Einzelbild herunterladen
 

ewthrt tstgttch E MnuüMt Ut Ul* eMgdtttete.ötetiel« »hrlich«»<;v»'»rtir e|ge BrtMcrtobiT unö ^ßell,el»m5«!»as«>» wk<nu»6?ts 1.50 ML

Vrranttv. yedattrmr <«r« «chtttter

A.parzeLer tn Lulda.

wache-rei-ae-: „TSuKtitttt §SN»tagMitUNg"

vUUHU Bsä

IttetUisl

«. Verla, der X

MonatLbellage: „gulbaer GeschichtrbMer"

jv» 228. Erstes Blatt»

Fulda, Freitag den 4. Oktober 1912.

39. Jahrgang.

wenn

ein Krieg ausdreche.

Aus Serbien und Bulgarien.

eifrig betrieben, der Inhalt des Dorgeben» entzieht sich naturgemäß dem öffentlichen Bekanntwerd.'n, da man die Bcllkanregieruugen nicht vorher durch die Zeitungen wißen taffen kann, was sie aus dem Munde der Mächte hören fallen.

Meldungen anS der Türkei.

* Konstantinopel, 3. Okt. 1912. Die ganze Presse ist enifdjicBen für den Krieg. — Tie ,Jcni Gazeta'beutet an, die Feindseligkeiten hätten schon begonnen. Es wird ein Zusammenstoß von der serbischen Grenze gemeldet. Serbische Kavallerie soll angeblich über türkisches Gebiet den Anschluß an die Bulgaren bewerkstelligt haben. — Die Bahnhöfe sind voll Militär. Die Bosporus- dawpser befördern von Skutari eine Division nach Stambul. Tie Post» und Paffagierverbinoung mit Europa ist abgeschnitten. Die Post kann nur über Kon­stanza des ördert werden. Heute am Tuitar sGedurtsiag ist alles reich geflaggt. Die patriotische Erregung geht hoch. Zahlreiche Freiwillige melden sich. — KriegSsreundliche Demonstrationen veranstalteten die S tu d e n t en der Universität Stambul. Gegen drei­tausend zogen mit Bannern mit der Aufschrift „Für den Stieg!' vor die hohe Pforte und ertlänen, die nationale Eyre verlange die Aufnahme des Fehde« Handschuhs. Der Zug ging dann nach dem Suilaiis- palais Jildis, wo stürmisch der Krieg gefordert wurde. Bei der Rückkehr durch Pera routöc vor den Konsulaten der Balkanstaaten lärmend demonstriert.

* Konstantinopel, 3. Okt., 1912. Tie Türket richtete an die Mächte ein Rundschreiben, worin sie gegen dte Nntetdeuckungeu protestiert, die mau sich in Bulgarien gegen die Mohammedaner zu Schulden kommen taste. Gleichzeitig erklärte sie, daß die Verantwortung die BaUanftaaten treffen wurde.

= Kriegsgefahr und Friedens­bemühungen.

Die Anstrengungen der Mächte, die zum Krieg entsci lostenen Balkanregierungen nir Vernunft zu bringen, scheinen für den Augenblick wenigstens in» soweit erfolgreich ,u fein, als eine weitere Ver­schlimmerung der Lage bis jetzt nicht ««getreten ist- Gleichwohl werden auf beiden Seiten die Kriegs« Vorbereitungen eitrig fortgesetzt. Wesen'licke neue Tatsachen sind nicht hervoraetreten. Die Meldungen von einem Ultimatum der Balkanregiernngen finden nach wie vor keine Bestätigung. Unwahrscheinlich ist es nicht, daß die an der Mobilmachung beteiligten Staaten noch vor Ablauf dieser L ocke Forderungen wegen Mazedonien an die Pforte richten, es erscheint aber noch nickt sicher, ob die an die Pkorie zu richtende Mittelung die Merkmale eines Ultima« Iums tragen wir». Die Kriegsgefahr besteht fort. Eme Attwu der Machte für den Frieden wird

X Was wie­

der Reichstag beschließen?

Nur eines von den Hilfsmitteln gegen die Fleischteuerung unterliegt der Entscheidung des Reichstags, nämlich die Zoller Mäßigung oder genauer gesagt: die Rückerstattung eines Teiles des Zolles an die einführenden Gemeinden.

Die „Konservative Korrespondenz" erklärt nun heute, sie glaube nicht, datz sich ein Reichstag fin­den iverde, der seine Zustimnlung dazu gebe. Sie begründete diese Ansicht damit, daß jeder Versuch, außer der Zeit Aenderungen an dem Zolltarif vor­zunehmen, eine schwere Gefahr für die Stetigkeit unseres Wirtschaftslebens bilde.

Auch wir sind der Meinung, datz die Stetigkeit unseres Wirtschaftslebens gewahrt werden muß. Nicht so einfach und klar liegt aber die Frage, ob die von der Regierung vorgeschlagenen Maßregel für dies: Stetigkeit wirklich eine ernste Gefahr bilde-

Anfang der neunziger Jahre, als die Roggen- teuerung über Deutschland hereinbrach, haben sowohl die Regierungen als auch die konservafivs Partei (bis auf einige Unvorsichtige) und das Zen­trum sich der lebhaft geforderten Aufhebung oder Ermäßigung des GetreidezolleS widersetzt. Man sagte sich, daß ein Eingriff dieser Not große Nachteile und Gefahren hercnisbcschwören, aber der Gesamt­heit wenig oder gar keinen Nutzen bringen würde. Man wollte die Stellung Deutschlands bet dm Ver­handlungen wegen Handelsverträge nicht erschweren; man fürchtete, daß die Spekulation die Ein­suhrfreiheit mißbrauchen,das Ausland und die Zwi­schenhändler den Profit abschöpfen würde, so daß bi» Verbraucher leer auSgehen und dir getreide­bauende deutsch« Landwirtschaft entmutigt werden müßte.

Siegen solche Bedenken und Gefahren auch jetzt vor? Wenn die Regierung eine allgemeine Herabsetzung deS Fleisch- und ViehzolleS unter voller Grenzöffnung einführen wollte, so wäre daS allerdings eine Abweichung von den Grundsätzen, die in unserer Schutzzollpolifik mit sichtlichem Erfolge vertreten werden und die vor 20 Jahren auch unter ckwierigen Verhältnissen gegenüber enter leiben» christlichen Agitation behauptet worden sind. Aber ne Regierung wird sich darauf berufen, daß ihr Vorschlag nicht eine eigentliche Durchbrechung des ZovschutzeS darstellen, sondern nur eine Unter­stützung von Gew rinden in einer gemein« nützigen Bestrebung, die durch besondere Umstände vorübergehend notwendig geworden sind. Die Stetigkeit deS Wirtschaftslebens würde gewiß ge» fährdet, wenn hn freien Handel plötzlich eine be­liebige Masse Bieh oder Fleisch auf den brutschen Markt geworfen und starke Preisschwankungen her- borgerufen werden könnten. Nun kann aber die Regierung auf die zahlreichen und eingreifenden Beschränkungen ihre Maßregel verweisen. Rur die Gemeinden sollen den teilweisen Zoll­ersatz erhalten, nicht die privaten Bezieher. Die Gemeinden bleiben in ihren Bezugsquellen be­schränkt; das argenfinische Rindfleisch, daS angeblich zu einem Massenimpcrt verwendet werden könnte, bleibt ausgeschlossen. Die Gemeinden sind bei der Festsetzung ihrer Verkaufspreise an die behördliche Genehmigung gebunden, die Regierung könnte als» einen Preisdruck, der die Landwirtschaft schädigen würbe, int Keime ersticken. Auch rin Mißbrauch des Fleische« zu S peku l ation Szwecken erscheint ausgeschlossen. Die zeitliche Begrenzung der Maßreg:l bi« zum 31. März 1914 bildet ein weite­res beruhigendes Moment.

Der Reichstag wird alle diese Umstände z« prüfen und abzuwägen haben, um dann zu ent- scheiden, ob dieser Versuch einer Lindrrung des augenblicklichen Notstandes mit den Grundsätzen unserer bewährten Wirtschaftspolitik und mit den Interessen der brutschen Landwirtschaft vereinbar ist oder nicht. Wir haben nicht den Beruf, den Ent­schließungen der Fraktionen vorzugreifen. Aber wenn von der Konservativen Korrespondenz" ver­sucht wird, alle Schutzzollparteirn aus die Ablehnung zu verpslickten, so glauben wir doch hervorheb:« zu muffen, baß die Sache doch nicht so einfach liegt und das grundsätzliche Olein noch nicht als selbstverständ­lich hingestellt werden kamt. In einem Punktr ftimmen wir freilich der genannten Korrespondenz bei: durch daS Angebot der Regierung, die Zoll­erstattung mit rückwirkender Kraft vom 1. Oktober ein treten zu lasten, ist der Reichstag kei­neswegs gebunden. Er kann trotz der bereit« getroffenen Maßnahmen der Gemeinden frei nach seinem Ermessen über die Zulüssiakeck und die Höhe der Zollerstattung beschließen. Aber diese Möglich­keit wird gewiß nicht die Stadtverwaltungen abhal­ten, s o s o r t an die Arbeit zu gehen. Denn zu dem g ro 6 en Risiko, das sie bei ihrer Unternehmung laufen müssen, können sie das kleine Risiko hinficht- lick des ReichstagsbeschlusseS schott noch in den Kauf nehmen.

* Dtc obgelehnten Anleihewünsche. Mit Desri-. btgung wird überall die ablehnende Haltung der französischen Banken gegenüber den Anleihewünschen BulgariettS und Serbiens vermerkt. Dies um so mehr, als bei der Weigerung der französischen Hoch­finanz, den beiden Balkanstaaten mit Gelb beizu­springen, nicht finanzielle, sondern rein politische Bedenken maßgebend waren, die, was noch besonders inS Gewicht fallt, von der französischen Regie­rung bei den in Betracht kommenden Finanzinfti- tuten geltend gemacht worden sind. Bulgarien ift im Hinblick auf die schon damals in Erwägung ge­zogene Mobilisierung bereits vor einigen Wochen mit Anleihe- oder Vorschutzsorderungen an den französi­schen Markt herangetreten. Auf Anfrage bei der Regierung^erhieltm die französischen Geldmänner

* Konstantinopel, 3. Okt. 1912. Obwohl die Frist, die Serbien betreffend die Durchfuhr des Kriegsmaterials gestellt hat, um Ty2 Uhr abgelau­fen war, hat der serbische Gesandte Renadowitsch bisher keine Antwort übwmittelt. Indessen erklären serbische Kreise, cs werde kein sofortiger Ab­bruch der Beziehungen erfolgen. Renadowitsch er­wartet Instruktionen.

* Belgrad, 3. Okt. 1912. Seit gestern abend ha­ben die Militärkommandanten sämtliche Eisenbahn­stationen übernommen. Auch das Belgrader Post- und Telegraphenwesen untersteht einem militärischen Kommando. Zille aktiven und Reserveoffiziere, die im Ausland gewesen sind, sind pünktlich hier ein« gerückt. Ueberhaupc vollzieht sich die gesamte Mobil- machung mit größter Schlagfertigkeit. Das Parla­ment ist heute zu einer außerordentlichen Tagung zusammengetreten. König Peter hat die Thron­rede selber verlesen. Für heute nachmittag sind durch Anschläge der Belgrader Gemindeverwaltung die Mannschaften des letzten Aufgebotes einberufen worden. Die hiesigen montenegrinischen Flüchtlinge beschlossen die Bildung einer Todeslegion und haben Listen zur Einschreibung eröffnet.

♦ Sofia, 3. Oft. 1912. Seit heute sind wir un­ter M i l i t ä r j e n f u t. Es sind zwei Umstände zu erwähnen, die auf den festen Willen hindeuten, die Situation nicht zu überstürzen. Die Sobranje wird nicht durch den König, sondern durch Geschow eröffnet werden. Das vorbereitete Memorandum an die Türkei wird maßvolle Forderungen ohne Er­wähnung der Autonomie für Mazedonien enthalten. Studenten durchziehen unter Führung des Rektors die Straßen und veranstalteten Kundgebungen vor den Gesandtschaften der Balkanstaaten und der Staa­ten der Triple-Entente.

Griechische Borbereitnngen.

* Athen, 3. Okt. 1912. Tas hiesig» Parlament beginnt seine Sitzungen nächsten Samstag. Die Regierung kaufte gestern in England vier neue ursprünglich für Argentinien fertiggestellte Tor­pedo; erst ör er für zusammen rund fünfzehn Millionen Francs. Tie Uebcrnahme der Schiffe erfolgte sofort.

* * Wien, 3. Okt. 1912. Der König von Griechenland hat heute vormittag die Bot­schafter von Italien, Rußland und Frankreich ge­meinsam empfangen. Er stattete nachmittags dem Grafen B e r ch t o l d einen längeren Besuch ab.

W. Berlin, 3 Oll. 1912. Ter R et iu» ia n ,lei begab sich beute abend zu kurzem Aufenthalt nach Lmberhof. Er folgt damit einer vor längere, Zeit angenommenen Einladung des Prinzreaenien oon Bays n. Der Reickskanzler hat den Bcsnck nicht in letzter S unbt absagen wollen, um nicht zu grundlosen Beunruhigungen wegen Gesä ndung des Friedens unter den Großmächten durch die Balkanwirren Nahrung zu geben.

* Wien, 3. Olt. 1912. Nach der „Süd'lawi« scheu Korrespondenz" erdäite der rufflsche Gcsanvte Giers dem Kömg Nikolaus von Montenegro, oaß Rußland eme kriege«,che Aktion gegen die Türker weder billige, noch eine solche unter, stützen werde. Rußland erwarte von Montenegro die größte Mäßiguna und Zurückhaltung.

W. Paris, 3. Oft. 1912 Ministerpräsident Poincarö halte heute nachmittag eine Unter« reöung mit dem türkischen Botschafter.

den Bescheid, daß es sich vor allem empfehlen würde, Sicherheit dafür zu erlangen, daß das beanspruchte Geld nicht für Armeeausgaben, sondern für Kultuv- zwecke verwendet werden würde. Es liegt nahe, daß Frankreich hierbei auch im Sinne der ruflischeu Regierung gehandelt hat. Bulgarien setzte daraus- hin seine Wünsch« Grad um Grad immer fieser herab, bis es so weit kam, sich sogar schon mit dem geringfügigen Betrage von fünf Millionen Fr. zu­frieden zu erklären. Aber nicht einmal diese fünf Millionen konnte es in Paris auftreiben. Aehnlich erging es den Serben.

* Türkenverfolgungen in Bulgarien. Im Kö­nigreich Bulgarien sind noch etwa 400 000 bis 450 000 Türken ansässig. Sie sind dort noch von der Zeit her ansässig, als das Land noch türkisch war, chre Zahl nimmt aber immer mehr ab. Im Jahre 1888 zählte Bulgarien noch über 600 000 Türken. Tie Mehrzahl der Türken bulgarischer Staatsange­hörigkeit sitzt int Nordosten des Landes, an der Donau. Sie sind ruhige, bedächtige, fleißige Men­schen, die den sie beherrschenden Bulgaren kaum je irgendwelchen Anlaß zu Beschwerden gaben. In der bulgarischen Volksvertretung, der Sobranje, hat man ihnen einige Mandate — drei oder vier — «in» geräumt. Ihre Abgeordneten sitzen dort auf der letzten Bank ganz oben und tun den Mund nicht auf. Sie erheben sich, wenn die Regierungsrnehr- heft sich erhebt, nnd rühren sich nicht, wenn die, Re­gierungsmehrheit es vorzieht, auf ihren Plätzen sitzen zu bleiben. Von Opposifion keine Spur. Ganz gleich, welch« Partei am Ruder ift — sie gehen partout mit der Regierung. Ans die bulgarisch« Kriegsbegeisterung fällt ein häßlicher Fleck, wenn sie, wie es den Anschein hat, sich vorderhand gegen die schuldlosen Türken des eigenen Landes austobt. Es wird nämlich von halbamtlicher rumänischer ©eite gemeldet:

Wegen bulgarischer Kundgebungen für den Krieg in Swtftow, gegenüber dem rumänischen Hafen Zimnicea, haben sich die Türken von Swistow auf rumänischen Boden geflüchtet.

Bulgarien beklagt sich bei den Mächten, daß feine Stammesangehörigen in Mazedonien unter türki­schen Verfolgungen zu leiden hätten. Hier wäre für Bulgarien Anlaß, vor seiner eigenen Tür zu kehren. Es wird bei den jetzigen Türlcnversol- gitugen nicht die über die Stränge schlongende KriegZbegisterung die alleinige treibende Kraft sein. Viele Türken Bulgariens sind noch Grundbesitzer. Tie Gelegenheit sehr billigen LanderwerbeS für Bul- garen ist günstig.

Zweck und Ziel der jetzigen Valkanstürm« ist bi« Verbrängung der Türken aus Europa. Fragt sich nur, in welcher Form. Eine Verdrängung der Türken aus Europa braucht nicht notwendig gleichbedeutend zu sein mit einer Austestung der europäischen Türkei. Die Grenzen des türkischen Staates könnten unversehrt bleiben. So wenigstens lautet die Theorie, die die Nachbarn der Türkei auf» zustellen belieben. Das in Aussicht stehende Me­morandum der vier verbündeten christlichen Staaten soll ja, wie versichert wird, die Beteuerung enthal­ten, daß keiner von ihnen auf eine Gebietserweite­rung ausgeht; erst wenn die Forderungen deS Mb« morandilms nicht erfüllt werden, sollen nach Ueber- reichung eines Ultimatums die Massen sprechen, und dann fteilich ginge es, wenn die feindlichen Waffen den Sieg erringen, d:m türkischen Reiche selbst an den Kragen.

Die Entscheidung also, die auf die Spitze der Bajonette gestellt wird, soll den Türken die Herr­schaft im europäischen Teile ihrer Reicher entreißen. Denn nichts anderer als dies wird auch für den Fall, daß der Krieg nicht ausbricht, von den Banlkanstaaten verlangt. Die „Reformen", die st« beantragen und zu deren Durchführung sie die Großmächte verpflichten wollen, würde« die gesamt« Verwaltung der europäischen Provinzen mitsamt der Justiz den Händen der Türken au5 der Hand neh­men und in die Hände der Nichttürken legen. Ju diesem Augenblicke handelt es sich um die Frage, ob die Türken sich gutwillig ihrer Herrschaft in den europäischen Provinzen entäußern ober ob sie ihnen mit den Massen entwunden wird. In dem »inen Falle bliebe die Türkei als Staat erhalten, in dem anderen könnte sie von der europäischen Landkarte verschwinden. Daß :s vor dieser Entscheidung steht, weiß daS türkische Volk. Das Säbelgeklirr der Nach­barn klingt ihm wie Grabgeläute ins Ohr. Von ihren eigenen Waffen hängt es ab, ob sie dem Schick­sal, da? ihnen droht, entrinnen können. Steht dar Ende der türkischen Herrschaft auf europäischem Bo­den unmittelbar bevor oder nicht? Und wenn die Verdrängung der Türken aus Europa gelingt, wür­den sie dann die Kraft haben, sich — nachdem sie auch ihrer afrikanischen Provinzen verlustig gegan­gen sind — noch in Asien zu behaupten?

Deutsches Reich.

; Berkin, 3. Oft. 1912. Das RaJfetwaat wird am Mon ag, den 7. dS. Mts., nachmittags, in Kabinen zu etwa dr«tägigem Aufenthalt ein« treffen. — Der ehemalige Landwirtfchaitsminister Exzellenz Freiherr von Hammerstein-Lorten, Mitalieb des Staatsrates, beging gestern seinen 85. Gedurisiag. — Zu einer K>.nfe cnz über die FleNcktenerung im Ministerium des Innern ist der Vorstand des preußischen Städtetages ein» geladen worden. Die Sitzung wird am Samstag vorm'tiaa flaitsindev.

X Aufteilung vou Staatsdomänen zu BesiebknngS- zwcckeu. Mehrere Domänen in bett Provinzen Bran­denburg, Sachsen, Pommern unb Ostpreußen, bie im Jahre 1913 pachtsrei werden, sind an Landgesell­schaften für Bepedelungszwecke veräußert worden.

»♦ .»tzrccherr v. Marschall — das jüngste Opfer deS Jesuitenordens". So lautet, wie der .Germania" aus Leipzig geichrieben wirb, da? Thema eines Vortrages, den der ehemalige Reichstagsabgeordnete und Rektor a. D. Ahlwarbt an den Plakatsäulen

von Leipzig in einem auffällig toten Anschlag an« kündigt. Muß das aber ein sensationeller Vortrag werden! Sollen denn die Jesuiten den Botschafter Frhrn. v. Marschall mit AhlwatdtS „Judenfiivten" erschossen ober mit Gift ums Leben gebracht haben? Man kann auf bi« schrecklichsten „Enthüllungen" von feiten Ahlwarbts gefaßt sein. Aber der Jesuiten» toller ist nun einmal, besonberS im Königreich Sachsen, Diode, und wenn es gegen die Jesuiten geht, so kann man erst recht sagen: „Es ist nicktS so dumm — es findet doch sein Publikum." Ahl» ward leimt offenbar bie „Hellen" Sachsen unb weiß bie Jesuitenhetze auch geschäftlich auszunutzen. DaS ist nämlich für ibn die Hauptsache.

* Graf Bernstorff Botschafter in Lonbvn? Mi« die „Ncckionalzeckung^ schreibt, soll sicherem Verneh­men nach Graf Bernstorff, brr bisherige Botschafter in Washington, nunmehr zum Nachfolger bes ver- swrbenen Freiherrn v. Marschall ausersehen fein, da man ihn unter die Zahl der Bewerber für de« geeignetsten hält und deshalb dem Kaiser an erster Stelle Vorschlägen wird.

* Dresden, 3. Okt. 1912. Der sächsische Kultus­minister Dr. Beck betonte in dem das Volks« schulgesetz vorberatenden Ausschuß der Zwecke» Kammer, daß die Regierung liebet das ganze Gesetz scheitern lasse, als auf bie konfessionelle Schule verzichte. Hierauf gaben bie nationallibe­ralen Mitglieder de» Ausschusses die Erklärung ab, daß ihre Fraktion, um das Gesetz nicht zu gefährden, das „große Opfer" bringen werben und auf bie Si- mnltanschule verzichten werbe.

△ Augsburg, 4. Oft 1912. Vor bet Strastam­mer beS Augsburger Landgerichts fanb bie B«- rnfungsverhandluna in brr Beleidigungsklage bei sogen. „Berliner Richtung" Grafen Oppersborf gegen Chefrebakteur Meuth ber „Augsburger Postzeckung" statt. Beide Parteien erklärten, datz sie im Interesse der gemeinsamen katholischen Sach«, der beide, wenn auch auf verschiedenen Wegen die­nen, einen Vergleich schließen wollen. E» taut dann auch ein solcher zustande.

<? München, 3. Oft. 1912. Am 4. Oft. b. I. feiert bet bekannte Zentrnmsabgeorbnete Prälat Dr. Pichlet fein 60. Wiegenfest. AuS diese« Anlafle veranstaltete bie ZentrumSfraktion de» bayerischen Landtages am Donnerstag eine kleinen Feier. Prälat Tt. Pichlet banke herzlichst für btt dargebrachten Glückwünsche. Er wolle den Tag « aller Stille begehen, denn bet 60. Geburtstag fd kein Jubiläum, sondern ein Tag b«S tiefsten Ernstes der Tag bes Eintritt» in» Greisenalter. Möge dem gefeierten Parlamentarier noch lange I ihre i« Dienste von Kirche unb Vaterlaub beschieben sein! — Seitdem ber neue Verkehr sm mistet v. Seid lein von allen Eisenbahnbediensteten den au» drücklicken Verzicht auf iht Streikt echt gefordert hat, war man gespannt auf die Haltung des fojialbtm. Süddeutschen EisenbahnerverbandeL Aber obwohl der Sozialist Segitz erst jüngst t« Landtage das Streifrecht für alle StaatSarbecka gefordert hat, ließ der Vorstand de» Südd«utfch«t Eisenbahnerverbandes dem VerfehrSministetium uni dem Landtage, eine Erklärung zugehen, daß vo« Verbände der Streik nicht als gesetzlich zulässige» Mittel zur Verbesserung der Lage der Verbands« Mitglieder angesehen werbe, ba ein solcher Streik bie schwersten Erschütterungen bei Erwerbsleben» Hervorrufen würbe. — In der bayerischen Abgeord» netentammer kamen bie Steuerhinterziehungen deS Reichsratsmilgliedes August Rcktet v Klemm, des Begründers der großen badischen Anilin« und Sodafabtik n tn Ludwigshafen, erneut zur Sprache, Von Regierungsseite wurde erklärt, baß 467 006 Mark Steuern für 20 Jahre nachbezatztt worbe« seien. '

Ausland.

A Vor bem Generalstreik in Belgien. Die So» zialbemokraten Belgiens find in fieberhafter Tätig­tet, um ben Generalstreik zu orgauiftereu. In bem Jndustrieovte St. ChiSloin sollen 2000 Browning- Pistolen auf Teilzahlung an bie sozialistischen Arbei­ter verkauft tvorben sein- Tas kann ja nett werben!

A Die französische Regierung unb bi« Kuust» schätze in ben Kirchen- Nachdem die französische Re­gierung bereit! früher die Oberaufsicht und die „Sput"" über bie Kathedralen übernommen, ordnet ein neues Dekret die .„Klassifikation" der bebeuteitb» sten Kunstschätze in den Kirchen an. Diese „Ober­aufsicht" und „Klassifikation" entspricht ber Jnven« turaufnahme, die seinerzeit unter ber Bevölkerung so große Aufregung hervorgerufcn hat, nur baß bie neue Maßregel in aller Ruhe aus schriftlichem Weg« erfolgte unb bie große Oessentlichkeit nichts bavon gewahr wird. Der Staat hat kein Recht auf bie Kunstschätze. Er stellt bie neuen Maßregeln al» heilsame Vorsicht hin, die nur bewirken soll, datz drr Kathedralen und die kirchlichen Kuustschätze erhalte« bleiben. Natürlich glaubt kein Mensch an die un­interessierte Sorge für bie Erhaltung bet Kunst« schätze in ben Kirchen. Soweit biefe Kunstgegen­stände für den Gottesdienst bestimmt sind, sorge« schon di: Geistlichen für die gute Instandhaltung und war die übrigen Kunstgegenftände betrifft, wird sie auch eine staatliche „Klassifikation" gegen Dieb­stahl nicht schützen. Die Sicherheit der kirchliche« lkunstschätze ist nur ein Vorwand. Der Staat hat nach dem neuen Dekret das Recht, so oft ihm biefe Sicherheit nicht gegeben sch »int, bett betreffenben Gegenstanb in bie öffentlichen Sammlungen zu über­führen. Wa» ist leichter, al» baß bie Regierung, so oft sie einen Kunstgegenstand aus einer Kirche für ein Museum oder für ein Gckäude wünscht, einen Experten zu finden, der bestätigt, daß der Gegenstand nicht sicher und geschützt genug in der Kirche ist? Tie „Klasiisikation" der kirchlichen Kunstschätze ist also nichts andere» als die Beraubung de» Kirchen.

* * Tie Revolution in Mexiko. Die mexikanische« Rebellen haben den amerikanischen Vtzefonsuk in Duronao Mae Cagh unb zwei andere Amert»