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A.parzeller ix Fulda. wochenkilae«! Illustrierte Sonntagrzeitung"
39. Jahrgang.
Fulda, Samstag den 21. September 1912.
Erstes Blatt
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X Der gedämpfte Parteitag.
<ra6 vrr sozialdemokratische Parteitag inCdemnitz das Stichwahl' Abkommen mit der Fort- leb ritSpartei und damit auch b.e vielbesprochen« Tan'p ung" der eigenen Agitation gebilligt hat, ivirö in einigen Blättern als ein überraschendes Ereignis gewertet. Aber wer konnte denn von diesem Parteitage euren Widerspruch gegen die Dämpfung erwartend Die Vorstellung auf der ChemnitzerBühr» stand ja von Anfang an vollstän- big unter dem Zeichen der Dämpfung, der schlau beregneten zurückhaltenden Taktik. Man marschierte bei gedämpfter Trommel Klang. Die Parole war: .Ruhe ist die erste Umstürrlerpflicht. Wir wollen es vorläufig einmal mit der Bündnls- sähigkeit versuchen und deshalb alles vermeiden, was unsere UnkSliberalen Schleppenträger abschrecken tonnte.'
Man wollte einig und anständig erscheinen. Daher wurden alle ernsten Kraftproben zwischen den verschiedenen Richtungen sorgsam vermieden. Mu dem Göppinger SiteüiaU setz'e die Taktik schon ein. Der alle Bebet erklärte k^e Streitfrage für minderwertig, die sich entgegentlehenden Anträge wurden einer nach dem andern zurückgezogen, die Sache war erledigt, indem sie in den Hintergrund geschoben war. * Bei dem Streit über ote Sonderkonferenzen flebte man aus den Riß eine Resolution, die von den einen als frommer Wunsch, von den anderen als fülltet Befehl gedeutet, aber gerade wegen dieser Unklarheit mit überwältigender Mehrheit angenommen wurde. 'Auch die Beschluß,afsung über d-.e Zusammensetzung der oberen Parteibehörden roar eine gedämpfte Halbheit.
Eines aber trat ungedämpft und unentschlcieri an das Tagesti bk: der Haß gegen das Zen trum. Tas eort und freut uns. Di« Zentrums- Partei wird durch einen noch größeren Haß ausgezeichnet, als die konservative Partei. Wenn im Verhältnis dazu die nationalliberale Partei gnädig behandelt wird, so tut uns das in ihrem Interesse leid. Dem Zentrum wurde gesagt, daß man es freilich nicht vernichten könne, aber doch zersplittern wolle. Tas mag man wohl beachten rmd beherzigen an allen denjenigen Stellen, wo der Sinn für die Einheit und Geschlossenheit der Zentrumspartei in Versuchung geführt wird.
Was die Sozialdemokraten mit ihrer gegenwärtigen Dämpfung bezweckt, das ist leicht zu erkennen. Di« Hilfe der Linksliberalen, 6k bei den letzten Reichstagswahlen einen so glänzenden Mandatsgewinn vermittelte, will mau sich auch weiter sichern, und zwar zunächst sür die preußischen Landtagswahlen im nächsten Jahr. Bei dem Wahlkampfe in Preußen soll dieselbe Parot herrschen, wie bei den letzten Reichstagswahlen: Gegen den „schwarzblauen Block"! Da das Wahlversähren noch indirekt ist, so werden dort die Kompromisse mit den Lrnkslit>eralen eine noch größere Rolle fpieleu; bereits bei der (Sruennung der Wahlmänner wird man gegenseitige Unter- slützung anstreben. Wo man nicht von vornherein Die Mehrheit der Urwähler in der Hand hat, da wird geschachert und gedämpft werben. Die Sozialdemokratie g Hk mit erhöhter Zuversicht in den Wahlkampf, da die Teucrunz ihr als neues Agitauonsmiltel gilt und fie damit auch die srei- händlerstch und landwirtfchasisseindlich gerichteten L.beralen einzufaugen hofft.
Die Berliner ,Nationalzettung' versichert heute, von nationalliberater Seite werde man der Sozialdemokratie em Bündnis bei den Landtags- Wahlen nicht anbieien; aber nach dieser Hände- roafd img streckt das Blatt doch schnell wieder eine Hand der Sozialdemokratie entgegen, indem es den Sozialdemolrateu klar zu machen sucht, daß sie in allen Fällen, wo liberale Kandidaten gegen Zentrum und Konservativen in Stichwahl ständen, den Liberalen unterstützen müßten — „wenn ui# aus Siebe, daun aus Haß gegen den gememsamen Gegner." Wer so Stichwahlhilse erbettelt, der ist schon aus dem Wege, sie an anderer Stell« zu gewähren — „aus Haß gegen den gemeinjamen Gegner.*
Wir hoffen, daß die große Mehrheit der preußischen Nationalliberalen dem besagten Blatte an diesem Weg nicht folgt, und wollen an dieser Hoffnung auch festhalten, obschon in derselben ,Nationalz«itung' einige national!iberale Reichstigs- abgeordnete bereits di« Dämpfung von Chemnitz zur Verherrlichung der Großblockpolitik aus- beuten. Andere Nationalliberale, die dort zu Wort kommen, haben freilich etlannt und bekannt, was für jeden Unbefangenen auf der Hand liegt: Die Dämpfung ist ein taktisches Gaukelspiel, die Sozialdemokratie bteibt, was sie war: die Todfeindin «on Thron und Altar, Gejellschast und Vaterland!
Deutscher Reich.
» Berlin, 20. Sept. 1912. Der Kaiser hielt 4m Freitag Kritik ob üd-r den Verlauf der Flottenmanöver. Mittags 1.15 Uhr begann im Kasino zu Wilhelmshaven die Paradetafel für die Flotte bei dem Kaiser, zu der über 300 Einladungen ergangen waren. Der Kaffer trank im Verlaufe des M rhlcs auf die bei dem Manöver versammelten Streitkräfte. Nachmittags 3 Uhr reiste der Kaiser nach Wildpart ab. — Der Chef der Hochseeflotte Admiral v. Holtzendorff hat, ro;# gemeldet, den Schwarzen Adlerorden erhalten. Wie ein Berliner Blatt mitzuteilen weiß, fällt die Verleihung zeitlich mit der Bereitwilligkeit des Admirals zu- sammen, noch weiter an der Spitze der Hochseeflotte zu verbleiben. Admiral v. Holtzendorff soll auf Ermchen des Kaisers das Kommando über die Hoch- seeflotte erst rm Frühjahr oder im Herbst nächsten Jahres abgeben. Als Grund dafür wird angegeben, °°° J?” Gesundheitszustand des zum Nachiolger des Flottenchefs m Aussicht genommenen Offiziers, r *“ längeren und befähigsten Admiralen gehört, gegenwärtig zu wünschen
♦* Die Streiks im Jahre 1-11. Nach den jetzt endgiltig sestgestellten Zahlen betrug die Zahl der Streiks in Deutschland im Jahre 1911: 2566. Betroffen wurden 10 640 Betrieb« mit 694 860 Arbeitern. Erfolg hatten 497, keinen Erfolg 883; Streitobjekte waren meist Lohnforderungen. Preußen batte 1412, Sachsen 317, Bayern 260, Hamburg 101 Streiks 6-m Land ohne Streik- ist Mecklendurg-strelttz. In Preußen wiesen die meisten Streiks auf: Rheinland 207, Brandenburg 195, Berlin 187.
x «mtscntsetzung eines Lehrers. Ein« für die preußische Lehrerschaft wichtige Entscheidung ist von bei Königlichen Regierung in Magdeburg gefällt worden. Schon seit längerer Zest schwebte gegen den städtischen Bolksschullehrer Petzold ein Verfahren, das am 1. April d. I. zu seiner Suspendre- runa vom Amte geführt hatte. Dem Verfahren lag als" Anklaoepunkt nne Reihe von Artikeln, die Petzold veröffentlicht batte, sowie die Art, tote er den Religionsunterricht erteilte — er bekannte sich als Atheist —, zugrunde. Die Verhandlung fand vor dem Plenum der Regierung statt und wurde von dem Regierungspräsidenten von Hegel gekettet. DaS Uitett lautete auf Amtsentsetzung. Die Amtsent- schung ist die schwerste Strafe, die verhängt werden kann; mit ihr ist auch der Verlust der Peufion verbunden.
• Zum Kapitel der Parität ht Oberschlesien, liefert der Oberschlesische Kurier (Nr. 205) einen interessanten Beitrag, indem v dem Lublinitzer Kreisblatt, dem Amtsblatt dieses überwiegend katho- lischen Kreises, folgende Bekanntmachung entnimmt:
Lublimtz, 21. August 1912.
Hauskollekten. Im Monat September er. werben Hauskollekten im hiesigen Kreise abgehalten werden und zwar:
1. innerhalb bet zu den evangelischen Parochren Lublinitz. Mollna und LudwigSthal gehörigen Ort- schäften (Diözese Meiwitz) a. für das Lehmgrubener Diatonissen-Mutterhaus, b. zum Besten des Schlesischen Herbergsverbandes in Liegnitz;
2. innerhalb der zu der evangelischen Parochie Guttentag gehörigen Ortschaften (Diözese Kreuzburg) zum Besten der Schlesischen Provinzialverwallung für Innere Mission in Liegnitz;
3. im ganzen Kreise für das Kloster zum guten Hirten in Katern bei Breslau. — Die Einsammlung der uitter Ziffer 1 aufgeführten Kollekten erfolgt ohne Unterschied auf das Glaubensbekenntnis, die unter Ziffer 2 aufgeführte vorzugsweise bei Evangelischen, doch ist die Sammlung bei Katholiken nicht verboten; die letzte nur bei Katholiken. Der Königliche Landrat. von Thaer.
Der Oberschlesische .Kurier macht mit Recht auf« merksam auf die „musterhafte Abstufung" bei diesen Kollekten: 1. Für das protestantische Diako- niffenhaus in Breslau soll bei beiden Konfessionen gesammelt werden. 2. Für die protestantische ^Innere Miffion", die lediglich protestanttschen Pro- pagaudazwecken dient, soll bei Protestanten, dar aber auch bei Katholiken gesammelt werden. 3. Für das kacholische Kloster zum guten Hirten, eine lediglich charttative Einrichtung, soll nur bei Katholiken und nicht bei Protestanten gesammelt werden. War- um denn diese ungleiche Behandlung? Warum sollet! denn die Protestanten nicht auch beisteuern dürfen zu der Sammlung für baS Kloster zum guten Hirten, das doch charitative Zwecke verfolgt, während für eine der Ausbreitung des Protestantismus dienenden Institution, wie es die Innere Miffion ist, auch bei den Katholiken der Klingelbeutel hernm- gereicht werden darf? Und das in einem über» wiegend katholischen Kreise!
cf München, 12. Sept. 1912. In der heutigen Sitzung der bayerischen Abgeordnetenkammer wurde das Verhalten der R e g i er u n g gegen die Sozialdemokratie zur Sprache gebracht. Der sozialdemokratische Abg. Roßhaupter beklagte sich darüber, daß em Mitglied des Südveut- schen Eisenbahnerverbandes nicht Beamter geworden sei, und sprach dabei von Schnüffelsystem. Berkehrs- minister v. S e i d l e i u ging am Schluffe einer langen Rede auf die Sache ein und bemerkte, an den zwei Gnmdsätzen der früheren Regierung: Angehörige der Sozialdemokratie könnten nicht Beamte werden, und es sei allen Bestrebungen, mit denen di: Gefahr eines Streiksverbuuden sei, entgegenzutreten, halte auch die jetzige Regierung fest. Der Minister nahm genau dieselbe Stellung ein wie sein Vorgänger, Berkehrsminister von Fraucndorffer, über dessen Konflikt mit dem Zentrum es in derselben Sache zur Landtagsauflösnng und dann zum Sturz des Winisterinms v. Podcwils in Bayern gekommen ist. Minister von Seid lein betonte nachdrücklich, daß den Eiseubahnarbettern das Streikrecht versagt bleibe. Zweifellos träten im süddeutschen Eisenvah- nervcrband sozialdemokratische Bestrebungen zutage. Auf Grttnd des Beamtengesetzes, wie es das Zm- trttnt wolle, könne indes die Frage nicht entschieden werden, ob der süddeutsche Eismbahnerverband ein politisches Gebilde sei und ob man den Beitritt dazu den Beamten verbieten könne. Auch heut: müffe er als Minister erklären, ob frei- oder christlich- od'r sonst gewerkschaftlich, jede Organisation könne bei der Verkchrsverwalttmg darauf rechnen, solange keine Schwierigkeiten zu bekommen, als sie auf gesetzlich?m Boden bliebe.
teil lautete auf Dienstentlassung; eine straf- rechtliche Verfolgung wird nicht eintreten. — Unter Anführung des Grafen Michael Karoly begeben sich 60 oppofitionelle Abgeordnete nach Wien, wo sie an den Beratungen der D e l e g a t i o» neu — d. h. der Körperschaft, welche die Oesterreich und Ungarn gemeinsamen Aufgaben berät und über i» beschließt — als Zuhörer teiluehmen und je nach den Umständen versuchen werden, den Gang der Verhandlungen zu stören oder zu verhindern. In- olgedeffen beabsichtigt die ungarische Regierung, 100 Polizisten zu den Delegationsberatungen »ach Wien $u senden, allerdings nur in Zivil.
Berdvt des Luftkrieges. Dt« In ter pari a- mentarische Konferenz, die jurjeit in Genf tagt, beschäftigte sich gestern mit einem Antrag Beernaert betr. das Verbot des Luftkrieges. Der französische Friedensapostel Gral d'Estourneües de Constan bekämpfte den Antrag energisch, während die Vertreter aller anderen Länder, auch die Englands und Deutschlands, das Verbot befürworteten. Der Antrag wurde schließlich mit großer Mehrheit angenommen. — Wenn bie »Weltfriedensleute" ihre Beschlüsse in die Tat umsetzen könnten, wäre der Krieg schon längst abgeschafft. So aber fragt sich, ob die Völker im Ernstfälle sich um das »Verbot de> Luftkrieges" überhaupt kümmern. Das wttd ihnen gar nicht einfallen.
♦♦ Den Feldzug gegen deutsche Firmen, li.* Waren in Frankreich abfetzen, setzt der,Matiu' fort, indem er die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft in Berlin heftig an greift. U. a. behauptet er, der 1 irettor der A. E.»G., Walter Ratheuau, habe in seinen Büchen zahllose Frankreich feindliche Artikel geschrieben. — Hier ist er im Irrtum, denn der Schriftsteller Watter Rathenau ist nicht derselbe wie der Direktor der A. E.»Ä., Emil Rathenau.
♦♦ Tas Wiedererstalken der Katholiken in Frankreich. Der Erzbischof von Paris, Kardinal Amette, äußerte sich gelegentlich einer Unterredung in Wien über das Wtedererwachen des religiösen Lebens in Frankreich:
In ganz Frankreich machen sich Symptone einer mächtigen Wiedererhebung bei religiösen LedenS bemerkbar. In Paris z. B. entstehen überall in den Arbeitervierteln Kirchen und Patroru^en. Diese neuen katholischen Einrichtungen sind nur die äußeren Folgen einer erfreulichen religiösen Betätigung. Zu Zetten des Konkordates sagte man uns: „Ihr lebt, weil der Staat euch unterstützt I" Nun hat die Regie- t Ng uns nicht nur die staatliche Unterstützung entzogen, sondern der Staat hat uns die Kirchevgüter, die den Kultuskongregalionen gehörten, weggenommen. Trotz alledem leben wir; trotz alledem fühlen wir uns stärker — weil kompakter — denn je, wir schließen uns noch enger mtt dem Volke zusammen. Unser Apostolat ist schwer; mir arbeiten im stillen, aber emsig, unaufhörlich, und ich darf wohl sagen, selbstlos zum Heil und Wohle deS französischen Volkes. Eines »ertennt man an manchen Stellen im Au-Iande. Man wirst uns vor, wir seien nur Theoretiker. Mit Unrecht. Das Volk kennt uns noch nicht überall ausreichend, wir muffen es aut klären, unterrichten, ihm uähertreten, wir muffen die g oßen Maffen überzeugen, daß rott die wahren, uneigennützigen Freunde des Volkes find. Die- lenigen maßgebenden Faktoren, denen das Wohl Frankreichs wirtlich am Herzen liegt — auch solche, die nicht untere religiösen Anschauungen teilen —, sind von der Ersprießlich leit und Nokwendigkett der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mtt dem Vatikan überzeugt. Ob aber die Regierung den Mut — oder besser gesagt — die Straft haben wird, diesen Plan zu verwirklichen, iftjeine andere Frage.
♦* Türkei. Die Nachrichten von der montenegrinischen Grenz« lauten beunruhigend. Bei Zusammenstößen der Truppen mit den Mattstoren, unter denen sich angeblich zahlreiche Montenegriner befinden, wurden 25 Soldaten getötet und 85 verletzt. Von den Aufständischen sollen 118 gefallen und 97 verwundet worden sein. Die Regierung hat sich zu energischen Maßregeln entschlossen. Drei Bataillone gingen in das Aufstandsgebiet ab. Drei weitere folgen. — Tas armenische Blatt,Luffarzag" bringt die Nachricht, in Akchi Tscheledi (Wila- jet Adrianopel) sei in der dortigen Mosche« gestern cm« Bombe explodiert. FÜnf^ig Per- fönen sollen getötet, zwanzig verletzt sein. An offiziellen Stellen ist »och nichts darüber bekannt.
Berbandstag der mittleren Postbeamten.
• Berlin, 20. Sept. 1912. In der Schlußsitzung wurde nach der Entlastung des Verbandsvorstandes der Haushaltsplan für das neue Jahr beraten. Ein- stimmig erkannte der Verbandstag an, daß die Ent- ziehung der O st m a r k e n z u l a g e, die in”ben Ostprovinzen beschäftigten Postbeamten sehr hart und unverschuldet trifft. Der Berbandstag bittet die Reichsregierung, Maßnahmen zur Entschädigung dieser Beamten zu treffen. Der Verbandsvorstand soll ferner erwägen, inwieweit es angezcigt ist, die Bestrebungen der Altpensionäre um ihre Besserstellung zu unterstützen. Eine besondere Sorge bildet endlich für den Verband die durch die letzte Gehaltsreform eingetretene Schädigung der A s s i st e n t e u k l a s s e.
Sozialdemokratischer Parteitag.
** Chemnitz, 20. Sept. 1912.
Ausland.
** Di« Vorgänge im ungarische« Abveordneien- hause Baben sieben Duellforderungen zur" Folge gebubt. Zwei Duelle sind bereits ausgetragen, Blut ist habet nicht geflossen. — Von den an den Str a- ßenkratoall rn beteiligten Personen wurden be- retts 59 wegen Widersetzlichkeit, Beleidigung der Polizei oder wegen verbotenen Waffentragens zu Geldstrafen von zehn bis achtzig Kronen verurteilt. Gestern hatte sich auch der Polizist Bolyak wegen Gehorsamsverweigerung vor dem Diszi- fsiinargerichtshos zu verantworten . Bolyak hatte sich bekanntlich geweigert, item ihm «teilten Befehl, gegen die oppositionellen Abgeordneten im Paria- tveuisgebäudr vorzugehen. nachzukommeu^ Das^Ur-
Der Parteitag führte heute die Debatte über den Bericht der 9fre ichstagsfraktion zu Ende. In seinem Schlußwort kam Abg. Stadthagen noch einmal mit der größten Ausführlichkeit auf die Frage bet Sonderkonferenzen zu sprechen und ersuchte den Antrag Sindermann und die Ausführungen Bebels dahin auszulegen, daß auch in Zukunft Sonderteu- ferenzen nötig fein würden, falls sie nicht crganifa> torischen Charakter trügen, sondern unverbindliche Aussprachen blieben. Der Parteivorsitzeude Haase stellte durch Verlesen der Rede Bebels fest, daß sich Bebel gegen die Sonderkonferenzen überhaupt erklärt habe. Auch der Antragsteller Sindermann erklärte, daß sein Antrag zum Ausdruck bringen wolle, daß Son- derkonferenzen überhaupt unterblieben.
Dr. Frank-Mannheim trat auf die Seite Emderin anus, dessen Antrag eine Kundgebung gegen jede Sonderkonferenz fein wolle.
ES kam nunmehr zur Abstimmung über die ttexschiedenen vorliegenden Anträge, Ein Antrag aus
Schutz gegen Arbeitswillige wurde einstimmig angenommen ; ferner da» Tadelsvotum gegen Dr. Landsberg. Auch der Antrag Sindermann, über alle Anträge betreffend die Sonderkonferenzen zur ordnung überzugehen, wurde angenommen. Dagegen war nur Ledebour mtt vier unentwegten Genoss«. Der Antrag auf Verbot von Doppelmandataren wurde abgelehnt. Dagegen wurde ein Antrag, Propaganda gegen die Todesstrafe zu machen, angenommen.
An der Hand einer langen ParteivorstandS-Rej*> lution erstattet dann Haase ein Referat über den Imperialismus. fein Auszug au» der Resolut«« gibt den Gedanken de» Referates wieder. .Di« Ge- aljr eine» verheerenden Weltkriege» wird verschärft >urch die schamlose Hetze der» Magnaten und Junker die an der Lieferung von Kriegsmaterial, an der Bev« grötzerung des Beamtenapparate» und der leitend« Stellen im Heer und Marine ein besondere» Interesse haben. Die bürgerlichen Parteien find durchweg in da» Bann de» Imperialismus geraten, die Sozialdenu» fratie dagegen bekämpft auf da» entschiedenste imperialistische und chauvinistische Bestrebungen nnA pflegt dagegen mtt aller Entschiedenheit die internationale Solidarität des Proletariats. Der Parteito» verlangt, daß im Wege internationaler Vereinbarun, gen dem Wetttüsten ein Ende gemacht wird und ßow i>ert an Stelle beutegieriger feroberungspoltkst die Freiheit de» Weltverkehr» und die Beseittgun, de» Schutzzollsystems." Der Vortragende bezeichnet e» «W erste Pflicht zur Bekämpfung de» Imperialismus, de» Kapitalismus niederzuringen. »Wir werden e» tun, wir werden ihn nieberringen, und dann wird herrschen Friede, Freiheit, Selbständigkeit und Wohlfahrt alle» Völker." ES gab darauf eine ziemlich lederne Debatte, die im Saal der größten Unaufmerksamkeit begegnet* Schließlich machte man der Rederiff durch ettmG Schlußantrag ein Ende. Der Imperialismus wurdn endgültig totgeschlagen, indem man die Partetvon» ftaudsresolution mit allen gegen drei Stimmen «W nahm.
Hierauf sprach Pannekoek über die Mntn fei er. Seine Ausführungen klingen sehr refigiüMti Man feiert so gut und so schlecht e» eben geht.
man stöhnt unter den tausend Schwierigketten, die «E zu überwinden gibt. Der einzige Lichtblick in diesen» grauen Elend ist, daß im nächsten Jahre die Maififf« auf den Himmelfahrtstag fällt. Da soll die Wett ein» Maifeier erleben! Einstweilen freilich hat man we allerhand Sorgen. Insbesondere wird von allen Cew ten gegen diejenige Bestimmung de» Nürnberger schlusses Sturm gelaufen, wonach jeder, der 1. Mai nicht zu arbeiten braucht, ohne oabei eine Ww. büße an seinem Arbeitsverdienst zu erleiden, nlsch insbesondere die in Partei- und gewerkschaftlichen trieben Beschäftigten, ihren Tagesverdienst ab!tefexW sollen. Dieser Beschluß hat in der Partei zu zahll^ch Unzuträglichkeiten geführt und Pfannkuch läßt deutuckj durchblicken, daß der Parteivorstand gegen seine A«M Hebung nichts einzuwenden habe. ®ie_ AbstimmunU über den Antrag auf Aufhebung des Nürnberger schlusse» ist namentlich und ergibt bei zwei Stimme», enthaltungen seine Annahme mit 272 gegen Sf Stimmen.
Inzwischen ist ein Antrag eingegaugen, den Nürnberger Beschluß auf die Angestellten in Partei» «* gewerkschaftlichen Betrieben zu beschränken. Nach ei»«» erregten Geichästsordnungsdebatte wird der Antrag ins anderer Fassung etngebracht aber auch so beanstandet. Jnzwüchen ift ein neues Amendement zu diesem Untre» ein gegangen, die Verpflichtung auszudehnen auch »q die Angestellten der Genossenschaften und Krank«» taffen. (Große Unruhe.) Der Tumult erreich/ feinen Höhepunkt, als Noske mitteilt, daß mm ein dritter Antrag eingelaufen sei, des Wortlaut»: Mff Parteigenossen, Die ohne Abzug des Verdienstes »bN Gehaltes den 1. Mai feiern können, haben de» LohU für einen Tag adzusühren. Der Antrag würde nichtU weiter bedeuten, als die Wiederherstellung des foewe in namentlicher Abstimmung aufgehobene» Nürnberg» Beschisses und entfesselt daher eine» Sturm bei W iderspruches. Noske will, wie er selbst sagt, M Komödie der Irrungen ein Ende machen und »tat Abstimmung darüber herbeiführen, ob überhaupt »»ch einer der drei Anträge zur Abstimmung gebracht »Mrbal soll. (Zuruf; Faustrecht.) Doch scheitert auch di»Ws Versuch an dem stürmijchen Widerspruch der Mehrhett» Endlich geht in dem tollen Durcheinander noch 'Antrag em, den Antrag Giebel dem nächsten PartettnG zu überreichen. Ehe noch jemand recht Zett hat, Widenz ivruch zu e-heben, proklamiert Noske diesen Antrag oll angenommen, und der Parteitag akzeptiert da» schlich« tich. Lstan macht gute Miene zum bösen Spiel »w» bricht in ein herzliche» Lachen au». Damit ist bfp Svelralel und die Sitzung zu Ende. „
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Aus Mche und Schule.
* Limburg, 20. Sept. 1912. Bischof oo» Limburg, Dr. Willi, der zurzeit im Redemp? wriftenkioster in Geistingen weilt, wurde nm Do» ncrelag von einet Herzaffektion befallen.
Bischof ließ sich abends die Sterdefakratnenle reich«. Am Freilag hat sich das Befinden des Bischofs ge bessert.
totales.
Fulda, den 21. September 1912.
* Versetzt wurde Amtegerichtsrat Rübsa« (früher m Fulda) zum 1. Oktober von Esch weg» nach Ralingen bei Düss.idorf.
(*) Verein „VolMesehaüe". Rach einer halb- jährigen Pause beginnt am 29. d. Mts. toieder eine Reihe von Volksbildungsabendcn. Wie sehr die? Vollsbildungsabende einem Bedürfnis weitere« Kreise nach billiger aber guter Belehrung und Unterhaltung entsprechen, beweist am besten der zahl-, reiche Besuch, de» sie auftveisen Mit sehr seltenes Ausnahmen war der große Tiadtsaal itnmer dis auf das letzte Plätzchen besetzt und wer einen Sitzplatz habe» wollte, er kostet gerade soviel wie ein Sich« platz, durfte nicht spät kommen. Dem Berem porw neu wir diesen Erfolg und wünschen ihm einen solq chen auch sür die Abende in der kommmden Wim, tersaison. Der Verein beabsichtigt die Beranstaltuug von sieben Abenden. Für sechs Abende stehen Vorträge schon fest, der siebente Abend ist »och frei. Die angesetzten Vorträge haben 511m stände: 'Deutschlands Deetttteresfen und Schutzb« dürsnis Di- Verkehrswesen: Post und Eisenbahn Erlebnisse einesUeußiLchen^OjfttierS ie Ehma, U»