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säwsi«! »ffl 28. September 1912.

59. 3aptgang.

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Zeitung

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4. Blatt.

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Ern Jubiläum

Am 29. September dieses Jahres sind es 25 Jahre, daß die Fritzlarer Ursulinerin­nen aus B S t h u n e in Frankreich, wohin sie der Ltulturlanipf verschlagen hatte, in ihr Kloster zurück- kehnten. Die Klosterannalen schildern dieses Ereig­nis, wie folgt:

„Die Heimkehr wurde auf den 20. September 1887 sestgesc^. Zu derselben hatten sich alle noch lebenden Mitglieder der Fritzlarer Klostergemeinde in Böthune (Ztordfrankreich) zusammengefunden. Ach, leider — sieben der Teuersten mußten wir in fremder Erde zurücklassenI Nach einem mehrtägi­gen Aufenthalte in Beaufays, (Belgien) wo sich die Urfulinen aus Hersel niedergelassen, fuhren wir am 28. September der deutschen Heimat zu. Welche Freude, als wjr uns an der Grenze wieder in un­serer Muttersprache anreden hörten! Wie fühlten wir da die Wahrheit der Dichterworte: „Mutter­sprache, Mutterlant, — wie so wonnesam, so traut!" Gegen 3 Uhr nachmittags befanden wir uns im hei­ligen Köln, der ehrwürdigen Stadt der heiligen Ur­sula. Die Nachricht unserer Ankunst war uns Vor­au sgeeilt; mehrere frühere Zöglinge und Bekannte nebst Herrn Kaplan Atzert aus Fritzlar begrüßten uns am Bahnhofe. Am folgenden Tage setzten wir die Reise fort und erreichten gegen 11 Uhr Gießen. Dort fanden wir gleichsam schon Fritzlar vor; denn unser hochwürdiger Superior, Herr Dechant Kreis­ler, mit einigen anderen Geistlichen, Herr Bürger­meister Kraiger, Freunde und Verwandte, sowie ehemalige Zöglinge — teils aus weiter Ferne her­beigeeilt — begrüßten uns beim Aussteigen aus dem Zuge, viele mit Blumenfpenden. Solche Ueber- raschungen erwarteten uns auch auf den ferneren Stationen. Wadern führte ebenfalls ehemalige Zög­linge und Fritzlarer in Menge uns entgegen, die sich gleichfa' s unserem Zuge anschlossen.

An dem Bahnhofe in Fritzlar begann der glanz­vollste Abschnitt unseres Empfanges. Dir jubelnde Volksmenge umdrängte und füllte den ganzen Raum. Vor uns sahen wir beim Aussteigen den Magistrat der teuren Stadt nebst einer dichtgedräng­ten Menge aus allen Ständen. Tiefe Stille herrschte, während Herr Bürgermeister Kraiger eine herzliche Ansprache hielt, in welcher derselbe der allgemeinen Freudr der Bewohner Fritzlars einen beredten Aus­druck gab. Endloser Jubel brach nach Beendigung derselben aus, und ein donnerndes „Hoch!" schallte uns entgegen. Damen der Stadt führten uns, wäh­rend vom Dome her das volle Geläute der Glocken feierlich tönte, zu bereit stehenden, mit Kränzen reichgeschmückten Wagen. Dann bewegte sich der Zug durch die in Ehrenpforten, Blumen, Girlanden und reichsten Flaggen schmuck prangenden Straßen hin zum altehrwürdigen Lome. Dort war die ganze Sradt ohne Unterschied der Konfessionen versammelt. Die freudige Erregung aller Anwesenden bei unse­rem Erscheinen im hohen Chore sowie unsere eigene Rührung wurden bis zur Ergriffenheit gesteigert, als Herr Dechant Kreisler in einer herzlichen An­sprache uns feierlich wollkomnrrn hieß im deutschen Vaterlands, im lieben Fritzlar, und unsere Rückkehr aus der Verbannung als ein Ereignis schilderte, einzig dastehend unter den vielen, deren Zeuge d>r altehrwürdige Dom im Laufe der Jahrhunderte gewesen. Darauf erscholl das Tr Deum. Nach dem- elben gedachte Herr Dechant Kreisler noch der ieben Schwestern, die in fremder Erde zurückgeblie­ben, darunter der unvergeßlichen Oberin, Merp Franziska, für deren Seelenruhe er gemeinschaft­lich mit den Gläubigen betete. Mit dem Segen des Allerheiligste« fand die Feier im Dome ihren Ab­schluß.

Alsdann fuhren wir in den vor der Kirche bereit flehenden Wagen heim in unser liebes Kloster, des- en Glocken — auch die mit in der Verbannung ge­wesenen — uns zubelnd entgegenklangen. Unser trautes Kirchlein war vor Schmuck kaum wiederzu­erkennen. Schon am Tage vor unserer Ankunft hatte unser hochwürdiger Herr Superior das Aller­heiligste wieder in die Kirche getragen, vor dem das -ewige Licht wieder angezündet worden war. Herr Landrat von Eschwege nebst Familie begrüßte uns am Eingänge des mittleren Stockwerkes, das er vor­läufig noch inne hatte, uns jede mögliche Rücksicht versprechend. Nun glänzte die obere Treppe und Etage, herrlich geschmückt, uns entgegen. Vierzehn Tage lang hatten — mit den Arbeitern — die Ta­rnen Fritzlars an der Herstellung und Ausstattung der Räume gearbeitet, die uns geordnete und schöne Häuslichkeit versprachen. In der Kirche standen Dünke und Chorstühle wieder am alten Platze; alle übrigen in Fritzlar gebliebenen und versteigerten Sachen waren nach Möglichkeit wieder zurückge­bracht, auch die Vorratskammer war fürsorglich ge­füllt worden. In der „Großen Schule" (jetzt Pen­sionatssaal) waren lange Tafeln festlich gedeckt und für uns und alle Festgäste Erfrischungen aufgetra­gen. 24 Stühle und einige Tische waren von den Herren des Kasinos, die den mildtätigen Damen nicht nachstehen wollten, geschenkt worden, und mit hellem Schlage begrüßte uns eine schöne Wanduhr, die Stiftung eines unbekannten Wohltäters. Beim Eintritt in die „Große Schule" bot sich uns eine neue Ueberraschungen. Hier empfingen uns nämlich die Schülerinnen der höheren Töchterschule, der früheren Kkosterschule, mit ihrer Vorsteherin, Fräu- lein Josephine Gaß, in sinniger Weise. Alle Kin­der des großen Kreises, weiß gekleidet und bekränzt — die kleinsten mit goldenen Engelflügeln — san­gen das Jubelliedchen:

»Seid uns gegrüßt im Vaterland Mr, unfern Herzen so nah verwandt!

Im Land, so sonnig. So lieb, so wonnig. Seid uns gegrüßt!

S>tx?.JQn0ent Sehnen begrüßen wir 2yitt Areudentränen Euch wieder hier

In Fritzlars Mauern. Vorbei bas Trauern I Ruhet nun aus — Ihr seid zu Haus!

Eine Anzahl geistlicher und weltlicher Gäste ver- blü den in gehobener, glücklicher Stimmung bei uns

Heimgekehrten, bis dir „Liedertafel" im Schulhofe ein Ständchen brachte. Auf die angeschlossenen Be­grüßungsworte eines Mitgliedes des Sängerbundes dankte die Aeltest: von uns Schwestern, Mertz Ber- nardine, in bewegten Worten für all diese Beweise der Liebe und schloß mit dem Ruse: „Es gibt nur ein Fritzlar mit solch edler Gesinnung, u d dieses Fritzlar — es soll leben hoch, hoch, hoch!" Alle Schwestern stimmten ein. Die würdige Feier dieses großen Tages endete mit einem prächtigen Feuer­werk.

Tief sind diese außerordentlichen Kundgebungen von uns Heimkehrenden empfunden worden und werden uns für die Dauer uns eres Lebens unver­geßlich bleiben. Fürwahr, was die Liebe nur erfin­den konnte, hat Fritzlar an diesem denkwürdigen Tage seinen Ursulinerinnen bereitet!"

Zur Geschichte der BriKe.

Skizze von Max Pollaczek.

Wir tun uns recht viel zugute darauf, daß wir in einem Zeitalter der Erfindungen leben, aber das Mittelalter hat auch seine Erfindungsepoche gehabt, die den Vergleich mit der unserigen ganz wohl aus­hält. Die Zeit, in der man den Kompaß erfand und damit die großen Entdeckungen neuer Konti­nente ermöglichte, da das Pulver und di; Buch­druckerkunst erfunden wurden, hat Anspruch auf Achtung, und daß so nebenher die Brille geschaffen wurde, kann diese Achtung nur erhöhen. Wie alle Wissenschaft int Mittelalter unter dem Schutze der Kirche erwuchs, so ist auch die Erfindung und Ver­vollkommnung der Brille auf das engste mit den Namen geistlicher Würdenträger, die ja früher die einzigen Gelehrten waren, verknüpft.

Man hat freilich die Brille schon als eine Er­findung des Altertums hinstellen wollen, jedoch mit Unrecht. Tie kümmerliche Stütze dieser Ansicht war eine Stelle in der Historia naturalis des älte­ren Plinius, worin mitgeteilt wird, daß Kaiser Nero die Gladiarenkäinpfe zuerst in smaragde, d. h. durch einen Smaragd betrachtet habe. Wahrschein­lich hat er das aber nur getan, um das Schauspiel in einer anderen Farbe zu sehen, also einen farbigen Effekt zu erzielen, vielleicht auch, well die grüne Farbe schon damals als besonders günstig für die Augen galt. Seneka z. B., der die vergrößernde Wirkung von Glaskugeln kennt, die mit Wasser ge­füllt sind, erwähnt nirgend, daß man Vergröße­rungsgläser jum Sehen gebraucht habe, und die alten Aerste, die sonst sehr geschwätzig in der Her­zählung von Arzneimitteln sind', erwähnen nirgends eine oder die Brille.

Nein, ihre Erfindung war erst einer späteren Zeit Vorbehalten und einen vorbereitenden Schritt dazu tat der Araber Alhazen (f 1038), der eine Art Linsen als Vergrößerungsgläser anwandte. Auf den Gedanken aber, Unvollkommneheit der Augen­linse durch entsprechend geschliffene Gläser auszu­gleichen, kam erst der hoch berühmte Oxford:r Mönch Roger Bacon, der den ihm von seinen Zeltgenoss;n gegebenen Beinamen Doctor mirabilis mit Recht trägt. Dieser geniale Mann stellte durch Versuche zuerst die Veränderungen des Gesichtswinkels fest, welche durch konkav oder konvex gekrümmte Gläser bewirkt werden und empfahl schwachsichtigen Men­schen, ein konvexes Glas auf das zu betrachtende Objekt zu legen. Doch dauerte es noch lange, ehe die eigentliche, vor den Augen zu tragende Brille erfunden wurde, und ganz genau weiß man nicht, wer der leidendm Menschheit diese Wohltat erwiesen hat. In der Kirche Santa Maria Maggiore zu Florenz befindet sich eine Inschrift, die einen sonst nicht näher bekannten Salvino degli Armati als Erfinder bezeichnet, sicher aber ist, daß um 1300, wie der Chronist des S. Caterina-Klosters in Pisa meldet, Alessandro du Spina Augengläser fertigte. Nur langsam kam die Brille, die man so nach dem Metall Beryllium nannte, weil dies als gleichbe­deutend mit dem Glase angesehen wurde, in Auf­nahme. Kräftig für sie wirkte der päpstliche Leib­arzt Guy bi Chcmliac, der empfahl, sie statt der be­liebten Augenwässer anzuwenden. Das war so um 1363. Aber richtig Eingang sand sie erst nach der 165 Jahre später erfolgenden Erfindung der Buch­druckerkunst. Und das ist sehr natürlich. Erst als viele Menschen zu lesen begannen, fühlte sie so recht das liebel der Kurz-, Weit- und Schwachsichtigkeit, und erst jetzt hatte man Gelegenheit, sich gründlich die Augen zu virderben.

Auch in der Theorie der Brillenwirkung machte man Fortschritte Der Jaliener Franziskus Mau- rolycus, ein Geistlicher, versuchte eine Erklärung für die Wirkung geschlissener Gläser zu geben und sprach deutlich aus, daß die Linse im Auge wie ein Konverglas wirkte- Und später hat der berühmte Naturforscher S- J. Pater Scheiner (f 1650) experi­mentell am toten, eigens präparierten Auge gezeigt, daß das Bild der äußeren Gegenstände in der Tat gerade auf dessen Netzhaut in umgekehrter Form entsteht. Ein um 1517 von Raffael gemaltes Por­trät des Papstes Leo X. zeigt den heiligen Baier mit einer Brille für Kurzsichtige.

Die Formen der alten Brillen waren recht unbe­quem. Große runde Gläser wurden an einem Stirnbande oder an der Kopfbedeckung so befestigt, daß sie wie Scheuklappen vor den Augen hingen. Trotz dieser Unbequemlichkeit trugen manche Leute sie, nicht weil sie ihrer ' bedurften, sondern aus Eitelkeit, weil sie glaubten, dadurch ein gelehrtes Ansehen zu gewinnen. Gerade wie mancher ans demselben Grunde noch Heuti ein Pincenez sich auf­setzt ober uni „schneibig" zu erscheinen, ein Monocle ein klemmt. Die ovalen Gläser sind erst viel später aufgekommen und noch heute findet man wohl in entlegenen Orten bei altmodischen Leuten große Brillen mir runden in Horn gefaßten Gläsern. Der erste Arzt, der Kurzsichtigen regelmäßig Brillen ver­ordnete, war Hollerius, der im 16. Jahrhundert lebte. Die erste vollständige und richtige Theorie von der Wirkung und dem Nutzen der Brillen gab Keppler.

Mit der Anfertigung von Brillen befaßte man ich besonders Italien und Holland, wo besonders jüdische Glasschleifer diese Kunst ausübten. Be­kanntlich hat sich auch der Philosoph Spinoza da­durch seinen Lebensunterhalt erworben. In Deutsch­land war es das gewerbsieißige Nürnberg, das Bril­len fertigte. Sie scheinen aber nicht besonders gut aewesen zu sein, denn man scheute manchmal nicht

die Mühe und Kosten einer Reise nach Italien, mn eine bessere zu kaufen, und noch Lessing klagte, daß er nicht gute Brillen erhalten könne.

Benjamin Franklin, der Erfinder des Blitzab­leiters, bildete ums Jahr 1780 die Brille in origi­neller Form fort. Er gab ein Brillenglas an, das aus zwei in einer wagerechten Scheidelinie znsam- menstoßenben Hälften derart zusammengesetzt ist, daß die obere Hälfte zum Sehen in die Ferne, das andere zum Sehen in die Nähe, namentlich zum Lesen benutzt wird. Hieraus haben sich später die heutigen Augengläser mit Doppelform entwickelt.

Je mehr sich die Wissenschaft vom gesunden und kranken Auge vertiefte, die Kunst der ^lasberestung und Glasschleiferei vervollkommnete, verbesserten sich auch die Brillengläser. Tie tüchtigsten Aerzte, Physiker, Mathematiker und Techniker haben an der Brill: gearbeitet und heutzutage stellt man Gläser von iinübertoffener Wirkung und bequemster Form her. Ein Kurz- oder Weitsichtiger kann sich heute viel leichter mit feinem Schicksale abfinden, als früher, da er eine ungeschickte, schwere Brille mit farbig spiegelnden Rändern tragen mußte. Aber über gesunde „unbewaffnete" Augen geht doch nichts und darum glücklich der, der keine Brille trägt, und töricht, der aus Eitelkeit sich einen Klemmer auf die Nase stülpt.

** Wicviel es bei uns im Sommer regnet.

Ein verregneter Sommer liegt hinter uns. Wir haben ihn überstanden, werden aber noch lange an seinen Folgen für die Landwirtschaft zu tragen haben. Ta wird mau mit besonderer Aufmerksam­keit den Mitteilungen eines Gelehrten lauschen, der uns mit präzisen Angaben den Charakter der Som­merregen erklärt und eine Gesetzmäßigkeit in dell scheinbar so launenhaft und wechselvoll austretenden Regenfällen nachweist. In den Sitzungsberichten der Berliner Akademie der Wissenschaften veröffent­licht der Meteorologe Geheimrat Hellmann eine Abhandlung über den Charakter der Sommerregen in Norddeutschland, wobei er sich auf zehnjährige Registrierungen der Niederschläge durch Plnviogra- phen feiner eigenen Konstruktion stützt. Die Un­tersuchung umfaßt die fünf Monate Mai bis Sep­tember, die als sommerliche Regenzeit zusammen- qenommen werben müssen: die Stationen, an denen die Auszeichnungen gemacht wurden, gehören vor­zugsweise dem norddeutschen Flachlande an; doch sind auch die Gipfelstationen Schneekoppe und Bro­cken zum Vergleich herangezogen worden.

Aus den so in langjähriger Arbeit zusammen- aestellten Tabellen ergibt sich, daß die Zahl der Re-, gentage, an denen es nur einmal regnet, über­raschend klein ist, jedenfalls viel kleiner, als man nach der bloßen Erfahrung erwarten dürfte. Ein­maliges Regnen erfolgt nur an knapp einem Drit­tel aller Regentage, und an reichlich doppelt so viel Tamm regnet es in mehr ober minber zahlreichen Absätzen. Die größte Zahl der zeitlich getrennten Regenfälle an einem Tage läßt sich nicht genau an« geben, ba die Registrierapparate jeden feinsten Sprühregen nicht anzu zeigen vermögen; nach den bisherigen zehnjährigen Aufzeichnungen mußte einem Tage, an dem es 18 'Mal regnete, der Rekord in der Menge der Niederschläge zuerkannt werden. Die Tage mit nur einem Regen fall sind zu einem großen Teil die Gewittertage, die nahezu 30 Prozent der Regentage ausmachen und deren Anzahl von Mai bis September zwischen 60 und 75 je nach der Gegend schwankt, und dann die Tage mit Platzregen. Tie Tage, an denen der Regen wiederholt unterbrochen wird, gehören dem häufigen Typus der langandauernden Landregen an, die in Begleitung der meist in westöstlicher Richtung nörd­lich von Deutschland vorbeiziebenden barometrischen Depressionen eintreten, lieber die Dauer d'e s Regens konnte nach den Aufzeichnungen von sieben norddeutschen Stationen sestgestellt werden, daß 72 Prozent aller Regenfälle eine Dauer bis zu einer Stunde haben, nur noch 14 Prozent eine solche von zwei bis drei Stunden. Auf Regenfälle von mehr als sechsstündiger Dauer entfallen nur noch 2 Prozent. Es ist daher gewöhnlich eine arge lieber« schätzung, wenn Leute, die von ihrem Wetterpech erzählen, angeben, es habe 12 oder gar 24 Stunden geregnet. Regenfälle von zwölfständiger Dauer sind bereits eine außerordentliche Seltenheit, die höchstens alle drei bis vier Jahre einmal an einer Station registriert wird, und Regenfälle von 24 Stunden wurden in den zehn Sommern an den weitesten Stationen überhaupt nicht beobachtet. Alle solche langdauernden ununterbrochenen Regenfälle gehören den sogenannten Landregen an, die in der kalten Jahreszeit zwar häufiger als in der warmen Vor­kommen, aber auch in dieser einen hohen Prozent­satz aller Regenfälle ausmachen. Regenfälle von mehr als fünfstündiger Dauer müssen fast immer in diese Kategorie gerechnet werden, lieber die Dich­tigkeit oieser norddeutschen sommerlichen Land­regen wurde nach Aufzeichnungen an der Potsdamer Wetterstation ermittelt, daß die mittlere Stunden- Regen 1,4 Millimeter betragt . Ein Landregen, der zwei ober mehr Millimeter in der Stunde liefert, muß also schon als stark bezeichnet werden. Eine Ausnahme bilden die starken wolkenbruchartigen Regen hn östlichen norddeutschen Binnenland, die die Sommerhochsluten dec Oder verursachen. Es sind dies die ergiebigsten Sanb regen in ganz Nord­deutschland, bei denen Stundenmengen von 8 bis 10 Millimeter öfters Vorkommen. Wie lange regnet eS nun durchschnittlich an einem Regentage? Die Auf- zeichnunaen der verschiedenen Stationen ergaben ba eine große Uebereinstimmung im Verlauf der Zah­len. An 31 Proz. aller Regentage beträgt die Daun bis zu einer Stunde, an 20 Prozent ein bis zwei Stunden, sodaß rund die Hälfte aller Regentage eine Dauer bis zu zwei Stunden hat. Tage, an denen es zwei bis drei Stunden regnet, sind schon viel seltener, als solche, an denen es eine halbe bis eins Stunde regnet Die Zahl der Tage, die eine Siegenbauer von drei bis fünf Stunden haben, ist ebenso groß wie die der Tage, an denen der Regen bis zu einer halben Stunde dauert. Die Tageszeit, in der Regenfälle am häufigsten auftret m, ist sehr verschieden und läßt keine bestimmten Gesetze er­kennen. Unsere Sommerregen lassen sich am besten nach ihrer verschiedenen Herkunft einteilen, je nach­dem sie dem großen ober bem kleinen Kreislauf bes Wassers angehören. Unter dem großen Kreis­

lauf des Wassers versteht Hellmann diejenige« Mederschläge, bet denen der größt: Teil des al» Stegen niedergehenden Wasserdampfes in den baro­metrischen Depressionsgebiet eu durch die Winde oom Ozean herbeigefichrt wird, um bann in flüssiger Form zu diesem zurückzukehren. Hierher gehör:« die langbauembm und weit verbreiteten Landregen. Rührt dagegen ein erheblicher Teil des Wasserdam« pses, der zu Stegen wirb, von bet Verdunstung ie bet Nachbarschaft oder an Ort und Stelle her, bann kann man von einem kleinen Kreislauf oe» Wassers sprechen. Durch ihn werden Niederschlag« von kurzer Dauer, die sich mehrere Tage hinter­einander in fast derselben Form wiederholen, verur­sacht, so die strichweise auftretenden Gewitterregen, Gewitterböen und Hagelschläge, sowie die lokalen Platzregen. Den größten Anteil an der Gesamt­regenmenge des Sommers haben die Gewitterte gen, denn obwohl sie im Binnenlands nur den vier­ten bis dritten Teil der Regentage ausmach rn, stammt nahezu di: Hälfte der Regenmengen von ihnen her. Trotz ihrer durchschnittlichen Dauer von einer Stunde fit ihre Regenmenge sehr groß und er­reicht als ©tunbenmajimum 90 Millimeter.

X Zur Obsternte.

Jetzt ist die Zeit der Obstreife. ES freut sich alt und jung, bildet doch das Obst eine willkommene Zuspeise zu allen Mahlzeiten. Ist auch der Eiweiß- geholt l.-.selben nicht nennenswert, so sind dafür die in ihm enthaltenen Kohlehydrate (Zucker und Stärkemchl), die Säuren (Apfel-, Wein- und Phos­phorsäure) und die ätherischen Oele wertvoll.

Wann und wie soll geerntet werden? Hinsicht­lich der ersten Frage mü,fen wir unterscheiden zwi­schen Sommer-, Herbst- und Winterobst.

Das Sommer-Kernobst muß genutet werden, ehe die völlige Baumreife eintritt. Wird letzterer Zettpunkt abgewartet, so werben die Früchte mehlig, büßen an Aroma ein und verlieren auch an Haltbarkeit. Soll das Frühobst seinen Wohl­geschmack voll entwickeln, so muß es einige Tage vor der Reife gepflückt werden, etwa dann, wenn sich die Kerne braun zu färben beginnen. Das Ab­nehmen der Früchte sollte in Zwischenräumen von einigen Tagen erfolgen. Dadurch verlängert man die Ernte ganz wesentlich. Es werden immer die reifsten Früchte vorweg geerntet. Dadurch können die übrigen noch am Baume hängenden Exemplare genügend nachreifen. So verlängern wir nicht nur die Obsternte, sondern vermehren sie auch, weil wir eine bessere, gleichwertigere, gut ausgewachsen» Ware erhalten.

Tas Herbstobst dagegen wird erst dann ge­erntet, wenn sich die Früchte leicht vom Baume schütteln lassen. Tas ist bei uns in der zweiten Hälfte September und anfangs Oktober der Fall.

Das Winterobst muß möglichst lange am Baum belassen werden. Meistens aber find die Leute ängstlich und entleeren die Bäume vor dem Eintritt der ersten Fröste. Zur Beruhigung kann gesagt werden, daß leichte Froste dem Spattckst nicht schaden. Durch das später Pflücken wirb bie Haltbarkeit, Güte und Vollkommenheit der Früchte erhöht und dem vorzeitigen Welken vorgebeugt.

Was die Ernte anbetrifft, soll zunächst gezeigt werden, wie nicht vorgegangen werden soll. Das Herz tut dem Beschauer weh, wenn er ttn Herbst zusehen muß, wie die Fruchtbäume noch da und dort mißhandelt werden. Mit schweren Lettern wer­den die Kronen ruiniert, die Bäume so stark ge­schüttelt, daß bie Neste nur so durcheinander wirbeln. Ter Obstpflücker tritt ungescheut mit schweren ge­nagelten Schuhen aus die Aeste und stampft auf den­selben herum. Er denkt nicht daran, daß durch die groben Nagelschuhe schwer heilende Verletzungen der Rinde unausbleiblich sind, aus denen inbem Krebs, Brand nsw. entstehen können. Rach den letz­ten Flüchten wird von Schulbuben nicht selten miti Steinen und Knütteln geworfen.

Kommen wir nach der „(Ernte"_— um nicht zu sagen Plünderung — an solchen Bäumen vorbei, so bieten diese einen traurigen Anblick bar. Die Krone ist zerzaust, geknickte Aveige hängen überall herab, der Boden unter dem Baume ist übersäet mttBlatt- rosetten, an denen sich bie Fruchtknospen für das kommende Jahr gebildet haben. Dadurch, daß eine Menge Zweige abgerissen wurde, ist auch ein Teil der nächsten Ernte dahin. Wir brauchen uns daher nicht zu verwundern, wenn allgemein die Ansicht verbreitet wird, daß nach einem sruchtbaren Obst­jahre em Fehljahr folge.

Nachstehend einige Ratschläge, wie die Obsteritts vernünftiger Weise vor sich gehen soll. I« erster Linie beauftrage man mit dieser Arbeit ruhige, be­sonnene Leute, die Gewähr bieten dafür, daß die Ernte sachgemäß besorgt wird. Ein großer Fehler wird darin gemacht, daß man die ganze Ernte des Baumes auf einmal einheimsen will. Nicht olle Früchte ein und desselben Baumes reifen gleichzeitig; bie auf der Sonnenseite unb außen an den Zwer­gen befindlichen gelangen naturgemäß früher zur Steife, als bie auf der Schattenseite und hn Inner« der Krone wachsenden. Anfangs wird nur das reifste Obst geschüttelt, einige Tage später das übrige. So werden bie sonst leicht eintretenden Verletzungen des geschüttelten Obstes wesentlich vermindert. Ist der Boden hart oder würden die Früchte auf Stra­ßen unb Wege fallen, so muß natürlich vorerst eine genügende dicke Strohschicht auf den Boden ansge- brettet werden. Daß alle Früchte nur in trockenem Zustande geerntet werden sollen, braucht nicht erst gesagt zu werden. Das Winterobst läßt man nur zu oft durch die Hände gehen. Dadurch geht der feine Wachsüberzug, den viele Sorten besitzen und der sie vor zu schneller Wasserabgabe schützt, verloren.

Zum Pflücken des Tafelobstes verwendet man an Stelle des Pflücksackes vorteilhafter den Pflück­korb, da bei Verwendung von Säcken das Entstehen von Druckstellen unvermeidlich ist. Die Pflückkörbe dürft« aber nicht zu tief fein, andernfalls drücken bie oberen Schichten auf die unteren. Zum Gewin­nen von wett außen hängenden Früchten braucht man vorteilhaft einen Obstpflücker. Um zu ver­meiden, daß die Leitern an dünnen Arsten unb an reichem Zweigwuchs angelegt werden müssen, sind mit Streben verstellbare Leitern zu verwenden! Jede mit dem Einernten der Früchte betraute Person merke sich bie Regel: Wer sorgfältig erntet, erntet doppelt!