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2. Statt
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düngen, vermögen in diesen völlig verrotteten Staatswesen keinen dauernden Frieden zu schaffen.
# Getreidebau oder Viehzucht?
Alle möglicher Quacksalber sind heute wieder bei der Hand, der landwirtschaftlichen Produktion Vorschriften ;u erteilen. Leute, die niemals einen landwirtschaftlichen Betrieb auch nur von ferne gesehen haben, sondern ihn höchstens aus Bilderbüchern kennen, mähen sich trotzdem die allerwichtigsten Urteile und Vorschriften an, obschon von allen Betrieben gerade der landwirtschaftliche mit am kompliziertesten ist.
So kommen jene weisen Leute neuerdings wieder mit der verblüffenden Enthüllung, bei uns müßte der ganze landwirtschaftliche Betrieb total umgekrempelt werden. Der Getreidebau wäre auf- 8ugeben, und an dessen Stelle hätte die Viehzucht zu treten. Fertig ist die Laube!
Diese hochwohlweisen Leute denken nicht daran, daß der Landwirt nicht ohne weiteres einen Produktionszweig einfach aufgeben kann, weil dieser eben vielfach seinem ganzen Betrieb angepaßt und eingefügt ist, und er ihn notwendig braucht. Und
[] Das nene preußische Stenergesetz.
Der Bericht über die erste Lesung des Einkommen- und Ergänzungssteuergesetzes in dem Ausschüsse des preußi chen Abgeordnetenhauses ist den Abgeordneten zugestellt worden.
Der Bericht läßt erkennen, daß in vielen Punkten zwischen den Ansichten der Regierung und der Kommission noch Meinungsverschiedenheiten herrschen und eine Reihe der bisherigen Beschlüsse nur provisorisch ist. Die Kommission war der Meinung, der Staat könne bei den guten Finanzen Preußens auf die 60 Millionen Mark Stell erzusch läge verzichten, während die Regierung gegen diesen Verzicht Widerspruch erhob mit der Begründung, die >etzt günstigen Finanzen könnten sich recht bald wieder verschlechtern, in guten Jahren müsse man für die schlechten Jahre sparen. Für die dauernde Beibehaltung der Zuschläge trat fast niemand in der Kommission ein, während die Regierung das Schicksal der Novelle gerade von dieser Bestimmung abhängig machte. Tie Kommission beschloß deshalb, die Zuschläge als provisorische vorläufig beizu- behalten, bis eine Neuordnung der Tarife erfolgt sei. Versuche, die Steuerpflicht erst bei 1200 oder 1500 Mark beginnen zu lassen, scheiterten. Der Finailzminister erklärte, der Staat erleide hierdurch 18,6 resp. 40,3 Millionen Mark Ausfall. Die Regierung betonte, daß jeder, der Rechte im Staate genieße, auch Pflichten erfüllen müsse. Dir Kommission dehnte aber das Kinderprivileg in der zweituntersten Stufe aus, indem es schon bei einem Kinde eine Steuerermäßigung um eine (Stufe eintreten ließ. Ein Antrag auf Erhebung einer Junggesellen st euer wurde abgelehnt, einmal, weil er zu weitgehend war — es sollten alle Männer über 30 Jahre mit mehr als 3000 Mark Einkommen, die ledig sind, einen Zuschlag von 25 Prozent zahlen — anderseits, weil er der Regierung nicht gefiel, da er aus dem System^her- ausfällt.
Anträge auf Erweiterung des Kinderprivilegs wurden von der Negierung bekämpft, 21 Millionen Mark verliere der Staat bereits, bei nochmaliger Erweiterung würden vor allem die Kommunen mit kinderreicher Bevölkerung geschädigt werden.
Bon wichtigen A Änderungen, die sonst die Kommission noch vornahm, seien erwähnt: die Besteuerung der Konsum an st alten und der Kundengewinne sowie der Rabattsparvereine, die Zulässigkeit der Abzugsfähigkeit der Nealsteuern vom Gesamteinkommen. Die Bestimmungen über die Auskunstspflicht der Arbeitgeber werden beibehalten. Eine Anregung, die Deklarationspfttcht auf sämtliche Zcnsiten auszudehnen, fand nicht die Billigung des Finanzministers, weil die Veranlagungskosten zu hoch seien und 6 Millionen Deklarationen einliefen, die in drei Monaten nicht zu bearbeiten seien. Ter Vorschlag, den Landräten die Steuerveranlagung abzunehm en, wurde abgelehnt. Das Gesetz soll mit der Veranlagungsperiode 1914 in Kraft treten.
wochen-Kundjchas.
[:] Fulda, 28. September 1912.
Der Kaiser hat sich nach Beendigung der H^ soeflottenmanöver mit der Kaiserin und der P - zeffin Viktoria Luise nach Rommten begeben, um hier einige Wochen dem edlen Waldwerk objulwgen.
Tas ^bayerische Königshaus ist an einem -rag’ in zweifache Trauer versetzt wordem In München stach der Herzog F r a n z I o s e P h m Bayern rm 24 Lebensiahre und in Madrid die Infantin M a- r i a 2 b e r e f i a, die Schwester des Königs Alfons und Gemahlin des bayerischen Prinzen Ferdinand, im SO. Lebensjahre.
Ganz unerwartet kam dann am Dienstag die Kunde von dem Hinscheiden des Freiherrn v. Marschall, des deutschen Botschafters in London. Daß die Presse aller Länder dem Verstorbenen ausführliche und ehrende Nachrufe widmet und ihn als fast unersetzbar hinstellt, beweist am besten, welchen Verlust die deutsche Diplomatie durch seinen Tod erlitten hat. Daß er in der Tat der befäbiafte deutsche Diplomat war, ist zur Genüge bekannt und auch dadurch erhörtet, daß ihn der Kaiser auf den schwierigsten Posten berief, nämlich als Vertreter des Deutschen Reiches in London. In einem Alter, in dem andere Leute sich zur Ruhe setzen, übernahm der fast 70jährige Diplomat die schwierige Aufgabe, die Beziehungen Deutschlands zu England in ein nor nalcs Gleise zu bringen. Noch ehe er eigentlich das Werk in Angriff nehmen konnte, ist er in seiner badischen Heimat ganz unerwartet gestorben. Sein vorbildliches Wirken im Dienste seines Vaterlandes und im Dienste des Weltfriedens hat ihm die Anerkennung in den weitesten Kreisen gesichert, wie jetzt die ihm in der Presse aller Länder gewidmeten Nachruf, beweisen.
Der sozialdemokratische Parteitag ist iU Ende gegangen, ohne daß ’s zu erheblichen Au- einandersetzungen zwischen Radikalen und Revisionisten gekommen wäre. Alles ging nach dem Willen des Parteivorstandes, und auch der Ausschluß des Schriftstellers Gerhard Hildebrand aus der Partei, der zwar ein scharfes Wortgefecht hervorrief, vermochte an dem Gesicht des Parteitages als eines ungewohnt friedlichen nichts zu ändern.
In Wien sind die ö ster r ei ch i s ch - u n g a r i- fdjen Delegationen, die Körperschaften, tvelche über die den beiden Staaten gemeinsamen Aufgaben beraten, zusammengetreten. In feiner Eröffnungsansprache hob der Kaiser das gute Einvernehmen hervor, das zwischen den Dreibundmächten herrsche. Er bezeichnete später einem der Abgeordneten gegenübe- die gegenwärtige Lage als überaus schwierig, und auch Graf Berchtold, der Minister des Aeußern, versicherte in längerer Rede, die Lage fei keineswegs beruhigend. Er hatte dabei vor allem die Verhältnisse auf dem Balkan im Auge. Der Minister Ächtete an Bulgarien, Serbien und Montenegro, die lieber heute als morgen in einen frisch-fröhlichen Krieg gegen die Türken zögen, ernste Warnungen, mahnte aber auch die Türkei, die versprochenen Reformen endlich durchzuführen.
Italien hat in Tripolis schwere Kämpfe bei Derna zu bestehen gehabt: die eine Schlacht kostete >rs über 60, die andere 200 Tote, während die türkisch-arabischen Streitkräfte gegen 1100 Tote, nach anderer Meldung allerdings nur gegen 150, gehabt haben soll. Tie Friedensverhandlungen sind anscheinend auf dem toten Punkt angelangt. Italien will und muß das Einverleibungsdekret aufrecht erhalten, während die Türkei sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt.
Die Türkei selbst ist nach wie vor in einer verzweifelten Lage. Ueberall an den Grenzen lauern die Feinde, und das Innere ist voll von unbotmäßigen Elementen. Um letztere zufriedenzustellen «nd auch den Grenzmächten jeden Grund zu Einmischungen zu nehmen, hat die Regierung offiziell angekündigt, daß sie alle den Albanesen gemachten Zugeständnisse ans die gesamte Türkei übertragen toill. Wenn sie diese Ankündigung verwirklicht, wäre sie allerdings in unangreifbarer Position.
. In den amerikanischen Republiken Nicaragua, Mexiko und San Domingo geht das Morden, Plündern und Brennen der Rebellen in a tgewohnter Weife Wetter. Auch die Vorstellungen in: Vereinigten Staaten, wie selbst Truppenlan
der Landwirt braucht den Getreidebau notwendig. So hat er zunächst das Getreide notwendig als wichtige landwirtschaftliche Zwischenfrucht zur zweckentsprechenden Ausnutzung uno Pflege des Bodens. Die für die Pflanzen nötigen Nährstoffe ruhen in verschiedener Tiefe im Boden, sie müssen nacheinander von den verschiedenen Pflanzen ausgenutzt werden, einmal durch sogenannte Flachwurzler, dann wieder durch sogenannte Tiefwurzler. Die einzelnen Bodenpartien müssen nacheinander ihre Ruhe haben, damit sie sich wieder erholen können, sonst würde man eben eine verd erbliche Raubwirtschaft mit den Bodenkräften betreiben. Ferner kann ber Landwirt auf den Getreidebau schon nicht verzichten wegen der notwendigen Erzeugung von Stroh, welches besonders für die Viehwirtschaft sehr wichtig und geradezu unentbehrlich ist. Auch ist es durchaus unzutreffend, daß eine Umwandlung von gutem Acker in Viehweide Vorbedingung einer Vermehrung der 'Viehproduktion ist. Im Gegenteil, je intensiver der Boden beackert und abwechselnd mit Getreide und Futterpflanzen bestellt wird, um so mehr Vieh kann auch auf einer gegebenen Ackerfläche gehalten werden. Es ließen sich genügend Beispiele hierfür ans der Praxis anführen.
Vor allem aber möchten wir die Herrschaften eins fragen: Man sagt, daß der Getreidebau durch die Getreidezölle ganz außerordentlich gefördert worden ist. Der Zoll muß also doch ein sehr gutes Förderungsmitt’l sein. Warum wollen die Herrschaften nun aber nicht dasselbe Mittel auch zur Hebung der Vieh- und Fleischproduktton? Man sieht sie ober nur fortwährend schimpfen gegen Vieh- und Fleischzölle und gegen den Schutz der Viehproduktton. Welcher Landwirt sollte da schließlich noch Lust haben, sich auf die Bichproduktion zu verlegen? Die Herrschaften mögen also die Schuld bei sich selbst und nicht bei den Landwirten suchen.
Deutsches Reich.
* Ware« und sind wir finanziell gerüstet? Auf dem Münchener Baukierlag gab es einen interessanten Zwischenfall, der wenig beachtet wurde, der aber hohe politische Bedeutung hatte. Ein Diskussionsredner hatte die Darstellung, die Dr. Helffe- rich in seinem Vortrag über die Inanspruchnahme ber Reichsbank von dem Verhalten ber deutschen Börsen während der Marokkokrise gegeben hatte, angegriffen und behauptet, Deutschland sei damals amEndeseinerKraft gewesen. Darauf antwortet Dr. Helfferich in seinem Schlußwort: „Es ist mir nicht eingefallen, etwa zu behaupten, daß wir im vorigen Jahre um diese Zeit in dulci jübilo gelebt hätten. Nein, meine Herren, die Zeiten waren bitter cm ft, und wir hatten alle unsere schweren Sorgen. So töricht bin ich nicht, das irgendwie bestreiten zu wollen. Aber darauf habe ich mir erlaubt, hinzuweisen, daß in dieser schweren Zett ber Kapitalmarkt und die Banken in Deutschland besser abgeschnitten und besser Stand gehalten haben als in Frankreich, und das halte ich ausrecht. Ich rekapitulier die schlagendsten Zistern: Im Lause des Jahres 1911 ist 3 Proz. deutsche Reichsanleihe nur um 3% Proz. gesunken, die französische Rente um 5,6 Proz. und die englischen Konsuls um 6% Proz. Im September war ber Privatdiskont in Berlin nur um % Pro;, hoher als im gleichen Monat des Vorjahres, in Paris um nahezu % Proz. Die deutschen Börsen sind allerdings mit erheblichen Kurseinbußen, aber doch aus eigener Kraft über den schweren Septemberultimo hinausgekommen. Auf der Pariser Börse waren die Kursrückgänge noch bedeutend stärker, und die Negierung mußte hinter den Kulissen intervenieren, um ber Börse über den Ultimo hinauszuhelfen. Das finb feststehende Tatsachen. Aber freilich, Sie können in ber Welt herumfragen, wo Sie wollen, bei ben Franzosen unb den Italienern, bet Engländern und Amerikanern, ja bei Türken und Griechen, überall würden Sie hören, daß Deutschland im September vorigen Jahres finanziell am bitteren Ende war, während Frankreich turmhoch erhaben über alle Schwierigkeiten in ungeschwächter Kraft dastand. Und woher kommt diese A u f f a s s u n g, die mit den Tatsachen in diametralem Gegensatz steht? Sie kommt daher, daß der Ton die Musik macht, und wie bei
uns ber Ton gemacht worden ist, daS wissen wir ja alle. Wenn irgenbwo im kleinsten Nest ht Pommern ober Ostpreußen von einer Sparkasse 20000 ober 10 600 Mark abgehoben wurden, da rannte ntan zum Telegrapheuburean, und das Ereignis wurde in die Welt posaunt, unb am nach-! fter. Tage stand in den Zeitungen aller Kontinent» zu lesen: In Deutschland Sturm auf bte Sparkassen und finanz. Zusammenbruch. Erkundigen Sie sich in Frankreich, welche Summen dort in der kritischen Zett, unb nicht nur den Sparkassen, sonder« auch den Banken entzogen worden finb, und Sie werden Summen hören, die Sie in Erstaunen setzen. Aber freilich, in den französischen Heftungen hätte« Sie im vorigen Jahre vergeblich Nachrichten über solche Vorkommnisse gesucht. Ich will Ihnen ben Grund sagen: Wenn damals in Frankreich sich eine Zeitung unterstanden hätte, solche alarmierende und Frankreich komprimittierende Nachrichten in die Welt zu setzen, einerlei, ob falsch ober richtig, bem „Journal" wären an demselben Tage die Fenster eiliges chmissen worden« (Stürmischer Beifall unb Händeklatschen.) Meine Herren, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will Sie nicht aufreizen, ihm bei ähnlichen Fällen auch bei uns die Fenster einzuschmeißen. ^Heiterkeit-) Aber die Zeiten sind nach wie vor ernst, unb wir brauchen in Deutschland in solchen Dingen mehr Vorsicht unb Zurückhaltung, als sie bisher geübt worben ist. Wenn die heutige Aussprache ben Erfolg hat, daß diejenigen, die es angeht, sich diejenige Vorsicht unb Zurückhaltung auferlegen, die in anderen zivilisierten Ländern eine reine Selbstverständlichkeit ist, so werden sie von dem Ergebnisse des heutigen Tages gewiß nicht das Mindestwichtige fein." — Man wird diesen Ausführungen seine Zu-! fthnmung nicht vorenthalten können. Die Presse namentlich die sog. große Presse, hat alle Veran-i lassung, die beherzigenswerte Mahnung sich $U merken.
Rur dem Nachbargedieie. <
* Frankfurt a. M., 27. Sept. 1912. Bor Mel Wochen meldeten wir das Verschwinden eines sechzehnjährigen Schulers eines hiesigen Gymnasiums, von dem aus Paris die Nachricht gekommen sei, er habe sich dort für die Fremdenlegion anwerben lasten. Bevor die Eltern noch die beabsichtigten Schritte unternommen hatten, ist der junge Durchbrenner nun zurückgekehrt. Auf der Polizei gab et an, er habe beim Angeln einen französischen Herr« kennen gelernt, der mit ihm einen Ausflug nach Mainz verabredet habe. Im Zuge habe er ihn eingeschläfert, und als er erwachte, sei er in Paris gewesen. Tort babe ihn der Franzose in verschiedenen Vergnügungslokalen herumgeführt unb, dann in eine Kaserne gebracht, wo ihm ent Schriftstück zum Unterschreiben vorgelegt worden sei. Er hätte sich, wenn er es unterschrieben hätte, verpflichtet, in die Fremdenlegion einzutreten. Er habe e8 aber abgelehnt und sich eine Bedenkzeit erbeten. Daraufhin sei der Herr wieder mit ihm zum Este« gegangen. Dort habe ihn ein Kellner in deutscher Sprache angeredet und vor dem Herrn gewarnt. Er sei daraus geflüchtet und habe sich an das deutsche Konsulat gewandt, das ihm bte nötigen Mittel zur Heimreise gegeben habe. Die Polizei hegt mit Recht starke Zweifel an der Richtigkeit dieses Romans.
* Kastel, 27. Sept. 1912. Ans Anlaß der lieber- siedlung der zweiten Kompagnie des 83. Regiments, die zur Bildung des 3. Bataillons des 173. Regiments nach Metz verlegt wirb, fanb int Ofsiziers- toie Unteroffizierskasino eine Abschiedsfeier statt, an der auch der Regimentskommandeur Prinz Heinrich XXX. von Renß teilnahm. Am Dienstag früh um 5 Uhr wird die Kompagnie unter Führung ber Regimentskapelle zum Oberstadtbahnhof marschieren, um die Reise in die neue Garnison anzw treten.
* Aus dem Großher^gtum Hessen, 28. Sept. 1912. Mit Einführung der neuen hessischen Land- gcmcinbeorbnung müssen sämtliche seither von ben Bürgermeistern vereinnahmten Gebühren der Ge- meittbefaffe zugeführt werden. Infolge dessen ist füg bas ganze Großherzogtum Hessen eine Neuregelung ber Bürgermeistergehälter angeordnet
Unpolitische Zeitlaufe
N. Berlin, 26. September 1912.
-Nachdruck verboten.)
Die schönen Sommertage sind vorüber; die häßliche« auch. Der Kalender geht dieses Jahr nicht richtig, denn es war schon viel früher Herbst geworden, ehe wir es schwarz auf weiß hatten. Darum hat sich gewiß schon mancher auf die rauhe Hälfte des Jahres dorbereiter. Wer aber noch sor- genlos und flanellos in den verkürzten Tag hinein- kbt, der mutz jetzt in sich gehen und bedenken, was zu Michael,s zu tun ist.
Der Oktobertermiu ist das wehmütige Gegenstück dom hoffnungsfrohen Ostertermin. Vor sechs Monaten sind wir mit tausend Masten in den Ozean der spros. senden und blühenden Natur geschifft; jetzt treiben wir still auf dem gereiteten Boot in den Winterhafen. Je weniger wir aus dem Sommer heimgebracht haben, desto forgsarner müssen wir haushalten in der kalten Wartezeit.
Mitten im Winter pflegen wir uns wohler zu fühlen, als in der UebergangSzeit. Wenn aber der Mensch vernünftig ist, kann er sich bie Gefahren und Unbehaglichkeiten des Ueberganges sehr erleichtern. Passen 6en wechselnden Verhältnissen klug anzu-
^er SBoljnung wollen wir anfangen. ES die durchaus nicht vor Allerheiligen Heizen h hrrhiT-*r-^9en' .mon dürfe sich nicht verwöhnen ber -S»„v,^ch^ch^' fc-cn Ausschlag gibt aber meistens ,n efn na ' * eine Tugend, bie leicht
Arbeit? fann‘ Wenn einer in den
£fen -n ö lf S$0-,nraustneTt s^stelt, so muß man den Lh ■ Stber "'ch* 'hn gleich vollpacken
.brln9£n' als wenn draußen schon Schilift wuhbahn Ware, sondern ihn so sanft und sacht hxtrm werden lasten, daß die Luft in der «Stube „ver- fälagen wird Durch eine geringe Anheizung wird ber Luft bie übermäßige Feuchtigkeit genommen und ulfo bas „naßkalte" Gefühl von ber Haut genommen. 3n beu Schlafräumen braucht man keinen hohen
Wärmegrad, wenn man gehöriges Deckzeug hat und gesunde Lungen; aber zu viel Feuchtigkeit in der Luft unb in ben Betten muß auch dort vermieden werden.
Vom Ofen hängt oft das ganze Familienglück ab. Ein schlechter Ofen hat schon manchen Mann zum Kneipenbrnder gemacht und manches Kind ins Grab gebracht. Der Ofen wird aber oft als ein lästiges und kostspieliges Hebel mit Haß und Verachtung be- handelt. Wenn er Mängel zeigt, so schimpft man weidlich unb denkt nicht daran, daß er auch mal re- vidiert und repariert werden muß. Das kostet frei- lich etwas Geld, doch wie federleicht wiegt diese einmalige Ausgabe gegen den fortwährenden Aerger unb bie laufenben Unkosten, die durch die Kohlenverschwen- bung und durch die Ungemütlichkeit und Gesund- hei.sschädlichkeit einer verrauchten oder kalten Wohnung entstehen.
Wer seinen Ofen noch nicht hat nachsehen und aufmuntern lasten, der tue es jetzt zum entscheiden- ben Vierteljahreswechsel. Und dann müssen auch die Lampen in tadelloser Verfassung sein. An den Ian. gen Abenden ist die Lampe die Sonne des HauseS, der Hort ber Gemütlichkeit. Aber nur wenn sie ganz sauber, richtig aufgefüllt und mit einem lebensfrischen Docht versehe» ist. Die Lampe darf nur von den Augen wahrgenommen werden, nicht von der Nase sonst kommt die Hausfrau mit Recht in schlechten Geruch.
Im Sommer, wenn das Fenster den ganzen Tag offen steht, macht sich die Lüftung von selbst. Im Winter ist die gute Stiftung eine Kunst. Von Zeit zu Zeit mutz die Zimmerlust erneuert werden. Wann es notwendig ist, müssen verständige Eltern an ihren Atemwerkzeugen merken. Ein gutes Hilfsmittel ist, den Kopf einen Augenblick ans dem Fenster stecken, um einen Schluck frische Lust zu nehmen, und dann die Zimmerluft recht kräftig durch die Nase einatmen. Wer dann den Unterschied nicht merken kann, muß wohl eine» Stockschnupfen haben. Es ist Aberglaube, baß durch eine zeitweilige Lüftung kostbare Wärme verloren gehe. Im Gegenteil; je schlechter die Luft ist, desto großer ist der Wärmebedarf, sodaß man in einem Zimmer voll reiner Lust mit weniger Heizung
auskommt. Wenn man die Insassen einen Augenblick entfernen oder sonst schützen kann, so ist es am besten, Fenster unb Türen gegeneinander aufzustellen und so einen Zugwind herbeizuftihren, der in großer Schnelligkeit die Luft gründlich erneuert.
Die gute Hausfrau soll ferner bedenken, daß im Winker viel mehr Staub in den Stuben sich ansammelt, als im Sommer. Die Reinigung der Stuben bis in die letzten Ecken hinein muß also während der Heizungszeit mit doppeltem Eifer betrieben werden.
Und nun die Kleidung. Sehe jeder, wie er's treibe; sehe jeder, daß er gesund bleibe. Abhärtung ist gut, wenn sie in vernünftigem Maße betrieben wird, aber Erkältung ist ein gefährliches Uebel und Ueberhitzung auch. Man muß sein Zeug dem Weiter anpassen. Bei dem Uebergang z-r wärmeren und schwereren Kleidungsstücken ist es geraten, mit dem Äutzenzeng anzufangen und das Unterzeug in zweiter Linie zu verstärken. Das Unterzeug muß aber stets sauber gehalten werden, sonst erfüllt es nicht seine Aufgabe, der Haut zu gleicher Zeit die nötige Wärme unb die ebenso nötige Stiftung zu sichern. Den Eltern möchte ich besonders ans Herz legen, daß sie ihren Kindern gutes Schuhwerk besorgen und sor:während barrtuf achten, ob die Kinder auch trockene Füße haben. Das ist hundertmal wichtiger, als bie warme Mütze ober baS dicke Halstuch, womit mmache Kinder belästigt werden. Der Kleidnngsetat ber Familie wird schon reichen, wen» man nut die Eitelkeit absetzt und mehr auf die Gesundheit und Behaglichkeit, als auf die Mode sicht.
Das Kapitel vom Essen hat bei diesen teuren Zeiten einen herben Beigeschmack. Aber im Winter muß nicht bloß im Ofen, sondern auch im Magen kräftiger eingeheizt werden, wie in ber warmen Iah, reszeift und wenn das Geld für den nahrhaften Tisch knapp wird, so muß anderswo gespart werden, z. B. an den Ausgaben für Trinken, Rauchen ober sog. Vergnügungen. Wo cS not tat. da sollte Bader und Mutter sich jetzt zusammensehen und das Familien- bndget für ben Winter einer Nachprüfung unterziehen, unb zwar in dem Sinne, daß das Essen Trumpf, b(eibt. I
Der BierteljakMwechsel bringt ferner die Mahnung zum ausgiebigen Schlafen mit sich. Die Natur selber fragt uns das Schlummerlied. Allerdings gehört ber Mensch nicht zu jenen Monatsschläfern, bte über bie ganze rauhe Jahreszeit hinwegschlummern; wir fühlen uns vielmehr bei frischem Froftwetter recht fähig unb lustig zur Arbeit. Aber die langen Nächte sind hoch eine Einladung zum Ausschlafen, die tote nicht überhören sollten. Im Winter hat ber Körper auch mehr Schlafbedürfnis, als im Sommer. Und man kann es besser befriedigen, wenn man nur früh zu Bett geht, was im Sommer wegen des langen Sonnenscheins unb ber noch längeren Tageswärme feine Schwierigkeiten hat. Also rüsten wir uns zu einem Winterschlaf in ben menschlichen Formen. Unsere Vorfahren waren gefunber unb namentlich nervenfester, weil sie bas moderne Nachtleben nicht kannten, sondern sich mehr an baS gute Beispiel ihrer Hühner hielten.
Auch wenn die Kinder sehr früh unb die Alten rechtzeitig zu Bette gehen, bleibk noch im Winter ein langer Abend unb am Feiertage manche häusliche Mußestunde übrig. Deshalb muß man Vorsorgen für eine angenehme und nützliche Unterhaltung am Familientisch, und dazu gehören vor allem gute B sicher. Mit dieser Geistesnahrung darf man ebenso wenig knausern, wie mit der Leibesnahrung. Die beften Bücher soll man kaufen unb daneben gute Bucher sich leihen, vor allem durch Anschluß an ben Borromäus-Verein. Verhältnismäßig am billigsten und zugleich am bequemsten kommt man zu fortdauerndem Lesestoff durch den Bezug einer guten Zeitung. Jetzt ist gerade die rechte Zeit, um daS richtige Leib- und Hausblatt für den Winter neu zu bestellen. Der das bißchen Geld nicht anwenden mag, um sich und ben ©einigen die Quelle einer stetigen Belehrung, Unterhaltung unb Auffrischung zu eröffnen, der treibt auch falsche Sparsamkeit.
Wenn man bie rauhe Jahreszeit richtig anfaßt, f» wird es eine gemütliche Jahreszeit, «tb die Lichter vom Weihnachtsbaume leuchten den ganzen Winter hindurch.