X 224.
Montag -en 30. September (912.
39 Jahrgang.
• Tuldacr Ä Zeitung
vnlS «nt Bttiag der Hnidaer »<tle»ör«ckerft
i» Zulda.
e.
• Ei» sachliches Wort
zur Jesurtenfrage.
Der Jesuitenpater Otto Cohanß, der bekannte Redner des Aachener Katholikentages, veröffentlicht in dem Kölner Zentrumsblatt, „Rhein. Merkur", folgendes „sachliche Wort zur Jesuitenfrage":
Hüben und drüben ereifern sich die Geister um die beute wieder im Vordergrund stehende Jesuitenfrage. Viel wird geschrieben, noch mehr disputiert. Man streitet um die Nützlichkeit der Jesuiten, um ihre Notwendigkeit oder den Grad ihrer Beliebtheit, man stellt Rundfragen, ob denn die Rückkehr der Jesuiten auch genehm sei — in alledem hat man den wahren Standpunkt der Frage aber völlig verschoben, daher ist der Rus: Zurück — ad statum quaestioTiis! (zum Stande der Frage) nur zu gut am Platze.
Zunächst wird fast immer übersehen, datz es sich bei unserer Frage nicht um eine Privatangelegenheit einer kleinen Gruppe von Männern handelt, sondern um eine Ordensfrage und darum um eine Kirchenfrage.
Die Gesellschaft Jesu ist ein Teil der katholischen Kirche, von der Kirche approbiert und behütet. Die Angriffe auf den Orden betrachtet also die Kirche als eine Beeinträchtigung ihrer Freiheit und ihrer Rechte. Und weil das Jesuitengesetz ein der Kirche feindliches Gesetz ist, darum muß jeder treue Katholik seine Aufhebung fordern, mag er sonst über die Jesuiten denken wie er will. Kein
Katholik darf weder in Wort noch Schrift zur Beeinträchtigung der kirchlichen Freiheit beitragen. Aus kirchenseindlichem Geist heraus ist das Gesetz geboren, wer es also aufrecht hält, ist kein Kirchenfreund.
Damit ist auch die Nichtigkeit des zweiten in gegnerischen Blättern sehr beliebten Vorwandes gegeben: „Selbst Katholiken wünschen nicht die Rückkehr der Jesuiten."
Gesetzt, es sei so — was dann? Wer echt katholisch ist,'muß wünschen, daß der Kirche auch in Teutsckland ihre vollen Rechte zurückerstattet werden. Gibt man in diesem Falle die Rechte der Kirche fort, so verteidigt man hier die ungerechte Einschränkung, dann möge man sich nicht wundern, wenn auch noch in anderen Fragen Niederlagen folgen. Aber wie beweist man die Behauptung, auch die Katholiken Deutschlands wünschen nicht die Rückkehr des Ordens. Man veröffentlicht dort ein oder andere Schreiben eines „katholischen Geistkilben", der sich gegen den Orden ausspricht und rühmt sich, „dornst haben wir die Stimmung im Lande wiedergegeben". O nein, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Man spricht von einem „katholischen" Geistlichen, sagt aber nicht, ob er r ö m i s ch - katholisch, oder a l V- kat holisch, ob er aktiv oder abgefallen ist. Und dann, steht denn dem Zeugnis dieses einen nicht das Zeugnis von Tausenden katholischen Priestern in Deutschland gegenüber, die teils zu den Jesuiten studienhalber eilten, teils die Jesuiten in treuer Anhänglichkeit zur Aushilfe riefen? Man brauchte nur Zeuge des Aachener Katholikentages mit seinem überraschenden Applaus zu sein, um die Hinfälligkeit der vorgenannten Behauptung mit Händen greifen zu können. Gewiß, mag manche geben, die eine Rückkehr der Jünger nicht wünschen, das katholische Volk als Ganzes aber, mit dem Episkopat an der Spitze, sehnt die Aufhebung des Gesetzes mit aller Mackt herbei.
Das sieht man in antikirchlichen Kreisen auch allmählich ein. Anfangs suchte man dem Publi- ki'm vorzureden, die Katholiken selbst wünschen die Rückkehr nicht, heute, wo man nach all den Kundgebungen der letzten Zeit diesen Trick nicht mehr aufrecht erhalten kann, sucht man nun die Kundgebungen selbst zu verdächtigen. Aber so gerne man auch selbst möchte, daß die katholische Gesamrheit (ich von den Orden abwende und so gerne man sich elbst auch einredet, daß es wirklich so sei — es wird darum nicht wahr; vas entschiedene Wort des diesjährigm Präsidenten des Katholikentages: „Wir werden nicht ruhen, bi» das Gesetz gefallen ist", war, wie der brausende Beifall kundgab, den -Katholiken aus dem Herzen gesprochen. „Aber", sagt man, „wir haben die Jesuiten in Deutschland gar nicht nötig." Nun will ich jetzt nicht untersuchen, ob in der gegenwärtigen Zeit allen seelsorgerischen Bedürfnissen in Deutschland genügend Rechnung ge
tragen werden kann — es kommt darauf gar nicht an, ob dre Jesuiten in Deutschland unbedingt nötig sind, sondern ob sie als Deutsche das Recht haben, in Deutschland zu leben und zu wirken. Es sind auch viele A erste, Philologen, Geschäfte in Deutschland nicht nötig, hat man darum schon das Recht, die überzähligen Staatsbürger einfach aus dem Lande zu verweisen oder die überzähligen Geschäfte zu schließen. Auch wäre es entschieden verfehlt, das Gesetz darum aufrecht halten zu wollen, weil die Jesuiten vielleicht in katholischen Kreisen Ein- fluß gewinnen und damit der Weltgeistlichkeit das ein- oder andere Schäfchen entziehen könnten. Die Gefahr ist mit allen anderen Orden auch verbunden. Darum ein kircheuftindliches Gesetz zu befürworten, wird keinem kirchlich gesinnten Katholiken einfallen. Mit demselben Recht könnten zudem Kaufleute die Verbannung ihrer Kollegen fordern, weil sie ihnen zu viel Konkurrenz machen. Von den Päpsten ist der Jesuitenorden approbiert und seine Macht- sphäre festgelegt, darum ist es nicht Sache untergeordneter Kreise, die Tätigkeit der Orden zu beschränken. Doch ob die Jesuiten nützlich sind, cb beliebt usw., darauf kommt es gar nicht an. Hat jemand 40 Jahre ungerechterweise im Kerker geweilt und ergibt nun eine Revision des Prozesses, daß er ohne genügenden Grund verurteilt wurde, so hält man doch nicht erst Umfrage im Lande, ob di- Rückkehr des-unschuldig «befangenen auch allen erwünscht sei, ab der Gefangene auch den Mitmenschen von großem Nutzen sein werde — sondern man erklärt kategorisch: „Der Mann sitzt ungerechterweise im Kerker — darum muß er heraus."
Das ist der Standpunkt in unserer Frage: es handelt sich nicht um die Frage: „Sind die Jesuiten nützlich, notwendig und beliebt?", sondern: „Hat man die Jesuiten, die als deutsche Bürger das Recht besitzen, in ihrem Vaterlände zu leben und zu wirken,v mit Recht aus ihrer Heimat verstoßen?" Von der Frage allein ist die Aufhebung oder Beibehaltung des Gesetzes abhängig zu machen.
Nun, was haben die Jesuiten also verbrochen, daß man sie des Landes verwies? Konnte man sie eines Vergehens, auch nur eines gegen das Strafgesetzbuch, überführen: Nein. Man lese in der Broschüre „Gerechtigkeit" (Berlin, Germania) die damaligen Verhandlungen nach und man wird finden, daß es damals an jeder rechtlichen Handhabe fehlte, das harte Verbannungsdekret zu fällen. Die Jesuiten wurden damals verbannt, nicht weil man ihnen Vergehen Nachweisen konnte, sondern nur, weil sie mit in der Reihe der Kirche standen, die man zu vernichten gedachte. Weil man im Jesuitenorden also ein Bollwerk der Kirche sab, darum und darum allein, hat man ihn verworfen. Nun, mittlerweile bat man seine Taktik gegen die Kirche als verfehlt eingestellt, warum und mit welchem Recht macht man diesem Orden gegenüber sein Unrecht nicht gut? Warum rief man die anderen Orden zurück, die Gesellschaft Jesu aber nicht? Sie hatte doch nichts anderes getan, als die anderen Orden auch, nämlich di: Kirche verteidigt. Man zeige doch einmal das Moment auf, das den Jesuitenorden gefährlicher macht, als olle anderen Orden. Dte Gesellschaft Jesu predigt keine andere Lehre, als andere Orden auch, sie spendet keine andern Sakramente als diese, iie benutzt keine anderen Mittel als wie sie in der Kirche überhaupt im «gebrauch sind. Die Vorträge, Missionen, Exerzitien der Jesuiten zeigen im wesentlichen genau d i e- selben Merkmale auf, wie die anderer Orden — wo bleibt denn nun ein Grund, die Jesuiten anderen gegenüber so hart zu behandeln?
Man rede nicht von Störung des konfessionellen Friedens! Wurde daun durch die Verhängung des Jesuitengesetzes, die einem Faustschlag für Millionen von Katholiken gleichkam, der konfessionelle Frieden nicht gestört? Geriet nicht das ganze katholische Deutschland damals in Aufregung, und wird es, so lange das Gesetz währt, nichts stets in Aufregung gehalten. Merkwürdig, die Aufhebung eines Unrechtes, die einer Gruppe von Andersgläubigen nicht gefällt, stört den konfessionellen Frieden, die V e r h ä ng u n g eines Unrechtes,' wodurch die ganze katholische Welt Deutschlands verbittert wurde, stört bett Frieden nicht! Wenn es sonst gilt, ein Unrecht gut zu
machen, fragt man dann auch vorher, ob auch alle mit der Rehabilitierung unverstanden sind? Daß man, obschon sie im Recht sind, auf die Katholiken nicht hört, datz man aber dem Evangelischen Bund usw. Gehör schenkt, obschon sie mit Unrecht ein ungerechtes Gesetz aufrecht halten, das müssen di: Katholiken als eine bittere Kränkung empfinden, das muß den konfessionellen Frieden stören. Wer den konfessionellen Frieden fördern will, der beseitige aber zuerst den Keil, den eine unglückliche Aera mit ihren Kulturkampfgesetzen zwischen die verschiedenen Religionsgemeinschaften hmeingetrieben hat.
Wer ferner im Wirken der Jesuiten schon eine Störung des konfessionellen Friedens erblicken will, der muß sein Verdikt ebenso gut auf alle anderen tätigen Orden, ja auch auf die Weltgei ft» lichkeit ausdehnen, denn diese alle wirken wie die Jesuiten; sie verbreiten, verteidigen die katholische Lehre, treten ein für ihre Ueberzeugung. Tun das übrigens Andersgesinnte — Rabbiner, protestantische Prediger, Offiziere der Heilsarmee, Monisten, Sozialisten und Freidenker nicht? Wenn das Eintreten in Wort und Schrift für seine Gewisiensüberzeu- gung schon eine Störung des konfessionellen Friedens bedeutet und einen Rechtsgrund für die Landesverweisung abgibt, dann stören alle Religionsdiener und alle Philosophen den konfessionellen Frieden und dann müßte man nicht die Jesuiten, sondern alle verbannen, die in Weltanschauungsftagen tätig sind. Aber störten die Jesuiten auch den Frieden, so könnte man mit legitimen Waffen, in Wort und Schrift, ihnen entgegentreten, sie zu verbannen hat man das Reckt nicht, so lange man nicht auch jene miwerbannt, die den Frieden der Katholiken stören. Man sage auch nicht: Die Jesuiten gefährden den Protestantismus. Zunächst müßte es doch schlimm um dm Protestantismus bestellt sein, wenn die paar Dutzend Jesuiten, die eventuell nach Deutschland zurückkehren könnten — mehr sind es tatsächlich nicht — imstande wären, ihn in seinen G'.-undfesten zu erschüttern. Ein merkwürdiges Schauspiel: 40 Millionen Protestanten zittern vor höchstens 100 Jesuiten! Zudem: gefährden andere den Protestantismus nicht? Schlagen denn Sozialismus, Monismris und Freidenkertum nicht dem Protestantismus viel tiefere Wunden, als das Jesuitentum ihm je geschlagen hat? Wer hat es denn verschuldet, do.ß, wie man so oft klagt, die protestantischen Kirchen sich immer mehr lösen? Wer hetzt denn die Massen zum offiziellen Austritt aus der Kirche auf: die Jesuiten nicht, sie verteidigen das positive Christentum. Wenn also die „Gesahr für den Protestantismus" ein Rechtstitel für Ausnahmegesetze märe, dann müßte das staatliche.Edikt •• zuerst das ganz: Heer der Monisten und Sozialisten treffen«
CefArum censeo: Sitzt jemand unschuldig und ungereckterweise im Kerker, dann haben alle Nachfragen nach nützlich und beliebt keinen Sinn, es heißt einfach. Es ist Unrecht geschehen — es werde gesühnt! — öffnet die Pforten!
Prozeß Borchardt-Lemert.
n. Berlin, 28. Sept. 1912.
Am Samstag wurde her Pioub gegen die tosial- temotratilchen L mdtap4abgeordneien Borchardt und Leinert in Berlin zu Ende geführt.
Zu Beginn der Verhandlung verlas der Vorsitzende Sckmtdt den Schrittwechsel, der sich im Jahre 19h >,wischen dem damalgen Präädenlen von Kiöchrr wnb hem Minister de§ Indern über die polizeiliche Hilfeleistung bei der Enternung eines ausgeschlossenen Ädaeordi ele.i enumdelt hat u»d auS insgesamt neun Briesen beliebt. In einem Briese eriläite der Vertreter "es Minckers sich bereit, eventuell die Polizei zur Ber- sügui-g zu stellen. In einem zweiten Briefe des Ministers heißt es, dan die Polizei zwar bet der Ent- ie-nung eines »IbgeoiDmten de ililich sein werde, den betresfenden Abgeordneten aber am Wiederersch«ven un Saale nicht hindern iönne.
Darauf machten die drei Verteidiger noch eine Reibe von juristischen Aussührungen. Nach mehr als einftündiger Beiaiuna wurde das Urteil verkündet:
Der Angeklagte Borchardt wird wegen Hausfriedensbruchs und Widerstands gegen die Staatsgewalt zu 100 M k. Geld st rase'evtl 10 Tagen Gefängnis, der Angetlagte Leinert zu 50 Mk. Geldstrafe evtl. 5 Tagen Gefängnis verurteilt.
In bet Begründung wird ausgeführtr Dal Gericht ist nach eingehender Würdigung der Aus» sührungen der Staatsanwaltjchast und der Verteidigung zu der Ansicht gelangt, daß der § 84 der Geschäftsordnung des Abgeordnetenhauses mit der Ber- tassung nicht im Widerspruch steht. Der Gesetzgeber wollte die Art und Weise, wie dre Disziplin t» der Kammer geregelt werden soll, der Kammer selbst überlaffen. Auch bei der Beratung der Verfassung wurde der Fall inS Auge gefaßt, daß einmal die Ausweisung eines Abgeordneten nötig werden könnte. Wenn die Ausweisung eineS Abgeordneten unzulässtg wäre, so könnte der Fall eintreten, daß ein Abgeordneter durch fein Benehmen den ganzen Verlaus de» GesehgebungSmaschine hemmen könnte. Das individuelle Recht des ©injelmn findet hier ferne Grenze am Siecht, der Gesamtheit. Zur Beieitigung deS Verhaltens des Angeklagten Borchardt war der Präsident berechtigt, die Hilfe der Polizei in Anspruch zu nehmen. Webe, der Polizeileutnant, noch di, Schutzleute Haden sich e ne8 strafbaren Vergehens schuldig gemacht. Der Angeklagte Borchardt hat sich dadurch, daß er sich feiner Abführung widersetzte, sich am Boden festhielt usw* deS Widerstandes fchuldig gemacht. Die Frage, cb ei habet daS Bewußtsein der Rechtswidrigkeit gehabt hab«, ließ das Gericht unerörtert. Der Angeklagte Leinen hat sich gleichfalls deS Widerstandes fchuldig gemacht, (Er wollte dadurch, daß er auf feinem Platze verblieb und den Zugang zu dem Platze deS Adg. Borchardt erschwerte, diesen ir. Je nem rechtswidrigen Verweile» im Saale unterstützen, hat ihm also Beistand geleistet. Die Polizei war somit berechtigt, dieses strafbare Bev- balten zu beseitigen und ihn von feinem Platz« wegzuschaffen und hierbei hat der Angeklagte Leinert Wtdev» stand geleistet. Bei der ©trafbemenung wurde berücksichtigt, daß eS sich bei beiden Angeklagten nur darum handelte, eine Streitfrage zum AuStrag zu bringen und baß sie nur in diesem Sinne so gehandelt habe», was ihnen die Anklage zur Last gelegt bat Zu einer ®W sängnisstrase lag deshalb ein Anlaß nicht vor.
Der Urteilsspruch ist zwar mild, bedeutet abep dennoch eine Verurteilung deS rüpelhaft,»' Betragens der beiden Abgeordneten in der wider»' liehen Szene im preußischen Abgeordnetenhaus« a»' 9. Mai v. I. WaS dem Prozeß aber Bedeutung- gibt, ist dec Umstand, daß da« Gericht anerkannt^ hat, daß § 64 der Geschäftsordnung de» preußische», Abgeordnetenhauses, soweit er Bestimmungen gnf, An-Weisung eine« Abgeordneten enthält, und soweit! darin zum Ausdruck kommt, daß der Präsident ernt»! Abgeordneten für den Rest de» Tage» von de» Sitzung ausschließen kann, mit der preußischen Der» la sung nicht in Widerspruch stehe. Di, preußisch« Bersasiu g bestimmt, daß jede der beiden Kammer» ihren Geschäftsgang und ihr, Disziplin durch ein» Geschäftsordnung regelt Grenzen für diese Regelung werden in der Verfassung nicht gezogen, sodaß elfe der Gesetzgeber den Kammern hierin voll« Eetbständ f> leit überläßt. Der Präsident, Freiherr v. Erffa hat, da« Recht gehabt, den Abgeordneten Borchardt w*i. zuschließen und »ar befugt, polizeilich« Hilf, twJUe fpruch zu nehmen.
Deutscher Reich.
(*) Zur Präsidentenwahl im Ab-ttrd»tk8W^ Wie eine Berliner Korrespondenz mitteilt, habe» in den letzten Tagen zwischen namhaften Vertretern Der konservativen Fraktion des Abgeordneten« Dauses Besprechungen stattgefunden. Ern Resultat hätten sie zwar noch nicht ergeben, doch stehe W viel fest, daß Abgeordneter von Arnim-Züfedo« da« Amt de» Präsidenten nicht übernehmen metbc1 und daß mit einigen älteren Mftglieder» bei Fraktion Verhandlungen angeknüpft seien. Dis meiste Aussicht, al- Kandidat in Vorschlag gebracht tu werden, habe der Adg. v. Brandenstein, der Vorsitzende der Wafsergesttzkommiffion, der al» tüchtiger Kenner der Geschästsorbnung und al» enetgi# Eharalier in der Frak'ion gilt
c. Der Evangelische Bund, der vom 8. bi» 7. Oktober in Saarbrücken seine diesjährige Generalversammlung abhält, veröffentlicht soeben seine» Jahresbericht für 1911. Danach ,st die Zahl o.-t Mitglieder von 468436 in 8009 Vereinen auf 485 753 m 8209 Vereinen im letzten Vierteljahr gestiegen. In den Haupt- und Zweigvereinen sind über 2000 Versammlungen abgehalten worden- Diese Zahlen beroetfen, nie rührig unsere Gegner im Evangelischen Bunde arbeiten. Zur Förderung der Los von Rom-Bewegung hat der Bund eine besondere Stillung gegründet; auch die Summe« die in Saarbrücken aufgebracht werden soll, ist für
Erinnerungen.
Skizze von Joseph Heinrich Be'rlenbach.
Vater Rebmann, der alte, pensionierte Dorflehrer, saß brummend bei dem Morgenkaffee und trommelte vor Ungeduld mit der Spitze des Be- steckmefferS einen Marsch auf dem klingenden Porzellan.
„Wo nur dir Anneliese wieder bleibt?"
Die Anneliese war sein Enkelkind, der frühver- storben«i Tochter ihr ältestes, sein verwöhnter und verhatsch-lter Liebling. Wenn die ihm nicht den Kaffee ringoß, schmeckte eS dem alten Herrn nicht, und lachte die Sonne noch so freundlich durch die Butzenscheiben des kleinen Fensters. — Anneliese kam nicht. —
Sie kam auch nicht, als Vater Rebmann mißmutig vom Tische aufftand und mit langen, steifbeinigen Schritten, die Hände auf dem Rücken, ein — zweimal durch die Stube ging.
„Das ist doch toll", polterte er, öffnete die Türe und schrie mit aller Kraft seiner tiefen Stimme: „Anneliese —, Anne—lie—se!"
Niemand antwortete seinem Rusen, das Haus schien wie ausgestorben. —
„Kathinka, — Ka—thin—ka!"
bleib"*6 wußte vielleicht von ihrem Ver-
Alles still----
Obmann überkam mit einem Male eine unerklärliche Angst —. Sollte der Anneliese etwas zugestoßen fern? — 1
„§m, hm, muß mal Nachsehen." —
»„„ci A"9 “JS Stube zurück und holte den Kno- a t0C^ cT tietterte et langsam die Stiege empor.
pb.eTl ™f b£nt Flur blieb er verschnaufend stehen und horchte .... 1 1 v
Keine Antwort. —
®i%^üre stand offen; das Zimmer war leer. Sem Inneres glänzte ihm in schönster Ordnung entgegen. Zögernd, als betrete er ein Heiligtum, trat Vater Rebmann über die Schwelle.
Auf dem kleinen Nähtischchen, welches zur Rechten, dicht unter die blühenden Nelkenbüsche eines zierlichen Blumenstäuders gerückt war, lag ein auf» geschlagenes Buck und daneben ein halbbeschriebe- ner Briefbogen. Ein niedriger Korbstuhl stand etwas zur Seite geschoben und weckte den Anschein, als fei die Bewohnerin des Zimmers durch irgend einen Zufall im Schreiben gestört worden.
„Hm, hm", der alte Herr sah neugierig auf.
„Will doch mal sehen, was das Mädel zu schrei- ben hat —
Seine Augen vergrößerten sich merklich, als er dm Briefbogen näher betrachtete.
„Herzliebster Oskar!
Tausend Dank für Deinen wonnigen Brief. Ich lese gerade m Deinem Buche, es ist reizend. Herzlieb'ter Oskar! Jst's wahr, daß Du nächste mit Temem Vater zu Befuch kommst? Ich vergehe fast vor Gluck. Aber dem Pa noch Nichts sagen bis Du eine feste Anstellung hast. Es tut mtr so leid um dm guten Pa, weil ich chn ver sei, muß, er kann . . . ."
Vater Rebmann schluckte nach Atem, das schrieb die Anneliese hinter seinem Rücken!
„Den Oskar werde ich mir kaufen", murmelte er ingrimmig, warte du scheinheiliges Mädel ich will dir deine Flausen schon austreiben." — 4
Buch und Brief wanderten in seine Tasche, dann stapfte er wieder zur Türe hinaus und die Stiege abwärts in die Wohnstube. 0
Anneliese war noch immer nicht da.__
Vater Rebmann nahm seinen gewöhnlichen Sor- genbrecher, die lange Pfeife, von der Wand und setzte sich seufzend in den gepolsterten Ruhestuhl und übet, legte. Die G-schichte mit Anneliese war doch zu dumm. —
So — jetzt brannte die Pfeife, paff, paff; blaue Rauchwölkchen stiegen quirlend in zerfließenden Ringen zur Decke . . .
„Hm, hm", brummte der alte Herr, „hm, hm, so ein Heimlichtuer, das Mädel."
„Ten Oskar kenne ich, 's ist dem Heinrich sein jüngster Bub." —
Heinrich war ein Jugendfreund des Alten und Förster in einens Nachbardorf. —
„Wird wohl Förster fein; vor ein paar Jahren sah ich chn als Schüler der Forstakademie, hm, hm —."
Vater Rebmann sah versonnen den steigenden Rauchwölkchen feiner Pfeife nach.--
„Ja, ja, so verflüchten unsere schönsten Träume —", und er dachte an das eigne Liebesglück.
„Oskar heiß ich auch, — Anneliese hieß meine Frau — hm."
Der alte Herr wischte sich langsam mit der zst- ternben Hand über das rechte Auge.
„Anneliese» hieß sie auch. — Das Mädel ist eigentlich alt genug zum Freien, 22 Jahr:; es erlebt sich doch alles noch einmal auf der Welt; — hm, hm, — Anneliese hieß sie auch."
Er wischte sich zum zweitenmal über das rechte Ange.
,/Der Vater wollte es nicht haben; ein armer Schulamtsbewerber von dazumal hatte wenig zu bieten; dock Anneliese war treu, und der Alte sagte schließlich Ja und Amen, — ja, ja, sagte Amen und der Oskar holte sich sein Glück--"
Vater Rebmann nestelte an dem Medaillon d:r Nhrkette; die Feder sprang, — ein blühendes Mädchenantlitz lachte ihm entgegen —.
„Anneliese hieß sie auch", und er wischte sich zum drittenmal über das Auge; doch kam er nicht fix genug, eine blanke Träne rollte über die Wange und siel gerade auf das Bildchen deS Medaillons.
„Hm, bm, Anneliese hieß . . . ", plötzlich zuckte ein entschloffener Wille über ssin Gesicht. Schnell, — wer hätte Vater Rebmann eine solche Behendigkeit der Bewegungen noch zugetraut? —, sprang er auf, stellte die Pfeife zur Seite, griff den Stock und marschierte zur Stube hinaus, die Stiege hoch in Annelieses Zimmer, legte das weggenommene Buch und den Briefbogen ordnungsgemäß, wie er beides gefunden, auf den Tisch und — stand eine Minute später wieder unten in der Wohnstube. Ein mildes
Lächeln spielte um seine Lippen, all er die Pfeif» von neuem in Brand setzte.
„Ja, ja, Anneliese hieß sie auch." —
Die Morgensonne flutete schimmernd über Tisch' und Stuhl, ein lustig Kringeln, der Widerschein bet Kasfeeschale, taufte an der Zimmerdecke. Batet Rebmann öffnete da» Fenster und blickte ta de» Garten. Kam nicht dorten Kathinka mit zwei leeren Manen über den Weg? j
„Heh, Kathinka", rief’« von oben, „wo steckst D» denn, wo ist Anneliese?"
„Anneliese war mit mir zur Bleiche Vater Rt6«s mann, sie kommt auch, — da ist sie schon."
Leichtfüßig, wie ein flinke! Reh, hüpfte ein«, weißgekleidete Gestalt hinter der alten Magd he»! „O Pa, wie schön ist Der Morgen!" „Aber Kind, so läßt Du mich im Stich; der Kaffee ist längst kalt geworden." „Gleich bin ich bei Dir, lieber Paz dann wärmen wir auf", und husch, husch war st« im Haus.
Vater Rebmann pflückte erst noch eine Rosr aus dem blühenden Gerank, das die Gartenseite d«! Hauses bedeckte; — Anneliese war schon bei ihm,
„Die Rose ist für Dich, Kind, wart', ich steck» sie Dir an". <
„Herzensguter Pa, dafür bekommst Du auch einen Kuß." Lächelnd ließ sie der alte Herr gewähren. „So Pa, nun wärme ich den Kaffe; aufj ich habe auch schon die Post abgefangen; Ire! dev-j weilen Deine „Fuldaer Zeitung . j
„Goldmädel da!" schmunzelte Vater Rebmann,; als Annelies: mit einem fröhlichen Singsang zu» Türe hinausschlüpfte; — doch auf einmal wurde er ernst: „Wre schwer wird'! werden, den Sonnenschein entbehren zu müssen, aber e! wäre Sünde, ihrem Glücke feind zu sein, — hm, hm, Annelies« hieß sie auch---; morgen werde ich dem Heinrich
schreiben. Vielleicht hat daS Pärchen auch «i» Stübchen für Großvater Rebmann" -•
Tann vertiefte er sich in srise Zeitung,