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222. Erstes Blatt.

Fulda, Freitag den 27. September 1912.

39. Jahrgang.

der Annahmedes Lotterievertrages und der Milderung des I e s u i 1 e n g e s e tz r s. Welch eine krankhaft gesteigerte Einbildungskraft ge­hört dazu, um auf den Gedanken zu komme«, daß in Berlin die Jesuitenfreiheit für Lotteriegeld kauf- lich sei. Und welch einen Mangel an Urteilskraft traut man dem liberalen Publikum zu, dem man ein solches Kuhhandel-Märchen vorzusetzen wagt?

Die Macher rechnen offenbar mit der Ersah- rungstatfache, daß auch daS d ü m m st e Zeug Glauben findet, wenn es nur gegen Jesuiten, Ka- tholizismus und Zentrum sich richtet. Das ist eine Erscheinung, gegen welche die Götter selbst verge­bens kämpfen. Sollte eine Milderung oder gar Auf­hebung der Jesuitenverfolgung eintreten, so werden wir trotz der bündigen Erklärung Hertlings in libe­ralen Geschichtskalendern zu lesen bekommen, daß die schlauen Jesuiten ihr Heil der Lotteriegemein­schaft zu verdanken hätten. Sollte aber keine Er­leichterung kommen, nun, dann sagt man einfach, durch den liberalen Einspruch sei dieses heimliche Schachergeschäft im letzten Augenblick vereitelt wor­den.

Gegen solche Virtuosen im Hetzen und Verleum­den ist lein Kraut gewachsen. Man muß sie re­den lassen und einfach das rechte tun. Unsere Freunde in Bayern haben richtig gehandelt, und das Bellen der Großblockspitze beweist nur, daß sie reiten.

Deutsches Reich.

5 Berlin, 26. Sept. 1912. Prinz Heinrich von Preußen, der seit dem 21. d. M. in Tsingtau weilt, wird Anfang Oktober die Rückreise auf dem Landwege nach der Heimat antreten. Besonderes Interesse nimmt Prinz Heinrich an der Gründung eines Eisern und Stahlwerkes im Schutzgebiet Kiautschau, das difsen Eisenerzlager auSnützen soll, da die Errichtung eines solchen Werkes als dringende wirtschaftliche Noliverrdigkeit anerkannt ist. — In Konstantinopel steht die Eröffnung einer Stabs- offfzierssckule in der Kaserne Guemuesch Sugu neben der deutschen Botschaft unmittelbar bevor. Em deutscher Generalstabsossizier ist auf Antrag des Generals Hamid-Pascha zu ihrer Leitung gewonnen worden.

♦ Die Jesuitenfrage. Ueber den Stand der Jesuiten« frage teilt der.Lotalanzeiger' anscheinend zutreffend folgendes mit:

«lieber Jejuitenfrage und Bundesrat werden von anderen Blättern fortgesetzt unzutreffende Mitteilungen verbreitet, die der NtchtigUellung bebütfen. Es ist un­richtig, daß sich der Bundesratsausschuß für das Justiz, wesen noch in dieser Woche mit dem bayerischen An­träge auf zuverlässige Auslegung des Begriffes „Ordens- tätigteii" im Jesuitengetetz beschäftigen wird. Als der Bundesrat in Sommerferien ging, wurde in Aussicht genommen, daß seine Ausschüffe anfangs O teber ihre Tätigkeit wieder aufnehmen sollten. An dieser Be­stimmung ist nichts geändert worden. Falsch ist es auch» daß die vom Reichsfustlzomt ausgearbeUele Denkschiift über das Jesuiiengesetz dem Bundesrat bereits znge- gangen sei Daruus folgt, daß auch die angeblich ge» p!a..le Gegendenkschrist der bayeritchen Regierung noch nicht auSgearbeitet oder gar dem Bundesrat zugegangen sein kann, da hierzu die vorherige Kenntnis des Stand­punktes des Reichssustlzamtes erforderlich wäre. Auch alle sonstigen diese Angelegenheit betreffenden Meldungen beruhen aut haltlosen Beimuiungen. Sie ruht seit den Ferien des Bundesrats vollständig und m ihrem S.ande hat R n nichts oedi bett *

(♦) Die Arbeiten der Wassergesehkom.missioit des Abgeordnetenhauses lassen sich nach Blättermeldun­gen nicht so schnell fördern, wie man ange­nommen hat. Wahrscheinlich wird die Kommission ihre Arbetien bis zum Wiederzttsammentritt des Plenums fmtm bewältigen können, sodaß dte zweite Lesung des Wasfergesetzes im Plenum erst in der zweiten Hälfte des Rooembers vorgrnommen werden könnte. Das Sparkaffengesey, das Maorschutzqesrtz und zahlreiche Anträge sind für die Ptenarberacuug reif und das Schteppmonop»Gesetz soll dem Abgeord- netrnhause beim Zusammentritt neu unterbreitet werden.

• Die Einrichtung einer allgemeinen Posttranken- kafse für die Unterbeamien ist vom Reichspostamt beschlossen und damit ein lange gehegter Wunsch der unteren Beamtenklassen erfüllt rooroen. Der ,Voss. Zig/ wird darüber geschrieben: Dte Fest­setzung des endgiltigen Statuts ist in turzer Zeit zu erwarten. Die monatliche Beitragshöhe soll aus 1 Mark festgesetzt werden. Dasür beantpruchen die Unterbeamten tu erster Linie trete Aerztewahl und bei Operationen die Erstattung eines erheblichen Teiles der betonderen Kosten.

Tie Regelung der Hausarbeit in der Zigarren- Industrie wird demnächst durch Bundesratsoerordnung erfolgen, nachdem der Entwurf, der dtese Älaierte behandelte und dte Mängel aus diesem Gebiete be- fettigen sollte, tm Reichstag nicht verabschiedet worden war. Im Hau-arbettsgesetz, das nur all- gemetne Bestimmungen über Hausardett enthält, ist der Bundesrat ermächtigt worden, nach Bedarf für bestimmte Industrien sanitäre Sonderbesttmmungen zu erlassen.

* Zum Thema „Parität in Preußen« wird der „Germ." geschrteben: Im Amtsblatt der Köttiql. Regierung zu Münster vom 12. September 1912 ist folgendes zu lesen: „Dem Pfarrer W u n- derltchm Erkenschwick tsi dte örtliche Aufsicht über die evangelischen Volksschulen in Er- kenschwick, Ehfel u-td Suderwich übertragen wor­den." — Gegenstück: Dem katholischen P f a r- rer Noters, der ungefähr tut selben Zeit fein Amt antrat, soll die Ortsschulinspektion nicht übertragen werden. Man will ein Rektorensystem zusammenstoppeln und dem anzustellenden Rektor die Funküonen der geistlichen Ortsschulinspektion übertragen. Parität?! — Der evangelische Kreisschulinspektor in Recklinghausen und der zuständige Negierungsrat, der auch die katholischen Volksschulen im Kreise Recklinghausen unter sich hat, sind ficherent Vernehmen nach frühere tban> gelische Theologen. Also evangelische Theo- loflen können .Ortsschulinspektoreu, Kreisschulin-

Rusland.

** Die französische Regierung und die Lohrer- bcrbäitbe. Die energische Haltung der französischen Regierung gegen dir unbotmäßigen Lehrer hat, wie vorauszuschen war, beim ersten Sfirnrunzeln der Loge schmählich versagt. Nachdem die Großloge an­läßlich ihres Jahreskonvents bereits den Lehrern eine Sympathiekundgebung halt: zugehen lassen, hat auch der „Großorient" gegen das „willkürliche und ungerechte" Vorgehen der Regierung gegrnüber den Lehrern protestiert. Und die Regierunghat sich alsbald beeilt, zu zeigen, daß ihr vor allem anderen daran liegt, die Logen nicht zu erzürnen. So hat der Minister Guist'hau gelegentlich der Enthüllung einer Statue der Republik in Vssinet eine Rede ge- hasten, die man als Antwort auf den Schritt der Großlogen an schon kann: es kam darin -war etwas vor von drr geistigen Vaterschaft" der Lehrer, die sich hüten müßten, in den Herzen der Kinder da­heilig' Fetter der Vaterlaudslrebe zu verdunkeln, aber von den früheren Maßregeln gegen die unbot­mäßigen Lehrer war keine Rede mehr. Fast gleich­zeitig vertraute der Minister einem Korrespondenten der „Agence Havas" feine Reformpläne an. Es handelt sich um eine Reihe von Konzessionen an die Lehrer, die wohl die Ruhe unter den Rebellen wie­der Herstellen dürften. Es wird so ziemlich alles zu­gegeben, was die Verbände verlangen: Kostenpunkt 40 Millionen- Da die Lehrer andererseits behaup­ten, sie seien nicht antimilitaristisch, so wird das gute Einvernehmen mit der Regierung Wohl bald zurückkehren — bis zu den nächsten Forderungen. Tie Regierung ist auf den ersten Mahnruf der Loge den Rebellen entgegengekommen, ohne die Unter­werfung derselben abzuwarten.

* Tas Eroßfürsteupaar als Reklamemittel. In der Pariser Zeitung „Humanite" macht sich der Abg. Allard recht treffend über die sentimentalen >

spektoren, RegierniigSschulräte werden. Der neue katholische Pfarrer darf nicht einmal OrtS- schulinspektor fein "

* Ablehnung einer weiblichen Dozenstr. Die Frage der Zulaffung von Frauen zum akademischen Lehr­amte steht wieder aus der Tagesordnung. Fräulein Ur. phil. Engel - ReimerS suchte bei der Berliner Universität um Zulassung zur Dozentur nach. Das Gesuch wurde abgelehnt. In der Begründung wies dir Fakultät u. a. darauf hin, daß bereits vor einigen Jahren der Minister ein Gesuch der Gräfin Linden-Bonn um Zulaffung zur akademischen Lehr­arbeit abschlägig deschieden habe.

△ Vom liberalen Bilderstreit. Dem Vorsitzen­den der Fortschrittlichen Volkspartei in M ü n ch e n, Professor Quidde, waren bekanntlich die Bilder des Kaisers, Bismarcks und Moltkes, mit denen das Münchener liberale Parteiheim geschmückt wer­den sollte, unangenehm, und sie wurden deshalb entfernt. Als die „Südd. ntlb. Korr." hiervon Mitteilung machte, verlegte sich die offiziöse „Lid. Landtagskorr." zuerst aufs Leugnen, weil die Sache auch in liberalen Kreisen peinliches Aufsehen er­regte. Aber mit dem Abstreiten kam man nicht weit. Am Mittwoch mußte sich der nationallibcrat’ Ver­ein Münchens mit dem Bilderstreit befassen. Um einem drohenden Massenaustritt aus dem national- liberalen Verein zu begegnen, brachte der Ausschuß eine scharf und deutlich auf den — allerdings nicht genannten — Professor Quidde zugespitzte Tadels- r c s o I u t i o n zur Abstimmung, die nach heftigen stundenlangen Auseinandersetzungen mit den links­liberalen Freunden mit einer nur ganz geringen Mehrheit von wenigen Stimmen angenommen wurde

* Beuthen (Oberschlesien), 25. Sept. 1912. Die heule hier tagende Vertrauensmännerversammlung der Schlesischen Zentrumspartei war von über 200 Vertrauensmännern besucht und wurde vom Abg. Geh. Jusnzrat Dr. Porsch-Breslau geleitet. In der Generaldebatte sprach sich eine Reihe von Rednern in der schärfsten Weise gegen die quer» lreiberische .Katholische Aktion" aus. In einer Resolution lehnte die Versammlung die .Katholische Aktion" entschieden ab und erklärte, daß die Zuge­hörigkeit zur „Katholischen Aktion" mit der Zuge­hörigkeit zur Zentrumspartei unvereinbar sei. Eine weitere Resolution verlangte entschieden die Auf­hebung des Jesuitengesetzes.

— Posen, 26. Sept. 1912. Auf der Tagung des Gu st av -Adolf-Vereins wurden 40,000 Mark als Festgabe der Evangelischen der Stadt und der Provinz Posen überreicht. Die diesjährige große Liebesgabe tm Betrage von 22,000 'Mark ist auf bi« Gemeinde Peschendorf in Siebenbürgen gefallen. Die Gesamt-Einnahmen des Vereins betragen 2,163,318 Mark, die Schenkungen und Vermächtniffe der beiden letzten Jahre rund ’/r Millionen Mark. Im Vor­jahre konnten 1,913,827 Mark für Diaspora-Psiege ausgegeben werden. Gegenwärtig stehen 2257 Ge­meinden in der Pffege des Vereins. Die Kindergabe betrug in diesem Jahre 26,027 Mark. Das gesamte Vermögen der Vereine und der Zentrale beträgt gegenwärtig 7,079,398 Mark. Seit 1832 sind bis beute 56 Millionen für die Pflege evangelischer Gemeinden verwandt worden. Kirchenrat Dr. Har­tung wandte sich (das durste natürlich nicht fehlen!) gegen jede Milderung des Jesuiten-Gesetzes.

** München, 26. Sept. 1912. Prinzregent Luit­pold von Bayern, über dessen befinden ungün­stige Meldungen verbreitet worden waren, wohnte am Donnerstag der Trauermesse für den verstorbenen Herzog Franz Joseph in Bayern bei und unternahm dann eine Sp ziersahrt. Der Prinzregent leidet an den üblichen Älterserscheinungen: einem Blasenleiden und dem Auftreten von Wasser. Dazu kommt, daß der Katarrh, an dem er vor einiger Zeit litt, sich wieder eingestellt hat. Eine momentane Gefahr aber besteht — soweit bei einem 91 jährigen Manne eine Voraussagung möglich ist — offenbar nicht. — Die Beisetzung des Herzogs Franz Joseph in Bayern sand in Tegernsee nach einem Requiem in der Schtoß- lrrche statt. Als Vertreter des Kaisers war Prinz August Wilhelm von Preußen erschienen.

die Behauptung aufgestellt worden, daß zwischen der Lotterievorlage und der Stellungnahme der bayerischen Regierung zum Jesuitenerlaß ein Zusammenhang bestünde. Ich erkläre mit aller Be­stimmtheit, ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Dingen hat zu keiner Zeit bestanden. Zu keiner Zeit hat die bayerische Regierung es unternom­men, direkt oder indirekt, amtlich oder autzeramllich, öffentlich oder vertraulich die beiden Fragen in Zu­sammenhang zu bringen. Ich halte sogar den Ge­danken, daß ein solcher Schritt von feiten der bayerischen Regierung unternommen werden könnte, für belei­digend sowohl für die bayerische Regierung, wie für die übrigen Bundesregierungen. Wie liegt die Sache? Nachdem der bayerische Erlaß so große Erregung her­vorgerufen hat, haben wir die Entscheidung des Bun- d-sral» angerufen und ihn zu einer amhemischen Interpretation aufgefordert. ES handel sich also um eine Frage deS Rechts und der Gerechtig- k e i t. und ich weise e# weit von mir, daß ich den zu erwartenden Richterspruch dadurch in meinem Sinne beeinflussen möchte, daß ich Freundlichkeiten oder Ge­fälligkeiten an die Richter verteile. (Bravo im Zen­trum.) Ein nachträglicher Rücktritt wäre für Bayern so schwierig geworden, weil von Bayern die Anregung zu den Verhandlungen ausgegangen sei. Er bitte das Haus, den Entwurf mit großer Mehr­heit anzunehmen. — Schließlich nahm die Kammer den Gesetzentwurf mit 89 gegen 83 Stimmen an. Die ersten Lose sollen schon im nächsten Januar zur Ausgabe gelangen. Sie sollen in Bayern in etwa 100 Kollekten verteilt werden, die sich auf 53 Städte erstrecken.

Diese Erledigung der Lotteriefrage freut uns. Nicht deshalb, weil wir das Glücksspiel für eine völkerbeglückende Bescherung erachteten, sondern weil ein Stein des Anstoßes ausgeräumt worden ist. Das Schellern des Lotterievertrages würde eine gewiff; Mißstimmung und Reibung her­beigeführt haben, und zwar nicht allein zwischen Berlin und München, sondern auch zwischen der bayerischen Regierung und der bayerischen Kam­mermehrheit. Tas Ministerium Hertling nahm den Standpunkt ein, daß Bayern, nachdem das frühere 9)?inift:riuni die Abmachung mit Preußen ange­regt hatte, nicht ohne zwingenden Grund wieder zurücktreteu dürfe, und daß insbesondere der Aus­weg einer eigenen Staatslotterie ungangbar sei. Demzufolge stand die Kammer vor der engeren Wah', entweder den vorberelleten Vertrag anzuneh- m:n oder bei der endgiltigen Ablehnung außer den moralischen Nachteilen auch den Verlust eines be­trächtlichen Einnahmepostens im Staatshaushalt in den Kau) zu nehmen.

Die Zentrumsftaktion in München hat den ob­waltenden Verhältnissen Rechnung getragen. Da­für erntet sie von den liberalen und sozialdemo­kratischen Gegnern die Borwürfe des „Umfall s" und des „Kuhhandel s". Auch das preußische Z ntrum und die Reichstagsfraktion des Zentrums muffen sich manche Anwürfe gefallen lassen; doch in Bayern wird das Schimpfen und Verdächtigen vonseiten der Großblockheiden viel toller be­trieben. Der Wortwechsel ist dort ferne sachliche Er­örterung mehr, sondern eine Rauferei.

Von einem Umfall könnte höchstens dann die Rede fein, wenn das Zentrum sich vorher gründ- f ä tz l ich gegen eine staatliche Lotterie ausgespro­chen hätte und jetzt doch die Lotterie zuließe. Das

"Ker, wie wir schon bargelegt haben, nicht der «yoH. Das Zentrum hat bei drr ersten Abstimmung nickt bie Lotterie selbst abgelehnt, sondern vielmehr eine andere Form des staatlichen Glücksspiels angeftrebt. an Stelle der Beteiligung an der preu­ßisch-süddeutschen Lotterie sollte di;eigeuebaye- rische Staatslotterie treten. Inzwischen hat sich nun dieser zweite Antrag, den die Kammer bevor, zugen wollte, als nicht gangbar erwiesen. Die Regierung will nicht, die Kammer der Reichsräte will nicht. Obendrein ijt nachträglich bekannt ge­worden, daß die Initiative zu der ganzen Lot» teriegemeinschaft von Bayern ausgegangen war, und daß also Bayern mcht gerade bundesörüderlich handeln würde, wenn es nachträglich der preußischer und den anderen süddeutschen Regierungen die Hetzer des Vertrages vor die Füße werfen und eine

^onlurrenzlotterie begründen wollte. Wmn nach dieser Klarstellung unser: Freunde in München urfcen Vertrag stimmten, so war das kein Umfall, onderu die psllchtmäßrge Nutzanwendung aus den lnzwnchen gemachten Erfahrungen. Ebenso korrekt und vernünftig ist bai Verhallen vom finanund Standpunkt aus. Bayern braucht dr: Einnahme aus der Lotterie, und zwar zur Aufbesserung der Staatsarbeiter. Wenn es sich nun als u n mö glich erweist, diesen Bedarf aus , der eigenen Lotterie zu decken, nun, bann muß man ihn aus der Lotterie-Gemeinschaft zu erzielen suchen. Da von „Umfall" zu reden, ist kin­disch.

Noch alberner ist das Gerede vom „Kuhhandel" von der angeblich erstrebten Wechselwirkung zwischen

Der preußisch-bayerische Lotterie- Vertrag.

München, 26. Sept. 1912. In der bayerischen Abgeordnetenkammer begann heute erneut die Debatte über den Preußisch-Süddeutschen Lot­terievertrag. Abg. Pichler (Z.) verwies auf feine im Finanzausschuß abgegebene Erklärung, daß seine Partei dem Entwurf nach der von den Reichs- räten vorgenommenen Aenderung zu stimmen werde. Man stehe jetzt vor einer vollständig neuen Tatsache, der vom Zentrum gewünschte Weg der Ein­führung einer bayerischen Klassenlotterie sei durch die Haltung der Staatsregierung und den Beschluß der Reichsratskammer jetzt verschlossen. Abg. Schmid- München (Soz.) sprach gegen die Vorlage. Die ent­scheidende Wendung habe der Ministerpräsident Frhr. v. Hertling gebracht, als er im Reichsrat erklärte, man habe gemäß dem Entschluß der Regierung zwi­schen dem preußischen Vertrag oder gar keiner Lotterie zu wählen. Für Herrn v. Hertling seien in erster Linie politische, nicht finanzielle Gründe maßgebend gewesen. Nachdem der Finanzminister die An­nahme des Lotterievertrages nochmals mit der keines­wegs günstigen Finanzlage empfohlen hatte, sprach als letzter Redner

Ministerpräsident Freiherr von Hertling. Mit Nachdruck erklärte er: Es ist wiederholt

fiunbgebungen der russischen Großfürstin Anastasick an der deutschen Grenze luftig, über die wir geftenf berichteten. Anknüpsend an die Ausdrücke der V« wunderung und Rührung, in denen die Pariser Preffe den Fall verzeichnete, bemerkteer:

Trocknen wir unsere Tränen der Rührung und le- sen wir in den Finanzrubriken derselben Zeitungen folgende bescheidene Zahlen: Man kündigt für Oktober eine russische Anleihe von 1200—1500 Millionen an. DaS i st al so daS ganze Geheimnis der Reise des Herrn Poincare nach Rußland, der Ent­sendung deS Großfürsten nach Frankreich und der Wall­fahrt dec Großfürstin an die lothringische Grenze. Wenn Frankreich früher angcpumpt werden sollte, tarn Zar Nikolaus persönlich. Jetzt ist daS nicht mehr nötig. DaS Bündnis hat derartige Fortschritte gemacht, daß es genügt, sich einen französischen Minister nach Rußland kommen zu lassen, oder einen russischen Großfürsten nach Frankreich zu schicken. Heute läßt Frankreich sich nach seinem Seite« brn melken. Man mag übrigens die Taschen der­jenigen, die nicht alle werden, leeren; eS scheint aber höchst gefährlich, daß Großfürsten und Großfürstinnen zum alleinigen Zwecke der Erleichterung dieser Sorte von Geschäften nach Frankreich kommen und an der französisch-deutschen Grenze Theater spielen.

** Tie geglückte» Jnvasionsmanöver. Bon de» englischen Flottenmanövern wird weiter gemeldet: Das zweite Geschwader von den Torpedojägern, die den Feind darstellen, drang gejern morgen in di« Buchtvon Filey ein, nahnt den Platz, entfernt« die englische Flagge von der Schutzstation und hißt« die femdliche Flagge. Augenblicklich befindet sich die ganze Küste von Uorkshire in den Hände» des „Feindes". Wird das wieder eine Auf­regung in England geben.

*' Die ruffischeu Gesäugniffe überfüllt. Da all« russischen Gefängnisse (die sibirischen inbegriffen) überfüllt sind, Hal di« Regierung beschlossen, die Verbannung nach Sachalin (einer großen Jniel an der Nordost-Küst« von Asien) wieder ein« zuführen und zunächst einen Teil der sibirischen Sträflinge dorthin zu bringen. Ein Teil der Sträf­linge wird auf die Inseln des Baikal-Sees vertritt.

* 250 chinesische Meuterer erschaffen. In der Nacht zum 25. d. Mts. empörten sich in Wut« s ch a n g 2000 Mann Kavallerie. Ihnen hatten sich Artilleristen angeschlossen, von denen sie jedoch nach­her im Stiche gelassen wurden. Die Verschwörung wurde entdeckt. 50 Meuterer feftgenommen und sofort erschossen. Liyuanhung sandte treuge­bliebene Truppen gegen die Empörer, von denen weitere200 gefangen genommen und erschossen wurden. Dte übrigen ergriffen di« Flucht. Jetzt ist alles wieder ruhig.

* China. Wie Rußland in bet Mongolei, st richtet sich England in Tibet häuslich rin. Englische Ingenieure treffen Borbereitungen für eilte neue Bahnlinie, die von der Hauptstadt von Birma über Vbamo und Batang in Tibet und von dort nach Tfcheng tufu, der Hauptstadt der chine­sischen Provinz Szetschuan, sichren soll.

* Die Orientwirre«.

Krteg oder Frieden aus der Ballanhalbinsel? Das ist noch immer die große Frage. Der Ballan­vierbund, Serbien, Bulgarien, Montenegro und Griechenland, lauert nach wie vor auf eine Ge­legenheit, um übet die Türkei herzufallrn. Sehr kriegslusfig geberdet sich neuerdings Serbien. Friedfertiger scheint man dagegen in Bulgarien geworden zu sein. Der bulgarische Krregsmmilt« hat nämlich die Entlassung der Truppen, die an be« Manöver» in Schunua teilgenommen haben, ange­ordnet. Die Kämpfe auf SamoS bauet« fort. Die kretischen und samischen Rebellen habe« die Vathy dominierenden Höhen angegriffen, dst von türkischen Truppen verteidigt wurden. Da- Feuer dauerte bis zum Abend. Ein französisch« Kreuzet ist am Dienstag, ein englischer am MM, woch in Vathy eingetroffen.

Auf der Pforte wird erklärt, die italienisch« Flotte kreuze fortwährend vor Chio« und nähere sich dem Eingänge deS Hasen« vom Smyrna- bleibe jedoch außer Schußweite der Kanonen. Dst italienische Flotte beobachte wachsamen Auge« dst Warendampfer.

Dr; „Agenzia Stefani" meldet über den Kampf bei Zanznr weitere Einzelheiten. Danach be« trugen die den Italienern gegenüberstehrnden Trup­pen 14000 Mann. Die Italiener schätzen die tür­kischen Verluste auf bedeutend mehr al« 2000 Man«.

Aus Kirche und Schule.

J. Zum Gewerkfchaftsstreit. Die,Juta' erfährt von ihrem römischen Mitarbeiter, daß demnächst eine bie christlichen Gewerks chaften ein­gehend behandelnde Enzyklika an die deutschen Bischöfe gerichtet wird. Es war bi« jetzt nicht mög­lich, etwas über den streng geheim gehaltenen Tert in Erfahrung zu bringen. Man versichert jedoch, daß daS Dokument den beiden gewerkschaftlichen Richtungen (christliche Gewerifchatten und Fach« ablrilungen) vollkommen Rechnung trägt, da der Papst eine enbgiltige versöhnende Formel gefunden hat.

totales.

Fulda, den 27. September 1912.

(*) Eine Sitzung der Siadtverorbneten-Bersammlmig findet am Montag, 30. September, abends 71/» Uhr mit folgender Tagesordnung statt: 1. Mitteilung von Eingängen. 2. Wahl der Mitglieder der Ein« kommensteuer-VoreinschätzungSkommyfion und deren Stellvertreter (Schultheis). 3. Formelle Zustimmung zu einem Grundstücksverkauf (Jestädt). 4. Bildung eines Handwerkerausfchuffes (Fritz). 6 Ordnung bett. Abänderung der Satzungen der städt. Spar­und Vorschußkaffe (Singer). 6. Löschungsurkunden (Singer). 7. Kenntnisgabe einer von dem Kunst­verlag finoedel gemachten Offerte (Adam). 8. An«, frage Singer: Fleischteuerung betr. (Singer). 9. Fest-, fteüung der Gaswerksrechnung für bas Jahr 1910 und Entlastung des RechuuuMührns Schuftes