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X 217.

MmtM «'» 21- Septem»« 1912. $9. Jahrgang-

fuldaer M Leitung

2. Blatt.

vruck und Verla» der znldaer Netlendruckerei in Znlda.

Vo!ksWirtschafMche§ und soziales.

ma. Hebet die Lage des Arbeitsmarktes in Hessen, Hessen-Nasia« und Waldeck im August 1912 berich­tet der Mitteldeutsche Arbeitsnachweisverband: Das Berichtsbild ist int vergangenen Monat int ganzen als günstig zu bezeichnen. Stach dem Bericht der Arbeitsvermittlmigsstelle Frankfurt a. M. ist die Metallindustrie zur Zeit noch voll beschäftigt. Immerhin gibt sie leisen Befürchtungen Raum, da die offenen und die besetzten Stellen gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres abgenommen haben. Das stärkste Angebot von Arbeitskräften stellen die Maschinenschlosser, für die in der nächsten Zeit keine Einstellungen zu erwarten fein dürften. Aehnlich ist es bei den Mechanikern. Bei den Bauschlofsern machte sich ein Mangel an älteren selbständigen Ar­beitern bemerkbar. Für Sattler und TaPe-

merpräsident Tisza im Hause war, einen unbe­schreiblichen Lärm vollführt. Tisza hat sein altes Rezept angewendet und die gesamte Opposition durch Polizisten aus dem Sitzungssaale werfen las­sen. Dabei kam es zu den widerlichsten Auftritten. Mehrere Abgeordnete wurden ohnmächtig. Am Mittwoch wiederholte sich dasselbe Schauspiel. Der Handelsminister Beöthv wurde dabei von mehreren Abgeordneten zu Boden geworfen und schwer miß­handelt. Tie wüsten Szenen haben mit dem Siege des Grasen Tisza und der Regierung ihr vorläunges Ende gefunden, da das Parlament nach der Vor­nahme der Delegationswahlen vertagt wurde. Dre Opposition hat mit ihrem verrückten Gebaren zu­nächst also nichts weiter erreicht, als sich bet allen ernsthaften Menschen zu diskretieren. Auf diese Weise wird das ungarische Volk niemals gu .einem Wahlrecht kommen, ans Grund dessen eine wirkliche Volksvertretung gewählt werden kann. Dre Ob­struktion war das Uuklügste, was dre Minderheit machen konnte. Aber trotz und alledem ist das kein Entschuldiqungsgrund für die Mehrheit, wenn sie jetzt wie "das ja wobl sicherlich erwartet werden darf, die Wahlrechtsfrage nicht in Angriff nehmen wird. . . r ,

Wider Erwarten ist die K r i e g s g e f a h r a tt f dem Balkan, die in bedrohliche Nähe geruckt schien, ziemlich schnell geschwunden. Das ist doch nicht nur der ruhigen und besonnenen Haltung der bulgarischen Regierung zu danken, die sich der Volksleidenschaft mit Entschiedenheit entgegen­stemmte, sondern dazu hat zu einem nicht geringen Teile auch die Stellungnahme der russischen Regie­rung beigetragen. Das russische Ministerium oes Aeutzern hat in Sofia in unzweideutiger und nach­drücklichster Weise zum Ausdruck gebracht, daß cs den Ausbruch eines von Bulgarien veranlaßten Balkankrieges durchaus nicht billigen könne und daß deshalb die bulgarisch: Regierung auf keinerlei Unterstützung Rußlands zu rechnen haben werde. Diese Mitteilung, die in sehr bestimmter Form er­folgt ist, dürfte nicht wenig dazu beigetragen haben, der bulgarischen Regierung gegenüber dem Boiks- willen das Rückgrat zu steifen und es ist zu hoffen, daß sie auch weiterhin eine heilsame Wirkung üben wird.

Aber mehr noch haben die türkisch-italie­nischen Friede iisverhandlungen dazu beigetragen, die Gefahr eines Balkanbrandes zu be­seitigen. Seit einigen Wochen schon meldeten die Blätter, zwischen Italien und der Türkei sei der Friede „im Prinzip" geschlossen. Das sollte wohl heißen, daß auf beiden Seiten große Geneigtheit bestehe, zu einer friedlichen Einigung zu gelangen. Für die Türkei mögen dabei die inneren Schwie­rigkeiten und die Wirren auf dem Balkan ausschlag­gebend gewesen sein, für Italien insbesondere die Konzentration der sranzösischen Flotte im Mittel- meer, di: mit dem offenen Hinweis auf seine Tri- polisaktion erfolgt ist. Im Interesse Europas wäre ein möglichst baldiger Abschluß der Friedensver- handlungen zu wünschen.

nung auch nur ein einzigesmal in der Oefsentlich- keit zu tragen.

* Frankfurt a. M., 20. Sept. 1912. Ein ori­gineller Einbruch wurde hier verübt. Ein Dieb stattete dem Gebäude der Kriminalpolizei in der Klingerstraße einen Besuch ab und hatte sich als Operationsfeld das Leichenkommissariat auser­sehen, wo in einem Geldschrank die Summen auf­bewahrt zu werden Pflegen, die Selbstmörder und ge- ländete Leichen bei sich führten. Der Dieb fand aber kein Geld vor.

* Limburg a. L., 20. Sept. 1912. In diesem Jahre kann das 50jährige Jubiläum der König!. Eisenbahn-Hauptwerk statte, da die Er­öffnung des Betriebes am 12. Dezember 1862 er­folgte, begangen werden. Es ist eine größere In- biläumsseier in Aussicht genommen. Gegenwärtig werden in der Hauptwerkstätte über 900 Arbeiter beschäftigt. — Am 29. September begeht der Mu­si k v e r e i n durch ein Konzert des Berliner Blüth- ner-Orchesters das Fest seines 75jährigen Bestehens.

* Königstein, 20. Sept. 1912. Der Plan der Wasserversorgung der höchsten Spitze deS Taunus, des großen und kleinen Feldberges, durch ein elektrisches Pumpwerk steht jetzt vor der Verwirklichung, indem die Ausfühurng der Arbei­ten der Firma Küchler Söhne in Cronberg für 21000 Mark übertragen wurde. Die Zuführung des Wassers, das mehreren Quellen am großen Feld- berge entnommen wird, nach den Bergkuppen ex* folgt auf automatischem Wege.

* Darmstadt, 20. Sept. 1912. Der 78 Jahr» alte langjährige Ehrenbeigeordnete der Stadt Darm­stadt, Philipp Kahlert, ist Donnerstag ge- starben.

* Wiesbaden, 20. Sept. 1912. Die Vorunter­suchung in der bekannten Schinkendieb­stahl s g e s ch i ch t e ist soweit glichen, daß die Verhandlung vor der Straftammer jedenfalls Mitte Oktober stattfinden wird. Zu der Verhandlung wird ein großer Zeugenapparat ausgeboten werden. Da die Zahl der Angeklagten, meistens Wiesbadener kleinere Geschäftsleute, ebenfalls ganz ansehnlich ist, es sollen über 20 in Betracht kommen, so dürften die Verhandlungen längere Zett beanspruchen. — Der Weißbindermeister Schwalbach in Dieden­bergen stürzte beim Nuffepflücken aus einem hohen Baum ab und blieb mit gebrochenem ®entd tot liegen.

* Ems, 20. Sept. 1912. Eine 62jährigs Braut, Witwe, wurde dieser Tage auf dem Stan­desamt mit einem Sechsunddreißigjährigen getraut. Es ist dies das dritte Mal, daß die heiratslustig^ Dame den Weg zum Standesamt gefunden hat.

* Weimar, 20. Sept. 1912. Durch biet hiesig« Knaben im Alter von acht dis dreizehn Jahren wurde ein dem Landwirt Graul gehöriger riesiger Strohschupprn, der da? Stroh von 87 Acker Weizen und 15 Acker Streu enthielt, au6 Mutwillen angezündet. Einem Arbeiter, der das gewattig« Feuer bemerkte, gelang es, die drei Knaben zu et* greifen und sie der Polizei zu übergeben.

* B»m »ichSftwe. SO Sept 1912. (Sitte Frage, welche die Bewohner des Unstruttales schon fett Jahresfrist lebhaft interessiert, ist jetzt zu ihre«' Gunsten entschieden worden. Rach behördlicher Mitteilung ist nunmehr endgiltig entschieden, daß die Entlaugungswässer von den Kaliwerke« Hüpstedt, welche man zum Teil in die Unstrut abzmi leiten plante, nicht in die Unstrut abgeführt werden dürfen.

* Aus Franken, 20. Sept. 1912. Infolge der reichlichen Obsternte wird Heuer im Sinngrunde ausnahmsweise vielObstwetn geleit ert. Durch die nasse Witterung hat das Obst nicht viel Süßstoff, sodaß der Wein einen etwas herben Geschmack hat, — Wegen Auftreten der M a s e r n mußten in Zeit« lofs die Schulen geschlossen werden. — Auf Ar* regung des ehemaligen Gutsbesitzers Hagenbuche» in Römershofen machte ein aus 5 Herren bestehen­des Konsortium bei Strum einen Versuch mit Ta*

gieret ist die Vermittlung abgeflaut; nach dem Bericht des Tapeziererverbandes in Frankfurt a. M. wurden Polsterer und Dekorateure zumteil entlassen, selbst die ständigen Arbeiter mußten teilweise mit verkürzter Arbeitszeit arbeiten und zwar zwischen 1—4 Stunden pro Tag weniger. Arbeitslosenunter­stützung wurde an 31 Personen gezahlt. In einer Segeltuchfabrik in Kassel ist ein Streik ausgebro- cheu. In der Portefeuilleindustrie in Offenbach a. M. und Fechenheim a. M. ist die Beschäftigung zur Zett sehr gut. In Fechenheim macht sich seit einiger Zett ein Mangel an Portefeuillerinnen (Kö- bcrinnen, Stepperinnen und Zuschneiderinnen) be­merkbar. In der Industrie der Holz- und Sch n itz- st o f f e war bei den Schreinern die Beschäftigung zufriedenstellend. Auch für Wagner, Küfer, Glaser und Rahmenmacher war die Beschäftigung gut. An Metzgern herrfchte in Kassel Mangel. Im Schu'hmachergew erbe war der Geschäfts­gang in Frankfurt a. M. gut, im Schneider­gewerbe der Saison entsprechend langsam. In der Schuhfabrikation Offenbach's war der Geschäfts­gang etwas besser als im Vormonat, teilweise wurde jedoch mit verkürzter Arbeitszeit gearbeitet. In Mainz ist die Nachfrage nach Schneidern bereits lebhafter geworden, der Bedarf an Konfekitonsschnei- dern, der sich durch die Vergrößerung einer Mainzer Herrenkleiderfabrik in außergewöhnlichem Maße steigerte, konnte bis zum Schluß des Monats nicht gedeckt werden. In Worms blieb bei den Schuh­machern die Geschäftslage unverändert, Schneider fanden weniger Arbeit. In den Bauberufen war bei der Arbeitsvermittlungsstelle Frankfurt a. Main die Arbeitsgelegenheit für Maurer und Zim­merleute sehr gering. In Kassel war die Bautätig­keit etwas lebhafter als in den Vormonaten. Nur im Mcttergewerbe überstieg gleich wie im Vormonat das Angebot an Arbeitskräften erheblich die Nach­frage. Im Buchdruckergewerbe machte sich in der ersten Hälfte des Monats ein starkes Heber» angebot von Arbeitskräften bemerkbar, in der zwei­ten Hälfte des Monats besserte sich der Geschäfts­gang. In der Frauenabteilung des Städt. Arbeits­amtes Mainz hat die Arbeitsgelegenheit für F a- brikarbeiterinnen nachgelassen. Dienst- boten haben sich mehr als im Vormonat vormer­ken lassen; zugleich hat sich aber auch die Nachfrage nach Dienstboten erheblich gesteigert. Auffallend stark ivar der Zuzug von Mädchen für häusliche Dienste aus ländlichen Gegenden. Die Zahl der auswärtigen Stellensuchenden verdoppelte sich ge­genüber dem Monat August 1911. In Kassel herrschte Mangel an Köchinnen und Hausmädchen, weil es an geeigneten Stellen für junge Mädchen fehlte. Dienstbotenmangel machte sich in Dieburg und anderen klein rn Orten sehr bemerkbar. In der Landwirtschaft herrschte rege Nachfrage nach Arbeitern In Dieburg machte sich ein starker Man­gel an Knechten bemerkbar.

Wochen-Kundschau.

[;] Fulda, 20. September 1912.

Der Kaiser hat sich nach Beendigung der Kaifermanöver zu den Hebungen um er er Hochsee­flotte in die Nordsee begeben. Die an denen 125000 Mann tettnahmen haben rrmut Zeugnis von der vorzüglichen Ausblldung und der zd)lagfertigfeit unseres Heeres abgelegt Am Mon­tag bat dann der Kaiser m der He golander Bucht eine Parade über die deutsche Schlachislotte abge­halten an der 118 Kriegsfahrzeuge tettnahmen, darunter 41 größere. Leider hat der Beginn der Marinemanöver sieben braven Seeleuten das Leben gekostet, indem ein Torpedoboot von dem Linien­schiff „Zähringen" glatt durchschnitten wurde. Von den 8? Mann der Besatzung des Torpedobootes, das in 15 Minuten sank, fanden sieben den Tod in den Wellen.

Tie Reichstagsersatzwahl in Schlett- ft ad t, die durch den Tod des Abgeordneten Will erforderlich geworden war, hat mit dem Siege des elsässischen Zentrumskandidaten Haegy im ersten Wahlgange geendet. Ten Linksliberalen hat bte Wahl eine schwere Enttäuschung gebracht. Sie hofften, ihren Kandidaten in die Stichwahl zu drän­gen, und in der Sttchwahl hofften sie mit sozial- demokrattscher Hilfe zu siegen. Allein ihre schöne Hoffnung ist zuschanden geworden; trotz des außer- gewöhnluhen agttatorischen Eifers, den sie nebst den Sozialdemokraten auf den Wahlkreis verschwendeten. Der Rückgang der Stimmen, den das elsässische Zentrum zu beklagen hat, ist Wohl auf die stark nattonalisttsche Vergangenheit seines Kandidaten znrückzuführen.

In Chemnitz ist am Sonntag der sozialde­mokratische Parteitag zusammengetreten. Bisher boten die Debatten nichts Bemerkenswertes. An den Geschästs- und Kassenbericht schloß sich eine lange Diskussion über die Unstimmigkeiten in der württembergischen Sozialdemokratie an; speziell in Göppingen. Es handelt sich um einen Streit zwi­schen Revisionisten und Radikalen. Die Diskussions­redner warfen sich die schönsten Kosenamen zu, bis endlich Bebel eingriff und durch fein Machtwort dem Streit ein Ende machte. Er befahl, jegliche Resolution zu der Frage zurückzuziehen, was auch geschah. Der wettere Verlauf des Parteitages war über alle Maßen langweilig.

In Sch Warzburg-Rnbol stabt droht ein schwerer Verfassungskonflikt auszubrechen. Hier ist trotz der Auflösung immer wieder ein Landtag mit sozialdemokratischer Mehrheit gewählt worden. Nun hat di Negierung vor den letzten Wahlen den Be­amten eine Teuerungszulage bewilligt, deren Ge­nehmigung der jetzige Landtag noch nachträglich auszusprechen hat. Jetzt weigert sich aber die so­zialdemokratische Mehrheit, diese Genehmigung zu erteilen, und die bürgerliche Minderheit schließt sich in dieser Frage der Sozialdemokratie an. Die Negierung hat sich von dem Staatsrechtslehrer La- band ein recht zweifelhaftes Gutachten ausstellen lassen, wonach sie sich an die Verfassung nicht zu halten brauche, wenn wiederholt eine verfassungs­widrige Mehrheit gewählt werde. Dies hat die Konfliktsstimmung noch bedeutend verschärft. Um der so erhitzten polittschen Atmosphäre Zeit zu las­sen, sich zu entspannen, hat die Regierung den Land­tag plötzlich vertagt.

In Oesterreichs Hauptstadt Wien hat der Eu­charistische Kongreß unter Beteiligung des gesamten Kaiserhauses einen großartigen Verlauf genommen. Allen voran beteiligten sich der greife Kaiser Franz Joseph und der Thronfolger Franz Ferdinand. Den Höhepunkt bildete die eucharistische Prozession am Sonntag.

Weniger Schauliches ist aus Ungarns Haupt­stadt Budapest zu berichten. Das Abgeordnetenhaus ist dort am Dienstag zusammengrtreten, nachdem es vor drei Monaten unter wüsten Szenen ausein­ander gegangen war. Die Opposition hat die alte Taktik sofort ausgenommen und solange der Kam-

Auz dem Nachdargebieie.

* Brückenau, 20. Sept. 1912. Die Gattin des hiesigen Kgl. Notars Grimm, welche in der kürzlich gemeldeten Erpresseraugelegenheit einen Selbstmordversuch verübte, ist heute morgen den Verletzungen erlegen.

* Schlüchtern, 20. Sept. 1912. Der Aufnahme­prüfung ms hiesige Lehrerseminar unterzogen sich 39 Zöglinge der hiesigen Präparandenschule und 3 Auswärtige; es bestanden 34.

* Bad Soden, 20. Sept. 1912. Gegenüber den Mitteilungen, daß nur noch eine Inhaberin des Eisernen Kreuzes irgendwo in Deutsch­land lebt, sei darauf aufmerksam gemacht, daß hier in Soden auch noch eine Trägerin des Ehrenzeichens wohnt, Fräul. Elisabeth Rühl. Die Dame nahm als Krankenpflegerin an dem großen Kriege teil und erhielt für ihre aufopfernde Treue das Kreuz. Ihre Bescheidenheit ließ es aber nicht zu, die Auszeich-

Unpottttsche Seitlaufe.

N. Berlin, 19. September 1912.

-Nachdruck verboten.)

In einem einfachen Fichteufarg, ohne Pomp unb großes Gefolge, im kleinen Kreise der nächsten Ver­wandten und Freunde — wollte der verstorbene Oberbürgermesster von Berlin, Martin Kirsch­ner, gemäß seinem letzten Willen beerdigt werden. Tas Ehrenbegängnis vom Rathause, das sonst den Heimgegangenen Bürgermeistern zuteil wird, hatte er sich ausdrücklich verbeten, ebenso dir üblichen Nachrufe-

Diese letztwillige Verfügung hat man vielfach ge­lobt als Muster von Bescheidenheit und von sparta- nischrr Einfachheit in nuferer Prunkliebenden Zett. Ich halte die gute Absicht des Verstorbenen m allen Würden und Ehren, muß aber offen gestehen, daß mir die Sack- nicht recht gefällt.

Bei der Prüfung einer Handlung stelle ich g»rn die Frage: Wennnunallefohandeln woll­ten, wie würde das wirken? — Ein Mann, der in seiner Amtstätigkeit oder in feiner freien Wirksamkeit im öffentlichen Leben besondere Schwierigkeiten ge­habt oder gar in einer schweren Krisis zusammen­gebrochen ist, mag wohl die Befürchtung haben, daß bei einer größeren Leichenfeier sich Mißstimmung oder gar Mßklänqe einstellen könnten. Aber Herr Kirschner halte nichts zu befürchten und nichts zu verhüten. Sein Leben war normal verlaufen und fein Begräbnis würde auch normal verlaufen sein, d- h. in d-n Formen, die nach dem Tode eines bra­ven Bürgermeisters hergebracht sind. Wenn tt sich nnn die üblichen Ehrungen verbietet und das als musterhafte Bescheidenheit und Einfachheit gepriesen svwd, so klingt da? wie eine Aufforderung an die n b ri g c n staatlichen, städtischen ober kirchlichen Würdenträger, daß sie auch auf Ehrmbegräbnisse, Trauerversammlungm, Nachrufe usw. letztwillig ?.^Kchten sollen. Würde das allgemein durchge- fuhrt, so wäre den: Volk ja die Möglichkeit genom- feine hervorragenden und verdienten Männer un Tode zu ehren. Das wäre aber sehr bedauerlich.

allgemeine Teilnahme an dem Begräbnis eines wichen Mannes ist natürlich und erbaulich. Die Anerkennung, die das Volk zollt, gilt nicht allein der Person, sondern auch der Sache^ die sie zu ihren

Lebzeiten vertreten hat: dem Gemeinwesen, für das der Verstorbene wirkte, ober den Grundsätzen und Zielen, die er im öffentlichen Leben vertrat. Eine solche Leichenfeier ist die Bekundung und zugleich die Verstärkung der Bereitwilligkeit,"das Werk des Verstorbenen forffetzen zu helfen, seine Nachfolger zu unterstützen. An der Bahre eines Königs wird der Patriotismus gehoben, an der Bahre eines Bi­schofs das kirchlich-religiöse Gefühl, an der Bahre eines Bürgermeisters der Gemeindegeist. Der Mann, der zu seinen Lebzeiten sich dem Wohl der Staats­bürger, der Gläubigen oder der Gemeindemitglieder gewidmet hat, soll nicht ohne besonderen zwingenden Grund seinen Pfleglingen oerbiaten, an seinem Lei­chenbegängnisse sich zu erbauen.

In Javan hat man soeben ungeheuer großartige Leichenfeierlichkeiten für den verstorbenen Mikado veranstaltet. Das dortige Heidentum übertreibt die Totenehrung, indem man den Hingeschiedenen ver­göttert. Im Verfolg dieses Irrwahns hat sich dort der General Nogi mitsamt seiner Fran selbst gemordet, zum Totenopfer dargebracht. Zu solchem Unfug und Unsinn arten im christlichen Europa die Leichenfeiern nicht ans. Es fällt den Uebertzbend'n nicht ein, am Grabe eines hervorragenden Mannes dem Tod- noch ein weiteres Opfer zu bringen; vi'l- mehr bringen wir vom sriscbeu Grabe das Bewubt- fein heim: Es gilt, eine Lücke zu füllen, und da uns nodi das Leben unb bie Schaffenskraft ve - längert ist, so müssen wir mit helfen, um bie Tiuoe in gutem Laus zu erhalten, und das können wir allzumal, mdem wir den.Nachfolger nach besten Kräften unterstützen.

In Frankreich wurde frühe: der Tod des Mo- narchei: verkündet mit den Worten: „Der König ist tot, es lebe der König!" Das sollte besagen: d'e Per­son wechselt, das Amt bleibt: betrauert den Verstor­benen und dient seinem Nachsolqer!

Als der alte Kaiser Wilhelm im Jahre 1888 ge­storben war, saate Fürst Bismarck zu dem Grafen Moltke: „Des Dienstes ewig gleich gestellte llbr hält U»S aufrecht." In der Tat, der Dienst am Ge­meinwohl ist bie Hauptsache Der Dienstgang barf auch durch den Todesfall nicht gestört werden. Der Dienstpflicht müssen alle persönlichen Neigungen ge­opfert werden, und wenn es für die Sache vorteilhaft ist, daß eine größere Leichenfeier stattfindet, so ist das auch ein Stück von Dienst, das man nach dem Tode noch leisten kann und soll. -

Im übrigen geht angesichts der letztwilligen Ver- fügnng Kirschners meine Ansicht dahin, daß mqn überhaupt die Freiheit der Hinterbliebe­nen nicht unnötig einschränken soll.

Ein verehrter und lieber Freund und Kollege, der vor einiger Zeit starb, hatte auf feinem Todes­bett die Bestimmung getroffen, daß bei feinem Be­gräbnis die hier zu Lande übliche Leichenpredigt nicht gehalten werden solle. Das entsprach vollständig dem Charakter des Verewigten; aber ich habe es doch bedauert, daß der wackere Pfarrer dadurch verhin- bert würbe, vor ber Trcmerverfammlung eine An­sprache zu halten, die gewiß sehr tröstlich und er­hebend gewesen, wäre. Es ist ja oft sehr schwer, eine gute Leichenpredigt zu hatten, und wegen der Schwierigkeit erklärt sich der allgemeine Verzicht. Aber wenn nun in ber betreffenben Gegend die Lei­chenpredigt üblich ist, so vermißt man etwas bei bereit Fortfall. Im vorliegenden Falle hätte sich der Verstorbene auf den Takt und die Geschicklichkeit des Pfarrers ruhig verlassen können. Ich habe bei die­sem Vorfall auch gefragt, ob ich dem Beispiele folgen und mich für meine Bestattung (die wohl nicht zu lange mehr auf sich warten lassen wird) ebenfalls einfchränkende Bestimmungen treffen sollte. Aber ich habe es bisher nicht getan und werde es wahr­scheinlich mifh nicht tun, sondern vielmehr alles ver­trauensvoll d"m Geistlichen und meinen Hinterblie­benen überlassen.

Wer seinen letzten Willen aussetzt, muß weniger an sich selbst denken, als vielmehr an di: Uebecle- bendcn. Das ist ein wichtiger Grundsatz, den jeder Testamentsverfasser andauernd sicb n->r Auaerr bat­ten feilte. Dann wird es weniger Stirn m u it g s- teftamente und mehr wohlerwogene letztwil­lige Verfügungen geben. Herr Kirschner hatte sei­nen Einsvruch gegen die Leichenfeierlichkeiten schon vor 10 Jahren zu Papier gebracht, wahrscheinlich war er da in einer gedrückten, verdrossenen Stim­mung- Die Geistes- und Gemütsverfassung eines Menschen wechselt sehr häufig mit dem Umschwung der körperlichen Verfassung, der Erlebnisse und der Verhältnisse. Darum ist es ratsam, daß der Versasser eines Testaments erstens eine ruhige Stimmung abwavtet, und zweitens von Zeit zu Zeit das er­richtete Testament einer Nachprüfung unterzieht. Tas Gesetz trägt ja diesem Bedürfnisse Rechnung, indem es Nachträge zu dem Testament gestattet. Nicht selten aber verändern M, bie Behältnisse —

die inneren und die äußeren —- derartig, daß mtt Nachträgen allein nicht mehr auszukommen ist, fon< bern sich eine völlige Neugestaltung deS letzten Willens empfiehlt. Damit vergibt sich der Erblasser nichts; im Gegenteil, er beweist damit, daß er frei von Eigensinn ist und den obwaltenden Be­dürfnissen nach bestem Wissen und Können gerecht ztt werden strebt.

Nach bestem Wissen und Können! Im Sprich­wort heißt es, daß man es nicht allen recht machen könne, und deshalb mutz man darauf gefaht sein, daß der eine oder der andere mit dem Testament nicht zu­frieden ist. Aber es mutz wenigstens für alle, die offene und gerade Augen haben, klar zu erkennen fein, datz der Verstorbene feinen letzten Willen nicht in Uebereihutg, nicht in Eigensinn, Leidenschaft und Vorurteil, sondern in sachlicher, gewissenhafter Ueberlrgnng ausgesetzt hat. Wenn das der Fall ist, so wird er auch die Freiheit der Hinterbliebenen nicht weiter eingeschräntt haben, als unbedingt not< wendig war. Denn er wird sich gesagt haben, daß er die Verhältnisse, dir in dem Augenblick seines To­des eintreten, gar nicht so genau voraussehen könne, nm den Ueberlebenden die Hände binden zu dürfen.

In der Beschränkung zeigt sich der Meister, auch bei der Errichtung des letzten Willens. Aber in beit Bcrmögensangelegenheiten muß bazu bi- K l a r b e i t treten, und zwar vor allem aus dem Grunde, daß Streitigkeiten unter den Erben oder garProzels: nach Menschenmöglichkeit ver­mieden werden müssen. Dann würde ja die Erbau­ung, die vom Grabe ansgehen soll, in. schlimmes AergerniS Umschlägen. Daher ist in allen Fällen,^ wo die Erbfolge nicht einfach und klar ist, die Zu-' Ziehung eines rechtskundigen Vertrauensmannes dringend zu empfehlen.

Wir wollen aber unseren Erben nicht bloß ma­terielle Werte hinterlassen, sondern auch das viel höhere Gut eines guten Namens und eines guten Vorbildes. Das läßt sich freilich nicht durch einen sog. letzten Willen aus dem Boden stampfen, sondern dazu muß der r e ch t e, t a t k r ä f. tige Wille schon vorher vorhanden sein.

Tie Willensrichtung im Leben sollt: so ge«. stattet fein, daß wir auf dem Todes bett sie nicht zu ändern brauchen. Dann können wir für nufer Begräbnis den Hinterbliebenen ruhig freie Hand lassen.