M 222.
Freitag den 27. September 19(2.
39. Jahrgang.
Tuldaer w Zeitung«
2. Blatt.
vruck un» Verlag der Mdaer Actiendnlckrret ti Znlda.
b. Vierte Generalversammlung des christl. Textilarbeiter-Verbandes
i« Elberfeld.
In weit. Verlauf der Sitzung vom Mittwoch wurden dieersorderlichenWahlen vorgenommen. Zunächstwrrd be'chlosfen, den Zentraworftand von 9 auf 10 Personen zu erweitern. Wiedervewäblt als Zentralvorstands- miiglieber wurden: Sistenich-Düsseldorf. Fischer-Düsseldorf, Camps-Münster; neugewählt Otte-Bocholt und Joh. MüUer-M.-Gladbach.
Nach Erledigung der Wahlen erhielt Dr. Wohl- mannftelter das Wort zu einem zweistündigen, hoch- interessanlen Vortrage über „Die Zoll- und Handelspolitik Deutschlands, speziell unter Berücksichtigung der Textilindustrie." Der Vortrag soll als Broschüre herausgegeben werden.
Eenerallelretär Stegerwald-Köln warf einen mrzen Rückblick auf die Tagung, die er als in jeder Beziehung außerordentlich gui gelungen bezeichnete.
HI,!m Schlußwort des Zenlralvo rfitz enden Schiffer wurde die Genrraloersammlung mit dem Abflngen des Liedes „Deutschlaud, Deutschland über alles ‘ und einem begeisterten Hoch auf den Verband geschlossen.
17. Allgemeiner Caritastag.
c. Nürnberg, 26. Sept. 1912.
Gestern nachmittag hielt die Vereinigung für Caritashilfe in der Seelsorge ihre Generalverfammlung ab die geschlossen war und bei welcher Paler Raphael Hüfner 0. F. M. Marienthal (Rheingou) über „Das Laienapostolat zur Unterstützung der neuzeitlichen Seelsorge" sprach.
Abends fand eine öffentliche Männerversammlung patt. Zunächst machte Generalsetrekär RUeher Mitteilung von den heute nachmittag im Ausschuß des Carilasverbandes gefaßlen Beschlüßen. U. a. ist beschloßen worden, daß der nächste Caritastag in Münster i. W. stattfinden soll. Hierauf spricht Geistl. Rat Prof. Reed (München) über: „Unsere Aufgaben in der modernen Jugendfürsorge". Er betont das Recht des von den natürlichen Erziehern vernachlässigten und verwahrlosten Kindes auf Fürsorgeerziehung und bespricht dann aussührlich die caritattve Mitarbeit in der allgemeinen Fürsorge- und Zwangserziehung. (Beitritt zu den Jugendfürsorgevereinen, persönliche Mitarbeit, Jugendgerichtshilfe, Uebernahme von Schutzaufsicht- und Fürsorgestellen sowie von Vormundschaften usw.) Dann spricht noch P. Bona- ventuara O. P. (Berlin) über: „Das katholische Männerapostolat in Familie und Gesellschaft." Ein flammender Ausruf ist es, den der bekannte Sänger der Caritas, der Troubadour der großen heiligen Gottes- und Nächstenliebe an die kath. Männerwelt richtet: Seid Apostel der Autorität, der Frauenehre, vor allem aber eures heiligen Glaubens! In stürmischen, nicht endenwollenden Beifall bricht die große Versammlung aus, nachdem sie über eine Stunde lang ht atemloser Stille dem Redner gelauscht hat, dessen flammende und hinreißende Beredlsamieit in der ganzen kath Welt und wett darüver hinaus bekannt ist. In ein begeistert a (genommenes dreimaliges Hoch auf Papst, Kaiser und den Prinzregenten hat er seine Ausführungen ausklingen lassen. Zum Schluß ergreift noch Erzbischof Dr. v. Hauck das Wort tu einer kurzen Ansprache und erteilt der Versammlung den bischöflichen Segen. " Mit einem Hoch auf den Erzbischof wird hierauf die Versammlung geschlossen, nachdem der Vor- fitzende noch des Trauerfalls gedacht hak, der das Königshaus betroffen hat.
Aus dem Nachbargebieie.
* Bad Salzschlirf, 27. Sept. 1912 Am hiesigen Kurhaus find gegenwärtig umfangreiche Ver- größcrungsarbeiten im Gange, die bis zu Beginn der nächstjährigen Sm on fertiggestellt fern müssen. Die Unterkunftsräume für Fremde, Badegelegenheiten . sw. sollen bedeutend vermehrt werden.
* Aus der bayerischen Ahö«, 26. Sept. 1912. Gestern nachmittag herrschte in der Rhön ein heftiger Schneesturm rote mitten im Winter. Die Berge waren bis unten mit Schnee bedeckt und boten den Anblick einer herrlichen Wmterlandfchaft, die jedoch nur von kurzer Tauer war, denn vor der Sonne hielt der Schnee nicht stand.
* Wächtersbach, 27. Sepl. 1912. Die diesjährige Ubfischunng des großen Wei Hers bet Wethershof hatte eine überaus große Zahl Zuschauer aus der Umgegend herbeigelockt. Tas Ergebnis war 5800 P und Karpfen, welche an Ort nnd Stelle verkauft wurden.
♦ Rotenburg a.d. F., 26. Sept. 1912. Die hiesige Schülerherberge, die seit dem 1. Juli für den Verkehr geöffnet war, ist geschloffen worden In der Hauptsache wird die Herberge vom Nieder- hessischen Touristenverein in Kastel unterhalten. Die Herberge wurde von 53 Besuchern in Anspruch genommen. Sear lebhaft wurde der Verkehr nach dem Beginn der Ferien im Rheinland und in Westfalen seit dem 9. August. Am lebhaftesten war der wechselseitige Verkehr von und nach der Schülcr- h.rberge Schwarzenborn, aber auch der Austausch mit Spangenberg war nicht geri g.
* Friedrichsdorf i. T., 27. Sept. 1912. Aus Mitteln des Zenlralstudienjonds wurden für die Saalburg ein über 35 Hektar großer Waldkomplex von der Gemeinde Friedrichsdorf zum Preise von 300000 Mark angekauft. Das gekaufte Gelände, das zu Ausgrabungen Verwendung finden soll, ist allhistortscher Römerboden und liegt südlich des Pfahkarabens und des Fröhlichen Mannskopses.
* 'Wiesbaden, 26 Sept. 1912. Für nächsten Sonntag hatte der Hachwürdigste Herr Bischof von Limburg die feierliche Einweihung unserer neuen Dreifaltiqkeitskirche zngefagt. Leider machte es ihm seine ernste Erkrankung unmöglich, diese Amtshandlung selbst vorzunehmen. In seiner Vertretung wird nun der Hochwürdigste Herr Bischof Dr. Schmitt von Fulda die Funktion freundlich übernehmen
* Aschaffenburg, 27. Sept. 1912. Zum Zwecke der Ergreifung von Maßnahmen zur Versorgung der Stadt mit billigerem Fleische wird eine Kommission gebildet. — Im Herbste vorigen Jahres batte die Stadt die Vermittlung von Kartoffeln im großem Maßstabe uns mit Erfolg betrieben.
Amt Geisa und Umgebung.
* Vacha, 26. Sept. 1912. Der Wartburgbezirk im Thüringer S t en ogra ph e nb un d „Stolze- Schrey" hält seine diesjährige Herbstoersammlung am 13. Oktober im Hotel „Meininger Hof" in Bao Liebenstein ab. In dem Programm de- Veranstal- tungen ist u. a. ein Schnellwettschreibeu vorgesehen
* Dermbach, 26. Sept. 1912. Die hiesige Hebet» landzentrale läßt z. Zt. eine zweite Wasserturbine etnbauen. Die bisherige Turbine reichte nicht mehr aus, da das Speifungsnctz immer größer ivird. — In der verflossenen Nacht wurden einem hiesigen Einwohner die Weintrauben abgepflückt und tn der vorgestrigen Nacht an der Lengsfelder Straße die Aepfel von zwei Bäumen abgenommen. — Mit dem heutigen Tage verlaßt Herr Oberförster Axthelm unseren Ort. Vom 1. Oktober ab wird ihm ein Dezernat für das Forstwesen übertragen: gleichzeitig ist er von diesem Zeitpunkt ab zum Regicrungs- und Forstrat ernannt worden.
* Duttlar bei Geisa, 27. Sept. 1912. Die Kali- geroerkschaft Buttlar berichtet: Am 20. Juli ds. Js. teilten wir mit, daß wir damit rechneten, demnächst geschlosseneres Gebirge zu bekommen. Tas hat sich leider nicht bestätigt. Unseres Erachtens müssen wir noch etwa weitere 40 Meter abteufen, ehe wir in geschlossenere Schichten kommen. Ter Schacht hat heute eine Tiefe von 227 Nietern. In unserer elektrischen Zentrale find Die Heißdampf- tnrbinen nunmehr soweit vervollständigt, daß wir eine genügende Reserve besitzen. Auch die zweite Fördermaschine, welche als Reservefördermaschine dient, ist in Betrieb genommen Wenn wir auch bei den gegenwärtigen größeren Wafsermengen mit einem großen Fortschritt beim Abteufen noch nicht rechnen dürfen, so ist doch zu hoffen, daß wir nunmehr die Schachtsohle andauernd behaupten und nut einem den Verhältnissen entsprechenden Fortschritt rechnen können.
* Tiefenort, 26. Sept. 1912. Der Busen- graben, dessen seitheriger Besitzer Leutnant Nebe war, ist für den Preis von 200000 Mark an einen Herrn aus Rothenburg ü’bergeganren. — Dem kürzlich im Schachte Dönges verunglückten Bergmann A. Weber aus Kieselbach ist jetzt ein Bein abgenommen worden.
* Völkershausen, 27. Sept. 1912. Vorgestern wurde hier Herr Forstaffeffor Ecksachs aus Wil- helmstal m fein neues Amt als Obersörster eingeführt.
Aus Gberheffen u. den heff. Aemtern.
* Marburg, 27. Sept. 1912. Zum Rektor der Universität Marburg wurde für 1912'13 der Direktor des staalswiffenschastlichen Seminars, Prof. Dr. Troeltsch gewählt. — Dem Direktor der medizinischen Klinik, Prof. Dr. Matthes, wurde der Charakter als Geheimer Medizinalrat verliehen.
* Frankenberg, 27. Sept. 1912. Der bisherige Seminardirekior Tr. Ernst Liese von hier ist zum Regierungs- und Schulrat ernannt und der Regierung in Kostet überwies n worden. — Ter bisherige kommissarische Landrat des Kreises Frankenberg, Herr Regierungsastcssor Dr. S t a p e n h o r st, wurde zum Königlichen Landrat des Kreises Frankenberg ernannt.
* Cölbe, 27. Sept. 1912. Hier grassiert unter Kindern und Erwachsenen eine bösartige Lungenentzündung. Eine ganze Anzahl sind erkrankt.
* Böhl, 27. Sept. 1912. Die Kraftwagengenossenschaft Vöhl-Herzhausen ist nun endgültig gegründet worden. Sie hat sich dem Verbände der landwirtschaftlichen Genossenschaften des Regierungsbezirks Kastel und angrenzender Geb-ele angefchlosten. Zum Direktor wurde Rendant Schnaar gewählt. Vorsitzender des Aufstchlsrats ist Bürgermeister Klingethöfer. Die Genossenschaft hat erfreulicherweise in allen Schichten der Bevölkerung warme Unterstützung gefunden.
* Ebsdorf, 27. Sept. 1912. Eine unliebsame Verzögerung wurde vorgestern den Pastagieren eines nach Marburg fahrenden Zuges der Kreisbahn be- revet. Unterwegs löste sich die Lokomotive vom Zuge ab und fuhr allein weiter. Das Vorkommnis wurde von den Beteiügten von der heiteren Selle aufgefaßt.
* Fiitzlar, 27. Sept. 1912. Dieser Tage wurde auf dem Landratsamt die fogenannte Gendarmeriekaserne, die dem Fiskus gehört, öffentlich verkauft. Die katholische Kirckengememde, die auf das Grundstück stark reflektierte und auch schon früher ein Gebot abgegeben hatte, blieb mit 14000 Mark Höchstbietende. Rian hätte hier nie gedacht, daß für das im Dechaneiviertel gelegene, schwer zugängliche Haus ein so hoher Preis erzielt werden würde. Wie verlautet, will die Kirchengemeinde das Haus zu Wohnungen für Geistliche Herstellen losten. — In der Nacht zum Dienstag wurden die hiesigen Einwohner durch Feuerlärm aus dem Schlafe geweckt. Es brannte das ehemalige Anwesen des Wagenbauers Rackwitz, das erst feit erntgen Monaten Fuhrmann Bruchhäuser bewohnt. Dieser konnte mit seiner Familie kaum das nackte Leben retten, da die Treppen schon brannten, als er geweckt wurde. Große Strohvorräte, die in dem abgebrannten Gebäude lagerten, boten dem Feuer viele Nahrung. Die Feuerwehr konnte das Feuer nicht bändigen und mußte sich darauf beschränken, es. zu lokalisierey. Die Geschädigten sind versichert. Heber die Entstehung des Brandes ist nichts bekannt geworden, doch hält man Selbstentzündung de§ feuchten Strohes für möglich.
vermischtes.
* Lohnbewegung in der Oberlausitzer Textilindustrie- Die Arbeiterschaft des bedeutendsten Oberlausitzer Textilindustriebezirkes Zittau und Umgegend ist in eine Lohnbewegung eingetreten. Sie fordert eine Lohnerhöhung von zwanzig Prozent lei gewöhnlicher Arbeit und dreist ig Prozent bei Heberstunden.
* Unter Vergistungserscheinungen sind in Merseburg 38 Personen schwer e krankt. Die Ursache kst der Genuß von rohem, gehackten Fleisch, das von einem Fleischermeister bezogen wurde.
* Auch ein „großes Los". Es gibt nicht nur in Märchen Erbschaften, die sozusagen vom Himmel herab direkt in den Schoß bedürftiger und braver Mädchen fallen. Haben da kürzlich zwei Dienstmädchen, Isabella unb Eliza Shillinglaw aus Gar- d o n, einem englischen Landstädtchen, die stattliche Summe von 720 000 Akar! von einem Onkel, der als armer Schäfer vor 72 Jahren nach Neuseeland ausgewandert und dort im Alter von 92 Jahren gestorben war, geerbt. Es hat viele Mühe gekostet, die glücklichen Erbinnen ausfindig zu machen.
3m Schutze des Zauberers.
23] Eimlnch-mdttcver Roman von E. A. £> e n 11)
„Das finde ich sehr erklärlich", sagte Isabella; „er haßt allen Humbug! Ich würde mich deshalb Wohl hüten, ihn um eines eingebildeten Leidens willen rufen zu lassen."
Als Kapitän Forster nach einem Quartier zu- rückging, sagte ;r zu sich selber:
„Ta habe ich mich etwas vergälloppiertk Der Major war gereizt, als ich von Bathurst sprach, und das Fräulein, als ich vom Doktor redete. Aber wie allerliebst sie ist! Selbst drüben sah ich kein so hübsches Gesicht! Mit ihr und Frau Doolan wird es sich ja hier Wohl aushalten lassen."
Ter Mafor, ängstlich, daß Isabella ihn wegen Bathursts Kriegsrrlebnissen befragen könnte, wa: gleich nach Forsters Weggang ebenfalls verschwunden, und Isabella saß nun allein, ungeduldig auf den Doktor wartend, der am Nachnnttag gewöhnlich auf ein halbes Stündchen heran kam.
„9hm, Fräulein Hannah, tote ist Ihr Mittagessen gestern verlausen?" hörte man ihn auch bald ftagen. „Wie gefällt Ihnen Forster? Vorhin sah rch ihn ia von hier kommen."
riefäHt mir gar nicht", antwortete Isabella entschieden.
der ^caeN^E" wirklich eine Ausnahme von
„Gestern fand ich ihn sehr unterhaltend, — und er hat auch so etwas Ritterliches, was einem gefal- len mutz. Aber heute habe ich mich über ihn ge- argert. Z "sit sagte er, Sie, bester Herr Doktor, warm ein merkwürdiger Charakter."
schmunzelte. „Na, da hat er doch
er —sie brach wieder ab, m Ä nicht wahr fein fann; näm-
SrfaS e °"s Feigheit die Armee
verlaswu^ Tas ist doch Verleumdung?" .Jagte-eL ftOr anttoortete nicht sogleich. Endlich
,Man sollte von der alten Geschichte nicht mehr reden. Ich bin überzeugt, weder Forster noch sonst jemand weiß genau den Zusammenhang. Und selbst wenn sie wahr wäre, träfe Bathurst jetzt fein Vorwurf. Als Beamter braucht er doch keinen Soldatenmut."
„Das kann kaum Ihre Meinung fein, Herr Doktor! Jeder Mann muß Mut haben! Könnte man vor einem Feigen wohl wirkliche Achtung hegen? Ich glaube es nicht!"
„Mut, liebes Kind, hat ebensowohl ein: physische wie eine moralische Seite. Manche Menschen sind physische Helden und moralische Feiglinge, — bei anderen ist es gerade umgekehrt. Ich halte Bathurst für einen ungewöhnlich edlen Charakter. Ich bin überzeugt, daß er sich in vielen Fällen als ein Held zeigen würde; aber es ist trotzdem möglich, daß bei einigen Gelegenheiten seine Kraft aus physischen Gründen versagt."
,Mer in d:c Schlackt muß ein Mann doch tapfer fein! Sich dort feige zu zeigen, toä"e zu schmachvoll! Tapferkeit ist mir immer als die glänzendste Mannestugend erschienen, und jemand,' dem sie fehlte, käme mir verächtlich vor — weibisch Nein, Herr Doktor, diese Geschichte kann nicht wahr sein. Ich kenne doch Herrn Bathurst nun schon eine ganze Weile — und Sie haben immer so anerkennend von ihm gesprochen. Nein, gerade er wäre der letzte, von dem ich so etwas für möglich halten könnte!"
„Ich kenne alle Einzelheiten des Falles genau. Sie können mir glauben, Kind, wenn ich sage, daß Bathurst nichts getan hat, was im geringsten mehre Achtung vor ihm gemindert hätte, und daß er in vieler Beziehung mutiger ist als irgend ein andrer."
„Ja, das mag sein, aber damit beantworten Sie meine Frage nicht! Hat Herr Bathurst die Armee verlassen müssen, weil er sich feige zeigte? Wenn das der Fall ist, warum haben Sie ihn zu uns gebracht? Warum haben Sie ihn stets so gelobt? Warum haben Sie nicht gesagt: dieser Mann hat manche gute Eigenschaft, aber in einem Punkte ist er verächtlich — er ist feige?"
In ihren Worten, ihrer Stimme lag so viel leidenschaftlicher Schmerz, daß der Doktor nur ruhig erwiderte: „Ich wußte es nicht, liebes Kind, sonst hätte ich von diesem einen Fehler an ihm gesprochen. Ich bin durchaus nicht dafür, da, wo es darauf ankommt, etwas zu verschweigen. Aber ganz gewiß ist er nicht verächtlich, wie Sie glauben."
Isabella wars ungeduldig den Kopf zurück.
„Lassen wir es auf sich beruhen, Herr Doktor. Was geht es mich denn an, ob Herr Bathurst tapfer rst oder nicht? Es ist nur kein angenehmer Gedanke, vertraut mit einem Manne verkehrt zu haben, der—"
„Nicht weiter!" rief der Doktor. „Denken Sie wenigstens daran, daß er mein Freund ist. Damit wir nicht länger streiten, will ich lieber gehen."
Als er fort war, saß Isabella lange in peinlichem Nachdenken. »Sie war unbewußt dahin gekommen, Bathurst hoch übet die anderen zu stellen. Ter Ernst, mit dem er der Arbeit oblag und leichtfertige Vergnügungen verschmähte, hatte ihr B-- wnnderung eingeflößt. Leute, die weit älter waren als er, hatten auf feine Meinung Wert gelegt. Sein ruhiges, etwas zurückhaltendes Wesen stach vorteilhaft ab gegen die scherzende Flatterhaftigkeit der meisten Männer, mit denen sie in Berührung kam. Er war ihr so fest, so zuverlässig und vertrauenswürdig erschienen, und sie war in den wenigen Wochen schon dahin gelangt, seine Besuche zu ersehnen, seine Anschauungen für maßgebend zu halten, und sogar sich einzugestehen, daß er ihrem ,Jdeal von Männlichkeit ziemlich nahe käme. Und nun zerfiel dies alles plötzlich in nichts. Ihm fehlte die allerbeste Mannestugend. Er hatte die Armee, wenn nicht schimpflich, so doch unter einem belastenden Verdachte verlassen, und selbst sein bester Freund, der Doktor, konnte nicht ableugnen, daß jener Verdacht immerhin begründet sei. An dem Schmerze, den sie darüber empfand, erkannte sie -erst, daß fte auf dem Wege gewesen war, Bathurst zu lieben — und wie bitter war die Entdeckung.
„hierfür wenigstens muß ich Kapitän Forster dankbar sein", sprach sie zu sich selber, während sie
* Die größte Orgel der Welt. Die Riesenfesthall« der Jabrhundertausstellung in Breslau zur Er« mnerung an die Befreiungskriege soll die größt« Orgel der Welt erhallen, die 180 Stimmen besitzen wird.
* Ein kluger Einfall. Der Bürgermeister de« französischen Stadt Firminy hat, um dem im (ranzösifchen Norden besonders stark wütenden Alkoholismus zu steuern, verboten, daß dir Brannlroeinkneipen fernerhin matte Glasscherben, Holzjalousien oder Vorhänge haben. Er meint, daß das Ehrgesühl der Arbeiter es ihnen verbieten werden „im Gläshause" dem Schnapsteufel zu huldigen. Na! (ich bat er sich den Zorn der zahlreiche« Schnapsschänken der Stadt zugezogen, ein Zorn, der bei dem Einfluß dieser Herren bei allen fraw zösischen Wahlen wohl die Wiederwahl des Bürgermeisters nach Ablauf seines Mandats zu verhindern wissen wird.
* Heber den Kanal geflogen. In Calais ist vorgestern der französische Flieger Guillanx auf» gestiegen, um nach England zu fliegen. Er führte glücklich den Flug über den Kanal aus und landete in Sangate ohne Zwischenfall.
* Ter Silberschatz des Zaren. Das kaiserliche Hofmarschallamt in Petersburg hat den Baron Foelkersam beauftragt, einen illustrierten Katalog des gesamten Silberschatzes der kaiserlichen Schlösser zusammenzusteUen. Dieses Silberzeug, das zum größten Teil, von den pradjtltebenben Kaiserinnen des 18. Jahrhunderts im Auslande, zumeist in Frankreich, bestellt wurde, repräsentiert fabelhaft« Werte, trotzdem viele der kostbarsten Stücke al3 Geschenke an befreundete Fürstlichkeiten verwendet worden sind, andere in Zeiten der Not einfach eingeschmolzen wurden. Das Gesamtgewicht des Silber- beträgt nahezu 21 000 Kilogramm, dazu kommen noch 900 Kilogramm Gold und 2 Kilogramm Platin. Man plant, diese bisher nur von der Hofgesellschaft gekannten Schätze durch eine öffentliche Ausstellung der allgemeinen Besichtigung zugänglich zu machen.
Literarisches.
Hermann's Fahrpläne — Verlag von A. Mahle liebt, Bremen — sind soeben in der Winterausgabe erschienen; ein sicherer Reiseführer, ein Kursbuch auf der Höhe der Brauchbarkeit, wie es jeder Reisende ttt Nord-, West- und Mitteldeutschland mit Vorliebe gebraucht. Jede neue Ausgabe zeichnet sich aus durch jortschreitende Verbesserungen, wie es das große Am roadjien des Eisenbahnverkehrs mit sich bringt. — Mit der großen Uebersichllichkeit weiter Entfernungen verbindet das Buch auch ein sehr leichtes Zurechtfind en.
Gotterdienstorünung.
Samstag, 28. Sept. Fulda. Nonnenkirche. 9 Uhr Hochamt.
Reklamen- und Anzeigenteil.
f • 's»
Dreimal täglich
Scotts Emulsion eine Zeitlang regelmäßig genommen, macht
zarte Kinder stark und lebenslustig.-
Nur muß es die echte ScottS Emulsion fein, keine Nachahmung.
r1)
37 Jahre
hindurch steht die echte Henkel» Bleich. Soda bet den Hausfrauen in hoher Gunst. Achten sie beim Einkauf immer darauf, daß Eie nicht eine bet vielen, oft minderwertigen Nachahmungen bekommen.
zornig eine Trane von ihrer Wange entfernte. „Er hat mir doch beizeiten di; Augen geöffnet. Was hätte ich angefangen, wenn ich vielleicht zu fpät entdeckt hätte, daß ich einen — Feigling liebe?" Ich hätte mich selbst verachten müssen — wie ihn."
Ter Doftor war in zorniger Erregung, als tr sie verließ. „Muß sich dieser nichtswürdige Ker! einmischen", murmelte er vor sich hin, während er sein Pferd durch einen ganz unerwarteten Peitschenhieb überraschte. „Gerade jetzt, wo alles so gut ging. Ich sah schon meinen Wunsch erfüllt. Freilich, Bathurst hätte sich ihr ja nie erklärt, ohne sie vorher mit feinem eigentümlichen Gebrechen bekannt zu machen, das weiß ich. Aber von feinen Sippm hätte die Mitteilung all' dieser Dinge ganz anders auf sie gewirkt als so. Daß ich auch nichts tun konnte, sondern schweigen mußte! Ich gäbe gern ein Vierteljahrsgehalt hin für die Freude, den Äerl durchpeitschen zu können! Ob ich wohl Bathurst mitteile, was geschehen ist? Es wäre am Ende das beste. Ah, da ist der Major! Was gibt es Neues? Sir sehen ja so erregt aus?"
„Schlimme Nachrichten, Doktor! Eben jetzt schreibt mir unser Oberst, der General habe durch einen Eilbrief aus Berhampore erfahren, daß so- ivohl dort als auch in Baarackpore beim 19. und 34. Regirnrnt Eingeborener ganz offene Unruhen ausgebrochen seien. Die Mannschaften haben den Offizieren den Gehorsam verweigert, — Rufe der Empörung sind laut geworden und sogar Tätlichkeiten vorgekommen. Beide Regimenter werden wohl ausgelöst werden."
„Tas klingt in der'Tat sehr bedenklich, Major. Es sieht so aus, als wollte das Gerücht von einer allgemeinen Empörung sich bewahrheiten. Wmn ein Tigerjunges gezähmt wird, ist es ein allerliebstes Spielzeug sobald es aber einmal Blut geleckt hat, wird es ebensolche wilde Bestie, wie feine Mutter war. Wir wollen noch das Beste hoff »i, — aber wenn die Eingeborenen eines Tages losbrechen, so ist gar nicht abzusehen, was sie anrichten können."
(Fortsetzung folgt.)