen, denn anders ist es nicht zu verstehen, wenn ichon jetzt das Großblockabkommen für bie rm nächsten Jahre stattfindeuden Landiagswahle« emsig verbreitet wird. Tas Jnteresfauteste ist, daß bekanntlich das Blockabkommen bereits für den ersten Wahlgang Gültigkeit haben soll. Bei einet Volksversammlung in Gutach forderte der Abg. Hummel (linksliberal) auf, dahin zu wirken, daß der Großblock bereits für den ersten Wahlgang zustande komme. Auch die liberalen Blätter tuten in dieses Horn.

]:[ Stuttgart, 4. Okt. 1912. In Beantwortung einer sozialümokratijchen Interpellation über di« Fleischteuerung erklärte in der Zweiten Kammer der Minister des Innern v. P i s ch r k, die württembergische Regierting habe sich in Berlin für die Aufhebung der in § 12 des Fleischbeschau­gesetzes enthaltenen Beschränkungen der Fleischein­fuhr verwandt, trotzdem ihr das die Sozialdemokra­tie durch sinnlofe Straßenkundgebungen erschwert habe. Der Vorschlag fyabe aber bet der Reichs» regierrmg und in Preußen entschiedenen Wider­spruch gefundeu. Die württembergische Regierung wolle deswegen zunächst die Wirkung der inzw'ische«. getroffenen anderweitigen Maßnahmen abwarte«. Tie Kammer nahm schließlich einen Antrag auf Revision des § 12 des Fleischbeschaugesetzes mit 48 gegen 38 Stimmen an; sie lehnte die Aufhebung bet Futtermittelzölle mit 44 gegen 40 Stimmen ab.

Parteitag der fortschrittliche« Bo-ksparte^'

b. Mann heim, 4. Okt. 1912.

Mit «fiter Vorbesprechung und einem Begrüßung»» abend begann heut« hier der Allgemetr« Parteitag M ZorUchriUltchen Bottspariri, für den di« Tag« M pmt Mmtag einlchticßlich tu Aussicht genommen find. dem Begivßungsadend phantasiert« Stadtrat Eeifl* KarfSruh« über d e .blausa warz« Reaktwa" prophezeit« unter ftürmifchem Bestall, daß sie gewarfa» werden würde.

Außer anderen Anträge« liege« «tur Taktik da Pattei ein Antrag Sachsen vor, wonach bet Stichwadta« nur die OrganUat on des Wahlireife» die Gntscheid»ag treffe, und zwei IHtfolulione# »on Osnabrück, bte «da» falls eine Anhörung der Wahlkreis« bet Uebeiemtomeflt wollen, durch bie tu einer bestimmte« Provinz bte tämpiung der mitemanber rioalvlrrenden liberal« Richtungen ausgeschaltet werden soll; ferner fall fta die Zuluuft jedes Wahlkompromiß mit Ze«« trum und Konservative« a« «gefchlasseH lein, ausgenommen in denjenigen Wahlkreisen, wo «t> deutscher Kandidat einem Polen gtgeeSberftebL h

Nach dem Geschäftsbericht zähl» die Berte, zur Zeit 1462 Vereine, einschließlich der Ortsgruppe«, sowie fc4 Jugend», 13 Arbeiter» und 2 Frauenverew«. Außerdem gehören der Partei rund 1UUO ®inj»lmtta glieder an. Wieviel Mitglieder btt Vereine insgesamt zählen, wirb nicht gesagt. Nur 99 ReüvStagSwahtlrmI« tmbelnen noch jeglicher Organisation der Partei. A» L ndes» und Provinzialverbünde« verfügt der Far» schlitt zur Zeit über 19. In den 2V» Jahre» deS Be­stehens der Parlei sind nicht weniger al» 69 Bertils» Parteitage abgehalten worden und zwar allein 87 te den ersten •/« Jahren nach der Verschmelzung. In .^3 Bericht wird Klag« darüber gesuhrk, da» der Beschluß^ wonach bi« Emzeweretne 10® o ihrer Mitgliederbeiträz« an bie Berliner Zentrale ablieser« solle«, nur terlweÜ« berücksichtigt worden ist. Das mag wohl der Grmch sein, weswegen rm Geschästsbericht über die Kaffe«, vcrhällnrsse nichls gesagt rotib. Von der Tätigte« bei Zenttalbüros wird gerü mt, daß in, Jahre 1911 ewi •bm an Porio für Briese, Drucksachen Mrd Telegramrw» 32U0 Marl ausgegeben wurden. —" -

Rns!and.

△ Frankreich dekoriert seine vertriebenen Nonne«, Der französische Ackerbaumiuifter Pans war kürzlich in Morbihcch, wo er Reden hielt, einem Banke« präsidierte und Oröen auSteilte. Unter den Aus­gezeichneten befand sich auch eine alte Klosterfrau, die feit 50 Jahren ihre Kräfte der Pflege der arme« Kranken weiht. Gleichzeitig aber vertreibt die Re»! gierung die Zeitigen in den Privatlliniken noch tätis gen Krankenpflegerinnen.

*♦ Spanien. Dte spanischen Kammer« find zum 14. b. M. einbernfen worden; sie werben sich zunächst mit dem AuSstanb der Eisenbahws angestrllten be|chästigen. — In der letzten Woch« haben mehr als 6000 spanisch« Bauern ihre Heimat für immer verlassen und find nach Argentinien uud Brasilien ausgewändert. In der kommende» Woche werben weitere 3000 folgen.

□ Tie spanische Regierung verwahrt sich dagege», daß sie die Religtan verfolgen wolle. Der fpanrfch« Unterrichts. Rtinister Alba (nebenbei ein früheres Republikaner und — Antiklerikaler) hat gelegentlich der Eröffnung bes Unioerstläts-JahreS in Valladolid eine Rede gehalten, in bet er erklärte, die Regierung denke nicht daran, die Kruzifixe aus den Schulen z« entfernen und bte Religion zu verfolgen. Di« Rri gierung wünsch« vielmrhr bie Beruhigung bet Sei mütcr durch eine bester verstauben« Toleranz. — Oh man in Spanien ben Pferdefuß aus dieser Zoltiaiq herausschauen sieht? Auch in Frankreich bat «uut so lange die Beruhigung der Gemüter und Toleranz gepredigt, bis bie Katholiken eingeschläfert war«« und der Ausführung der freimaurerischen Anschligö keinen Widerstand mehr entgegensetzen konnten. - J